Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 5. Januar 2007

5. Nacht

König Junân erzählt seinem Wesir
Die Geschichte von König Sindibâd

Zur Orientierung:

Schehrezâd
------>Fischer und Dämon
------------->Wesir des Königs Junân
--------------------> König Sindibâd


Dieser König hat einen treuen Falken. Bei einer Jagd geraten die
beiden in die Wüste, und der Falke stößt, als sie endlich unter einem Baum
Wasser finden, den gefüllten Trinknapf um, woraufhin ihm der König die Flügel
abschneidet. Dieser deutet sterbend auf den Baum, und jetzt erkennt der König,
dass es sich nicht um Wasser, sondern um Gift handelt, das vom Baum tropft.
(Ende)
Der Wesir erwidert dem König mit der

Geschichte vom treulosen Wesir

Schehrezâd
------>Fischer und Dämon
----------->Wesir des Königs Junân
------------------> Treuloser Wesir

Seltsam eigentlich, dass ein treuloser Wesir seine bösen
Absichten mit einer Geschichte von einem treulosen Wesir zu kaschieren versucht.
Ein König stellt seinem der Jagd verfallenen Sohn einen Wesir
zur Seite, der immer auf ihn aufpassen soll. Einmal jedoch entwischt der
Königsohn und gerät in die Fänge einer sich als traurige Maid verstellende Ghûla,
die ihn an ihre Kinder verfüttern will. Nur ein Gebet kann ihn erretten. Als er
nach Hause kommt, wird der Wesir zur Strafe für seine Unachtsamkeit
hingerichtet.

Zeiten, in denen der Ministerberuf Babysitter für erwachsene
Kinder einschloss - ein sich als gefährlich entpuppender Job. Wenigstens konnte
der Wesir davon ausgehen, dass keiner der Henker ein Handy mit Kamerafunktion
dabei hatte.
***
Zurück zu Junân. Der Wesir überredet den König, Dubân köpfen zu
lassen:

"Verrate du ihn, ehe er dich verrät."


Dubân warnt den König:


"Dieser Lohn, den du mir zuteil werden lässest, ist der
Lohn des Krokodils." Da fragte der König: "Was ist das für eine Geschichte mit
dem Krokodil?"


Und natürlich erwarten wir eine weitere Abschweifung.


Doch der Weise sprach: "Es ist mir unmöglich, sie dir in
diesem Zustand zu erzählen."

Wir atmen auf. Und doch bleibt der Stachel: Wir werden nie
erfahren, was es mit dem Krokodil auf sich hat, denn Dubân wird getötet, nicht
ohne dem König ein Orakel zum Geschenk zu machen: Sein abgeschlagener Kopf wird
nach seinem Tode sprechen, wenn der König ein Buch aus dem Hause des Arztes
holen geht. Die aneinanderhängenden Seiten blättert der König um, indem er seine
Finger mit Speichel benetzt, und so erfahren wir, aus welcher Quelle sich
Umberto Eco beim "Namen der Rose" hat inspirieren lassen. Ein Toter
mehr.

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