Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Sonntag, 14. Januar 2007

12. Nacht

Der Oheim des jetzt als einäugiger Bettelmönch umherziehenden Prinzen schlägt die verkohlte Leiche seines Sohnes obendrein mit dem Schuh. Seine widersprüchlichen Reaktionen erklären sich dadurch, dass er ihn einerseits liebte, andererseits wusste er, dass sein Sohn in körperlicher Liebe zu seiner Schwester entbrannt war. Er hatte ihn noch gewarnt:

"Hüte dich vor so sündhaften Taten, die vor dir noch keiner beging und keiner nach dir begehen wird; sonst wird dein Name unter den Fürsten mit Schmach und Schande bedeckt sein bis ans Ende der Zeiten, und die Kunde von uns wird durch die Karawanen überall ruchbar werden."

Wie mag es sich in Zeiten gelebt haben, als Karawanen mit ihren trottenden Kamelen das flotteste Verbreitungsmedium waren!

Offenbar hatten der Prinz und seine Schwester in der Höhle Zuflucht gesucht und waren darin umgekommen. Der König nimmt nun den Vetter an Sohnes statt, doch als sie wieder nach oben kommen, hat der bösartige, augenauspieksende Wesir auch die Herrschaft über diesen Ort erlangt. Der Oheim wird getötet, und der Prinz kann sich nur retten, indem er sich den Bart schert. Er flieht nach Baghdad, um dort Schutz beim Herrscher der Gläubigen, Harûn er-Raschid zu finden, wo er aber zunächst nur die anderen beiden traf.
Die Dame ist zufrieden mit der Geschichte, und es beginnt

Die Geschichte des zweiten Bettelmönches

Dieser war ebenfalls Sohn eines Königs und kundig in:

  • Lesen des Korans in nach Traditionen

  • Vortragen gelehrter Bücher

  • Sternenkunde

  • Dichtung

  • Kalligraphie

Als er an den Hof des indischen Königs geladen wird, schifft er sich mitsamt Pferden ein, belädt Kamele auf dem Festland und wird in der Wüste von Beduinen überfallen, die die Karawane ausrauben. Der Prinz aber kann fliehen. In einer Stadt, deren König der Erzfeind seines Vaters ist, verdingt er sich bei einem Schneider als Holzhacker, denn seine Künste bringen ihm hier nichts ein:

"In unserer Stadt ist niemand, der etwas weiß von den Wissenschaften oder auch nur vom Schreiben, außer dem Geldverdienen."

Dazu Luhmann: "Bis in die Neuzeit wird Schrift primär als Gedächtnisstütze und als Transportmittel aufgefasst, und es gibt folglich keinen Begriff von Kommunikation der mündliche (Rede) und schriftliche Ausführung übergreift." (Gesellschaft der Gesellschaft, Kap. 4 / XIII)

Im Wald findet er eines Tages eine Luke, die, als er sie anhebt, ihn in eine Höhle führt.

Reimprosa: "Darinnen fand ich eine Maid, gleich einer kostbaren Perle; die erlöste mir das Herz von Kummer, Gram und Leid; ihre Stimme heile alles Bangen und nahm den Klugen und Weisen gefangen; ihr Wuchs war von zierlicher Art; fest standen die Brüste gepaart, ihre Wangen waren zart, von Farben glänzend rein und Haut so wunderbar fein; ihr Antlitz erstrahlte durch der Locken Nacht, und über den herrlichen Schulter glitzerte ihrer Zähne Pracht."

Sie wurde vor 25 Jahren vor ihrer Hochzeitsnacht von einem Dämon, der der Vetter des Satan persönlich ist, hierher verschleppt. Man fragt sich natürlich, a) wie sie ihre Schönheit in einer Höhle erhalten konnte und b) wie alt den die "Maid" heute ist, wenn sie 25 Jahre gefangen ist plus im heiratsfähigen Alter war. Selbst wenn man ein Heiratsalter von zwölf Jahren ansetzt und auch noch das arabische Mondjahr in Betracht zieht, müsste sie doch wenigstens 34 sein.

Nichtsdestotrotz baden sie miteinander, kneten einander die Füße - eine auch zu damaligen Zeiten heikle Angelegenheit, den wir können davon ausgehen, dass der Dämon nicht weniger sensibel auf solche Vorgänge reagiert als beispielsweise Marsellus Wallace.

Wein, dessen Konsum anscheinend häufiger das Nahen einer Katastrophe andeutet, macht unseren Bettelmönch in spe betrunken und er zertritt die Nische, deren Berührung schon den Dämon herbeiruft.

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