Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 28. August 2007

76. Nacht

Der Eunuch erwischt den Heizer gerade noch, als dieser auf seinem Esel fliehen will. Er lässt ihn von Sklaven bewachen, und der Heizer glaubt nun, Dau el-Makân habe ihn verraten. Dass ihm aber statt des Esels ein Pferd zur Verfügung gestellt und ihm Zuckerscherbett serviert wird, irritiert ihn dann doch. Der Eunuch treibt so sein Spiel mit ihm.

Der Heizer ist immer noch namenlos. Der Eunuch sowieso.

Die Karawane zieht weiter.

Der Kammerherr ritt bald an der Tür der Sänfte seiner Gemahlin, um den Prinzen Dau el-Makân und seine Schwester zu bedienen, bald behielt er den Heizer im Auge.

Der permanente Wechsel im sozialen Status des Kammerdieners bleibt interessant. Bis vor kurzem war er der höchste Würdenträger innerhalb der Karawane, nun wieder ist er zurückgeworfen auf seine Funktion als Kammerdiener. Da ihm aber gleichzeitig die wahre Stellung seiner Gattin offenbart wurde, kann er sich berechtigte Hoffnungen auf eine fürstliche Zukunft machen.

Man befindet sich drei Tagesmärsche von Bagdad entfernt, als sich eine dunkle Staubwolke auf sie zubewegt. Er reitet ihr mit seinen Mamluken entgegen, und es stellt sich heraus, dass es ein Heer aus Bagdad ist. Die Nachricht, dass der König Omar ibn en-Nu'mân tot ist, ruft Verwunderung hervor.

Auch beim Leser, der ja bisher, wie der Erzähler, in einer Allwissenheits-Perspektive war.

Der Wesir Dandân, der sich in einem Zelt des Heers aufhält, berichtet, dass der König vergiftet worden sei. Im Volk sei daraufhin Unruhe über die Nachfolge ausgebrochen. Eigentlich würde sie Scharkân zustehen, das Volk liebe aber Dau el-Makân, der aber seit fünf Jahren mit seiner Schwester als verschollen gilt.

Im deutschen Recht ( Verschollenengesetz ) wird ein Verschollener für tot erklärt, wenn man 10 Jahre nichts von ihm gehört hat. 76 Ausnahmen sind u.a.:

  • Schiffsunglücke - 6 Monate

  • Flugzeugunglücke - drei Monate

  • Kriegsende - ein Jahr

  • über 80jährige - 5 Jahre

Eine Hidschaz muss zu jener Zeit ziemlich gefährlich gewesen sein, so dass die Kadis, die über die Nachfolge zu entscheiden hatten, getrost vom Tod des Geschwisterpaars ausgehen konnten.

So sei man nun auf dem Wege nach Damaskus, um Scharkân zu holen. Da aber Dau el-Makân nun heimkehrt, wird dieser wohl Sultan von Bagdad.

Der potentielle Konflikt unter den Brüdern, die sich kaum je sahen, wird verschärft. Fragt sich nur, wer den König tötete. Ich als Leser hätte da die hochbusigen, gelehrten Jungfrauen im Verdacht.

 

 

76 (Interessant auch für das Erbrecht: Im deutschen Recht gelten zwei gleichzeitig Verschollene als gleichzeitig gestorben. Im englischen Common Law gilt der Ältere als zuerst gestorben.)

Montag, 27. August 2007

75. Nacht

Nachdem Dau el-Makân, immer noch nichts ahnend, ein weiteres Gedicht improvisiert hat, schiebt seine Schwester Nuzhat ez-Zamân den Vorhang der Sänfte beiseite.

Sie aber warf sich ihm entgegen, und er riss sie an die Brust, und beide fielen ohnmächtig nieder. Als der Eunuch die beiden so sah, da staunte er, warf eine Decke über sie und wartete, bis sie wieder zu sich kamen.

Das ständige In-Ohnmacht-Gefalle der Protagonisten ist schon beachtlich. Es erinnert an bürgerliche Damen des 19. Jahrhunderts (bzw. aus Romanen des 19. Jahrhunderts), bei denen aber unzureichende Bewegung auch eine Rolle gespielt haben dürfte. Natürlich kann man auch spekulieren, ob diese kurzen Bewusstlosigkeiten nicht auch antrainiert sind, eine Art psycho-soziale Konditionierung: Man fällt in Ohnmacht, "weil es sich so gehört".
Dass diese Anfälle nicht so schlimm sein können, beweist der Eunuch, der lakonisch die Decke über die beiden wirft und wartet, anstatt beispielsweise lebensrettende Maßnahmen einzuleiten. Dennoch bleibt es unklar, ob es sich eher um ein Synkope (Kurzes Wegtreten) oder um eine längere Bewusstlosigkeit handelt.

Das Zwillingspaar berichtet einander über die Ereignisse der letzten Monate, und Dau el-Makân nimmt es erstaunlich gelassen hin, dass sein Bruder Scharkân die Schwester schwängerte. Der Kammerherr (inzwischen schließlich der Gatte von Nuzhat ez-Zamân) tritt hinzu und erfährt nun zum ersten Mal, mit einer Königstochter verheiratet zu sein:

und so sprach er bei sich selber: "Mein Geschick wird sein, dass ich Vizekönig werde in irgendeiner Provinz."

Zu hohe Hoffnungen, vor allem gepaart mit Gier, sind eine Steilvorlage für Tragödien. Man darf gespannt sein, welche Rolle diese Hoffnung noch spielt.

Dau el-Makân wird fürstlich bewirtet und erhält ein fürstliches Ross. Der Eunuch erhält Anweisung, für den Heizer zu sorgen.

Mittwoch, 22. August 2007

74. Nacht

Eine gewisse ironische Wendung nimmt die Geschichte, als Dau el-Makân ohne es zu wissen die eigen Schwester beschimpft, nachdem der Eunuch ihn bittet, ihn zu seiner Herrin zu begleiten:

"Woher ist denn diese Hündin, die nach mir sucht? Gott verfluche sie und verfluche mit ihr ihren Gatte!"

Da es dem Eunuchen verboten wurde, Gewalt anzuwenden, überredet er Dau el-Makân mit den 1000 Dinaren und der Aussicht auf weitere Geschenke.

Der alte Onkel-mit-Bonbons-Trick.

Der Heizer aber schlich hinter ihm her und behielt ihn im Auge, indem er bei sich selber sprach: "Wehe um seine Jugend! Morgen werden sie ihn hängen."

In der Nähe von Nuzhat ez-Zamân wird er aufgefordert, weitere Verse zu rezitieren, und als sie seine Stimme vernimmt,

schluchzte sie noch heftiger als zuvor.

Dau el-Makân:

"... ich bin von allen getrennt; aber die liebste von ihnen war mir meine Schwester, die mir das Schicksal entriss. Als Nuzhat ez-Zamân seine Worte hörte, schwieg sie eine Weile, dann rief sie aus: "Allah der Erhabene vereinige ihn wieder mit der, die er liebt!"

Unklar hier: In welcher räumlichen Situation befinden sie sich? Sitzt Nuzhat ez-Zamân in der Sänfte oder in einem Zelt? Wie ist überhaupt das Lager organisiert, wenn die Karawane rastet und nächtigt? In der 73. Nacht wurde angedeutet, dass Wächter durch das Lager patrouillieren und jeden ergreifen, der nicht an seinem Platz bleibt. Befindet sich das Lager außerhalb oder innerhalb der Stadt?

Dienstag, 21. August 2007

73. Nacht

Nervös macht sich der Eunuch nun auf die Suche nach dem die Nachtruhe störenden Rezitator. Der Einzige, den er wachend findet, ist der Begleiter von Dau el-Makân, der Heizer,

den er mit unbedecktem Kopfe dasitzen sah.

Welche Art von Indiz das sein soll, ist unklar. Zu welchem Anlass nimmt man denn die Kopfbedeckung ab?

Der Heizer streitet abermals ab, der Verfasser der Verse zu sein.

Darauf küsste er dem Eunuchen das Haupt und sprach ihm gut zu, bis dieser ihn verließ.

Eine etwas aus der Mode gekommene Praxis: Einen Ordnungshüter aufs Haupt küssen um ihn zu besänftigen.

 woraufhin sich der Eunuch versteckt, da er es nicht wagt, ohne Dichter zu Nuzhat ez-Zamân zurückzukehren. Und wieder beschwört der Heizer den aus der Ohnmacht erwachenden Dau el-Makân, mit dem Rezitieren aufzuhören. Ohne Erfolg:

Ich weise jeden Tadler zurück;
Denn sein Tadel quälte mich.
Er schilt mich, aber das weiß er nicht:
Durch sein Gebaren reizte er mich.
Verleumder sprachen: "Er fand Trost."
"Durch Liebe zur Heimat", sagte ich.
Sie fragten: "Was ist schön an ihr?"
Ich sprach: "Was trieb zur Liebe mich?"
Sie fragten: "Was macht sie so wert?"
Ich sprach: "Was trieb ins Elend mich?"
Von ihr zu lassen - das sei fern,
und tränkte der Kelch des Leidens mich!
Auf einen Tadler höre ich nicht,
Schilt er wegen Liebe mich.

Der Eunuch tritt auf Dau el-Makân zu, und beide begrüßen sich höflich.

Montag, 20. August 2007

72. Nacht

Der Einzige, den der Eunuch wach findet, ist der Heizer, von dem Dau el-Makân begleitet wird. Gefragt, ob er es gewesen sei, der die Verse rezitierte oder ob er den Rezitator sah, streitet er aus Angst ab. Nachdem sich der Eunuch verzogen hat, erwacht Dau el-Makân, und der Heizer ermahnt ihn, nun doch still zu sein:

"Mein Lieber, als du in Ohnmacht lagst, kam der Eunuch mit einem langen Stab aus Mandelholz in der Hand." 72

Dau el-Makân scheint nun besessen zu sein:

"Wer sollte mir verbieten, Verse zu sprechen? Ich tue es doch, komme, was da kommen will; denn ich bin dicht bei meiner Heimat und kümmere mich um niemand."

Selbst die Mahnung, dass alle anderen gerade ihre wohlverdiente Nachtruhe halten, kann unseren jungen Helden nicht abhalten:

Wir lebten dahin; uns waren die Tage Diener des Glückes,
Im schönsten Lande umfing uns innigste Einigkeit.
Wer kann das Haus meiner Lieb mir wiederbringen, darinnen
"Das Licht des Ortes" weilte und auch die "Wonne der Zeit". 72

Nach diesen Versen schrie er laut dreimal, dann fiel er ohnmächtig zu Boden.

Bei aller Liebe zu selbstverfasster Lyrik: Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass sich jemand derart an den eigenen Gedichten aufgeilt.

Und wieder schickt Nuzhat ez-Zamân den Obereunuchen in die Spur, den Sänger zu finden, diesmal mit der Drohung, den Eunuchen verprügeln zu lassen, wenn er ohne Sänger käme und mit einhundert Dinaren, die er dem etwaigen Sänger geben solle.

 

72 Warum der Eunuch ausgerechnet einen Stab aus Mandelholz bei sich führt, konnte ich nicht eruieren. Auf jeden Fall handelt es sich um wertvolles Hartholz, das sich als Material für Prügelwaffen ganz gut einsetzen lässt.

Die letzte Zeile des Gedichts muss als Anspielung auf die Namen des Geschwisterpaars Dau el-Makân und Nuzhat ez-Zamân verstanden werden.

Sonntag, 19. August 2007

71. Nacht

Die Karawane zieht weiter bis nach Dijâr-Bekr 71 .

Dort setzt sich Dau el-Makân des Nachts nieder und spricht, als alle anderen schlafen, die Verse:

Mein Lieb, wie lange soll ich in diesem Dulden verharren,
Kein Bote kommt zu mir mit Kunde von dir her.
Ach sieh, die Zeit des Nahseins war nur von kurzer Dauer;
Ach, dass die Zeit der Trennung doch auch so kurz nur wär!
Ergreife meine Hand, nimm ab das Kleid und schaue:
Verzehrt ist mir der Leib, und doch zeigt ich es nicht.
Sagt jemand, ich solle mich trösten in meiner Liebe, dem sag ich:
Bei Gott, ich kann mich nicht trösten bis zum Jüngsten Gericht.

Nach einem weiteren derartigen Gedicht, fällt Dau el-Makân in Ohmacht.

Man muss wohl davon ausgehen, dass diese Verse improvisiert sind. Könnte man sich vorstellen, dass er in Ohnmacht fällt, wenn er die Verse Stunden vorher komponiert hat oder wenn sie von jemand anderem stammen? Es muss die Ekstase des eigenen Schaffens sein.

Nuzhat ez-Zamân hingegen wird es leicht ums Herz, als sie diese Stimme hört. Der Eunuch, den sie ruft, will nichts gehört haben. Doch er soll ihr den Dichter bringen.

 

 

71 Dijaâr-Bekir heute als Djyarbakir bekannt. Die Karawane muss einen ziemlich Umweg genommen haben. Es wird nicht erklärt, warum. Vielleicht war die Straße sicherer - geographisch und politisch.

70. Nacht

Die Bitte des gemeinsamen Vaters Omar, ihm die gebildete Sklavin zu schicken, bringt die beiden in eine arge Bredouille. Nuzhat ez-Zamân macht den Vorschlag, tatsächlich nach Bagdad zu reisen, wo sie ihrem Vater alles erklären will.

Dieser Vorschlag überrascht vor allem, weil er so einfach und kommunikativ ist, wo doch die Protagonisten hier dazu tendieren, aus Scham, Eitelkeit oder Ehre zu Tricks zu greifen oder zu fliehen.

Die gemeinsame Tochter Kudijâ Fakân bleibt in Damaskus, während der Tribut bereitgestellt wird. Siehe da - Dau el-Makân und der Heizer beobachten das Beladen der Maultiere, Kamele und Trampeltiere und Dau el-Makân beschließt, sich der Karawane anzuschließen. Der treue Heizer zieht mit.
Die Karawane zieht los, und nach fünf Tagen erreichen sie die Stadt Hama , wo sie drei Tage verweilen.

Interessant wäre es, die Handlung zeitlich einzugrenzen: Da Hama 1401 zerstört wurde, muss die Handlung vorher spielen. Wahrscheinlich lassen sich ohnehin lauter Widersprüche finden, denn einen Herrscher Omar ibn en-Nu'mân hat es in Bagdad nie gegeben.

Samstag, 18. August 2007

69. Nacht

Nuzhat ez-Zamân berichtet ihm nun ihre ganze Geschichte. Ihr Bruder schlägt ihr nun auf ungewöhnlich ruhige Weise vor, sie möge seinen Kammerherrn ehelichen, damit die "Todsünde" der Welt nicht bekannt würde.

Nun also doch Todsünde im Islam, über deren Existenz wir noch in der 66. Nacht  spekuliert hatten. Aber vielleicht hat es sich auch der Übersetzer hier ein bisschen einfach gemacht.

Die Tochter der beiden wird Kudija-Fakân69 genannt.

Wenn diese Story klassisch ablaufen sollte, dann kann dieses Kind eigentlich nur Bringerin oder Empfängerin von Unglück werden.

Tatsächlich wird Nuzhat ez-Zamân nun mit dem Kammerherrn vermählt und das Kind aufgezogen

mit Hilfe der Sklavinnen und pflegten es mit allerlei Säften und Pulvern.

Ist die Ehe einer Königstochter mit dem Kammerherrn überhaupt standesgemäß? Säfte und Pulver als Mittel des Aufziehens? Oder ist es ein Hinweis auf die Kränklichkeit der Inzesttochter?

Ein Brief von Omar ibn en Nu'mân trifft ein, in dem dieser den Tribut von Damaskus einfordert. Außerdem berichtet er davon, dass eine alte Griechin engetroffen sei.

und bei ihr sind fünf Mädchen, hochbusige Jungfrauen, die beherrschen das Wissen, die Bildung und die feine Wissenschaft

Hochbusig und gebildet. Eine in der Tat seltene Kombi.

Diese Mädchen seien, so die Alte, nur für den Preis des Tributs von Damaskus zu verkaufen, außerdem bitte Omar seinen Sohn, auch das von ihm so gepriesene Mädchen zu schicken, damit dieses sich mit den gelehrten Mädchen im Wissensstreit messe.

Die Alte, so können wir ahnen, muss Dhat ed-Dawahi sein, die Mutter des mit König Omar verfeindeten Griechenkönig Hardûb. Ihr Plan  beginnt nun zu reifen.

 

69 Kuija Fakân = "Es war bestimmt und es geschah." Eine Anspielung auf die unergründlichen Wege Allahs, denen man sich zu fügen habe.

Donnerstag, 16. August 2007

68. Nacht

Scharkân liest weiter im Brief seines Vaters, welcher den Verlust seiner Kinder beklagt:

Ihr Bild entschwindet nie, nicht eine einz'ge Stunde
Im Herzen wies ich ihm den Platz der Ehren zu.
Wär Hoffnung nicht auf Heimkehr, ich lebte keine Stunde.
Wär nicht das Bild des Traumes, ich fände keine Ruh.

Beachtlich das originelle Reimpaar Stunde/Stunde.

Als Scharkân das Schreiben gelesen hatte, da grämte er sich um seinen Vater, aber er freute sich um den Verlust seines Bruders und seiner Schwester.

Scharkân besucht nun seine Schwester/Gemahlin Nuzhat ez-Zamân, die gerade im Geburtstuhl  saß und entbunden hat, um ihr den Brief zu zeigen. Seine Freude über die neugeborene Tochter, der man erst am siebten Tage nach der Geburt einen Namen geben will (denn "Das ist der Brauch unter den Menschen") 68, währt nur so lange, bis er den Juwel
an deren Hals sieht,

eins von den dreien, die Prinzessin Abrîza aus Griechenland mitgebracht hatte.

"Woher hast du das Juwel, Sklavin?"

Erst jetzt platzt es aus Nuzhat ez-Zamân heraus:

"Schämst du dich nicht, mich Sklavin zu nennen? (...) Ich bin Nuzhat ez-Zaman!"

Als er diese Worte hörte, fasste ihn ein Zittern und er ließ den Kopf zu Boden hängen.

Depression ist für Scharkân eine eher untypische Reaktion. Bisher reagierte er auf unschöne Nachrichten eher explosiv.

 

68  Für die Katholiken hingegen scheint es ja eher wichtig zu sein, die Taufe möglichst schnell über die Bühne zu bringen, damit, falls das Kind stirbt, es nicht ungetauft im Fegefeuer landet. Sollte der Säugling ungewöhnlich schwach sein, kommt sogar eine Nottaufe in Betracht.

Mittwoch, 15. August 2007

67. Nacht

Scharkân hat genug von der Weisheit des Mädchens gehört, die ihm die anwesenden Kadis bestätigen:

"Macht euch daran, die Hochzeitsfeier zu rüsten und bereitet Speisen jeglicher Art."

Heutzutage würden seine Eltern bedenklich das Haupt schütteln: "Eine Philosophin? Na ick weeß ja nich."

Es wird gespeist und musiziert. Dann führen die Kammerfrauen die Maid fort, um sie zu schmücken und anzukleiden; doch sie bemerkten, dass sie keines Schmuckes bedurfte.

Derart knapp wurde die Schönheit eines Mädchens hier noch nicht auf den Punkt gebracht.

Scharkân lässt sich nun im Prunksitz seine Braut in verschiedenen Gewändern vorführen. Dann geben ihr die Kammerfrauen

die Ermahnungen, die man Jungfrauen in der Hochzeitsnacht zu geben pflegt.

Welcher Natur diese Ermahnungen sein mögen, davon mag man spekulieren. Nur sexueller? Oder betreffen sie auch das Leben "danach"?

Scharkân ging zu ihr ein, und nahm ihr das Mädchentum; und sie empfing in selbiger Nacht, und als sie es ihm sagte, da freute er sich sehr und er befahl in den Gelehrten, die Zeit der Empfängnis zu verzeichnen.

Ein wenig unklar: Will sie es noch in derselben Nacht gewusst haben? Dann muss sie ein gutes Gespür für ihren Körper haben, wie man es sonst nur von reiferen Frauen kennt. Selbst die Mucus-Methode muss man eine Weile trainieren.
Oder sagt sie es ihm Wochen später? Der Umstand, dass er gleich zu seinen Gelehrten geht, deutet darauf hin. Es ist schließlich unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die Gelehrten hinter der Tür des Hochzeitsgemachs warten.

Voller Freude schreibt Scharkân an seinen Vater über seine neue Sklavin/ Braut, und er bittet ihn, sie bei sich zu Besuch aufzunehmen, damit sie seine Geschwister Dau el-Makân und Nuzhat ez-Zamân kennenlerne.

(Nicht wissend, dass er gerade seine eigen Schwester entjungfert hat.)

Der betrübte Vater in Bagdad erwidert ihm mit einem traurigen Brief, in dem er vom Verschwinden der beiden berichtet.

Dienstag, 14. August 2007

66. Nacht

Doch als die Sechsundsechzigste Nacht anbrach, fuhr sie also fort: Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, dass Nuzhat ez-Zamân zu ihrem Bruder Scharkân, ohne ihn zu erkennen, in Gegenwart der vier Kadis und des Kaufmanns sagte: "Hier endet der zweite Abschnitt des ersten Kapitels."

Das lässt befürchten, dass Nuzhat ez-Zamân uns noch viele weitere Kapitel und Abschnitte über die Tugend und die Versuchungen großer Kalifen und Weiser referieren wird, doch ein kurzes Vorblättern zeigt, dass wir schon in der 67. Nacht davon befreit werden.

Noch einmal betont sie, dass Omar ibn Abd el-Malik seiner eigenen Sippe nichts aus dem Staatsschatz zukommen ließ und sich von etwaigen Ausschweifungen seiner Statthalter distanziert.
Sie berichtet außerdem, dass Châlid ibn Safwân den Kalifen Hischâm ibn el-Malik durch eine kleine Anekdote von seiner Prunksucht befreite.

Ist Prunksucht eine Todsünde? Vielleicht wenn man sie als Teil der Eitelkeit versteht. Kennen die Moslems die Todsünde überhaupt?

Ein kleiner Test auf http://www.4degreez.com/misc/seven_deadly_sins.html ergibt bei mir:

  • Habgier: mittel

  • Völlerei: mittel

  • Zorn: sehr niedrig

  • Trägheit: niedrig

  • Neid: sehr niedrig

  • Wolllust: mittel

  • Stolz: mittel

Als empirischer Sozialforscher stellt man sich natürlich Frage nach der Validität solcher Tests. Warum spielt meine moralisch indifferente Haltung zum Thema enge Kleidung meiner Todsünde der Wollust zu?

Mittwoch, 8. August 2007

65. Nacht

Nuzhat ez-Zamân berichtet, wie Omar ibn Abd el-Azîz die Nachfolger Mohammeds bezeichnet

  • Abu Bakr als den Wahrhaftigen, der"den Strom ließ, wie er war"

  • Omar als einen Kämpfer im heiligen Krieg

  • Othmân lenkte "ein  Bächlein von dem Strome ab"

  • Jazîd, Abd el-Malik, el-Walîd lenkten mehr Wasser vom Strom ab

  • Er selber wolle den Strom in sein altes Bett führen.

Ausführlich begründet er, warum er seiner Familie nichts vererben (sie also bevorzugen) könne. 65

Trotz seiner körperlichen Schwäche verschmähte er beim Predigen von der Kanzel ein Kissen.

Um dieser narrativen Inhaltsarmut etwas entgegenzusetzen, eine Bemerkung zum letzten Wort "Kissen": Kissen gehören - neben Fernseher und Tic Tac - zu den Dingen, die ich, obwohl ich sie oft nutzte, mir seltsamerweise nie selber gekauft habe. Sitzkissen sind mir fremd. Und doch muss ich mir eingestehen, dass ich sie inzwischen des öfteren bevorzuge. Dagegen mag ich es immer weniger, in Sesseln oder Sofas zu versinken, da man darin müde wird. Tic Tac ist der Fisherman für elegant wirken und  wollende Büro-Damen, die einen gewissen (wenn auch keinen übersteigerten Wert) auf Atemfrische legen. Vielleicht war es die Zutat "Verdickungsmittel: Gummi Arabicum", das mich von einem Kauf immer abschreckt. Seltsamerweise wirbt die Firma immer noch damit, dass diese Bonbons nur 2 Kcal beinhalten, so als ob man diese Kalkulation in seinen Tagesernährungsplan einschlösse. "Einschlösse" ist ein seltsamer Konjunktiv. Heute habe ich in der Zeitung seit langer Zeit mal wieder das Wort "stürbe" gelesen. Ich glaube nicht, dass ich dieses Wort schon mal gehört habe. Stürbe ich, ohne das Wort "stürbe" gehört zu haben, stürbe mit mir eine Hoffnung.

 

 

65 Anscheinend war die Bevorzugung der eigenen Sippe seit Othmân (ein Omayade, der noch zu den "rechtgeleiteten" Kalifen zählte) Usus. Umso revolutionärer erscheint also hier die Haltung von Omar ibn Abd el-Azîz.

Freitag, 3. August 2007

64. Nacht

Wenn ich mein Lese- und Bloggertempo beibehalte, werde ich ungefähr im Frühling 2015 damit fertig sein. Wer weiß, ob es dann so etwas wie Blogs dann noch gibt. Das ist dann wahrscheinlich so altmodisch, wie heute die alten Quix-Geräte. (seit 2000 außer Betrieb). Oder wie Handys, bei denen man noch eine Art Antenne rausziehen musste. Oder wie Web-Adressen, die nur aus Zahlen bestanden. Oder wie E-Mail-Adressen, die bei Snafu 25 DM kosteten. Oder wie Telegramme. (Die sind ja schon länger aus der Mode gekommen. Der Telegramm-Service wurde in Deutschland im Jahr 2003 eingestellt. Fragt sich, wer das damals noch benutzt hat. Wer war der letzte Telegramm-Abschicker?) Oder wie Disketten. Ich werde wohl mein Lektüre-Tempo erhöhen müssen.

Nuzhat ez-Zamân lobt weiterhin einige Weisen und Nachfolger Mohammeds:
Omar ibn el-Chattâb

  • lässt einen braven Mamluken frei, der daraufhin Allah um die noch größere Befreiung 64 bittet.

  • kleidete sich schlicht und aß derbe Kost, seinen Dienern gewährte er dagegen Gutes.

  • gab selbst auf dem Sterbebett nichts vom Gut der Gläubigen an seine Verwandten.

Weiterhin werden für ihre Weisheit und Rechtschaffenheit gelobt: El-Hasan el-Basri, Sufjân,Abdallah ibn Schaddâd (auch von den Sunniten als glaubwürdig eingestufter Gefährte Alis),Omar ibn Abd el-Aziz (8. Omaijadenkalif, Erfinder des Gelben Flecks für Juden).

Das Thema, dass das Gut der Gläubigen nicht direkt den Verwandten (d.h. wohl dem eigenen Stamm) zugute kommen soll, zieht sich leitmotivisch durch diese sonst langweiligen Anekdoten. Die Kalifen und politischen Führer müssen in einer schwierigen Lage gewesen sein: Einerseits die Forderungen der Familien auf Unterstützung (was der Koran ausdrücklich vorsieht), anderseits darf gegenüber den anderen Stämmen kein Verdacht von Vetternwirtschaft auftauchen, sonst zerbricht das noch labile Gebilde der dynastischen Kalifatsherrschaft, wie es ja durch die Schia auch geschah: Der Streit um die direkte Nachfolge Mohammeds war ja nur der Anlass, ungeschickte politische Schachzüge einzelner Führer, vor allem Alîs, verhinderten auch eine rasche Einigung. Die Moslems kauen heute noch daran.

 

 

64 Befreiung vom Höllenfeuer?