Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Samstag, 3. März 2007

29. Nacht

Natürlich ist es verdächtig, ein Halsband so billig zu verkaufen. Unser Jüngling wird vor den Wali gebracht und muss gestehen, dass Halsband gestohlen zu haben. Da er sich ziert, prügeln sie ein Geständnis aus ihm heraus, lieber will er wegen Diebstahls als wegen Mord verurteilt werden.

Ich habe mich immer gefragt, wie sich ein Richter fühlt, der sein Urteil auf Foltergeständnisse baut. Meint er wirklich, der Gerechtigkeit auf die Sprünge geholfen zu haben? Oder ist es für ihn einfach eine flinke Art, die Angelegenheit abschließen  zu können?

Man schlägt ihm die Hand ab und gießt siedendes Öl auf den Stumpf. Drei Tage später führt man ihn vor den Statthalter von Damaskus, es hatte sich herausgestellt, dass diesem das Halsband einmal gehört hatte. Überraschenderweise spricht dieser aber:

"Weshalb habt ihr diesem die Hand abgeschlagen? Er ist ein unglücklicher Mann, doch es ruht keine Schuld auf ihm."

Man lässt den Vorsteher des Basars kommen, der unseren Helden verleumdete und wirft ihn in den Kerker:

"Gib diesem Mannes das Blutgeld für die Hand; sonst werde ich dich hängen lassen."

Unklares Inventar: Blutgeld

Der Statthalter bittet um die wahre Geschichte:

Verkünde die Wahrheit, und möge dich auch
Die Wahrheit durch Feuer der Drohung verbrennen!

Als er eine Worte gehört hatte, schüttelte er sein Haupt, schlug mit der rechten auf die linke, legte ein Tuch über seinen Kopf und weinte.

Ein Tuch beim Weinen über den Kopf zu ziehen ist eine bemerkenswerte Handlung für einen Statthalter. Seit Helmut Kohls Abschied aus der Politik scheinen öffentlich vergossene Tränen geradezu schick geworden, auch Schröder weinte nach seinem Rückzug. Einer Frau würde öffentliches Weinen wohl eher schaden. Ich vermute aber, man darf nur weinen, wenn man es schon zu etwas gebracht hat, nicht, wenn man noch kämpfen will. Unwürdige Tränen vergoss z.B. Johannes Rau, als er die Wahl zum Bundespräsidenten gegen Roman Herzog verlor. Kein Zeichen von Verlierenkönnen.

Auch der Statthalter klärt nun sein Gegenüber auf. Die Dame, die das Unglück über ihn gebracht hatte, war des Statthalters Tochter:

"Sie hatte jedoch vom Volk von Kairo die Unzucht gelernt."

Natürlich - unzüchtig hat sich nur die Dame, nicht aber der Jüngling verhalten!

Die jüngste Tochter des Statthalter jedoch ist noch Jungfrau, da kann sie ja mit dem Jüngling vermählt werden.

***

Auch diese Geschichte behagt dem chinesischen König nicht. Und man kann nur hoffen, dass der Schneider aus den Fehlern seiner Schicksalsgefährten gelernt hat und nicht ebenfalls mit einer Slasher-Story beginnt. Wem SAW I, SAW II und SAW III nicht gefallen haben, wird sich wohl kaum für den vierten Teil erwärmen können.

Die Geschichte des Schneiders

Am Abend zuvor war der Schneider, wie schon in der 24. Nacht erwähnt, auf einer Feier gewesen. Zu dieser Feier kam ein lahmer Jüngling.

Immerhin nur lahm, nicht ohne Hand.

Der Jüngling erschrickt, als er in der Partyrunde einen Barbier sitzen sieht. Man beschwört ihn, zu erzählen, was ihn so verschreckt. Und so erzählt er:

Auch dieser Jüngling 29 war ein Erbe:

"Mein Vater (...) hinterließ mir Geld, Eunuchen und Diener... Allah aber hatte mich zu einem Hasser der Frauen gemacht.

Möglicherweise hier die erste Andeutung von Homosexualität in den 1001 Nächten.

Auf der Flucht vor einer Schar Frauen zieht er sich eines Tages zurück in eine Sackgasse, wo er ein Blumen gießendes Mädchen entdeckt, in das er sich verliebt. Er bleibt zu Hause und weint unglücklich in sich hinein. Selbst seine Sklavinnen können ihn nicht trösten. Aber eine (anscheinend aus dem Nichts auftauchende) Alte spielt Postillon d'amour. Die beiden Liebenden sind einander einig, dass sie sich treffen wollen, wenn ihr Vater am Freitag in der Moschee betet. Der Jüngling erholt sich von seiner Liebeskrankheit und kleidet sich fein. Dann lässt er einen Barbier holen, der ihn scheren soll:

"einen verständigen Burschen, der sich nicht in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen, und der mir nicht den Kopf spaltet mit seinem übermäßigen Schwätzen!"

Man mag es kaum glauben, dass dieses Laster des zweitältesten Gewerbes der Welt, ebenfalls so alt zu sein scheint wie dieses selbst.

Und tatsächlich fängt der Barbier, kaum dass er eingetroffen ist, an zu labern: Vom Propheten, von Krankheiten, er holt ein Astrolabium mit sieben Scheiben hervor
und beginnt erst mal ein bisschen mit astrologischem Geschwätz:

"Wisse, von diesem unserem Tage, der da ist ein Freitag, und zwar Freitag der zehnte Safar im sechshundertdreiundfünfzigsten Jahre nach der Hidschra des Propheten29/2 - über ihm sei herrlicher Segen und alles Heil! - und im siebentausenddreihundertzwanzigsten Jahr der alexandrinischen Zeitrechnung, dessen Tagegestirn nach den Regeln der Wissenschaft er Berechnung des Mars ist, sind verstrichen acht Grade und sechs Minuten. Nun aber trifft es sich so, dass in Konjunktion mit dem Mars Merkur steht, und das ergibt einen günstigen Augenblick für das Schneiden der Haare."

Wenn er doch nur schon angefangen hätte! In einem heute auf Radio Eins geführten Interview mit einem Soziologen gibt dieser Auskunft darüber, wie es einen regelrechten Mondboom in den letzten 20-30 Jahren gegeben habe. Haareschneiden, Wäschewaschen, Unkrautjäten, Sex, sogar medizinische Operationen richten einige danach aus. Zusammenhänge gibt es keine. Allerdings könnten diejenigen, die sich danach richten, sich schon mal subjektiv durchaus glücklicher fühlen, denn sie haben den meisten anderen Menschen voraus, dass sie überhaupt einen Plan über ihre Woche oder ihren Monat führen und nicht einfach in den Tag hinein leben.

Nachdem der Barbier dem Jüngling noch einen versteckten Wink gibt, dass ihm Unheil drohe, berichtet er nun auch noch von seinen Studien, wie sie unserem Howie in der Serie Ein Colt für alle Fälle Ehre gemacht hätte: Astrologie, Alchimie, Bedeutungslehre, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Theologie, Auslegung er Traditionen des Propheten und des Koran.
Die Höhe ist aber, dass dieser Laberkopf unter seinen Kollegen "Der würdevolle Schweiger" genannt wird.

 

 

29 Warum erfahren wir eigentlich nie die Namen unserer ich-erzählenden Helden? Möglicherweise sind diese Geschichten des Zyklus auch deshalb eher unbekannt geblieben, im Gegensatz zu Sindbad, Ali Baba, Aladdin.

29/2 Dies wäre der 20. März 1255. Ein schöner Rechner für arabische in christliche Zeitrechnung und umgekehrt hier.

 

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