Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 22. Mai 2007

52. Nacht

Abrîza wehrt sich durch Dichtung:

Ghadbân, lass ab von mir! Genug hab ich gelitten
Vom Unbill der Geschicke und der grausamen Zeit.
Unzüchtiges Gebaren hat Gott, der Herr, verboten;
Er sprach: 'Wer mir nicht folgt, ist dem Höllenfeuer geweiht.'
Fürwahr, ich werde nie zu schlechtem Tun mich neigen;
Nein, das verachte ich. Lass mich, sieh mich nicht an!
Lässest du mich mit deiner Gemeinheit nicht in Ruhe
Und wahrst nicht meine Ehre um Gottes willen, dann
Ruf ich mit aller Kraft die Mannen meines Volkes
Und hole sie, die Nahen, und auch die Fernen herbei,
Und würde ich auch zerschlagen mit einem jemenitischen Schwerte,
nie zeigte ich einem gemeinen Kerle mein Antlitz frei,
Keinem von allen Freien und Leuten aus edlem Geschlecht -
Und wieviel weniger noch einem elenden Bastard und Knecht!

Abrîza warnt den Sklaven Ghadbân  mehrfach, allerdings in einer Art und Weise, die auch weniger leicht erzürnende Menschen51 aufbringen könnte:

"Wie darf deinesgleichen ein solches Ansinnen an mich stellen? Du Bastardbrut und Tunichtgut! Glaubst du, die Menschen sind alle gleich schlecht?"

Die Rhetorik der Ehre misst hier mit zweierlei Maßstab: Einerseits gilt es, die spezielle adlige Ehre der Prinzessin zu wahren. Und diese funktioniert ihrem Kodex vor allem als Abgrenzung nach unten, zu anderen sozialen Schichten. Das betrifft sowohl das Ansinnen des Sklaven, mit ihr sexuellen Kontakt zu haben aber auch die adelsinternen Codes der Ehre überhaupt (z.B. sich mit Waffen zu verteidigen, obwohl Abrîza hier natürlich auch schon durch ihre Kämpfe die Gender-Grenzen gesprengt hat). Andererseits misst sie an einer "alle Menschen" umfassenden Moral, der zufolge man einer gebärenden Frau nicht mit solchem Anliegen gegenübertritt und schon gar nicht: sie bedroht.

Beim Anhören dieser Worte wurde der elende Knecht noch zorniger, und seine Augen noch röter; er trat zu ihr hin und schlug mit dem Schwert in ihre Halsader und verwundete sie zu Tode.

Ups! Das ist ja nun mal eine narrative Überraschung! Abrîza, die schon Heldin der Geschichte zu sein schien, stirbt hier etwas unvermittelt. Allerdings scheint auch, seit sie durch Omar ibn en-Nu'mân entehrt wurde, kein Platz mehr für die Fortsetzung der Liebesgeschichte zwischen ihr und Scharkân gewesen zu sein. Es ist ein wenig, wie auch in den modernen "Urbanen Legenden": Wer sich in Gefahr begibt, wird bestraft. Hier liegt der Sündenfall bei Abrîza, die ihre Eltern verlässt.

Im Sterben gebiert Abrîza einen Knaben, die Dienerin Mardschâna ist dabei Hebamme. Und während der Sklave Ghadbân flieht, nähert sich eine Staubwolke, und es ist tatsächlich König Hardûb, der seine Tochter suchte und nun sehen muss, dass er nach all der langen Zeit nur Minuten zu spät gekommen ist. Als er dann noch hört, dass der Mörder ein Sklave des Königs Omar ibn en-Nu'mân gewesen ist, und dass dieser König die Prinzessin vergewaltigt hat, steht für ihn fest, Rache zu nehmen. Aber als sie zurückkehren und er sich bei seiner Mutter, der alten Dhât ed-Dawâhi ausheult, sagt diese:

"Niemand hat deine Tochter getötet als Mardschâna."

Und sie rät ihm, die Rache gegen Omar ibn en-Nu'mân von langer Hand vorzubereiten:

"Bringe mir eine Anzahl von Mädchen, hochbrüstige Jungfrauen, und berufe die Weisen der Zeit. Die lass die Mädchen unterrichten in der Philosophie und im feinen Benehmen vor Königen, in der Kunst der Unterhaltung und des Dichtens."

Die Weisen sollen Muslime sein. Und die Rache soll durch diese Mädchen eingefädelt werden:

"denn die Liebe zu den Mädchen ist seine schwache Seite."

 

 

51 Ghadbân = Der Zornige

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