Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 16. April 2014

462., 463., 464., 465. Nacht

462. Nacht

Schehrezâd wiederholt die letzte Sequenz der Geschichte:

Nun staune, o König, über die Beredsamkeit dieser Sklavin, über ihr reiches Wissen, ihren Verstand und ihre vollendete Bildung in allen Wissenschaften und den Künsten! Und bedenke auch die Großmut des Beherrschers der Gläubigen Harûn er-Raschîd. (...) Wo fände man wohl nach dem Abassidenkalifen noch solche Freigebigkeit? Die Barmherzigkeit Allahs walte über sie alle jederzeit.

Aber wir wissen schon jetzt, dass König Schehrijâr noch weitere 539 Nächte brauchen wird, um den Wink zu verstehen oder verstehen zu wollen: Beredsame Sklavin! Großmütiger Herrscher! Mein Gott, so schwer ist das doch nicht!

*

Ferner wird erzählt

Die Geschichte von dem Engel des Todes vor dem reichen König und vor dem frommen Manne

Einer von den Herrschern der Vorzeit

gemeint ist wohl die vorislamische Zeit

reitet in großem Prunk aus, stolz und übermütig. Ein alter Mann in zerrissener Kleidung nähert sich ihm und legt die Hand an seine Zügel:

"Ich bin der Engel des Todes; ich will deine Seele holen!"

Eine Frist sich zu verabschieden, gewährt ihm der Tod nicht.
Einem Frommen hingegen, der mit der Welt in Einklang lebt, gewährt er die Bitte, noch einmal beten zu dürfen.

Auch das kann eigentlich - so kurz nach der letzten Geschichte - als Warnung an König Schehrijâr verstanden werden.

*

Die Geschichte vom Engel des Todes vor dem reichen König

Nachdem ein König riesige Güter angehäuft hat, versammelt er seine Angehörigen und Diener zu einem Mahl, denn jetzt könne er sich endlich seines Wohls erfreuen.

*

463. Nacht

Auch hier tritt der Engel des Todes hinzu, und auch hier wird eine letzte Frist oder eine Ersatzperson verweigert:

"Ich bin nur deinetwegen gekommen, um dich zu trennen von den Gütern, die du gesammelt und aufgespeichert hast"

Daraufhin verflucht der König seinen Reichtum.

Nun antwortet der Reichtum (sic!)

"Warum verfluchest du mich? Verfluche dich selber! Allah (...) gab mich in deine Hand, auf dass du dir durch mich eine Wegzehrung schüfest für dein Leben im Jenseits und von mir den Armen und Bedürftigen und Elenden Almosen gäbest..."

Und so stirbt der König, ohne von den Speisen gekostet zu haben.

*

Die Geschichte vom Engel des Todes und dem König der Kinder Israel

Ein jüdischer König sitzt auf dem Thron und auch hier erscheint ein hässlicher Mann, der sich als der Engel des Todes entpuppt:

"Ich bin es, der die Freuden schweigen heißt und der die Freundesbande zerreißt."

Die Formel, mit der hier so viele Erzählungen enden; ähnlich unserem "und wenn sie nicht gestorben sind..."

Der jüdische König bittet um eine Frist,

"damit ich das Geld, das in meinen Schatzkammern ist, seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgeben kann!" (...) "Weit gefehlt! Das ist dir nicht mehr möglich."

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464. Nacht

"Du gehst zu dem Zorne des Allgewaltigen ein." (...) Da erhob sich ein Getöse unter dem Volk seines Reiches, die Stimmen erklangen, und Weinen und Schreien erschollen.

An dieser Stelle gibt es seltsamerweise zwei Bleistift-Markierungen in meiner Ausgabe, die (so vermute ich zumindest) nicht von mir stammen, die aber auch kurios sind: "Weinen und Schreien" mit gewelltem Unterstrich und Fragezeichen an der Seite. Was ist so unverständlich oder fraglich an dieser Passage?

*

Die Geschichte von Iskandar Dhû erl-Karnain und dem genügsamen König

Mit "Iskandar Dhû el-Karnain" wird hier Alexander der Große bezeichnet.


"Alexander, der Zweigehörnte"

Auf seinen Reisen kommt Iskandar Dhû erl-Karnain an einem sehr armen Volk vorbei, das sich von "Gräsern und Kräutern" ernährt und seine Toten direkt vor den Toren der Stadt beerdigt und die Gräber vom Staub befreit.
Iskandar befragt den König, warum sie das so täten. Dieser antwortet, so

"schwindet auch die Liebe zur irdischen Welt aus unseren Herzen, und wir werden nicht durch sie von dem Dienste unseres Herrn, des Erhabenen abgelenkt."

Auf die Frage nach dem Veganismus, bekommt er die bemerkenswerte Antwort:

"Weil wir es verabscheuen, unsere Leiber zu Gräbern von Tieren zu machen."

Das Angebot Iskandars, sein Wesir zu werden, lehnt der König des armen Volkes ab:

"Weil alle Menschen deine Feinde sind um deines Reichtums und des Besitzes willen, der dir verliehen war; alle aber sind in Wahrheit meine Freunde wegen der Genügsamkeit und meiner Armut, dieweil ich keinen Besitz habe und auch nichts Irdisches begehre; danach trage ich kein Verlangen."

*

Die Geschichte von dem gerechten König Anuscharwân

Anuscharwân lässt in seinem Königreich verbreiten, er sei krank und könne nur durch einen alten Lehmziegel aus einem zerfallenen Dorfe gerettet werden. Man findet keinen, und Anuscharwân ist zufrieden.

"Da (...) ein jeder Ort bewohnt ist, so steht es gut um das Reich, die beste Ordnung herrscht in allen Dingen, und so konnte die Kultur es zur höchsten Vollkommenheit bringen."

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465. Nacht

Schehrezâd fährt, nachdem die Anekdote eigentlich schon beendet ist fort, Schehrijâr zu belehren.

Wisse drum, o König - so fuhr Schehrezâd fort - dass (...) es unzweifelhaft wahr ist, was die Gelehrten verkünden und wir in den Aussprüchen der Weisen finden, nämlich: die Religion hängt vom König ab, der König von den Truppen, die Truppen vom Staatsschatze, der Staatsschatz von der Wohlfahrt des Landes, und die Wohlfahrt des Landes von der gerechten Behandlung des Untertanenstandes...

*

Die Geschichte von dem jüdischen Richter und seinem frommen Weibe

Ein Richter reist auf Pilgerfahrt nach Jerusalem und vertraut seinem Bruder auch seine Frau an, der sie, sobald der Richter fort ist, zum Ehebruch nötigen will. Sie wehrt sich, und er bezichtigt sie mit bestochenen Zeugen, Ehebruch getrieben zu haben.

Dieses Muster ist doch teilweise heute noch bekannt.

Man steinigt sie, aber ein barmherziger Wandersmann hört nachts das Stöhnen der Frau, die die Steinigung überlebt hat, nimmt sie zu sich und seiner Familie und pflegt sie gesund. Er gibt ihr sein Kind, damit sie sich nächtens seiner annehme. Doch eines Nachts schleicht sich ein "Schelm" ein, um sie zu verführen. Als sie sich weigert, will er sie erstechen, trifft aber aus Versehen das Kind.
Die Mutter des Kindes verdächtig die Frau des Richters des Kindsmordes und versucht, sie zu erschlagen, diese kann aber flüchten.
Auf ihrem Weg kommt sie in ein Dorf, wo man einen Mann an einem Baum gekreuzigt hat. Sie bietet die wenigen Dirhems, die sie bei sich trägt als Lösegeld an. Er wird abgenommen und sie heilt ihn.

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

 

Dienstag, 15. April 2014

Sollen wir am Karfreitag die Beine still halten? 457., 458., 459., 460. Nacht

Erst zwanzig Jahre nach der Wende erfuhr ich von einer Kollegin vom sogenannten Tanzverbot, das in Hessen am Karfreitag herrsche. Bei aller Überraschung tat ich das damals als lokale Rechts-Schrulle ab. Man stößt ja immer wieder mal auf antiquierte Paragrafen, die noch irgendwo herumgeistern und die keinen interessieren, einfach weil sie so gut wie nie zur Anwendung kommen. Aber ich musste erstaunt feststellen, dass es diese seltsame Regel nicht nur in Hessen gibt, sondern in allen Bundesländern. Teilweise durchaus restriktiv und extensiv: Manchmal sind Sportveranstaltungen verboten, in einigen Bundesländern, wie Nordrhein-Westfalen auch Kabarett-Shows und Komödien. Die Restriktionen sind nicht auf Karfreitag beschränkt. In Bayern darf am Aschermittwoch nicht getanzt werden. In Baden-Württemberg ist Tanzen für achtzehn Tage im Jahr untersagt. Das schließt ein: Neujahr, Heilige Drei Könige, Himmelfahrt, Pfingstmontag (Haben die Jünger zu Pfingsten nicht auch getanzt?).
Eine ausführliche Liste der "stillen Feiertage" geordnet nach Bundesländern findet sich hier.
In Berlin betrifft das Verbot den Karfreitag, den Volkstrauertag und den Totensonntag, jeweils zwischen 4 und 21 Uhr. Bei den letzten beiden weiß ich nie, wann sie stattfinden. Ich höre immer nur am jeweiligen Tag im Radio davon.
Betroffen sind übrigens auch "in Räumen mit Schankbetrieb musikalische Darbietungen jeder Art". Und das betrifft mich nun persönlich. Mit ein bisschen mehr Geld in der Tasche oder einer robusten Rechtsschutzversicherung würde ich mich da gern mal selbst anzeigen und mich dann bis nach Karlsruhe durchklagen. Die Polizei in Berlin scheint das Ganze auch eher locker zu nehmen. Mir ist zumindest kein Fall bekannt, wo eine Party gesprengt wurde.
Für den diesjährigen Karfreitag kündigt die zitty ca. 75 Partys an. (Konzerte und Theaterstücke mit Musik nicht eingerechnet.) Davon fängt ein Viertel zur inkriminierten Zeit vor 21 Uhr an. Sollte man die alle mal anzeigen, um die Debatte mal voranzutreiben?
Zur Klarstellung: Es ist ja völlig in Ordnung, die Stille des Karfreitags der christlichen Minderheit in Berlin zu schützen. Und ich hielte es auch für unangemessen, an diesem Tag ein Straßenfest vor einer Kirche auszurichten. Aber warum sollte ein Christ (wieviele Christen halten sich eigentlich an das Gebot der Stille?) davor geschützt werden, wenn in einem "Raum mit Schankbetrieb" Musik dargeboten wird? Welches Szenario schwebte da dem Gesetzgeber vor Augen? Der arme Christ will am Karfreitag noch ein Bierchen trinken gehen, da betritt er die Fire Bar Mitte und muss zu seinem Schrecken feststellen, dass in diesem Musik-Schuppen die Daddy'O-Party läuft? Oder soll hier vielmehr ein angenommener Wert allen Nicht-Christen aufgezwungen werden, in der faulen Annahme, Deutschland sei christlich?
In einer mir bekannten Comedy-Truppe wurde letztens diskutiert, ob man am Karfreitag den Black-Humor-Abend spielen dürfe. Sie entschieden sich dagegen, mit der Begründung, es könne die Gefühle der Religiösen verletzen. Wie zum Donner sollte das gehen? Kann man sich einen hypersensiblen Christen vorstellen, der am Karfreitag in eine "Black Humor Show" geht und sich dann wundert, dass dann genau das aufgeführt wird? Wer wegen der Ermordung seines Heilands traurig ist, geht doch nicht tanzen oder in eine Comedy-Show. Schlimmer noch als die rechtlichen Vorschriften, die, wie ich unrecherchiert vermute, noch aus der Weimarer Republik oder gar dem 19. Jahrhundert stammen, ist das vorauseilende Katzbuckeln gegenüber religiösen Gefühlen von nicht einmal anwesenden Personen.
In welcher rechtlichen Welt leben wir denn, wenn religiöse Gruppen Handlungen von Personen juristisch verbindlich vorschreiben können? Ich möchte ja bezweifeln, dass die Mehrheit der deutschen Christen diese Gesetze für angemessen halten. Niemand, der nicht tanzen will, wird durch eine Tanzveranstaltung gestört. Niemand, dem am Karfreitag nicht nach Komödien zumute ist, wird gezwungen, sich solche anzuschauen, noch wird seine Religionsausübung in irgendeiner Weise dadurch gemindert, dass jemand anders irgendwo tanzt oder sich amüsiert, während unser Christ betet.
Wir haben es hier nicht einmal mit einem ethischen oder juristischen Dilemma zu tun. Anders gesagt: Wir müssen nicht einmal die Rechte des stillesuchenden Christen gegen die Rechte aller anderen - also der Nicht-Christen und der Christen, die am Karfreitag keine Stille suchen - abwägen. Es ist die in Westdeutschland im Grunde seit der Gründung der Bundesrepublik bestehende Annahme, das Land sei irgendwie christlich verfasst, die uns immer wieder mit abstrusen Normen konfrontiert. Da werden Paragraphen im Nachhinein so eng konstruiert, dass auch ja keine muslimische Lehrerin mit den Schülern konfrontiert wird. Nonnentrachten und Kruzifixe hingegen waren jahrzehntelang kein Problem. Dass zur Religionsfreiheit auch die negative Religionsfreiheit gehört (grob gesprochen: das Recht, von Religion in Ruhe gelassen zu werden), wird immer wieder von Gesetzgebern ignoriert. Mit dem Problem konfrontiert, berufen sie sich dann gern auf die "christliche Prägung" des Abendlandes. Abgesehen von der Fraglichkeit dieser Terminologie (Was heißt "Prägung"?, Hat nicht auch gerade die Aufklärung das "Abendland" geprägt?) - wir haben eine ziemlich moderne Verfassung und Rechtsordnung. Wo will man denn hin?
***

457. Nacht
Nach nur wenigen weiteren Antworten gibt sich der Astronom (/Astrologe) geschlagen und gibt sein Gewand ab. Harûn er-Raschîd lässt den Philosophen antreten. Dieser fragt ein paar Definitionen ab: Zeit, Unglaube usw. Daraufhin auch noch Fragen zum Islam, die eher wie Rätsel anmuten:
"Nenne mir die fünf, die da aßen und tranken und doch nicht aus Lenden und Mutterleib hervorgegangen waren." "Adam, Simeon, die Kamelin des Sâlih, der Widder Ismaels und der Vogel, den Abu Bakr der Wahrhaftige in der Höhle sah."
Es folgen echte Rätsel und Knobelaufgaben, die die Bezeichnung "Philosophie" nicht verdienen.
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458. Nacht
Nach einigen weiteren Rätseln gibt auch der "Philosoph" auf und legt sein Gewand ab.
Schließlich muss en-Nazzâm, der Statthalter er-Raschîds in Basra, selbst ins Gefecht mit Tawaddud.
"Bei Allah", rief er, "wahrlich, ich werde dich sicher besiegen und zum Gerede der Leute machen, auf dass man von Geschlecht zu Geschlecht über dich spricht!" Die Sklavin antwortete ihm: "Tu Buße im voraus für deinen Meineid!"
Mit der religiösen Beteuerungsformel seines Schwurs lehnt sich en-Nazzâm tatsächlich weit aus dem Fenster.
Auch seine Fragen sind eher banale Fragen zur Heiligen Schrift oder gleichen Rätseln:
"Tu mir kund, welches dein Anfang und dein Ende ist!" "Mein Anfang ist ein Tropfen schmutziger Flüssigkeit, mein Ende ist ein Leichnam, der Verwesung geweiht. Mein Anfang ist Staub, und mein Ende ist Staub, wie der Dichter gesagt hat:
Aus Staub geschaffen wurde ich zum Menschen
Und ward in Frag und Antwort sprachgewandt;
Ich kehre heim und bleibe in dem Staube,
Dieweil ich früher aus dem Staub entstand."
(...) "Sage mir, welches Weib wurde allein vom Manne und welcher Mann allein vom Weibe geboren." "Eva von Adam und Jesus von Maria."
Dass die Muslime die Jungfrauengeburt der Christen akzeptieren, war mir bis eben neu. Sure 3,47. Oder hier der Wiki-Artikel.
Weiter geht es mit Rätseln und Fragen auf dem Niveau von Kreuzworträtsel-Wissen:
"Wieviel Worte sprach Gott zu Mose?"
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459. Nacht
Weiter mit Rätseln und Vers-Rätseln.
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460. Nacht
Schließlich stellt en-Nazzâm ihr eine Falle:
"Sage mir, wer ist vortrefflicher, Alî oder el-Abbâs?"
Es liegt nahe, Alî zu antworten, aber mit dieser Antwort könnte sie den Kalifen Harûn er-Raschîd beleidigen, der praktisch ein Nachfolger des el-Abbâs ist und zur Dynastie der Abbasiden gehört.
Er-Raschîd bemerkt ihr Zögern und erlässt ihr die Antwort. Nachdem en-Nazzâm ihr gut zwanzig Fragen am Stück gestellt hat und sie diese am Stück beantwortet, muss auch er sein Gewand ablegen.
Und er [der Beherrscher der Gläubigen] ließ Meister des Schachspiels, des Kartenspiels und des Tricktrackspieles kommen.
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461. Nacht
Sie spielen drei Mal Schach. Einmal schnell, einmal langsam, und einmal gibt Tawaddud ihm Vorsprung, indem sie ohne Dame, ohne den rechten Turm und ohne den linken Springer antritt. Sie gewinnt jedes Mal mit den schwarzen Figuren.
Auch den Tricktrack-Spieler schlägt sie.
Tricktrack - eine alte Form des Backgammon
Da stand er auf, indem er unverständliche Worte in fränkischer Sprache murmelte, und sagte dann: "Bei der Gnade des Beherrschers der Gläubigen: ihresgleichen gibt es in der ganzen Welt nicht wieder."
Schließlich betört sie noch alle mit Gesang und dem Spiel auf einer alten, ausgeleierten Laute, der sie aber bezaubernde Töne entlockt.
Der Kalif schenkt ihrem Herrn hunderttausend Dinare und gewährt ihr eine Gnade. Sie erbittet sich die Freiheit, und auch dies wird ihr gewährt mit fünfzigtausend weiteren Dinaren obendrein.

Dienstag, 8. April 2014

Öffentlicher Raum in der Stadt (Amanda Burden) - 453., 454., 455., 456. Nacht

Worum geht es in einer Stadt überhaupt? Was ist das Entscheidende, wenn man Stadtplanung betreibt?
Ich war fünf Mal in New York City: 1997, 2003, 2009, 2010 und 2011. Der Unterschied, den die Stadt zwischen 2009 und 2011 gemacht hat, war selbst für meine ungeschulten Augen gewaltig: Im Süden Manhattans kann man nun bequem aufs Wasser sehen. Es gibt den neuen legendären Park auf der Highline - einer stillgelegten Bahnstrecke. Das Beeindruckendste aber war, dass in der engen Innenstadt von Manhattan, wo sich die Autos hindurchquälten, man das Autoproblem löste, indem man den Autos Spuren wegnahm! Fußgängerzonen mit Stühlen, Sandkästen, Bäumchen. Auf den Avenues gab es Radspuren! Radspuren!! Und das in einer Stadt, wo die einzigen Radfahrer lebensmüde Fahrradkuriere waren. Mit anderen Worten: Die Radspuren wurden geschaffen, als es für sie noch gar keinen Bedarf gab. Man hat den Bedarf für Fahrräder erzeugt.
Hinter all dem steckt eine Stadtplanerin namens Amanda Burden, deren erstes großes Projekt der Battery Park war. Es geht, so Burden, wenn man eine Stadt plant, nicht um die geometrisch-hübschen Ideen der Designer, sondern um die Perspektive der Menschen, die sich in den geschaffenen Räumen aufhalten. Oder in ihren Worten: "[As a city designer] you don't tap into your design expertise, you tap into your humanity."
Man schaue sich die riesigen Freiflächen vor den modernen Bürotürmen an. Wer sitzt da schon gern, selbst wenn eine barmherzige Seele ein paar Bänke hingestellt hat?
Parks errichten, die man nutzen kann, Fahrradspuren für künftige Radfahrer, die Wasserseiten für die Bewohner zugänglich machen, Fußgängerzonen erschaffen, die nicht nur Freiluft-Einkaufszentren sind - für all das braucht man einen langen Atem und Mut. Mut, Investoren auch mal Nein zu sagen. Mut, es sich mit Wählergruppen (wie etwa Autofahrern) kurzfristig zu verscherzen.
Im Vergleich zu New York City ist Berlin gesegnet mit vielen Parks und Freiflächen. Aber man sollte diese nicht als gegeben hinnehmen. Was hätte man z.B. aus dem Regierungsviertel machen können! Die Verkehrspolitik lässt sich in Berlin seit über 50 Jahren von der Autofahrerlobby diktieren. Ich erinnere daran, dass einmal die Straßenbahn durch die gesamte Stadt fuhr. Die Oberbaumbrücke wurde damals nach ihrer Rekonstruktion eröffnet mit der Option, die Straßenbahn mindestens bis zum Schlesischen Tor zu verlängern. Die Gleis-Ansätze sind letzte Zeugen dieses Plans. Die A100 ist zum Prestige-Projekt des Regierenden Bürgermeisters geworden. Die gesamte Debatte über dieses Projekt ist derart ideologisch kontaminiert, dass eine rationale Debatte kaum mehr möglich ist. Jeder will schnell von A nach B kommen und Ruhe vor der eigenen Haustür. Aber beides ist eben nicht gleichzeitig zu haben. Fragt man aber die Stadtbewohner nach Prioritäten, so bevorzugen doch die meisten das ruhigere Wohnen. Die durchschnittliche Geschwindigkeit eines Autos im Stadtverkehr beträgt ohnehin meist nur um die 30 km/h. Schadete es da, gleich in allen Wohngebieten Tempo-30-Zonen einzurichten? Das Ganze natürlich gekoppelt an einen Ausbau des Nahverkehrsnetzes. Wenige werden ihren Auto-Kaufwunsch revidieren, wenn sie außerhalb des S-Bahn-Rings mehr als 15 Minuten auf den Bus warten müssen und dieser dann auch noch mit 15 km/h durch die Gegend zuckelt. (Viel schneller als 20 geht ja auch nicht, da die stehenden Passagiere sonst gefährdet sind.)
Ein weiteres Beispiel für die ideologische Verkrustung der Berliner Debatten ist die Diskussion um das Tempelhofer Feld. Der Senat will Wohnungen bauen. Das ist an sich keine üble Sache. Das Feld ist tatsächlich so groß, dass es Wohnungsbau vertragen könnte, und Wohnungen braucht Berlin, gerade in der Innenstadt, zu der man Nord-Tempelhof, wenn man großzügig ist, ja noch zählen kann. Aber was sonst? Abgesehen vom Problem des sozialen (oder eben nicht-sozialen) Wohnungsbaus bleibt die Frage völlig unbeantwortet, was mit dem Tempelhofer Feld passieren soll. Die Hauptstadtbibliothek? Ach mein Gottchen! Das soll ein Konzept sein?
Aber auch die Bebauungsgegner haben sich bisher nicht besonders von der kreativen Seite gezeigt. Am Besten alles so lassen wie es ist? Wer diese Betonfläche behalten will, muss ein eingefleischter Kite-Roller sein. Ansonsten gibt es doch keine Beschäftigung, die nicht ein bisschen Grün vertragen könnte.
Vor allem müssen groß-kommerzielle Interessen draußengelassen werden. Ein, zwei lizenzierte Cafés, keine Ketten, keine Konzerne, kein Trash.
 
***

453. Nacht
Auf die Frage nach der "Gemeinschaft von Mann und Weib" antwortet die keusche Tawaddud erst, nachdem sie der Kalif dazu auffordert.
"Sie erleichtert den Körper, der voll schwarzer Galle ist, sie beruhigt die Liebesglut, führt zu herzlicher Neigung, weitet das Herz und verscheucht die Trauer der Einsamkeit. Ausschweifung im Liebesgenusse ist in den Tagen des Sommers und der Herbstes schädlicher als zur Zeit des Winters und des Frühjahrs. (...) sie verbannt Sorge und Unruhe, beruhigt das heiße Verlangen und den Zorn und ist gut gegen Geschwüre. (...) Man hüte sich vor der Gemeinschaft mit einem alten Weibe, denn die führt zum Tode." (...) "Und welches ist die beste Liebesgemeinschaft?" "Wenn die Frau noch jung an Jahren ist, von Wuchse zierlich, von Antlitz lieblich, mit schwellender Brust und sich einer edlen Absicht bewusst."
Das beste Gemüse seien Endivien, die trefflichsten Früchte Granatäpfel und Limonen, die am lieblichsten duftenden Blumen Rosen und Veilchen.
"Wie entsteht der Same des Mannes?"
Die abenteuerliche Antwort ist ein Zitat wert:
"Es gibt im Manne eine Ader, die alle anderen Adern speist. Nun wird der Saft aus den dreihundertsechzig Adern gesammelt, dann tritt er als Blut in den linken Hoden ein; dort wird er durch die Hitze des angeborenen menschlichen Temperamentes zu einer dicken, weißen Flüssigkeit abgekocht, deren Geruch gleich der Palmenblüte ist."
Gut, dass man nun weiß, wie die Palmenblüte riecht. Unklar bleibt, wozu in dieser Lehre der rechte Hoden dient.
Der Arzt ist erschöpft und Tawaddud besteht wieder darauf, auch ihm eine Frage zu stellen.
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454. Nacht
Sie stellt ihm ein seitenlanges Rätsel, dessen Lösung "Knopf und Knopfloch" lautet.
Danach muss sie sich einem Astronomen stellen. Dieser fragt sie nach den Hemisphären und den achtundzwanzig Stationen des Mondes.
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455. Nacht
Nach den Planeten befragt nennt Tawaddud:
"Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn."
Neptun und Pluto fehlen, da sie erst im 19. bzw. 20. Jahrhundert u.Z. entdeckt wurden.
Weiter schreibt sie den "Planeten" Häuser und Aszendenzen zu. Der Astronom fragt sie außerdem, ob es morgen Regen gebe. Tawaddud schweigt, und als der Kalif auf einer Antwort besteht, antwortet sie:
"Ich wünsche, dass du mir ein Schwert gibst, mit dem ich ihm den Kopf abschlage; denn er ist ein Ketzer."
Sie begründet das damit, dass die Wettervorhersage eines der fünf Dinge ist, deren Wissen Allah vorbehalten ist. Der Astronom zieht sich darauf zurück, er hätte sie "auf die Probe stellen wollen."
Weiter fährt sie fort, astrologische Vorhersagen zu treffen, abhängig davon, an welchem Wochentag das Jahr beginnt, beginnend mit dem Sonntag.
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456. Nacht
Sie fährt fort mit ihren vom ersten Tag des Jahres abhängigen Vorhersagen, die unter anderem
den Gedeih von Früchten und Korn
  • die Herrschaft der Könige
  • die Zufriedenheit des Volkes
  • die Rechtschaffenheit der Verwalter
  • die Gesundheit der Tiere und Menschen
  • den Preis bestimmter Lebensmittel
  • die Bevorzugung bestimmter Bevölkerungsgruppen

betreffen.


Sonntag, 6. April 2014

Top Blues Musicians - 449., 450., 451., 452, Nacht

Meine Top 6 Blues Musiker

Lightnin Hopkins

Lighnin' Hopkins war ein zufälliges Kennenlernen. In einem Plattenladen in Camdem-Market fand ich im Juli 1993 ein Platte, deren Cover mich so ansprach, dass ich dachte: Wenn es einen guten Blues-Musiker gibt, dann muss es dieser Typ sein. Ich hatte recht.

 

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Billie Holiday

Billie Holiday war die erste Musikerin, von der ich eine Schallplatte nach der Wende kaufte: Da sie vor allem mit Jazz-Musikern auftrat und aufnahm wird sie auch selber eher in diese Ecke gestellt. Und doch liegt ihr der Blues im Blut. Und so sehr ich die Größe einer Ella Fitzgerald auch anerkenne - mein Herz gehört Billie Holiday. Und das Lied, das sie hier singt, lässt jeden erzittern, der ein Herz und ein Ohr hat.

 

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Janis Joplin

Auch Janis Joplin gilt als Grenzgängerin. Ich kannte ihre großen Hits, als ich (ebenfalls 1993 in London) auf einem ollen Kassettenrekorder die Aufnahme von "Silver Threads..." hörte. Country-Blues - da kommt die Dame her.

 

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Jesse Fuller

Und dieser Mann war für mich die große Blues-Überraschung überhaupt. Blues, das allenfalls selbstspöttische, aber doch eher traurige Genre wurde zur lustigen Melodie, die einen herzzereißenden Text wiedergab. Und man nahm es ihm ab. Fuller hatte in Kalifornien vom Schuhputzer bis zum Statisten alle Jobs durch, um dann im Alter von 60 Jahren noch eine kurze Blitzkarriere hinzulegen. Es gibt ein Filmchen, wo er vor den großen Blues- und Jazzgrößen seiner Zeit spielt. Ein kleines Publikum, und sie hören ihm alle bedächtig zu.

 

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Howlin' Wolf

Über Howlin' Wolf bin ich komischerweise in Russland gestoßen. Den hatte ich bisher übersehen, die London Howlin' Wolf Session bis dahin nicht für voll genommen. Auf dieser Raubpressung sprang mich ein aggressiver rhythmischer Blues an, wie ich ihn vorher nicht gehört hatte.

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Mick Jagger

Es mag seltsam scheinen, aber er ist für mich der weiße Blues-Sänger. Ja, er hat auch Rock'n'Roll gesungen, sich weit in den Pop-Bereich begeben. Aber an den jungen Jagger in den frühen Stones reicht für mich kein anderer weißer Blues-Sänger heran.

 

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John Lee Hooker

Mit ihm hat für mich alles angefangen. Ich weiß nicht mehr, mit welchem Lied. Mit ihm hört es wahrscheinlich auf. Ich habe seine Lieder rauf und runter gehört: Lil' Schoogirl, Mean Black Snake, Boom Boom usw. Ich liebe vor allem seine Folk Blues Sachen, denen man das Elektrische schon anhört. Und die letzte Platte "Boogie Chillen'" - was für ein großartiger Abgesang! Obwohl für eine Bluesplatte reich instrumentiert ist sie nicht überproduziert. Hooker bleibt er selbst.

 

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Big Bill Broonzy

 

Die Wurzeln des Blues verkörpert für mich - vielleicht noch neben Blind Lemon Jefferson - Big Bill Broonzy. Leicht die Schwere des Lebens besingen. Vor seinem Tod hat er darauf insistiert, dass auf seinem Grabstein nur ja nicht "Jazzmusiker" stünde.

 

Es gibt einige "große" Bluesmusiker, die hier nicht auftauchen - einfach weil ich mit ihnen nichts anfangen kann - vor allem Eric Clapton und B.B.King. Man verzeihe mir.

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449. Nacht

Der Rechtsgelehrte legt sein Gewand ab und nun geht es an die Physiologie. Tawaddud gibt unter anderem Auskunft über die Anzahl der Knochen, die Zusammensetzung Adams aus den vier Elementen, die inneren Organe des Menschen.

"Gut! Nun sage mir, wieviel innere Kammern sind im Kopfe des Menschen?" "Drei; und sie enthalten fünf Kräfte, die man die inneren Sinne heißt, das sind der gesunde Menschenverstand, die Einbildungskraft, das Denkvermögen, die Vorstellungskraft und das Gedächtnis."

Sie könnte fast in die moderne Hirnforschung einsteigen.

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450. Nacht

Details des Knochengerüsts kommen auf anderthalb Seiten zur Sprache. Interessant außerdem folgende Auskunft:

"Die Leber ist der Sitz des Mitleids, die Milz des Lachens, die Nieren sind der Sitz der List. Die Lunge dient als Fächer, der Magen als Vorratskammer, und das Herz ist der Stützpfeiler des Leibes."

Über Hinweise für die Annahmen zu Nieren und Leber wäre ich dankbar.

Tawaddud nennt außerdem diverse "äußere Symptome".

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451. Nacht

Nachdem die Sklavin auch die inneren Symptome benannt hat, bringt sie medizinisch begründete Speiseregeln zur Sprache: Kopfschmerzen entstünden, wenn man satt etwas esse.

"Wer also lange leben möchte, der nehme sein Frühmal frühe und Nachtmahl nicht spät, er sei sparsam im Verkehr mit Frauen und gerbauche wenig, was schädlich wirken kann. (...)"
"Nun gib mir Auskunft über die Zeit, wann das Einnehmen der Arzneien am nützlichsten ist!" "Wenn der Saft im Holze rinnt, wenn die Beere in der Traube Gestalt gewinnt, wenn die beiden Glückssterne aufgegangen sind, dann ist die günstigste Zeit genaht, um Arzneien zu trinken und die Krankheit von sich zu winken."

Außerdem zitiert Tawaddud Galen, der zu langsamem Verzehr von Speisen riet.

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452. Nacht

Sie fährt fort:

"Der Magen ist das Haus der Krankheit, und Diät ist der Heilung Anfang; denn der Ursprung aller Krankheit ist Indigestion." (...)
"Nun sage mir, welche Nahrung am besten ist!" "Bereitet von Frauen, mühlos zu brauen und leicht zu verdauen."

Zum Weingenuss befragt, weist sie mehrfach auf die Verbote des Korans hin sowie auf Warn-Gedichte, um dann zu konzedieren:

"Er zerbröckelt die Nierensteine, stärkt die Eingeweide, verscheucht die Sorgen und treibt zur Großmut an; er bewahrt die Gesundheit und fördert die Verdauung, er hält den Leib gesund, vertreibt die Krankheiten aus den Gelenken, reinigt den Körper von schlechten Säften und erzeugt Heiterkeit und Freude; er stärkt die Natur, zieht die Balse zusammen, kräftigt die Leber, öffnet die Verstopfung, rötet die Wangen, säubert den Kopf und das Hirn von Grillen und verzögert das Ergrauen der Haare. Und hätte Allah, der Allgewaltige und Glorreiche, ihn nicht verboten, so gäbe es auf dem Angesichte der Erde nichts, was ihm gliche."

Der Widerspruch dieser Aussage scheint keiner Erörterung wert.

Lobend äußert Tawaddud sich über die vielfältigen positiven Wirkungen des Schröpfens.

Donnerstag, 3. April 2014

443., 444., 445., 446., 447., 448. Nacht

443. Nacht

Der Gelehrte wendet sich an den Kalifen Harûn er-Raschîd, um zu bezeugen,

"dass diese Sklavin besser in der Gesetzeskunde bewandert ist als ich."

Mir scheint, bisher wurden eher die Basics verhandelt.

Nun dreht Tawaddud den Spieß um und fragt den Gelehrten nach den Angelpunkten der Religion, den Wurzeln des Islams und den Ästen der Pflichtenlehre im Islam. Letzteres kann er nicht beantworten

Da rief sie: "Leg dein Gewand ab; ich will sie dir erklären."

Das Gewand soll er der Tradition gemäß ablegen, um sich zu demütigen und deutlich zu machen, dass er es nicht wert ist, das Ehrengewand des Gelehrten zu tragen.

Tawaddud trägt ihm "die zweiundzwanzig Äste" vor, dann legt er tatsächlich Turban und Gewand ab

und verließ die Versammlung des Kalifen, beschämt von der Sklavin und geschlagen.

Ein zweiter Gelehrter beginnt nun, ihr Fragen zu stellen aus den Bereichen Religion, Wirtschaft, Recht und Moral, so z.B. nach der Gültigkeit einer Warenlieferung und den verdienstlichen Handlungen beim Essen. Zu letzteren gehören

"das Waschen der beiden Hände; das Sitzen auf der linken Hinterbacke; das Essen mit drei Fingern; und dass man von dem isst, was vor einem steht."

Die guten Sitten beim Essen sind

"dass man kleine Bissen nimmt und wenig auf den Nachbar bei Tische schaut."

***

444. Nacht

Der Gelehrte fragt Tawaddud über

  • die Grundsätze des Herzens und deren Gegensätze

  • die Bedingungen für die kleinere Waschung

  • den Glauben

  • die Anzahl der Himmelstore

"Nenne mir ein Ding, ein Halbding und ein Unding." "Das Ding ist der Gläubige, das Halbding der Scheingläubige, das Unding der Ungläubige."

Und sehr ausführlich berichtet die Sklavin ihm noch über

die verschiedenen Arten des Herzens.

***

445. Nacht

Und wieder gibt es - nach ausführlicher Beantwortung aller Fragen - die Retourkutsche. Und der Weise scheitert an folgender Frage:

"Nenne mir [a] die höchste Pflicht, [b] die Pflicht, die am Anfang aller Pflichten steht; [c] die Pflicht, deren jede andere Pflicht bedarf; [d] die Pflicht, die alle anderen Pflichten umschließt; [e] die verdienstliche Handlung, die in die Pflicht eindringt; [f] und die verdienstliche Handlung, auf der die Vollendung der Pflicht beruht."

Auch dieser Gelehrte muss sein Gewand ablegen, nicht ohne dass ihm Tawaddud noch die Antworten zum Merken mit auf den Weg gibt.

"Es handelt sich um [a] die Erkenntnis Allahs des Erhabenen, [b] das Bekenntnis, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed der Gesandte Allahs ist; [c] die kleinere Waschung; [d] die Ganzwaschung nach der Befleckung; [e] das Spreizen der Finger beim Waschen und das Kämmen des dichten Bartes; [f] die Beschneidung." [...]

"Ich rufe Allah zum Zeugen an, o Beherrscher der Gläubigen, dass diese Sklavin gelehrter ist in der Rechtskunde und den anderen Wissenschaften als ich."

Dabei war von Wissenschaften nicht die Rede. Im heutigen Sinne wären es lediglich religiöse Fragen und Aspekte des Anstands sowie eine banale wirtschaftliche Frage.

Sie fordert den nächsten Gelehrten heraus:

"Wer von euch ist der Meister in Korankunde, der die sieben Lesarten kennt, dazu noch die Grammatik und die Lehre von der Wortbedeutung."

Auch dies würde heute ja separat behandelt.

Der Gelehrte stellt zunächst rechnerisch anmutende Fragen: nach der Anzahl der Suren, der Verse, der Buchstaben, der Niederwerfungen, der erwähnten Propheten, der mekkanischen und der medinensischen Suren, der Vögel.

***

446. Nacht

Tawaddud benennt die im Koran erwähnten Propheten:

"Adam, Noah, Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, Joseph, Elisa, Jonas, Lot, Sâlih, Hûd, Schu'aib, David, Salomo, Dhu el-Kifl, Idris, Elias, Johannes, Zacharias, Hiob, Moses, Aaron, Jesus, Mohammed."

Adam als Prophet!

"Von geflügelten Wesen werden neun genannt [...] Die Mücke, die Biene, die Fliege, die Ameise, der Wiedehopf, der Rabe, die Heuschrecke, die Ababîl und der Vogel Jesu - über ihm sei Heil! -, das ist die Fledermaus."

Es folgen schier endlos Fragen, in welcher Sure sich welche Äußerung befindet.

***

447. Nacht

Nun geht's wirklich in theologische Details. Fragen nach der Bedeutung der Formel "Im Namen Allahs, des barmherzigen Erbarmers" (Basmala), ihr Vorkommen, ihr ausnahmsweises Nichtvorkommen, ihre Bedeutung, ihre Wirkung auf Mohammed:

"Jetzt bin ich sicher vor drei Dingen, vor dem Versinken in die Erde, der Verzauberung in Tiergestalt und vor dem Ertrinken."

Alle Fragen beantwortet Tawaddud korrekt, ebenso die nach der Reihenfolge der Offenbarung der Suren.

***

448. Nacht

Weitere theologische Fragen, u.a. nach

  • der Zahl der Gefährten des Propheten

  • die Zahl der Leser, deren Lesarten angenommen wurden

  • das Opfern auf Steinplatten [vorislamisch]

  • die Bedeutung der Worte "Du weißt, was in meiner Seele ist; doch ich weiß nicht, was in meiner Seele ist"

  • einer Überlieferung, die auf ed-Dahhâk zurückgeht

Auch hier weiß Tawaddud alle Antworten und stellt dem Gelehrten am Ende eine Frage nach

einem Koranverse, in dem dreiundzwanzig mal der Buchstabe Kâf vorkommt, und von einem anderen, in dem sechzehnmal Mîm vorkommt, und von einem dritten, der einhundertvierzehn 'Ain enthält, und von einem Abschnitte, in dem die Herrlichkeitsformel fehlt.

Letztere sind die Suren

"'Genaht ist die Stunde und gespalten der Mond', 'Der Erbarmer', und 'Die Eintreffende'."

Auch dieser Gelehrte gibt sich geschlagen.

Mittwoch, 2. April 2014

440., 441., 442. Nacht

Versteher

In diesem Blog war vor knapp zwei Wochen von "Russland-Verstehern" die Rede. Gemeint waren Journalisten und Politiker, die - vor allem durch fleißiges Benutzen des historischen Zettelkastens - Russlands Völkerrechtsbruch so sehr verstehen wollten, das aus dem Verständnis eine Entschuldigung wurde. Am Abend des Tages, an dem ich den Text geschrieben hatte, schlug ich die ZEIT auf, und da schrie mich das Wort "Russlandversteher" schon in der Überschrift an. Und nun ist es omnipräsent. Ich wünsche mir im Nachhinein, es nicht benutzt zu haben. Natürlich wäre es leicht, den Blog-Eintrag zu umzuformulieren. Aber es sträubt sich in mir die Aufrichtigkeit gegenüber dem bereits Geschriebenen.
Ja, man muss Russland verstehen, im Sinne von "kapieren", "begreifen". Und letztlich habe auch ich das so geschrieben. Die außenpolitischen Husarenstücke von USA und Nato nach der europäischen Zeitenwende 89/90 haben das Völkerrecht zum Spielball willkürlicher Akte werden lassen - man nutzt es, wie es einem passt. Und auch die Anwesenheit von McCain und Westerwelle auf dem Maidan war keine diplomatisch sensible Geste.
Verstehen, aber nicht Entschuldigen. Und Jahreszahlen im Zettelkasten liegenlassen.

 

***

 

440. Nacht

Die Sklavin Tawaddud wird weiter zu religiösen Themen befragt, u.a.: Gebet, Waschung, Glaube, Vertrauen.

"Wenn er [der Gläubige] aber Allah, den Allgewaltigen und Glorreichen, beim Beginne der Waschung nicht anruft und schweigt, so gewinnen die Teufel Gewalt über ihn, und die Engel wenden sich von ihm; dann flüstern die Teufel ihm arge Gedanken ein, so dass er dem Zweifel verfällt und den Wert der Waschung zunichte macht."

Interessant doch, wie in der eigentlich monotheistischen Religion der Glaube an Engel, Geister, Teufel soweit hervorlugt, dass man meinen könnte, sie seien in der Vorstellung des Gläubigen ebenbürtige Rivalen Allahs.

"Denn der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil! - hat gesagt: Eine fehlerlose Waschung treibt den Teufel von dannen und vermag die Grausamkeit des Sultans zu bannen."

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441. Nacht

Weitere Themen, zu denen die Sklavin Tawaddud Fragen beantworten muss: Waschung mit Sand, Bedingungen und Handlungen des Gebets und Armensteuer. Letztere muss entrichtet werden

"von Gold, Silber, Kamelen, Rindern, Schafen, Weizen, Gerste, Hirse, Durra, Bohnen, Kichererbsen, Reis, Rosinen und Datteln."

Zahlten die Kalifen auch Sekât?

Ein weites Feld eröffnet sich: Das Fasten und seine Gebote.

"Der Gebrauch von Salben und Augenschminke, der Staub der Straße, das Verschlucken des Speichels, der Erguss im Traume oder beim Anblick einer fremden Frau, der Aderlass und das Schröpfen; all das macht das Fasten nicht ungültig."

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442. Nacht

Das Verhör geht weiter zu den Themen: Gebete der Nacht, Pilgerfahrt. Sie beantwortet alle Fragen ausführlich.

Als der Gelehrte ihre Worte vernommen und dadurch erkannt hatte, dass sie scharfsinnig, einsichtig und von durchdringendem Verstande war und wohlbewandert in der Rechtskunde, der Tradition, der Koran-Auslegung und vielen anderen Dingen, da sprach er bei sich selber: 'Ich muss sie überlisten, so dass ich sie in der Versammlung vor dem Beherrscher der Gläubigen besiege.'

Und so fragt er sie nach den wörtlichen Bedeutungen von wudû, salât, ghusl, saum, zakât, haddsch und dschihâd. Als auch dies alles richtig beantwortet wird,

waren die Überführungsversuche des Gelehrten zu Ende.

Montag, 31. März 2014

438.-439. Nacht - Lernen popernen

Lernen popernen

Als wir unsere Tierpark-Runde beenden und uns von einer Tafel über die sieben hier gehaltenen Pelikan-Arten abwenden, frage ich mich spontan, wieviel ich davon behalten habe. Mit einigem Nachdenken kann ich mich an alle sieben erinnern. Heute, einen Tag später, sind es nur noch fünf. Wie bereit ist man überhaupt noch, sich en passant aktiv Wissen anzueignen, wenn es sowieso per Schlauphon abrufbar ist. Ich wette, dass es auch Wissenschaftlern (wenn es nicht gerade Zoologen sind) ähnlich gegangen wäre. Als Kind lief ich damals von Tafel zu Tafel, und merkte mir praktisch alle Tierarten und ihre Besonderheiten.
Im Alter zwischen 20 und 30 lernte ich fünf Fremdsprachen bzw. baute sie aus. Danach nur noch mal kurze zaghafte Versuche, mich an Französisch, Italienisch und Sizilianisch zu versuchen. Die anderen Sprachen bleiben aktiv oder verkümmern, abhängig davon, wie ich mit ihnen konfrontiert werde. Englisch lese und höre ich praktisch täglich. Russisch alle 1-2 Jahre. Bei Spanisch bilde ich mir immer ein, dass ich es jederzeit reaktivieren könnte. Mein Niederländisch ist eine einzige Schummelei, die darauf aufbaut, dass ich flämische Comics zu 90% verstehe. Persisch, das ich über drei Jahre lernte und mit dem ich mich ziemlich gut durch vier Wochen lang durch den Iran schlagen konnte, ist so verkümmert, dass ich mich lediglich an einzelne Vokabeln und einige grammatische Grundlagen erinnere.
Mein Studienfach Soziologie interessiert mich, wenn ich auf die leider inzwischen beinahe als abseitig geltenden Systemtheorie stoße.
Hirnforschung, Philosophie und Psychologie sind zu meinen Steckenpferden geworden. Jura ist es geblieben.
Das Thema Mathematik ist beinahe traurig: Ich war ziemlich gut in Mathematik. So gut, dass ich sie sogar studieren wollte. Wie weit würde ich heute noch mitkommen? Bis zur Differentialrechnung vielleicht?
Theatertheorie nimmt sozusagen aus beruflichen Gründen einen wichtigen Platz ein.
Welche Lernakte sind im Alter von über Vierzig noch bewusst? Wie selektiert man? Ist die Allgemeinbildung ein veraltetes Gut? Wieweit sollte ich Wissen aus der anorganischen Chemie parat haben?
Wichtiger noch: Selbst wenn man nebenbei lernt - über Wikipedia, TED-Vorträge, www.iflscience.com - wieviel behält man davon? Oder stumpft die Konsumtion von Wissen via Internet die Fähigkeit des aktiven Lernens ab?
Oder bin ich zu pessimistisch?

 

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436. Nacht

Die Sklavin Tawaddud verlangt von Abu el-Husn, sie dem Kalifen Harûn er-Raschîd für zehntausend Dinare anzubieten. Sie sei eigentlich noch mehr wert. Dieser tut das. Der Kalif fragt sie, auf welchen Wissenschaften sie bewandert sei.

Gibt es das in der europäischen Mythologie, in einem Volksmärchen, einer Heiligengeschichte, einer höfischen Erzählung? Dass der Wert einer Frau (genauer Magd) an ihrer Fähigkeit als Wissenschaftlerin gemessen wird?

Tawadduds Aufzählung ihrer Fähigkeiten umfasst eine komplette Buchseite, darunter:

"die Grammatik, die Dichtkunst, die Rechtswissenschaft, die Auslegung der Heiligen Schrift und der Sprachkunde (...), bewandert in der Tonkunst, der Pflichtenlehre, der Rechenkunst (...), der Erdmessung [es folgt eine Dreiviertel-Seite verschiedener Aspekte der Theologie], der  Geometrie, in der Philosophie, der Heilkunde, der Logik, der Synonymik und der Metonymik. (...) die Dichtkunst (...) Wenn ich singe und tanze, verführe ich die Herzen; doch bin ich geschmückt und mit Spezereien gesalbt, so bringe ich tödliche Liebesschmerzen."

Der Kalif ist einverstanden unter der Bedingung, dass berufene Männer sie prüfen. Als erstes lässt er den Statthalter von Basra, Ibrahim ibn Saijâr en-Nazzâm [Lesenswerter Artikel über ihn bei Wikipedia] rufen, der als beredter Dichter und Philosoph gilt und er möge weitere Wissenschaftler mitbringen.

Gibt es Wissenschaftler eher in Basra als in Bagdad?

Als erstes wird sie von einem Theologen geprüft, den ihre Antworten erstaunen.

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437. Nacht

Die Prüfung dauert an. Sie beantwortet nun u.a. folgende Fragen:

- Was ist der Verstand?
- Wo ist der Sitz des Verstandes?
- Was sind die unerlässlichen Pflichten und die ewig bestehenden Normen?
- Was sind die Erfordernisse des Glaubens?
- Diverse Fragen zur Ausführung des Gebets.

Samstag, 29. März 2014

436. und 437. Nacht - Fragen zum Dealerproblem, die ich mir selber nicht beantworten kann

Fragen zum Dealerproblem, die ich mir selber nicht beantworten kann

Erst waren sie weit weg, die Dealer. Hasenheide, Neukölln. Ihre Existenz berührte mich nicht wesentlich mehr als die der Dealer von der 125. Straße in New York City. Hab sie schon mal gesehen. Berührt mich nicht. Und jetzt, seit ein paar Jahren nun also auch im Görlitzer Park. Ich gehe dort joggen, ich fahre dort oft mit dem Fahrrad entlang, und ab und zu fahre ich meinen sprechen- und laufenlernenden Sohn Django dort spazieren. Um die Herren zu ignorieren, sind sie zu präsent. Also bin ich gezwungen, meine widerstreitenden Bedenken und Gefühle unter einen Hut zu kriegen.

  1. Ich kiffe nicht. Insofern kann mir die Anwesenheit der Dealer eigentlich so egal sein wie die eines Nagelstudios. Immerhin – ich habe zwar schon gekifft, mich aber noch nie professionell maniküren lassen. Die akustische Werbung der Dealer „Ss-sss! Some Dope?“ ist zwar aufdringlich, aber auch nicht schlimmer als die ästhetische Beleidigung, die Schaufenster und Ladenschild eines Nagelstudios darstellen. Andererseits:

  2. Nicht nur kiffe ich nicht. Ich halte das Kraut auch größtenteils für schädlich. Man merkt Kiffern an, dass sie kiffen. Gewohnheitsmäßige Kiffer klagen, dass sie nichts gebacken kriegen und bringen ihr Nichts-Gebacken-Kriegen nie in Zusammenhang mit ihrer regelmäßigen Kifferei. Andererseits:
  3. Kiffen sollte legalisiert werden. Gesundheit ist zwar ein schönes soziales Ziel, aber wer sich physisch zerstören will, muss es tun dürfen. Man muss nicht den an dieser Stelle obligatorischen Vergleich mit Alkohol ins Spiel bringen, aber es schadet auch nicht; schließlich zeigt es die Irrsinnigkeit des Hanf-Verbots. Wer den Konsum von Schnaps toleriert und dadurch Sucht, Krankheiten und vorzeitigen Tod von Millionen billigend in Kauf nimmt, kann nicht das zwar ebenfalls krankmachende aber vergleichsweise harmlose Kiffen kriminalisieren. Und man kriminalisiert es auch dann, wenn man den Besitz von Mini-Päckchen toleriert, den kommerziellen Verkauf aber verbietet.
    In Relation zur Gesundheitsfrage erscheint es fast nebensächlich, aber natürlich scheint auch die psycho-soziale Wirkung des Stoffs verträglicher. Zumindest wäre es mir lieber, wenn die acht Hertha-Fans, mit denen ich mir nach einem verlorenen Spiel ihres Vereins den U-Bahn-Wagen teilen muss, gemeinsam eine Riesen-Bong inhaliert hätten als sich pegelsaufend ins Level zwischen Aggressiv Brüllen, Zuschlagen und Kotzen zu manövrieren. Aber:
  4. Die rechtliche Situation ist aber so wie sie ist. Und so stehen die Dealer zu großer Zahl im Görlitzer Park. Jedes Mal, wenn ich denke: ,Ach, das sind jetzt vielleicht doch nur ein paar Leute, die sich sonnen wollen‘, genügt es, den Blickkontakt zu halten. Und prompt werde ich angesprochen, ob ich Dope bräuchte. Wenn ich sage, „zu großer Zahl“, so ist das nicht übertrieben. Es gibt im Görlitzer Park kaum mehr eine Bank, die nicht von dealenden oder sich vom Dealen ausruhenden Afrikanern besetzt wäre.
    Benutzen eigentlich die Grammatik-Feministinnen hier auch ein großes I? Also Dea-lerInnen? Oder ist der in diesen Kreisen übliche Sprech jetzt „Dealende“? Völlig un-nötig. Es sind einfach keine Frauen dabei. Warum, weiß ich nicht. Ebenso wenig wie die geschlechtliche verstehe ich die ethnische Aufteilung prekärer Jobs. Steht irgend-wo geschrieben, dass nur diejenigen Punks, die in katholischen Ländern wie Spanien, Polen und Italien aufgewachsen sind, an Kreuzungen Autoscheiben putzen dürfen? Welcher soziale Mechanismus führt dazu, dass ausgerechnet Pakistani das Rosenverkaufs-Monopol innehaben? Warum sollte Marihuana eine afrikanische Spezialität sein? Anscheinend gibt es einen gewissen Sozial-Magnetismus: Du landest als Afrikaner in Berlin und irgendwann hörst du, dass sich Afrikaner im Görlitzer Park rumtreiben. Also gehst du zu ihnen, und fühlst dich bei ihnen wohler als bei den Verkäufern von Straßen-Magazinen. Und Akkordeon, Trompete und Saxofon hast du auch nicht dabei, um wie die Rumänen als Trash-Folk-Band durch die Öffentlichkeit zu ziehen. Aber:
  5. Fast alle Dealer, so war zu lesen, sind Asylbewerber, stehen also bei ihrer Tätigkeit schon mit einem Bein im Abschiebeknast, sicherlich nicht gerade das, was man sich gewünscht hat, als man sich von Togo aus auf den Weg gemacht hat. Die Gruppen von 10-15 Männern – wieviel mögen sie am Tag verkaufen? Was bleibt an Gewinn übrig? Sind es die größeren Ladungen, die das Geld bringen? Ist es der härtere Stoff, der das Geld bringt? Inzwischen wird ja auch Koks, Heroin und Chrystal Meth ge-dealt, die Depots sind überall – zwischen Schwimmbad, Kuhle, Kinderbauernhof und dem Damm, der bis nach Treptow führt. Dieses Problem wird ein Coffee-Shop jedenfalls nicht lösen. Und über die Legalisierung dieser Substanzen wechsle ich meine Meinung je nachdem, mit wem ich spreche. Außerdem:
  6. Neulich war ein Graffito im Görlitzer Park zu lesen: „Bullen raus! Keine Spießer-überwachung im Görli!“ Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass der Schriftzug von einem der afrikanischen Dealer kam. Im Vergleich zu anderen Orten ist die Polizei im Görlitzer Park ja recht milde zugange. Mal ganz abgesehen davon, dass sie die Depots sowieso fast nie findet. Aber man kommt unweigerlich zur Frage: Wer definiert, was an einem Ort OK ist? Ist es OK, wenn im Görlitzer Park der Grilldreck jede Freifläche bedeckt? Ist es in Ordnung, wenn Hunde in der Größenordnung von Miniponys kleine Kinder anspringen? Ist es in Ordnung, wenn sämtliche Sitzbänke von Dealern besetzt sind? Es ist wie in WG-Debatten – Wen es stört, dass die Socken in der Küche rumliegen, hat schlechte Karten, wenn das allesschlagende Sozial-Gebot Toleranz heißt und durch keine Kompromisse relativiert wird. Und dann das hier:
  7. Gehe mit Django in der Nähe des Spielplatzes spazieren, in dessen Nähe sich eine Dealertruppe sonnt. Warum zum Teufel in der Nähe des Spielplatzes! Hätte ich we-niger Probleme damit, wenn in der Nähe ein Spätverkauf mit Spirituosen stünde? Ich weiß es nicht. Und von allen Richtungen, in die der zweijährige Django laufen kann, wählt er die Richtung Dealertruppe. Die sind anscheinend selber über die unerwartete bewertungslose Neugierde verwirrt. Man schüttelt sich die Hände, stellt einander vor, geht auseinander. Und irgendwie bin ich froh über diese Begegnung. Und dann kurze Zeit später:
  8. Nach langer Zeit gehe ich mal wieder joggen. Nicht durch Kreuzberg. Bleibe bei meiner alten Route durch den Treptower Park und den Plänterwald. Beim Sowjeti-schen Ehrenmal lehnt einer der Afrikaner mit legeren Adidasklamotten an einem Geländer. Geht das jetzt nicht doch zu weit? Meine Empörung über das Dealen in meinem Heimatpark lässt sich moralisch gut befeuern durch die Tatsache, dass wir uns hier in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs mit über 2.000 Gefallenen der Roten Armee befinden. Ist das nicht doch recht pietätlos? Soll man was sagen oder nicht? Als ich auf seiner Höhe bin, hat sich die Frage erübrigt: Der Afrikaner legt ein Bein übers Geländer und dehnt sich ausgiebig. Dann joggt er mir hinterher. Kein Dealer, ein Jogger! Joggen in der Nähe des Friedhofs. Auch pietätlos irgendwie?

436. Nacht

Die Alte fährt fort mit einer Anekdote über el-Haddschâdsch ibn Jûsuf, an den eine Petition erging:

"Fürchte Allah und übe keinerlei Bedrückung gegen die Diener Allahs!"

El-Haddschâdsch ibn Jûsuf rechtfertigt sich nun damit, dass ihn Allah über das Volk gesetzt habe wegen dessen (böser) Taten.

"Wenn ich es nicht bin, so ist es einer, der noch schlimmer ist als ich, der noch härter bedrückt und noch grausamer herrscht."

Der arme Tyrann als Schlimmeres-Verhinderer. Ähnliches kennt man heute von Militärdiktaturen. In Wirklichkeit hat er mit seinem Herrschaftsstil so viele gegen sich aufgebracht, dass es immer wieder zu Aufständen kam. Nach seinem Tod wurden 80.000 Menschen aus den Gefängnissen entlassen.

 

***

 

Die Geschichte von der Sklavin Tawaddud

Ein reicher Kaufmann wird alt und gebrechlich, ohne einen Nachkommen zu haben. Nachdem er bei Allah um einen solchen fleht, empfängt eine seiner Frauen von ihm.

Und in der Nacht zum siebenten Tage nach der Geburt des Knaben gab er ihm den Namen Abu el-Husn; die Ammen nährten ihn, die Pflegerinnen hegten ihn, und die Mamluken und Eunuchen trugen ihn, so dass er wuchs und spross und in die Höhe schoss.

Auch für seine Bildung wird gesorgt.

So ward er zur Perle seiner Zeit und zum schönsten Jüngling weit und breit, mit einem Antlitz der Lieblichkeit, einer Zunge der Beredsamkeit, der sich wiegte und neigte im Ebenmaß seiner Gestalt und selbstgefällig dahinschritt in seines Stolzes Gewalt.

Doch dann liegt sein Vater im Sterben, nicht ohne vorher allerlei Mahnungen seinem Sohn auf den Weg zu geben,

bei denen man schon ahnt, dass er sich nicht an sie halten wird.

Nachdem Abu el-Husn eine lange Zeit getrauert hat, reden ihm seine Freunde zu:

"Was dahin ist, ist dahin. Trauer kann nur Mädchen und Frauen gebühren, die im Harem ein abgeschlossenes Leben führen." In dieser Weise redeten sie immer weiter zu ihm, bis er ins Badehaus ging; und auch sie gingen dorthin und machten seiner Trauer ein Ende.

***

437. Nacht

Die bösen Freunde sind es also, die ihn dazu überreden, sein Geld auszugeben. Er fängt an, Wein zu trinken und sein Geld zu verprassen, bis ihm nichts mehr geblieben ist außer einer schönen Sklavin.

Ihr Wuchs betrug fünf Spannen der Hand, und sie war des Glückes Unterpfand.

Ob sich der Übersetzer Littmann hier von dem "Lied der Deutschen" hat beeinflussen lassen?

Ihre Stirn war wie der Neumond im verehrten Monate Scha'bân anzuschauen; sie hatte Gazellenaugen und schön gewölbte Brauen. Ihre Nase war wie des Schwertes Schneide; und ihre Wangen prangten im Anemonenkleide. Ihr Mund schien das Siegel Salomons zu sein; ihre Zähne waren wie Perlenreihn. Ihr Nabel konnte eine Unze Behennussöl fassen; ihr Rumpf war schlanker als der Leib dessen, den die Liebe verzehrt und heimliche Sehnsucht hatte dahinsiechen lassen; und ihre Hüften waren wie der Sandhügel Massen.

Die Tiefe des Nabels als Schönheitskriterium!

Dem Vollmond ist sie gleich, da sich
Zu Fünf und Vier die Vier gesellt.
Ich bin nicht schuld, bin ich durch dich
Ihm gleich, wenn er die Nacht erhellt.

Littmann merkt dazu an: "Das Mädchen ist vierzehn Jahre, der Vollmond vierzehn Tage alt. Der Dichter wird um der Liebe zu dem Mädchen blass wie der Mond."

Nachdem sich Abu el-Husn drei Tage lang seinem Leid hingegeben hat, verlangt sie von ihm, zu Harûn er-Raschîd geführt zu werden.

Donnerstag, 27. März 2014

Rezension "Untergetaucht" von Marie Jalowicz Simon

Im Jahre 1941 wird die knapp 18jährige Berlinerin Marie Jalowicz zur Zwangsarbeit verpflichtet, weil sie Jüdin ist. Seit ein paar Wochen ist sie Waise und muss sich nun alleine durchschlagen. Als die Gerüchte, die nach Osten Deportierten würden dort ermordet, sich zur Gewissheit verdichten, taucht sie unter. Vier Jahre lang von einer zur anderen Unterkunft – zwanzig Stationen. Einmal nutzt sie sogar die Liebesbeziehung zu einem Bulgaren, um mit ihm nach Sofia zu fahren, in der Hoffnung, in die Türkei zu fliehen, nur um dann wieder zurückkehren zu müssen. Sie kommt unter bei jüdischen Freunden und Freunden von Freunden; bei kommunistischen Arbeiterfamilien; bei Lumpenproletariern, die ein verwanztes Zimmer vermieten wollen; bei einer exaltierten Künstlerin; bei Leuten, die aus purem Anstand Nazigegner sind; und sogar unter Vorwand bei einem eingefleischten Nazi. Es helfen ihr Anpassungsfähigkeit, Chuzpe, Charme und vor allem – das wird sie nicht müde zu betonen – immer wieder Glück.
Sie beendet ihre Zwangsarbeit, indem sie sich mehrmals krankschreiben lässt; und als später ein Brief vom Arbeitsamt kommt, sagt sie dem Briefträger, die Jalowicz sei in den Osten deportiert worden.
Kurioserweise kommt ihr auch die in den Berliner Arbeiter-Wohngebieten verbreitete Schoddrigkeit zugute – Säufer und Prostituierte und Arbeiter pflaumen Nazis an. Als ihr Zweck-Verlobter sie mit dem Stiefel verprügelt und sie ein blaues Auge davonträgt, ist sie regelrecht froh; denn erst jetzt sei ihr der Übergang zum Proletariat auch äußerlich anzusehen.
Und in jeder neuen Situation macht sie sich klar: Was auch immer geschieht, sie wird nicht mitgehen, wenn die Gestapo kommt. Und dann klingelt es tatsächlich eines morgens an der Tür. Sie spielt die Halbblöde, die sich für die lange Zeit der Vernehmung noch von der Nachbarin „’n Stücke Brot borgen will. Dürf ick mir det holn? So in Unterrock …. Naja, mir sieht ja keena früh um sechse, und … na, wegloofen kann ick Ihn’ ja so bestimmt nich.“ Und währen die Vermieterin lenkt den Gestapo-Mann mit weitschweifenden Gesprächen ablenkt, veralbert Jalowicz den unten wartenden Gestapo-Mann auf ähnliche Art und flieht in Unterwäsche in den frühen Berliner Morgen, wo ihr glücklicherweise ein Arbeiter hilft.
Die Odyssee ist spannend und interessant, aber leider doch irgendwie unspannend geschrieben, und es wirkt nicht, als sei es Absicht. Dem Buch liegen 77 von Jalowicz in einem sanft geführten Gespräch besprochene Tonbandkassetten zugrunde. Hätte man es nicht ein wenig straffen können?
Anscheinend begann Marie Jalowicz Simon erst in den 80ern über ihre Erfahrungen ausführlich zu sprechen. Das hat einen seltsamen Effekt: Die Perspektive bleibt die der naiven Zwanzigjährigen. Nicht nur bei ihren Feinden, sondern auch bei fast jedem ihrer Helfer und Freunde lässt sie sich despektierlich über die Äußerlichkeiten aus. Das blonde dicklich e Kind der Freundin einer Helferin wird als „der kleine Germane“ bezeichnet. Eine ebenfalls untergetauchte ungarische Familie kommt in die Wohnung und macht sich „unerträglich in der Küche breit.“ Sie übernimmt die Berliner Schnauze von damals. Nur selten relativiert sie ihre Angriffe. Die Familienfreundin Hannah Koch organisiert ihr über Jahre hinweg Lebensmittel und Geld und lässt sie gegen Kriegsende auch bei sich wohnen. Und doch unterstellt Jalowicz ihr vor allem Eigensucht. „Erst nach und nach begriff ich, dass Hannchen Koch noch etwas anderes belastete: Mit dem Krieg würde auch meine Abhängigkeit von ihr zu Ende gehen. Die grandiose Rolle der Widerstandsheldin, die diese schüchterne Frau aus armen Verhältnissen jahrelang gespielt hatte, war damit vorbei.“ Koch habe Jalowicz gebraucht, um ihre Sucht zu helfen zu auszuleben. Nicht dass man als junger Mensch – vor allem als Mensch in Not – nicht so denken kann, aber als Greisin, die auf ihr Leben zurückblickt, könnte man doch auch versuchen, die Perspektive dieser Menschen zu verstehen. Nach dem Krieg sei ihre Gefühlsverhärtung aufgebrochen. Davon merkt man wenig.
Zwischendurch viel Phrasenhaftes: Jemand „schimpft wie ein Rohrspatz“ usw.
Soziologisch interessant ist denn das Buch auch vor allem, wo es die Berliner Milieus beleuchtet: Da wird gestritten und geschlagen. Frauen müssen arbeiten, werden verprügelt. Nachbarn belauschen einander, tratschen im Hausflur. Pöbelei ist allgegenwärtig. So wirken selbst heutige Schulhofgespräche in Neukölln zivilisierter.
Das Eingesperrtsein in der DDR erwähnt das spätere SED-Mitglied überhaupt nicht.

  • Der jüdische Gynäkologe Benno Heller überredet Dutzende, wenn nicht Hunderte jüdische Frauen, unterzutauchen, bis ihn schließlich eine Jüdin, die das nur widerwillig tut und bei einer furchtbaren Vermieterin landet, verrät, weil sie meint, viel schlimmer als bei dieser Vermieterin könne es im Lager auch nicht sein. Als ihn die Gestapo abholt, ist die ganze Wohnung voller Juden, um die sich aber niemand kümmert.
  • Die in der DDR hochgelobten Kurierdienste der Bästlein-Gruppe waren Kartoffeltransporte von Marie Jalowicz. Überhaupt zweifelt sie am kommunistischen Widerstand, der wenig bewirkte als gegenseitige Selbstvergewisserung.
  • Strategie: Niemals Kontakt zu jüdischen Gruppen suchen. Die äußeren Merkmale der einzelnen Juden würden sie addieren zu einer Stürmer-Karikatur, so dass schließlich alle als Juden erkennbar wären.
  • Nach Konzerten oder Theater warteten jüdische „Greifer“ am Ausgang und verrieten die bürgerlichen untergetauchten Juden.
  • In Magdeburg fällt sie durch ihr Äußeres auf – nicht als Jüdin, sondern als Berlinerin.
  • Eine kommunistische Helferin erwirbt billig „Judenmöbel“. „Wenn ich sie nicht kaufe, nimmt sie ein anderer.“
  • Zwischendurch feiert sie irgendwann Pessach, „indem ich immer wieder den Refrain Dajenu sang.“
  • Ein Trick: Behaupten, man sei lange Koch gewesen. So kommt man an Lebensmittel.
  • Es gab eine „Markthalle“ in der Rigaer Straße. Wo?
  • In einem Haus schlägt ein Nachbar ungefragt Durchbrüche auf den Dachböden, um ihr eine Fluchtmöglichkeit zu geben, falls die Gestapo kommt.
  • Der Holländer schlägt sie, weil sie nicht seine Vorliebe für mit Kaffee-Ersatz und Zucker bestreutes Schwarzbrot teilt.
  • Sie erträgt diverse Vergewaltigungen oder Nötigungen –vorm Untertauchen, währenddessen und auch danach. Einer ihrer Helfer rächt sich so posthum an ihrem Vater, der ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt hat.
  • Eine alte schwerhörige Helferin meint, dass 1945 die jungen Männer zum „Volks-Turm“ sollen, wo jeder eine „Panzerfrau“ bekäme.
  • Man halte sich fern von Ämtern und dergleichen: „Gehe nicht zu deinem Fürscht, wenn du nicht gerufen wirscht.“
  • Eine einfache Frau ist so beschränkt, dass sie ihre beiden Töchter Veronika nennt.
  • In den letzten Kriegstagen fährt noch eine S-Bahn nach Kaulsdorf.

Donnerstag, 20. März 2014

Mein Senf zur Krim - 435. Nacht.

Hier, vielleicht etwas spät, mein Senf zur Krim

Was mich in den letzten Wochen am meisten an den Russland-Verstehern genervt hat, war der Verweis auf "Die Geschichte" der Krim, die ja viele im Westen ignorieren würden. Wer sich in der Politik auf Geschichte beruft, will meistens betrügen. Und je kleiner die Jahreszahl, um so sicherer kann man davon ausgehen, dass dieser Satz wahr ist. Wenn es dabei noch um Gebietsansprüche geht, kann man auch noch mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass der, der es fordert, ein Verbrecher ist. Ja, die Krim gehörte lange Zeit zu Russland. Na und? Stettin gehörte Jahrhunderte zu Deutschland. In diesen Debatten spielt die Geschichtswissenschaft die Rolle einer Geburtshelfern des Kriegs. Beide Seiten haben immer Gute Gründe, diese oder jene Jahreszahl aus der Wünsch-dir-was-Tombola zu ziehen.
Das Problem ist nur: Wir leben nicht im Früher, sondern im Heute. Und heute gilt die Souveränität der Staaten, einschließlich ihrer Territorialgrenzen, die nur unter bestimmten völkerrechtlichen Bedingungen verändert werden können. Ein Referendum ist da kein hinreichendes Kriterium.
Die moderne Staatenordnung nach dem Ersten Weltkrieg kam mit einem Geburtsfehler auf die Welt: Bei der Zerschlagung der Imperien ist man davon ausgegangen, dass Frieden am besten durch ein ethnisch interpretiertes "Selbstbestimmungsrecht der Völker" gewährleistet sei. Und das zieht sich bis heute als Leitmotiv durch die europäische Politik.
Jugoslawiens Zerfall wurde interpretiert als Explosion eines Kessels, auf den das Tito-Regime den Deckel gehalten habe. Dabei war es der Westen, der den nationalistischen Kräften in die Hände gespielt hat. Als erstes mit der scheinbar harmlosen Anerkennung Sloweniens. "Scheinbar", weil es zwar in Slowenien kaum zu einem spürbaren Krieg gekommen war, aber wer Slowenien anerkannte, konnte ja schlecht den Kroaten die Anerkennung verweigern und so weiter und so fort. (Man stelle sich vor, die Jugoslawen hätten 1991 einen Antrag auf ein Assoziierungs-Abkommen mit der EU gestellt. Wie viel Leid wäre allen erspart geblieben.)
Mit welcher Begründung verweigert man eigentlich den nationlaistischen Basken und Katalanen ihre Unabhängigkeit? Wenn der russischen Regierung so viel am Selbstbestimmungsrecht der Völker läge, sollten sie mal Referenden in Tschetschenien oder Tatarstan abhalten. (Nicht dass ich denke, dass eine Unabhängigkeit in allen diesen Fällen die richtige Wahl wäre.)
So wie früher die Kommunisten sagten: "Wo ein Genosse ist, da ist die Partei", da sagen nun die Russen offenbar: "Wo ein Russe ist, da ist russische Interessens-Sphäre." Die Balten werden sich freuen. Und ist erst einmal die Krim gefallen, dann kann die übrige Ukraine sich schon mal auf was gefasst machen. Militärischen Beistand vom Westen kann keine ukrainische Regierung- ob mit oder ohne Faschisten als Kabinettsmitglieder - erwarten. Für Putin ist das alles auch zuhause wichtig: Er kann die Muskeln spielen lassen und den Russen zeigen, was für ein toller Hecht er ist: Nicht mal der Westen traut sich, ihm ans Rad zu pissen.
Das Völkerrecht erodiert wieder einmal. Das ist schlimmer als es sich anhört. Denn wenn man sich auf nichts gegenseitig Verbindliches mehr berufen kann, gilt nur noch das Machbare. Und das Machbare ist das, was der Stärkere machen kann.
In der Internationalen Politik unterscheidet man zwischen zwei grundlegenden Ansätzen: Dem "Realismus" und dem "Institutionalismus". Die Realisten gehen, kurz gesagt, von einem anarchischen Staatensystem aus. Kooperationen und Verträge sind allenfalls kurzfristiges Mittel zum Zweck. Wer das Interesse, die Macht und die Gelegenheit hat, die Verträge zu brechen, wird das auch tun. Die Institutionalisten hingegen betonen den Wert der Kooperation und völkerrechtlicher Verträge über das kurzfristige Ziel hinaus. Der Witz ist, dass beide Ansätze selbsterfüllende Prophezeiungen sind: Je eher ich bereit bin, der anderen Seite Vertrauen zu schenken, desto eher wird sie mir vertrauen. Umgekehrt, je eher ich bereit bin, mich über die Verträge und Konventionen hinwegzusetzen, umso eher wird das auch mein Gegenüber tun und ich werde in der Annahme des Staaten-Anarchismus bestätigt. Der Realismus ist durch die Kraft der Fakten, die er schafft am längeren Hebel. Ich kann Vertrauen schenken und trotzdem übers Ohr gehauen werden. Aber wenn ich umgekehrt Verträge breche, wird mir keiner vertrauen.
An der Erosion des Völkerrechts hat also der Westen erheblichen Anteil. Vor allem die USA. Die Vereinigten Staaten waren - mit kurzen Ausnahmen wie Wilson, Roosevelt, Carter - nie ein großer Freund des gemeinschaftlich entstehenden und durchgesetzten Völkerrechts. Nach dem Kalten Krieg hat diese Arroganz neue Züge angenommen. Aus lauter Desorientierung rief George Bush sen. zum Aufbau einer neuen Weltordnung. Schön und gut, aber der Ruf ging nicht nach Osten. Die Frage, ob man denn die Nato noch brauche, wenn der Warschauer Pakt sich auflöst, wurde nicht gestellt. Stattdessen wurde aus dem Verteidigungsbündnis ein Interventionsbündnis. Deutschland begann nach und nach die Schleusen zu öffnen: Entlastung der Nato-Einheiten in der Türkei während des 1991er Irak-Kriegs, 1991 in Kambodscha ein paar Sanitätssoldaten (um die Reaktion der Öffentlichkeit zu testen: Wer kann schon etwas gegen Sanitätssoldaten haben), die Awacs-Einsätze, bei denen sogar das Bundesverfassungsgericht eingeknickt ist und die Verfassung derart skandalös aber nachhaltig interpretiert hat, dass die Folgen bis heute spürbar sind und nicht mehr hinterfragt werden.
Präsident Clinton bemühte sich zumindest um internationale Absicherung, auch wenn die Bombardierung Serbiens völkerrechtlich zumindest zweifelhaft war. Unter George W. Bush kamen die Einpeitscher Cheney und Condoleezza Rice zum Zuge. Und mit dem Einmarsch im Irak waren alle Konventionen fallengelassen. Obama zog zwar die Truppen aus dem Irak ab, aber nun zeigt sich, dass das nur eine Frage der instrumentellen Vernunft war - mit dem Trümmerhaufen wollte man nichts mehr zu tun haben, es war schlicht zu teuer und machtpolitisch unsinnig. Aber der Einsatz von Drohnen ist zum neuen Spielzeug billiger völkerrechtswidriger Intervention geworden.
Ja, warum sollte sich Russland unter diesen Bedingungen nicht ermutigt fühlen zuzuschlagen? Der Westen kann nicht mal den Zeigefinger auf Russland richten, ohne dass drei Finger auf ihn zeigen: Die anhaltende Ethnisierung der Außenpolitik; die Selektivität, mit der der Westen auf Menschenrechte pocht oder auch nicht; die militärischen Brüche des Völkerrechts. Russland hatte die Sache ganz offensichtlich schon seit langem vorbereitet: Die Truppen waren bereit, die Abstimmungszettel gedruckt, die Logistik für die Einführung des Rubel stand.
Ach ja: Und die Jahreszahlen hatte man auch parat. 882, 1783. Nur falls jemand fragen sollte.

 

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435. Nacht

Der Pilger lobt das eigene Land in den höchsten Tönen

"In unserem Land gibt es geräumige Häuser, reife und köstliche Früchte, zahlreiche süße Gewässer, wohlschmeckende Speisen, fettes Fleisch, viele Herden von Kleinvieh..."

Die Alte erwidert:

"... habt ihr nicht einen Sultan,  der über euch herrscht und der euch Unrecht antut, während ihr unter seiner Gewalt steht; der einem jeden von euch, wenn der sich vergeht, seine Habe nimmt und ihn vernichtet; der euch, wenn er will, aus eurfen Häusern vertreibt und mit der Wurzel ausrottet." Der Pilger antwortete: "So mag es wohl sein." Da fuhr die Alte fort: "Wenn dem so ist, so sind, bei Allah, jene Speisen der Köstlichkeit und das Leben in Herrlichkeit, ja all die Freuden und Wonnen bei Tyrannei und Bedrückung nur ein Gift von durchdringender Kraft, während unsere Speisen, die wir hier in Sicherheit genießen, ein Heilkraut sind, das Genesung schafft..."

Kurioserweise richtet sich der Erzähler (oder Schehrezâd) nun direkt an die Zuhörer oder die aktuellen Herrscher: Man brauche einen klugen und starken Herrscher, da das Volk auf Gemeinheit sinne.

Lieber hundert Jahre der Tyrannei des Sultans als ein einziges Jahr der Tyrannei des Volks untereinander. Wenn die Untertanen einander bedrücken, so setzt Allah über sei einen Sultan der Grausamkeit und einen König der Gewalttätigkeit. (...)
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

Freitag, 31. Januar 2014

Hiro Onoda versus Pinocchio - 431., 432., 433., 434. Nacht

Onoda versus Pinocchio

Hiro Onoda ist tot. Der Japaner starb am 16. Januar 2014 im Alter von 91 Jahren. Angeblich an Herzversagen. Ich aber tippe auf Schlechtes Gewissen als Todesursache. Im Zweiten Weltkrieg war Onoda als Offizier des militärischen Geheimdienstes auf den Philippinen eingesetzt und kämpfte erbittert weiter. Selbst als die kaiserliche Regierung schon lange kapituliert hatte, fühlte er sich an seinen Eid weiter gebunden. Er war dem japanischen Kaiser treuer als dieser gegenüber seiner eigenen idiotischen Kokutai-Ideologie. Mit drei Kameraden hielt er im philippinischen Dschungel aus und wartete auf den Tag, an dem sich das Blatt wenden würde. Selbst als seine Kampfgefährten flohen oder starben, selbst als Flugblätter mit kopierten Briefen von der Regierung und von seiner Familie auf ihn herabregneten, hielt er durch, denn das konnte ja alles nur ein Trick sein. Eines Tages, so war er sich sicher, würden ihn die kaiserlichen Truppen raushauen, und dann würde man es den Amis so richtig zeigen. 30 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die Amerikaner waren gerade dabei, gleich nebenan einen anderen Krieg zu verlieren, begegnete er einem japanischen Studenten, der auf der Suche nach Onoda, dem Panda und dem Yeti war. Und jetzt kamen ihm erste Zweifel. Aber erst ein unterzeichneter Befehl seines früheren Vorgesetzten Major Taniguchi konnte ihn dazu bewegen, mit dem Abbrennen philippinischer Reisfelder aufzuhören. Zu dieser Zeit trug er immer noch seine Uniform, sein Katana-Schwert, sein Gewehr sowie etwa 500 Schuss Munition und mehrere Handgranaten bei sich. Für Onoda war es die Demütigung seines Lebens: Vom Geheimdienst-Offizier zum Survival-Robinson, und sein Kaiser hatte ihn vergessen. Vor allem aber war er enttäuscht von sich selbst. Nach all den Jahren hatte er den Eid doch gebrochen.

So wie ich. Ich erinnere mich noch genau. Es war ein sonniger November-Tag im Jahre 1987, als ich bewaffnet und in Uniform schwor, der DDR „zu dienen, den Sozialismus gegen alle Feinde zu verteidigen und mein Leben zur Erringung des Sieges einzusetzen. (…)Sollte ich jemals diesen meinen feierlichen Fahneneid verletzen, so möge mich die harte Strafe des Gesetzes unserer Republik und die Verachtung des werktätigen Volkes treffen.“
Wenn ich heute einkaufen gehe oder S-Bahn fahre, sehe ich die Verachtung in den Augen der Werktätigen: „Ach!“, denkt die Edeka-Kassiererin, wenn sie bekümmert und lustlos meine westdeutschen Waren über den Scanner zieht und mürrisch „23,89“ sagt, „auch so einer, der seinen Eid damals brach und dem wir die ganze Scheiße hier zu verdanken haben.“
In meinen häufigen Alpträumen hält die gesamte DDR-Bevölkerung inne, alle drehen sich zu mir um und schütteln missbilligend die Köpfe. „Aber was hätte ich denn tun sollen!“, schreie ich sie schuldbewusst an. Dabei wird es doch am Beispiel des braven Soldaten Onoda sonnenklar: Harre aus in den Wäldern Ostdeutschlands! Das Volk der DDR ist nicht so geschichtsvergessen wie der abgehobene japanische Kaiser. Der Plänterwald zum Beispiel. Im Vergleich zum philippinischen Dschungel, das muss doch jeder zugeben, wäre es doch ein Kinderspiel, da zu überleben. Gemäßigtes Klima, keine gefährlichen Raubtiere. Und von Schlangen, Spinnen und Malaria-Mücken ausgehende Gefahr hält sich in Grenzen. Ernähren könnte ich mich von Blaubeeren, Pilzen und Eichhörnchen. Und um das Ganze ernährungsphysiologisch abzurunden könnte man sich von Zeit zu Zeit einen Abstecher zu Burger King leisten. Natürlich wäre im locker geforsteten Laubwald die Gefahr hoch, von Spaziergängern entdeckt zu werden. Aber auch dafür gäbe es eine Lösung. Ich könnte mich verkleiden als Jogger und mich unerkannt unter die Einheimischen mischen. Ohne dass sie wüssten, welche Pläne ich wirklich hege, könnte ich mir eine Wohnung in einer der nahegelegenen Straßen Treptows suchen und dort als Schläfer ausharren, bis der Wind sich dreht und die arbeitende Klasse mich ruft. Dann, Agenten des Imperialismus, geht’s euch an den Kragen.

Aber ach, welchen Wert hat denn heute noch ein Eid, ein Schwur, ein Versprechen? Im Februar 1990, kurz bevor das SED-Regime endgültig kollabierte, wurde mein Freund Willy zur NVA eingezogen. Warum er sich nicht einfach nach Westberlin verpisste, wo man dem Ruf zur Waffe bequem ausweichen konnte, ist mir bis heute unklar. Er schwor den zu jener Zeit bereits antiquiert wirkenden Eid, nur um kurz nach den Volkskammer-Wahlen im April erneut auf die DDR vereidigt zu werden, diesmal aber mit dem nach dem Minister benannten um alle sozialistischen Bezüge entschlackten Eppelmann-Eid. Der Anschluss an die alte BRD ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem sich Willy von einem Bein-Durchschuss, den ihm ein zu drastischen Späßen aufgelegter Kamerad verpasst hatte, erholt hatte, schwor er: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Wäre er Soldat auf Zeit gewesen, hätte er den Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ anhängen müssen, ein Gott, den Willy für genausowenig existent hielt wie den Weihnachtsmann. Gesetzt den Fall, es gebe diesen Gott trotzdem, so könnte man fragen, ob er dem ungläubigen Willy dennoch hülfe. Aber die „ethisch-religiöse Bindungskräftigung“, wie es in den Kommentaren zum Soldatengesetz heißt, die wäre dahin.
Kritiker der Vereinigung bemerkten damals, dass die DDR sich lieber an Dänemark hätten anschließen sollen, da die dortige Mentalität eher mit der ostdeutschen kompatibel sei, was sich durch den Spruch des dänischen Film-Ganoven „Ich habe einen Plan“ und dem regelmäßigen Scheitern dieser Pläne belegen ließe. Willy, so vermute ich hätte seine Treue auch dem dänischen oder dem marokkanischen Volk geschworen.
Genaugenommen war er mit seinen drei Schwüren pro Jahr nicht einmal besonders produktiv, zumindest wenn man die heutige Schulholf-Schwörerei als Maßstab nimmt. „Chschwöre“, ist die andauernde Beteuerung des Halbstarken, dem man ohnehin kaum glaubt und der gerade deshalb seinen Gesprächspartnern immer wieder versichern muss, gerade dies Mal nun wirklich die Wahrheit zu sagen. Überhaupt scheint das der Schlüssel des Schwörens zu sein: Je größer die Anfälligkeit zum Abhauen und zur Illoyalität, umso eher muss geschworen werden. Wenn Gewehre und Kanonen auf dich gerichtet sind und die Lage aussichtslos scheint, musst du schon ordentlich mit Ehre oder Angst vollgepumpt sein, um nicht Reißaus zu nehmen. Vor Gericht wirkt sich Lügen fatal aus, was auch schon Moses wusste, als er das Lügen im Allgemeinen zwar zuließ, aber das falsch Zeugnis wider den Nächsten ablegen, verbot. Und so wird allenthalben geschworen, sobald vorne einer eine Robe anhat.
„Wo du hörest hohe Schwüre, steht die Lüge vor der Türe.“ Wo geschworen wird, herrschen Macht, Angst, Ungerechtigkeit, Unsicherheit.
Ob die Bundeskanzlerin manchmal, in diabolischen Momenten sich wünscht, sie dürfte den Nutzen vom deutschen Volke abwenden und den Schaden fürs deutsche Volk mehren? Doch dann erinnert sie sich wieder: „Ach ja, ich hab ja damals das Gegenteil geschworen. Dann wird ich wohl mal wieder ans unangenehme Tagwerk der Nutzenmehrung und Schadenabwendung gehen.“
Das in der bundesdeutschen Öffentlichkeit bekannteste Ehrenwort stammt ja bekanntlich vom Oberlügner, dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“ Und man erkannte damals, noch während er sprach, diese betont schlaffe Unschulds-Mimik des schlimmsten Lügners der Schule, wenn er vom Direktor ertappt wurde und nach der Unschuldsbeteuerung schnell nach rechts unten schielte.
Aber Barschel war kein Hiro Onoda. Merkel ist kein Hiro Onoda. Ich bin kein Hiro Onoda. Im Vergleich zu Hiro Onoda sind wir alle nichts als kleine Pinocchios. Und das ist vielleicht gar nicht mal so schlimm.

 

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431. Nacht

Umständlich wie üblich berichtet Ali seiner Frau, was ihm zugestoßen ist, und wir hören es auch noch mal.
Er lässt sich in Bagdad als Kaufmann nieder und wird der berühmteste unter ihnen, so dass auch der König von Bagdad von ihm erfährt.

Was "der König von Bagdad" sein soll, habe ich nicht herausfinden können. Offenbar wohl nicht der Kalif, sonst hätten sie ihn ja so genannt. Infrage käme dann nur die vor- oder nach-abassidische Ära.

Der König lässt ihn jedenfalls holen und lobt ihn:

"Kaufmann, du hast unser Land beglückt!"

Das ist nun eine bemerkenswerte Auffassung für einen König.

Ali schenkt dem König vier goldene Platten voller Edelsteine. Dieser wiederum ist so erfreut, dass er Ali gleich seine Tochter zur Ehe anbieten will.

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432. Nacht

Die Berater halten die Hochzeit zwischen Ali und der Prinzessin für eine gute Idee, ebenso die Gemahlin des Königs.
Ali und der "Kadi des Diwans" werden geholt.

Der Diwan ist der Hofrat der Regierung. Das wiederum macht es wahrscheinlicher, dass die Geschichte zur Zeit des Osmanischen Reichs spielt, welches ab 1534 n.Chr. Bagdad beherrschte.

Ali wendet ein, er sei ja schon verheiratet und legt dem König nahe, seinen Sohn mit ihr zu vermählen.

"Ich gewähre dir nicht nur diese Gunst, sondern ich mache dich auch zum Wesir."

Wozu? Glaubt der König, ein reicher Mann könne ihm gute Ratschläge geben oder gut mitregieren? Wieder ein schöner Fall von vor-systemischer sozialer Differenzierung: Der Kaufmann wird ohne Umschweife ob seines Reichtums zum Wesir gemacht. Sein scheinbares kaufmännisches Talent soll sich in politisches Geschick übersetzen lassen?

Man feiert die Hochzeit.

Am Ende der dreißig Tage ging Hasan, der Sohn des Wesirs, zur Tochter des Königs ein und freute sich ihrer Schönheit und Lieblichkeit.

Außerdem werden neben dem königlichen Palast zwei weitere Schlösser errichtet - eines für Ali und eines für Hasan und seine Frau.

So blieben sie beieinander in einem Leben der Glückseligkeit.

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433. Nacht

Der König wird krank, und nach Beratung mit seinen Ratgebern beschließt er, Hasan zu seinem Nachfolger zu ernennen.

"Denn wir wissen, dass er verständig und einsichtig und in allem vollkommen ist, und er kennt den Rang von hoch und gering."

Bisher haben wir von keiner bemerkenswerten Leistung Hasans erfahren außer der Entjungferung der Königstochter. Und selbst der "Kaufmann" und "Wesir" Ali ist nicht einmal durch kaufmännische Leistungen aufgefallen. Seinen Wohlstand verdankt er dem Dämon aus dem Spukhaus. Die Qualifikation, den "Rang von hoch und gering" zu kennen, führt uns auf die Fährte: Wir sind in einer streng stratifiziert differenzierten Gesellschaft. Das Oben und das Unten ist, was zählt. Und das scheint auch in anderen Erzählungen hier immer wieder durch - zum Beispiel wenn ein verarmter Adliger aufgrund seines Verhaltens als hochstehend erkannt wird.

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434. Nacht

Der alte König stirbt.

Und König Hasan, der Sohn des Wesirs, führte die Herrschaft; die Untertanen freuten sich seiner, und alle seine Tage waren eitel Glück. (...) Das Land gedieh, und er blieb lange Zeit hindurch König von Bagdad; und durch die Tochter des alten Königs wurden ihm drei Söhne geschenkt, die nach ihm das Reich erbten und herrlich und in Freuden lebten, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt, und der die Freundesbande zerreißt. Preis sei ihm, der da bleibet in Ewigkeit, und der durch die Macht Trennung und Einigung verleiht.

Das Irritierende an dieser Geschichte ist wieder einmal, dass sie so ganz unserem Verständnis des Storytelling widerspricht, nach dem der Held sein Leiden als Prüfung zu verstehen habe. Es gibt hier aber keinerlei Katharsis - Ali verarmt und kommt durch pures Glück zu Geld. Dies aber war "seit alters her" so vorgesehen. Alis Vater hatte für seinen Sohn gebetet. Und so kann das Ganze auch als Geschichte zum Lobpreis Allahs verstanden werden.

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Die Geschichte von dem Pilgersmann und seiner Frau

Ein Pilgerer verliert nachts den Anschluss an seine Karawane, verirrt sich, läuft weiter und entdeckt an einem Zelt eine alte Frau mit einem Hund.
Als er sie um Essen bittet, schickt sie ihn in ein benachbartes Tal, um dort Schlangen zu fangen, die man braten könne, was er widerwillig tut. Das Wasser, das sie ihm zum Trinken anbietet, ist von beißender Bitterkeit.

"Ich wundere mich über dich, o Greisin, und darüber, dass du an diesem Orte wohnst und an solcher Stätte verweilst."

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in der verstatteten Rede an.