Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Donnerstag, 11. Januar 2007

10. Nacht

Die 10. Nacht

Das Geschlechtsteil des Trägers heißt also weder zubb noch air und auch nicht chazûk. Doch der Träger verrät es den Damen nach einigem Kosen, Necken und Schlagen*.

"Dies ist das Maultier, das die Krauseminze des Kühnen als Weide winkt, das den enthülsten Sesam als Nahrung verschlingt und in der Herberge des Abu Mansûr die Nacht verbringt."

Am nächsten Morgen soll er zunächst gehen:

"Zieh ab und zeige uns die Breite deiner Schultern."

Eine derb-freundliche Art, einem Mann zu sagen, dass man ihn lieber von hinten sehen will. Doch der Träger überredet sie bleiben zu dürfen und so verbringt er weitere nette Stunden mit ihnen, bis es an der Tür klopft: drei einäugige, persische Bettelmönche,

deren Bärte und Schnurrbärte abrasiert sind,

begehren Einlass, da sie von der Nacht überrascht worden seien. Er wird ihnen gewährt, ebenfalls mit der Warnung:

"Wer da redet von dem, was ihn nichts angeht, wird hören, was ihm nicht angenehm ist."

Nun trinken und tändeln sie zu siebt. Ein dramaturgisch eigenwilliger Moment, eine Figur einzuführen, die uns wohl noch oft in den 1001 Nächten begegnen wird: Kalif Harûn er-Raschid**, der (wie immer verkleidet) gemeinsam mit seinem Wesir Dscha'far und Marûr, dem Träger des Schwertes seiner Rache, des Nachts prüft, ob seine Untertanen in Baghdad auch brav sind. Er klopft - gegen den Rat des Wesirs (schließlich wird dort Wein getrunken) - an die Pforte, ihm wird geöffnet und er begehrt Einlass, der ihm unter derselben Bedingung gewährt wird.
Nun geschieht etwas Merkwürdiges: Zwei schwarze Kettenhunde werden herausgelassen. Die Wirtschafterin peitscht sie aus, nur um gleich anschließend in Tränen auszubrechen, und die Biester zu streicheln und zu trösten. Die älteste Dame singt ein Klagelied. Und die Pförtnerin fällt ständig in Ohnmacht, indem sie sich die Kleider zerreißt und somit Geißelnarben auf ihrem Rücken sichtbar werden.
Wie standhaft wäre man da, nicht doch nachzuhaken? Den Kalifen jedenfalls übermannt die Neugier. Er lässt den Lastenträger fragen, woraufhin die Damen erzürnen:

"Kommt schnell herbei!" Und siehe, eine Kammertür tat sich auf, und heraus traten sieben Negersklaven mit gezücktem Schwert in der Hand; und sie sagte zu ihnen: "Fesselt diese Schwätzer und bindet sie Rücken an Rücken!"

Die Sklaven können es kaum erwarten, ihren Opfern die Köpfe abzuschlagen, doch die Dame gibt ihnen noch eine Stunde Zeit.

* Wie weit diese Schläge gehen, wird nicht gesagt, aber man kann getrost davon ausgehen, dass hier eine sanfte S/M-Variante angedeutet wird.

** In Wirklichkeit war Harûn er-Raschid überhaupt nicht am Schicksal seiner Untertanen interessiert, sondern hockte die ganze Zeit - abgeschirmt durch Wesire und Berater in seinem Palast. Seine politischen Fähigkeiten hielten sich - im Gegensatz zu seiner Eitelkeit - in Grenzen. Er förderte aber die Kunst, vor allem aber die Literatur. Die Autoren dankten es ihm, indem sie ihn in ihren Geschichten zu einem großartigen, weisen Herrscher zurechtfabulierten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen