Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 24. Juli 2007

60. Nacht

Um ihre vom Händler so gelobte Klugheit zu prüfen, behält Scharkân die vier Kadis60 bei sich und dem Kaufmann. Seine Halbschwester (und Sklavin) tritt mit den Gattinnen der Kadis hinter einen Vorhang.
Als die Gattinnen der Kadis mit ihren Sklavinnen eintreffen, begrüßt sie diese anmutig

und setzte sie dem Range nach. Sie (...) sagten zueinander: "Dies ist keine Sklavin, sondern eine Königin, die Tochter eines Königs."

In stratifikatorisch differenzierten Gesellschaften nimmt bei zunehmender Herausforderung des stratifikatorischen Prinzips das Bedürfnis des Adels zu, sich durch immer ausgeklügeltere Manieren, Gesten, symbolische Verhaltensweisen vom Nicht-Adel, aber auch innerhalb des Adels zu unterscheiden. Zum Zeitpunkt der Handlung dieser Geschichte dürfte es noch nicht soweit gekommen sein, aber Anmut, Verhalten, Wissen und Tugend fallen quasi automatisch zusammen und offenbaren die noble Herkunft.

Scharkân ruft sie nun an und erbittet einen kurzen Vortrag über die vielen Themen, auf denen sie angeblich so bewandert sei,

selbst in der Astronomie.

Warum ausgerechnet ihre astronomischen Kenntnisse ein solches Erstaunen bei ihm hervorrufen, scheint mir unklar: Gilt diese Wissenschaft als modern in jenen Zeiten? Oder verwundert ihn, dass ausgerechnet eine Frau sich hier auskennt?

Nuzhat beginnt ihren Vortrag mit dem Thema Regierungskunst.
Die Welt werde eingeteilt in die religiöse und die weltliche.
Das weltliche Wirken zerfalle in

  • Regierung

  • Handel

  • Ackerbau

  • Handwerk

Diese Einteilung wirkt ein wenig befremdlich, sie ist einerseits feiner als die altgriechische, die nur zwischen Haushalt (Wirtschaft) und Politik (Öffentlichkeit) trennt, andererseits fragt man sich, wo sich hier z.B. die Bildung und das Familienleben einordnen.

Nuzhat ez-Zamân zitiert den König Ardaschîr I.60a

"Religion und Königstum sind Zwillingsgeschwister; die Religion ist ein verborgener Schatz, und der König ist sein Wächter."

Sie kategorisiert außerdem die Könige:

  • König des Glaubens

  • König, der das Heilige schützt

  • König der eigenen Lüste

Von Ardaschîr weiß sie obendrein zu berichten, dass dieser vier Siegelringe anfertigen ließ:

  • Siegel des Meeres: Staatsdienste

  • Siegel der Steuern: Kultur

  • Siegel der Ernährung: Fülle

  • Siegel der Bedrückung: Gerechtigkeit

Das ist für einen Systemtheoretiker schon erstaunlich: Fülle kann ja leicht umgekehrt gedacht werden: Knappheit - die Kontingenzformel des Wirtschaftssystems, Gerechtigkeit die des Rechtssystems.

 

 

60 Die vier Kadis sind (neben Scharkân) die höchsten Richter der Stadt und die Vertreter der vier orthodoxen Rechtsschulen. Um ein solches Amt zu bekleiden, muss derjenige nicht nur juristisch, sondern auch allgemein gelehrt sein. Insofern dürfte Scharkân eine gute Wahl getroffen haben.

60a Bemerkenswert, dass ein vorislamischer Staatsmann der Erste ist, den sie zitiert. Ardaschîr ist der persische Begründer der Sasanidendynastie (ab 224 n.Chr.). Aber er galt auch in islamischer Zeit als erfolgreicher Expansions- und Innenpolitiker.


Ardaschîr nimmt hier den Ring der Macht entgegen.

 

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