Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 11. April 2007

43. Nacht

80 Tage lang lässt der Kalif Kût el-Kulûb im dunklen Zimmer. Dann kommt er daran vorbei und vernimmt ihre Klage:

"O Ghânim! (...) Du handeltest gut an einem, der schlecht an dir gehandelt hat. (...) Aber wahrlich, du wirst mit dem Beherrscher der Gläubigen och vor einem gerechten Richter stehen, und du wirst dein Recht von ihm erhalten an dem Tage, an dem er Herr in seiner Majestät und Allgewalt der Richter ist und die Engel die Zeugen sind."

Der Kalif lässt sie von seinem Eunuchen Masrûr zu sich holen und entschuldigt sich auf Kalifenart bei ihr:

"Es gibt keine Majestät und es gibt keine Macht außer bei Allah! Erbitte dir eine Gnade, sie soll dir gewährt werden."

Sie erbittet ihren Geliebten Ghânim. Und der Kalif verspricht:

"Wenn er vor mich tritt, so will ich dich ihm schenken als das Geschenk eines Großherzigen, der seine Gabe nicht widerruft."

Man will diesen aufgeblasenen Gockel mal irgendwann stürzen sehen 43. Sollte er sich nicht wenigstens an der Suche nach Ghânim beteiligen, so wie er auch dessen Verfolgung beauftragte?

Kût el-Kulûb  sucht nun nach Ghânim, besucht die Ältesten der Gemeinde und verteilt Almosen in Ghânims Namen.

Unklar: Rolle der Gemeindeältesten in Bagdad

Auch dem Vorsteher des Basars (der, wie wir wissen, Ghânim pflegt) erhält eine Spende mit dem Auftrag, sie unter den Fremdlingen zu verteilen. Dieser stellt ihr die etwas sonderbare Frage:

"Herrin, willst du zu mir in mein Haus kommen und dir einen fremden Jüngling dort ansehen, der schön und anmutig ist?"

Sie lässt sich von einem Knaben dorthin führen, pflegt Ghânim, ohne ihn zu erkennen, da er immer noch dünn wie ein Zahnstocher ist, und kehrt zum Palast zurück.

Seltsames Verhalten eigentlich: Warum kommt sie überhaupt mit, wenn sie nicht glaubt, dass es Ghânim sein könnte. Und wenn sie andererseits diese Vermutung hegt, so könnte sie ja mal etwas genauer hinschauen, denn er trägt ja immer noch die Kleider, von damals, oder, wie es der Basarvorsteher ausdrückt:

"Bei Allah, er stammt von guten Leuten und trägt die Spuren des Wohlstandes."

Kurz darauf treffen auch Ghânims Mutter und Schwester ein, und auch sie sind

in härene Gewänder gekleidet und tragen deutlich die Spuren des Wohlstandes und Glückes an sich.

was offenbar auch ein entscheidender Grund ist, warum sie vom Basarvorsteher aufgenommen werden. Reichtum scheint mit göttlicher/natürlicher Noblesse gekoppelt zu sein. Und es ist für den Einzelnen eine von Allah anzurechnende Tugend, die Dinge wieder ins Lot zu rücken - also dem Edlen zu helfen, wenn ihm das Glück abhanden kam. Aristoteles, dessen Schriften unter Dscha'far eingeführt wurden, argumentiert, dass aus den getrennten Teilen des zusammenhängenden Ganzen auch immer ein Regierendes und ein Regiertes hervorgeht. Oder - wie Luhmann das hochmittelalterliche Denken in Bezug auf menschliches Handeln und Natur beschreibt: "Beides ist zwar Natur, aber während das Feuer immer heiß ist, wenn es brennt, und die brennbaren Dinge immer verbrennt, erreicht der Adelige nicht immer die seiner Natur entsprechende Perfektion, und dies obwohl die Natur immer in Richtung vom Imperfekten aufs Perfekte nimmt." 43a

...die beiden haben jede einen Brotbeutel um den Hals hängen; ihre Augen sind voller Tränen und ihr Herz voller Betrübnis.

Einen Brotbeutel mussten wir als Kinder im Alter von 5-8 Jahren tragen, und unser Herz war ob dieses umständlichen Utensils und manchmal fraglichen Inhalts ebenfalls oft voller Betrübnis. Designt waren sie wie unsere Schultaschen - außen Leder, innen Plaste. Wurstklappstullen und Äpfel.
Schön der Tag, als wir unsere Stullen ganz normal in der Schultasche transportieren durften (in meinem Fall in ausgewaschenen Milchtüten, wie sie in Ostberlin typisch waren). Und ich habe nicht einmal ein Foto davon. Stattdessen - wie es eben üblich ist - einen Haufen Urlaubsfotos.

Die beiden klagen über ihren verlorenen Sohn und Bruder Ghânim. Kût el-Kulûb darauf:

"Seid getrost, denn dieser Tag ist der erste eures Glücks und der letzte eures Unglücks! Seid nicht mehr traurig!"

 

43 Der historische Harûn er-Raschîd aber starb (ohne gestürzt zu werden) wenige Jahre nachdem er die Barmekiden-Familie ihrer Positionen beraubt und ihre Mitglieder hingerichtet oder eingesperrt hatte. Der Fluch kam, wenn man so will, über Harûns zwei Söhne, unter denen er das Reich aufteilte, das damit instabil wurde.

43a s. Niklas Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaft. 2. Teilband, S. 917, Frankfurt/M. 1998

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