Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Donnerstag, 26. April 2007

47. Nacht

Wirklich kämpfen die beiden, und zwar auf Wunsch der Alten hin sogar nackt, lediglich ein Tuch zwischen die Beine gezogen. Die junge Maid ist stärker als das alte Weib. Sie

hob sie mit beiden Händen hoch; die Alte aber rang, um sich aus ihren Händen zu befreien, und dabei fiel sie auf den Rücken. Da ragten ihre Beine hoch in die Luft, und deutlich waren ihre Haare im Mondschein zu sehen; und sie ließ zwei gewaltige Winde fahren, von denen der eine den Staub auf der Erde aufwirbelte, während der andere bis zum Himmel dampfte.

Nach einem etwas schwer verdaulichen Mahl geschah mir in der Schule ähnliches, als wir Judo kämpfen mussten. Allerdings verhalf mir dieses versehentliche Hilfsmittel zu einer guten Note, da ein Gegner seine Umklammerung löste und ich ihn daraufhin überwältigen konnte (falls meine Winde das nicht schon erledigt hatten).

Die alte Dhât el-Dawâhi bleibt besiegt liegen, während die Maid sich wieder anzieht.

Als nun die Mädchen gefesselt am Boden lagen und die Maid allein dastand, sprach Scharkân bei sich: "Jeder Zufall hat seinen Grund. Es war doch nur mein Glück, dass mich der Schlaf überfiel und das Ross mich hierher trug; vielleicht sollen diese Maid und die anderen, die bei ihr sind, noch meine Beute werden."

Etwas unangemessen wild reitet er mit gezücktem Schwert und "Allah ist der Größte" brüllend, auf das Mädchen zu, das natürlich ob dieser Grobheit etwas erstaunt ist und ihm eröffnet, dass, sobald sie einen Schrei ausstoße, 4.000 Krieger zur Stelle sein würden.
Scharkân, immer noch etwas deppert, fordert die 10 Mädchen als Beute. Das Mädchen schlägt vor, miteinander zu ringen. Wer gewinnt, bekommt den anderen als Beute. Scharkân ist einverstanden, mit der Bedingung, dass er sich loskaufen würde. Das Mädchen nimmt ihm einen Eid über die Vereinbarung ab.
Die Schönheit des Mädchens blendet Scharkân. Sie ruft ihm zu

"Oh Muslim herbei, und lass uns ringen, ehe der Morgen anbricht!", und streifte den Ärmel in die Höhe, der frischem Rahm gleich war, so dass die ganze Wiese durch seine Weiße hell ward; und Scharkân war geblendet.

Tatsächlich werden seine Glieder angesichts ihrer Schönheit so schwach, dass es für sie ein Leichtes ist, ihn zu werfen und sich auf ihn zu setzen. Sie schenkt ihm das Leben.

Scharkân stand auf und schüttelte den Staub von seinem Kopfe gegen die Geschöpfe aus der krummen Rippe47.

Dann fordert er sie ein zweites Mal heraus, da er, wie er meint nicht wegen ihrer Stärke sondern wegen ihrer Schönheit besiegt worden war. Das Mädchen ist einverstanden, löst aber zuvor die Fesseln der anderen 10 Griechinnen, die den Kampf nun aus sicherer Entfernung beobachten, den Scharkân, wie zu erwarten, wieder verliert. Und beim dritten Mal ebenso, obwohl ihm die Maid die wichtigsten Künste und Kniffe des Ringkampfes in Erinnerung ruft:

  • Finte

  • Vorgriff

  • Armgriff

  • Fußgriff

  • Schenkelbiss

  • Fußstoß

  • Beinverschluss

Scharkân gesteht ihr nun, verliebt zu sein und bittet darum, sie begleiten zu dürfen. Sie gewährt es ihm, und reiten über eine Zugbrücke ins Kloster. Scharkân glaubt nun, das Kameradschaftsrecht als auch das Gastrecht genießen zu dürfen. Er bittet sie, mit ihm

in das Land des Islam zu ziehen.

Sie ärgert sich über diese Grobheit und wirft ihm vor, sie betrügen zu wollen, denn dort käme sie nicht nur in Sklaverei, sondern auch in Konkubinenschaft.47a Die Maid lässt nun ihren ganzen Ärger heraus und offenbart, dass sie weiß, dass muslimische Reiter das Land überfallen haben.

nicht wie ein königliches Heer, sondern wie Horden, die sich zusammengerottet haben.

Auch von des Königs Sohn Scharkân habe sie gehört

"Ich wollte nur, dass der Messias ihn in meine Hände gäbe, in ebendiesem Kloster, dann träte ich ihm in Manneskleidung entgegen und würde ihn gefangennehmen und in Fesseln legen."

Bemerkenswert: Dies ist die erste Geschichte, in der das Christentum (noch?) nicht verächtlich gemacht wird. Im Gegenteil: Der Moslem erscheint als einfältiger Grobian. Die Christin als stark, schön und gewitzt. Außerdem bleibt die Kritik am Islam unwidersprochen stehen.

 

47 Anspielung auf Schöpfungsgeschichte. Moses 2.21,22

47a Anspielung auf Koran Sure 4, Vers 3, 28/29

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