Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 1. Juli 2015

Stalin und ich - stets auf der richtigen Seite, stets zum Wohle der Arbeiter

Kapitel 4 - Konstitutionelle Autokratie
Das 1905 erschütterte Regime pendelt nun verzweifelt zwischen kleinen politischen Zugeständnissen und noch härteren Sanktionen gegen politische Oppositionelle. Ein neuer Beinahe-Bismarck wird aus dem Ärmel geschüttelt: Stolypin, der einerseits von links und rechts für die Verteidigung der politischen Reformen (darunter auch Bodenreformen für die Bauern) angegriffen wird, andererseits unterdrückt er revolutionäre Bewegungen härter als alle seine Vorgänger und setzt dafür auch rechtliche Verfahren außer Kraft. Tausende werden in Schnellverfahren zum Tode verurteilt. Aber Stolypin erkannte, woran es dem russischen Staatsorganisation mangelte. Sein Leben sollte nicht mehr lange währen. 1911 erliegt er den Folgen eines Attentats, nicht wissend, dass er die Voraussetzungen geschaffen hatte, auf denen ein ihn tausendfach überbietender Gewaltherrscher einmal aufbauen würde.
Im Grunde glich Stolypin Stalin: Beide sahen die Bauernschaft als Hort des Aufruhrs und gleichzeitig wussten sie, dass die Agrarstrukturen überkommen waren: Kleine Kommunen, in denen kleinflächige Streifen bewirtschaftet wurden. Beide wussten, dass es höchste Zeit war, die Landwirtschaft zu industrialisieren. Aber die Lösung, die sie wählten, hätte unterschiedlicher nicht sein können. Stolypin setzte auf die Mittel- und Großbauern, auf günstige Kredite. Stalin hingegen konnte, wie man später sehen wird, nicht über seinen ideologischen Schatten springen. Die Großbauern und auch die Mittelbauern waren ihm immer suspekt. Privateigentum konnte er nicht dulden, sonst wäre ja die Revolution umsonst gewesen. Seine Lösung würde später heißen: Forcierte Kollektivierung im großen Stil und physische Eliminierung der "Kulaken".
Kotkin beschreibt Stolypin als Radikalen:
Techoncrats generally saw "politics" as a hindrance to efficient administration. In that regard, Stolypin's idea of incorporating peasants - at least the "strong and the sober" among the peasantry - into the sociopolitical order on equal terms with other subjects was radical.
Aber nicht nur die Bauern sollten in ein politisches Gemeinwesen integriert werden. Stolypin entfernte auch die Schranken für Juden. Und er versuchte, religiöse und bürgerliche Rechte zu etablieren und (ganz wie Bismarck) eine Arbeiter-Unfall und -Krankenversicherung einzuführen.
Politisch bedeutender als die zersplitterte und verfolgte Linke waren die Schwarzen Hundertschaften und der "Bund des Russischen Volkes" - ein illiberale, zaristische und natürlich nationalistische Vereinigung mit dem Leitspruch "За Веру, Царя и Отечество". Ganz im russisch-mystischen Sinne erstrebten sie eine Einheit von Volk und Zar. Verfassung und Parlament hielten sie für Schnickschnack. Dumm nur, dass der Zar soeben die Duma ins Leben gerufen hatte.
Wenden wir uns nun den Sozialisten und Stalin zu. Die russischen Sozialdemokraten halten ihren Parteitag in Stockholm ab. Stalin, als der einzige Bolschewik unter den kaukasischen Delegierten, wendet sich sowohl gegen Lenin (!) als auch gegen die Menschewiken. Er lehnt sowohl die Verstaatlichung (Lenin) als auch die Kommunalisierung des Landes ab. Er fordert (man höre und staune), dass die Bauern das Land in die eigenen Hände nehmen.
Die Änderung dieser Position wird später Millionen das Leben kosten.
Aus Stockholm kehrt er zurück mit Anzug, Hut und Pfeife.
Only the pipe would last
Zurück aus Stockholm beginnt Dschugaschwili mit der Veröffentlichung einer Artikelreihe unter dem Titel "Anarchismus oder Sozialismus?", die den späteren Stil und die spätere Denkweise vorwegnehmen: Marxismus ist nicht mehr nur ein soziologischer und philosophischer Ansatz, er ist eine Weltanschauung, er erklärt alles.
His ideational world - Marxist materialism, Leninist party - emerges as derivative and catechismic, yet logical and deeply set.
Ab 1907 publiziert er nur noch auf Russisch und er lässt seine ersten antisemitisch gefärbten Angriffe gegen die Menschewiken los.
Die Mehrheit des 5. Parteitags beschließt ein Verbot der "Expropriationen" (lies: Raubzüge) gegen Unternehmer. Der "Mehrheitler" Lenin unterliegt in der Abstimmung und setzt sich darüber hinweg. Am 12. Juni 1907 werden zwei Postkutschen einer Bank in Tiflis ausgeraubt. Man kann davon ausgehen, dass Stalin zu den Verschwörern gehörte.
Da der Raubzug einen Verstoß gegen einen Parteibeschluss darstellte, stand Stalin vor einem Parteiausschluss. Er entwich nach Baku und entzog sich dem Urteil. Die damit einhergehenden Gerüchte, ein simpler Krimineller zu sein, würden ihn seitdem verfolgen.
In Baku beginnt er mit der Agitation unter den Erdöl-Arbeitern.
Unter den Stolypinschen Standgericht-Gesetzen war das eine lebensgefährliche Tätigkeit. Selbst Trotzki lobt Stalin später gegenüber Lenin für seinen Mut und seine Loyalität.
Diesen Mut und diese Selbstverleugnung kleinzureden oder wegzudiskutieren, um Stalin als machthungriges Monster darzustellen, würde die Angelegenheit nicht nur zu einfach machen. Es macht auch blind für die Dynamik diktatorischer und despotischer Macht. Denn letztlich rechtfertigte sich Stalins Macht vor sich selbst und vor Millionen Untertanen durch die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, durch das Wissen, sein eigenes Leben zum Wohle der Arbeiter eingesetzt zu haben.
Im Dezember 1907 stirbt Stalins erste Frau, und kurz darauf wird er inhaftiert und verbannt. Er flieht ein Jahr später über Petersburg wieder nach Baku, wo ihn die Ochranka kurze Zeit später wieder verhaftet.
Stolypins Bemühungen, das Reich zusammenzuhalten, indem er auch den nationalen Geist (mit der russischen Orthodoxie als Kitt) zu wecken versucht, werden untergraben, erstens von den russischen Nationalisten selbst, die am liebsten alle Minderheiten aus dem Reich drängen wollen, und zweitens vom Zaren, den sein Minderwertigkeitskomplex zwickt, wenn er andauernd von den Leistungen seines Chefs des Ministerrats liest:
"Zähle ich denn gar nicht? Bin ich denn ein Niemand?"
Nikolaus II. schürt Intrigen und zerstört auf diese Weise selbst kleinere politische Anstrengungen.'
Stolypin erliegt 1911 dem Attentat eines von der Ochranka bezahlten Anarchisten, und Lenin kooptiert Stalin in Abwesenheit ins Zentralkomittee.
Stalin was loyal and could get things done.
Je mehr der unfähige Autokrat Nikolaus II. an der Autokratie festhält (er beschneidet die bereits zugestandenen legislativen Rechte der Duma), umso mehr fällt sie in sich zusammen.
The hemophilia [of the tsarevich], an unlucky additional factor piled on the autocracy's deep structural failures, was actually an opportunity to face the difficult choice that confronted autocratic Russia, but Nicolaus II and Alexandra, fundamentally sentimental beings, had none of the hard-boiled realism necessary for accepting a transformation to a genuine constitutional monarchy in order to preserve the latter.
Der größte Zerstörer der zaristischen Autokratie war der Autokrat selbst. Bar jeder politischen Basis blieb die politische Polizei sein Hauptmittel. Es brodelte an jeder Ecke des politischen Spektrums. Selbst die Monarchisten erwogen ein Attentat. Dass es an der radikalen Linken (wenn auch nicht gerade den Bolschewiki) sei, der Autokratie den erlösenden Todesstoß zu versetzen, hätte zu dem Zeitpunkt aber noch niemand ahnen können:
If anyone alive had been informed during the Romanov tercentenary celebrations of 1913 that soon a fascist right-wing dictatorship and a socialist left-wing dictatorship would assume power in different countries, would he or she have guessed that the hopelessly schismatic Russian Social Democrats dispersed across Siberia and Europe would be the ones to seize and hold power, and not the German Social Democrats, who in the 1912 elections had become the largest political party in the German parliament? Conversely, would anyone have predicted that Germany would eventually develop a successful anti-Semitic fascism rather than imperial Russia, the home of the world’s largest population of Jews and of the infamous Protocols of the Elders of Zion?

Die Rechten waren nicht in der Lage, eine Politik zu formulieren, die die Massen Russlands inkludierte. Die Herrschenden hatten ohnehin jeglichen Bezig zur Realität verloren. Die Linke hingegen war völlig zersplittert: Von der Regierung zerrieben und in hoffnungslosem Fraktionalismus aufgespalten.

And yet, within a mere decade, the Georgian-born Russian Social Democrat Iosif "Koba" Jugashvili, a pundit and agitator, would take the place of the sickly Romanov heir and go on to forge a fantastical dictatorial authority far beyond any effective power exercised by imperial Russia's autocratic tsars or Stolypin. Calling that outcome unforeseeable would be an acute understatement.

Montag, 22. Juni 2015

Stalin und ich - Die Leninsche Zerfleischung der Minderheitler genannten Mehrheitler

Kapitel 3 - Der gefährlichste Feind des Zarismus

Am Ende des 19. Jahrhunderts war das zaristische System verfault. Die Reichsanmaßung einerseits war ungeheuer. Das Land umfasste 104 Nationalitäten. Die im 19. Jahrhundert dominierende Strategie, die Probleme an den ausfransenden Rändern des Reichs in den Griff zu kriegen, bestand darin, noch mehr zu erobern. Andererseits war das zaristische System nicht reformierbar. Von einem Parlament konnte selbst 1900 keine Rede sein. Alexander II. schuf einen Ministerrat, den Kotkin als "Totgeburt" bezeichnet, da die Minister keinerlei Unabhängigkeit hatten, sondern dem Zaren persönlich Rechenschaft leisten mussten. Die Treffen des Ministerrates unterliefen jeden Reformansatz, indem es den einzelnen Ministern nur darum ging, bei Entscheidungsfindungen am Ende nicht auf der falschen Seite zu stehen. An Einbindung der Bevölkerung in die politische Entscheidungsfindung war nicht zu denken. Dissens galt als gefährlich. Wer sich oppositionell äußerte, wurde verbannt. Als einziges probates Mittel, grundsätzlich etwas zu ändern, schien der Opposition das Attentat. Alexander II. erwischte es 1881. Alexander III. überlebte mehrere Attentate, eines in Anwesenheit seines Sohnes, des späteren Zaren Nikolaus II. Lenins Bruder wurde nach einem versuchten Anschlag hingerichtet. Das Ganze wirkte selbstverstärkend: Da Opposition für die Zaristen mörderisch wirkte, wurden derlei Ansätze sofort erstickt. Da aber jede Art von Opposition illegal war, erschien Militanz unausweichlich.

The inflexible autocracy had many enemies, including Iosif Jugashvili. But its most dangerous enemy was itself.

Die faktische physische Bedrohung des Regimes führte zur Gründung der Geheimpolizei Ochranka. Diese Geheimpolizei war in Europa keine Ausnahme, sie unterwanderte die linke Opposition, was zu Paranoia unter den Sozialdemokraten führte.

Das kommt einem aus der DDR-Opposition bekannt vor.

Das Russische Reich war zudem auch unfähig, die Herausforderungen der Moderne zu meistern oder auch nur anzugehen. Der zunehmenden Industrialisierung und Intellektualisierung stand die Weigerung des Regimes gegenüber, diesen Kräften, zumindest ein legales Ventil politischer bzw. wirtschaftlicher Artikulation zu leihen. Dazu kamen immer wieder Bauernaufstände.
In diese Situation gerät ein fähiger Politiker an eine wichtige Position - Sergej Witte. Er präferiert (wie später Stalin) eine forcierte Entwicklung der Schwerindustrie, und visierte Reformen in der Innenpolitik und eine "Realpolitik" in der Außenpolitik an. Allerdings standen diesen Ansätzen keinerlei politische Strukturen gegenüber. Nikolaus II. bevorzugte Geheimhaltung, spielte Minister gegeneinander aus, ja, ließ sie sogar über seine eigenen politischen Ziele im Unklaren. Als im Januar 1905 streikende Arbeiter ihrem "Väterchen Zar" eine Petition überreichen wollen, verdrückt der sich aus der Stadt, und die Polizei lässt die Demonstranten niederschießen - der Startschuss für die 1905er Revolution.
In dieser Zeit nimmt Dschugaschwili (der bis hier und auch auf den weiteren Seiten der Biografie eher wie ein Nebendarsteller wirkt) eine Kehrtwendung in vielen Positionen ein, vor allem verabschiedet er sich, nach Angriffen aus seiner eigenen Partei, von der Vorstellung, Georgien sollte nach einer Revolution nationale Autonomie erlangen. Er unterwirft nicht nur die georgische Sozialdemokratie, sondern das spätere Georgien Russland.
Schon im Jahr 1903 wurde die russische Sozialdemokratie gespalten. Man mache sich keine Illusionen: Auch die Menschewiken waren radikale Revolutionäre, die für die "Diktatur des Proletariats" standen. Aber sie standen für eine breite Arbeiterbewegung der Partei, während Lenin derartige Vorstellungen für illusorisch hielt: Eine revolutionäre Partei müsse ein professionelle Elite-Truppe sein. Die gegnerische Fraktion bezeichnet er als Minderheitler (die sie bis auf eine einzige Abstimmung nie waren).

Schon hier wird klar: Lenin will seine Vorstellungen durchsetzen. Demokratie, auch innerparteiliche, ist ihm ein Gräuel. Eine Massenpartei zur Erlangung der Macht - das könnte ja sonstwo enden. Aber auch seine innerparteilichen Gegner greift er derart scharf an, dass erkennbar wird: Er ist an politischer Auseinandersetzung oder Debatte nicht wirklich interessiert, kompromissfähig ist er kaum.

Das Regime zerfällt, es lässt die Sozialdemokraten verbannen oder vertreibt sie ins Exil. Und die zerfleischen sich darüber, ob die Revolution sozialistisch sein soll oder (gemäß Marx' Prophezeiung) zunächst bürgerlich sein sollte.
Der Zar lässt unterdessen Pjotr Durnowo zum Retter der Autokratie machen und untergräbt damit Wittes Ansätze. Auch Durnowo ist ein rücksichtsloser und talentierter Politiker. Aber sein Talent verschafft dem Zaren nur eine Atempause. Er stabilisiert das Regime kurzzeitig und verurteilt es somit zum Untergang.

It is impossible to know what would have transpired had Durnovó's exceptional resoluteness and police skill not saved tsarism in 1905-6. Still, one wonders whether history of one sixth of the earth, and beyond, would have been as catastrophic, and would have seen the appearance of Stalin's inordinately violent dictatorship.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Stalin und ich - neun Sozialdemokraten und ein Notizbuchträger

Kapitel 2 - Lados Jünger
Das Tbilissi zur Zeit des jungen Dschugaschwili ist ein multikultureller Schmelztiegel. Neben Georgiern, die hier nur eine Minderheit ausmachen, findet man Russen, Tataren, Armenier, Perser usw.
Die logistische Anbindung durch die Eisenbahn lässt radikale Ideen ins Land fließen, vornehmlich die beiden radikalen Strömungen, die im 19. Jahrhundert geboren werden und das 20. beeinflussen - Nationalismus und Sozialismus. Dschugaschwili ist zunächst für beides offen, aber sein älterer Freund "Lado" führt ihn an den Marxismus heran. Sein Lesehunger nimmt ungeheure Ausmaße an und umfasst nicht nur, wie man denken könnte, die klassische marxistische Literatur, sondern auch die russischen Klassiker, Weltliteratur wie Hugo, Balzac, Thackeray und georgische Poesie. Für seine Gedanken trägt er nun ein Notizbuch mit sich herum.
Die Regeln des Priesterseminars, das ihm einst so viel bedeutet hat, unterläuft er nun immer häufiger, selbst als sein Freund Lado aus dem Priesterseminar entlassen wird.
Das Problem des Marxismus bestand nun aber darin, dass dieser in Russland unter Intellektuellen populär wurde, lange bevor es überhaupt ein Proletariat oder einen entwickelten Kapitalismus gab. Die Bauern konnten mit der Propaganda der "Volksfreunde" (narodniki) nichts anfangen. Für die frühen russischen Sozialisten stellte sich Ende des 19. Jahrhunderts nun die Frage, ob man den Kapitalismus einfach überspringen könne oder seine Entwicklung in Kauf nehmen müsse. (Diese Frage zieht sich durch die Fraktionskämpfe der russischen Sozialdemokratie und findet letztlich sogar noch ein Echo in den Moskauer Prozessen.)
1898 wird dann auf dem ersten (illegalen) Parteitag die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands" gegründet. Teilnehmerzahl - 9, in Worten: neun!
Nachdem er das Seminar immer mehr schleifen lässt und nicht zu den Abschluss-Examen erscheint, kommt, was kommen muss - Stalin wird entlassen. Aus dieser Zeit nimmt er mit:
- die ungeheure Selbstdisziplin, die man zweifellos in streng religiösen Zusammenhängen trainiert,
- das Vermögen, sich in Gedankengebäude zu begeben und
- das dogmatische Verständnis dieser Gedankengebäude
Diesen Punkt erwähnt Kotkin nicht, aber er liegt deutlich auf der Hand, wie man später noch sehen wird. Stalin (aber auch Lenin) sind radikal wie man es heute von religiösen Fundamentalisten kennt. Der Glaube, das Wissen um die hehre Wahrheit gepachtet zu haben, lässt jede unmittelbare Menschlichkeit erlöschen. Der Humanismus degeneriert zur abstrakten Formel.
Von nun an wird Stalin ein Agitator, Lehrer, Outlaw und Revolutionär. Er weiß, mit wenig Geld auszukommen, entweicht mehrmals der Gendarmerie und geht schließlich in den Untergrund.
1903 wird er schließlich, nach Zusammenstößen zwischen protestierenden Arbeitern und der Polizei in Batumi, erstmals nach Sibirien verbannt. Schon nach weniger als drei Monaten gelingt ihm (nach einem vergeblichen Versuch) die lebensgefährliche Flucht.
Was Kotkin nicht ausdrücklich erwähnt: Stalins Erfahrungen im Umgang mit der zaristischen Diktatur - der erfolglosen Eindämmung des Nationalismus an den Rändern des Reichs, die grausame aber teilweise geradezu unbeholfene Polizei, die für politische Gegner unzureichende Strafe der Verbannung - dürfte ihm praktische Lektionen vermittelt haben.
Er erreicht rasch wieder Tbilissi und kommt in Kontakt mit Lew Kamenew, der ihn unterstützt.
Aus dem Umstand, dass dieser ihm "Der Fürst" von Macchiavelli zu lesen gab, wurde oft ein großes Bohei gemacht, so als ob die Berufsrevolutionäre des russischen Reichs den alten Italiener nötig gehabt hätten, um das zu werden, was sie wurden.
Lado, Stalins großes Vorbild, wird schließlich im Gefängnis von einem Wärter nach einer Ungehörigkeit erschossen.
Later, Stalin world not erase Lado's independent revolutionary exploits or existence, even as almost everyone else connected to the dictator at one time or another would be airbrushed. (...) The earliness of Lado's martyrdom certainly helped in this regard. But that circumstance highlights the fast that Iosif Jughashvili himself could have suffered the same fate as his first mentor: early death in a tsarist prison.
Gelernte englische Vokabeln: Chattel, internal exile.

Dienstag, 26. Mai 2015

Stalin 1 - Kapitel 1 - Ein Sohn des Reichs

Immer wieder Lektüre zum Thema Kommunismus. Als gäbe es da etwas aufzuarbeiten im eigenen Denken, als müsse die Vergangenheit neu erfasst und interpretiert werden.

Diesmal also "Stalin. Volume 1. Paradoxes of Power". Als ich die begeisterte Rezension im Guardian Weekly las, muss mir das "Volume 1" entgangen sein. Und so halte ich einen über 900 Seiten langen Wälzer in der Hand, der sich als der erste von drei Bänden entpuppt. Stalin bis 1928, also bis zur Kollektivierungs-Kampagne. (Der zweite Band, der die Jahre bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion umfasst, ist wohl, so der Autor, schon geschrieben und werde gerade poliert.) Knapp 200 Seiten sind allerdings Endnoten, Verweise und Index-Einträge. Der Stil erweist sich als erstaunlich literarisch, selbst administrative Vorgänge werden fast wie in einem Roman behandelt. Die Sprache ist flüssig, präzise und gewählt, wobei ich fast den Eindruck habe, ich würde bei einem rein politologischen Buch seltener ins Stocken (und leider auch Nachschlagen) geraten. Obwohl der Drucksatz sehr eng geraten ist, liest es sich flüssig. Aber ich brauche pro Seite etwa doppelt so lang wie bei einem normalen belletristischen englischsprachigen Werk. Das ganze Buch in kurzer Zeit durchzujagen, ist also für mich schon physisch unmöglich. Dazu lässt die Beschreibung der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen und der Grundsteinlegung für immer weitere Verbrechen es kaum zu, dass die lesende Seele Frieden findet. Man muss Zuflucht nehmen in Lyrik, komischer Kurz-Prosa und dergleichen.

Kapitel 1 - Ein Sohn des Reichs

Gleich zu Beginn verabschiedet sich Kotkin mehrmals von der Idee, den späteren Diktator Stalin durch etwaige "traumatische" Kindheitserlebnisse erklären zu wollen. Erstens wäre dies zu einfach gedacht - eine Handvoll Kindheitserlebnisse, so traumatisch sie auch sein mögen, kann nicht ein derart komplexes Phänomen wie diesen Diktator und sein Regime erklären. Zweitens kann man davon ausgehen, dass einiges, was andere Biographen bei Stalin als Kindheitstrauma herausgefiltert wurde, einfach zum normalen Alltag damals gehörte. Es war z.B. nicht nur in Georgien, sondern auch in Westeuropa eher ungewöhnlich, wenn ein Vater sein Kind nicht schlug.
Auch andere Kleinigkeiten scheinen in anderen Biografien überbeleuchtet, so etwa die ständig wiederholte Aussage, Stalin habe als Jugendlicher eine Straßengang angeführt. Dass diese Punkte anderswo solch prominenten Platz erlangen, hat wohl eher damit zu tun, dass die Autoren Stalins Biografie von hinten aufziehen, also kleine Hinweise für den paranoiden Massenmörder und Diktator in der Jugend suchen und entsprechend hervorheben, Widersprechendes aber übergehen. Kotkin sucht nach Komplexität und lässt die Widersprüche nicht aus.
Was den jungen Dschugaschwili vor anderen Jugendlichen auszeichnet, ist vor allem ein ungeheures Lese- und Lernbedürfnis, welches unter den gegebenen Umständen (Sohn eines Schuhmachers und einer Gelegenheitsarbeiterin) kaum zu befriedigen war. Nur mit Glück, Ehrgeiz und Talent gelang er ins Priesterseminar nach Tiflis. Als Sohn eines ins Proletariat geratenen Bauern strebte er auf in die Semi-Intelligenzija.
Der junge Dschugaschwili erweist sich als gläubig und folgsam in den Ritualen des Seminars.
"... the future Stalin may have thought to become a monk himself. But changes in the Russian empire and in the wider world opened up a very different path."

Freitag, 27. März 2015

Ein Unfall - Und auf einmal wurden alle zu BILD-Lesern

Ich habe seit fünfundzwanzig Jahren keinen Fernseher mehr. Seit einem Jahr habe ich meinen Nachrichtenstrom noch weiter gezügelt. Politische Informationen erhalte ich aus zwei Wochenzeitungen - einer deutschen und einer englischen - sowie den mittäglichen Drei-Minuten-Radionachrichten. "Aber du musst doch auf dem Laufenden bleiben", rufen meine Freunde. Wie unwichtig es ist, auf dem Laufenden zu bleiben, wenn man nicht gerade Berufspolitiker ist, habe ich immer gemerkt, wenn ich aus dem Urlaub kam und den Stapel der liegengebliebenen Tageszeitungen durchblätterte: Seitenlange Analysen über anstehende Wahlen, deren Ergebnis man nun, zwei Wochen später, schon längst kannte. Irgendwann warf ich diese Stapel immer einfach weg und merkte, dass das Einzige, was an mir wirklich vorbeiging, der Tod alter Filmstars oder Schriftsteller war, deren Dahinscheiden sich mit einer Kolumne publizistisch erledigt hatte.
Nach zwei Wochen ist nämlich der Nahostkonflikt immer noch da, will Facebook uns noch immer ausspionieren. Und wenn der terroristische Anschlag in irgendeinem Teil der Welt von nachhaltiger Bedeutung war, werde ich davon noch rechtzeitig erfahren. Was habe ich davon, per Liveticker über ein Geiseldrama unterrichtet zu werden? Warum muss ich heute über den Raubüberfall von gestern Bescheid wissen? Über eine politisch haarsträubende Äußerung des gerade aktuellen CSU-Generalsekretärs? Über einen Lebensmittelskandal?
Der zeitlich und medial distanzierte Blick hilft, die Relevanz der Ereignisse wieder ins Verhältnis zu setzen. Er beruhigt den Blutdruck und fördert die gute Laune.
Allen, die am Medium Fernsehen verzweifeln, rate ich, ein halbes Jahr auf Nachrichtensendungen zu verzichten und dann mal die Tagesschau zu sehen. Die angeblich so seriöse Mutter der deutschen Nachrichtensendungen wirkt dann völlig lächerlich in ihrer vorhersagbaren Bilder-Abfolge: Aus Dienstwagen, die vor Bürogebäuden halten, steigen erst ein CDU- und dann ein SPD-Politiker. In lichtdurchfluteten Foyers gibt ein dritter Politiker ein aus maximal drei Sätzen bestehendes Statement hab, zu dem der vierte Politiker eine Gegenposition bezieht. Die nächste Nachricht ist meist außenpolitischer Natur. Die Film-Einsprengsel zeigen den Einsatz von Waffen; je größer, desto wahrscheinlicher, dass man sie zu sehen bekommt. Die Hierarchie: Panzer, Raketenwerfer, Maschinengewehre, Sturmgewehre, Handfeuerwaffen, Steinschleudern. Danach der Abtransport verstümmelter Opfer, ein Aufruf des UNO-Generalsekretärs. Zurück zur Innenpolitik: Irgendeine Gewerkschaft streikt immer, was die Arbeitgeber gerade in der jetzigen Situation für unverantwortlich halten. Ein Umweltskandal wird kommentiert von einem Experten, dessen Expertentum man daran erkennt, dass er vor einem Bücherregal steht. Ein Schauspieler, Musiker, Schriftsteller oder ehemaliger Justizminister ist gestorben. Eine Überschwemmung, ein Erdbeben, ein Zugunglück, ein Flugzeugabsturz. Das Wetter.
Als ich an diesem Donnerstag unsere wöchentlichen Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" vorbereite, fragt mich ein Kollege: "Meinst du denn, dass die Leute überhaupt Lust auf kurzweilige Unterhaltung haben?" Für einen Moment wusste ich gar nicht, was er meint. Dann erinnerte ich mich, dass diejenigen meiner Facebook-Freunde, die sonst fast ausschließlich politische Kommentare posten, sich nun auf den Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine beschränkten. Dem Aufregungsthermometer zufolge muss es im Fernsehen Sondersendungen gegeben haben, die Hälfte der Nachrichtenzeit ging wahrscheinlich für dieses Thema drauf. Und je länger die Nachricht, um so wichtiger. Die Betroffenheit ist ungeheuer. Stefan Raab, so erfahre ich, hat seine Sendung abgesagt. Die Lufthansa-Aktien straucheln.
Aus meiner Perspektive ist es aber ein Flugzeugabsturz, wie es ihn ab und zu mal gibt. Spektakulär zwar. Aber auch: extrem selten. Was also ist, aus der Perspektive der zeitlichen und medialen Distanz geschehen? 150 Menschen sind bei einem Flugunfall ums Leben gekommen. Schlimm für die Angehörigen? Sicher. So wie der Tod für Angehörige immer schlimm ist. Aber was wissen wir von den Angehörigen aller anderen Unfallopfer, die in den letzten Wochen starben? Nimmt man die Zahlen der vergangenen Jahre, so kann man davon ausgehen, dass in den ersten Märzwochen dieses Jahres über 200 Menschen im deutschen Straßenverkehr gestorben sind. Was ist mit deren Angehörigen? Und Unfälle gibt es ja nicht nur im Verkehr, auch im Haushalt oder auf der Arbeit. Wer interviewt hier die Angehörigen? Und leiden die Angehörigen von jungen Menschen, die an Krebs sterben weniger? Wenn man die Zahlen, die die Statistik hergibt, extrapoliert, kann man davon ausgehen, dass sich im März 2015 zwischen 700 und 900 Menschen in Deutschland selbst getötet haben. Auch das ist keine Nachricht wert.
Ein Flugzeugabsturz ist mehr als eine Nachricht wert, weil er spektakulär ist. Weil selbst jene, die routiniert ein Flugzeug besteigen, diese Angst kennen, die bei den meisten irrationalerweise größer ist als wenn man sich auf eine Autofahrt auf einer deutschen Autobahn einlässt. Der Absturz (in diesem Fall: das langsame Absteigen) ist wie für einen Horrorfilm gemacht. Und wie bei einem guten Horrorfilm kommen im Germanwings-Fall auch noch das Psycho-Element und ein Schuss Whydunnit hinzu. Man will wissen, was genau passiert ist. Wie bei einem Krimi kann jeder mitknobeln und das Rätsel lösen. Und je nach Bildungsstand erklärt man sein Interesse mit aktuell-politischem Interesse, Mitleid mit den Angehörigen oder meta-ironisch-offen mit Neugier.
In Wirklichkeit haben sich für ein paar Tage die Deutschen auf BILD-Niveau runterziehen lassen.


Dienstag, 30. Dezember 2014

475., 476., 474. Nacht

475. Nacht

Da die belagerten Christen nun den tapferen Muslim gefangen halten, beraten sie, wie sie mit ihm umgehen sollen, da er zu schön sei, um getötet zu werden. Am liebsten würden sie ihn zum Christentum bekehren, aber wie? Einer der Ritter schlägt vor, ihn mithilfe seiner Tochter zu verleiten, denn

"Die Araber haben eine heftige Leidenschaft für die Frauen, und da ich eine Tochter von vollkommener Lieblichkeit bseitze, so wird er, wenn er sie sieht, durch sie verführt werden."

Tatsächlich ist der gefangene Muslim hingerissen, aber als er sah,

was ihm drohte, nahm er seine Zuflucht zu Allah dem Erhabenen, wandte seinen Blick ab, widmete sich der Andacht zu seinem Herrn und begann den Koran herzusagen.

Und so wendet sich der Trick des christlichen Ritters gegen ihn. Sie bittet:

"Erkläre mir den Islam!"

Er lehrt sie alles Grundlegende, woraufhin sie ihn ehelichen will, was wegen fehlender Morgengabe und zweier Zeugen nicht möglich ist. Daraufhin ersinnt sie einen Fluchtplan. Sie lässt ihrem Vater ausrichten, der Muslim sei zur Konvertierung und zur Ehe bereit, will aber aus Gründen des Anstands dies nicht dort tun, wo sein Bruder starb, also müsse das in einem anderen Ort geschehen.

Dies ist mal ein selten gelungenes Mittel des Storytelling - die Wiedereinführung. Wozu sonst war der gefallene Bruder zu Beginn der Geschichte erforderlich?

Der Vater willigt ein, und in dem Dorf nutzen die beiden die Gelegenheit zur Flucht.

*

476. Nacht

Als die beiden Flüchtigen am Morgen ihre religiöse Waschung vornehmen, hören sie Pferdegetrappel und Waffenrasseln.

Da rief er: "Das sind die Nazarener, die uns verfolgen!"

Sie redet ihm Mut zu, und so finden sie Zuflucht im Gebet und die Heerschar erweist sich als von Allah gesandte Engel, die den beiden Trost spenden.
Der Kalif und Feldherr Omar ibn el Chattâb betet an diesem Morgen nur kurz und verlautbart dann:

"Lasst uns hinausgehen, dem jungen Ehepaare entgegen!" Da verwunderten die Gefährten sich und konnten seine Worte nicht verstehen.

Kurz darauf trifft das Paar in Medina ein.

Omar ibn el-Chattâb werden also hiermit prophetische Fähigkeiten zugeschrieben, die seine Heiligkeit unterstreichen.
(Übrigens war es dieser Kalif, der den "Steinigungsvers" in den Koran einfügte, um die weiterhin bestehende Praxis der Steinigung religiös zu rechtfertigen.)

Die beiden feiern Hochzeit und:

Dann ging der junge Held zu seiner Gemahlin ein, und Allah der Erhabene schenkte ihm Kinder von ihr.

*

477. Nacht

Und nun lebten sie immerdar herrlich und in Freuden, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt, und der die Freundesband zerreißt.
Ferner wird erzählt

*

Die Geschichte von der Christlichen Prinzessin und dem Muslim

Sîdi Ibrahim el-Chauwâs

[unklar, wer das sein soll]

berichtet, einmal dem Bedürfnis, ins Land der Ungläubigen zu reisen, nicht widerstanden haben zu können. Am Tor einer ihrer Hauptstädte empfangen ihn schwarze Sklaven mit ehernen Keulen, die ihn fragen, ob er Arzt sei, was er bejaht.
Sie erwidern, des Königs Tochter sei krank. Aber wenn einer sich als Arzt ausgebe und sie nicht heilen könne, müsse er sterben.

Was er gewinnt, falls er sie heilt, wird nicht verraten.

Er geht zum König und lässt ihn zu ihr ein. Dabei spricht sie die Verse.

  • "Öffnet die Tür; denn der Arzt ist gekommen!
    Schaut auf das seltne Geheimnis in mir!
    Oft ist der Nahe doch weit in der Ferne;
    Oft ist der Ferne doch nahe bei dir.
    Wahrlich, ich lebte bei euch nur als Fremdling;
    Jetzo will Gott seinen Trost mir verleihn.
    Uns hat die Glaubensgemeinschaft verbunden;
    Freund mit dem Freunde; sind wir im Verein.
    Als er mich in seine Nähe gerufen.
    Hielten die Tadler und Späher uns fern.
    Lasst euer Schelten, hört auf, mich zu tadeln!
    Weh euch, ich antworte doch nicht, ihr Herrn.
    Mich kümmert nicht das Flüchtige, das Unzulängliche;
    Mein Ziel ist nur das Bleibende, das Unvergängliche."

  • Es wäre interessant, dieses Gedicht mit dem Original zu vergleichen. Zu Beginn werden die Daktylen noch einigermaßen durchgehalten. Am Ende holpert er sich so durch. Absicht oder Zufall?

    Es stellt sich heraus, dass der Christin vor vier Jahren die klare Wahrheit [Allah] offenbar wurde.

    Wie das geschehen ist, bleibt unklar.

    Als ein greiser Diener nach der Unterredung von Arzt und Christin hinzutritt, sagt diese:

    "Er hat die Krankheit erkannt und das Heilmittel gefunden."

     

    Sonntag, 28. Dezember 2014

    473. - 474. Nacht

    473. Nacht

    Als der Schmied sich bei der Frommen entschuldigt, spricht sie:

    "Oh mein Gott, wie du jetzt meinen Wunsch an ihm erfüllt hast, so bitte ich dich, nimm meine Seele zu dir, denn du bist mächtig über alle Dinge."

    Die Verklärung des Todes nimmt im Islam und im Christentum seltsame Züge an. Können wir uns die Seelen-Vorstellung noch als Ausfluss der Todesangst erklären (endgültiger Tod kann nicht sein, weil er nicht sein darf), so nimmt diese Vorstellung vom Tod oft Züge der Sehnsucht an. Und warum auch nicht? Wenn das Leben im Paradies so viel schöner ist, was soll man dann hier? So werden Märtyrer gemacht.

    *

    Die Geschichte von dem frommen Israeliten und der Wolke

    Einem frommen Juden hat Allah eine Wolke untertan gemacht, die ihm überallhin folgt und ihm dient, wenn er trinken oder sich waschen muss. Einmal aber war er

    in seinem Eifer nachlässig und Allah hieß die Wolke von ihm enteilen.

    Nachts hört er eine Stimme, die ihm befielt, bei einem

    König in der Stadt Soundso

    darum zu bitten, dass dieser für ihn bete.
    Nach einigen Verzögerungen erhält er auch Zugang zum König und dessen Gemahlin, deren

    Antlitz leuchtete wie der junge Mond; und sie trug ein Gewand aus Wolle und einen Schleier.

    *

    474. Nacht

    Der König aber trägt nur ein einfaches Gewand aus Filz und betet in einem öden Gebäude, wo er auch aus Palmblättern mit seiner Frau, die auch seine Base ist, Matten flicht, die dann ein fünf Spannen (das sind ca. 1,20 Meter) hoher Sklave auf dem Markt und für den Erlös einfaches Essen kauft.
    Nach dem Gebet funktioniert die Wolke wieder für den "Israeliten", der berichtet:

    "Alles, was ich seitdem im Namen der beiden von Allah dem Erhabenen erbitte, gewährt Er mir."

    Wenn es eine Vorherbestimmung gibt, wie kann man dann um etwas bitten, was einem Gott ohnehin gewährt? Theologen meinen, es ginge dabei darum, dass der Betende sich ändert. Aber dann bräuchte er ja nicht um etwas zu bitten.

    *

    Die Geschichte von dem muslimischen Helden und der Christin

    Der Kalif Omar ibn el Chattâb rüstet ein muslimisches Heer wider die Ungläubigen in Damaskus. Zwei besonders tapfere Helden tun sich in der Belagerung hervor. Einer der beiden findet den Märtyrertod, der andere gerät in Gefangenschaft.

    Dienstag, 4. November 2014

    Oberschwule

    Im August und September finden überall in Deutschland die Einschwulungen der Kinder im schwulfähigen Alter statt. Es erwärmt mein Herz, wenn ich sie stolz mit ihren Schwultüten und Schwulmappen durch die Straßen gehen sehe. Sicherlich haben sie schon in den letzten Monat immer wieder zuhause Schwule gespielt. Stolzer noch als die kleinen Racker sind natürlich die Eltern, die sich wahrscheinlich an die Zeit erinnern, als sie selber die Schwulbank drückten. Viel hat sich im Schwulwesen seither geändert. Einige frühere DDR-Bürger werden sich noch daran entsinnen, wie sie zu ihrer Schwulzeit von den Schwuldirektoren politisch indoktriniert wurden. Inzwischen ist man da viel offener. Und das Lernen selbst ist auch nicht mehr so verschwult. Die Lehrer heutzutage auch viel geschwulter im Umgang mit ihren Zöglingen.
    Aber man muss bei allem Respekt klar sagen, nach wie vor liegt an den Schwulen vieles im Argen. Kaputte Schwultoiletten sind gerade in Berlin ein immer wiederkehrendes Problem. Viele Schwulgebäude müssten instand gesetzt werden. Fehlt hier wirklich nur das Geld oder nicht auch der politsche Wille der Schwulstadträte? Man fragt sich, ob der Schwulsenator hier die Augen vor den täglichen Problemen verschließt. Aber in der Politik wird immer viel geredet: „Die Schwulen sind unsere Zukunft“, heißt es da. Die schwulischen Leistungen fallen jedoch auch insgesamt zurück, wenn teilweise der Ausländeranteil der Schwulpflichtigen bei 95 Prozent liegt. Wenige Ausländer oder Migrantenkinder werden je einen Hochschwulabschluss erreichen. Nicht weil sie zu dumm sind, sondern weil unser Schwulsystem sie nicht integriert. Viele nutzen dann Alternativen, wie zum Beispiel die Sportschwulen oder die Musikschwulen. Um die Privatschwulen wird natürlich immer wieder gestritten. Dabei ist es noch nicht bewiesen, ob zum Beispiel die Waldorf-Schwulen wirklich bessere schwulische Leistungen erzielen als die öffentlichen Schwulen. Es kann natürlich sein, dass, wer sich für die Privatschwulen entscheidet, von vornherein motivierter ist.
    Aber nicht nur privat oder öffentlich ist ausschlaggebend. Eine Studie in Niedersachsen hat gezeigt dass die dortigen Schwulorchester und Schwulgärten entscheidend zum Zusammenhalt der Schwuljungen aber auch Schwulmädchen beitragen. Ein Beispiel, dass hoffentlich bald auch anderswo Schwule macht. Der Anteil an Schwulschwänzern reduziert sich nämlich erheblich, wenn man nicht nur den ganzen Tag an Schwule, Schwule, Schwule denkt, sondern auch den außerschwulischen Aktivitäten den ihnen gebührenden Raum gibt.
    Ein Austauschjahr im Ausland beflügelt die schwulischen Kompetenzen enorm. Nicht nur das Schwul-Englisch wird so verbessert. Allerdings sollte man bedenken, dass das Schwulwesen in vielen Ländern ganz anders organisiert ist. In Australien oder England zum Beispiel sind Schwuluniformen Pflicht. In den USA sind die Schwulgebühren vor allem an den im Vergleich zu Deutschland sehr verschwulten Hochschwulen sehr hoch.
    Auf keinen Fall sollte man während der Schwulzeit die Schwulkinder von oben herab schwulmeistern. Schwulstress kann nämlich schnell zu Depressionen führen, gegen die auch die herkömmliche Schwulmedizin nur wenig ausrichten kann. Dann muss ein geschwulter Schwulpsychologe das Schwulkind behutsam beobachten. Doch auch Erwachsene können an Schwulstress leiden. Dann ist eine langwierige Umschwulung nötig.
    Die Kinder freuen sich natürlich über jedes bisschen schwulfrei. Aber am Ende des Schwuljahres sind sie es, die schlechte Schwulzeugnisse mit nach Hause bringen. Übrigens bringt es den Schwulpflichtigen nichts, wenn alle zwei, drei Jahre neue Schwulbücher auf den Markt kommen. Letztlich profitieren davon nur die einschlägigen Schwulbuchverlage. Und man sollte nicht vergessen, dass auch ein nicht-schwulisches Buch den Leser sehr schwult.

    Donnerstag, 11. September 2014

    Key Pankonin - Keynkampf

    Key Pankonin war Sänger der Band Ichfunktion, eine Gruppe musikalischer Punk-Zauberer, die mich in den 90er Jahren in Form einer Kassette begleiteten, die ich der Band nach einem Konzert in Lichtenberg, bei dem nur sechs Gäste und davon zwei zahlende anwesend waren, abkaufte. Pankonins Stimme klang der Johnny Rottens ziemlich ähnlich, aber was die Band an harmonischen, rhythmischen und textlichen Überraschungen in die Lieder steckte, war für Punkrock sehr ungewöhnlich.
    Ich ging später nicht mehr auf Punkkonzerte, und die Ichfunktion schien sich aufgelöst zu haben. Jedenfalls hörte ich nichts mehr von ihnen. Und jetzt fällt mir das Buch, dass Sänger und Dichter Key Pankonin 1993 geschrieben hat, in die Hände: Eine Art biografischer Roman, der zwischen banalen Tagebuchnotizen, genialen Beobachtungen und surrealistischen Fragmenten trudelt. Manchmal nähert er sich gefährlich dem Punk-Hausbesetzer-Duktus, um im letzten Moment (ähnlich wie in seinen Songs) noch die Kurve zu kriegen und den eigenen Ton einzusetzen.
    Tief tauchen wir ein in die hoffnungsvoll-wüste Szenerie des Spät-DDR-Punkrocks. Die Firma, Feeling B, Freygang. Teilweise sind die Namen der Protagonisten leicht chiffriert. Für den Kenner dann aber doch leicht zu entschlüsseln: Der König ist André Greiner-Pol, der Schänder ist Trötsch, die Zauberin Tatjana Besson, und Flake ist eben der Feeling B- (und jetzige Rammstein-)Flake.
    Für die anarchisch-erschütternden Situationen findet er seltsame Formulierungen. So, als er die ungeheuer vermüllte Wohnung des "Schänders" beschreibt, in der der Müll in eine Badewanne auf dem Balkon geschmissen wird: "Die hauptamtliche Lichtquelle in diesem Zimmer war ein uralter Ostfernseher, von dem der Schänder behauptete, er hätte ihn mit einem Popel repariert."
    Einem seiner Mädchen, die er "FF" nennt, spielt er eine erste Version des Hits "Europa" vor:
    "Sie ist schön diese heile Welt
    keimfrei, hygienisch, gesund
    alles blitz und alles ist sauber
    was noch stinkt, wird übertüncht
    sieh her, Mutter Erde, jetzt wirst du gelyncht"
    In der Endphase der DDR gab es Nischen, in denen man die scheinbar totale Freiheit auskosten konnte. Wer damals den Film "Flüstern und Schreien" sah, weiß, was ich meine: Da sagte Flake doch tatsächlich, dass er nicht arbeiten gehe, sondern vom Verkauf von Armbändern lebe. Feeling B baute einfach am Ostseestrand eine Bühne auf und spielte drauf los. Als Fun-Punk-Band testeten sie erfolgreich aus, was möglich war. Und in die so geschaffenen Nischen nutzten die eher politischen Bands. Wobei Bands wie Die Firma (hatte bei dem Namen wirklich niemand die Dekonspiration geahnt?) und die Ichfunktion textlich zwar radikal, aber doch noch einigermaßen duldbar waren.
    Der Nihilismus des Punk-Denkens stößt aber auch bei Pankonin irgendwann an seine Grenzen. Kann man zum Beispiel von der Welt angekotzt sein und trotzdem mit Freude Musik machen? (Bei Aljoscha war es im Grunde genau andersrum: Sein überbordender Hedonismus, das Auskosten der Freiheit, das Bis-ins-Extreme gehen, machten dann Konzerte mit Feeling B irgendwann unhörbar, da Aljoscha praktisch dauerbesoffen war. Und am Ende in einem Bauwagen krepierte.) Das Fehlen der positiven Vision und der gefräßige Zynismus nehmen irre Züge an. Pankonin läuft andauernd mit einer Gaspistole herum. Immer wieder Tierquälerei: Die Eimer-Besetzer werfen ein lebendes Schwein vom Dach, ein Meerschwein vergammelt in Trötschs Müll-Wanne, ein humpelndes Huhn muss in Pankonins Bett schlafen.
    Der Ichfunktion geht es nach der Wende schließlich wie den meisten Bands (nicht nur Punk-Bands): Sie verlieren ihr Bezugssystem und ihr Publikum. Für Pankonin, der, wie er zugibt, gar nicht so rebellisch ist, bleiben seltsame Jobs: Kinderbeschäftigung im Schülerfreizeitzentrum. Und auf einmal spürt er, wie es da etwas gibt, was ihn jenseits des Aufbegehrens, der lauten Gitarre, des Bühnen-Exzesses fasziniert: Mit ein paar Kindern Giraffen und Blumen zu malen. Der Selbstmord kann verschoben werden.
    Es folgen leider eine Menge Seiten halbwegs uninspirierter Notizen und banal-philosophischem Gelabers, bis er wieder zur Hochform auffährt. Nachdem er von einem Überfall auf Musikerkollegen erfährt, regt sich das Bedürfnis nach Rache in ihm. "Rache aber ist Hass, und Hass ist der Körper der aufgewachten Beschissenheit."
    Man liest in Pankonins Buch wie im Notizbuch eines äußerst sensiblen Künstlers. Ihm hat er alles anvertraut: Seine Inspirationen, seine Ekstasen, seine Niederlagen, seinen künstlerischen Leerlauf, seine Zärtlichkeit. Gut, dass es geschrieben wurde.

    Donnerstag, 21. August 2014

    Tom Hodkinson – Leitfaden für Faule Eltern


    Nach der Lektüre hin und her gerissen. Neben klugem Wachrütteln und Hinweisen fürs Wesentliche steht irre anmutender Schrott. Das Schema ist ungefähr folgendes: Ein guter Ratschlag zu einem Perspektivwechsel wird so ins Extreme gedrückt, dass er fast seinen Sinn verliert. Es ist, als müsse man sich nicht die Rosinen aus einem Kuchen holen, sondern aus versalzener Blutwurst.



    Eine Besprechung wäre fast zu zermürbend. Der Einfachheit halber stelle ich die Punkte, die das Buch lesenswert machen, an den Anfang und eine Zusammenfassung des Schrotts an den Ende.
    - Der antikapitalistische Grund-Impuls ist recht erfrischend. Vor allem weil er zeigt, dass wir uns und unsere Kinder ihm zumindest teilweise entziehen können. Den furchtbaren Arbeitsethos, der mit dem Kapitalismus einhergeht (Nimm erniedrigende und zermürbende Arbeit auf dich, damit du idiotische Produkte kaufen kannst), müssen wir nicht mittragen. Wir können einerseits unseren Kindern durch gutes Beispiel zeigen, dass Arbeit und Spiel eins werden können, selbst bei solchen Tätigkeiten wie Putzen. Andererseits haben wir es zumindest teilweise in der Hand, wie weit wir uns furchtbaren Jobs aussetzen, um unsere Kinder Merchandise-Mist aus Plaste scheinglücklich zu machen. Heraus kommen Persönlichkeiten, die sich dadurch definieren, was sie mögen und was sie hassen. "Wir steuern auf eine Situation zu, in der jedes Familienmitglied mit einem anderen Essen vor sich am Tisch sitzt und jeder einen iPod im Ohr hat, der ihm seine Lieblingsmusik ins Ohr bläst. Geredet wird nicht mehr."
    - Kinder arbeiten im Prinzip gern. Lass sie mitarbeiten.
    - Kinder quengeln weniger, wenn man sie weniger verhätschelt. (Der verhätschelte Hund ist das einzige quengelnde Tier.) Jammere selber nicht (das schaut das Kind von dir sich ab). Das Nein muss ruhig, konsequent und klar sein. "Ein Nein zu Dingen ist ein Ja zur Menschlichkeit und ein Ja zum Leben.
    - Man sollte die Kinder ernst nehmen und sich ihnen widmen, mit ihnen spielen. Vor allem aber sollte man sie "in Ruhe lassen", das heißt ihnen Gelegenheit geben, ihre eigenen Entdeckungen zu machen, statt sie mit Amüsement zuzudröhnen, in Freizeitparks zu kutschieren oder ihnen "Beschäftigung" vorzusetzen.
    - Strebe nicht nach Perfektion. Die Vorsätze (auch die dieses Buches) kann man ruhig mal über den Haufen werfen, ohne zu verzweifeln. Entspannte Eltern sind gute Eltern.
    - Die Natur ist in der Regel besser als jeder Spielplatz.
    - Investiere nicht in teure Urlaubsreisen.
    - Lass die Kinder zusammenkommen und miteinander, am besten ganze Familien.
    - Schule wird überbewertet. Nach Möglichkeit eine Schule auswählen, die nicht das Ziel hat, den Geist der Schüler zu brechen
    - Weniger Spielzeug, vor allem keine Plaste. Ich gebe zu, das ist ein schwieriger Punkt. Unser Kind dabei zuzusehen, wie gern es mit der überdimensionierten Plaste-Spielzeugküche spielt, lässt einen zweifeln. Zumindest solange bis ich sehe, dass er auch einen leeren Koffer als Herd anspielt mit pantomimischen Bechern und einem Stift als Suppenkelle. Und als Impro-Schauspieler fallen mir die Schuppen von den Augen.
    - Verzichtet nicht auf Schlaf! Helft einander aus, auch unter Freunden. Mach eine Siesta. Wenn das Kind zu euch ins Bett gekrochen kommt, hab eine Matratze vorm Bett und schlaf dort weiter.
    - Tanzt und musiziert. Überlasst das nicht den "Spezialisten".
    - Lasst den Kindern ihre Wildheit und die Möglichkeit, aus Vorschriften auszubrechen.
    - Fahrt so wenig wie möglich mit den Kindern Auto.
    - Freude beim Essen und bei der Essenszubereitung ist wichtiger als Manieren, die das Kind dann doch von selbst lernt, wenn man sie vorlebt.
    - Sag Ja zum Leben und hör auf zu jammern. Als besonders irre beschreibt Hodkinson das "Prammern" (eine Mischung aus Protzen und Jammern), wenn man sich also z.B. über einen unmöglichen Lehrer an einer teuren Privatschule jammert. "Jammern ist das Gegenstück zum kindlichen Quengeln." Und Hodkinson ruft auch noch Epikur ins Gedächtnis "Reichtum besteht nicht darin, viele Besitztümer zu haben, sondern wenige Bedürfnisse."
    - Von Kindern lernen heißt leben lernen: Zurück finden zum Im-Moment-Leben, die Freiheit lieben, Ins Extreme gehen, z.B. Krachmachen.
    - Es gibt auch schlechte Kinderbücher. Sei wählerisch in der Auswahl. Und erzähl Geschichten auch ohne Buch.
    - Weg mit dem Fernseher.

    Kommen wir zum unerträglichen Teil des Buchs.
    1. Hodkinson will "faule Eltern". Abgesehen davon, dass er sich natürlich auch selber widerspricht (schließlich will er schon, dass man sich einem Kind auch widmet, dass man den Abwasch macht, mit Kindern rumtobt usw.), bleibt außer ein paar Bildern unklar, was dieses Faulenzen eigentlich soll. Die Abgrenzung zum Stechuhr-Kapitalismus-Leben ist schon klar, aber ohne einen gewissen Fleiß hätte er ja wohl auch nicht dieses Buch schreiben können.
    2. Das Predigen vom ungehemmten Alkoholkonsum ist eigentlich unerträglich. Fast scheint es, als wolle Hodkinson über die Hintertür der Kapitalismus-Kritik seinen Alkoholismus rechtfertigen. Was am Saufen gut sein soll, lässt er unerwähnt. Angeblich finden Kinder "beschwipste Mütter" lustig. Ob diese Kinder in zwanzig Jahren auch noch so über ihre dauerbeschwipste Mutter denken, ist doch wohl fraglich.
    3. Hodkinson schreibt aus einer privilegierten Perspektive. So meint er, man solle seine Kinder möglichst auf eine Privatschule geben. Und beugt dem Einwand, das koste zu viel Geld, vor, indem er sagt, die Eltern an der Schule seiner Kinder seien auch keine Superreichen, nur Schriftsteller, Architekten, Rechtsanwälte, Zahnärzte. Ganz normale Leute also? Diese Unfähigkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen, der sich abrackern muss, um wenigstens die Miete und das Essen beschaffen zu können, zieht sich auf unangenehme Weise durchs gesamte Buch.
    Diese drei Zutaten formen den widerlichen Teig, der sich durch das gesamte Buch zieht. Man muss ihn ertragen, um das Gute und Erfrischende genießen zu können.
    4. Die Kapitalismuskritik treibt seltsame Blüten, zum Beispiel wenn Hodkinson Zukunft für ein kapitalistisches Konzept hält. Menschlich bist du nur komplett, wenn du dir über Vergangenheit, Gegenwart und eben auch Zukunft bewusst bist. Dass wir den Moment nicht vergessen dürfen, heißt aber nicht, alles andere beiseite zu lassen, sonst werden wir zu lebensuntüchtigen hedonistischen Monstern. Ich frage mich, ob Hodkinson sich die Zähne putzt. Wenn es nur um den Moment ginge, müsste ihm das ja egal sein.

    Dienstag, 5. August 2014

    Der reaktionäre Mohr und die lachs-lasagne-bratende Prenzlauer Kreuzberger Veganerin

    Reinhard Mohr schlägt zurück. In der FAS vom 3. August 2014 holt er mit großer Keule aus. Unter der Überschrift "Heuchler. Der spießige Mainstream in unserem Land verachtet die Demokratie" baut sich Mohr einen linken Pappkameraden und schießt auf ihn los. Es geht ihm nicht um Wahrheit, es geht ihm eigentlich auch nicht darum, einen verbreiteten linken Lebensstil detailgetreu auf die Schippe zu nehmen oder zu kritisieren. Er arbeitet sich am Linkssein als solchem ab. Pirinccis ankumpelndes "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen" auf FAZ-Niveau.
    Und wie geht das bei Mohr? Der Einstieg ist die scheinbar doppelmoralische Demonstrationskultur der Linken: Warum haben die demo- und protestwütigen Linken nicht zum Jahrestag des Massakers in Peking demonstriert? Tatsächlich kann man sich fragen, wo welcher Protest sinnvoll ist. Aber wenn ihn das Anliegen so am Herzen liegt, warum nimmt Mohr dann die Konservativen von seiner Nicht-Demo-Kritik aus? Tatsächlich kann die soziologische Systemtheorie dieses Phänomen erklären. Man protestiert gegen den, der einem zuhört. (Wir Soziologen nennen das Adressabilität.) Nehmen wir als Beispiel Demonstrationen in der DDR. Weder in Ost noch in West hat jemand die ritualisierten Ostberliner "Proteste" mit tausendfach vorgedruckten Transparenten gegen den Nato-Doppelbeschluss ernstgenommen. Gegen den Nato-Doppelbeschluss konnte man effektiv nur im Westen demonstrieren. Und umgekehrt genügte ein winziger Bruchteil von kirchlichen pazifistischen Protestierern, um die Stasi in den späten 80ern im Dreieck springen zu lassen. Und am 7. Oktober 1989 waren es nur 2.000 Menschen, die am Alexanderplatz demonstrierten und das System ins Wanken brachten. Und deshalb ist es auch so lange völlig sinnlos, eine Massen-Demonstration gegen die Terrorgruppe ISIS anzumelden, wie sie hierzulande nicht präsent sind. (Einzelaktionen von Amnesty International und ähnlich gerichtete Aktionen haben noch einmal einen anderen Dreh. Darauf einzugehen, spränge hier den Rahmen.)

    Mohr hört hier aber nicht auf. Er baut sich einen Linken, der nur in seiner Phantasie existiert. Diese Figur ist eine "pansexuelle Veganerin, die gegen Gentechnik ist und für regionales Gemüse und gegen die globalen Finanzmärkte." Außerdem hängt sie Verschwörungstheorien an, trinkt Côtes du Rhone, und regt sich nur noch symbolisch auf gegen Chlorhühner oder Masernimpfung. Diese Figur ist aber auch gleichzeitig ein militanter Kreuzberger, der auch noch zum Pazifist wird, wenn es um die Frage der Kriegseinsätze geht. Man ist gegen Klimawandel, für Frauenquote, für Homo-Ehe, fordert ein Ampelfrauchen und protestiert inflationär gegen Rassismus. Dieser Ideal-Linke lebt außerdem in einer (gegen Gentrifizierung protestierend) in einer Vier-Raum-Wohnung in Prenzlauer Berg, isst abends selbstgemachte Lachs-Lasagne und trägt einen großen Selbstüberdruss in sich.

    Der Witz: Jeder kennt irgendeine Anti-Masern-Impfung-Irre. Zu Recht kann man über die Chlor-Hühnchen-Panik (die aber eigentlich wegen besserer Informationen schon abebbt) den Kopf schütteln. Und die neuen Montags-Demos sind tatsächlich ein Sammelbecken für Verschwörungstheoretiker. Der Witz ist nur: Mohr trifft am Ende niemanden und alle gleichzeitig. Indem er nämlich linke Themen vermischt mit esoterischem Zeitgeist und vom Anti-Rassismus nur noch eine Fratze bleibt, zwischendurch das Thema Klimawandel so einschiebt, dass man sich fragen muss, ob er ihn wirklich in Frage stellt, erreicht er genau diesen reaktionären Effekt des "Genauso-isses"-Lesers.

    Da sitzt also ein Rotwein-Trinker in seiner Prenzlauer Berger Vierraum-Wohnung und backt Lachs-Lasagne. Eine Vierraum-Wohnung in Prenzlauer Berg können sich, wie nicht nur Mohr weiß, nur noch wenige leisten. Denjenigen, die es sich aber leisten können, sei es weil sie viel Geld haben oder das selten Glück, mit einem alten Mietvertrag in einer lange nicht mehr sanierten Wohnung zu leben, diese Leute dürfen also nicht über das Thema Gentrifizierung nachdenken? Wenn es nach Mohr geht, darf man sich nicht einerseits in Kreuzberg wohlfühlen und trotzdem Bauchschmerzen mit einer 95%igen Migranten-Quote an Schulen haben. Was tun? Augen zu und durch? Oder raus aus Kreuzberg oder der Vier-Raum-Wohnung? Ach ja, Mohr weiß, wie er die Ressentiments schürt. Die Veganerin kriegt einen Hieb ab. Wofür eigentlich? Und der Lachs-Lasagne-Bäcker genauso.

    Völlig knacke wird Mohr, wenn er Linken Anti-Rassisten unterstellt, Anwohner-Initiativen zu gründen, wenn die Asylbewerberheime im eigenen "Kuschelkiez" gebaut werden. Diese Anwohner-Initiativen gingen bisher fast sämtlich aufs Konto von NPD-Mitgliedern.

    Mohr fragt sich in einem Buch, ob er reaktionär ist. Ich habe das Buch nicht gelesen. Sein Artikel zeigt: Er ist's. Sein Stil hat Methode. Wenn es ihm nämlich wirklich um Masern-Impfungen ginge, hätte er doch darüber einen Artikel schreiben können. Oder über die seltsame Putin-Verteidiger-Allianz. So aber konstruiert er ein Milieu (das er seltsamerweise als Juste-Milieu beschreibt), in dem jede politische Äußerung ridikülisiert wird, indem man es mit einem ins Extrem getriebenen Lebensstil gepaart wird.

    Dabei wäre die Frage des Untertitels tatsächlich interessant: Inwieweit gibt es Demokratie-Verachtung in der Linken? Da hätte ich übrigens gern einen Vergleich mit der politischen Rechten. Aber um Wahrheit geht es Mohr, wie gesagt, nicht. Er sät Hass.

    Montag, 4. August 2014

    Ha-Joon Chang: 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen

    Ha-Joon Chang: 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen



    Ha-Joon Chang holt zum Rundumschlag gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik aus. Dreiundzwanzig Glaubenssätze, mit denen wir praktisch täglich direkt oder indirekt in den Massenmedien konfrontiert werden, werden unter die Lupe genommen.
    Chang mutet den Lesern keine große Theorie-Lektüre zu (auch wenn sehr deutlich wird, dass er seine Hausaufgaben von Marx bis Friedman gemacht hat). Sehr angenehm, dass ihm trotz der Vehemenz seiner Argumentation eigentlich jeder ideologische Ansatz fremd scheint. So vergleicht er die Wirtschaftspolitik verschiedener Länder zu verschiedenen Zeiten: Welche Ansätze führten zu welchen wirtschaftlichen Ergebnissen? Die Resultate des Vergleichs sind oft beeindruckend. So ist Protektionismus für Länder in bestimmten Phasen – vor allem in der Phase der Industrialisierung – von großem Nutzen. Die Forderung des Westens, Entwicklungsländer müssten ihre Handelshemmnisse beseitigen, nutzt eben nur dem Westen, da er so neue Absatzmärkte für eigene Produkte schafft. Die herrschende Wirtschaftsdoktrin nutzt also eher den reichen Ländern und den Reichen in den reichen Ländern. Aber auch das nur begrenzt. Chang zeigt, wie die der radikale Marktliberalismus das Wirtschaftswachstum sogar verhindert. Die radikale Liberalisierung der Finanzmärkte hat z.B. dazu geführt, dass die Realwirtschaft, vor allem also der Industrie-Sektor verödet, dass notwendige Reformen ausbleiben (z.B. General Motors). Regierungen, wenn sie möglichst wenige Wirtschaftswissenschaftler zu Rate ziehen, können durchaus wirtschaftspolitisch sinnvolle Entscheidungen treffen, selbst wenn sie sich in die Entscheidungen der Unternehmen einmischen. Warum, so fragt Chang, sollen Finanzmärkte und ihre Produkte weniger reguliert sein als etwa die Produktion von und der Handel mit Medikamenten.
    Sehr verblüffend auch die Kapitel, die weniger wirtschaftspolitisch ausgerichtet sind, sondern vielmehr unsere Sicht auf Bereiche der Wirtschaft hinterfragen. So behauptet Chang, die Erfindung der Waschmaschine habe die Wirtschaft mehr reformiert als das Internet. Dass wir das anders wahrnehmen, liege daran, dass wir die Geschichte wie durch ein umgekehrtes Fernrohr wahrnehmen. Die heutigen technologischen Erfindungen wirken erstaunlich, die Erfindungen von gestern sind heute Alltag. Und so vergessen wir, dass es die Waschmaschine war, die es den Frauen erst ermöglicht hat, sich von der Haushalts-Arbeit zu emanzipieren und in die Berufswelt einzusteigen. Der ganze Sektor der Haushaltshilfen und Dienstboten ist seitdem in den Industriestaaten weitgehend dezimiert. Wirtschaftswissenschaftler als Regierungsberater, so eine weitere durch viele Belege gestützte These, mögen kurzfristig makroökonomische Erfolge erzielen (z.B. Senkung der Schulden oder der Inflation), auf lange Sicht aber sind die Wirtschaftswissenschaftler oft blind von den eigenen ideologischen Scheuklappen, die sie sich angelegt haben. (Wie weit, so muss man sich fragen, bezieht sich denn die moderne Wirtschaftswissenschaft dann überhaupt noch auf irgendeine Art von gesellschaftliche Realität?)
    Kurios scheint mir Changs These, Bildung würde in ihrer Wirkung auf Bildung überschätzt. Fast widerstrebt es einem, seine Belege anzuerkennen, aber man muss sie wohl zumindest zur Kenntnis nehmen. Norwegen, das zum Zeitpunkt des Verfassens des Buchs reichste Land der Welt gemessen am BIP, liegt beim OECD-Vergleich in Mathematik weit abgeschlagen. Die Schweiz – ebenfalls eines der reichsten Länder der Welt – hat eine der niedrigsten Immatrikulationsraten der Welt. Wenn Hochschul-Abschlüsse einem hinterhergeworfen werden, gelten sie einerseits auch nicht mehr viel, und andererseits ist man als Einzelner gerade dann quasi dazu gezwungen, eine Hochschule zu besuchen, wenn man überhaupt noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben will. Und das obwohl die wenigsten Studienfächer – nicht einmal die naturwissenschaftlichen – irgendetwas mit der beruflichen Wirklichkeit zu tun haben.
    Changs Buch liest sich flott. Den Titel, der auf Deutsch noch bescheuerter ist als auf Englisch, sollte man lieber ignorieren. Teilweise für meinen Geschmack einen Tick zu weitschweifig und anekdotisch (man verpasst nicht viel, wenn man mal eine Seite quer liest).
    Man kann es jedem, der von der Alternativlos-Rhetorik genervt ist, als unterhaltsame argumentative Aufmunitionierung empfehlen.

    Freitag, 11. Juli 2014

    469., 470., 471., 472. Nacht - Pullach, Sonnenblumen, Chi und Che

    Pullach, Sonnenblumen, Chi und Che

    Und wieder muss ich eine Nachricht in die Rubrik "Meldungen, die ich nicht verstehe" einordnen. "BND-Mann spioniert für CIA". Ja, dachten denn die Chefs des BND, der junge Mann würde seinem Verein in Pullach bei München treu bleiben, nur weil er dort das Spionage-Handwerk einst erlernte? Ein Blick in die Welt des Fußballs hätte geholfen zu verstehen, dass man als Profi seit den späten 70ern dem Verein dient, der einem am meisten bietet. Für die Fußballer sind das Real Madrid, AC Mailand, Arsenal London, FC Barcelona und Bayern München. Für die Spione die CIA und die NSA. Auch hier fallen nach und nach die traditionellen psychologischen Grenzen altmodisch-patriotischer Treue.
    Und so fordert der CDU-Abgeordnete Andreas Schockenhoff: Ab heute wird zurückspioniert. Schockenhoff, der Spionage-Experte, weiß als Alkoholsüchtiger, wie man schummelt. Nach einer Auto-Scooter-mäßigen Schlängellinien-Fahrt in seinem Mercedes, rammte er mehrere Fahrzeuge und beging Fahrerflucht. Als man ihn später zuhause aufsuchte und seinen Blutalkohol maß, stellte der Blutalkoholtester eine Konzentration von 2,3 Promille fest. Schockendorf, der Schlaue, wie man ihn seither vermutlich nennt, behauptete, höchstens ein Glas Weißwein vorher getrunken und eine Flasche Rotwein entkorkt zu haben. Zuhause aber habe er sich nach seinem Schnee-Schnee-Schnee-Schnee-Walzer-Drive vor lauter Scham sinnlos besoffen.
    Im Juristendeutsch nennt man dieses schamlose Schutzverhalten "Nachtrunk". Nachtrunk kann man beispielsweise auch anwenden, wenn man in betrunkenem Zustand von der Polizei herausgewunken wird: Man greift in die Jackentasche, holt den Flachmann raus und grüßt: "Guten Abend, Herr Wachtmeister, ich wollte hier sowieso parken. Und Prost übrigens." Dann leert man die halbvolle Flasche und behauptet später, sie sei voll gewesen. Man kommt bei solch einem Verhalten mit einer leichten Ordnungsstrafe weg. Und ich wette, dass spätestens wenn Kloppsköppe wie Schockenhoff dies tun, jeder noch so liberal gesinnte Richter das Prinzip "in dubio pro reo" verfluchen wird.
    Das Verfahren, mit dem man - ehrliche Angaben vorausgesetzt - den Nachtrunk abziehen und den Alkoholgehalt im Blut feststellen kann, wurde von Professor Erik Widmark entwickelt, der die nach ihm benannte Widmarkformel
    aufstellte.
    Sein ganzes Berufsleben widmete sich Widmark der Erforschung dieses Themas, und diese Formel bringt sein Lebenswerk auf den Punkt, so wie Einsteins E= m*c2 , die ja als die Krönung aller Formeln gilt und angeblich schwer zu verstehen. Wobei ich behaupte, dass sie mir doch irgendwie einleuchtender vorkommt als das bereits erwähnte .
    Wenn man Widmarks Werk angemessen ehren will, sollte man sich nicht mit solchen Advokaten-Tricks wie "Nachtrunk" und "Im Zweifel für den Angeklagten" herausreden können. Und ehren muss man diesen schwedischen Chemiker auf jeden Fall, wird doch seine Biografie durch zwei unschöne Jahreszahlen umklammert; denn genau wie Hitler wurde er 1889 geboren und starb im Jahr 1945 sogar am selben Tag wie dieser Nichttrinker, der im FAZ-Magazin-Fragebogen unter "Welche historische Persönlichkeit verachten Sie am meisten" von den meisten Promi-Ausfüllenden mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit genannt wurde, nämlich am 30. April.
    Überhaupt lag im April 1889 nicht nur Hitlers Mutter in den Wehen, sondern auch die vom späteren Mini-Schnurrbarerfinder Charlie Chaplin und den Nazis Glücks und Salazar.
    Geboren wurde 1889 im Übrigen auch der Eiffelturm in Paris, wenn mir die Freiheit gelassen wird, die Fertigstellung eines Gebäudes als Geburt zu bezeichnen. Die Pariser waren über das Monstrum entsetzter als die Berliner über die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes. Sie starteten eine Unterschriftenkampagne, um das damals höchste Gebäude der Welt wieder abreißen zu lassen. Und wenn die Franzosen es mit der Demokratie genau nähmen, müsste man den Eiffelturm im Nachhinein abreißen, aus Respekt für den plebiszitären Willen der Ururgroßeltern. Vielleicht lässt man ihn ja nur deshalb stehen, weil sonst sämtliche in Paris spielenden Liebesfilme neu gedreht werden müssten.
    An seinen im Jahr 1888 gemalten Bildern "Fünf Sonnenblumen in der Vase", "Fünfzehn Sonnenblumen in der Vase" und "Drei Sonnenblumen in der Vase", hatte sich Vincent Van Gogh offenbar dermaßen aufgegeilt, dass er im Sommer 1889 noch einmal "Fünfzehn Sonnenblumen in der Vase", dann "Zwölf Sonnenblumen in der Vase" und noch ein letztes Mal "Fünfzehn Sonnenblumen in der Vase" hinterherschob. Der finanzielle Erfolg gab ihm leider erst post mortem recht.
    Obwohl ich dem Spätimpressionismus gegenüber durchaus aufgeschlossen gegenüber stehe, fällt bei mir eine mentale Klappe, sobald Van Gogh seinen Tuschkasten öffnet. Ich könnte sagen, dass mich dieser Kommapointilismus in den Wahnsinn triebe, in Wirklichkeit hat es wahrscheinlich mit einem frühkindlichen Trauma zu tun. Als ich drei Jahre alt war, hing das deprimierende "Caféterrasse am Abend" schräg gegenüber meinem Kinderbett. Allenthalben heißt es, das Ölgemälde zeige die Verlorenheit des Individuums in der nur scheinbar warmen Gesellschaft - wollten mich meine Eltern schon so früh auf die Kälte der Gesellschaft vorbereiten? Merci, Papa et Maman.

    Warum aber stürzte sich Vincent ausgerechnet auf Sonnenblumen? Waren sie für den armen Maler billiger zu haben als etwa Tulpen? Oder hatte er selbst einen kleinen Sonnenblumengarten, um zum Beispiel Sonnenblumenöl zu pressen, welches einerseits sehr mild und schmackhaft ist, aber andererseits wegen seines niedrigen Siede- und Rauchpunkts nicht zum Frittieren benutzt werden darf. Unwahrscheinlich hingegen, dass er von der im ostslawischen Raum praktizierten Sonnenblumenölkur gehört hatte, welche heutzutage in gesundheits-esoterischen Kreisen ein Schattendasein unter den Entschlackungskuren fristet.
    Den aus der Metallurgie und der Dampflok-Technologie stammende Begriff der Entschlackung führte übrigens Otto Buchinger nach dem Ersten Weltkrieg in die Ernährungsphysiologie ein und verschwurbelt damit noch nach seinem Tod bis heute die Köpfe vieler sich um ihr Gedärm Sorgender. Vielleicht war ihm die Verschwurbeltheit sozusagen in die Wiege gelegt, so war er erst ein großer Kriegsbefürworter und wurde später zu einem der wenigen deutschen Quaker, einer zwar pazifistischen aber ansonsten recht wirren US-amerikanischen Sekte, deren zweitgrößte Community übrigens in Bolivien beheimatet ist.
    Nach Bolivien exportierten die Nordamerikaner aber nicht nur ihre kuriosen Religionen, sondern auch Putsche und Konterrevolution, und im Jahr 1969 ließ die CIA im bolivianischen Dschungel den Guerillero Che Guevara ermorden. Was hätten sie mit dem BND-Mann gemacht, wenn er sich geweigert hätte?

     

    ***

     

    469. Nacht

    Als der fromme Jude, den die Muslimin verführen will, ihre Absichten mitbekommt, geht er aufs Dach (angeblich um zu beten) und stürzt sich von dort in die Tiefe. Aber Engel halten seinen Fall, und ihm geschieht nichts Böses.

    470. Nacht

    Die Frau des treuen Mannes wird für seine Gottesfurcht mit von Allah herbeigezaubertem Brot im Ofen und einem plötzlich durchs Dach des Hauses fallenden Rubin belohnt. Im Traum sieht sie den Sessel ihres Mannes im Paradies, dem der Rubin fehlt. Und sie sagt ihrem Mann:

    "Lieber Mann, bete zu deinem Herrn, er möge diesen Rubin an seinen Ort zurückkehren lassen; es ist leichter, in den wenigen Tagen auf Erden Hunger und Armut ertragen zu müssen, als ein Loch in deinem Sessel unter den Gerechten zu wissen."

    Nach dem Gebet des Mannes steigt der Rubin wieder zum Himmel auf.

    Reduktion Allahs auf eine Art Weihnachtsmann, der den artigen Erwachsenen ihre Wünsche erfüllt.

    *

    Die Geschichte von El-Haddschâdsch und dem frommen Manne

    El-Haddschâdsch ibn Jûsuf eth-Thakafi lässt "einen von den Vornehmen" in einen Kerker sperren.

    Wer "die Vornehmen" sein sollen, bleibt unklar.

    Anscheinend will El-Haddschâdsch ihn verhungern lassen, doch der Gefangene betet zu Gott, und am nächsten Tag ist die Zelle leer. Der Kerkermeister in Angst, nun zum Tode verurteilt zu werden, nimmt von seinen Angehörigen Abschied, legt sich Spezereien auf, nimmt ein Leichentuch unter den Arm und tritt vor El-Haddschâdsch.

    *

    471. Nacht

    El-Haddschâdsch klärt den Kerkermeister auf:

    "Weißt du denn nicht, dass Der, den er nannte, als du anwesend warst, ihn befreite, während du abwesend warst?"

    *

    Die Geschichte von dem Schmied, der das Feuer anfassen konnte

    Ein frommer Mann hört von einem Schmied, der das Feuer anfassen kann und sucht diesen auf. Er beobachtet ihn und bittet ihn, über Nacht bleiben zu dürfen.

    Da aber der Gast den Wirt nicht zum Gebete aufstehen sah, noch sonst irgendein Zeichen besonderer Frömmigkeit auf ihm bemerkte, so sagte er sich: "Vielleicht verbirgt er sich vor mir."

    Als er ihn auch an den folgenden Tagen keine außergewöhnlichen, sondern nur die "verdienstlichen" Handlungen ausführen sieht, stellt er ihn zur Rede, und der Schmied berichtet, dass er einst eine Frau zu verführen versuchte, diese aber keusch blieb. Auch als sie Hunger litt und er sie mit Essen zu erpressen versuchte, blieb sie standhaft.

    "Der Tod ist besser für mich als die Strafe Allahs des Erhabenen."

    Heißt das, Allah würde sie strafen, wenn sie vor Hunger sich prostituieren würde?

    *

    472. Nacht

    Nach mehreren Tagen kommt der Schmied zur Besinnung, und ihm wird klar, was er getan hat. Er bereut im Gebet und gibt der Frau die Speise.
    Als die Frau sein Reuegebet hört, betet sie:

    "O, mein Gott, wenn dieser die Wahrheit spricht, so lasse das Feuer in dieser Welt und im Jenseits ihm nichts anhaben. Denn du hast über alle Dinge Macht, und wenn du erhören willst, so ist es vollbracht."

    Am selben Tag fällt ihm eine brennende Kohle auf den Leib, und sie konnte ihm nichts anhaben.

    Samstag, 5. Juli 2014

    Michael Hartmann, Kranzgeld und ASV-Trainingsanzüge, 467.-468. Nacht

    Michael Hartmann, Kranzgeld und ASV-Trainingsanzüge


    In die seltene Rubrik "Nachrichten, die ich nicht verstehe", ordnete ich am dritten Juli unwillig die Meldung ein, beim SPD-Bundestags-Abgeordneten Michael Hartmann sei nach einer Hausdurchsuchung kein Crystal Meth gefunden. Sie liest sich wie eine Fake-Nachricht. "Hausdurchsuchung in Kindertagesstätte: Keine chemischen Kampfstoffe gefunden." oder eine Nicht-Nachricht: "Angela Merkel schon wieder nicht schwarzgefahren."
    Die Hartmann-Meldungen sind lang, die Hartmann-Meldungen sind breit, warum auch nicht, der Leser hat Zeit, möchte ich einen alten Klospruch abwandeln; aber trotz Länge und Breite erfährt der willige Medienrezipient nicht, warum man sich von einer Wohnungsdurchsuchung bei SPD-Bundestags-Abgeordneten verspricht, Crystal Meth zu finden? War Hartmanns Haut durch die mit dem Konsum dieser Droge einhergehenen Talgdrüsenentzündung auffallend picklig geworden? Hat man bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert und vermutet nun, dass er dem Beispiel des Antihelden Walter White folgen und diese Droge zuhause produzieren würde, um für die Nachkommen vorzusorgen?
    Ausgerechnet Michael Hartmann, der für einen harten Kurs gegenüber selbst weichen Drogen eintritt, wie man erfährt, wenn man gugelt, um etwas über einen Abgeordneten zu erfahren, von dem man noch nie etwas gehört hat. Jetzt hat Michael Hartmann seine Warholschen fifteen minutes of fame, aber nicht durch etwas Spektakuläres wie ein Crystal Meth Labor, sondern durch das Nichtvorhandensein eines solchen. Schwer zu sagen, welche Art von Ruhm einem da lieber wäre.
    Hartmann ist, wie man lesen muss, auch Mitglied des Stiftungsrats des Hohen Doms zu Mainz, einem derart alten Dom, dass sich niemand mehr erinnern kann, wann er gebaut wurde und dessen neun Glocken nur dann gleichzeitig läuten, wenn katholische Mega-Events wie Pontifikalämter und Hochfeste anstehen. Bei Pontifikalrequien hingegen läuten die ersten acht Glocken, bei Pontifkalvespern die Glocken 1, 3, 5, 6, 7 und 8.
    Vermutlich werden sich außer mir viele Nicht-Katholiken und eventuell sogar eine ganze Reihe Katholiken fragen, was denn ein Pontifikalamt sei, wem es dient, ob man es essen kann und ob man seine Straßenschuhe anbehalten darf. Ich muss erfahren, dass dieser Begriff in der katholischen Kirche eine Heilige Messe bezeichnet, der ein Priester vorsteht, der zum Tragen der Pontifikalien berechtigt ist. Vielen Dank für diese Definition, liebe Wikipedianer. Sie erinnert mich an die Tautologien mathematischer Definitionen, die mich in meiner Teenagerzeit, von der Wahnvorstellung, einmal Mathematiker zu werden, kurierten, etwa: "Ein Vektor ist ein Element eines Vektorraums, das zu anderen Vektoren addiert und mit Zahlen, die als Skalare bezeichnet werden, multipliziert werden kann."
    Aber ich bin nicht faul und binge auch noch "Pontifikalienträger". Dieser darf, im Gegensatz zu uns gewöhnlichen Sterblichen, die keine Pontifikalien tragen, zum Beispiel Jungfrauen weihen, die geweiht werden, weil sie Jungfrauen bleiben, und zwar nicht weil sie keinen abgekriegt haben, sondern weil sie ihre Jungfräulichkeit der Kirche gewidmet haben.
    Die Jungfräulichkeit hat bekanntlich in Deutschland im Laufe der letzten 1.000 Jahre immer mehr an sozialer Relevanz verloren, und das sollte man begrüßen, wenn nicht sogar in unregelmäßigen Abständen zelebrieren. Einen Meilenstein der lobenswerten Jungfräulichkeitsprofanisierung setzte die rotgrüne Koalition unter Gerhard Schröder. Eigentlich kann und sollte man die Täter und Mitläufer dieser Bande für all das politische Übel, das sie angerichtet hat, immer wieder schelten und sie scheeler Blicke würdigen, wenn sie sich einem auf Sichtweite nähern. Doch bei aller Scheel-Blick-Würdigung darf man nicht vergessen, dass erst diese Regierung es im Jahr 1998 fertiggebracht hat, den Paragraph 1300 des BGB zu streichen, nach welchem Männern, die ihre Verlobte deflorierten, sie dann aber nicht heirateten, die Zahlung eines sogenannten Kranzgeldes drohte. Wie, so frage ich mich, lief in einem solchen Prozess eigentlich die Beweisführung, wenn etwa der Deflorierer seine Beteiligung an der Hymenzerstörung abstritt und seiner Widersacherin unterstellte, die Deflorierung unter Zuhilfenahme eines Massagestabes, eines Mittelfingers oder einer handelsüblichen Gurke selbst vorgenommen zu haben?
    In Sachen sexueller Revolution war ja die DDR dem Westen oft voraus. Der laxe Umgang in Sachen Nudismus, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und Homosexualität sowie die Freiheit der Frauen, ihren Gatten nicht um Erlaubnis fragen zu müssen, wenn sie eine Erwerbsarbeit aufnehmen wollten, können als Beispiele ebenso herhalten wie der Umstand, dass der Kranzgeld-Paragraph bereits 1957 gestrichen wurde.
    Ein ereignisreiches Jahr für den ersten Arbeiter- und Bauernstaat. (Ich habe mich übrigens immer wieder gefragt, was der entscheidende Unterschied zwischen einem Arbeiterstaat und einem Bauernstaat sei, bzw. zu welchen Anteilen die beiden Komponenten Arbeiter und Bauer die DDR zu einem Arbeiter- und Bauernstaat werden ließen. Ist das wie bei Nuss-Nougat-Creme? Die Nüsse sind die Hauptzutat, und dann erst das Nougat? Die ikonografische Glorifizierung des an der Maschine mit groben Fäusten werkelnden Proleten, der auch am 1. Mai stolz seine Stahlgießerschürze trägt, und dagegen das eher Peinlich-Berührtsein vor dem Auftreten eines Schweinestallbauern spricht für diese Reihenfolge. Aber auch in der Nuss-Nougat-Creme ist der Hauptanteil eigentlich Zucker, so wie im Politbüro dann auch die Bürokraten das Heft in der Hand hielten. Der einzige Bauer war eigentlich der sich als Dachdecker ausgebende Honecker. Exkurs Ende.)
    Nicht nur wurde 1957 der Kranzgeldparagraph in der DDR abgeschafft, der Osten schlug der BRD eine Konföderation vor, und am 28. April wurde der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet, der in 17 Bezirks-Unterorganisationen untergliedert war, obwohl die DDR eigentlich nur 15 Bezirke hatte. Die restlichen beiden waren der Stasi-eigene Club Dynamo und der Armee-Sportverein dessen ekelhaft-braune Trainingsjacken uns noch heute auf der Straße begrüßen, wenn sich hirnlose Hipster dieses Kleidungsstück, welches einst in der Freizeit überambitionierten NVA-Majoren oder resignierten Sportlehrern vorbehalten war, überziehen, und dessen extreme Hässlichkeit sich geschmeidig in die ansonstene Uneleganz des gemeinen Hipsters einfügt, dessen Anziehsachen-Beschaffung folgenden sich Prinzipien unterwirft:
    - Farben müssen sich möglichst beißen und das Ugliest oft he last 100 years versammeln, etwa Neongrün, Stuhlgangsbraun und Rentnerbeige.
    - Jacken, Hosen, Taschen alles drei Nummern zu klein, und mindestens so, dass man sich nicht mehr bequem darin bewegen kann.
    - Alles, was man der Körper selbst produziert oder man am Körper manipulieren kann – Haare, Fingernägel, Bart, Tätowierungen und Ohrlöcher – so entsetzlich groß, dass Anfassen sich von selbst verbietet.
    Ein Ohrloch zu einem Riesen-Fleischtunnel auszuweiten, bedarf einer Menge Geduld, da man pro Monat immer nur ein bis zwei Millimeter erweitern darf. Wenn ich einen Mann mit Kleinstfleischtunnel erblicke, möchte ich ihm zurufen: "Halte ein! Du wirst das Ausmaß des Fremdschämens, das deine Kinder beim Erreichen der Pubertät einst ohnehin in deiner Gegenwart verspüren werden, verachtfachen. Und wenn dir das als Argument nicht genügt, so sei dir gesagt, dass sich die unangenehme Geruchsbildung der sich im Ohrloch bildenden Talgdrüsen mit jedem Millimeter Durchmesser verschärft und, wenn man einschlägigen Berichten Glauben schenken darf, sehr an Untenrum erinnert. Verklebte Talgdrüsen und damit einhergehender Geruch – ein Problem, das wir notabene auch bei Crystal-Meth-Konsumenten beobachten können. Brachte Hartmann die Polizisten vielleicht durch fortwährende Müffelei auf seine Spur?

     

    ***

    467. Nacht

    Zu ihrem Unglück schwimmt einer der Seeleute zu ihrer Planke und bedrängt sie:

    "Bei Allah, schon als du noch auf dem Schiffe warst, gelüstete mich nach dir; jetzt aber, wo ich bei dir bin, lass mich meinen Willen an dir tun, sonst werfe ich dich allhier ins Meer."

    Schließlich wirft er nicht sie, sondern das Kind ins Meer. Auf ein Stoßgebet hin, erscheint ein Ungeheuer, das ihn von der Planke mitreißt.

    Nach einem Tag trifft sie auf ein Schiff, das sie aufnimmt und dessen Besatzung auch das Kind vom Rücken des Ungeheuers geborgen hat.

    Der Erzähler berichtet, er habe der Frau, nachdem sie ihre Geschichte erzählt hatte, Geld geben wollen.

    Aber sie rief: "Weg damit, du Tor! Sagte ich dir nicht, wie Er gnädig spendet und in seiner Huld alles zum Guten wendet? Soll ich Wohltaten von jemand anders annehmen als von Ihm?"

    Sehr eigenwillig. Wie erhält sie Nahrung, wenn nicht von Menschen oder eigener Arbeit? Gott als eine Art Weihnachtsmann?

    *

    Die Geschichte von dem frommen Negersklaven

    Mâlik ibn Dinâr berichtet, in Basra sei einst der Regen ausgeblieben, und er und seine Gefährten gingen zu einer Gebetskapelle, wo sie einen Schwarzen mit seltsamen Körperlichen Merkmalen beten sehen. Er

    betete zwei Rak'as, und beide Male war seine Haltung beim Stehen und Verneigen genau die gleiche.

    Ist das erstrebenswert im Islam?

    Nachdem der Schwarze Gott "bei deiner Liebe zu mir" um Regen gebeten hat, fängt es an zu strömen

    wie aus offenen Wasserschläuchen.

    *

    468. Nacht

    Mâlik ibn Dinâr wirft dem Schwarzen Überheblichkeit vor:

    "Du hast gesagt: Bei deiner Liebe zu mir. Woher weißt du denn, dass Allah dich liebt.

    Der entgegnet:

    "Wende dich hinweg von mir, o du, dem sein Seelenheil nichts gilt! Wo war ich etwa, als Er mir die Kraft gab, Seine Einheit zu bekennen, und mich mit der Kenntnis Seines Wesens begnadete? Meinst du vielleicht, er hätte mir die Kraft dazu verliehen, wenn Er mich nicht liebte?"

    So sehr das Ganze auf eine weitere Frömmelei-Geschichte hinausläuft, so ist doch dieser Punkt bemerkenswert: Ein missgestalteter schwarzer Sklave wirft Mâlik ibn Dinâr, einem direkten Jünger Mohammeds fehlendes Vertrauen in Gott vor und beschämt ihn so.

    Am nächsten Tag geht Mâlik ibn Dinâr zum Sklavenhändler, um den Sklaven zu kaufen, da er von ihm begeistert ist. Der Händler überlässt ihn für zwanzig Dinare mit der Bemerkung, er sei

    "ein unseliger, unbrauchbarer Bursche, der die ganze Nacht hindurch nichts anderes tut als weinen und bei Tage nichts als bereuen."

    Mâlik ibn Dinâr eröffnet ihm:

    "Nur deshalb habe ich dich gekauft, damit ich selber dir diene."

    Der Sklave jammert, dass nun sein inniges Verhältnis zu Gott bloßgestellt sei und wünscht sich den Tod, der auch sofort eintritt.

    "Als ich in sein Antlitz schaute, lächelte er. Da war auch die schwarze Farbe der weißen gewichen, und sein Antlitz erstrahlte und wurde hell.

    *

    Die Geschichte vom frommen Manne unter den Kindern Israel

    Ein Jude und seine Frau fristen ihr armes Leben mit Korbflechten. Abends zieht er los, um die geflochtenen Fächer und Tablette zu verhökern.

    Da kam er bei der Tür eines der Kinder dieser Welt, eines wohlhabenden und angesehenen Mannes vorbei.

    Mit "dieser Welt" ist, so muss man wohl annehmen, die muslimische Welt gemeint.

    Die Bewohnerin des Hauses aber verliebt sich in ihren Mann, und da ihr Gatte nicht da ist, versucht sie, ihn mit List zu sich hereinzulocken.

    Dienstag, 1. Juli 2014

    Sharing Economy - Eine Verteidigung - 466. Nacht

    Erwiderung zu Tilman Baumgärtels "Teile und verdiene"

    In der ZEIT vom 26.6.2014 nimmt Tilman Baumgärtel Unternehmen und Apps der "Sharing Economy" unter die Lupe. Der allgemeinen Begeisterung von Nachhaltigkeit, partizipativem Wirtschaften und neuen Beziehungen stellt er sieben grundlegende Kritikpunkte gegenüber. Grundsätzlich kritisiert Baumgärtel, dass die neuen Produkte ihre Versprechen nicht halten, vielmehr unterliefen sie Rechtsvorschriften, kämen nur Reichen zugute und seien auch sonst irgendwie unmoralisch.
    Eine Erwiderung Punkt für Punkt.
    1. "Unternehmen unterlaufen Arbeitsstandards und Rechtsvorschriften". Baumgärtel beschreibt das Problem am Beispiel von Mitfahr-Apps, deren Fahrer keinen Personenbeförderungsschein haben und deren rechtliche Konstruktion irgendwie fragwürdig sei. Baumgärtel scheint es entgangen zu sein, dass es Mitfahrzentralen schon seit Jahrzehnten gibt, und sogar eine ausgefeilte Rechtsprechung zur Problematik. Mitfahrgelegenheiten unterliegen rechtlichen Vorschriften. Dasselbe gilt für Ich-koche-für-dich-mit-Apps und Ich-leih-dir-meine-Bohrmaschine-Angeboten. Selbst wenn es Rechtslücken geben sollte (was bei der Fülle der Angebote durchaus anzunehmen ist), warum sollte man warten, bis die Lücke vom Gesetzgeber geschlossen würde? Das Internet selber ist in Rechtslücken gewachsen. Nach dieser Logik hätten wir in Deutschland immer noch kein Internet.
    2. "Firmen bereichern sich an dem, was andere anbieten"
    Formal gesehen hat Baumgärtel recht, aber wie sollte es anders gehen? Auch ein App-Entwickler muss bezahlt werden. Es stimmt, dass einige Unternehmen enorm gewachsen sind. (Letztlich kann man Ebay als einen der ersten Shared-Economy-Giganten bezeichnen.) Und es steht ja auch jedem frei, diese Vermittlungsdienste gratis anzubieten. Aber damit ist eben auch ein gewisser organisatorischer Aufwand und ein unternehmerisches Risiko verbunden.
    3. "Es entsteht ein neues Prekariat aus Tagelöhnern"
    Ich könnte Baumgärtel zumindest in seiner semantischen Kritik zustimmen, dass die Bezeichnung "Micro Entrepeneur", den TaskRabbit für die Ikea-Regal-Zusammenschrauber und Einkäufe-Besorger gefunden hat, ein unangenehmer Euphemismus ist. Aber entsteht hier wirklich ein "neues Prekariat"? Dafür müsste man sich natürlich genauer anschauen, wer hier seine Dienste anbietet. Baumgärtel vermutet hier wahrscheinlich nicht zu Unrecht Arbeitslose, Studenten, Rentner und Hausfrauen, die er "bemitleidenswert" nennt. Nehmen wir die Studenten. Als Student wäre ich in gewissen Zeiten froh gewesen, zu den Umzugs-Jobs der studentischen Arbeitsvermittlung eine Alternative gehabt zu haben. Ist denn die Lage irgendeines Arbeitslosen oder eines Studenten dadurch weniger prekär, dass sie dem um die Ecke wohnenden Lehrer mit zwei linken Händen das Ikea-Bett nicht zusammenschrauben? Aber Baumgärtel bezeichnet dieses Prekariat als "neu". Sollte also ein Prekariat entstehen, wo vorher noch keines war? Wie soll man sich das vorstellen? Ikea muss seine im teuren Montage-Service angestellten Beschäftigten entlassen, die sich nun mit TaskRabbit über Wasser halten müssen? Vielmehr wird es doch wohl so sein, dass den prekär sich durchwurschtelnden Studenten, Künstlern, Rentnern ein paar Optionen mehr als bisher zur Verfügung stehen. Und wenn eine Rentner (was haben eigentlich die Hausfrauen in dieser Aufzählung verloren?) einen nützlichen Zusatz-Job findet - warum nicht? Bringt ihn das in die prekäre Situation? Und wenn wir schon bei Service sind - schlechter als einer Friseurin in einem "echten" Angestellten-Verhältnis kann es einem ja kaum noch gehen. Es entstünde, so Baumgärtel am Beispiel von Putzkräften, "eine Schattenwirtschaft, die wenig mit dem ursprünglichen Ziel der Sharing Economy zu tun hat, ungenutzte Ressourcen durch gleichberechtigten Tausch zwischen Anbietern produktiv zu machen". Das klingt wie das Jammern eines Fans, der die alten Platten seiner Band besser findet. Wer sagt denn, was das "ursprüngliche" Ziel gewesen sei? Wer wirklich einen Tausch im Sinne von "Ich streiche deine Wände, wenn du auf mein Kind aufpasst", im Kopf hat, begibt sich in Phantasie-Welten, die nicht einmal in der familiären Wirklichkeit Anschluss finden. Wenn das böse Geld zu irgendwas Nutze ist, dann ja wohl dafür, dass man nicht mit seinem geernteten Apfel warten muss, bis jemand vorbeikommt, der das begehrte Ei anbietet.
    4. "Die Tauschwirtschaft nützt vor allem jenen, die selbst haben und besitzen."
    Am Beispiel der befristeten Wohnungs-Untervermietung zeigt Baumgärtel, dass in den USA ausgerechnet diejenigen mehr verdienen, die bessere Wohnungen anbieten (können). Und das findet er "verblüffend". Aber was genau ist daran verblüffend? Wäre es nicht umgekehrt erstaunlich, wenn der Vermieter einer runtergekommenen Einraumwohnung in einer Gegend mit hoher Kriminalität mehr Geld verdienen würde als sein Pendant im Nobel-Viertel. Man kann und soll Segregation von Stadtvierteln kritisieren und bekämpfen. Aber in der Sharing Economy ist wohl der falsche Platz dafür. Wundert sich Baumgärtel auch darüber, dass er in Hotels und Herbergen der Londoner Innenstadt mehr zahlen muss als in Hackney oder Acton?
    5. "Aus idealistischen Ideen wurden renditeorientierte Geschäftsmodelle". Der fiese Google-Konzern habe gezeigt, dass "idealistische Ideen" ins Böse kippen können. Und das drohe nun auch Plattformen wie couchsurfing.org. Tatsächlich ist aus couchsurfing.org ein großes Unternehmen geworden. Aber kurioserweise erzielt gerade diese Plattform bislang noch gar keine Einnahmen.
    Tatsächlich erwähnt Baumgärtel auch die eigentliche Streitfrage, nämlich wem eigentlich die Rechte an den Quellcodes gehören, die gemeinschaftlich erschaffen wurden. Tatsächlich nähern wir uns da den Problemen des Übergangs zu einem renditeorientierten Unternehmen. Die Frage ist aber dennoch, ob dieser Übergang schlecht sein muss. Wer sagt, dass die "idealistischen Ideale" auch eine bessere Wirklichkeit erzeugen? Auch Google, das von Anfang an gewinnorientiert arbeitete, hat sein hübsches Motto "Sei nicht böse!" bis heute nicht aufgegeben.
    Als sich Mitte der 90er Jahre die Mitfahrzentralen langsam durchsetzten, sank die Bereitschaft der Autofahrer drastisch, Anhalter mitzunehmen. Wie habe ich mich geärgert! Aber ich musste doch einsehen, dass ich für wenig Geld doch recht viel gewann: Nämlich die Planbarkeit der Reise und die Sicherheit zu wissen, zu wem man ins Auto steigt.
    6. "Vertrauen wird ersetzt durch Kontrolle"
    Baumgärtel beklagt hier, dass "die kommunitaristischen Werte, die die Sharing Economy propagierte" im Schwinden begriffen ist, da Bewertungssysteme eingeführt würden, Haftpflichtversicherungen notwendig werden usw. Ja wie nun? Einerseits wird das Unterlaufen rechtlicher Bestimmungen beklagt, solange der Branchenzweig noch klein ist, und andererseits will man die rechtliche Absicherung auch nicht haben? Der Blick auf die krassen Einzelfälle (Betrug bei Handelsplattformen, Gewalt bei Mitwohngelegenheiten), die ja gerade erst zu rechtlichen Anpassungen führten, versperrt aber auch den Blick darauf, dass z.B. eine Plattform wie Ebay (die Baumgärtel seltsamerweise überhaupt nicht als erfolgreichstes Beispiel der Sharing Economy erwähnt) nach wie vor in großem Maße auf einer guten Balance von Vertrauen und Kontrolle beruht.
    7. "Menschliche Beziehungen werden zur Ware"
    "Die Tauschwirtschaft", so schreibt Baumgärtel, "ermutigt uns dazu unser ganzes Leben als Kapital zu betrachten. (…) Aktivitäten, die auch einem guten Zweck dienen könnten - Handarbeiten für den Adventsbasar der Kirchengemeinde, Einkaufen für die gehbehinderte Nachbarin -, erscheinen in der Sharing Economy auf einmal als unrentabler Zeitvertreib."
    Was für Beispiele! Sollte der Adventsbasar der Kirche nicht einmal Geld einbringen? Ist nicht die Handarbeit für den Basar schon Handeln im Sinne ökonomisierter Rationalität? (Die sich allerdings teilweise traditionell dermaßen verselbständigt hat, dass niemand mehr fragt, ob jemand die in stundenlanger Arbeit gehäkelten Topflappen oder die ollen Bücher vom Dachboden jemand auch kauft.) Wer seiner gehbehinderten Nachbarin hilft, wird doch von den Optionen der Sharing Economy nicht davon abgehalten. Eher ist anzunehmen, dass hilfsbereite Menschen eben mehr in der Sharing Economy aktiv sind, als die, denen das nur als Kokolores erscheint.
     

     

    466. Nacht

    Der Bruder, der die fromme Frau des Juden hatte steinigen lassen, wird vom Krebs im Gesicht befallen;

    die Frau, die sie geschlagen hatte, erkrankte am Aussatz, und der Schelm ward vom Siechtum heimgesucht.

    Dem Richter wird nach seiner Rückkehr erzählt, seine Frau sei verstorben. Sie ist aber inzwischen ist in ihrer Zelle zu einer berühmten frommen Weisen geworden, bei der man um Rat sucht. Den drei Erkrankten wird ebenfalls geraten, sich an sie zu wenden.
    Als die drei vor sie treten, sagt sie zu ihnen:

    "Ihr Leute da, ihr werdet nicht eher von euren Leiden erlöst werden, als bis ihr eure Sünden bekennt."

    Erwartungsgemäß tun sie das auch.

    Und alsbald ließ Gott, der Allgewaltige und Glorreiche, sie genesen.

    Auch ihr Mann erkennt sie wieder.

    Der Bruder des Richters aber und der Schelm und die Frau baten um Vergebung; und nachdem sie ihnen verziehen hatte, widmeten sich alle an jener Stätte dort der Anbetung Gottes und dem Dienst der frommen Frau, bis der Tod sie schied.

    Diese Geschichte ist doch recht bemerkenswert, da die Juden ihr nicht verächtlich gemacht, sondern sogar als fromm und gottesfürchtig beschrieben werden.

    *

    Die Geschichte von dem schiffsbrüchigen Weibe

    Einer von den Nachkommen des Propheten erzählte

    Durch diese Rahmung soll der Geschichte wohl mehr Glaubwürdigkeit verliehen werden.

    Er trifft eines Nachts beim Spaziergang um die Kaaba eine klagende Frau, neben der ein schlafender Knabe liegt. Sie berichtet, dass sie vor einer Weile an diesen Ort wallfahren wollte und schwanger war. Das Schiff, auf dem sie sich befand, geriet aber in einen Sturm, und sie rettet sich auf eine Schiffsplanke, auf der sie das Kind gebiert.

    "Als es nun auf meinem Schoße lag und die Wellen mich peitschten" --,
    Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in der verstatteten Rede an.