Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 23. Januar 2007

18. Nacht

Nach kurzem Zögern setzt der Jüngling die Reise mit der Dame fort. Doch auf hoher See werfen ihre Schwestern die beiden ins Meer. Der Prinz kann nicht schwimmen und

Allah nahm ihn auf unter den Glaubenszeugen

Die Dame hingegen kann sich auf eine Insel retten, wo sie eine Schlange beobachtet, die von einem Drachen attackiert wird. Sie erfasst Mitleid mit der Schlange und tötet den Drachen. Warum nicht umgekehrt? Sollte dahinter die biblische ewige Koalition Schlange-Frau stehen?) Die Dame schläft ein und erwacht davon, dass ein Mädchen (= Die Schlange) ihr die Füße massiert. Sie schämt sich zunächst.

Seltsame Scham: Für einige Frauen sind Füße mehr scham-besetzt als jeder andere Körperteil. X behielt sogar dann im Bett die Socken an, wenn sie ansonsten völlig nackt war. Einige Männer hingegen können es nicht ertragen, beim Rasieren beobachtet zu werden. Für mich ist das nicht intimer als etwa Händewaschen oder Kämmen, wobei ich mich das letzte Mal vielleicht vor sechs Jahren gekämmt habe. Ein seltsames Gefühl, als ich vor ein paar Monaten beim Friseur war und dieser - aus Höflichkeit, wie ich vermute - seinen Kamm über meinen Kopf zieht.

Zum Dank verwandelt die Schlange die Schwestern in Hündinnen mit der Auflage, dass die Dame ihre Schwestern täglich 300 Schläge erteilen möge, sonst wird sie auch in eine Hündin verwandelt. Schöner Dank.

***

Auch die zweite Dame muss dem Kalifen ihre Geschichte berichten, denn sie trägt Narben auf dem Rücken.

Die Geschichte der Pförtnerin

Die zweite Dame erbt von ihrem Vater und später von ihrem verstorbenen Mann ein großes Vermögen und wird auf diese Weise zu einer guten Partie. Eines Tages wird sie von einer Alten aufgesucht, die sie in einen Palast lockt, wo ein schöner Jüngling auf sie wartet, mit dem sie ruckzuck - der Kadi  wartet schon im Nebenzimmer - vermählt wird, denn

Sein Antlitz ist dem des Neumondes gleich;
Wie die Perle an strahlender Schönheit reich.

Nicht zum ersten Mal habe ich hier das Gefühl, dass sich der Übersetzer bei den Versen vertut. Von der Banalität der Reime abgesehen - ist das Antlitz des Neumondes nicht unsichtbar?
Sie schwört ihm bei der Hochzeit unabdingbare Treue, was, wie wir ahnen, eine storytechnische Bedeutung hat, sonst würde diese Selbstverständlichkeit ja wohl nicht erwähnt. Tatsächlich geht sie einen Monat später zum Basar, um Stoffe zu kaufen, und der Händler will sie ihr zum Preis von einem Kuss überlassen. Sie zögert, doch die schon erwähnte Alte, rät ihr zu.

Nun legte er unter dem Schleier seinen Mund an meine Wange; aber als er mich küsste, biss er mich so scharf, dass er mir ein Stück Fleisch aus der Wange riss. Wie erklärt man das dem Ehemann?

Als ich 1993 in London auf dem Zeltplatz Tent City arbeitete, versuchte mein ungarischer Freund Zsolt Lukacs seine Ex wiederzugewinnen, ließ sich jedoch an einem Abend dazu hinreißen, mit einer jungen Polin zu tändeln, die ihm einen ordentlichen zu rechtfertigenden Knutschfleck verpasste. Meinen Rat, einfach ein Pflaster drüberzukleben und auf Nachfrage zu behaupten, sich beim Rasieren geschnitten zu haben, lehnte er ab. Er bat mich stattdessen, zu seinem Komplizen zu werden: Er würde seiner Ex erzählen, ich habe ihn in einer wütenden Auseinandersetzung in den Hals gebissen, was bei meinem Temperament die so ziemlich unglaubwürdigste unter allen möglichen Ausreden war.

Die Erklärungen der Dame:

  • Bin von einem Brennholz-Kamel gebissen worden - Er will alle Brennholzhändler der Stadt töten lassen.

  • Bin von einem Esel gebissen worden - Er will die Eseltreiber töten lassen.

  • Ich bin geküsst worden - Er will sie töten lassen.

Sie "argumentieren" in Versen. Doch erst die Alte kann den Jüngling davon abbringen, die Dame zu töten. So belässt er es beim Auspeitschen mit Quittenzweigen. Als sie einen Monat später wieder nach Hause kehrt, findet sie ihr Haus in einen Schutthaufen verwandelt.

Wie das geschehen war, konnte ich nicht erfahren.

Und auch wir werden es nie erfahren, denn da endet die Geschichte der Pförtnerin.

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