Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 12. Januar 2007

11. Nacht

Man gestattet den Gefangenen, ihre Geschichte zu erzählen, um sich auf diese Weise freizukaufen. (Zweite Wiederholung des Schehrezâd-Motivs Geschichte gegen Leben).
Der Kalif will seinen Wesir vorschicken, nun zu sagen, wer sie seien, doch der Wesir spielt den Eigeschnappten.
Der Lastenträger berichtet in zwei Sätzen, was sowohl wir als auch natürlich die Damen wissen.

"Das ist meine Geschichte, und damit basta!" Da lachte die Dame und sprach zu ihm: "Heb deine Hand zur Stirn und geh fort."

Hand zur Stirne heben? Ein Abschiedsgruß vielleicht?

Eine Geste, die mich im Iran zunächst verunsicherte: Den Kopf in den Nacken werfen und dabei leicht schnalzen. Ich interpretierte das erst als arrogantes "Wie bitte?" und wiederholte meine Frage an den Taxifahrer: "Fahren Sie zum Bahnhof?" bis ich erfuhr, dass die Geste schlicht "Nein" bedeutet.

Doch der Lastenträger bleibt, um die Geschichten der anderen zu erfahren.

Die Geschichte des ersten Bettelmönches

Der erste Bettelmönch ist der Sohn eines Königs. Als er seinen Vetter besucht, betrinken sie sich und der Vetter lässt sich mit einer Dame vom Königssohn in eine Gruft einbuddeln. Am nächsten Morgen hält er alles für einen Traum, ist aber beunruhigt über das Verschwinden seines Vetters. Bei der Rückkehr in seine Heimatstadt wird er verhaftet. Es stellt sich heraus, dass der Wesir geputscht hat und sich nun am Sohn rächen will, der ihm als Knabe auf der Vogeljagd mit der Armbrust ein Auge ausschoss.

"Wenn du es aus Versehen getan hast, so will ich es mit Absicht tun." (...) und er stieß mir den Finger ins linke Auge und drückte es aus.

Man sollte sich genau überlegen, ob man seine Söhne auf Vogeljagd schickt, wenn die Gegenwart von Ministern nicht zu vermeiden ist.

Der Schwertträger, der ihn hinrichten soll, läst ihn, ähnlich wie der Jäger in "Schneewittchen" laufen, nur dass er dem Wesir keine gebratenen Innereien als Beleg servieren muss.
Der Königssohn flieht in die Stadt des Oheims, der über den Verlust seines Sohnes trauert, und offenbart ihm die Geschichte. Sie gehen zum Totenacker und öffnen die Grabkammer, wo sie in einem Saal voller Getreide einen Thronhimmel finden, auf dessen Lager die verkohlten Leichen des Vetters und seiner Dame liegen.
Bemerkenswerte Reaktion des Vaters, der ja eben noch um den verlorenen Sohn trauerte:

spie er seinem Sohn ins Gesicht und rief: "Das verdienst du, du Ekel!"

Ich hoffe, dass der Kummer, den ich meinen Eltern von Zeit zu Zeit bereite, nicht so weit geht, dass sie sich eines Tages zu solchen Ausbrüchen hinreißen lasse.

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