Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 21. Dezember 2015

Stalin und ich 8 - Wie der Stalin gehärtet wurde

Der Bürgerkrieg deformierte nicht die Bolschewiki, er formte sie.
Sie konnten im Grunde auch gar nicht anders. Aus den drei Gewalten des Staats bleibt nach 1918 fast ausschließlich die Exekutive, aus der sich eine permanente dualistische Staatsform entwickelt: Jedem in der Verwaltung wird ein kommunistischer Wachhund zur Seite gestellt.
In dieser Frage sind sich die führenden Bolschewiki völlig einig. So schreibt der Kriegskommissar Trotzki:

"Jeder Militärspezialist braucht einen Kommissar zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken, jeweils mit einem Revolver in der Hand."

Jedes Problem wird der "Konterrevolution" in die Schuhe geschoben. Und Schuldige werden stets schnell gefunden und verurteilt. Dass die Bolschewiki dieses Chaos durch Plünderungen, völlige Aufhebung jeglicher Markt-Mechanismen und politische Willkür selbst mitverursacht haben, kommt ihnen nicht in den Sinn. Das neue Regime verspricht Aufstiegs-Chancen in der Administration, also geht ein banditenhaftes Gerangel um die radikalste Enteignung los.

Im Bürgerkrieg selbst begehen die Weißgardisten einen schweren Fehler: Sie ignorieren die Bedürfnisse der Bauern, die sie nach den bolschewistischen Eskapaden mit Leichtigkeit hätten an sich binden können. Das korrespondiert wiederum mit einem bemerkenswerten Schachzug der Bolschewiki: Sie nutzen (natürlich unter Kommissarsbewachung) die zaristischen Offiziere, was die Weißen für absurd gehalten hätten.

Und nun bekommt Stalin seine erste große Bewährungsprobe: Er wird nach Zarizyn, dem späteren Stalingrad/Wolgograd entsandt, einem für die Versorgung Moskaus entscheidenden Verkehrsknotenpunkt. Stalins wichtigstes Instrument ist zunächst die Tscheka, aber er verlangt nach mehr: Er will Kommando-Kompetenzen über die Rote Armee. Als seine Anfrage zur Erlaubnis dafür unbeantwortet bleibt, übernimmt er sie trotzdem, ohne dass Trotzki muckt.

Vielleicht wurde ihm in dieser Zeit klar, dass er im Zweifel mit Trotzki leichtes Spiel haben würde, da dieser ihm vielleicht intellektuell überlegen war, aber im Zweifelsfall nicht den Mumm haben würde, politisch geschickt zu manövrieren.

Schon bald setzt sich Stalin nämlich über Trotzkis Anweisungen hinweg. Zaristische Offiziere werden ausgeschaltet - er lässt sie hinrichten oder auf einem Gefängnisschiff verhungern.
Als weiße Kosaken die Stadt belagern, gehen die Exekutionen weiter und Stalin schürt die Angst vor kosakischen Spionen.

Hier war bereits, als klitzekleines Embryo, angelegt, was später als Szenario für zahllose fabrizierte Prozesse in den 1920er und 30er Jahren diente und im Großen Terror von 1937-38 mündete.

Stalin erwies sich in Zarizyn einerseits als skrupelloser Macher, der rasch handelte, der aber auch die Klassenideologie vor jeden Pragmatismus stellte und in militärischen Dingen (wie auch später im 2. Weltkrieg) dilettierte.

Während Lenins Leben am seidenen Faden hing, vertiefte sich der Konflikt zwischen Trotzki und Stalin, die jeweils die Ablösung des anderen forderten, wobei Stalin schriftlich meist einen eher milden Ton anschlug. Dieses kleine Gefecht gewann Trotzki: Stalin wurde abgezogen, aber ohne bestraft zu werden. Zarizyn wurde letztlich durch die Division des Dmitry Shloba gehalten.

Der Herbst 1918 gibt den Bolschewiki eine Atempause - der 1. Weltkrieg ist beendet, und Lenin erklärt Brest-Litowsk sofort für ungültig. Gutgelaunt relegalisiert er die Menschewiki (nicht für lange), und Bucharin und Stalin können langsam gegen kleine Intrigen gegen den ständig abwesenden Trotzki spinnen.
Sowjetrussland wird nicht zu den Versailler Friedensverhandlungen gelassen. Und so stehen am Ende zwei Großmächte als Außenseiter da, die dem europäischen 20. Jahrhundert noch einen fatalen Dreh geben werden: Deutschland und Russland.

Im März 1919 (der kommunistische Aufstand in Berlin ist nur wenige Wochen zuvor niedergeschlagen worden), hält die Russische Kommunistische Partei, wie sie sich jetzt nennt, ihren Parteitag. Swerdlow stirbt währenddessen, und Stalin zieht geschickt seinen Kopf aus der Schlinge, indem er die Hauptschuld für das Zarizyn-Desaster auf Woroschilow ablädt. Außerdem offenbart er nun seine Verachtung gegen die Bauern:

"Die Bauern werden nicht für den Sozialismus kämpfen, das werden sie nicht! Freiwillig werden sie das nie tun."

Die Position ist nicht weit von der Trotzkis entfernt, aber Stalin hütet sich davor, sich ihm anzunähern.
Stalin wird kurz nach dem Parteitag zum Kommissar für Staatskontrolle (später umbenannt in die auch in der DDR bekannte "Arbeiter- und Bauern-Inspektion").

Wenn damit die Konzentration von Macht und die Korruption verhindert werden sollte, hatte man hier wohl den Bock zum Gärtner gemacht.

Mit dem April 1919 wird nun auch die Münchner Räterepublik niedergeschlagen, deren Protagonisten Eisner hier wohl zu Recht eher mit Kerenski verglichen wird - die Betonung auf Räte statt Diktatur durch eine selbsternannte Elite.

Kotkin weist auf das Kuriosum hin, dass ausgerechnet in Deutschland, dem Land mit einer ungeheuer starken Sozialdemokratie die radikalen Führer Luxemburg und Liebknecht ermordet werden, während in Russland entgegen aller Wahrscheinlichkeit Lenin und Trotzki (vorerst) mit dem Leben davonkamen.

Sowohl Stalin als auch Trotzki verbringen fast den gesamten Bürgerkrieg im Zug. Trotzkis Panzerwagen ist mit enormen Mengen Waffen und Munition sowie Geschenken für Offiziere und Soldaten ausgerüstet. Stalin fährt dagegen fast bescheiden. Trotzkis Panzerwagen erhält schon mystische Bedeutung, da es ihm immer wieder gelingt, die Moral hochzuhalten. Offiziere übergeht er immer wieder.
Aber am Ende ist er es, dem der Sieg über Judenitsch, Denikin und Koltschak zugeschrieben wird. Als man ihn im Bolschoi-Theater empfängt und ehrt, fehlt Stalin.

 
Strelnikow = Trotzki
(Dr. Zhivago)

Wie wurde der Stahl gehärtet? Im Feuer des Bürgerkriegs. Die Bolschewiki walzen die Rätedemokratie nieder, die Fabrik-Komitees, die Gewerkschaften, die Bauern-Komitees. Ein ungeheurer, korruptionsgetränkter Bürokraten-Apparat wird geschaffen. Und während die Bürokratie allenthalben geschmäht wird, verhindert die klassenpolitische Denke, dass die Inhaber der Macht als korrupt und bürokratisch markiert werden. Checks & balances funktionieren trotz Arbeiter- und Bauerninspektion in diesem terroristischen gleichgeschalteten Regime leider nicht.

Inzwischen verhält sich Stalin politisch geschickt: 1. Er baut seine eigene Gefolgschaft auf. 2. Er fordert Lenin nie direkt politisch heraus und schon gar nicht maßt er sich an, mit ihm auf einer Stufe zu stehen. Letzteres tut Trotzki, was ihm letztlich den Kopf kosten wird.

Montag, 30. November 2015

Stalin und ich 7 - Dada, Lenin und die rollenden Köpfe

1918 - Dada und Lenin

Das Machtvakuum, das die Bolschewiki betraten, muss surreal gewirkt haben. Aus dem Smolny heraus "regierten" Lenin und sein engster Kreis (Trotzki, Swerdlow, Stalin) per Dekret. Keiner von ihnen besaß administrative Erfahrungen. Stalin, der zum Kommissar für Nationalitätenfragen ernannt wurde, hatte kein Ministerium zu übernehmen, sondern nur einen leeren Schreibtisch. Swerdlow blieb Generalsekretär. Trotzki wurde Kommissar für äußere Angelegenheiten. Seine Versuche, das Ministerium zu übernehmen (und zwar Gebäude und Personal) blieben erfolglos. Man wies ihn ab, das Personal desertierte.

Mehrfach wurde bereits auf den Zufall hingewiesen, dass Lenin in derselben Züricher Straße wohnte, in der sich auch das dadaistische Café Voltaire befand. Hatte Dada (Da-da = Ja-ja) einen Einfluss auf Lenin? Kotkin meint, wenn es keinen direkten Einfluss gab, so war es doch eine krasse Koinzidenz. Das Spiel mit Bedeutungen, die Improvisation mit Vorhandenem, die Kreation im totalen Lärm, das Handeln in Chaos und Anarchie: Einige Gewerkschaften standen auf Konfrontation mit den Bolschewiki, Deutschland machte sich bereit, Russland zu erobern, Lenin wurde später im Sommer 1918 durch ein Attentat schwer verletzt.
Kotkin spricht Lenin sogar einen Hang zum Chaos zu: Je chaotischer das gesellschaftliche Chaos, umso wichtiger die sozialistische Revolution, so sein Kalkül.

In 1918, the world experienced the pointed irreverence of Dada as well as an unintentionally Dada-esque Bolshevik stab at rule, performance art that involved a substantial participatory audience. At the center, Lenin persisted in his uncanny determination, and Stalin hewed closely to him. Stalin assumed the position of one of Lenin's all purpose deputies, prepared to take up any assignment.

1918 hörte Lenin auf, die Pariser Commune als Vorbild für die sozialistische Revolution anzusehen. Die Mehrheitler waren in der Minderheit und Feinde ringsum. Das tendenzielle Belagerungsdenken, das überall Feinde wittert, wurde zur geistigen Grundhaltung der Partei und ihres Führers. Direkt nach der Revolution favorisierte die Mehrheit der Sozialisten (auch die Mehrheit der Bolschewiki) noch eine gemeinschaftliche Regierung aller Sozialisten. Aber Lenin, Trotzki und Stalin widersetzten sich diesem mehrheitlichen Begehren der Parteimitglieder, die in Kamenew ihren prominentesten Fürsprecher hatten. Seine weitergehenden Verhandlungen mit den Menschewiki und Sozialrevolutionären brandmarkt Lenin als Verrat.

Lenin erweist sich hier im Grunde als völlig politikunfähig. Nicht einmal in engsten Kreisen ist er zu Kompromissen, Verhandlungen oder Zugeständnissen fähig. Seine Ich-oder-Nichts-Politik erinnert in diesem Punkt fatal an Nikolaus II. Dass er und seine Truppe den politischen und militärischen Kampf doch gewinnen ist eine Mischung aus Charisma, dadaistischer Improvisationsfähigkeit, militärischem Geschick Trotzkis und ungeheurem Glück.

Es ist ein im übrigen ein ironischer Zug, dass die Bolschewiki eigentlich aus historisch-marxistischer Sicht die Rechts-Abweichler waren. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre waren es, die eine von den Arbeitern getragene Revolution forderten. Lenin und seine Anhänger verfochten den elitären Gedanken einer elitären Partei-Avangarde. Diesen Gedanken formuliert Kotkin zwar nicht aus, aber wir finden ihn zum Beispiel bei Chomsky.

 

Lenins Charisma erweist sich so groß, dass Sinowjew und Kamenew klein beigeben und eigentlich die Interessen der Parteimehrheit verraten. Kotkin meint, dass, wenn Kamenew an dieser Stelle Machtwille bewiesen hätte, die Geschichte einen völlig anderen Verlauf hätte nehmen können.

Der Petrograder Sowjet, der den Rat der Volkskommissare überwachen soll, wird von Trotzki, Lenin und Stalin kurzerhand entmachtet, indem sie sich selbst in ihm als stimmberechtigt ansehen. Die restlichen Bolschewiki kuschen vor ihnen. Und dies ist der Anfang vom Ende der Sowjetmacht in ihrem ursprünglichen Sinne.

Währenddessen zerfällt Russland als Staat. Die nationalen Randgebiete machen den Anfang und sagen sich los, die baltischen Staaten, Ukraine, Georgien, Armenien, Aserbaidschan. Manchen davon gelingt es für immer: Polen, Finnland.
Die Bolschewiki sehen keinen Grund, sich den Grundgesetzen der Wirtschaft zu beugen. Anstatt sich wenigstens hier vorübergehend einige Loyalitäten zu sichern, raubt der Finanzminister kurzerhand eine Bank aus und legt Lenin 5 Millionen Rubel auf den Tisch.

Um die Jahreswende nehmen Bauernaufstände und Streiks von Staatsangestellten zu. Die Tscheka unter Dzershinsky zeigt nun ihre Zähne: Sie rekrutiert zunehmend unter Kriminellen und beginnt eine Hetzjagd auf Gewerkschaftler. Wer nicht auf Linie der Bolschewiki ist, steht unter Verdacht, mit dem alten System zu sympathisieren, was Grund genug für Verhaftungen ist. Und ab Februar 1918 reklamiert die Tscheka für sich das Recht auf standrechtliche Erschießungen.

Die Wahlen vom November erweisen sich für die Bolschewiki zwiespältig: Die große Mehrheit in Russland wählt links, aber nicht-bolschewistisch, dafür aber entscheiden die Bolkschewiki die Wahlen für sich in Petrograd und Moskau.

Die Sozialrevolutionäre klagen:

"Wer sieht denn nicht, dass das, was wir haben, kein Sowjet-Regime ist, sondern die Diktatur von Lenin und Trotzki und dass ihre Diktatur auf den Bajonetten der von ihnen getäuschten Arbeiter und Soldaten liegt!"

Muss man noch sagen, dass die Zeitung, die dies veröffentlichte, kurz darauf geschlossen wurde?

Die erste Konstituierende Versammlung dauerte einen Tag, danach wurde den Delegierten der Zutritt verwehrt. Zehntausende Petrograder, unter ihnen viele Fabrikarbeiter protestierten dagegen, und die Bolschewiki ließen auf sie schießen.

Es war das erste Mal seit Februar und Juli 1917, dass Zivilisten in russischen Städten aus politischen Gründen niedergeschossen wurden, aber den Bolschewiki ließ man das durchgehen.

Das legendäre "Dekret über den Frieden" war natürlich eine zweischneidige Angelegenheit, das wusste auch Lenin. Würde man von heute auf morgen

"die Bajonette in die Erde stecken",

würde Russland überrollt. Aus der Not geboren, weckte es Begeisterung bei der kriegsmüden russischen Bevölkerung. Aber Deutschland war ebenfalls an einem Waffenstillstand gelegen, da es überall an der Front zu Verbrüderungen kam und der Regierung Nahrung und Ausrüstung ausgingen.
Die erste Delegation, die Lenin zu den Waffenstillstandsverhandlungen schickte, muss ein Haufen krasser Provokateure gewesen sein:

Karl Radek rief den deutschen Soldaten noch aus dem Zug zu, sie sollten sich gegen ihre Armeeführung erheben. Er blies den deutschen Verhandlern den Rauch seiner Zigarre demonstrativ ins Gesicht und provozierte mit der geäußerten Hoffnung auf eine baldige Revolution in Deutschland, nicht gerade eine geschickte Verhandlungstaktik, wenn man das Gegenüber dazu bringen will, durch den Krieg gewonnenes Territorium zurückzugeben und auf Reparationen zu verzichten. Lenin pfiff die Truppe zurück und setzte seinen zweiten Mann ein - Trotzki. Die Verhandlungen liefen zäh, und Trotzki zog sich zur Verhandlung mit Stalin zurück, die auf eine Debatte des Zentralkomitees. Trotzkis Position, auf Zeit zu spielen und auf eine Revolution zu hoffen, setzte sich gegen die realistische (Stalin) und die radikale (Bucharin) durch. Aber die deutsche Heeresleitung hatte die Faxen dicke. Das Ende vom Lied: Die Deutschen setzten im Februar zum Angriff an.
Innerhalb kürzester Zeit erobern die Deutschen praktisch aus der Eisenbahn heraus Minsk, Mogiljow und Narva. Petrograds Untergang und damit die Niederlage der Bolschewiki schien unmittelbar bervorzustehen.

In Qoqand wird inzwischen von muslimischen Führern die Autonomie ausgerufen, da die Sowjets den Muslimen kein Mitspracherecht einräumen wollen. Die Stadt wird belagert und nach vier Tagen eingenommen. 14.000 Muslime werden umgebracht. Nahrungsmittel werden requiriert, was eine der ersten Hungerkatastrophen zur Folge hat, in deren Folge fast eine Million sterben oder nach China fliehen.

Die Deutschen nähern sich Petrograd auf 150 Kilometer. Das Zentralkomitee und selbst Lenin wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Die erhoffte und beschworene deutsche Revolution bleibt aus. Lenin willigt in den Diktatfrieden ein, und hier ist selbst Stalin nicht mehr ganz auf seiner Seite. Und so kapituliert Russland schließlich per Funkspruch. Was Stalin Kerenski einst vorwarf - zu desertieren und die Hauptstadt den Deutschen zu überlassen, das tut er nun selbst, mit Lenin und der gesamten bolschewistischen Führungstruppe: Sie verlagern ihren Sitz nach Moskau. Für immer.
Stalin heiratet kurz vor seiner Abreise Nadja Allilujewa, die ihn vor der Revolution oft heimlich beherbergte.

Die dadaistischen Improvisationsfähigkeiten der Bolschewiki werden an den Rand ihrer Möglichkeiten getrieben. Geschützt von lettischen Grenadieren, die aus bizarren Gründen zu den Bolschewiki halten, erreicht Lenin Moskau. Nach nur einer Woche nimmt man den Kreml in Anspruch, vertreibt die verbliebenen Nonnen und Mönche aus dem anliegenden Kloster und richtet sich ein.
In dem Gerangel um annehmliche Wohnungen und Arbeitsräume muss Stalin sich geschlagen geben und kleinere Zimmer in Kauf nehmen.

Das mitgereiste Sowjet-Zentralkomitee ratifiziert im März die Kapitulation, mit knapper Mehrheit. Swerdlow war es gelungen, einige Oppositionelle auf die Seite der Bolschewiki zu ziehen. Weder gelingt es den Bolschewiki die Entente auf ihre Seite zu ziehen, von der die als deutsche Spione gehalten werden, noch können sie die abtrünnigen Gebiete halten. Stalin widerruft das Selbstbestimmungsrecht der Völker, wenn es "seine revolutionäre Bedeutung" verliert.

Julius Martow, Führer der Menschewiki, gräbt unterdessen Stalins Vergangenheit als Bandit aus und erhält dafür ein Parteiverfahren (sie sind alle noch Mitglieder derselben Partei), das für ihn zunächst glimpflich endet - mit einer Rüge. Aber Stalins Vergangenheit ist nun Thema geworden.

Die Menschewiki wurden uns in der DDR als Reformisten und als Verräter dargestellt, die "mit den Herrschenden" Burgfrieden schließen wollten. Wie lange sie sich noch über den Tisch ziehen ließen, wäre eine Tragödie für sich, wenn man nicht auch annehmen könnte, dass sie selbst radikal bis unter die Nägel waren.

Eine Bedrohung der kuriosen Art stellten die tschechischen Legionäre dar, die nach der Gefangennahme hin und her verfrachtet wurden - von Kerenski im Krieg eingesetzt, sollten sie von den Bolschewiki vertragsgemäß an die Entente ausgeliefert werden, diese aber zögerten. Und es genügte ein kleiner Anlass, dass die Legionäre revoltierten und kurzerhand einen Großteil der sibirischen Eisenbahn unter ihre Kontrolle brachten.

Sie eroberten ein größeres Territorium als irgendwer sonst während des 1. Weltkriegs.

Um nicht auch noch Moskau zu verlieren, schicken die Bolschewiki Stalin nach Zarizyn, um diesen strategischen Verkehrsknotenpunkt, zu halten und für die Bolschewiki nachhaltig zu sichern. Es wurde sein erster großer Auftrag, der ihm viele Kontakte bescherte, aber auch seine Rolle im Regime entscheidend aufwertete.

Unterdessen trachten Lenins Finanziers, die kaiserlichen Deutschen, das Reich durch "leichten militärischen Druck" zu stürzen. Mit Leichtigkeit erobern sie mehrere russische Provinzen, darunter am 1. Mai 1918 Sewastopol auf der Krim. Die Russen revanchieren sich, indem sie über ihre Botschaft in Berlin Geld an die deutschen Sozialdemokraten liefern, in der Hoffnung, dort doch noch eine Revolution auszulösen.

Dieser Vorgang entbehrt nicht einer gehörigen Ironie. Es wirkt beinahe, als flösse das Geld, das der Kaiser ein Jahr zuvor Lenin gab, nun zurück an die deutschen Radikalen geht, mit anderen Worten, als hätte der Kaiser seinen eigenen Untergang finanziert.

Und bei all dem zerfleischen sich die Revolutionäre gegenseitig. Oder besser gesagt: Die Bolschewiki arbeiten weiterhin an ihrer Monopolstellung. Die Sozialrevolutionäre werden im Juni 1918 aus dem zentralen Exekutivkomitee geworfen und ihre Zeitungen geschlossen. Maria Spiridonova, die Führerin der linken Sozialrevolutionäre unternimmt einen clever ausgeführten Putschversuch. Sie lässt den deutschen Botschafter ermorden, um Deutschland zu einem Krieg gegen die Bolschewiki zu provozieren. Und die (sozialrevolutionär dominierte) Tscheka, die eigentlich die Revolution schützen soll, verhaftet ausgerechnet ihren Führer Felix Dzershinski. Die Macht hatte auf der Straße gelegen wie wenige Monate zuvor in Petrograd.

Aber den linken Sozialrevolutionären fehlte das Entscheidende: Der Wille.

Als die tschechischen Truppen sich Jekaterinburg nahen, wird die Romanow-Familie abgeschlachtet.

Und dann geschieht im August 1918 das legendäre Attentat, das eigentlich das Schicksal der Revolution hätte besiegeln müssen: Lenin wird nach einer Rede vor Moskauer Arbeitern (Fragen werden nur schriftlich zugelassen und letztlich nicht mal beantwortet) am Ausgang niedergeschossen, angeblich von der fast blinden Fanny Kaplan, die kurz darauf hingerichtet wird.

Die Hölle brach los, und Hunderte politische Gefangene in Petrograd (meist Angehörige der zaristischen Verwaltung), wurden kurzerhand zu Geiseln erklärt und erschossen. Das bolschewistische Experiment war von Anfang an ein wahnwitziger Versuch gewesen, der zu jedem Punkt kurz vorm Scheitern stand, aber in 1918 war ein Tiefpunkt erreicht, den die Bolschewiki mit großangelegtem Terror zu übertünchen versuchten. Und das war erst der Anfang.

Montag, 21. September 2015

Stalin und ich VI - Der Egon Olsen Russlands

Kapitel 6 - Der kalmückischer Retter

Da war sie nun, die Revolution: Der Zar gestürzt, eine provisorische Regierung schnell aufgebaut. Aber die trieb vor sich her, hatte keine Vision und akzeptierte sogar das Verdikt, Produkt einer "bourgeoisen Revolution" zu sein, mithin Vorläufer der eigentlichen Revolution. Sozialistische Symbole, wie Hammer und Sichel tauchten auf, noch bevor sich die Bolschewiki ihrer bemächtigen konnten. Das Land lag in Scherben - wirtschaftlich, politisch, sozial. Und das russische Volk auf der Suche nach einem Erlöser. Und da bot er sich an: Nach siebzehn Jahren Exil, die günstige Situation kaum fassend, die politische Lage in Russland eigentlich überhaupt nicht begreifend - Lenin.

Kerenski, der von Bolschewiki und der sowjetischen Geschichtsschreibung immer als furchtbarer Reaktionär geschildert wurde, war eigentlich ein linker unter den Konstitutionalisten. Das Problem, vor dem er stand: Die provisorische Regierung hatte kaum Legitimation im Volk, war ein fragiler Haufen mit unterschiedlichen Zielen, der sich selbst über einfache Fragen nicht einigen konnte. Im Gegensatz zu den späteren Bolschewiki konnten sie auch kaum ihre Macht kräftig genug durchsetzen. Anstatt auf die alte Polizei zu setzen, schafften sie sie ab und bauten auf nicht anerkannte Volksmilizen, während Hunger und Plünderungen weitergingen. Sie entließ die alten Gouverneure (wieder eine Gruppe potentiell Verbündeter weniger), ohne eine geeignete Gegenmacht zu entwickeln. In Petrograd selbst übernahmen die Räte (Sowjets) eine Art Parlaments-Ersatz.
Bedroht wurde sie außerdem von den Rechtsextremen und dem sich abzeichnenden Verfall des Reichs an seinen Rändern - der Ukraine, dem Baltikum, dem Kaukausus. Und nicht zu vergessen: Russland stand im Krieg gegen Deutschland.
Während sich die Exekutive in detailversessenem Wahn über Gesetzesentwürfe beugte, fehlte ihr de facto die Macht, überhaupt etwas durchzusetzen. Da erschien ein Retter am Horizont der Geschichte: Der rechtsradikale Oberkommandierende Russlands, Lawr Kornilow, ein Halbgeorgier wie Stalin.

Währenddessen begann im Schatten des Chaos und der Unzufriedenheit der Bolschewismus in Petrograd zu wachsen. Die Zahl der Anhänger, historisch kaum genau zu bestimmen, schwoll an, während die Führer entweder noch im Exil saßen oder sich an einem Tisch treffen konnten. Ihre zwei großen Argumente waren die absolute Gegnerschaft gegen den Krieg und die Ausbeutungstheorie als Catch-all-Theorie.
Lenin stand vor dem Problem, die Situation nicht nutzen zu können. Er saß hinter den deutschen Linien gefangen und wenn er sie überqueren würde, stünde er als deutscher Agent da, ein Ruf, der ihm ohnehin vorauseilte, da er zur Vernichtung Russlands aufgerufen hatte. Um Russland zu destabilisieren, ließ das kaiserliche Deutschland tatsächlich Geld fließen. Zunächst hauptsächlich an die Sozialrevolutionäre, später auch an die Bolschewiki, namentlich Lenin. Ein Unterhändler klärte die Formalitäten, und dann kam es zur legendären Durchquerung Deutschlands im plombierten Zug mit Lenin, Radek, Krupskaja, Inessa Armand, Sinowjew und einigen anderen. Er erreichte Petrograd am 3. April 1917.

Die Bolschewiki stehen Lenins Forderungen nach sofortiger Revolution skeptisch gegenüber, sowohl Kamenew als auch Stalin. (Kamenew distanziert sich sogar in der Prawda von Lenins "Aprilhesen". Lenin staucht sie alle als Jammerlappen zusammen.

Eine Assoziation drängt sich für einen DDR-Sozialisierten geradezu auf - Egon Olsen. Der große Planer versprach seinen Anhängern stets das Paradies auf Erden, das so leicht zu erreichen wäre, wenn man nur klug und beherzt zu Werke schritte. Und wer war Lenin schon, wenn nicht eine Art grausamer Egon Olsen?

 

Swerdlow trifft ebenfalls in Petrograd ein und wird zum Parteiorganisator. Stalin als sein Assistent wird sich hier eine der wichtigsten Lektionen seiner Laufbahn holen: Eine auf eine Person ausgerichtete, absolut loyale Parteiorganisation aufzubauen.

Die Menschewiki beharrten auf dem bürgerlichen Charakter der Revolution und  beteiligten sich sogar an der provisorischen Regierung, was den Bolschewiki natürlich weiter Futter gab. Kerenski warnte indessen vor der Wiederholung der Fehler der französischen Revolution: Dem umgreifenden Terror Robbespierres und dem Alleinherrscher Napoleon.

Und dann versetzte die Wahl im Juni 1917 den Bolschewiki einen ordentlichen Dämpfer. Wenn auch die Mehrheit links wählte, so waren doch die "Mehrheitler" in der Minderheit (105 von 777 Delegierten). Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre gewannen dagegen 248 bzw. 285 Sitze.

Perhaps the central riddle of 1917 is why the Provisional Government decided in June to attack the Central Powers.

Russland war kriegsmüde, und die provisorische Regierung verspielte sich mit ihrer Entscheidung für eine Offensive die allerletzten Sympathien.

Die Finanzierung der Bolschewiki durch die Deutschen erwies sich als zweischneidiges Schwert: Einerseits druckten sie die Prawda in Auflagen, die in keinem Verhältnis zur Größe der Partei standen, andererseits wurden Lenin und Trotzki als deutsche Spione dargestellt und ihr Leben war somit in Gefahr. Lenin floh im Juli 1917 nach Russisch-Finnland, wo er "Staat und Revolution" schrieb, ein Werk, das die Demokratie nur als Mittel zum Zweck verniedlicht und behauptet, die Revolution müsse in jedem Falle mit Gewalt errungen werden, bis der Staat eines Tages absterbe.

Ob der Machtmensch Lenin tatsächlich daran geglaubt hat? Wahrscheinlich schon. Zynisch war er zwar, wenn es um Menschenleben ging. Aber er muss von seiner Vision überzeugt gewesen sein, sonst wäre er all diese Risiken, um als Erlöser nicht nur Russlands, sondern der Menschheit aufzutreten, kaum eingegangen. Er sah sich zwar auch als Theoretiker, aber vielmehr noch als Vollstrecker der alten Marxschen Lehre. Plechanow und Kautsky galten von nun an als Renegaten.

In Abwesenheit von Lenin, Sinowjew, Trotzki, und Kamenew (die ersten zwei im Exil, die anderen in Haft) fand der erste Parteitag seit 10 Jahren statt, geleitet von Swerdlow und Stalin. Stalin mahnt dazu, Augenmaß zu halten und nicht gleich die Weltrevolution auszurufen, sondern die einmalige Chance zu nutzen, die sich hier und jetzt in Russland bietet.

Erstmals tritt Stalin hier vor einer großen Gruppe von Bolschewiki auf. Er argumentiert mäßigend. Und der Autor meint, hier einen Beleg für Stalins Scharfsinnigkeit zu finden, die ihm für gewöhnlich abgesprochen wird.

Nur wenige Tage später findet in Moskau (!) eine Staatskoferenz mit 2.500 Delegierten der politischen, militärischen, ökonomischen und Bildungselite statt. General Kornilow präsentiert sich als der kalmückische Retter, aber letztlich scheitert die Konferenz daran, dass Kerenski weder Plan, noch Strategie, noch Ziel hat. Statt die gemäßigten Linken, die Liberalen, die Konstitutionalisten und die Nationalisten auf einen Weg zu bringen, erscheint das Ganze wie eine Parade der Zwietracht.

Three days of speechifying. Nothing institutional endured.

Zwischen Kerenski und Kornilow kommt es zum Zusammenstoß In Petrograd, wobei sich beide Putschabsichten unterstellen. Kornilow gelingt es nicht, eine anti-bolschewistische Militärdiktatur zu etablieren. Kerenski wird immer mehr erdrückt zwischen den Fronten. Denn das Militär, d.h. die Soldaten, die ihm helfen den Kornilowputsch niederzuschlagen, sind immer mehr bolschewistisch geprägt. Der als Hochverräter bezeichnete Kornilow bleibt ironischerweise Oberkommandierender des Heeres.

Nach dem Rückschlag der Bolschewiki im Juli sind sie nun wieder obenauf: Tausende werden aus der Haft entlassen, unter ihnen Trotzki. Und sie erhalten Zulauf, da die Provisorische Regierung die Nöte der Bauern und Arbeiter nicht nur nicht zu lösen vermag, sondern auch keine Vision hat, wie diese zu lösen seien. Stalin analysiert indessen, die Bourgeoisie habe ihre Funktion, die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen, nicht erfüllt, und nun sei es Zeit für die sozialistische. So sieht das auch Lenin, und drängt das Zentralkomitee zu sofortiger Revolution. Kamenew und Sinowjew stimmen dagegen, Lenin kehrt (wieder einmal verkleidet) zurück nach Petrograd, und Kamenew tritt zurück.

Als großes Glück erweist sich, dass ausgerechnet im Oktober der Allrussische Rätekongress (Sowjetkongress) stattfinden soll, so dass die Bolschewiki genügend Zeit zur Putschvorbereitung haben und den Kongress als Legitimierung ausnutzen können.

Der Akt der Revolution widerspricht so ziemlich allen Vorstellungen, die man sich von Revolutionen macht.

Red Guards - described as a huddled group of boys in workmen's clothes, carrying guns with bayonets - met zero resistance and by nightfall on October 24 controlled most of the capital's strategic points.

 

Die für die Verteidigung eingesetzten Offiziere waren betrunken, die Kadetten und das nur aus Frauen bestehende "Todesbataillon" flohen. Die Petrograder Garnison verhielt sich neutral - ein Vorteil für die Bolschewiki. Die Roten Garden "stürmten" nicht das Winterpalais, sondern kletterten über unbewachte Tore, knackten Schlösser, schlugen Fenster ein und betranken sich im wertvollsten Weinkeller der Welt.
Aber natürlich wollte man im Nachhinein mithalten mit dem großen französischen Vorbild - dem Sturm auf die Bastille.

Die Bolschewiki stellten mit der Verhaftung der Provisorischen Regierung den Sowjetkongress vor vollendete Tatsachen. Die relativ (!) gemäßigten Menschewiki und Sozialrevolutionäre waren entsetzt. Der Vorsitzende der Menschewiki sagte prophetisch:

"Eines Tages werdet ihr das Verbrechen verstehen, in das ihr euch habt verwickeln lassen."

Protestierend verließen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre den Kongress und halfen dadurch letztlich den Bolschewiki, denn in diesem Moment war der Kongress das Zentrum der Macht. Wenn es noch eine Möglichkeit gegeben hätte, die Bolschewiki halbwegs zu bändigen, dann hier und jetzt.

Kalmückischer Retter? Nicht Kornilow, sondern Lenin, dessen asiatische Gesichtszüge nun tausende Delegierte erstmals sahen, inszenierte sich als solcher.

Kamenew, der Vorsitzende des Sowjet-Exekutivkomitees, versuchte, die Schäden zu minimieren: Er erklärte die bolschewistische Regierung für vorübergehend und rief die Sozialrevolutionäre auf, in den Sowjet zurückzukehren. Trotzki hingegen frohlockte triumphierend.

Lenin, so beschreibt es der Autor Kotkin, agierte aus einer Mischung aus Genialität, Glück und Ignoranz. Kaum aus dem Exil zurückgekehrt, musste er schon wieder abtauchen und war kaum in Kontakt mit seinen Revolutionskollegen. Statt Verbündete zu suchen, schaffte er sich Feinde. Und dennoch liefen die Dinge, wie er sie haben wollte und so konnte er sich als der Denker und Vollstrecker der Revolution inszenieren. Seine rechte Hand war Trotzki. Der eine hätte ohne den anderen nichts erreicht. Stalin, der harte propagandistische Arbeiter in der Vorbereitung der Revolution, hielt auf dem historischen Sowjetkongress keine einzige Rede.

The Bolshevik putsch could have been prevented by a pair of bullets.

Im Nachhinein erscheint der Putsch vielmehr als ein Putsch gegen den Sowjet als einer gegen die Provisorische Regierung, die zu dem Zeitpunkt ohnehin kaum mehr handlungsfähig war.

Stalin blieb der Propagandist.

His publications explained the revolution in simple, accesible terms.

Und kurz nach der Revolution war er neben Trotzki der Einzige, dem Lenin Zutritt zu seiner Privatwohnung im Bolschewistischen Hauptquartier im Smolny gewährte.

Dienstag, 1. September 2015

Welches Deutschland wollen wir? Nein. Im Ernst!

"Die Nazis zwingen uns dazu, Position zu beziehen: Welches Deutschland wollen wir? Wie stehen wir zu den Flüchtlingen?", schreibt Peter Unfried in einem Artikel für den Rolling Stone. Der Artikel ist nett und gut und vielleicht auch irgendwie wichtig in dem Sinne, dass es einem gut tut, zu wissen, dass man mit seinem Ekel gegenüber dem Menschenhass und Terror gegenüber Flüchtlingen nicht allein ist.
Aber praktikable Antworten liefert Herr Unfried nicht. Was letztlich durch die terroristischen Angriffe auf Heime diskursiv passiert, ist eine Simplifizierung der Debatte, zugespitzt auf: Offene Grenzen oder brennende Heime.
750.000 Leute werden 2015 nach Deutschland kommen und bleiben. Sie bleiben nicht in Griechenland, Moldawien, Rumänien, sondern hier. Das ist für Deutschland ein Bevölkerungszuwachs von 1% innerhalb eines Jahres, vergleichbar mit Indien oder Bangladesh. Und es ist kaum abzusehen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert.
Ja, wir müssen dem ungeahndeten Terrorismus eine menschliche, herzliche Willkommenskultur entgegensetzen. Aber heißt das, dass wir uns nicht auch Gedanken darüber machen sollten, wie Immigration in den kommenden Jahren funktionieren soll?
Welche Rolle soll das Flüchtlingsrecht spielen? Soll das innerhalb der EU nach dem Prinzip des geringsten Widerstands laufen? (Wer am wenigsten politischen Widerstand gegen Flüchtlinge aufbaut, muss sie eben übernehmen.) Sollen die südlichen Grenzländer mit ihren unzureichenden Auffanglagern die Abschreckungsbastion bleiben? Sollen die bockigen Länder Polen und Großbritannien aus der Verantwortung genommen werden?
Welche Rolle soll das deutsche Asylrecht spielen? Wieviel Einzelfallprüfung ist in Ländern des Westbalkan überhaupt möglich? Gibt es bei den Fehde-Morden keine "inneren Fluchtmöglichkeiten"? Und soll man dann diese Länder gleich zu sicheren Herkunftsländern erklären? Wäre das nicht auch eine Entlastung für die Justiz, die sich auch um Prüfungen aus Eritrea, Syrien, Nigeria kümmern muss? Oder könnte man nicht gleich sagen: Egal - in 10 Jahren sind Serbien und Mazedonien sowieso in der EU, dann können wir deren Einwohnern der Einfachheit halber auch gleich die Freizügigkeit gewähren?
Und ist es nicht auch sinnvoll, einigen Einwanderern, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen, das zu gestatten, ohne dass sie um Asyl bitten müssen?
In den letzten Wochen wurde immer wieder auf die Verwaltungen, die Regierungen und Einzelverantwortliche gezeigt, die mit der Situation nicht angemessen umgingen. Ist das nur Unwillen oder ist es nicht auch einfach eine krasse Situation? Wie soll das im nächsten Jahr aussehen? Und im übernächsten?
Unfried schreibt als Pointe: "Je mehr Flüchtlinge wir integrieren, desto deutscher sind wir." Und wieviele Menschen kann man jährlich halbwegs integrieren? Wieviele Flüchtlinge sind denn jung und/oder talentiert genug, Deutsch zu lernen? Das schaffen ja oft nicht mal die jahrelang hier lebenden US-Amerikaner.
Wievielen kann man die vielen kleinen Kulturschocks zutrauen, zum Beispiel den dass in Deutschland das Schlagen von Kindern illegal ist?
Können wir in den Großstädten das Problem der Segregation wirklich handhaben? In Berlin wird in einigen Gymnasien mit über 95% Migrationshintergründlern den Kindern unabhängig von ihren Fähigkeiten das Abitur hinterhergeworfen, um ihnen eine Chance zu geben, weil ihre Halbmotivation immerhin noch reichte, überhaupt aufs Gymnasium zu wollen.
Und wenn wir nach praktischen Lösungen suchen, sollte man sicherlich auch die Waffenexportpolitik überdenken. Aber welchen Anteil hat denn die deutsche Außen- und Außenhandelspolitik am Syrienkonflikt wirklich? Das klingt immer so schlauköpfig, "denen da oben" vorzuwerfen, sie hätten das mit Assad völlig anders angehen sollen.
Welches Deutschland wollen wir? Wie offen soll Deutschland sein? Gute Fragen. Und ich habe keine Antworten darauf. Meine "offene Grenzen für alle" fordernden Freunde haben ja zum Teil schon Schwierigkeiten mit der Proll-Kultur außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings. Sie sind erschrocken, wenn ich ihnen sage, dass ich mit meinem kleinen Sohn ins Kreuzberger Prinzenbad gehe.
Und noch was: Ich habe einen Riesen-Respekt vor allen, die derzeit Flüchtlingen praktisch helfen.

Mittwoch, 26. August 2015

Stalin und ich - Rararasputin, Russia's greatest love machine

Kapitel 5 - Dummheit oder Verrat

Am Vorabend des 1. Weltkriegs, der inzwischen allenthalben als der "Krieg den keiner wollte", bezeichnet wird, stehen wir vor einer Konstellation, die ungünstiger kaum sein könnte. Dem russischen Zaren zerfällt das Reich unter der Hand, sein deutscher Cousin erweist sich als arrogant und unsicher, das britische Empire spielt sich als Friedensbewahrer auf, eine Rolle, die es nicht erfüllen kann, der österreichische Kaiser alt und starrsinnig.

Und nun gelingt es einer amateurhaften Truppe, den Erzherzog Franz Ferdinand umzubringen, weil dessen Fahrer aus Versehen die falsche Route einschlägt. Das idiotische österreichische Ultimatum an Serbien wird in fast allen Punkten akzeptiert. Eine diplomatische Lösung liegt in greifbarer Nähe, doch dem Franz Joseph I. liegt nichts an einer gesichtswahrenden Lösung für alle, obwohl er angesichts der morganatischen Ehe für seinen Sohn nur wenig Bedauern übrig hat. In völliger Überschätzung der militärischen Kräfte seines Reichs erklärt Österreich-Ungarn Serbien per Telegramm den Krieg. Nun folgt ein fatales Domino, und Russlands Zar sieht in einem kriegerischen panslawischen Kraftakt die einzige Möglichkeit, seine Macht zu wahren.

Lenin fühlt sich bestätigt. 1916 schreibt er "Imperialismus. Die höchste Stufe des Kapitalismus", in dem er Hilferdings Analysen einbaut.

Interessanterweise ist diese Schrift auch auf die Sowjetunion selbst anzuwenden. Sie erscheint als das imperialistischste aller Länder, und zwar nach Lenins eigener Definition: Die Industrie ist komplett monopolisiert und mit dem Staat verschränkt, der wirtschaftliche Wettbewerb ist abgeschafft.
Auch geopolitisch lässt sich Sowjetrussland entsprechend einordnen. Was Russland nach dem 1. Weltkrieg abhanden kam, hat es sich so schnell wie möglich zurückerobert. Und der Hunger nach neuen Gebieten versiegte nie. Die Sowjetunion expandierte über die Grenzen des zaristischen Reiches hinaus. Ostmitteleuropa könnte man als auch als neokolonialen Spezialfall deuten: Die DDR, die Tschechoslowakei und teilweise Ungarn und Polen waren weniger die rohstoffliefernden Kolonien im alten Sinne, sondern die Spezialproduzenten.

Und wo war unser Stalin? Der verbrachte die Zeit des Ersten Weltkriegs in der Verbannung. Zum großen Krieg schreibt er nichts Wesentliches. Swerdlow, der mit ihm zeitweise ein Zimmer teilen muss, beschreibt Stalin gegenüber seiner Frau als anständig,

"aber zu egoistisch im Alltag."

1916 wird er gar zum Militär eingezogen und unternimmt eine sechswöchige Schlittenreise von Turuchansk nach Krasnojarsk, wo er wegen seiner Behinderung für untauglich befunden wird.

Der fähigste Mann der Konservativen - Durnovo - stirbt. Und der Zar ist dumm genug, auch nur das kleinste Zugeständnis an irgendeine Form von Regierungsverantwortung selbst gegenüber den Konservativen zu machen. Sein Wahn, sich auch in gar keine seiner inkompetenten Entscheidungen reinreden zu lassen (er hat nicht einmal einen Sekretär, sondern öffnet seine Post persönlich), führt dazu, dass er entgenen dem Rat der Minister das Hauptquartier nach Mogiljow verlegt, um dort die Truppen selbst zu "inspirieren".
Die noch unfähigere Zaren-Gattin übernimmt die Geschäfte in Petersburg, und ihr engster Berater ist nicht etwa ein Mann vom Format eines Stolypin oder Witte, sondern - Rasputin, der esoterische, besessene Bauerngeistliche. Wer ihn kritisierte, verscherzte es sich mit der de facto Chefin.

Trotz der erstaunlichen ökonomischen Entwicklung innerhalb zweier Jahre, in denen Russland in einer enormen Anstrengung auf dem Ausrüstungsstand seiner Gegner ist, führen strategische Dummheiten 1916 zu einem gewaltigen Verlust von Menschenleben unter den russischen Soldaten.
Von links hat der Zarismus zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine Revolution zu befürchten: Die sozialistischen Führer sind im Exil, verhaftet oder verbannt. Und obwohl die Wirtschaft trotz des Krieges einigermaßen läuft, gibt es einen Knackpunkt, an dem es hapert: Die Nahrungsmittelversorgung. Anfang 1917 kommt es zu Demonstrationen, und kurz darauf bricht die russische Monarchie für immer zusammen: Angesichts der Proteste geht der Zar lieber wieder an die Front:

"Mein Hirn fühlt sich hier erleichtert - keine Minister, keine zappeligen Fragen, über die man nachdenken muss", schreibt er in sein Tagebuch.

Unterdessen weigern sich einige Petrograder Einheiten, auf unbewaffnete Zivilisten zu schießen. Die Minister selbst glaubten nicht mehr an das, was sie taten.

Man desertierte nicht nur in den Straßen und Garnisonen der Hauptstadt, sondern auch auf den Korridoren der Macht. Eine provisorische Regierung übernimmt das Ruder.

Die Nachricht von der Februarrevolution erreicht Stalin per Telegraf. Nach Jahren der Verbannung und Verfolgung reist er als freier Mann zurück nach Petrograd, das er am 12. März erreicht, mit einer Schreibmaschine im Koffer und sibirischen Filzstiefeln an den Füßen. Wenig noch deutet darauf hin, welche enorme Rolle er in den folgenden Monaten und Jahren spielen wird.

Freitag, 14. August 2015

Stalin und ich - II

(Teil 2) - Durnovos Revolutionskrieg

Die russischen Sozialisten landeten immer wieder in der Verbannung. Dschugaschwili gelang es mehrmals zu fliehen. 1912 gelang ihm die Reise bis nach Krakau, wo er Lenin traf und sich diesem erfolgreich als Experte für Nationalitätenfragen empfahl. Seitdem nannte er sich Stalin, was nicht nur seine Spitznamen eliminierte, sondern ihn auch russifizierte.
Pjotr Durnowo, der nach Stolypins Tod wieder in den Staatsrat übernommen wird, warnt eindringlich vor einem zu engen, gegen Deutschland gerichteten Bündnis mit England und Frankreich, dessen Folge ein Krieg gegen Deutschland sein könnte, der überhaupt nicht in Russlands Interesse läge. Er begriff das grundlegende Dilemma des Regimes:

The government needed repression to endure, yet repression alienated ever more people, further narrowing the social base of the regime, thereby requiring still more repression.

Kotkin unterstreicht, dass Stalin selbst zu den Ereignissen, die das Zarenreich zum Einsturz brachten und einen georgischen Kleinstädter wie ihn überhaupt nur in die Nähe der Macht bringen könnten, wenig bis gar nichts beigetragen hat. Und dennoch ist eine Analyse dieser Ereignisse vonnöten, um seine spätere Rolle zu begreifen.

Russia's revolution became inseperable from long-standing dilemmas and new visions of the country as a great power in the world. That too, would bring out Stalin's qualities.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Stalin und ich - stets auf der richtigen Seite, stets zum Wohle der Arbeiter

Kapitel 4 - Konstitutionelle Autokratie
Das 1905 erschütterte Regime pendelt nun verzweifelt zwischen kleinen politischen Zugeständnissen und noch härteren Sanktionen gegen politische Oppositionelle. Ein neuer Beinahe-Bismarck wird aus dem Ärmel geschüttelt: Stolypin, der einerseits von links und rechts für die Verteidigung der politischen Reformen (darunter auch Bodenreformen für die Bauern) angegriffen wird, andererseits unterdrückt er revolutionäre Bewegungen härter als alle seine Vorgänger und setzt dafür auch rechtliche Verfahren außer Kraft. Tausende werden in Schnellverfahren zum Tode verurteilt. Aber Stolypin erkannte, woran es dem russischen Staatsorganisation mangelte. Sein Leben sollte nicht mehr lange währen. 1911 erliegt er den Folgen eines Attentats, nicht wissend, dass er die Voraussetzungen geschaffen hatte, auf denen ein ihn tausendfach überbietender Gewaltherrscher einmal aufbauen würde.
Im Grunde glich Stolypin Stalin: Beide sahen die Bauernschaft als Hort des Aufruhrs und gleichzeitig wussten sie, dass die Agrarstrukturen überkommen waren: Kleine Kommunen, in denen kleinflächige Streifen bewirtschaftet wurden. Beide wussten, dass es höchste Zeit war, die Landwirtschaft zu industrialisieren. Aber die Lösung, die sie wählten, hätte unterschiedlicher nicht sein können. Stolypin setzte auf die Mittel- und Großbauern, auf günstige Kredite. Stalin hingegen konnte, wie man später sehen wird, nicht über seinen ideologischen Schatten springen. Die Großbauern und auch die Mittelbauern waren ihm immer suspekt. Privateigentum konnte er nicht dulden, sonst wäre ja die Revolution umsonst gewesen. Seine Lösung würde später heißen: Forcierte Kollektivierung im großen Stil und physische Eliminierung der "Kulaken".
Kotkin beschreibt Stolypin als Radikalen:
Techoncrats generally saw "politics" as a hindrance to efficient administration. In that regard, Stolypin's idea of incorporating peasants - at least the "strong and the sober" among the peasantry - into the sociopolitical order on equal terms with other subjects was radical.
Aber nicht nur die Bauern sollten in ein politisches Gemeinwesen integriert werden. Stolypin entfernte auch die Schranken für Juden. Und er versuchte, religiöse und bürgerliche Rechte zu etablieren und (ganz wie Bismarck) eine Arbeiter-Unfall und -Krankenversicherung einzuführen.
Politisch bedeutender als die zersplitterte und verfolgte Linke waren die Schwarzen Hundertschaften und der "Bund des Russischen Volkes" - ein illiberale, zaristische und natürlich nationalistische Vereinigung mit dem Leitspruch "За Веру, Царя и Отечество". Ganz im russisch-mystischen Sinne erstrebten sie eine Einheit von Volk und Zar. Verfassung und Parlament hielten sie für Schnickschnack. Dumm nur, dass der Zar soeben die Duma ins Leben gerufen hatte.
Wenden wir uns nun den Sozialisten und Stalin zu. Die russischen Sozialdemokraten halten ihren Parteitag in Stockholm ab. Stalin, als der einzige Bolschewik unter den kaukasischen Delegierten, wendet sich sowohl gegen Lenin (!) als auch gegen die Menschewiken. Er lehnt sowohl die Verstaatlichung (Lenin) als auch die Kommunalisierung des Landes ab. Er fordert (man höre und staune), dass die Bauern das Land in die eigenen Hände nehmen.
Die Änderung dieser Position wird später Millionen das Leben kosten.
Aus Stockholm kehrt er zurück mit Anzug, Hut und Pfeife.
Only the pipe would last
Zurück aus Stockholm beginnt Dschugaschwili mit der Veröffentlichung einer Artikelreihe unter dem Titel "Anarchismus oder Sozialismus?", die den späteren Stil und die spätere Denkweise vorwegnehmen: Marxismus ist nicht mehr nur ein soziologischer und philosophischer Ansatz, er ist eine Weltanschauung, er erklärt alles.
His ideational world - Marxist materialism, Leninist party - emerges as derivative and catechismic, yet logical and deeply set.
Ab 1907 publiziert er nur noch auf Russisch und er lässt seine ersten antisemitisch gefärbten Angriffe gegen die Menschewiken los.
Die Mehrheit des 5. Parteitags beschließt ein Verbot der "Expropriationen" (lies: Raubzüge) gegen Unternehmer. Der "Mehrheitler" Lenin unterliegt in der Abstimmung und setzt sich darüber hinweg. Am 12. Juni 1907 werden zwei Postkutschen einer Bank in Tiflis ausgeraubt. Man kann davon ausgehen, dass Stalin zu den Verschwörern gehörte.
Da der Raubzug einen Verstoß gegen einen Parteibeschluss darstellte, stand Stalin vor einem Parteiausschluss. Er entwich nach Baku und entzog sich dem Urteil. Die damit einhergehenden Gerüchte, ein simpler Krimineller zu sein, würden ihn seitdem verfolgen.
In Baku beginnt er mit der Agitation unter den Erdöl-Arbeitern.
Unter den Stolypinschen Standgericht-Gesetzen war das eine lebensgefährliche Tätigkeit. Selbst Trotzki lobt Stalin später gegenüber Lenin für seinen Mut und seine Loyalität.
Diesen Mut und diese Selbstverleugnung kleinzureden oder wegzudiskutieren, um Stalin als machthungriges Monster darzustellen, würde die Angelegenheit nicht nur zu einfach machen. Es macht auch blind für die Dynamik diktatorischer und despotischer Macht. Denn letztlich rechtfertigte sich Stalins Macht vor sich selbst und vor Millionen Untertanen durch die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, durch das Wissen, sein eigenes Leben zum Wohle der Arbeiter eingesetzt zu haben.
Im Dezember 1907 stirbt Stalins erste Frau, und kurz darauf wird er inhaftiert und verbannt. Er flieht ein Jahr später über Petersburg wieder nach Baku, wo ihn die Ochranka kurze Zeit später wieder verhaftet.
Stolypins Bemühungen, das Reich zusammenzuhalten, indem er auch den nationalen Geist (mit der russischen Orthodoxie als Kitt) zu wecken versucht, werden untergraben, erstens von den russischen Nationalisten selbst, die am liebsten alle Minderheiten aus dem Reich drängen wollen, und zweitens vom Zaren, den sein Minderwertigkeitskomplex zwickt, wenn er andauernd von den Leistungen seines Chefs des Ministerrats liest:
"Zähle ich denn gar nicht? Bin ich denn ein Niemand?"
Nikolaus II. schürt Intrigen und zerstört auf diese Weise selbst kleinere politische Anstrengungen.'
Stolypin erliegt 1911 dem Attentat eines von der Ochranka bezahlten Anarchisten, und Lenin kooptiert Stalin in Abwesenheit ins Zentralkomittee.
Stalin was loyal and could get things done.
Je mehr der unfähige Autokrat Nikolaus II. an der Autokratie festhält (er beschneidet die bereits zugestandenen legislativen Rechte der Duma), umso mehr fällt sie in sich zusammen.
The hemophilia [of the tsarevich], an unlucky additional factor piled on the autocracy's deep structural failures, was actually an opportunity to face the difficult choice that confronted autocratic Russia, but Nicolaus II and Alexandra, fundamentally sentimental beings, had none of the hard-boiled realism necessary for accepting a transformation to a genuine constitutional monarchy in order to preserve the latter.
Der größte Zerstörer der zaristischen Autokratie war der Autokrat selbst. Bar jeder politischen Basis blieb die politische Polizei sein Hauptmittel. Es brodelte an jeder Ecke des politischen Spektrums. Selbst die Monarchisten erwogen ein Attentat. Dass es an der radikalen Linken (wenn auch nicht gerade den Bolschewiki) sei, der Autokratie den erlösenden Todesstoß zu versetzen, hätte zu dem Zeitpunkt aber noch niemand ahnen können:
If anyone alive had been informed during the Romanov tercentenary celebrations of 1913 that soon a fascist right-wing dictatorship and a socialist left-wing dictatorship would assume power in different countries, would he or she have guessed that the hopelessly schismatic Russian Social Democrats dispersed across Siberia and Europe would be the ones to seize and hold power, and not the German Social Democrats, who in the 1912 elections had become the largest political party in the German parliament? Conversely, would anyone have predicted that Germany would eventually develop a successful anti-Semitic fascism rather than imperial Russia, the home of the world’s largest population of Jews and of the infamous Protocols of the Elders of Zion?

Die Rechten waren nicht in der Lage, eine Politik zu formulieren, die die Massen Russlands inkludierte. Die Herrschenden hatten ohnehin jeglichen Bezig zur Realität verloren. Die Linke hingegen war völlig zersplittert: Von der Regierung zerrieben und in hoffnungslosem Fraktionalismus aufgespalten.

And yet, within a mere decade, the Georgian-born Russian Social Democrat Iosif "Koba" Jugashvili, a pundit and agitator, would take the place of the sickly Romanov heir and go on to forge a fantastical dictatorial authority far beyond any effective power exercised by imperial Russia's autocratic tsars or Stolypin. Calling that outcome unforeseeable would be an acute understatement.

Montag, 22. Juni 2015

Stalin und ich - Die Leninsche Zerfleischung der Minderheitler genannten Mehrheitler

Kapitel 3 - Der gefährlichste Feind des Zarismus

Am Ende des 19. Jahrhunderts war das zaristische System verfault. Die Reichsanmaßung einerseits war ungeheuer. Das Land umfasste 104 Nationalitäten. Die im 19. Jahrhundert dominierende Strategie, die Probleme an den ausfransenden Rändern des Reichs in den Griff zu kriegen, bestand darin, noch mehr zu erobern. Andererseits war das zaristische System nicht reformierbar. Von einem Parlament konnte selbst 1900 keine Rede sein. Alexander II. schuf einen Ministerrat, den Kotkin als "Totgeburt" bezeichnet, da die Minister keinerlei Unabhängigkeit hatten, sondern dem Zaren persönlich Rechenschaft leisten mussten. Die Treffen des Ministerrates unterliefen jeden Reformansatz, indem es den einzelnen Ministern nur darum ging, bei Entscheidungsfindungen am Ende nicht auf der falschen Seite zu stehen. An Einbindung der Bevölkerung in die politische Entscheidungsfindung war nicht zu denken. Dissens galt als gefährlich. Wer sich oppositionell äußerte, wurde verbannt. Als einziges probates Mittel, grundsätzlich etwas zu ändern, schien der Opposition das Attentat. Alexander II. erwischte es 1881. Alexander III. überlebte mehrere Attentate, eines in Anwesenheit seines Sohnes, des späteren Zaren Nikolaus II. Lenins Bruder wurde nach einem versuchten Anschlag hingerichtet. Das Ganze wirkte selbstverstärkend: Da Opposition für die Zaristen mörderisch wirkte, wurden derlei Ansätze sofort erstickt. Da aber jede Art von Opposition illegal war, erschien Militanz unausweichlich.

The inflexible autocracy had many enemies, including Iosif Jugashvili. But its most dangerous enemy was itself.

Die faktische physische Bedrohung des Regimes führte zur Gründung der Geheimpolizei Ochranka. Diese Geheimpolizei war in Europa keine Ausnahme, sie unterwanderte die linke Opposition, was zu Paranoia unter den Sozialdemokraten führte.

Das kommt einem aus der DDR-Opposition bekannt vor.

Das Russische Reich war zudem auch unfähig, die Herausforderungen der Moderne zu meistern oder auch nur anzugehen. Der zunehmenden Industrialisierung und Intellektualisierung stand die Weigerung des Regimes gegenüber, diesen Kräften, zumindest ein legales Ventil politischer bzw. wirtschaftlicher Artikulation zu leihen. Dazu kamen immer wieder Bauernaufstände.
In diese Situation gerät ein fähiger Politiker an eine wichtige Position - Sergej Witte. Er präferiert (wie später Stalin) eine forcierte Entwicklung der Schwerindustrie, und visierte Reformen in der Innenpolitik und eine "Realpolitik" in der Außenpolitik an. Allerdings standen diesen Ansätzen keinerlei politische Strukturen gegenüber. Nikolaus II. bevorzugte Geheimhaltung, spielte Minister gegeneinander aus, ja, ließ sie sogar über seine eigenen politischen Ziele im Unklaren. Als im Januar 1905 streikende Arbeiter ihrem "Väterchen Zar" eine Petition überreichen wollen, verdrückt der sich aus der Stadt, und die Polizei lässt die Demonstranten niederschießen - der Startschuss für die 1905er Revolution.
In dieser Zeit nimmt Dschugaschwili (der bis hier und auch auf den weiteren Seiten der Biografie eher wie ein Nebendarsteller wirkt) eine Kehrtwendung in vielen Positionen ein, vor allem verabschiedet er sich, nach Angriffen aus seiner eigenen Partei, von der Vorstellung, Georgien sollte nach einer Revolution nationale Autonomie erlangen. Er unterwirft nicht nur die georgische Sozialdemokratie, sondern das spätere Georgien Russland.
Schon im Jahr 1903 wurde die russische Sozialdemokratie gespalten. Man mache sich keine Illusionen: Auch die Menschewiken waren radikale Revolutionäre, die für die "Diktatur des Proletariats" standen. Aber sie standen für eine breite Arbeiterbewegung der Partei, während Lenin derartige Vorstellungen für illusorisch hielt: Eine revolutionäre Partei müsse ein professionelle Elite-Truppe sein. Die gegnerische Fraktion bezeichnet er als Minderheitler (die sie bis auf eine einzige Abstimmung nie waren).

Schon hier wird klar: Lenin will seine Vorstellungen durchsetzen. Demokratie, auch innerparteiliche, ist ihm ein Gräuel. Eine Massenpartei zur Erlangung der Macht - das könnte ja sonstwo enden. Aber auch seine innerparteilichen Gegner greift er derart scharf an, dass erkennbar wird: Er ist an politischer Auseinandersetzung oder Debatte nicht wirklich interessiert, kompromissfähig ist er kaum.

Das Regime zerfällt, es lässt die Sozialdemokraten verbannen oder vertreibt sie ins Exil. Und die zerfleischen sich darüber, ob die Revolution sozialistisch sein soll oder (gemäß Marx' Prophezeiung) zunächst bürgerlich sein sollte.
Der Zar lässt unterdessen Pjotr Durnowo zum Retter der Autokratie machen und untergräbt damit Wittes Ansätze. Auch Durnowo ist ein rücksichtsloser und talentierter Politiker. Aber sein Talent verschafft dem Zaren nur eine Atempause. Er stabilisiert das Regime kurzzeitig und verurteilt es somit zum Untergang.

It is impossible to know what would have transpired had Durnovó's exceptional resoluteness and police skill not saved tsarism in 1905-6. Still, one wonders whether history of one sixth of the earth, and beyond, would have been as catastrophic, and would have seen the appearance of Stalin's inordinately violent dictatorship.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Stalin und ich - neun Sozialdemokraten und ein Notizbuchträger

Kapitel 2 - Lados Jünger
Das Tbilissi zur Zeit des jungen Dschugaschwili ist ein multikultureller Schmelztiegel. Neben Georgiern, die hier nur eine Minderheit ausmachen, findet man Russen, Tataren, Armenier, Perser usw.
Die logistische Anbindung durch die Eisenbahn lässt radikale Ideen ins Land fließen, vornehmlich die beiden radikalen Strömungen, die im 19. Jahrhundert geboren werden und das 20. beeinflussen - Nationalismus und Sozialismus. Dschugaschwili ist zunächst für beides offen, aber sein älterer Freund "Lado" führt ihn an den Marxismus heran. Sein Lesehunger nimmt ungeheure Ausmaße an und umfasst nicht nur, wie man denken könnte, die klassische marxistische Literatur, sondern auch die russischen Klassiker, Weltliteratur wie Hugo, Balzac, Thackeray und georgische Poesie. Für seine Gedanken trägt er nun ein Notizbuch mit sich herum.
Die Regeln des Priesterseminars, das ihm einst so viel bedeutet hat, unterläuft er nun immer häufiger, selbst als sein Freund Lado aus dem Priesterseminar entlassen wird.
Das Problem des Marxismus bestand nun aber darin, dass dieser in Russland unter Intellektuellen populär wurde, lange bevor es überhaupt ein Proletariat oder einen entwickelten Kapitalismus gab. Die Bauern konnten mit der Propaganda der "Volksfreunde" (narodniki) nichts anfangen. Für die frühen russischen Sozialisten stellte sich Ende des 19. Jahrhunderts nun die Frage, ob man den Kapitalismus einfach überspringen könne oder seine Entwicklung in Kauf nehmen müsse. (Diese Frage zieht sich durch die Fraktionskämpfe der russischen Sozialdemokratie und findet letztlich sogar noch ein Echo in den Moskauer Prozessen.)
1898 wird dann auf dem ersten (illegalen) Parteitag die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands" gegründet. Teilnehmerzahl - 9, in Worten: neun!
Nachdem er das Seminar immer mehr schleifen lässt und nicht zu den Abschluss-Examen erscheint, kommt, was kommen muss - Stalin wird entlassen. Aus dieser Zeit nimmt er mit:
- die ungeheure Selbstdisziplin, die man zweifellos in streng religiösen Zusammenhängen trainiert,
- das Vermögen, sich in Gedankengebäude zu begeben und
- das dogmatische Verständnis dieser Gedankengebäude
Diesen Punkt erwähnt Kotkin nicht, aber er liegt deutlich auf der Hand, wie man später noch sehen wird. Stalin (aber auch Lenin) sind radikal wie man es heute von religiösen Fundamentalisten kennt. Der Glaube, das Wissen um die hehre Wahrheit gepachtet zu haben, lässt jede unmittelbare Menschlichkeit erlöschen. Der Humanismus degeneriert zur abstrakten Formel.
Von nun an wird Stalin ein Agitator, Lehrer, Outlaw und Revolutionär. Er weiß, mit wenig Geld auszukommen, entweicht mehrmals der Gendarmerie und geht schließlich in den Untergrund.
1903 wird er schließlich, nach Zusammenstößen zwischen protestierenden Arbeitern und der Polizei in Batumi, erstmals nach Sibirien verbannt. Schon nach weniger als drei Monaten gelingt ihm (nach einem vergeblichen Versuch) die lebensgefährliche Flucht.
Was Kotkin nicht ausdrücklich erwähnt: Stalins Erfahrungen im Umgang mit der zaristischen Diktatur - der erfolglosen Eindämmung des Nationalismus an den Rändern des Reichs, die grausame aber teilweise geradezu unbeholfene Polizei, die für politische Gegner unzureichende Strafe der Verbannung - dürfte ihm praktische Lektionen vermittelt haben.
Er erreicht rasch wieder Tbilissi und kommt in Kontakt mit Lew Kamenew, der ihn unterstützt.
Aus dem Umstand, dass dieser ihm "Der Fürst" von Macchiavelli zu lesen gab, wurde oft ein großes Bohei gemacht, so als ob die Berufsrevolutionäre des russischen Reichs den alten Italiener nötig gehabt hätten, um das zu werden, was sie wurden.
Lado, Stalins großes Vorbild, wird schließlich im Gefängnis von einem Wärter nach einer Ungehörigkeit erschossen.
Later, Stalin world not erase Lado's independent revolutionary exploits or existence, even as almost everyone else connected to the dictator at one time or another would be airbrushed. (...) The earliness of Lado's martyrdom certainly helped in this regard. But that circumstance highlights the fast that Iosif Jughashvili himself could have suffered the same fate as his first mentor: early death in a tsarist prison.
Gelernte englische Vokabeln: Chattel, internal exile.

Dienstag, 26. Mai 2015

Stalin 1 - Kapitel 1 - Ein Sohn des Reichs

Immer wieder Lektüre zum Thema Kommunismus. Als gäbe es da etwas aufzuarbeiten im eigenen Denken, als müsse die Vergangenheit neu erfasst und interpretiert werden.

Diesmal also "Stalin. Volume 1. Paradoxes of Power". Als ich die begeisterte Rezension im Guardian Weekly las, muss mir das "Volume 1" entgangen sein. Und so halte ich einen über 900 Seiten langen Wälzer in der Hand, der sich als der erste von drei Bänden entpuppt. Stalin bis 1928, also bis zur Kollektivierungs-Kampagne. (Der zweite Band, der die Jahre bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion umfasst, ist wohl, so der Autor, schon geschrieben und werde gerade poliert.) Knapp 200 Seiten sind allerdings Endnoten, Verweise und Index-Einträge. Der Stil erweist sich als erstaunlich literarisch, selbst administrative Vorgänge werden fast wie in einem Roman behandelt. Die Sprache ist flüssig, präzise und gewählt, wobei ich fast den Eindruck habe, ich würde bei einem rein politologischen Buch seltener ins Stocken (und leider auch Nachschlagen) geraten. Obwohl der Drucksatz sehr eng geraten ist, liest es sich flüssig. Aber ich brauche pro Seite etwa doppelt so lang wie bei einem normalen belletristischen englischsprachigen Werk. Das ganze Buch in kurzer Zeit durchzujagen, ist also für mich schon physisch unmöglich. Dazu lässt die Beschreibung der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen und der Grundsteinlegung für immer weitere Verbrechen es kaum zu, dass die lesende Seele Frieden findet. Man muss Zuflucht nehmen in Lyrik, komischer Kurz-Prosa und dergleichen.

Kapitel 1 - Ein Sohn des Reichs

Gleich zu Beginn verabschiedet sich Kotkin mehrmals von der Idee, den späteren Diktator Stalin durch etwaige "traumatische" Kindheitserlebnisse erklären zu wollen. Erstens wäre dies zu einfach gedacht - eine Handvoll Kindheitserlebnisse, so traumatisch sie auch sein mögen, kann nicht ein derart komplexes Phänomen wie diesen Diktator und sein Regime erklären. Zweitens kann man davon ausgehen, dass einiges, was andere Biographen bei Stalin als Kindheitstrauma herausgefiltert wurde, einfach zum normalen Alltag damals gehörte. Es war z.B. nicht nur in Georgien, sondern auch in Westeuropa eher ungewöhnlich, wenn ein Vater sein Kind nicht schlug.
Auch andere Kleinigkeiten scheinen in anderen Biografien überbeleuchtet, so etwa die ständig wiederholte Aussage, Stalin habe als Jugendlicher eine Straßengang angeführt. Dass diese Punkte anderswo solch prominenten Platz erlangen, hat wohl eher damit zu tun, dass die Autoren Stalins Biografie von hinten aufziehen, also kleine Hinweise für den paranoiden Massenmörder und Diktator in der Jugend suchen und entsprechend hervorheben, Widersprechendes aber übergehen. Kotkin sucht nach Komplexität und lässt die Widersprüche nicht aus.
Was den jungen Dschugaschwili vor anderen Jugendlichen auszeichnet, ist vor allem ein ungeheures Lese- und Lernbedürfnis, welches unter den gegebenen Umständen (Sohn eines Schuhmachers und einer Gelegenheitsarbeiterin) kaum zu befriedigen war. Nur mit Glück, Ehrgeiz und Talent gelang er ins Priesterseminar nach Tiflis. Als Sohn eines ins Proletariat geratenen Bauern strebte er auf in die Semi-Intelligenzija.
Der junge Dschugaschwili erweist sich als gläubig und folgsam in den Ritualen des Seminars.
"... the future Stalin may have thought to become a monk himself. But changes in the Russian empire and in the wider world opened up a very different path."

Freitag, 27. März 2015

Ein Unfall - Und auf einmal wurden alle zu BILD-Lesern

Ich habe seit fünfundzwanzig Jahren keinen Fernseher mehr. Seit einem Jahr habe ich meinen Nachrichtenstrom noch weiter gezügelt. Politische Informationen erhalte ich aus zwei Wochenzeitungen - einer deutschen und einer englischen - sowie den mittäglichen Drei-Minuten-Radionachrichten. "Aber du musst doch auf dem Laufenden bleiben", rufen meine Freunde. Wie unwichtig es ist, auf dem Laufenden zu bleiben, wenn man nicht gerade Berufspolitiker ist, habe ich immer gemerkt, wenn ich aus dem Urlaub kam und den Stapel der liegengebliebenen Tageszeitungen durchblätterte: Seitenlange Analysen über anstehende Wahlen, deren Ergebnis man nun, zwei Wochen später, schon längst kannte. Irgendwann warf ich diese Stapel immer einfach weg und merkte, dass das Einzige, was an mir wirklich vorbeiging, der Tod alter Filmstars oder Schriftsteller war, deren Dahinscheiden sich mit einer Kolumne publizistisch erledigt hatte.
Nach zwei Wochen ist nämlich der Nahostkonflikt immer noch da, will Facebook uns noch immer ausspionieren. Und wenn der terroristische Anschlag in irgendeinem Teil der Welt von nachhaltiger Bedeutung war, werde ich davon noch rechtzeitig erfahren. Was habe ich davon, per Liveticker über ein Geiseldrama unterrichtet zu werden? Warum muss ich heute über den Raubüberfall von gestern Bescheid wissen? Über eine politisch haarsträubende Äußerung des gerade aktuellen CSU-Generalsekretärs? Über einen Lebensmittelskandal?
Der zeitlich und medial distanzierte Blick hilft, die Relevanz der Ereignisse wieder ins Verhältnis zu setzen. Er beruhigt den Blutdruck und fördert die gute Laune.
Allen, die am Medium Fernsehen verzweifeln, rate ich, ein halbes Jahr auf Nachrichtensendungen zu verzichten und dann mal die Tagesschau zu sehen. Die angeblich so seriöse Mutter der deutschen Nachrichtensendungen wirkt dann völlig lächerlich in ihrer vorhersagbaren Bilder-Abfolge: Aus Dienstwagen, die vor Bürogebäuden halten, steigen erst ein CDU- und dann ein SPD-Politiker. In lichtdurchfluteten Foyers gibt ein dritter Politiker ein aus maximal drei Sätzen bestehendes Statement hab, zu dem der vierte Politiker eine Gegenposition bezieht. Die nächste Nachricht ist meist außenpolitischer Natur. Die Film-Einsprengsel zeigen den Einsatz von Waffen; je größer, desto wahrscheinlicher, dass man sie zu sehen bekommt. Die Hierarchie: Panzer, Raketenwerfer, Maschinengewehre, Sturmgewehre, Handfeuerwaffen, Steinschleudern. Danach der Abtransport verstümmelter Opfer, ein Aufruf des UNO-Generalsekretärs. Zurück zur Innenpolitik: Irgendeine Gewerkschaft streikt immer, was die Arbeitgeber gerade in der jetzigen Situation für unverantwortlich halten. Ein Umweltskandal wird kommentiert von einem Experten, dessen Expertentum man daran erkennt, dass er vor einem Bücherregal steht. Ein Schauspieler, Musiker, Schriftsteller oder ehemaliger Justizminister ist gestorben. Eine Überschwemmung, ein Erdbeben, ein Zugunglück, ein Flugzeugabsturz. Das Wetter.
Als ich an diesem Donnerstag unsere wöchentlichen Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" vorbereite, fragt mich ein Kollege: "Meinst du denn, dass die Leute überhaupt Lust auf kurzweilige Unterhaltung haben?" Für einen Moment wusste ich gar nicht, was er meint. Dann erinnerte ich mich, dass diejenigen meiner Facebook-Freunde, die sonst fast ausschließlich politische Kommentare posten, sich nun auf den Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine beschränkten. Dem Aufregungsthermometer zufolge muss es im Fernsehen Sondersendungen gegeben haben, die Hälfte der Nachrichtenzeit ging wahrscheinlich für dieses Thema drauf. Und je länger die Nachricht, um so wichtiger. Die Betroffenheit ist ungeheuer. Stefan Raab, so erfahre ich, hat seine Sendung abgesagt. Die Lufthansa-Aktien straucheln.
Aus meiner Perspektive ist es aber ein Flugzeugabsturz, wie es ihn ab und zu mal gibt. Spektakulär zwar. Aber auch: extrem selten. Was also ist, aus der Perspektive der zeitlichen und medialen Distanz geschehen? 150 Menschen sind bei einem Flugunfall ums Leben gekommen. Schlimm für die Angehörigen? Sicher. So wie der Tod für Angehörige immer schlimm ist. Aber was wissen wir von den Angehörigen aller anderen Unfallopfer, die in den letzten Wochen starben? Nimmt man die Zahlen der vergangenen Jahre, so kann man davon ausgehen, dass in den ersten Märzwochen dieses Jahres über 200 Menschen im deutschen Straßenverkehr gestorben sind. Was ist mit deren Angehörigen? Und Unfälle gibt es ja nicht nur im Verkehr, auch im Haushalt oder auf der Arbeit. Wer interviewt hier die Angehörigen? Und leiden die Angehörigen von jungen Menschen, die an Krebs sterben weniger? Wenn man die Zahlen, die die Statistik hergibt, extrapoliert, kann man davon ausgehen, dass sich im März 2015 zwischen 700 und 900 Menschen in Deutschland selbst getötet haben. Auch das ist keine Nachricht wert.
Ein Flugzeugabsturz ist mehr als eine Nachricht wert, weil er spektakulär ist. Weil selbst jene, die routiniert ein Flugzeug besteigen, diese Angst kennen, die bei den meisten irrationalerweise größer ist als wenn man sich auf eine Autofahrt auf einer deutschen Autobahn einlässt. Der Absturz (in diesem Fall: das langsame Absteigen) ist wie für einen Horrorfilm gemacht. Und wie bei einem guten Horrorfilm kommen im Germanwings-Fall auch noch das Psycho-Element und ein Schuss Whydunnit hinzu. Man will wissen, was genau passiert ist. Wie bei einem Krimi kann jeder mitknobeln und das Rätsel lösen. Und je nach Bildungsstand erklärt man sein Interesse mit aktuell-politischem Interesse, Mitleid mit den Angehörigen oder meta-ironisch-offen mit Neugier.
In Wirklichkeit haben sich für ein paar Tage die Deutschen auf BILD-Niveau runterziehen lassen.


Dienstag, 30. Dezember 2014

475., 476., 474. Nacht

475. Nacht

Da die belagerten Christen nun den tapferen Muslim gefangen halten, beraten sie, wie sie mit ihm umgehen sollen, da er zu schön sei, um getötet zu werden. Am liebsten würden sie ihn zum Christentum bekehren, aber wie? Einer der Ritter schlägt vor, ihn mithilfe seiner Tochter zu verleiten, denn

"Die Araber haben eine heftige Leidenschaft für die Frauen, und da ich eine Tochter von vollkommener Lieblichkeit bseitze, so wird er, wenn er sie sieht, durch sie verführt werden."

Tatsächlich ist der gefangene Muslim hingerissen, aber als er sah,

was ihm drohte, nahm er seine Zuflucht zu Allah dem Erhabenen, wandte seinen Blick ab, widmete sich der Andacht zu seinem Herrn und begann den Koran herzusagen.

Und so wendet sich der Trick des christlichen Ritters gegen ihn. Sie bittet:

"Erkläre mir den Islam!"

Er lehrt sie alles Grundlegende, woraufhin sie ihn ehelichen will, was wegen fehlender Morgengabe und zweier Zeugen nicht möglich ist. Daraufhin ersinnt sie einen Fluchtplan. Sie lässt ihrem Vater ausrichten, der Muslim sei zur Konvertierung und zur Ehe bereit, will aber aus Gründen des Anstands dies nicht dort tun, wo sein Bruder starb, also müsse das in einem anderen Ort geschehen.

Dies ist mal ein selten gelungenes Mittel des Storytelling - die Wiedereinführung. Wozu sonst war der gefallene Bruder zu Beginn der Geschichte erforderlich?

Der Vater willigt ein, und in dem Dorf nutzen die beiden die Gelegenheit zur Flucht.

*

476. Nacht

Als die beiden Flüchtigen am Morgen ihre religiöse Waschung vornehmen, hören sie Pferdegetrappel und Waffenrasseln.

Da rief er: "Das sind die Nazarener, die uns verfolgen!"

Sie redet ihm Mut zu, und so finden sie Zuflucht im Gebet und die Heerschar erweist sich als von Allah gesandte Engel, die den beiden Trost spenden.
Der Kalif und Feldherr Omar ibn el Chattâb betet an diesem Morgen nur kurz und verlautbart dann:

"Lasst uns hinausgehen, dem jungen Ehepaare entgegen!" Da verwunderten die Gefährten sich und konnten seine Worte nicht verstehen.

Kurz darauf trifft das Paar in Medina ein.

Omar ibn el-Chattâb werden also hiermit prophetische Fähigkeiten zugeschrieben, die seine Heiligkeit unterstreichen.
(Übrigens war es dieser Kalif, der den "Steinigungsvers" in den Koran einfügte, um die weiterhin bestehende Praxis der Steinigung religiös zu rechtfertigen.)

Die beiden feiern Hochzeit und:

Dann ging der junge Held zu seiner Gemahlin ein, und Allah der Erhabene schenkte ihm Kinder von ihr.

*

477. Nacht

Und nun lebten sie immerdar herrlich und in Freuden, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt, und der die Freundesband zerreißt.
Ferner wird erzählt

*

Die Geschichte von der Christlichen Prinzessin und dem Muslim

Sîdi Ibrahim el-Chauwâs

[unklar, wer das sein soll]

berichtet, einmal dem Bedürfnis, ins Land der Ungläubigen zu reisen, nicht widerstanden haben zu können. Am Tor einer ihrer Hauptstädte empfangen ihn schwarze Sklaven mit ehernen Keulen, die ihn fragen, ob er Arzt sei, was er bejaht.
Sie erwidern, des Königs Tochter sei krank. Aber wenn einer sich als Arzt ausgebe und sie nicht heilen könne, müsse er sterben.

Was er gewinnt, falls er sie heilt, wird nicht verraten.

Er geht zum König und lässt ihn zu ihr ein. Dabei spricht sie die Verse.

  • "Öffnet die Tür; denn der Arzt ist gekommen!
    Schaut auf das seltne Geheimnis in mir!
    Oft ist der Nahe doch weit in der Ferne;
    Oft ist der Ferne doch nahe bei dir.
    Wahrlich, ich lebte bei euch nur als Fremdling;
    Jetzo will Gott seinen Trost mir verleihn.
    Uns hat die Glaubensgemeinschaft verbunden;
    Freund mit dem Freunde; sind wir im Verein.
    Als er mich in seine Nähe gerufen.
    Hielten die Tadler und Späher uns fern.
    Lasst euer Schelten, hört auf, mich zu tadeln!
    Weh euch, ich antworte doch nicht, ihr Herrn.
    Mich kümmert nicht das Flüchtige, das Unzulängliche;
    Mein Ziel ist nur das Bleibende, das Unvergängliche."

  • Es wäre interessant, dieses Gedicht mit dem Original zu vergleichen. Zu Beginn werden die Daktylen noch einigermaßen durchgehalten. Am Ende holpert er sich so durch. Absicht oder Zufall?

    Es stellt sich heraus, dass der Christin vor vier Jahren die klare Wahrheit [Allah] offenbar wurde.

    Wie das geschehen ist, bleibt unklar.

    Als ein greiser Diener nach der Unterredung von Arzt und Christin hinzutritt, sagt diese:

    "Er hat die Krankheit erkannt und das Heilmittel gefunden."

     

    Sonntag, 28. Dezember 2014

    473. - 474. Nacht

    473. Nacht

    Als der Schmied sich bei der Frommen entschuldigt, spricht sie:

    "Oh mein Gott, wie du jetzt meinen Wunsch an ihm erfüllt hast, so bitte ich dich, nimm meine Seele zu dir, denn du bist mächtig über alle Dinge."

    Die Verklärung des Todes nimmt im Islam und im Christentum seltsame Züge an. Können wir uns die Seelen-Vorstellung noch als Ausfluss der Todesangst erklären (endgültiger Tod kann nicht sein, weil er nicht sein darf), so nimmt diese Vorstellung vom Tod oft Züge der Sehnsucht an. Und warum auch nicht? Wenn das Leben im Paradies so viel schöner ist, was soll man dann hier? So werden Märtyrer gemacht.

    *

    Die Geschichte von dem frommen Israeliten und der Wolke

    Einem frommen Juden hat Allah eine Wolke untertan gemacht, die ihm überallhin folgt und ihm dient, wenn er trinken oder sich waschen muss. Einmal aber war er

    in seinem Eifer nachlässig und Allah hieß die Wolke von ihm enteilen.

    Nachts hört er eine Stimme, die ihm befielt, bei einem

    König in der Stadt Soundso

    darum zu bitten, dass dieser für ihn bete.
    Nach einigen Verzögerungen erhält er auch Zugang zum König und dessen Gemahlin, deren

    Antlitz leuchtete wie der junge Mond; und sie trug ein Gewand aus Wolle und einen Schleier.

    *

    474. Nacht

    Der König aber trägt nur ein einfaches Gewand aus Filz und betet in einem öden Gebäude, wo er auch aus Palmblättern mit seiner Frau, die auch seine Base ist, Matten flicht, die dann ein fünf Spannen (das sind ca. 1,20 Meter) hoher Sklave auf dem Markt und für den Erlös einfaches Essen kauft.
    Nach dem Gebet funktioniert die Wolke wieder für den "Israeliten", der berichtet:

    "Alles, was ich seitdem im Namen der beiden von Allah dem Erhabenen erbitte, gewährt Er mir."

    Wenn es eine Vorherbestimmung gibt, wie kann man dann um etwas bitten, was einem Gott ohnehin gewährt? Theologen meinen, es ginge dabei darum, dass der Betende sich ändert. Aber dann bräuchte er ja nicht um etwas zu bitten.

    *

    Die Geschichte von dem muslimischen Helden und der Christin

    Der Kalif Omar ibn el Chattâb rüstet ein muslimisches Heer wider die Ungläubigen in Damaskus. Zwei besonders tapfere Helden tun sich in der Belagerung hervor. Einer der beiden findet den Märtyrertod, der andere gerät in Gefangenschaft.

    Dienstag, 4. November 2014

    Oberschwule

    Im August und September finden überall in Deutschland die Einschwulungen der Kinder im schwulfähigen Alter statt. Es erwärmt mein Herz, wenn ich sie stolz mit ihren Schwultüten und Schwulmappen durch die Straßen gehen sehe. Sicherlich haben sie schon in den letzten Monat immer wieder zuhause Schwule gespielt. Stolzer noch als die kleinen Racker sind natürlich die Eltern, die sich wahrscheinlich an die Zeit erinnern, als sie selber die Schwulbank drückten. Viel hat sich im Schwulwesen seither geändert. Einige frühere DDR-Bürger werden sich noch daran entsinnen, wie sie zu ihrer Schwulzeit von den Schwuldirektoren politisch indoktriniert wurden. Inzwischen ist man da viel offener. Und das Lernen selbst ist auch nicht mehr so verschwult. Die Lehrer heutzutage auch viel geschwulter im Umgang mit ihren Zöglingen.
    Aber man muss bei allem Respekt klar sagen, nach wie vor liegt an den Schwulen vieles im Argen. Kaputte Schwultoiletten sind gerade in Berlin ein immer wiederkehrendes Problem. Viele Schwulgebäude müssten instand gesetzt werden. Fehlt hier wirklich nur das Geld oder nicht auch der politsche Wille der Schwulstadträte? Man fragt sich, ob der Schwulsenator hier die Augen vor den täglichen Problemen verschließt. Aber in der Politik wird immer viel geredet: „Die Schwulen sind unsere Zukunft“, heißt es da. Die schwulischen Leistungen fallen jedoch auch insgesamt zurück, wenn teilweise der Ausländeranteil der Schwulpflichtigen bei 95 Prozent liegt. Wenige Ausländer oder Migrantenkinder werden je einen Hochschwulabschluss erreichen. Nicht weil sie zu dumm sind, sondern weil unser Schwulsystem sie nicht integriert. Viele nutzen dann Alternativen, wie zum Beispiel die Sportschwulen oder die Musikschwulen. Um die Privatschwulen wird natürlich immer wieder gestritten. Dabei ist es noch nicht bewiesen, ob zum Beispiel die Waldorf-Schwulen wirklich bessere schwulische Leistungen erzielen als die öffentlichen Schwulen. Es kann natürlich sein, dass, wer sich für die Privatschwulen entscheidet, von vornherein motivierter ist.
    Aber nicht nur privat oder öffentlich ist ausschlaggebend. Eine Studie in Niedersachsen hat gezeigt dass die dortigen Schwulorchester und Schwulgärten entscheidend zum Zusammenhalt der Schwuljungen aber auch Schwulmädchen beitragen. Ein Beispiel, dass hoffentlich bald auch anderswo Schwule macht. Der Anteil an Schwulschwänzern reduziert sich nämlich erheblich, wenn man nicht nur den ganzen Tag an Schwule, Schwule, Schwule denkt, sondern auch den außerschwulischen Aktivitäten den ihnen gebührenden Raum gibt.
    Ein Austauschjahr im Ausland beflügelt die schwulischen Kompetenzen enorm. Nicht nur das Schwul-Englisch wird so verbessert. Allerdings sollte man bedenken, dass das Schwulwesen in vielen Ländern ganz anders organisiert ist. In Australien oder England zum Beispiel sind Schwuluniformen Pflicht. In den USA sind die Schwulgebühren vor allem an den im Vergleich zu Deutschland sehr verschwulten Hochschwulen sehr hoch.
    Auf keinen Fall sollte man während der Schwulzeit die Schwulkinder von oben herab schwulmeistern. Schwulstress kann nämlich schnell zu Depressionen führen, gegen die auch die herkömmliche Schwulmedizin nur wenig ausrichten kann. Dann muss ein geschwulter Schwulpsychologe das Schwulkind behutsam beobachten. Doch auch Erwachsene können an Schwulstress leiden. Dann ist eine langwierige Umschwulung nötig.
    Die Kinder freuen sich natürlich über jedes bisschen schwulfrei. Aber am Ende des Schwuljahres sind sie es, die schlechte Schwulzeugnisse mit nach Hause bringen. Übrigens bringt es den Schwulpflichtigen nichts, wenn alle zwei, drei Jahre neue Schwulbücher auf den Markt kommen. Letztlich profitieren davon nur die einschlägigen Schwulbuchverlage. Und man sollte nicht vergessen, dass auch ein nicht-schwulisches Buch den Leser sehr schwult.

    Donnerstag, 11. September 2014

    Key Pankonin - Keynkampf

    Key Pankonin war Sänger der Band Ichfunktion, eine Gruppe musikalischer Punk-Zauberer, die mich in den 90er Jahren in Form einer Kassette begleiteten, die ich der Band nach einem Konzert in Lichtenberg, bei dem nur sechs Gäste und davon zwei zahlende anwesend waren, abkaufte. Pankonins Stimme klang der Johnny Rottens ziemlich ähnlich, aber was die Band an harmonischen, rhythmischen und textlichen Überraschungen in die Lieder steckte, war für Punkrock sehr ungewöhnlich.
    Ich ging später nicht mehr auf Punkkonzerte, und die Ichfunktion schien sich aufgelöst zu haben. Jedenfalls hörte ich nichts mehr von ihnen. Und jetzt fällt mir das Buch, dass Sänger und Dichter Key Pankonin 1993 geschrieben hat, in die Hände: Eine Art biografischer Roman, der zwischen banalen Tagebuchnotizen, genialen Beobachtungen und surrealistischen Fragmenten trudelt. Manchmal nähert er sich gefährlich dem Punk-Hausbesetzer-Duktus, um im letzten Moment (ähnlich wie in seinen Songs) noch die Kurve zu kriegen und den eigenen Ton einzusetzen.
    Tief tauchen wir ein in die hoffnungsvoll-wüste Szenerie des Spät-DDR-Punkrocks. Die Firma, Feeling B, Freygang. Teilweise sind die Namen der Protagonisten leicht chiffriert. Für den Kenner dann aber doch leicht zu entschlüsseln: Der König ist André Greiner-Pol, der Schänder ist Trötsch, die Zauberin Tatjana Besson, und Flake ist eben der Feeling B- (und jetzige Rammstein-)Flake.
    Für die anarchisch-erschütternden Situationen findet er seltsame Formulierungen. So, als er die ungeheuer vermüllte Wohnung des "Schänders" beschreibt, in der der Müll in eine Badewanne auf dem Balkon geschmissen wird: "Die hauptamtliche Lichtquelle in diesem Zimmer war ein uralter Ostfernseher, von dem der Schänder behauptete, er hätte ihn mit einem Popel repariert."
    Einem seiner Mädchen, die er "FF" nennt, spielt er eine erste Version des Hits "Europa" vor:
    "Sie ist schön diese heile Welt
    keimfrei, hygienisch, gesund
    alles blitz und alles ist sauber
    was noch stinkt, wird übertüncht
    sieh her, Mutter Erde, jetzt wirst du gelyncht"
    In der Endphase der DDR gab es Nischen, in denen man die scheinbar totale Freiheit auskosten konnte. Wer damals den Film "Flüstern und Schreien" sah, weiß, was ich meine: Da sagte Flake doch tatsächlich, dass er nicht arbeiten gehe, sondern vom Verkauf von Armbändern lebe. Feeling B baute einfach am Ostseestrand eine Bühne auf und spielte drauf los. Als Fun-Punk-Band testeten sie erfolgreich aus, was möglich war. Und in die so geschaffenen Nischen nutzten die eher politischen Bands. Wobei Bands wie Die Firma (hatte bei dem Namen wirklich niemand die Dekonspiration geahnt?) und die Ichfunktion textlich zwar radikal, aber doch noch einigermaßen duldbar waren.
    Der Nihilismus des Punk-Denkens stößt aber auch bei Pankonin irgendwann an seine Grenzen. Kann man zum Beispiel von der Welt angekotzt sein und trotzdem mit Freude Musik machen? (Bei Aljoscha war es im Grunde genau andersrum: Sein überbordender Hedonismus, das Auskosten der Freiheit, das Bis-ins-Extreme gehen, machten dann Konzerte mit Feeling B irgendwann unhörbar, da Aljoscha praktisch dauerbesoffen war. Und am Ende in einem Bauwagen krepierte.) Das Fehlen der positiven Vision und der gefräßige Zynismus nehmen irre Züge an. Pankonin läuft andauernd mit einer Gaspistole herum. Immer wieder Tierquälerei: Die Eimer-Besetzer werfen ein lebendes Schwein vom Dach, ein Meerschwein vergammelt in Trötschs Müll-Wanne, ein humpelndes Huhn muss in Pankonins Bett schlafen.
    Der Ichfunktion geht es nach der Wende schließlich wie den meisten Bands (nicht nur Punk-Bands): Sie verlieren ihr Bezugssystem und ihr Publikum. Für Pankonin, der, wie er zugibt, gar nicht so rebellisch ist, bleiben seltsame Jobs: Kinderbeschäftigung im Schülerfreizeitzentrum. Und auf einmal spürt er, wie es da etwas gibt, was ihn jenseits des Aufbegehrens, der lauten Gitarre, des Bühnen-Exzesses fasziniert: Mit ein paar Kindern Giraffen und Blumen zu malen. Der Selbstmord kann verschoben werden.
    Es folgen leider eine Menge Seiten halbwegs uninspirierter Notizen und banal-philosophischem Gelabers, bis er wieder zur Hochform auffährt. Nachdem er von einem Überfall auf Musikerkollegen erfährt, regt sich das Bedürfnis nach Rache in ihm. "Rache aber ist Hass, und Hass ist der Körper der aufgewachten Beschissenheit."
    Man liest in Pankonins Buch wie im Notizbuch eines äußerst sensiblen Künstlers. Ihm hat er alles anvertraut: Seine Inspirationen, seine Ekstasen, seine Niederlagen, seinen künstlerischen Leerlauf, seine Zärtlichkeit. Gut, dass es geschrieben wurde.

    Donnerstag, 21. August 2014

    Tom Hodkinson – Leitfaden für Faule Eltern


    Nach der Lektüre hin und her gerissen. Neben klugem Wachrütteln und Hinweisen fürs Wesentliche steht irre anmutender Schrott. Das Schema ist ungefähr folgendes: Ein guter Ratschlag zu einem Perspektivwechsel wird so ins Extreme gedrückt, dass er fast seinen Sinn verliert. Es ist, als müsse man sich nicht die Rosinen aus einem Kuchen holen, sondern aus versalzener Blutwurst.



    Eine Besprechung wäre fast zu zermürbend. Der Einfachheit halber stelle ich die Punkte, die das Buch lesenswert machen, an den Anfang und eine Zusammenfassung des Schrotts an den Ende.
    - Der antikapitalistische Grund-Impuls ist recht erfrischend. Vor allem weil er zeigt, dass wir uns und unsere Kinder ihm zumindest teilweise entziehen können. Den furchtbaren Arbeitsethos, der mit dem Kapitalismus einhergeht (Nimm erniedrigende und zermürbende Arbeit auf dich, damit du idiotische Produkte kaufen kannst), müssen wir nicht mittragen. Wir können einerseits unseren Kindern durch gutes Beispiel zeigen, dass Arbeit und Spiel eins werden können, selbst bei solchen Tätigkeiten wie Putzen. Andererseits haben wir es zumindest teilweise in der Hand, wie weit wir uns furchtbaren Jobs aussetzen, um unsere Kinder Merchandise-Mist aus Plaste scheinglücklich zu machen. Heraus kommen Persönlichkeiten, die sich dadurch definieren, was sie mögen und was sie hassen. "Wir steuern auf eine Situation zu, in der jedes Familienmitglied mit einem anderen Essen vor sich am Tisch sitzt und jeder einen iPod im Ohr hat, der ihm seine Lieblingsmusik ins Ohr bläst. Geredet wird nicht mehr."
    - Kinder arbeiten im Prinzip gern. Lass sie mitarbeiten.
    - Kinder quengeln weniger, wenn man sie weniger verhätschelt. (Der verhätschelte Hund ist das einzige quengelnde Tier.) Jammere selber nicht (das schaut das Kind von dir sich ab). Das Nein muss ruhig, konsequent und klar sein. "Ein Nein zu Dingen ist ein Ja zur Menschlichkeit und ein Ja zum Leben.
    - Man sollte die Kinder ernst nehmen und sich ihnen widmen, mit ihnen spielen. Vor allem aber sollte man sie "in Ruhe lassen", das heißt ihnen Gelegenheit geben, ihre eigenen Entdeckungen zu machen, statt sie mit Amüsement zuzudröhnen, in Freizeitparks zu kutschieren oder ihnen "Beschäftigung" vorzusetzen.
    - Strebe nicht nach Perfektion. Die Vorsätze (auch die dieses Buches) kann man ruhig mal über den Haufen werfen, ohne zu verzweifeln. Entspannte Eltern sind gute Eltern.
    - Die Natur ist in der Regel besser als jeder Spielplatz.
    - Investiere nicht in teure Urlaubsreisen.
    - Lass die Kinder zusammenkommen und miteinander, am besten ganze Familien.
    - Schule wird überbewertet. Nach Möglichkeit eine Schule auswählen, die nicht das Ziel hat, den Geist der Schüler zu brechen
    - Weniger Spielzeug, vor allem keine Plaste. Ich gebe zu, das ist ein schwieriger Punkt. Unser Kind dabei zuzusehen, wie gern es mit der überdimensionierten Plaste-Spielzeugküche spielt, lässt einen zweifeln. Zumindest solange bis ich sehe, dass er auch einen leeren Koffer als Herd anspielt mit pantomimischen Bechern und einem Stift als Suppenkelle. Und als Impro-Schauspieler fallen mir die Schuppen von den Augen.
    - Verzichtet nicht auf Schlaf! Helft einander aus, auch unter Freunden. Mach eine Siesta. Wenn das Kind zu euch ins Bett gekrochen kommt, hab eine Matratze vorm Bett und schlaf dort weiter.
    - Tanzt und musiziert. Überlasst das nicht den "Spezialisten".
    - Lasst den Kindern ihre Wildheit und die Möglichkeit, aus Vorschriften auszubrechen.
    - Fahrt so wenig wie möglich mit den Kindern Auto.
    - Freude beim Essen und bei der Essenszubereitung ist wichtiger als Manieren, die das Kind dann doch von selbst lernt, wenn man sie vorlebt.
    - Sag Ja zum Leben und hör auf zu jammern. Als besonders irre beschreibt Hodkinson das "Prammern" (eine Mischung aus Protzen und Jammern), wenn man sich also z.B. über einen unmöglichen Lehrer an einer teuren Privatschule jammert. "Jammern ist das Gegenstück zum kindlichen Quengeln." Und Hodkinson ruft auch noch Epikur ins Gedächtnis "Reichtum besteht nicht darin, viele Besitztümer zu haben, sondern wenige Bedürfnisse."
    - Von Kindern lernen heißt leben lernen: Zurück finden zum Im-Moment-Leben, die Freiheit lieben, Ins Extreme gehen, z.B. Krachmachen.
    - Es gibt auch schlechte Kinderbücher. Sei wählerisch in der Auswahl. Und erzähl Geschichten auch ohne Buch.
    - Weg mit dem Fernseher.

    Kommen wir zum unerträglichen Teil des Buchs.
    1. Hodkinson will "faule Eltern". Abgesehen davon, dass er sich natürlich auch selber widerspricht (schließlich will er schon, dass man sich einem Kind auch widmet, dass man den Abwasch macht, mit Kindern rumtobt usw.), bleibt außer ein paar Bildern unklar, was dieses Faulenzen eigentlich soll. Die Abgrenzung zum Stechuhr-Kapitalismus-Leben ist schon klar, aber ohne einen gewissen Fleiß hätte er ja wohl auch nicht dieses Buch schreiben können.
    2. Das Predigen vom ungehemmten Alkoholkonsum ist eigentlich unerträglich. Fast scheint es, als wolle Hodkinson über die Hintertür der Kapitalismus-Kritik seinen Alkoholismus rechtfertigen. Was am Saufen gut sein soll, lässt er unerwähnt. Angeblich finden Kinder "beschwipste Mütter" lustig. Ob diese Kinder in zwanzig Jahren auch noch so über ihre dauerbeschwipste Mutter denken, ist doch wohl fraglich.
    3. Hodkinson schreibt aus einer privilegierten Perspektive. So meint er, man solle seine Kinder möglichst auf eine Privatschule geben. Und beugt dem Einwand, das koste zu viel Geld, vor, indem er sagt, die Eltern an der Schule seiner Kinder seien auch keine Superreichen, nur Schriftsteller, Architekten, Rechtsanwälte, Zahnärzte. Ganz normale Leute also? Diese Unfähigkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen, der sich abrackern muss, um wenigstens die Miete und das Essen beschaffen zu können, zieht sich auf unangenehme Weise durchs gesamte Buch.
    Diese drei Zutaten formen den widerlichen Teig, der sich durch das gesamte Buch zieht. Man muss ihn ertragen, um das Gute und Erfrischende genießen zu können.
    4. Die Kapitalismuskritik treibt seltsame Blüten, zum Beispiel wenn Hodkinson Zukunft für ein kapitalistisches Konzept hält. Menschlich bist du nur komplett, wenn du dir über Vergangenheit, Gegenwart und eben auch Zukunft bewusst bist. Dass wir den Moment nicht vergessen dürfen, heißt aber nicht, alles andere beiseite zu lassen, sonst werden wir zu lebensuntüchtigen hedonistischen Monstern. Ich frage mich, ob Hodkinson sich die Zähne putzt. Wenn es nur um den Moment ginge, müsste ihm das ja egal sein.