Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 6. Juli 2007

55. Nacht

Sechs Tage brauchen Dau el-Makân, der Heizer und seine Frau, um von Jerusalem nach Damaskus zu ziehen. Aber schon fünf Tage nach ihrer Ankunft dort geht die Frau des Heizers

nach kurzem Siechtum (...) ein zur Gnade Allahs des Erhabenen.

Nun trauern beide: Der Heizer um seine Frau. Und Dau el-Makân um seine Schwester und ebenfalls um des Heizers Frau, die ihn ja pflegte. Aber es ist der frische Witwer, der das Jammern bricht:

"Willst du, mein Sohn, mit mir ausgehen, dass wir uns Damaskus ansehen, damit sich dein Gemüt aufheitere?"

Sie spazieren beide zu den Ställen des Statthalters von Damaskus 55,

wo sie Kamele fanden, beladen mit Kisten und Teppichen und brokatenen Stoffen, und gesattelte Pferde und baktrische Trampeltiere.

Diese sind auf dem Weg nach Bagdad, und der Prinz beginnt zu weinen, woraufhin ihn der Heizer tröstet:

"... weine nicht, denn ich fürchte einen Rückfall."

Spielt Psychosomatik zu jener Zeit eine Rolle in der arabischen Medizin oder spricht hier einfach gesunder Menschenverstand?

*

Man fragt sich nun schon die ganze Zeit, was eigentlich aus Nuzhat, der Schwester Daus, geworden ist, nachdem sie in Jerusalem Medizin für ihren Bruder holen ging.

Auf den Straßen von Damaskus begegnet sie einem fremden Beduinen, der sie bittet, sie möge seiner kranken Tochter Gesellschaft leisten, dann würde er auch ihrem Bruder helfen. Sie willigt ein.

Nun war dieser Beduine ein Bastard und Straßendieb, der Verrat gegen seinen Feind betrieb, ein Räuber, ein listiger, verschlagener Kerl, der weder Sohn noch Tochter hatte, ein richtiger Wegelagerer.

Als Nuzhat ez-Zamân nach nächtelangem Ritt den Betrug bemerkt, weint sie.

"Bei Allah, wenn du nicht aufhörst zu heulen, so schlage ich dich tot, du Dirne aus der Stadt!"

Doch sie hört nicht auf, sich bei ihm zu beklagen, was ihn noch mehr erzürnt:

"Bei meiner Kappe, wenn ich dich wieder heulen sehe oder höre, so schneide ich dir die Zunge ab und stopfe sie in dein Loch, du Dirne aus der Stadt!"

Eine Drohung, die so unerquicklich ist, dass man die Leichtigkeit des Schwurs ("bei meiner Kappe") nicht auf die Probe stellen möchte.

 

55 Was Dau el-Makân nicht weiß: der Statthalter ist sein Bruder.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen