Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Donnerstag, 15. März 2007

32. Nacht

Der auf solch merkwürdige Weise verführte Bruder merkt nichts, selbst als die Dame zu ihm sagt:

"Nun halt dich bereit zum Lauf, ich werde auch laufen!" Darauf entkleidete sie sich ebenfalls und rief ihm zu: "Wenn du etwas willst, so folge mir." Und sie lief vor ihm her (...) mein Bruder hinter ihr her, wie ein Verrückter, überwältigt von Begier und mit stehender Rute.

Als er ihr in einen dunklen Gang folgt, tritt er auf etwas Weiches, bricht durch den Boden und landet auf dem Basar der Lederhändler. Man verspottet den Ärmsten, schlägt ihn, bindet ihn auf einen Esel und führt ihn zum Präfekten, der ihn zu hundert Peitschenhieben verurteilt.

Ich halte den Fall für wert, als schriftliches Thema in eine Strafrechtsklausur fürs erste Jura-Staatsexamen behandelt zu werden. Hat sich der bucklige Bruder strafbar gemacht? (Hat sich die Dame strafbar gemacht? Und die Alte?) Die Argumentationen möchte ich mal lesen.

Des Barbiers Erzählung von seinem dritten Bruder

Zur Orientierung

Schehrezâd
    --> Die Geschichte des Buckligen
                  --> Die Geschichte des Schneiders
                             --> Die Geschichte des Barbiers
                                          --> Des Barbiers Erzählung von seinem zweiten Bruder

Der dritte Bruder namens el-Fakîk bettelt eines Tages an der Tür eines reichen Hausherrn, der ihn zu sich in den obersten Stock bittet, um ihm dort zu sagen, dass er ihm nichts gebe. Er muss sich die Stufen allein heruntertasten, stürzt und schlägt sich dabei den Kopf auf. Mit seinen beiden blinden Kameraden trifft er sich, um das erbettelte Geld zu zählen und aufzuteilen. Aber der Hausherr war ihnen gefolgt, was sie bemerken:

"Oh ihr Muslime, ein Dieb ist unter uns gekommen, um unser Geld zu stehlen."

Der Hausherr schließt die Augen, tut so, als sei er einer von ihnen und ruft mit.

Der alte "Haltet-den-Dieb"-Trick.

Man führt sie vor den Präfekten, und jetzt wird der Betrüger wirklich perfide:

"Sieh selbst zu! Aber du wirst es nur durch Folter herausbekommen. Fang nur zuerst mit mir an und lass mich foltern, dann aber den da, meinen Anführer." (..) Und sie versetzten ihm vierhundert Schläge auf das Hinterteil. Und wie die Schläge ihn schmerzten, öffnete er das eine Auge, und als sie ihn noch kräftiger schlugen, öffnete er auch das zweite.

Nun "gesteht" er, dass sie eine Betrügerbande sei, die den Leuten das Geld raube und im eigenen Haus verstecke, dabei nennt er genau das Versteck der Blinden. Nun werden auch die Blinden geschlagen, doch wollen sie partout ihre Augen nicht öffnen, und so prügelt man sie in die Ohnmacht.
Der Barbier nimmt auch diesen Bruder bei sich auf


Eine Geschichte, die wie ein unanständiger Behindertenwitz daherkommt.

Des Barbiers Erzählung von seinem vierten Bruder

Der vierte Bruder arbeitet als Schlächter, und eines Tages kauft ein Alter Lamm bei ihm. Das tut er nun jeden Tag, und der Schlächter legt dessen Silbermünzen in eine Dose. Als er sie dann eines Tages öffnet, sind daraus lauter Papierschnipsel geworden. Daraufhin beschuldigt er den Alten, welcher ihm droht, ihn vor dem Volk bloßzustellen. Das ist dem Schlächter egal, und so behauptet der Alte, der Schlächter würde Menschenfleisch als Hammelfleisch verkaufen.

Da stürzte das Volk in den Laden meines Bruders, und alle sahen dort einen Menschen hängen, in den der Widder verwandelt war.

Der Alte schlägt ihm nun eine Auges aus, und der Emir32 verurteilt ihn zu fünfhundert Stockhieben, und für einen Teil seines Geldes kann er sich loskaufen, sonst schlüge man ihn tot.
Er zieht in eine andere Stadt, wo er als Schuhflicker arbeitet. Als eines Tages der Tross des Sultans vorbeizieht, bestaunt er diesen, doch der Sultan bekommt angesichts des Einäugigen schlechte Laune und lässt ihn kurzerhand verprügeln. Wenig später hört er wieder Pferdegetrappel, und in dem Glauben, dies seien wieder die Pferde des Sultans flieht er in einen Gang.

Doch ehe er sich versah, fielen zwei Männer über ihn her und schrieen ihn an: "Allah sei Dank! Drei Nächte lang hast du uns Ruhe und Schlaf geraubt. (...) Du spinnst Ränke, um den Herrn des Hauses zu ermorden."

Man führt ihn vor den Präfekten, der die Peitschennarben auf dem Rücken des Bruders als Indiz dafür nimmt, es hier ohnehin mit einem Kriminellen zu tun zu haben, und ihn zu hundert Geißelhieben verurteilt.

Der Barbier nimmt auch diesen Bruder bei sich auf.

Des Barbiers Erzählung von seinem fünften Bruder

Von den hundert Dirhems,32* die der fünfte Bruder geerbt hat, kauft dieser sich Glaswaren, die er zum doppelten Preis verkaufen will, davon will er wieder Glaswaren kaufen, die er zum doppelten Preis verkaufen will usw.

Das erinnert an die alten mathematischen Aufgaben: Hier könnte sie lauten: Wie oft muss der Glashändler seine Waren verkaufen, bis er sämtliche Dirhems dieser Welt besitzt?
Was einen als Leser natürlich stutzig macht, ist das Material der Waren: Glas! Das schreit ja förmlich nach einem Elefanten, der das alles kaputthaut.

Während er nun auf dem Basar auf Käufer wartet, träumt er sich bereits als reichsten Mann der Stadt, der die Tochter des Wesirs freien und in der Brautnacht demütigen will.

 

32 Bedeutung von "Emir" zu dieser Zeit: Gouverneur eines eroberten Gebiets. Scheint den hier öfters erwähnten Präfekten in der Funktion ähnlich, aber mit Vollmachten für ein größeres Gebiet. Weiteres (auch zu Emir --> Admiral) hier.

32* Zu den immer wieder erwähnten Währungen Dinar und Dirhem:

Dirhem (درهم)ist die kleinere der beiden Währungen. Sieben Dinare sind seit der Verfügung von Umar Ibn al-Khattab (580-644) zehn Dirhems wert. Die Bezeichnung kommt von der griechischen Drachme. Durch das byzantinische Reich wird sie in die arabische Welt eingeführt.
Der Dinar (دينار), heute noch in einigen arabischen Ländern sowie in Mazedonien und Serbien! verwendet, kommt von der römischen Münze Denarius.

Dirhem aus der Zeit Harun er-Raschids

 

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