Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 27. März 2007

35. Nacht

Den nach diesem Vorfall um sein Leben fürchtenden Vater des Entjungferers beruhigt seine Gattin: Man möge die Sache vor dem Sultan geheim halten, dann würde ihm nichts geschehen.
Nûr ed-Dîn Alî hingegen versteckt sich aus Angst vor seinem Vater tagsüber im Garten und nachts in den Gemächern seiner Mutter. Doch nach einem Monat lauert ihm der Wesir auf

und als sein Sohn hereinkam, packte er ihn und tat, als wolle er ihm den Hals durchschneiden,

nur um sich kurz darauf mit ihm zu versöhnen.

Den König aber ließ Allah der Erhabene die Sache mit der Sklavin ganz vergessen.

Nach einem Jahr erkältet sich der Vater. Und nachdem er ein paar mittelmäßige Verse rezitiert und seinen Sohn ermahnt, Allah zu fürchten und sich der Sklavin Enîs el-Dschelîs' anzunehmen, stirbt er.
Nûr ed-Dîn Alî trauert sehr lange um seinen Vater, bis ihn zehn reiche befreundete Kaufmannssöhne auffordern, das Trauern sein zu lassen und es sich wieder wohlergehen zu lassen.

Er begann zu essen und Wein zu trinken, gab Gastmahl auf Gastmahl und streute seine Geschenke und Gunstbezeugungen aus.

Doch der Verwalter warnt ihn mit den Dichterworten:

Ich spare meine Gelder und bewahre sie sorglich;
Denn fürwahr, ich weiß, sie sind mir Schild und Schwert.
Würde ich sie vergeuden an den schlimmsten der Feinde,
so wendete ich mein Glück zum Unglück auf dieser Erd.
Also ess ich davon und trinke davon zur Gesundheit.
Und gebe niemandem einen Heller davon hin;
Ja, ich hüte mein Geld vor einem jeden Gesellen,
der meiner Freundschaft unwert und von niedrigem Sinn.
Das ist mir doch lieber, als dass ich zum Lumpen sage:
Leih mir einen Dirhem bis morgen, ich gebe dir fünf zurück,
und dass er sein Gesicht dann von mir wendet und umdreht
Und ich einem Hunde gleich dasteh mit betrübtem Blick.
Wie elend er geht es doch dem Menschen ohne Geld,
Wenn seine Tugend auch strahlt wie die Sonne in der Welt.

Abgesehen vom Lob des Geizes, ist dieses Gedicht auch interessant, weil es dem Geld einerseits einen Sinn zuschreibt, dieser Sinn bestünde aber im Horten und Zusammenhalten des Geldes. Von dem modernen Dreh, das Geld als Kommunikationsmittel so zu verstehen, dass es erst durch Investition und vor allem Kredit zum symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium wird, ist man hier noch weit entfernt. Und im Grunde müssen Moslems noch heute halsbrecherische Sinnverdrehungen anstellen, um die verbotenen Kredite nicht als Kredite erscheinen zu lassen. Kreditgeben kann in diesem Zusammenhang nur als Wucher, Kreditnehmen nur als törichter Leichtsinn aufgefasst werden.

Nûr ed-Dîn Alî weist den Verwalter von sich, doch schon bald tritt dessen Vorhersage ein: Nûr ed-Dîn Alî ist pleite, und seine Freunde lassen ihn nun mit fadenscheinigen Ausreden im Stich. Doch Enîs el-Dschelîs gibt ihm den Rat, sie selbst zu verkaufen und auf Allah zu vertrauen, dass er sie wieder zusammenführe.
Auf dem Basar lässt man sie für 4.500 Dinare ausrufen, in der Hoffnung 10.000 zu bekommen. Unglücklicherweise ist auch der böse Wesir el-Mu'in ibn Sâwa  anwesend, der für sich spricht:

"Was steht denn der Sohn des Chakân hier herum? Hat dieser Lümmel noch genug, um sich Sklavinnen zu kaufen?"

Doch er bemerkt, worauf die Sache hinausläuft, und bietet den genannten Preis. Keiner der anderen Händler wagt es, den Minister zu überbieten. Doch der Makler warnt Nûr ed-Dîn Alî, dass er niemals sein Geld bekommen würde, und er rät ihm zu einem Trick, den Nûr ed-Dîn Alî auch kurz danach befolgt:

Nûr ed-Dîn Alî trat an den Makler heran, riss ihm die Sklavin aus der Hand, schlug ihr ins Gesicht und rief: "Heda du Metze! Ich habe dich auf den Basar geschleppt, um mich von meinem Eid zu lösen; jetzt schere dich nach Hause und widersprich mir nicht mehr!" (...) Nun wollte der Wesir gewaltsam Hand an ihn legen. (...) Da sahen alle den Nûr ed-Dîn mit bedeutsamen Blicken an, als wollten sie sagen: "Rechne ab mit ihm!"

Tatsächlich verprügelt Nûr ed-Dîn Alî den Wesir und wirft ihn in eine Lehmgrube. Dieser klagt dem Sultan sein Leid, verrät die Geschichte des Sklavinnenerwerbs und fügt noch ein wenig Lüge hinzu:

"Doch als er meine Worte hörte, sah er mich an und schrie: 'Du Unheilsalter! Den Juden und Christen will ich sie verkaufen, aber nicht dir!' 'Ich kaufe sie nicht für mich', erwiderte ich, 'ich kaufe sie für unseren Herrn, den Sultan, der so gütig gegen uns ist.'  Als er gar diese Worte von mir hörte, füllte ihn die Wut..."

Der Sultan befiehlt vierzig schwerttragenden Männern, das Haus von Nûr ed-Dîn Alî zu plündern und ihn und seine Sklavin auf ihren Gesichtern zum Sultan zu schleifen. Doch ein Kämmerling, der schon für Nûr ed-Dîn Alîs Vater gearbeitet hatte, reitet zu ihm, um ihn zu warnen

und pochte an die Tür. Da kam Nûr ed-Dîn heraus, und als er ihn sah, erkannte er ihn und wollte ihn begrüßen; jener aber sagte: "O mein Gebieter, dies ist nicht die Zeit, um Grüße zu tauschen und Worten zu lauschen. Höre, was der Dichter sagt:

Rette dein Leben, wenn dir vor Unheil graut!
Lasse das Haus beklagen, den, der es erbaut!
Du findest schon eine Stätte an anderem Platz;
Für dein Leben findest du keinen Ersatz!"

Was mögen das für Grüße sein, die umständlicher sind als ein solches Gedicht.

Die beiden rennen aus der Stadt hinaus und finden am Ufer des Stromes ein Schiff, das zum Segeln bereit liegt und das sie besteigen. Es legt ab.

Da fragte Nûr ed-Dîn: "Wohin, o Kapitän?" Der antwortete: "Nach der Stätte des Friedens35, nach Baghdad."

Heißt das, man segelt den Tigris stromaufwärts?

مدينة السلام35

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