Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 10. Dezember 2018

Jordan Peterson - 12 Rules for Life

Auf Jordan Peterson bin ich erst in diesem Jahr auf Youtube aufmerksam geworden. Dieser kanadische Psychologieprofessor teilt einen Großteil seiner Vorlesungen als Video. Was ihn interessant macht, ist eine große Mühe um fachliche Redlichkeit, sowie seine Fähigkeit, über Fach-Grenzen hinweg zu denken. Seine gedanklichen Ausflüge berühren politische Themen, Fragen der Lebensführung und die Schnittstellen von Biologie und Psychologie. Kürzlich teilte ich eines dieser Videos in einer riesigen Improtheater-Gruppe auf Facebook. Das Thema war eigentlich, wann man von Kunst leben könne und wann nicht. Nicht besonders kontrovers, aber für Künstler eben doch interessant, so glaubte ich. Der Sturm der Entrüstung war ungeheuer. Niemand der Kommentatoren ging auf den Inhalt des Videos ein. Vielmehr entrüsteten sie sich darüber, dass ich überhaupt etwas von Peterson gepostet hatte, einem Rechtsradikalen, so die scheinbar konsensuale Meinung. Ich war völlig perplex. Zwar war mir bewusst, dass Peterson wegen seiner anti-ideologischen Haltung zum Thema freie Meinungsäußerung und Gender Studies unter einigen Linken nicht besonders beliebt ist. Aber rechtsradikal? Viele seiner Vorträge attackieren politische Extremismen. Und so konnten oder wollten meine Kritiker auch auf keine Äußerung – sei sie schriftlich oder mündlich erfolgt – , die Petersons angeblichen Rechstradikalismus belegen könnte, verlinken. Stattdessen verwies man mich auf ideologische „Analysen“ Dritter. Interessant war, dass zwei meiner kanadischen „Facebook-Friends“ ich aus ihrer Freundesliste strichen, dafür aber fünf andere mir über Privatnachricht zu meinem „Mut“ gratulierten. Ich selber hatte das Posten des Videos gar nicht als mutig empfunden. Aber niemand von meinen Lobern hatte selbst den Mut, mich öffentlich in diesem Forum zu verteidigen. Zu sehr war das Gelände vermint, zu hoch die möglichen Kosten des Verlustes sozialen Prestiges. Die Auseinandersetzung um politische Korrektheit in Nordamerika hat inzwischen Formen angenommen, in denen es nicht mehr nur um Sprachregulierung geht, sondern um die Frage, ob man überhaupt noch kontrovers diskutieren kann. (Dabei war mir, wie gesagt, in diesem konkreten Fall nicht einmal an einer Kontroverse gelegen.) Das Gegenüber wird für nicht satisfaktionsfähig erklärt. Man ist sexistisch, rassistisch oder sonst irgendwie -istisch. Oder man hat, da man männlich ist oder „weiß“ oder sonst irgendeiner angeblich privilegierten Sozialkohorte angehört, sowieso nichts zu melden, da man strukturell verblendet sei. Diese Etikettierung hat für den, der sie vornimmt, den Vorteil, dass man sich nicht mit den Argumenten des Gegenübers auseinandersetzen muss. Bei dieser Form des Streitens beginnt man zu verstehen, wie tief die politischen Gräben in den USA wirklich sind. Als Ostdeutschem kommt mir diese Art der Schein-Argumentation natürlich bekannt vor: Wer nicht unsere Linie vertritt, ist klassenmäßig verblendet. (Im Stalin- oder Pol-Pot-System gehören diese Personen dann auch konsequenterweise ausgerottet.)
Auf diese Weise sichern sich linke Sozialwissenschaftler/innen und ihre studentische Gefolgschaft ihre liebgewordenen Dogmen ab. Und nebenbei korrumpieren sie ihre eigene Wissenschaft: Statt kritisch die Ergebnisse der eigenen Forschung zu betrachten, gilt nur noch das, was die eigenen Annahmen bestätigt. Die Soziologie fällt in diesen Bereichen auf den Stand der mittelalterlichen Scholastik zurück: Es gibt keine neuen Erkenntnisse mehr, man kann das einmal als wahr erkannte nur noch auf immer wieder neue Art bestätigen. Das trifft natürlich vor allem auf die wohl politischste Disziplin der Sozialwissenschaften zu – die Gender Studies, die sich in ihren Annahmen eines Vulgär-Konstruktivismus verbarrikadieren. Wissenschaftliche Ergebnisse aus anderen Bereichen der Soziologie, der Psychologie oder der Biologie, die diesen Annahmen widersprechen, werden geleugnet oder einfach nicht zur Kenntnis genommen. Und an dieser Stelle reichen die linken Ideologen unwissentlich den rechten die Hand: Fakten zählen nicht. Es geht nur darum, ob du für oder gegen uns bist – das postfaktische Zeitalter.
Und so öffnete ich das Buch „12 Rules for Life“ von Jordan Peterson, der letztlich der Auslöser für diese ernüchternde Erfahrung war.
Die meisten der zwölf Regeln, die uns Peterson nahelegt, kann man oberflächlich gesehen, als neu formulierte Binsenweisheiten betrachten. Was also hat er uns darüber hinaus zu sagen? Petersons Idealleser ist wohl ein westlicher halb-säkularisierter junger Mensch, der Orientierung sucht, weil die Postmoderne zum Anything-goes neigt und Orientierung dadurch verweigert, dass sie die Rebellion und die Infragestellung jedes Ordnungssystems präferiert. Insofern hat das Buch durchaus eine konservative Note. Aber es wäre zu einfach, die „12 Rules“ als Anker für verlorene Konservative abzutun. Dafür ist es erstens zu modern und zweitens sind darin viel zu viele progressive Ostereier versteckt.
Peterson balanciert immer wieder aus: Regel Fünf etwa lautet: „Lass deine Kinder nichts tun, was dazu führen würde, dass du sie nicht mehr magst.“ Diese Anweisung richtet sich an Eltern, die ihre Kinder einfach machen lassen. Sie fürchten sich, Grenzen zu setzen, da das dem Kind schaden würde. Es sind diese Kinder, die es im Alter von vier Jahren noch nicht gelernt haben, dass man auf Spielplätzen die Buddelschippe des anderen Kinds nicht einfach stiehlt, dass man nicht schlägt oder tritt. Diese Kinder erfahren nicht, was es bedeutet, mit sozialen Grenzen umzugehen, sie verwahrlosen. Die Grenzen schlagen dann umso stärker in der Pubertät auf sie ein, wenn die verzweifelten Eltern plötzlich bemerken, dass das Kind dabei ist, delinquent oder süchtig zu werden. Oft sind es dieselben Eltern, die ihr Kind übermäßig beschützen: Sie tun alles, damit es sich bloß nicht wehtut. Peterson fordert hier ein Umdenken. Setze dem Kind so wenig Grenzen wie möglich, aber so viele wie nötig. Diese Grenzen betreffen die körperliche Unversehrtheit des Kindes selbst aber auch die anderer Personen und deren Eigentum. Und diese Regel korrespondiert wiederum mit der Regel Nummer 11: „Stör die Kinder nicht beim Skateboardfahren“. Das heißt, lass sie Gefahren erleben und selbst austarieren. Gib ihnen die Freiheit des Spiels und die nötige Freiheit, um selbst Verantwortung zu übernehmen.
Aber so recht kann ich mich für Petersons Buch dann doch nicht begeistern. Seine Begleit-Storys geraten viel zu lang. Sie sollen wohl einen Punkt verdeutlichen, aber letztlich verdunkeln sie oft nur, was Peterson zu sagen hat. Außerdem hat Peterson eine von seinen Vorbildern Freud und Jung übernommene epistemologische Schwäche – die Mythologie. Die Mythen, von Kain und Abel bis zu Pinocchio, dienen ihm nicht nur zur anschaulichen Illustration seiner ethischen Argumente, sie geraten ihm teilweise zur Quelle oder gar zum Beleg eines Arguments. (Diese Art des Argumentierens legt nahe, wie stark Peterson um seinen christlichen Glauben ringt.) Es bedarf genauen Lesens, um hier die Spreu vom Weizen zu trennen.
Sein stärkstes Kapitel ist für mich „Bring dein Haus in Ordnung, bevor du die Welt kritisierst.“ Es befasst sich mit dem mörderischen Nihilismus, der aus der moralischen Orientierungslosigkeit geboren wird. Die nordamerikanischen Schulmassaker stehen hier in einer Reihe mit den riesigen Gräueln des 20. Jahrhunderts. Wie kann man angesichts der haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die einem selbst und anderen Menschen widerfahren, nicht an der Menschheit oder seinem Gott zweifeln. Kains Früchte werden von Gott verschmäht. Er weiß nicht warum, und mit seinem Brudermord tötet er nicht nur das, was er liebt, sondern er bestraft Gott – sprich die Existenz selbst. „Bring dein Haus in Ordnung“ ist daher metaphorisch als auch konkret zu verstehen: Bring Ordnung in deine Gedankenwelt, in die Welt deiner Normen und Mitmenschlichkeit, aber schaffe auch Ordnung in deiner ganz konkreten Umgebung. Finde Freude an dem, was dich umgibt. Lerne, das Unperfekte der geordneten Welt zu schätzen, bevor zu dich anschickst, sie zu kritisieren.

Dienstag, 2. Oktober 2018

Deutsche Demokratische Lektionen

An meinem ersten Poetry Slam nahm ich mit neun Jahren teil. 1978 in der DDR. Um sich zum „Rezitatorenwettstreit“ der Schule zu qualifizieren, mussten erst mal zwei von unserer Lehrerin ausgesuchte Schüler ein Gedicht vortragen. Ich weiß nicht, woher ihre Laune kam, aber Frau Held entschied 1978, die Klasse über den besten Rezitator abstimmen zu lassen. Den Kindern waren die Gedichte piepegal. Und daher ich ging mit achtzig Prozent der Stimmen als Sieger hervor, da ich in der Klasse mehr Verbündete hatte als Anke. Doch nun geschah etwas Seltsames. Frau Held meinte, das sei ja alles schön und gut, aber besser vorgetragen habe ja nun mal Anke, die somit qualifiziert sei. Das war eine meiner wichtigsten Lektionen in Sachen Demokratie – nämlich, dass sie in der DDR nur eine ornamentale Floskel war.
An diese Episode musste ich denken, als ich vom Poetry Slam in Speyer las. Unter dem Motto „Zivilcourage“ sollten Jugendliche Texte vortragen, und man erhoffte sich einen Wir-sind-mehr-Gänsehaut-Effekt. Der Schuss ging nur leider nach hinten los, denn eine Teilnehmerin, die Tochter einer AfD-Bundestags-Abgeordneten begann mit: „Multikulti-Tralala, hurra die ganze Welt ist da“. Sie kam in die zweite Runde und legte nach mit „Der Neger ist kein Neger mehr“. Die Lösungen der Veranstalter für dieses Dilemma: Erst wird der Lautsprecher abgeschaltet. Dann wird sie von der Veranstaltung ausgeschlossen, da sie provozieren wolle und ihre Texte nichts mit dem Thema zu tun gehabt hätten.
Man mache sich nichts vor: Dieser Poetry Slam hatte nicht nur den Zweck, das Wir-sind-mehr-Kuschel-Gefühl herzustellen, sondern er war pädagogisch gemeint: Steht auf und zeigt Zivil-Courage. Was aber haben die vierzehnjährige Ida-Marie Müller und ihre Freundinnen bei dieser Veranstaltung gelernt? Genau das, was ihnen ihre Eltern wahrscheinlich andauernd predigen: Dass die Demokratie in Deutschland eine Farce sei bzw. von den Linken nur instrumentell eingesetzt würde. Dass Dissens nicht erwünscht ist. Dass die, die wirklich mutig sind und gegen eine Mehrheit stellen, selbst auf einer Veranstaltung, die sich Courage zum Thema macht, ausgegrenzt werden.
Und so widerwärtig die Gedichte sein mögen: Entweder du spielst Demokratie und Poetry Slam oder du spielst Diktatur, so wie Frau Held 1978 und gibst den AfD-Anhängern indirekt Recht.

Sonntag, 11. März 2018

Stalin - Waiting For Hitler


„Stalin. Waiting For Hitler“ ist für sich genommen schon ein ungeheures Werk. 900 eng bedruckte Seiten plus einem 200 Seiten umfassenden Anhang in einer Schriftgröße, die eigentlich niemand mehr lesen kann. (Im Normaldruck würde der Umfang des Buchs sich wohl noch mal verdoppeln.) Vier Minuten habe ich pro Seite gebraucht. Dabei war das Historiker-Englisch nicht einmal das Problem. Aber konnte ich es nicht lassen, den einen oder anderen Character doch noch intensiver in der Wikipedia zu studieren. Vier Monate habe ich mir Zeit gelassen (mit einer Handvoll belletristischer Verschnaufpausen, wenn es gar zu düster wurde).
Und dabei ist dies nur der zweite Teil der umfangreichsten Stalin-Biographie, die je geschrieben wurde. (Und es ist nicht anzunehmen, dass sich noch einmal jemand diese Fleißarbeit aufbürdet.)
Im ersten Teil sahen wir, wie sich ein junger, ideologisch beseelter Mann in den Tumulten seiner Zeit im Zentrum einer Großmacht wiederfindet. Stalin weiß seine Macht zu nutzen, aber sie ist ihm nicht, wie es der populäre Mythos will, Selbstzweck. Er nutzt sie aus, weil er durch und durch Kommunist ist.
Der zweite Band beginnt mit der schonungslosen Durchsetzung der landwirtschaftlichen Kollektivierung in der Sowjetunion. Kotkin zeigt, dass wenn Stalin wirklich nur der zynische Machtmensch wäre, er dieses Unternehmen gar nicht eingegangen wäre. Denn nie wurde ein politischer Schritt mehr opponiert als diese radikale Verstaatlichung, die zu einer der größten Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts führte.
Die Folgen dieser Maßnahme sind noch nicht überwunden, da fällt sein Freund Kirow einem Attentat zum Opfer. (Kotkin beweist anhand der neu zugänglichen Dokumente, dass Stalin nicht der Drahtzieher dieses Anschlags war.) Aber ähnlich wie der Reichstagsbrand für Hitler nutzt Stalin die Gelegenheit aus, um alte Rechnungen zu begleichen. Es beginnen die Jahre des Terrors. Stalin schlägt erst links zu, dann rechts, dann im „Zentrum“. Es ist in den 30er Jahren in der Sowjetunion lebensgefährlich, ein Kommunist zu sein. Und je höher man in der Machtpyramide steht, umso unwahrscheinlicher ist es, dass man das Jahrzehnt überlebt. Vom alten Politbüro überlebt Stalin allein. Von den knapp 2.000 Delegierten des „Parteitags der Sieger“ überlebte nicht einmal die Hälfte. Es gab keine gesellschaftliche Sphäre, die der Terror unberührt ließ. Fabrikdirektoren wurden bei kleineren und größeren Problemen der Sabotage bezichtigt, vom Land fliehende Bauern erschoss man kurzerhand, das Militär erlitt kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs einen enormen Aderlass, ethnische Minderheiten wurden der Spionage beschuldigt, und schließlich wendete der Terror sich gegen die eigenen Bluthunde – der NKWD brachte seine eigenen Leute um, bis auch Jagoda und Jeschow hingerichtet wurden. Über allem schwebte der Geist Trotzkis. Dieser wäre ein völlig bedeutungsloser Intellektueller geblieben, hätte ich Stalin selbst nicht diese Wichtigkeit verliehen. Ein Trotzkist zu sein war in den 30er Jahren in der Sowjetunion ein schlimmeres Verbrechen als der Faschismus.
Kotkin theoretisiert redlicherweise kaum über das, was er nicht belegen kann. Und so bleiben auch Stalins Motive für dieses sinnlose Morden etwas im Unklaren, aber es zeichnen sich doch Konturen ab. Stalin wurde in einer Atmosphäre der Konspiration politisch sozialisiert. Die Partei selbst war konspirativ organisiert, und Russland war nach der Revolution von potentiellen Feinden umzingelt. Dazu gesellte sich bei Stalin eine Düsternis des Denkens, das noch verschärft wurde, seit sich seine Frau das Leben nahm.
Stalin hatte praktisch kaum noch ein Privatleben. Im Gegensatz zu Hitler (und erst Recht zu Mussolini regierte er wirklich und delegierte nicht nur). Er las Bücher und Massen an Dokumenten. Selbst in sein georgisches Urlaubsdomizil ließ er sich regelmäßig Unterlagen schicken und arbeitete praktisch pausenlos. Sein Gedächtnis war phänomenal. Auf jeden Gesprächspartner, ob Künstler, Diplomat oder Flugzeugkonstrukteur stellte er sich ein. Allerdings, und dies ist die Achillesferse des Systems, ließ Stalin kaum andere Sichtweisen zu. (Die einzige Ausnahme war Molotow.) So entwickelte sich die Parteidiktatur zum Despotismus. So konnte und wollte Stalin im Gefolge des Pakts mit Hitler nicht sehen, dass die Sowjetunion als nächstes angegriffen würde. Das weltweite Netzwerk an sowjetischen Spionen arbeitete unentwegt unter Einsatz des Lebens aller Beteiligten. Aber der, der die angemessenen Entscheidungen treffen konnte, hielt alles für Desinformation.
Kotkin schlägt, wie schon im ersten Band einen riesigen Bogen – die Ereignisse, von denen die Rede ist, haben teilweise kaum mehr mit Stalin direkt zu tun, sondern dienen eher dazu, sein Handeln und Denken einzuordnen. Darauf muss man sich einlassen. Belohnt wird man mit einer spannenden und analytisch präzisen Biographie.

Montag, 18. September 2017

Konstantin Simonow - Man wird nicht als Soldat geboren

Der zweite Teil der Trilogie umreißt die letzten Wochen des Kampfes um Stalingrad. Drei Hauptfiguren: General Serpilin, der inzwischen zum Bataillonskommandeur aufgestiegene Sinzow und die ehemalige Partisanin und Ärztin Tanja. Wie in „Die Lebenden und die Toten“ kreist Simonow auch hier um das Dilemma der Kämpfenden: Einerseits wollen sie die Heimat von den mörderischen Deutschen befreien, andererseits lauert eine ähnlich tödliche Gefahr im Rücken – die Gnadenlosigkeit des stalinistischen Systems, das zu bezeichnen für den Autor selbst heikel ist.
Und so ist der eigentliche Held des Romans für mich der Autor selbst, den man praktisch beim Schreiben beobachten kann, wie er sich dem schwierigen Thema des Stalinismus nähert. Sicherlich, der Roman wurde in der Tauwetterzeit veröffentlicht, aber auch wenn der Großteil der politischen Gefangenen entlassen wurde, so gab es die Lager ja immer noch. In „Die Lebenden und die Toten“ muss sich Sinzow dafür rechtfertigen, ohne Parteibuch aus dem Kessel gekommen zu sein, man hält ihn für einen Spion. Nun legt Simonow noch eine Kohle drauf:
- Das Gulagsystem wird angesprochen: Kolyma. Zwanzig Jahre Haft für Fleischdiebstahl. Serpilin, der wegen einer Denunziation verhaftet wurde.
- Stalins Mitschuld am Krieg durch den Kuschelkurs mit Hitler.
- Stalins Paranoia
- Das Denunziantentum, die Große Säuberung.
- Der brutale Befehl 227. (Strafbataillone, Sperrfeuer, „Kein Schritt zurück“-Befehl)
Simonow sichert sich auf der anderen Seite durch absolute Sowjet-Loyalität ab. Seine Helden sind durchweg tapfer und todesmutig. Wer nicht an der Front dienen will, sondern seine Arbeit als Adjutant in Moskau liebt, ist ein Lump. Und wer an der Front ist, aber vor lauter Angst eine etwas sicherere Stelle sucht, ist es ebenso. Selbst ein Arzt, der beim Betreten eines mit Leichen und Halbtoten gefüllten Gefangenenlagers einen Schock bekommt und sich nicht erheben kann, wird als Schwächling abgekanzelt. Der Finnland-Krieg wird nicht infrage gestellt, die Funktion der Polit-Stellvertreter auch nicht. Die Teilnahme an den Kämpfen im Bürgerkrieg ist eine Auszeichnung (dass man auf bolschewistischer Seite gekämpft hat, versteht sich von selbst).
Der Roman nimmt zirkulär immer wieder einige Topoi auf, z.B.
- Gewissen.
Gewissen ist einerseits Loyalität zur Sowjetunion. Andererseits heißt es auch, im richtigen Moment zur Menschlichkeit zu stehen und vor Höherstehenden nicht zu kuschen.
- Schlaf.
Niemand bekommt genug Schlaf im Krieg. Und oft sind sie, wenn sie endlich dürfen, zu aufgewühlt, um zu schlafen. Vor allem für die Romanhelden ist geradezu Verachtung für den Schlaf typisch, den sie erst gegen Ende des Romans (und der Schlacht) bekommen.
Stalin wird regelrecht eingekreist: Serpilins Freund inhaftierter bzw. ermordeter Freund hat „etwas gesagt, was Stalin nicht passte“. Vorgesetzte von Serpilin kommen aus langen nächtlichen Besprechungen mit Stalin. Je weiter wir im Roman voranschreiten, umso häufiger sind Gespräche über Stalin, seinen Charakter, seine Kungelei mit Hitler, aber auch die Unfähigkeit der Personen, auszusprechen, was sie eigentlich wissen: Man kann Stalin eigentlich nur noch ertragen, weil sonst die Gefahr bestünde, dass Russland in die Hände Hitlers fällt. Und dann wird Serpilin wegen seines mutigen Bittbriefes zum Gespräch mit Stalin geladen. Dieses Kapitel ist wohl das mutigste des Buchs. Wir erleben mit Serpilin den russischen Führer mit all seiner Intelligenz, seines Charismas und seiner Menschenverachtung. Aber Simonow geht sogar noch einen Schritt weiter. Noch im selben Kapitel wechseln wir auf Stalins Perspektive, und jetzt muss jeder Leser wissen: Alles, was bisher nur Andeutung oder Vermutung über Stalin war, ist wahr. Was Serpilin herausschreien will: „Genosse Stalin, klären Sie das alles auf, geben Sie den Befehl dazu! Alles, von Anfang an!“, zeigt letztlich auf einen einzigen Mann: Stalin selbst. Zitat Stalin, als Serpilin erwähnt, dass er 1941 im Lager war: „Da hast du dir die passende Zeit zum Sitzen ausgesucht.“
Weiteres:
- Die Schieber sind Gesindel, aber Simonow weiß, das Wodka als Tauschware in Ordnung ist.
- Ein Leutnantsleben währt an der Front durchschnittlich neuen Tage.
- Getreiderequirierungen rechtfertigt er.
- Makarenko wird im Lager gerechtfertigt
- Das Elend im Gefangenenlager habe er noch nicht gesehen, obwohl er im Lager war?
- Halbdreckige Wodkagläser werden in Moskau mit Papier ausgewischt.
Trotz der Figurenliste am Anfang der deutschen Ausgabe des Buchs kann ich viele nicht auseinanderhalten. Iljin und Pikin und Ptizyn, Kolokolnikow und Kusmitsch, Sacharow und Sawaschilin. Das ist natürlich ein altbekanntes Problem, wenn Westeuropäer sich russischen Romanen nähern, aber Simonow macht es einem auch nicht leicht: Die positiven Figuren (und das sind die genannten alle) sprechen im Prinzip alle gleich. Tapfer, sachlich, kaum einer sagt mehr als nötig. Man macht keine unnötigen Worte. Umgekehrt sind die Schurken karikaturesker als bei Karl May angelegt. Ein komischer Typ stottert. Feige Typen sind überdies boshaft und boshafte Typen sind obendrein feige.
Für einen Kriegsroman gibt es erstaunlich wenig Kriegshandlungen. Wir sehen praktisch andauernd die unmenschlichen Konsequenzen. Und das ist Simonows Stärke.

Sonntag, 29. Januar 2017

An Herrn Müller, Regierender Bürgermeister

Den neuen amerikanischen Präsidenten zu kritisieren, ist für jeden Demokraten Pflicht und Selbstverständlichkeit, aber Sie, Herr Müller, haben sich vergaloppiert. Hinter der weltmännischen Geste können Sie den Bolle-Berliner nicht verbergen. Vor allem aber hat die geplante US-amerikanische Mauer zur mexikanischen Grenze, so dumm dieses Projekt auch ist, nur wenig mit der Berliner Mauer gemein, außer eben, dass es beides Mauern sind. Sie schreiben an Trump: „Überall dort, wo heute noch solche Grenzen existieren, in Korea, auf Zypern, schaffen sie Unfreiheit und Leid.“ Dass im Fall von Deutschland, Korea und Zypern ganze Länder durch Mauern geteilt wurden, wissen Sie aber schon Herr Müller? Und auch, dass die USA und Mexiko zwei souveräne Staaten sind, zwischen denen es keinen freien Reiseverkehr gibt, sondern Migration, legale und tatsächlich auch illegale?
Wie mit dieser Frage umzugehen ist, wird in den USA diskutiert. Die Option „Grenze auf für alle“ wird dabei von keiner ernstzunehmenden politischen Kraft gefordert. Wenn das Ihre Forderung ist, verrät das viel über Ihre Ahnungslosigkeit nicht nur in Bezug auf den amerikanischen Kontinent, sondern auch in Bezug auf internationale Politik überhaupt. Trumps Mauer wird nämlich nicht in erster Linie wegen ihres Ziels kritisiert, sondern weil sie ein völlig unangemessenes Mittel zur Erreichung dieses Ziel ist. Befestigte Anlagen gibt es schon an vielen Stellen der Grenze USA/Mexiko. Sie überall zu errichten (z.B. auch in der Wüste), ist teuer und sinnlos. Die Mauer ist ein irrsinniges, rein symbolisches Unternehmen, das lediglich der Trumpschen Selbstbespiegelung dient – man gaukelt vor, etwas geschafft zu haben. Dass auch eine Mauer überwunden kann, wenn sie nicht bewacht wird – von oben, von unten oder mitten hindurch – das sagen einem die US-amerikanischen Grenzbehörden, auf die Trump nicht hören mag.
Ich habe die Vermutung, Herr Müller, Sie wollen ganz oben auf der aktuellen Anti-Trump-Welle reiten. Aber surfen will gelernt sein.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Warum ich in Aktien investiere, warum die Renditen ziemlich hoch sind, und warum ich denke, dass das ethisch in Ordnung ist

Im Stück „Die Maßnahme“ von Brecht singt der schurkische Spekulant:
Weiß ich, was ein Reis ist?
Weiß ich, wer das weiß!
Ich weiß nicht, was ein Reis ist
Ich kenne nur seinen Preis.
Diese entmenschlichte Haltung war mein Bild vom Spekulanten. Wenn mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte, dass ich irgendwann in Aktien investieren würde, hätte ich ihm wohl einen Vogel gezeigt. Börsenspekulation war für mich praktisch der Inbegriff der düsteren und kalten Seite des Kapitalismus.
Ich habe meine Haltung nicht schlagartig geändert. Vielmehr fügten sich ein paar Puzzleteile nach und nach zu einem neuen Bild.
Es begann natürlich mit den Rentenbescheiden der Deutschen Rentenversicherung, in denen es hieß, ich würde eines Tages von 150,- Euro Rente leben müssen. Später war von 300,- Euro die Rede. Inzwischen von 450,- Euro. Wenn es so weiter geht und ich weiterhin zwar gut von meiner Kunst leben kann, aber weder einen Erfolgsroman schreibe noch meine Impro-Kurse nicht auf Manager-Seminaren als Creativity-Bombe anbiete, werde ich als alter Mann mit 1.000 Euro knapp über dem Hartz-IV-Satz leben müssen.
Ich begann also im Alter von vierzig Jahren das zu tun, wozu mir Eltern und Oma immer geraten hatten: An die Rente zu denken. Aber würde mit meinem Geld auch kein Schindluder getrieben? Ich wurde auf eine ethisch akzeptable Möglichkeit aufmerksam: Einen „ökologischen“ Fonds. Fonds schienen mir eine finanziell eine feine Sache: Man zahlte jeden Monat eine bestimmte Summe ein, und wenn die Kurse des Pakets niedrig lagen, kaufte man mehr, wenn sie hoch standen, kaufte man weniger. Ich zahlte also monatlich in Fonds ein, die in Windkraft, Solarenergie usw. investierten. Es gab allerdings zwei Probleme: Nach vier Jahren hatte ich lediglich zwei Prozent Rendite (auf den gesamten Zeitraum gerechnet!). Da hätte ich bei einem ordinären Tagesgeldkonto mehr erwirtschaftet. Aber mindestens ebenso schlimm: Als ich in die Details der Fonds schaute, sah ich, dass sich darunter auch Firmen wie Tepco befanden. Tepco? Genau. Die mit dem AKW in Fukushima.
Etwa zur selben Zeit erfuhr ich von Smava. Bei Smava vergibt man, kurz gesagt, Kleinkredite an Private, die sich ein Auto kaufen wollen, das Haus sanieren oder den Grundstein für die Selbständigkeit legen wollen. Der Witz an der Sache wäre, dass man sich aussuchen kann, wen man für vertrauenswürdig und welches Projekt man für finanzierungswürdig hält. Die Zinsen waren OK, Smava hat ein Auffangnetz für Ausfälle eingerichtet, und als Darlehenssystem funktioniert es wunderbar. Leider erfährt man bei den meisten Projekten dann eben doch nicht, worum es geht. Da heißt es dann „Kredit-Projekt aus Nordrhein-Westfalen“ oder „Mein Projekt verwirklichen“. Und ob man da jemandem beim Hausbau unter die Arme greift oder bei der Finanzierung des protzigen SUV lässt sich eben nicht immer sagen.
Schließlich las ich das Buch von Susanne Levermann. Oder besser gesagt, ich las zuerst ein Interview mit ihr in der taz. Levermann war einst die erfolgreichste Fonds-Managerin in Deutschland. Dann warf sie das Handtuch und widmete sich sinnvolleren Dingen wie Mathe-Nachhilfe für Schüler. Aber mit ihrem Abgang von der Börse hinterließ sie noch ein Buch für Klein-Anleger: „Der entspannte Weg zum Reichtum“. (Ich wette um ein vegetarisches Abendessen, dass der bescheuerte Titel vom Verlag stammt.)
Dieses Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil erklärt Levermann einigermaßen anschaulich, wie Aktien funktionieren, was man unter den unappetitlichen Fachbegriffen „EBIT-Marge“, Eigenkapitalrendite und anderen Kriterien der Aktien-Begutachtung zu verstehen hat. Ich muss gestehen, dass ich so manches davon wieder vergessen habe bzw. immer wieder mal nachschlagen muss, falls mich der Wissenshunger antreibt.
Aber das ist auch gar nicht so wichtig. Für den finanziellen Erfolg entscheidend ist der zweite Teil. Darin erläutert sie, auf welche dreizehn Punkte man beim Anlegen in eine Aktie achten sollte. Dazu zählen u.a. die bereits genannte EBIT-Marge und die Eigenkapitalrendite, aber auch die langfristige Entwicklung des Aktienkurses, die Eigenkapitalquote und das KGV. Für jeden Wert gibt es einen Plus- oder einen Minus-Punkt. Schließlich addiert man die Punkte, und anhand der Punktzahl wird entschieden, ob man die Aktien kaufen darf, halten soll oder verkaufen muss. Das ist, wie der Titel des Buches nahelegt, entspannter als es zunächst klingt, da sich die meisten Punktzahlen nur alle paar Monate ändern. Die größte Arbeit besteht eher darin, Aktien zu finden, die die erforderliche Punktezahl zum Kaufen überhaupt erreichen.
Das Levermann-System ist unter Börsen-Fans und Fachleuten bekannt und wird durchweg als seriös eingeschätzt. Man könnte sich nun wundern, warum, wenn es denn so super funktioniert, nicht auch alle machen. Das hat meines Erachtens mit zwei Dingen zu tun: Erstens ist, wie schon erwähnt, das Finden von Aktien, die den Levermann-Kriterien entsprechen, gar nicht so einfach. Zum Zeitpunkt, da ich diesen Text schreibe, sind es gerade mal vier von dreißig Dax-Unternehmen. Das per Hand auszurechnen, kann ein wenig mühsam sein. (Ich lade mir inzwischen die meisten Werte online in eine Excel-Tabelle.) Zum Zweiten widerstreben einige Levermann-Regeln der Intuition: Wenn zum Beispiel viele Analysten einen Large-Cap-Wert loben, gibt es Punktabzug, da man, so Levermann, davon ausgehen kann, dass diese Aktie gerade hochgejazzt wird. Viele Aktien-Anleger lieben aber diese Art von kühler quantitativer Regel und Kontra-Intuitivität nicht. Entweder sie zählen zu dauerhaften Aktien-Haltern, die ihre VW-Aktien mal von den Großeltern geschenkt bekommen haben bzw. zu jenen beklagenswerten Aktien-Opfern, die an ihrer damals erworbener Telekom-Aktie festhalten, weil der sagenhafte Verlust doch irgendwann man wieder eingespielt werden sollte. Oder sie checken stündlich die Kursverläufe ihrer Aktien, dröhnen sich mit Wirtschaftsnachrichten zu, kaufen und verkaufen täglich immer und immer wieder und sind im Grunde Lotterie-Spieler.
Levermann hält die Leser ihres Buchs dazu an, nicht allzu emotional mit ihrer Aktie verbunden zu sein, also zum Beispiel nicht die Aktie eines Unternehmens zu halten, nur weil man dessen Produkte mag oder weil man nicht wahrhaben will, dass man Geld verloren hat. Interessanterweise spielt bei Diskussionen zu Levermann der dritte Teil ihres Buches fast nie eine große Rolle. Dabei ist er für mich entscheidend gewesen, den ersten Schritt in die Aktienwelt überhaupt zu wagen. Es geht um die Frage der Ethik. Kann man mit seiner Geld-Anlage Gutes tun oder Schlimmes verhindern? Ich glaube inzwischen: Ja, man kann. Zunächst dachte ich, toll, dann investiere ich jetzt einfach in Öko-Projekte und lauter ethisch lobenswerte visionäre Unternehmen. Allerdings musste ich mich von dieser Illusion verabschieden. Denn so viele aktiennotierte Unternehmen dieser Art gibt es überhaupt nicht. Und es nützt ja auch nichts, in ein Solar-Unternehmen zu investieren und dabei Geld zu verlieren. Wenn ich spenden will, dann mache ich das anderswo.
Ich war aber daraufhin gezwungen, mir das Ethik-Problem genauer durch den Kopf gehen zu lassen. Die Frage, die ich mir dann stellte, lautete: Wie sieht eine Welt aus, in der ich gerne leben möchte? Gehören dazu Fahrradgangschaltungen, Webmaschinen und medizinische Geräte? (Drei Unternehmen, in die ich gerade investiere, produzieren genau das.) Ich habe mich also umorientiert von der Einschluss-Vision (nur Öko-Aktien) hin zu Ausschluss-Kriterien: Keine Rüstung, keine Automobil-und Zuliefer-Industrie, keine Immobilienfirmen, keine Firmen, die massiv Umwelt- oder Menschenrechts-Standards unterschreiten. Es gibt freilich Zonen, in denen es schwammig wird: Sind Maschinenbau-Unternehmen OK, die die Hälfte ihres Umsatzes als Automobil-Zulieferer machen? Sind Unternehmen OK, zu deren Kunden nicht nur aber auch das Militär gehört (also praktisch jedes größere Software-Unternehmen)?
Dass man Kriterien hat, ist auch keine Garantie dafür, sich nicht ungeheuer zu irren. So verließ ich mich gleich zu Beginn auf den „Dow Jones Sustainability Index“ und investierte in „Hewlett Packard“, was auch ordentlich Rendite abwarf, musste aber nach einem halben Jahr feststellen, dass dieses Unternehmen, von dem ich ungeprüft davon ausging, dass es Computer und Drucker produzierte, der zehntgrößte Rüstungskonzern der USA war, was anscheinend für die Kriterien-Aussucher des Dow Jones Sustainability-Index kein Ausschluss-Kriterium ist. Inzwischen kann ich in der Regel schneller beurteilen, ob ein Unternehmen Dreck am Stecken hat. Natürlich bleibt ein bisschen Unsicherheit bei dem einen oder anderen Unternehmen. Aber die hat man auch beim Tagesgeldkonto der Bank.
Am Ende muss natürlich jeder seine Kriterien selbst festlegen. Für mich zum Beispiel sind Pharma-Unternehmen nicht per se ein Ausschluss-Kriterium, da ich mindestens einmal pro Monat auf die Produkte dieser Branche angewiesen bin. Um im NAI gelistete Homöopathie-Unternehmen schlage ich allerdings einen Bogen. Bei einigen meiner Freundinnen dürfte es andersrum laufen. Man kann bei Aktien-Investitionen seine persönlichen Grenzen ziemlich klar ziehen, zumindest klarer, als wenn man seine Moneten in Festgeld bei einer Bank anlegt, die am Ende doch Finanz-Derivat-Abenteuer unternimmt oder in Rüstung investiert.
Um nun aber mal zu den harten Fakten zu kommen: Levermann verspricht in ihrem Buch eine Rendite von zehn bis zwanzig Prozent pro Jahr. Das ist ordentlich. Die besten Festgeldzinsen liegen in Deutschland gerade bei drei Prozent pro Jahr. Bei Smava bekommt man mit viel Glück sechs Prozent.
Für alle Leser, die sich auch nie so recht vorstellen können, wie Zinseszins funktioniert: Aus 10.000 Euro werden bei 15 Prozent jährlicher Rendite nach zwanzig Jahren gut 140.000 Euro. Nach vierzig Jahren über zwei Millionen. (Steuern sind hier unbeachtet.)
Ich wäre nach der Fonds-Enttäuschung schon über sieben Prozent froh gewesen. Tatsächlich wurden es bei mir 25 Prozent jährliche Rendite. Ich habe knapp drei Jahre (genaugenommen 33 Monate) gewartet, darüber zu schreiben. Schließlich beweist sich so ein System erst auf lange Sicht. 25 Prozent jährliche Rendite bedeuten für diesen Gesamtzeitraum 87 Prozent. Und ja: Es gibt durchaus Schwankungen. Im ersten Jahr waren es über dreißig Prozent, im zweiten Jahr sechs Prozent. Aber stets lag ich (oder besser: das Levermann-System) deutlich über den relevanten Indizes DAX, MDAX, SDAX, Dow Jones und Nasdaq. Im gleichen Zeitraum stieg der DAX nur um 19 Prozent.
Um auf Brecht zurückzukommen: Tatsächlich weiß ich manchmal nicht, „was ein Reis ist“. Aber durch die Beschäftigung mit dem Thema sind auch meine prinzipiellen Bedenken gegenüber der Börse ein wenig zurückgegangen. Ich glaube tatsächlich, dass sie grundsätzlich zu einer rationaleren Allokation von Mitteln beiträgt. Ich sehe auch, dass sie schlimme Verwerfungen zu verantworten hat. Aus den Marktbereichen, die das betrifft, versuche ich mich herauszuhalten. Und ich glaube, dass ich dadurch moralischer handle, als jemand, der seine Rente der Allianz-Versicherung oder einem x-beliebigen Fonds anvertraut.
Geht es noch entspannter? Vielleicht. Wikifolio bietet Aktieninvestment 2.0 an: Man legt einfach in Portfolios anderer Investoren an, deren Performance oder Kriterien einen überzeugen. Aber bisher habe ich dort kein Portfolio gefunden, dass sowohl meinen Rendite-Erwartungen als auch meinen ethischen Kriterien entsprach. Eine Ausnahme ist vielleicht mein eigenes. Wikifolio Ethisch Investieren. Die aufmerksame Leserin wird bemerken, dass die Rendite nicht ganz so hoch ist, wie im Text oben angepriesen. Die Gründe dafür sind schnell genannt: 1. Ich habe das Wikifolio zum ungünstigsten Zeitpunkt eröffnet, nämlich im Dezember 2014, als die Aktienwerte fielen. 2. Der Anbieter (icke) zahlt eine tägliche kleine virtuelle Gebühr, die die Rendite schmälert. 3. Einige der wichtigsten Aktien meines eigenen Portfolios sind kleine nicht-deutsche Unternehmen der Euro-Zone, die aber bei Wikifolio nicht handelbar sind. Aber ich glaube, mit meiner jährlichen Wikifolio-Rendite von 20 Prozent bin ich durchaus im attraktiven Rahmen.

Freitag, 1. Juli 2016

Gehört der Islam zu Deutschland?

Gehört der Islam zu Deutschland?
Der böse salafistische,
die Frauen verhüllende?
Nein, der nicht.

Oder der richtig böse wahabistische,
der die Menschen nicht singen lässt,
der die Scharia einführen will,
über die wir wissen,
dass von Händeabhauen und Steinigen die Rede ist?

Oder der unsagbar böse Islamisten-Islam,
der Flugzeuge in Hochhäuser steuert,
der Karikaturisten ermordet,
der Journalisten enthauptet,
der ein neues altes Kalifat errichten will?
Nein, der gehört auf gar keinen Fall
zu Deutschland.

Und der schiitische Islam und der sunnitische Islam,
gehören die zu Deutschland?
Na gut,
aber die Moschee bitte nicht in der Innenstadt.

Und Frauen mit Kopftuch,
das gehört nicht zu Deutschland.
Und sich zu Boden werfen beim Beten.
Und dass die Frauen von den Männern getrennt beten.

Und in Neukölln sprechen schon fast alle türkisch.
Nee, arabisch. Sollnse ruhig.
Aber ein bisschen Anpassung
ist doch nicht zu viel verlangt.

Wenn wir da runterfahren,
müssen wir uns auch anpassen.

Oder dieser Bushido…
Gut, der ist hier geboren.
Ach, ist er gar nicht?
Siehste!

Und der Katholizismus,
gehört der zu Deutschland?

Der bayrische,
der an jedem Bergpfad die Holzskulptur eines am Foltergerät Gestorbenen errichtet?
Der sich klammheimlich dem Bundesverfassungsgericht widersetzt
und die Kruzifixe in den Schulen hängen lässt?
Ja, irgendwie schon.
Ist ja bayrisch.
Und Bayern gehört zu Deutschland, oder nicht?
Na ja, wie die da sprechen, hahaha.
Ist das noch Deutsch? Hahaha.

Aber Plattdeutsch verstehste noch weniger,
wenn du nicht selber Plattdeutscher bist.

Oder die Sorben.
Ja, die Sorben, das ist ein Spezialfall.
Aber katholisch sind die auch.
Und die Beichte?
Und das Zölibat?
Schon noch Teil des Abendlandes, oder?

Und der Protestantismus?
Ja, Luther!
Ja, Reformation!
Ja, Johann Sebastian Bach!
Ja, dreißigjähriger Krieg.
Ja, heute keine Revolutionskriege mehr.

Ja, und die Methodisten?
Na ja…
Und die Baptisten?
Und die Sieben-Tags-Adventisten?

Und die Freikirchler,
die sich auf den Boden werfen?
Die englisch singen?

Und die Zeugen Jehovas?
Die sehen auch so aus, als ob sie Kleidungsvorschriften haben für die Frauen.
Und Frisurvorschriften für die Männer.
Aber klar! Das sind ja auch Deutsche.
Schon immer gewesen.

Und der Atheismus?
Die Aufklärung?
Ja, das muss man den Atheisten zugestehen.
Karl Marx, DDR-Geschichte,
das kann man jetzt nicht leugnen.

Aber wenn die nicht glauben wollen, bitteschön.
Man muss ja auch nicht auf die Bibel schwören.
Und in Ostdeutschland glauben die sowieso alle nichts.
Aber Weihnachten und Ostern!
Das wird dann gerne mitgenommen.
Das ist jetzt zwar nicht christlich-jüdisches Abendland im engeren Sinne, aber…

Apropos.
Die Juden.
Oh, ich hab’s befürchtet. Jetzt hat er Juden gesagt.
Natürlich gehört das Judentum zu Deutschland.
Ideell gesehen, weil,
so viele Juden gibt’s ja nicht mehr in Deutschland.

Und die orthodoxen,
deren Frauen sich die Köpfe rasieren müssen?
Und dass die Frauen von den Männern getrennt beten.
Und immer diese unvorteilhaften Kleidungs- und Frisur-Vorschriften.
Und hebräisch.
Na, die Bibel.
Die Bibel.
Also das gehört schon irgendwie zu Deutschland.

Und der Antisemitismus?
Gehört der auch dazu?
Zur christlich-jüdischen Tradition?
Ist Antisemitismus nicht die eigentlich christlich-jüdische Tradition in Deutschland?

Und die Nazis?
Gehören die zu Deutschland?
Man will ja nicht die Geschichte vertuschen.

Und Punkrock!
Gehört Punkrock zu Deutschland?
Und Pfingsten?
Was ist mit Pfingsten?
Und der Pfingstmontag!
Dieser bizarrste unter den Feiertagen.
War das nicht, als sich die Jünger beim Beten zu Boden warfen?
Und in Zungen redeten?

Und Alkoholismus?
Gehört der zu Deutschland?
Und Satanismus?
Und Waldorf-Schulen und Montessori-Kitas?
Und Fußball?
Und Basketball?
Und American Football?
Und klassisches Ringen?
Und American Westling?
Und Ikea?
Und kein Schnee im Januar?
Und Bundestag?
Und schlechter Kaffee?
Und Cappuccino?
Und Döner?
Und Wer wird Millionär, Supermodel oder wird hier rausgeholt?
Und Mallorca?
Und Dazugehören?
Gehört Dazugehören zu Deutschland?

Sonntag, 26. Juni 2016

Alles halb so Brexit

Ich gebe ja zu, es war schon ein bisschen beleidigend. Einen halben Tag nach Schließung der Wahllokale verdreifachte sich die Anfrage bei Google UK: „What is the EU?“ Wie ein Ehemann, der am Abend von seinen Kumpels überredet wird, nach 40jähriger Ehe seine Frau zu verlassen, und am nächsten Morgen, als er seine Koffer packt, fragt: „Wie heißt du noch mal?“
Aber sonst? Heiße Luft, heiße Luft, nichts als heiße Luft. Allein die Aufregung meiner Facebook-Friends in den vergangenen Wochen, ob die Briten nun gehen würden oder nicht. Als ob die ganze Aufregerei eine Auswirkung auf das Abstimmungsverhalten haben könnte. Der Aufgeregtheit dieser Facebook-Friends nach zu urteilen, die sich über die Briten echauffierten wie sonst nur über den Tod von Prince, Bowie und Lemmie, schien vom Ausgang des Referendums nichts Geringeres als ihr ganz persönliches Wohlergehen abzuhängen.
Oder sollten diese Friends alles Leute sein, die ihr gesamtes Vermögen in die britische Währung investiert hatten?
Hier die News, liebe Friends: Der Brexit hat für euch, wenn ihr nicht gerade das Pech habt, selber Briten zu sein, so gut wie gar keine Konsequenzen. Und in zwei Jahren wird das bei euch so wenig Emotionen wie heute das europäische Rettungspaket für Griechenland, vom Grexit ganz zu schweigen. Eure Aufregerei ist nichts als die emotionale Widerspiegelung des medialen Dramas, dem ihr euch nicht entziehen könnt.
Oder fürchtet ihr euch vor den zwei Minuten Verzögerung am Heathrow Airport, weil ihr euren Pass vorzeigen müsst? Ich rede von Heathrow! Wo du schon einen halben Tag brauchst, um vom Flugsteig 23 D zum nächsten Kaffeeautomaten zu kommen. Schon vergessen, dass man in Norwegen oder in der Schweiz durchaus auch nach dem Pass gefragt wird?
Vielleicht wird das eine oder andere britische Produkt jetzt teurer. Sehr wahrscheinlich aber nicht, oder glaubt jemand, dass bei den Ausstiegsverhandlungen nicht auch ein paar gegenseitige Handelsvergünstigungen beibehalten werden?
Ach, du hattest die Absicht, dich in Großbritannien niederzulassen? Das ist schon jetzt eine ziemlich waghalsige Angelegenheit. Und wenn du auch noch so verwegen bist, nach langem Aufenthalt die britische Staatsangehörigkeit zu wollen, kostet dich das mehrere tausend Euro und gegen den britischen Einbürgerungstest wirkt der deutsche wie ein „Wo-hat-sich-das-Häschen-versteckt“-Rätsel für Dreijährige.
Aber die Börse! Die Börse! Was soll nur aus der Wirtschaft werden!
Der Dax, so hören wir, erlebt einen schwarzen Freitag und stürzt um über fünf Prozent ab. Fünf Prozent! Wenn ich „Absturz“ höre, will ich einen Sprung von einer Klippe sehen, von einem Wolkenkratzer oder wenigstens aus dem dritten Stockwerk, aber nicht einen Hopser aus dem Fenster von Parterre. Mit diesen fünf Prozent, denen ja in der Woche zuvor ein ordentlicher Schub nach oben vorausging (in Spekulation auf ein entgegengesetztes Ergebnis), liegt diese Post-Referendum-Dax-Beule nicht einmal unter den Top 10 der Abstürze der letzten 30 Jahre. Aua-aua, Pflaster auf die Beule, fertig.
So. Und hier noch für alle Rest-Verzweifelten drei Vorteile des Brexit:
1. Die höheren Flugkosten werden gewiss einige englische Hooligans vom Festland fernhalten.
2. Endlich können wir Englisch als EU-Amtssprache streichen.
3. Die Schotten und Nord-Iren kommen, wenn sie sich vom Königreich gelöst haben, doch wieder zu uns zurück.
 

Montag, 9. Mai 2016

John Allen Paulos - Zahlenblind

Paulos betont, wie wichtig es ist, ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten zu entwickeln, was natürlich nur funktioniert, wenn man sich mit dem Instrumentarium einigermaßen auskennt. Das Buch von 1990 scheint mir immer noch sehr aktuell, zumindest für Deutschland. Die meisten Schüler begegnen der Wahrscheinlichkeitsrechnung und dem Umgang mit sehr großen und sehr kleinen Zahlen erst sehr spät – in der 11. oder 12. Klasse. Wenn man davon ausgeht, dass nicht alle Fächer beliebig ausgedehnt werden können und man die Unterrichtszeit für Mathematik beibehielte, könnte man nach meinem Gefühl zum Beispiel bei der Trigonometrie abspecken, die im Grunde nur noch für Designer und Ingenieure relevant ist. Der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten hingegen müsste so früh wie möglich in den Unterricht eingebaut werden, da er dermaßen alltagsrelevant ist und letztlich auch persönlichkeitsprägend. Mathematische Analphabeten, so zeigt Paulos, neigen dazu, Ereignisse persönlich zu nehmen, können Risiken schwerer abschätzen, fallen leichter auf statistische Tricks, geschwätzigen Humbug und Pseudowissenschaften herein. Sie vermögen nicht zwischen Korrelation und Kausalität zu unterscheiden. Sie sind diejenigen, die ihre dunklen Theorien mit dem Satz Halbsatz „Es kann doch kein Zufall sein, dass…“, beginnen. Und während man Legasthenikern oft mit Herablassung begegnet, gilt es oft sogar als schick, mit mathematischer Unkenntnis zu kokettieren.
Paulos gibt sich redlich Mühe, auch für jene verständlich zu bleiben, die sich der Mathematik nur mit Vorsicht nähern. Für den mathematisch und statistisch halbwegs geschulten Geist bietet Paulos trotzdem unterhaltsame Überraschungen.
 

Montag, 11. April 2016

Erwiderung auf Brody zur Frage „Last Film, Best Film?“


In einem Artikel im New Yorker vom 7. April 2016 bricht Richard Brody eine Lanze für die Spätwerke von Regisseuren. Das Publikum neige dazu, das frühe Werk eines Regisseurs zu überschätzen und dann oft mehr vom selben zu wollen. Späte Regisseure, die von Hollywood nicht mehr viel zu erwarten hätten, würden sich frei machen von den Zwängen der Industrie und neue Sichtweisen präsentieren. Der Zuschauer möge sich nur öffnen für neue Facetten im reifen Regisseur.
Als Beispiele führt Brody unter anderem „Marnie“ von Hitchcock an, den er für „größer“ hält als „Psycho“ oder „Vertigo“, sowie die Chaplin-Filme „Monsieur Verdoux“, „Rampenlicht“, „Ein König in New York“ und „Die Gräfin von Hongkong“, die allesamt ihre stummen Vorgänger und auch den „Großen Diktator“ überträfen.
Nun scheint der Gedanke nicht einmal verkehrt zu sein, dass man sich im Alter emotional und geistig von bestimmten Zwängen befreien kann, aber ist das auch immer der Fall?
Eigentlich beweisen gerade die Fälle Chaplin und Hitchcock das Gegenteil. Chaplin hat das Medium des Tonfilms nie wirklich geknackt. Die Dialoge sind oft steif, sie tragen weder zur dramatischen Steigerung bei, noch verschärfen sie die Komik. Man schaue sich nur einmal „Rampenlicht“ an. Im Grunde knüpft Chaplin an sein Lieblingsgenre an - die melodramatische Komödie, die er in Filmen wie „Lichter der Großstadt“, „Zirkus“ oder „The Kid“ großartig gemeistert hat. „Rampenlicht“ ist voller dramatischem Leerlauf. Man spürt, dass Chaplin auch die Entwicklung des Films verschlafen hat. In den 50er Jahren lässt er tatsächlich aufs Stichwort den Telegrammboten auftauchen, was man eigentlich in der Zeit nur noch in B-Movies macht. Die Tonfilmkomödien jener Zeit müssen sich an den Screwball-Filmen messen, an Billy Wilder und Frank Capra. Aber Chaplin ist in seinen Tonfilmen viel zu sehr damit beschäftigt, seine Botschaften jedem dick aufs Brot zu schmieren, statt sie unterschwellig zu servieren. Er vergisst, dass man auch im Tonfilm lieber zeigen, statt erzählen sollte. Und wenn es rührend werden soll, greift er auf die schlimmsten Klischees der dreißiger Jahre zurück. In „Monsieur Verdoux“ bemüht sich Chaplin immerhin noch formal und stilistisch um andere Wege. Vielleicht ist es sogar sein bester Talkie. „Der Große Diktator“ ist Chaplins Sündenfall. Natürlich war klar, dass die Zeit des Stummfilms vorbei ist, und Chaplin hat ihm ja lange noch erfolgreich getrotzt. Aber für seine Tonfilme hätte er sich etwas anderes einfallen lassen müssen, sich einen Drehbuchschreiber engagieren oder mehr Zeit in kernige Dialoge investieren, statt in plot-getriebene Phrasen. Oder eben die Chuzpe haben, den Stummfilm fortzuführen. Rowan Atkinson hat uns ja in den 90ern ein Revival des stummen Narren geschenkt.
Bei Hitchcock, der ebenfalls wie Chaplin als britischer Immigrant Hollywood eroberte, liegt die Sache noch etwas anders. Er betrieb seit den 30er Jahren dasselbe Geschäft - Suspense, und in den späten 50ern gelangen ihm mit „Psycho“ und „Vertigo“ formale Meisterwerke, die auch inhaltlich von den Schemen abwichen, mit denen er üblicherweise spielte. Der Hitchcock-Überfilm, in dem sich sämtliche anderen Filme von ihm wiederfinden, ist sicherlich „North by Northwest“. „Marnie“ ist sicherlich kein krasser Bruch wie Chaplins Diktator, es ist sicherlich sogar ein guter Film, aber „Marnie“ hat große Schwächen, die man nicht wegwischen kann: So bekommt Hitchcock die von Sean Connery gespielte männliche Heldenrolle nicht in den Griff. Im Buch ist sie ja zwiespältig angelegt: Ein Mann, der Marnie ertappt, sie aber eigentlich wieder dominieren und missbrauchen will. Diese düstere Seite wird im Film völlig überzuckert, und seine charmante Erpressung quasi hingenommen. Die Küchen-Psychoanalyse kann man noch hinnehmen, die hat uns Hitchcock auch schon in Psycho zugemutet, aber dieser Film verliert sich stellenweise im Taumel des Nicht-Wissen-Wohin. Dennoch ist der Meister immer noch Herr seiner Suspense-Instinkte und schafft Szenen, die uns entsetzen lassen.
Was dann kommt, ist ein langsamer Sinkflug von Hitchcocks Niveau. Vor allem in „Familiengrab“, seinem letzten Film, versucht Hitchcock dem Humor mehr Raum zu geben. Heraus kommen platte Slapstick-Szenen, die nicht witzig sind, und schon gar nicht zeigen sie den feinen Humor des Meisters aus seinen früheren Filmen.
Wenn Brodys Theorie stimmen sollte (und viel spricht dafür, dass sie ganz und gar nicht stimmt), dann sind Hitchcock und Chaplin die falschen Kronzeugen. Beide Regisseure erschlafften in ihren letzten Jahren. Bei Chaplin geschah es früher, bei Hitchcock später.
Ich vermute sogar, dass die Limitierungen, die den Regisseuren gesetzt werden, entweder durch Studio-Produzenten, durch Budget-Begrenzungen und sogar durch drohende Zensur, diese dazu gezwungen werden, sich künstlerische Lösungen für ihre inhaltlichen Probleme zu überlegen. Bekannt ist der Stress, dem man dem jungen Francis Ford Coppola beim Dreh des Films „Der Pate“ aufnötigte: Man drohte ihm, Brando und Pacino zu streichen, beide erbrachten unter Coppolas sensibler und intelligenter Regie die besten Leistungen ihres Lebens. Das Budget war so eng bemessen, dass Pacino der einzige Schauspieler war, der nach Las Vegas und Sizilien geflogen werden konnte, was Coppola zu intelligenten Lösungen bei den Los-Angeles-Aufnahmen führte. Das ungeheure Budget und der Macht-doch-was-ihr-wollt-Ansatz beim dritten Teil der Trilogie hatte zur Folge, dass sich die Autoren und der Regisseur in eine wirre, blutrünstige Story verwickelten, bei der nichts mehr an die Stilisierung des ersten Teils erinnerte.
Tarantino kündigte kürzlich an, „Hateful Eight“ würde sein drittletzter Film. Er beschränke sich auf zehn Filme, denn im Alter von 60 Jahren sei die Zeit eines Regisseurs abgelaufen. Angesichts des Spätwerks von Chaplin und Hitchcock sicherlich eine weise Entscheidung.

Freitag, 8. April 2016

Klassenkameraden - DDR 1984 revisited

Klassenkameraden

Ich weiß nicht mehr genau, warum ich an jenem späten Abend im Jahr 1984 ausgerechnet im DDR-Fernsehen hängenblieb. Das passierte einem ja sonst nur, wenn sie eine Komödie mit Adriano Celentano zeigten oder auf den drei Westkanälen parallel das Aachener Springreitturnier, eine Dokumentation über belgische Dörfer und der Blaue Bock liefen.
Es war ein Krimi, und ich war überrascht davon, zu welchem Stil, welcher Spannung, welchem inhaltlichen Wagemut die Filmemacher fähig waren. Die Erinnerung an den Film verflachte natürlich im Laufe der Jahrzehnte. Ich wusste noch, dass er in Altenburg gedreht wurde, dass man einmal kurz Hitchcocks Foto sehen konnte, eine Zither zu hören war und dass der Film "Klassentreffen" hieß. Und ausgerechnet bei dieser Namens-Erinnerung spielte mir mein Gedächtnis einen Streich. Und so googelte ich immer wieder hoffnungsvoll aber ergebnislos nach der DVD. Im März dieses Jahres spuckte dann die intelligent gewordene Suchmaschine, die schon weiß, was man sucht, auch wenn man es selbst nicht weiß, das richtige Ergebnis aus. Der Film heißt "Klassenkameraden". Ich kaufte die DVD, und etwas scheu begann ich zu schauen. Man darf ja seinen Jugend-Thrills nicht trauen. "Lebendig begraben" zum Beispiel, ein Horrorfilm nach Poe, ließ mich damals im Sessel erstarren. Wie groß war dann in den Nullerjahren die Pappmaché-Enttäuschung mit Ray Milland, dem James Stewart für Arme!
Bei "Klassenkameraden" wurde ich auch überrascht, aber eher davon, um wieviel er besser war als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Film ist vollgestopft mit Zitaten, Anleihen und Anspielungen. Ich springe jedes Mal auf vor Freude, wenn ich wieder ein kleines Detail entdeckt habe.
Den Krimi-Plot hatte ich völlig vergessen, aber auch der war für DDR-Verhältnisse sensationell: Der Betreiber einer Bar lässt Kurgäste ausrauben, durchsucht ihre Papiere und erpresst sie, wenn er Zweifelhaftes darin findet. Durch diese Machenschaften gelangt er an Beziehungen, die ihm für seinen Betrieb wichtiger sind als das Geld. Denn mit Geld allein kriegst du keinen Mazda und kannst dir die Bar nicht so luxuriös ausstatten lassen. Dass sich aus dieser Erpressungs-Idee ein Geschäftsmodell machen lässt, dass in der DDR Beziehungen "zu den höchsten Kreisen" wichtiger als alles andere sind, dass die Mazdas überhaupt in einem derartigen Zusammenhang erwähnt werden muss für die Polizeiruf-Produzenten ein glühend heißes Eisen gewesen sein, so dass sie es aus der Serie entfernten und in den Spätabend verbannten.
Natürlich kommt es zum Mord, und der aus Berlin einreisende ermittelnde Kriminal-Hauptmann ahnt nicht, dass einer seiner drei Klassenkameraden, mit denen er nach dem Krieg krumme Dinger gedreht hat, der Mörder ist. Und jetzt kommt Hitchcock ins Spiel. Das erste Zitat ist die Treppe im Bahnwärterhäuschen. Ähnlich wie Arbogast in "Psycho" oder Guy Haines in "Der Fremde im Zug" steigen die Beteiligten immer wieder die hitchcockmäßig aus der Froschperspektive ins Visier genommene Treppe empor, um jedes Mal oben überrascht zu werden. Und wie in Hitchcocks Kurzfilmen oder "Immer Ärger mit Harry" spielt der Autor und Regisseur Rainer Bär humorvoll mit Leiche und unseren Erwartungen. Ahnungslose junge Männer haben plötzlich den Toten auf der Rückbank ihre Autos und werden nachts von der Polizei angehalten. Wir fürchten, dass man sie nun drankiegt, aber es geht dem Polizisten nur um den linken Scheinwerfer des ollen Skoda, der als Running Gag auch später immer wieder ausfällt. Der Polizist drückt noch mal ein Auge zu und lässt sie weiterfahren, aber bevor sie den Motor anlassen können, kommt er noch mal zurück. Jetzt hat er sie! April, April, er weist sie nur noch mal im Onkel-Polizist-Ton darauf hin sich wirklich um den Scheinwerfer zu kümmern.
Und was ist das berühmteste Beweisstück in einem Hitchcock-Film? Natürlich das geklaute Feuerzeug aus "Der Fremde im Zug". Ähnlich wie beim Meister führt die Fährte dieses MacGuffin natürlich zum Falschen. Wie es sich in einem Hitchcock-Hommage-Film gehört, taucht der Meister im Film selber auf – im Schaufenster eines Fotoladens. Wenn wir aus der Froschperspektive das junge Mädchen auf Altenburgs nassen Straßen sehen, erklingt Zithermusik, und wer es bis jetzt nicht bemerkt hat, versteht jetzt, dass sich Bär auch bei Caror Reeds "Der dritte Mann" bedient. Das Timing der Verfolgungsjagd am Ende hat so gar nichts mehr mit den peinlich lahmen Polizeiruf-Lada-Fahrten zu tun. Expressionistische Schatten an den Häuserwänden, Schuheklackern auf dem Kopfsteinpflaster und ein Ganove zu Fuß auf der Flucht. Bär gelingt es, das bei Tageslicht etwas fade DDR-Altenburg zu stilisieren, so wie es Reed damals mit dem Nachkriegs-Wien gelang.
Aber womit ich gar nicht mehr gerechnet hatte, war eine kleine Anspielung auf "Der Pate". Schurke Grohmann im Brandoschen Hochstatus droht und krault dabei die Katze. Fast erwarte ich, dass er fragt: "Was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst?"
Wie ein moderner New Yorker Koch mischt Rainer Bär die Rezepte und bringt etwas völlig Neues zustande. Einen DDR-Thriller. Als ostdeutsche Zutaten bringt er das Wertvollste ein, was die DDR-Filme überhaupt geleistet haben – die Milieu-Genauigkeit. Wir hören das ermüdende Geklacker der mechanischen Schreibmaschinen bei der Kripo. Die jungen Männer arbeiten in einer Schlachterei, und wir sehen ungeschönt die ganze Sauerei – vom Zerteilen der Rinderhälften bis zum Säubern des blutbeschmadderten Kachelbodens. Als der Zug in den einsamen Bahnhof einfährt, kriege ich eine regelrechte Geruchshalluzination beim Anblick des alten Zugs.
Rainer Bär ist inzwischen 76 Jahre alt. Es ist ihm sehr zu wünschen, dass man dieses kleine Meisterstück noch zu seinen Lebzeiten wiederentdeckt.

Montag, 21. Dezember 2015

Stalin und ich 8 - Wie der Stalin gehärtet wurde

Der Bürgerkrieg deformierte nicht die Bolschewiki, er formte sie.
Sie konnten im Grunde auch gar nicht anders. Aus den drei Gewalten des Staats bleibt nach 1918 fast ausschließlich die Exekutive, aus der sich eine permanente dualistische Staatsform entwickelt: Jedem in der Verwaltung wird ein kommunistischer Wachhund zur Seite gestellt.
In dieser Frage sind sich die führenden Bolschewiki völlig einig. So schreibt der Kriegskommissar Trotzki:

"Jeder Militärspezialist braucht einen Kommissar zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken, jeweils mit einem Revolver in der Hand."

Jedes Problem wird der "Konterrevolution" in die Schuhe geschoben. Und Schuldige werden stets schnell gefunden und verurteilt. Dass die Bolschewiki dieses Chaos durch Plünderungen, völlige Aufhebung jeglicher Markt-Mechanismen und politische Willkür selbst mitverursacht haben, kommt ihnen nicht in den Sinn. Das neue Regime verspricht Aufstiegs-Chancen in der Administration, also geht ein banditenhaftes Gerangel um die radikalste Enteignung los.

Im Bürgerkrieg selbst begehen die Weißgardisten einen schweren Fehler: Sie ignorieren die Bedürfnisse der Bauern, die sie nach den bolschewistischen Eskapaden mit Leichtigkeit hätten an sich binden können. Das korrespondiert wiederum mit einem bemerkenswerten Schachzug der Bolschewiki: Sie nutzen (natürlich unter Kommissarsbewachung) die zaristischen Offiziere, was die Weißen für absurd gehalten hätten.

Und nun bekommt Stalin seine erste große Bewährungsprobe: Er wird nach Zarizyn, dem späteren Stalingrad/Wolgograd entsandt, einem für die Versorgung Moskaus entscheidenden Verkehrsknotenpunkt. Stalins wichtigstes Instrument ist zunächst die Tscheka, aber er verlangt nach mehr: Er will Kommando-Kompetenzen über die Rote Armee. Als seine Anfrage zur Erlaubnis dafür unbeantwortet bleibt, übernimmt er sie trotzdem, ohne dass Trotzki muckt.

Vielleicht wurde ihm in dieser Zeit klar, dass er im Zweifel mit Trotzki leichtes Spiel haben würde, da dieser ihm vielleicht intellektuell überlegen war, aber im Zweifelsfall nicht den Mumm haben würde, politisch geschickt zu manövrieren.

Schon bald setzt sich Stalin nämlich über Trotzkis Anweisungen hinweg. Zaristische Offiziere werden ausgeschaltet - er lässt sie hinrichten oder auf einem Gefängnisschiff verhungern.
Als weiße Kosaken die Stadt belagern, gehen die Exekutionen weiter und Stalin schürt die Angst vor kosakischen Spionen.

Hier war bereits, als klitzekleines Embryo, angelegt, was später als Szenario für zahllose fabrizierte Prozesse in den 1920er und 30er Jahren diente und im Großen Terror von 1937-38 mündete.

Stalin erwies sich in Zarizyn einerseits als skrupelloser Macher, der rasch handelte, der aber auch die Klassenideologie vor jeden Pragmatismus stellte und in militärischen Dingen (wie auch später im 2. Weltkrieg) dilettierte.

Während Lenins Leben am seidenen Faden hing, vertiefte sich der Konflikt zwischen Trotzki und Stalin, die jeweils die Ablösung des anderen forderten, wobei Stalin schriftlich meist einen eher milden Ton anschlug. Dieses kleine Gefecht gewann Trotzki: Stalin wurde abgezogen, aber ohne bestraft zu werden. Zarizyn wurde letztlich durch die Division des Dmitry Shloba gehalten.

Der Herbst 1918 gibt den Bolschewiki eine Atempause - der 1. Weltkrieg ist beendet, und Lenin erklärt Brest-Litowsk sofort für ungültig. Gutgelaunt relegalisiert er die Menschewiki (nicht für lange), und Bucharin und Stalin können langsam gegen kleine Intrigen gegen den ständig abwesenden Trotzki spinnen.
Sowjetrussland wird nicht zu den Versailler Friedensverhandlungen gelassen. Und so stehen am Ende zwei Großmächte als Außenseiter da, die dem europäischen 20. Jahrhundert noch einen fatalen Dreh geben werden: Deutschland und Russland.

Im März 1919 (der kommunistische Aufstand in Berlin ist nur wenige Wochen zuvor niedergeschlagen worden), hält die Russische Kommunistische Partei, wie sie sich jetzt nennt, ihren Parteitag. Swerdlow stirbt währenddessen, und Stalin zieht geschickt seinen Kopf aus der Schlinge, indem er die Hauptschuld für das Zarizyn-Desaster auf Woroschilow ablädt. Außerdem offenbart er nun seine Verachtung gegen die Bauern:

"Die Bauern werden nicht für den Sozialismus kämpfen, das werden sie nicht! Freiwillig werden sie das nie tun."

Die Position ist nicht weit von der Trotzkis entfernt, aber Stalin hütet sich davor, sich ihm anzunähern.
Stalin wird kurz nach dem Parteitag zum Kommissar für Staatskontrolle (später umbenannt in die auch in der DDR bekannte "Arbeiter- und Bauern-Inspektion").

Wenn damit die Konzentration von Macht und die Korruption verhindert werden sollte, hatte man hier wohl den Bock zum Gärtner gemacht.

Mit dem April 1919 wird nun auch die Münchner Räterepublik niedergeschlagen, deren Protagonisten Eisner hier wohl zu Recht eher mit Kerenski verglichen wird - die Betonung auf Räte statt Diktatur durch eine selbsternannte Elite.

Kotkin weist auf das Kuriosum hin, dass ausgerechnet in Deutschland, dem Land mit einer ungeheuer starken Sozialdemokratie die radikalen Führer Luxemburg und Liebknecht ermordet werden, während in Russland entgegen aller Wahrscheinlichkeit Lenin und Trotzki (vorerst) mit dem Leben davonkamen.

Sowohl Stalin als auch Trotzki verbringen fast den gesamten Bürgerkrieg im Zug. Trotzkis Panzerwagen ist mit enormen Mengen Waffen und Munition sowie Geschenken für Offiziere und Soldaten ausgerüstet. Stalin fährt dagegen fast bescheiden. Trotzkis Panzerwagen erhält schon mystische Bedeutung, da es ihm immer wieder gelingt, die Moral hochzuhalten. Offiziere übergeht er immer wieder.
Aber am Ende ist er es, dem der Sieg über Judenitsch, Denikin und Koltschak zugeschrieben wird. Als man ihn im Bolschoi-Theater empfängt und ehrt, fehlt Stalin.

 
Strelnikow = Trotzki
(Dr. Zhivago)

Wie wurde der Stahl gehärtet? Im Feuer des Bürgerkriegs. Die Bolschewiki walzen die Rätedemokratie nieder, die Fabrik-Komitees, die Gewerkschaften, die Bauern-Komitees. Ein ungeheurer, korruptionsgetränkter Bürokraten-Apparat wird geschaffen. Und während die Bürokratie allenthalben geschmäht wird, verhindert die klassenpolitische Denke, dass die Inhaber der Macht als korrupt und bürokratisch markiert werden. Checks & balances funktionieren trotz Arbeiter- und Bauerninspektion in diesem terroristischen gleichgeschalteten Regime leider nicht.

Inzwischen verhält sich Stalin politisch geschickt: 1. Er baut seine eigene Gefolgschaft auf. 2. Er fordert Lenin nie direkt politisch heraus und schon gar nicht maßt er sich an, mit ihm auf einer Stufe zu stehen. Letzteres tut Trotzki, was ihm letztlich den Kopf kosten wird.

Montag, 30. November 2015

Stalin und ich 7 - Dada, Lenin und die rollenden Köpfe

1918 - Dada und Lenin

Das Machtvakuum, das die Bolschewiki betraten, muss surreal gewirkt haben. Aus dem Smolny heraus "regierten" Lenin und sein engster Kreis (Trotzki, Swerdlow, Stalin) per Dekret. Keiner von ihnen besaß administrative Erfahrungen. Stalin, der zum Kommissar für Nationalitätenfragen ernannt wurde, hatte kein Ministerium zu übernehmen, sondern nur einen leeren Schreibtisch. Swerdlow blieb Generalsekretär. Trotzki wurde Kommissar für äußere Angelegenheiten. Seine Versuche, das Ministerium zu übernehmen (und zwar Gebäude und Personal) blieben erfolglos. Man wies ihn ab, das Personal desertierte.

Mehrfach wurde bereits auf den Zufall hingewiesen, dass Lenin in derselben Züricher Straße wohnte, in der sich auch das dadaistische Café Voltaire befand. Hatte Dada (Da-da = Ja-ja) einen Einfluss auf Lenin? Kotkin meint, wenn es keinen direkten Einfluss gab, so war es doch eine krasse Koinzidenz. Das Spiel mit Bedeutungen, die Improvisation mit Vorhandenem, die Kreation im totalen Lärm, das Handeln in Chaos und Anarchie: Einige Gewerkschaften standen auf Konfrontation mit den Bolschewiki, Deutschland machte sich bereit, Russland zu erobern, Lenin wurde später im Sommer 1918 durch ein Attentat schwer verletzt.
Kotkin spricht Lenin sogar einen Hang zum Chaos zu: Je chaotischer das gesellschaftliche Chaos, umso wichtiger die sozialistische Revolution, so sein Kalkül.

In 1918, the world experienced the pointed irreverence of Dada as well as an unintentionally Dada-esque Bolshevik stab at rule, performance art that involved a substantial participatory audience. At the center, Lenin persisted in his uncanny determination, and Stalin hewed closely to him. Stalin assumed the position of one of Lenin's all purpose deputies, prepared to take up any assignment.

1918 hörte Lenin auf, die Pariser Commune als Vorbild für die sozialistische Revolution anzusehen. Die Mehrheitler waren in der Minderheit und Feinde ringsum. Das tendenzielle Belagerungsdenken, das überall Feinde wittert, wurde zur geistigen Grundhaltung der Partei und ihres Führers. Direkt nach der Revolution favorisierte die Mehrheit der Sozialisten (auch die Mehrheit der Bolschewiki) noch eine gemeinschaftliche Regierung aller Sozialisten. Aber Lenin, Trotzki und Stalin widersetzten sich diesem mehrheitlichen Begehren der Parteimitglieder, die in Kamenew ihren prominentesten Fürsprecher hatten. Seine weitergehenden Verhandlungen mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären brandmarkt Lenin als Verrat.

Lenin erweist sich hier im Grunde als völlig politikunfähig. Nicht einmal in engsten Kreisen ist er zu Kompromissen, Verhandlungen oder Zugeständnissen fähig. Seine Ich-oder-Nichts-Politik erinnert in diesem Punkt fatal an Nikolaus II. Dass er und seine Truppe den politischen und militärischen Kampf doch gewinnen ist eine Mischung aus Charisma, dadaistischer Improvisationsfähigkeit, militärischem Geschick Trotzkis und ungeheurem Glück.

Es ist ein im übrigen ein ironischer Zug, dass die Bolschewiki eigentlich aus historisch-marxistischer Sicht die Rechts-Abweichler waren. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre waren es, die eine von den Arbeitern getragene Revolution forderten. Lenin und seine Anhänger verfochten den elitären Gedanken einer elitären Partei-Avangarde. Diesen Gedanken formuliert Kotkin zwar nicht aus, aber wir finden ihn zum Beispiel bei Chomsky.

 

Lenins Charisma erweist sich so groß, dass Sinowjew und Kamenew klein beigeben und eigentlich die Interessen der Parteimehrheit verraten. Kotkin meint, dass, wenn Kamenew an dieser Stelle Machtwille bewiesen hätte, die Geschichte einen völlig anderen Verlauf hätte nehmen können.

Der Petrograder Sowjet, der den Rat der Volkskommissare überwachen soll, wird von Trotzki, Lenin und Stalin kurzerhand entmachtet, indem sie sich selbst in ihm als stimmberechtigt ansehen. Die restlichen Bolschewiki kuschen vor ihnen. Und dies ist der Anfang vom Ende der Sowjetmacht in ihrem ursprünglichen Sinne.

Währenddessen zerfällt Russland als Staat. Die nationalen Randgebiete machen den Anfang und sagen sich los, die baltischen Staaten, Ukraine, Georgien, Armenien, Aserbaidschan. Manchen davon gelingt es für immer: Polen, Finnland.
Die Bolschewiki sehen keinen Grund, sich den Grundgesetzen der Wirtschaft zu beugen. Anstatt sich wenigstens hier vorübergehend einige Loyalitäten zu sichern, raubt der Finanzminister kurzerhand eine Bank aus und legt Lenin 5 Millionen Rubel auf den Tisch.

Um die Jahreswende nehmen Bauernaufstände und Streiks von Staatsangestellten zu. Die Tscheka unter Dzershinsky zeigt nun ihre Zähne: Sie rekrutiert zunehmend unter Kriminellen und beginnt eine Hetzjagd auf Gewerkschaftler. Wer nicht auf Linie der Bolschewiki ist, steht unter Verdacht, mit dem alten System zu sympathisieren, was Grund genug für Verhaftungen ist. Und ab Februar 1918 reklamiert die Tscheka für sich das Recht auf standrechtliche Erschießungen.

Die Wahlen vom November erweisen sich für die Bolschewiki zwiespältig: Die große Mehrheit in Russland wählt links, aber nicht-bolschewistisch, dafür aber entscheiden die Bolkschewiki die Wahlen für sich in Petrograd und Moskau.

Die Sozialrevolutionäre klagen:

"Wer sieht denn nicht, dass das, was wir haben, kein Sowjet-Regime ist, sondern die Diktatur von Lenin und Trotzki und dass ihre Diktatur auf den Bajonetten der von ihnen getäuschten Arbeiter und Soldaten liegt!"

Muss man noch sagen, dass die Zeitung, die dies veröffentlichte, kurz darauf geschlossen wurde?

Die erste Konstituierende Versammlung dauerte einen Tag, danach wurde den Delegierten der Zutritt verwehrt. Zehntausende Petrograder, unter ihnen viele Fabrikarbeiter protestierten dagegen, und die Bolschewiki ließen auf sie schießen.

Es war das erste Mal seit Februar und Juli 1917, dass Zivilisten in russischen Städten aus politischen Gründen niedergeschossen wurden, aber den Bolschewiki ließ man das durchgehen.

Das legendäre "Dekret über den Frieden" war natürlich eine zweischneidige Angelegenheit, das wusste auch Lenin. Würde man von heute auf morgen

"die Bajonette in die Erde stecken",

würde Russland überrollt. Aus der Not geboren, weckte es Begeisterung bei der kriegsmüden russischen Bevölkerung. Aber Deutschland war ebenfalls an einem Waffenstillstand gelegen, da es überall an der Front zu Verbrüderungen kam und der Regierung Nahrung und Ausrüstung ausgingen.
Die erste Delegation, die Lenin zu den Waffenstillstandsverhandlungen schickte, muss ein Haufen krasser Provokateure gewesen sein:

Karl Radek rief den deutschen Soldaten noch aus dem Zug zu, sie sollten sich gegen ihre Armeeführung erheben. Er blies den deutschen Verhandlern den Rauch seiner Zigarre demonstrativ ins Gesicht und provozierte mit der geäußerten Hoffnung auf eine baldige Revolution in Deutschland, nicht gerade eine geschickte Verhandlungstaktik, wenn man das Gegenüber dazu bringen will, durch den Krieg gewonnenes Territorium zurückzugeben und auf Reparationen zu verzichten. Lenin pfiff die Truppe zurück und setzte seinen zweiten Mann ein - Trotzki. Die Verhandlungen liefen zäh, und Trotzki zog sich zur Verhandlung mit Stalin zurück, die auf eine Debatte des Zentralkomitees. Trotzkis Position, auf Zeit zu spielen und auf eine Revolution zu hoffen, setzte sich gegen die realistische (Stalin) und die radikale (Bucharin) durch. Aber die deutsche Heeresleitung hatte die Faxen dicke. Das Ende vom Lied: Die Deutschen setzten im Februar zum Angriff an.
Innerhalb kürzester Zeit erobern die Deutschen praktisch aus der Eisenbahn heraus Minsk, Mogiljow und Narva. Petrograds Untergang und damit die Niederlage der Bolschewiki schien unmittelbar bervorzustehen.

In Qoqand wird inzwischen von muslimischen Führern die Autonomie ausgerufen, da die Sowjets den Muslimen kein Mitspracherecht einräumen wollen. Die Stadt wird belagert und nach vier Tagen eingenommen. 14.000 Muslime werden umgebracht. Nahrungsmittel werden requiriert, was eine der ersten Hungerkatastrophen zur Folge hat, in deren Folge fast eine Million sterben oder nach China fliehen.

Die Deutschen nähern sich Petrograd auf 150 Kilometer. Das Zentralkomitee und selbst Lenin wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Die erhoffte und beschworene deutsche Revolution bleibt aus. Lenin willigt in den Diktatfrieden ein, und hier ist selbst Stalin nicht mehr ganz auf seiner Seite. Und so kapituliert Russland schließlich per Funkspruch. Was Stalin Kerenski einst vorwarf - zu desertieren und die Hauptstadt den Deutschen zu überlassen, das tut er nun selbst, mit Lenin und der gesamten bolschewistischen Führungstruppe: Sie verlagern ihren Sitz nach Moskau. Für immer.
Stalin heiratet kurz vor seiner Abreise Nadja Allilujewa, die ihn vor der Revolution oft heimlich beherbergte.

Die dadaistischen Improvisationsfähigkeiten der Bolschewiki werden an den Rand ihrer Möglichkeiten getrieben. Geschützt von lettischen Grenadieren, die aus bizarren Gründen zu den Bolschewiki halten, erreicht Lenin Moskau. Nach nur einer Woche nimmt man den Kreml in Anspruch, vertreibt die verbliebenen Nonnen und Mönche aus dem anliegenden Kloster und richtet sich ein.
In dem Gerangel um annehmliche Wohnungen und Arbeitsräume muss Stalin sich geschlagen geben und kleinere Zimmer in Kauf nehmen.

Das mitgereiste Sowjet-Zentralkomitee ratifiziert im März die Kapitulation, mit knapper Mehrheit. Swerdlow war es gelungen, einige Oppositionelle auf die Seite der Bolschewiki zu ziehen. Weder gelingt es den Bolschewiki die Entente auf ihre Seite zu ziehen, von der die als deutsche Spione gehalten werden, noch können sie die abtrünnigen Gebiete halten. Stalin widerruft das Selbstbestimmungsrecht der Völker, wenn es "seine revolutionäre Bedeutung" verliert.

Julius Martow, Führer der Menschewiki, gräbt unterdessen Stalins Vergangenheit als Bandit aus und erhält dafür ein Parteiverfahren (sie sind alle noch Mitglieder derselben Partei), das für ihn zunächst glimpflich endet - mit einer Rüge. Aber Stalins Vergangenheit ist nun Thema geworden.

Die Menschewiki wurden uns in der DDR als Reformisten und als Verräter dargestellt, die "mit den Herrschenden" Burgfrieden schließen wollten. Wie lange sie sich noch über den Tisch ziehen ließen, wäre eine Tragödie für sich, wenn man nicht auch annehmen könnte, dass sie selbst radikal bis unter die Nägel waren.

Eine Bedrohung der kuriosen Art stellten die tschechischen Legionäre dar, die nach der Gefangennahme hin und her verfrachtet wurden - von Kerenski im Krieg eingesetzt, sollten sie von den Bolschewiki vertragsgemäß an die Entente ausgeliefert werden, diese aber zögerten. Und es genügte ein kleiner Anlass, dass die Legionäre revoltierten und kurzerhand einen Großteil der sibirischen Eisenbahn unter ihre Kontrolle brachten.

Sie eroberten ein größeres Territorium als irgendwer sonst während des 1. Weltkriegs.

Um nicht auch noch Moskau zu verlieren, schicken die Bolschewiki Stalin nach Zarizyn, um diesen strategischen Verkehrsknotenpunkt, zu halten und für die Bolschewiki nachhaltig zu sichern. Es wurde sein erster großer Auftrag, der ihm viele Kontakte bescherte, aber auch seine Rolle im Regime entscheidend aufwertete.

Unterdessen trachten Lenins Finanziers, die kaiserlichen Deutschen, das Reich durch "leichten militärischen Druck" zu stürzen. Mit Leichtigkeit erobern sie mehrere russische Provinzen, darunter am 1. Mai 1918 Sewastopol auf der Krim. Die Russen revanchieren sich, indem sie über ihre Botschaft in Berlin Geld an die deutschen Sozialdemokraten liefern, in der Hoffnung, dort doch noch eine Revolution auszulösen.

Dieser Vorgang entbehrt nicht einer gehörigen Ironie. Es wirkt beinahe, als flösse das Geld, das der Kaiser ein Jahr zuvor Lenin gab, nun zurück an die deutschen Radikalen geht, mit anderen Worten, als hätte der Kaiser seinen eigenen Untergang finanziert.

Und bei all dem zerfleischen sich die Revolutionäre gegenseitig. Oder besser gesagt: Die Bolschewiki arbeiten weiterhin an ihrer Monopolstellung. Die Sozialrevolutionäre werden im Juni 1918 aus dem zentralen Exekutivkomitee geworfen und ihre Zeitungen geschlossen. Maria Spiridonova, die Führerin der linken Sozialrevolutionäre unternimmt einen clever ausgeführten Putschversuch. Sie lässt den deutschen Botschafter ermorden, um Deutschland zu einem Krieg gegen die Bolschewiki zu provozieren. Und die (sozialrevolutionär dominierte) Tscheka, die eigentlich die Revolution schützen soll, verhaftet ausgerechnet ihren Führer Felix Dzershinski. Die Macht hatte auf der Straße gelegen wie wenige Monate zuvor in Petrograd.

Aber den linken Sozialrevolutionären fehlte das Entscheidende: Der Wille.

Als die tschechischen Truppen sich Jekaterinburg nahen, wird die Romanow-Familie abgeschlachtet.

Und dann geschieht im August 1918 das legendäre Attentat, das eigentlich das Schicksal der Revolution hätte besiegeln müssen: Lenin wird nach einer Rede vor Moskauer Arbeitern (Fragen werden nur schriftlich zugelassen und letztlich nicht mal beantwortet) am Ausgang niedergeschossen, angeblich von der fast blinden Fanny Kaplan, die kurz darauf hingerichtet wird.

Die Hölle brach los, und Hunderte politische Gefangene in Petrograd (meist Angehörige der zaristischen Verwaltung), wurden kurzerhand zu Geiseln erklärt und erschossen. Das bolschewistische Experiment war von Anfang an ein wahnwitziger Versuch gewesen, der zu jedem Punkt kurz vorm Scheitern stand, aber in 1918 war ein Tiefpunkt erreicht, den die Bolschewiki mit großangelegtem Terror zu übertünchen versuchten. Und das war erst der Anfang.

Montag, 21. September 2015

Stalin und ich VI - Der Egon Olsen Russlands

Kapitel 6 - Der kalmückischer Retter

Da war sie nun, die Revolution: Der Zar gestürzt, eine provisorische Regierung schnell aufgebaut. Aber die trieb vor sich her, hatte keine Vision und akzeptierte sogar das Verdikt, Produkt einer "bourgeoisen Revolution" zu sein, mithin Vorläufer der eigentlichen Revolution. Sozialistische Symbole, wie Hammer und Sichel tauchten auf, noch bevor sich die Bolschewiki ihrer bemächtigen konnten. Das Land lag in Scherben - wirtschaftlich, politisch, sozial. Und das russische Volk auf der Suche nach einem Erlöser. Und da bot er sich an: Nach siebzehn Jahren Exil, die günstige Situation kaum fassend, die politische Lage in Russland eigentlich überhaupt nicht begreifend - Lenin.

Kerenski, der von Bolschewiki und der sowjetischen Geschichtsschreibung immer als furchtbarer Reaktionär geschildert wurde, war eigentlich ein linker unter den Konstitutionalisten. Das Problem, vor dem er stand: Die provisorische Regierung hatte kaum Legitimation im Volk, war ein fragiler Haufen mit unterschiedlichen Zielen, der sich selbst über einfache Fragen nicht einigen konnte. Im Gegensatz zu den späteren Bolschewiki konnten sie auch kaum ihre Macht kräftig genug durchsetzen. Anstatt auf die alte Polizei zu setzen, schafften sie sie ab und bauten auf nicht anerkannte Volksmilizen, während Hunger und Plünderungen weitergingen. Sie entließ die alten Gouverneure (wieder eine Gruppe potentiell Verbündeter weniger), ohne eine geeignete Gegenmacht zu entwickeln. In Petrograd selbst übernahmen die Räte (Sowjets) eine Art Parlaments-Ersatz.
Bedroht wurde sie außerdem von den Rechtsextremen und dem sich abzeichnenden Verfall des Reichs an seinen Rändern - der Ukraine, dem Baltikum, dem Kaukausus. Und nicht zu vergessen: Russland stand im Krieg gegen Deutschland.
Während sich die Exekutive in detailversessenem Wahn über Gesetzesentwürfe beugte, fehlte ihr de facto die Macht, überhaupt etwas durchzusetzen. Da erschien ein Retter am Horizont der Geschichte: Der rechtsradikale Oberkommandierende Russlands, Lawr Kornilow, ein Halbgeorgier wie Stalin.

Währenddessen begann im Schatten des Chaos und der Unzufriedenheit der Bolschewismus in Petrograd zu wachsen. Die Zahl der Anhänger, historisch kaum genau zu bestimmen, schwoll an, während die Führer entweder noch im Exil saßen oder sich an einem Tisch treffen konnten. Ihre zwei großen Argumente waren die absolute Gegnerschaft gegen den Krieg und die Ausbeutungstheorie als Catch-all-Theorie.
Lenin stand vor dem Problem, die Situation nicht nutzen zu können. Er saß hinter den deutschen Linien gefangen und wenn er sie überqueren würde, stünde er als deutscher Agent da, ein Ruf, der ihm ohnehin vorauseilte, da er zur Vernichtung Russlands aufgerufen hatte. Um Russland zu destabilisieren, ließ das kaiserliche Deutschland tatsächlich Geld fließen. Zunächst hauptsächlich an die Sozialrevolutionäre, später auch an die Bolschewiki, namentlich Lenin. Ein Unterhändler klärte die Formalitäten, und dann kam es zur legendären Durchquerung Deutschlands im plombierten Zug mit Lenin, Radek, Krupskaja, Inessa Armand, Sinowjew und einigen anderen. Er erreichte Petrograd am 3. April 1917.

Die Bolschewiki stehen Lenins Forderungen nach sofortiger Revolution skeptisch gegenüber, sowohl Kamenew als auch Stalin. (Kamenew distanziert sich sogar in der Prawda von Lenins "Aprilhesen". Lenin staucht sie alle als Jammerlappen zusammen.

Eine Assoziation drängt sich für einen DDR-Sozialisierten geradezu auf - Egon Olsen. Der große Planer versprach seinen Anhängern stets das Paradies auf Erden, das so leicht zu erreichen wäre, wenn man nur klug und beherzt zu Werke schritte. Und wer war Lenin schon, wenn nicht eine Art grausamer Egon Olsen?

 

Swerdlow trifft ebenfalls in Petrograd ein und wird zum Parteiorganisator. Stalin als sein Assistent wird sich hier eine der wichtigsten Lektionen seiner Laufbahn holen: Eine auf eine Person ausgerichtete, absolut loyale Parteiorganisation aufzubauen.

Die Menschewiki beharrten auf dem bürgerlichen Charakter der Revolution und  beteiligten sich sogar an der provisorischen Regierung, was den Bolschewiki natürlich weiter Futter gab. Kerenski warnte indessen vor der Wiederholung der Fehler der französischen Revolution: Dem umgreifenden Terror Robbespierres und dem Alleinherrscher Napoleon.

Und dann versetzte die Wahl im Juni 1917 den Bolschewiki einen ordentlichen Dämpfer. Wenn auch die Mehrheit links wählte, so waren doch die "Mehrheitler" in der Minderheit (105 von 777 Delegierten). Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre gewannen dagegen 248 bzw. 285 Sitze.

Perhaps the central riddle of 1917 is why the Provisional Government decided in June to attack the Central Powers.

Russland war kriegsmüde, und die provisorische Regierung verspielte sich mit ihrer Entscheidung für eine Offensive die allerletzten Sympathien.

Die Finanzierung der Bolschewiki durch die Deutschen erwies sich als zweischneidiges Schwert: Einerseits druckten sie die Prawda in Auflagen, die in keinem Verhältnis zur Größe der Partei standen, andererseits wurden Lenin und Trotzki als deutsche Spione dargestellt und ihr Leben war somit in Gefahr. Lenin floh im Juli 1917 nach Russisch-Finnland, wo er "Staat und Revolution" schrieb, ein Werk, das die Demokratie nur als Mittel zum Zweck verniedlicht und behauptet, die Revolution müsse in jedem Falle mit Gewalt errungen werden, bis der Staat eines Tages absterbe.

Ob der Machtmensch Lenin tatsächlich daran geglaubt hat? Wahrscheinlich schon. Zynisch war er zwar, wenn es um Menschenleben ging. Aber er muss von seiner Vision überzeugt gewesen sein, sonst wäre er all diese Risiken, um als Erlöser nicht nur Russlands, sondern der Menschheit aufzutreten, kaum eingegangen. Er sah sich zwar auch als Theoretiker, aber vielmehr noch als Vollstrecker der alten Marxschen Lehre. Plechanow und Kautsky galten von nun an als Renegaten.

In Abwesenheit von Lenin, Sinowjew, Trotzki, und Kamenew (die ersten zwei im Exil, die anderen in Haft) fand der erste Parteitag seit 10 Jahren statt, geleitet von Swerdlow und Stalin. Stalin mahnt dazu, Augenmaß zu halten und nicht gleich die Weltrevolution auszurufen, sondern die einmalige Chance zu nutzen, die sich hier und jetzt in Russland bietet.

Erstmals tritt Stalin hier vor einer großen Gruppe von Bolschewiki auf. Er argumentiert mäßigend. Und der Autor meint, hier einen Beleg für Stalins Scharfsinnigkeit zu finden, die ihm für gewöhnlich abgesprochen wird.

Nur wenige Tage später findet in Moskau (!) eine Staatskoferenz mit 2.500 Delegierten der politischen, militärischen, ökonomischen und Bildungselite statt. General Kornilow präsentiert sich als der kalmückische Retter, aber letztlich scheitert die Konferenz daran, dass Kerenski weder Plan, noch Strategie, noch Ziel hat. Statt die gemäßigten Linken, die Liberalen, die Konstitutionalisten und die Nationalisten auf einen Weg zu bringen, erscheint das Ganze wie eine Parade der Zwietracht.

Three days of speechifying. Nothing institutional endured.

Zwischen Kerenski und Kornilow kommt es zum Zusammenstoß In Petrograd, wobei sich beide Putschabsichten unterstellen. Kornilow gelingt es nicht, eine anti-bolschewistische Militärdiktatur zu etablieren. Kerenski wird immer mehr erdrückt zwischen den Fronten. Denn das Militär, d.h. die Soldaten, die ihm helfen den Kornilowputsch niederzuschlagen, sind immer mehr bolschewistisch geprägt. Der als Hochverräter bezeichnete Kornilow bleibt ironischerweise Oberkommandierender des Heeres.

Nach dem Rückschlag der Bolschewiki im Juli sind sie nun wieder obenauf: Tausende werden aus der Haft entlassen, unter ihnen Trotzki. Und sie erhalten Zulauf, da die Provisorische Regierung die Nöte der Bauern und Arbeiter nicht nur nicht zu lösen vermag, sondern auch keine Vision hat, wie diese zu lösen seien. Stalin analysiert indessen, die Bourgeoisie habe ihre Funktion, die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen, nicht erfüllt, und nun sei es Zeit für die sozialistische. So sieht das auch Lenin, und drängt das Zentralkomitee zu sofortiger Revolution. Kamenew und Sinowjew stimmen dagegen, Lenin kehrt (wieder einmal verkleidet) zurück nach Petrograd, und Kamenew tritt zurück.

Als großes Glück erweist sich, dass ausgerechnet im Oktober der Allrussische Rätekongress (Sowjetkongress) stattfinden soll, so dass die Bolschewiki genügend Zeit zur Putschvorbereitung haben und den Kongress als Legitimierung ausnutzen können.

Der Akt der Revolution widerspricht so ziemlich allen Vorstellungen, die man sich von Revolutionen macht.

Red Guards - described as a huddled group of boys in workmen's clothes, carrying guns with bayonets - met zero resistance and by nightfall on October 24 controlled most of the capital's strategic points.

 

Die für die Verteidigung eingesetzten Offiziere waren betrunken, die Kadetten und das nur aus Frauen bestehende "Todesbataillon" flohen. Die Petrograder Garnison verhielt sich neutral - ein Vorteil für die Bolschewiki. Die Roten Garden "stürmten" nicht das Winterpalais, sondern kletterten über unbewachte Tore, knackten Schlösser, schlugen Fenster ein und betranken sich im wertvollsten Weinkeller der Welt.
Aber natürlich wollte man im Nachhinein mithalten mit dem großen französischen Vorbild - dem Sturm auf die Bastille.

Die Bolschewiki stellten mit der Verhaftung der Provisorischen Regierung den Sowjetkongress vor vollendete Tatsachen. Die relativ (!) gemäßigten Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren entsetzt. Der Vorsitzende der Menschewiki sagte prophetisch:

"Eines Tages werdet ihr das Verbrechen verstehen, in das ihr euch habt verwickeln lassen."

Protestierend verließen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre den Kongress und halfen dadurch letztlich den Bolschewiki, denn in diesem Moment war der Kongress das Zentrum der Macht. Wenn es noch eine Möglichkeit gegeben hätte, die Bolschewiki halbwegs zu bändigen, dann hier und jetzt.

Kalmückischer Retter? Nicht Kornilow, sondern Lenin, dessen asiatische Gesichtszüge nun tausende Delegierte erstmals sahen, inszenierte sich als solcher.

Kamenew, der Vorsitzende des Sowjet-Exekutivkomitees, versuchte, die Schäden zu minimieren: Er erklärte die bolschewistische Regierung für vorübergehend und rief die Sozialrevolutionäre auf, in den Sowjet zurückzukehren. Trotzki hingegen frohlockte triumphierend.

Lenin, so beschreibt es der Autor Kotkin, agierte aus einer Mischung aus Genialität, Glück und Ignoranz. Kaum aus dem Exil zurückgekehrt, musste er schon wieder abtauchen und war kaum in Kontakt mit seinen Revolutionskollegen. Statt Verbündete zu suchen, schaffte er sich Feinde. Und dennoch liefen die Dinge, wie er sie haben wollte und so konnte er sich als der Denker und Vollstrecker der Revolution inszenieren. Seine rechte Hand war Trotzki. Der eine hätte ohne den anderen nichts erreicht. Stalin, der harte propagandistische Arbeiter in der Vorbereitung der Revolution, hielt auf dem historischen Sowjetkongress keine einzige Rede.

The Bolshevik putsch could have been prevented by a pair of bullets.

Im Nachhinein erscheint der Putsch vielmehr als ein Putsch gegen den Sowjet als einer gegen die Provisorische Regierung, die zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum mehr handlungsfähig war.

Stalin blieb der Propagandist.

His publications explained the revolution in simple, accesible terms.

Und kurz nach der Revolution war er neben Trotzki der Einzige, dem Lenin Zutritt zu seiner Privatwohnung im Bolschewistischen Hauptquartier im Smolny gewährte.

Dienstag, 1. September 2015

Welches Deutschland wollen wir? Nein. Im Ernst!

"Die Nazis zwingen uns dazu, Position zu beziehen: Welches Deutschland wollen wir? Wie stehen wir zu den Flüchtlingen?", schreibt Peter Unfried in einem Artikel für den Rolling Stone. Der Artikel ist nett und gut und vielleicht auch irgendwie wichtig in dem Sinne, dass es einem gut tut, zu wissen, dass man mit seinem Ekel gegenüber dem Menschenhass und Terror gegenüber Flüchtlingen nicht allein ist.
Aber praktikable Antworten liefert Herr Unfried nicht. Was letztlich durch die terroristischen Angriffe auf Heime diskursiv passiert, ist eine Simplifizierung der Debatte, zugespitzt auf: Offene Grenzen oder brennende Heime.
750.000 Leute werden 2015 nach Deutschland kommen und bleiben. Sie bleiben nicht in Griechenland, Moldawien, Rumänien, sondern hier. Das ist für Deutschland ein Bevölkerungszuwachs von 1% innerhalb eines Jahres, vergleichbar mit Indien oder Bangladesh. Und es ist kaum abzusehen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert.
Ja, wir müssen dem ungeahndeten Terrorismus eine menschliche, herzliche Willkommenskultur entgegensetzen. Aber heißt das, dass wir uns nicht auch Gedanken darüber machen sollten, wie Immigration in den kommenden Jahren funktionieren soll?
Welche Rolle soll das Flüchtlingsrecht spielen? Soll das innerhalb der EU nach dem Prinzip des geringsten Widerstands laufen? (Wer am wenigsten politischen Widerstand gegen Flüchtlinge aufbaut, muss sie eben übernehmen.) Sollen die südlichen Grenzländer mit ihren unzureichenden Auffanglagern die Abschreckungsbastion bleiben? Sollen die bockigen Länder Polen und Großbritannien aus der Verantwortung genommen werden?
Welche Rolle soll das deutsche Asylrecht spielen? Wieviel Einzelfallprüfung ist in Ländern des Westbalkan überhaupt möglich? Gibt es bei den Fehde-Morden keine "inneren Fluchtmöglichkeiten"? Und soll man dann diese Länder gleich zu sicheren Herkunftsländern erklären? Wäre das nicht auch eine Entlastung für die Justiz, die sich auch um Prüfungen aus Eritrea, Syrien, Nigeria kümmern muss? Oder könnte man nicht gleich sagen: Egal - in 10 Jahren sind Serbien und Mazedonien sowieso in der EU, dann können wir deren Einwohnern der Einfachheit halber auch gleich die Freizügigkeit gewähren?
Und ist es nicht auch sinnvoll, einigen Einwanderern, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen, das zu gestatten, ohne dass sie um Asyl bitten müssen?
In den letzten Wochen wurde immer wieder auf die Verwaltungen, die Regierungen und Einzelverantwortliche gezeigt, die mit der Situation nicht angemessen umgingen. Ist das nur Unwillen oder ist es nicht auch einfach eine krasse Situation? Wie soll das im nächsten Jahr aussehen? Und im übernächsten?
Unfried schreibt als Pointe: "Je mehr Flüchtlinge wir integrieren, desto deutscher sind wir." Und wieviele Menschen kann man jährlich halbwegs integrieren? Wieviele Flüchtlinge sind denn jung und/oder talentiert genug, Deutsch zu lernen? Das schaffen ja oft nicht mal die jahrelang hier lebenden US-Amerikaner.
Wievielen kann man die vielen kleinen Kulturschocks zutrauen, zum Beispiel den dass in Deutschland das Schlagen von Kindern illegal ist?
Können wir in den Großstädten das Problem der Segregation wirklich handhaben? In Berlin wird in einigen Gymnasien mit über 95% Migrationshintergründlern den Kindern unabhängig von ihren Fähigkeiten das Abitur hinterhergeworfen, um ihnen eine Chance zu geben, weil ihre Halbmotivation immerhin noch reichte, überhaupt aufs Gymnasium zu wollen.
Und wenn wir nach praktischen Lösungen suchen, sollte man sicherlich auch die Waffenexportpolitik überdenken. Aber welchen Anteil hat denn die deutsche Außen- und Außenhandelspolitik am Syrienkonflikt wirklich? Das klingt immer so schlauköpfig, "denen da oben" vorzuwerfen, sie hätten das mit Assad völlig anders angehen sollen.
Welches Deutschland wollen wir? Wie offen soll Deutschland sein? Gute Fragen. Und ich habe keine Antworten darauf. Meine "offene Grenzen für alle" fordernden Freunde haben ja zum Teil schon Schwierigkeiten mit der Proll-Kultur außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings. Sie sind erschrocken, wenn ich ihnen sage, dass ich mit meinem kleinen Sohn ins Kreuzberger Prinzenbad gehe.
Und noch was: Ich habe einen Riesen-Respekt vor allen, die derzeit Flüchtlingen praktisch helfen.