Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 2. Januar 2007

2. Nacht

Wie wir hofften, bittet der König Schehrezâd in der darauffolgenden Nacht, ihre Geschichte weiterzuerzählen. Anderenfalls wäre wohl "1001 Nacht" ein Misserfolg geblieben. Denn soviel Postmodernität, dass man die Heldin des Epos gleich auf den ersten Seiten killen lässt, kann man hier wohl nicht erwarten.

Der Scheich lässt nun das Kalb seinen Sohn nicht schlachten. Die Tochter des Hirten erkennt die wahre Gestalt und fragt:

  • "Väterchen, ist meine Ehre dir so billig geworden, dass du fremde Männer zu mir hereinführst?"
Der Scheich wird herbeigeholt, der Zauber aufgedeckt, das Mädchen ehelicht das Kalb den Sohn und verwandelt die böse Gattin des Scheichs in eine Gazelle. Jahre später stirbt das Mädchen, und der Sohn zog aus

  • nach dem Lande Hind, und das ist das Land dieses Mannes, von dem dir widerfuhr, was geschehen ist.

Hind = Indien?

Der Dämon schenkt dem Scheich ein Drittel des Kaufmannslebens. Und folgerichtig beginnt unter derselben Bedingung

Die Geschichte des zweiten Scheichs

der gleich offenbart,

  • dass diese Hunde meine Brüder sind.

Die Geschichte beginnt wie ein Gleichnis von faulen und fleißigen Kaufmannssöhnen. Die beiden Älteren gehen auf Reisen und kommen verarmt weder. Der Jüngere hilft ihnen aus der Not.

Auf meinen bisherigen Reisen bin ich glücklicherweise nie verarmt. Wobei ich oft eine all zu preiswerte Variante gesucht und gefunden habe. Eine Pauschalreise in den Iran hätte ich mir z.B. 1996 überhaupt nicht leisten können, dafür aber einen Flug für 140 Mark nach Istanbul und von dort eine 55stündige Busreise für 60 Dollar nach Teheran. Zu unserem Glück wurde zu der Zeit gerade die Verordnung aufgehoben, dass Westtouristen immer in First Class Hotels absteigen müssen, und so logierten wir in jenen freundlichen Mehmân-Chânehâ - den angenehmen Herbergen.
In Bâm hatte ich das Glück, in einer der schönsten Gasthäuser einzukehren. Dem Betreiber hatte das Schicksal verwehrt, seinen Traum wahrzumachen, als Weltreisender auszuziehen, und wo lud er die Welt zu sich ein, wie er sagte. Ein großer Garten mit Dattelpalmen spendete Schatten, und in einem großzügig angelegten Bassin schwammen Goldfische. Im Gästebuch der Herberge konnte man erfahren, welche Fahrradroute sich am ehesten eignete, um von der Schweiz nach Nepal zu gelangen und wo man in Aserbaidschan sachkundige Passfälscher fände. Der Betreiber glaubte, dass Allah nichts dagegen haben könne, wenn ich und meine Begleiterin uns das Hotelzimmer teilen. Wenn es denn wider Erwarten doch einen Allah geben sollte, so hoffe ich, dass er diese schöne Herberge und ihren Betreiber bei dem großen Erdbeben in Bâm von 2003 verschonte.

Sechs Jahre später überreden die Brüder den Jüngeren, ebenfalls zu verreisen. Er kommt zu Reichtum und heiratet ein armes Mädchen, das die beiden Brüder, nachdem diese versucht hatten, das Paar zu ertränken, in Hunde verwandelt, denn


  • "Wisse, ich bin ein Dämonenkind; als ich dich sah, liebte dich mein Herz nach dem Willen Allahs, denn ich glaube an Allah und seinen Propheten - Gott segne ihn und gebe ihm Heil."

Fast scheint es, als wollte sich der Erzähler gegen allzu fromme Hörer absichern, indem er aus der Dämonin eine Muslimin macht.
Die Brüder können auch nur in diesem Lande (Hind) erlöst werden.

Die Geschichte des dritten Scheichs

  • O Sultan und Oberhaupt der Dämonen, diese Mauleselin war meine Frau.

Diese Nachtigall hatten wir denn schon trapsen gehört, aber dass ausgerechnet ein Dämon mit diesem Verwandlungshokuspokus zu beeindrucken ist, erstaunt schon.
Bei einem anderen Zuhörer jedoch, nämlich König Schehrijâr, dürfte nun wegen eines gewissen Wiedererkennungswerts der Blutdruck steigen, denn als der Scheich von einer Reise zurückkam, sah er

  • einen schwarzen Sklaven bei ihr auf dem Bette liegen; und sie plauderten und tändelten und küssten sich und spielten das Liebesspiel.

Beachtlich, wie lange der Scheich zugeschaut haben muss, um die beiden 1. plaudern, 2. tändeln, 3. küssen, 4. spielen zu sehen. Hoffen wir für ihn, er konnte sich ein paar Tricks vom abermals Sexualneid auf sich ziehenden schwarzen Sklaven abgucken.
Das Weib verwandelt den Scheich in einen Hund, der von der Tochter des Schlächters als Mensch erkannt wird. Sie verwandelt ihn zurück. Das war die Geschichte.
Der Dämon schenkt dem Kaufmann das Leben. Winkt Schehrezâd hier mit dem Zaunpfahl? Jedenfalls bricht sie hier mit der auch am Vorabend verwendeten Floskel ab.

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