Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 16. Januar 2007

13. Nacht

Es kommt, wie's kommen muss: Der Depp haut die Nische um, der Dämon erscheint und foltert die Prinzessin, woraufhin der Prinz nachvollziehbarerweise flieht, jedoch Axt und Schuh zurücklässt.

Altmodische Beschimpfung, die es wert wäre, wiederbelebt zu werden: "Du lügst, Buhldirne!"

Langsam gewöhnen wir uns ja daran, dass die Protagonisten, wenn ihnen schlimmes Leid widerfährt, zu dichten und/oder zu rezitieren beginnen, ähnlich wie im Musical, wo, wenn es ganz gefühlig wird, von irgendwo Musik erklingt und alle zu tanzen beginnen. Allerdings wirken die hier performten Verse angesichts des soeben erfahrenen Leids schon fast lakonisch:

Wenn das Geschick dir eines Tages Unheil bringt,
Bedenk, ein Tag bringt Freude dir, der andre Leid.

Kaum ist er wieder beim Schneider angelangt, da taucht auch schon ein persischer Greis auf, der Axt und Schuh bei sich hat, und siehe da - es ist der Dämon himself, der den Prinzen mit sich nimmt und in seinem Palast der Prinzessin gegenüberstellt. Dass das Paar sich nicht gegenseitig umbringen will, ist für den Dämon Beweis genug, dass die beiden ein Paar sind:

"Ich warf das Schwert aus der Hand und sagte: ,O du mächtiger Dämon, o du Recke und Heldensohn, wenn eine Frau, die wenig Verstand und Religion besitzt, es schon für unrecht hält, mir den Hals durchzuschlagen, wie sollte es da für mich recht sein, ihr den Hals durchzuschlagen, da ich sie doch nie in meinem Leben gesehen habe?" Und er traf sie so, dass ihr der Kopf davonflog.


Aktuell: Kopf davonfliegen.


Der Prinz bittet den Dämon um Gnade:

"Verzeih mir, wie der Beneidete dem Neider verzieh." Er fragte: "Wie war denn das?" Da begann ich

Die Geschichte vom Neider und vom Beneideten

Zur Orientierung:
Schehrezâd
---> Die Geschichte des Lastträgers und der drei Damen
----> Die Geschichte des zweiten Bettelmönches
---> Die Geschichte vom Neider und vom Beneideten

Zwei Nachbarn, der Erfolglose beneidet den Erfolgreichen.

Bei den Künstlern, mit denen ich zu tun habe, kann man vor allem zwei Arten von Neid beobachten: 1. Neid auf Erfolg, 2. Neid auf Talent. Und ich habe kaum jemanden kennengelernt, der völlig frei davon wäre. Der Neid auf Erfolg spielte z.B. bei den Lesebühnen solange keine Rolle, wie außergewöhnlicher Erfolg tatsächlich die Ausnahme war. Bis zum Jahr 2000 etwa hatten die Lesebühnen gleich viele Zuschauer, und es gab noch keine relevanten Buchveröffentlichungen. Erfolg wird vor allem dann beneidet, wenn er als ungerechtfertigt erscheint. Neid auf Talent quält auf andere Art: Während sich der Erfolglose immerhin noch mit der Illusion beschwichtigen kann, durch Fleiß und etwas Glück doch noch anschließen zu können, kann der Untalentierte sich mühen, aber er wird nie die künstlerische Achtung seiner Kollegen haben. (Ähnlich wohl auch der Neid um Schönheit.) Da kann Britney Spears noch so zappeln - kein bedeutender Künstler wird sie je als Vorbild nennen, im Gegensatz zu Velvet Underground, die während ihres Bestehens kaum Platten verkauft haben.
Aber wieviel Selbstbeherrschung, Selbstachtung und Gelassenheit kann man denn aufbringen, um aufkommenden Neid zu bekämpfen. Der erste Mord im Bibel-Mythos geschieht ja nicht aus Habsucht oder sexueller Eifersucht, sondern weil Kain seinem Bruder die Gunst Gottes neidet, wobei sich ja schließlich herausstellt, dass dieser ihn ja so unknorke auch nicht gefunden haben kann, denn er macht ja ein Zeichen an seine Stirn, dass niemand ihn töte, wer ihn fände, was andererseits auch etwas albern erscheint, da ja zu dem Zeitpunkt außer Adam und Eva niemand sonst da ist.

Der Beneidete zieht sich, als er den Neid des Neiders bemerkt, in ein Kloster zurück und wird dort zu einem angesehenen Weisen. Davon erfährt der Beneidete, der ihn besucht und heuchelnd um Rat bittet.

Der Beneidete nun nahm den Neider bei der Hand, und sie gingen hinein in das innerste des Klosters; aber der Neider sagte: "Sage deinen Fakiren, dass sie sich in ihre Zellen zurückziehen."

Man beachte das Possessivpronomen: Seine Fakire!
Im Hof stößt der Neider den Beneideten in einen Brunnen. Ein typischer Märchenmordversuch (s.a. Grimms Goldmarie und Blaues Licht). Ich habe jedenfalls noch nie davon gehört, dass jemand erfolgreich in einem Brunnen ertränkt wurde, weder in der Realität noch im Märchen.
Und so landet auch hier der Beneidete weich und erfährt von guten Geistern, dass er am nächsten Tag vom König besucht würde, der Rat wegen seiner kranken Tochter suche. Diese könne man retten, so die Geister, indem man den sie bewohnenden Dämon durch Katzenhaarverbrennung austreibe.
Vielleicht ein etwas ungeschickt gewählter Schachzug, einen Dämon mit einer Geschichte, in der eine Dämonsaustreibung vorkommt überzeugen zu wollen (wir werden sehen).
Tatsächlich heilt der nunmehr Scheich Titulierte die Königstochter, bekommt diese zur Frau und setzt seinen Erfolgsweg fort: Wesir, dann selber König.

Verlorengegangene Bezeichnung für Schwiegersohn:Eidam

Als König überreicht er dem Neider 20.000 Goldstücke und lässt ihn ziehen.

***

Zurück zur Geschichte des zweiten Bettelmönches. Der Dämon lässt sich nur halb erweichen - er verwandelt den Prinzen in einen Affen, der durch eine Wüste zieht, an ein Meer kommt, ein Schiff besteigt und sich dort zum Günstling des Kapitäns hocharbeitet. Als sie an den Hof eines Königs kommen, erweisen sich die kalligraphischen Fähigkeiten (s. 12. Nacht) als Rettung. Er schreibt Verse in Kursivschrift, in Schlankschrift, in Steilschrift, in runder Monumentalschrift, in großer Dokumentenschrift und in großer Zierschrift, wodurch er sich die Gunst des Königs erwirbt und mit ihm an einer Tafel essen darf, wobei die Speisen von einem Eunuchen und einem weißen Sklaven aufgetragen werden.
Sowohl die Funktion des Eunuchen, als auch ein weißer Sklave werden hier erstmals erwähnt. Unklar, ob ein weißer Sklave mehr wert ist als ein schwarzer.
Wie schon in der Geschichte vom Kaufmann und dem Dämon (2. Nacht) ist es die Prinzessin, die den Verzauberten im Tier erkennt, denn sie ist selber eine Zauberin.

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