Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 26. Oktober 2007

91. Nacht


In meinem Hof steht ein Dreirad. Angeschlossen. Ich weiß nicht, wie lange es dort noch stehen wird. Es hat Michael Stein gehört. Michael Stein, der am Mittwoch, dem 24. Oktober 2007 gestorben ist.
Das erste Mal habe ich Michael Stein 1997 bei der Reformbühne Heim und Welt gesehen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen las er nicht vor, sondern hielt Reden. Er improvisierte Predigten auf Grundlage von Zeitungsschnipseln, Wissenschaftsmeldungen, deren Sinn er radikal zuende dachte. "Gott hat mir eine Stimme gegeben, damit ich zu euch spreche", mit diesen Worten leitete er lange Zeit das legendäre Gebet gegen die Arbeit ein: Arbeit, Geißel der Menschheit...
Für ihn war Arbeit tatsächlich eine Geißel. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, seine Lebenszeit damit zu verschwenden, sinnlose Produkte auf Befehl zu produzieren. Wenn Michael Stein auf der Bühne sprach, wurde man als Zuhörer recht schnell aus den Denkgewohnheiten geworfen. Als die NPD 1998 im Wahlkampf die Parole "Arbeit zuerst für Deutsche" plakatierte, rief Stein dazu auf, die NPD "rechts zu überholen", da er als Deutscher von solch einer Forderung ja betroffen sei, und Arbeit das letzte sei, was man von ihm fordern könne. Und auch von den Lesebühnen verschwand auch der Bühnenarbeiter Stein immer wieder für einige Monate, und nur wenige im Publikum ahnten, dass die vorgetragenen Entschuldigungen seiner Kollegen: "Er hat gerade keine Lust, hier zu arbeiten", "Er hat sich beim Vom-Gerüst-Fallen die Lunge verletzt", "Er ist im Gefängnis" völlig der Wahrheit entsprachen.
War Provokation sein Medium oder war sie sein Zweck? Er bemühte sich um eine Kolumne in der Jungen Freiheit, nur um seine Freunde, die es sich so behaglich in ihrem linksradikalen Knusperhäuschen eingerichtet hatten, zu nerven. Er nannte seine Kollegin Ebony Browne "Neger". Er hielt sich Luftschlangenrollen an die Schläfen, und erst als er sie sich bis auf den Boden entrollen ließ, erkannte man, dass er einen Juden mit Schläfenlocken mimte. Wenn er gegen BVG-Kontrolleure in Wut ausbrach, war er kaum zu stoppen. Ob das Gerücht stimmt, dass er bei einer Veranstaltung sein Glied entblößte, lässt sich aus den damals anwesenden Mitgliedern nicht herausquetschen. Stein wurde wegen Besitzes einer Luftdruckwaffe verhaftet und schlug einen früheren Freund krankenhausreif. Mir schien, dass er seinen Provokations- und Gewaltimpuls erkannte und ihn für die Bühne nutzbar machte, er war sein Instrument. Und gleichzeitig sah er auch die Gefahr, die dieser Impuls für sein Leben darstellte. Er belegte ein Anti-Gewalt-Training und wandte sich dem Buddhismus zu. Viele der Zuschauer hielten die Vorträge darüber für einen Gag, so wie sie das "Nazis rechts überholen" für einen Gag hielten, und so wie sie es auch für einen Gag hielten, als er auf der Bühne seine Krebs-Diagnose verkündete. Ärzte stammen von Friseuren ab, sie wollen nur abschneiden, entgegnete er allen, die ihn davon zu überzeugen versuchten, sich operieren zu lassen. Litt Stein an Witzelsucht? Hatte er sich in seiner Radikalität, sich von niemandem vorschreiben zu lassen, was er zu tun habe, verrannt? Oder war es ihm womöglich klar, dass er bald sterben würde und dass er die Zeit, die er hatte nicht mit solchem quälenden Schnickschnack wie Operation an der Lunge verschwenden solle? Ich fürchte, Stein hat sich überhaupt nicht entschieden.
Stein konnte überaus komisch sein und wäre ein großartiger Schauspieler geworden. Er parodierte lebensnah Max Schreck, Andreas Gläser, Eberhardt Cohrs.
Stein war auf eine seltsame Weise freundlich. Ich habe ihn fast nur lächelnd erlebt. Den Buddhismus haben wir gleichzeitig entdeckt, distanziert, so wie man eine neue, faszinierende Musik entdeckt. Er empfahl mir Thich Nhat Hanh ("Das erste Ziel ist Froschlosigkeit"), ich schenkte ihm meine Übersetzung von Stephen Nachmanovitchs "Free Play" ("Das Tao der Kreativität"). Gestern stand seine Freundin vor der Tür, sie gab mir etwas, "das Stein von dir immer aufgehoben hat": Eine Zigarette. Langsam erinnerte ich mich wieder - Stein hatte mich vor vielleicht sechs oder sieben Jahren um eine Zigarette gebeten, ich gab ihm eine, nicht ohne sie zu beschriften: "Für meinen alten Kumpel Michael Stein. Dan", was zu diesem Zeitpunkt von mir beinahe anmaßend war - ich kannte Stein nur von wenigen Gesprächen und acht bis zehn gemeinsamen Auftritten. Es war aber nicht nur eine Anmaßung, es war ein Freundschaftsangebot. Dass er diese Zigarette nicht geraucht, sondern aufgehoben hat, verstehe ich jetzt als Annahme des Angebots.
Ich hatte Stein Anfang Oktober dabei geholfen, das Dreirad in den Hof zu schieben. Er war schon zu schwach. Herbstlaub sammelt sich jetzt im Korb des Fahrrads. Ich sehe es jeden Tag, wenn ich aus dem Fenster schaue.

***



Die entrüsteten Christen reiten gegen Scharkân an.

Ein Beispiel für die seltsamen Prosareime (bzw. ihre seltsame Übertragung ins Deutsche):

Da vereinigten sich alle wider Scharkân und zeigten ihm Schwert und Lanze, und sie stürmten zum Streite und blutigen Tanze. Heer stieß auf Heer in Kampfeslust, und Huf trat auf Brust. Lanzen und Schwerter hatten zu schaffen, Arme und Hände fingen an zu erschlaffen, und die Rosse sahen aus, als seien sie ohne Beine erschaffen; und der Kampfesherold rief immerdar, bis jede Hand ermattet war und der Tag zur Rüste ging und die Nacht alles mit Dunkel umfing. Da aber trennten die Heere sich; und es war, als ob jeder Held einem Trunkenen glich, ermattet von Schwerthieb und Lanzenstich. Der Boden war übersät mit Leichen, und furchtbar waren die Wunden; doch keiner, der fiel, wusste, durch wen er den Tod gefunden.

Lyrik war wohl nicht die Stärke von Enno Littmann.

Scharkân heckt nun einen Plan aus: Dau el-Makân und der Wesir Dandân sollen sich mit 20.000 Reitern in einen Hinterhalt legen, und Scharkâns Truppen werden eine Flucht vortäuschen.

Sonntag, 21. Oktober 2007

90. Nacht

Die Story nimmt immer mehr Elemente von Ilias an - der Schlacht um Troja: Detaillierte Beschreibung der Kämpfe, Übergang zu versartiger Erzählung, die Story selbst: Es geht um die Entführung einer Jungfrau und die sich daran anschließenden politischen und familiären Verstrickungen. Nur die Anzahl der Helden ist überschaubar geworden. Die der Gottheiten sowieso. Spielten diese in der Ilias ja die entscheidende Rolle, sind sie hier quasi zum ideologischen Bezugsrahmen zusammengeschmurgelt. In der Schlacht um Troja agieren die Menschen eher als Schachfiguren der Götter. Hier erkennen sie ja eigentlich an, dass sie zum selben Gott beten, nur halten sie die Art der Verehrung des jeweils anderen für pervertiert und nennen einander absurderweise "ungläubig".

Lukas, der Christenheld,

den sie auch "Das Schwert des Messias" nannten,

tritt nun gegen Scharkân an, nicht ohne zuvor den Gaumen mit Mist bestrichen zu bekommen. Er schleudert seinen Speer auf Scharkân, der ihn im Flug auffängt, zurückwirft und seinen eigenen hinterherschickt,

und der traf ihn mitten auf das Zeichen des Kreuzes, das auf seiner Stirn war, worauf Gott seine Seele in das Höllenfeuer stieß.

Anscheinend waren diese Art von Zweikämpfen, die stellvertretend für das gesamte Heer stattfanden, im Altertum nicht unüblich. Im Gegensatz zu David & Goliath oder auch der Episode aus Troja, wird in unserer Geschichte der Krieg weitergeführt:

 


Zweikampf-Szene aus Hollywoods Troy: "Is there no-one else?

Freitag, 19. Oktober 2007

89. Nacht

Auf Radio Eins haben sie die unsäglichen Traumdeutungen des Psychoanalytikers Dr. Claus Braun wieder ins Programm genommen, dessen Deutungen jedem seriösen Analytiker die Haare zu Berge stehen lassen. Ich glaube, für so etwas ist mal der Begriff "Küchenpsychologie" geschaffen worden: Ohne die Hintergründe oder gar den Alltag zu kennen, bastelt er - gewieften Astrologen gleich - die narrativen Elemente des Traums neu zusammen. Die Frage ist ja, ob man Träume überhaupt "deuten" kann, nur weil das schon immer so gemacht wurde. Es gibt bisher wenig Evidenz dafür, dass Träume im Freudschen Sinne uns Botschaften über das Unbewusste geben oder gar (so C.G. Jung) ein Weg zu unserem wahren Ich seien. Die bisher einzige empirisch halbwegs belegbare Funktions-Hypothese ist, dass Träume ihren Anteil zur Entstehung unseres Gedächtnisses haben (z.B. höherer REM-Anteil bei Kleinkindern). Ansonsten scheinen die Träume nur wenig zu bedeuten, zumal sich Trauminhalte erst beim Aufwachen ergeben, sozusagen in das emotionale Erleben hineingedeutet werden: Z.B. Ich bekomme im Schlaf aus physiologischen Gründen einen Wadenkrampf, was mir Angst verschafft - ich generiere den passenden Trauminhalt: Ein übles Monster sticht mir in die Wade. Dass natürlich Sachverhalte, die uns gedanklich an jenem Tag sehr beschäftigen oder die überhaupt eine große Rolle in unserem Leben spielen, zu Trauminhalten werden, ist klar, aber die Pathologisierung der Träume, wie es die Analytiker tun, scheint mir zu sehr ihrem professionellen Bedürfnis zu entspringen. Aber nur wenige Menschen können diese Art "Sinnlosigkeit" ertragen: "Es muss doch etwas bedeuten!" Tatsächlich kann es uns regelrecht quälen, wenn wir erkennen müssen, dass Ereignisse sinnlos sind, nicht-kausal usw.

***

Der hinterlistigen Dhât ed-Dawâhi ist es nun zu verdanken, dass 50.000 Mann übers Meer fahren, sich am "Berg des Rauchs" 89 verstecken und von dort den kämpfenden Muslimen in den Rücken fallen.
Die Schlacht geht los, von Dau el-Makân und Scharkân angeführt mit ca. 120.000 Mann,

während die Ungläubigen sechzehnhunderttausend zählten.

Was soll das für eine Streitmacht gewesen sein?

Scharkân wird seinem Ruf als Kriegsheld gerecht:

Er tobte unter den Tausenden und stritt, so furchtbar anzuschauen, dass Säuglingen davon die Haare ergrauen.

In dieser ersten Schlacht siegen die Muslime, und König Afridûn verspricht, nun den ruhmreichen Lukas, Sohn des Schamlût, einzusetzen und alle Emire

mit dem heiligen Weihrauch zu weihen. Der Weihrauch aber, den er meinte, bestand aus den Exkrementen des Großpatriarchen, des Lügners und Leugners. [...] Die Patriarchen vermengten ihn mit ihren eigenen Exkrementen, da die des Großpatriarchen für zehn Provinzen nicht genügten. [...] Und die mächtigsten Könige taten ein wenig davon in die Augensalbe und heilten damit Krankheit und Kolik.

Das eigentlich Erstaunliche ist hier nicht die groteske Beleidigung des Großpatriarchen, sondern dass sie seinem Kot tatsächlich heilende Wirkung zugestehen.

 

89 Ich glaube nicht, dass damit der Djebel Dukhan gemeint ist, da dieser im Bahrain liegt, während hier wohl eher das Mittelmeer gemeint ist. Aber welcher Vulkan?

Mittwoch, 17. Oktober 2007

89. Nacht

Am Montag wache ich reuevoll erst um 11.30 Uhr auf. Um mal ein bisschen sozial zu sein, habe ich mich am Vorabend auf eine Spielerunde eingelassen, die dann bis 2.30 Uhr austrullerte. Hätte ich nur daran gedacht, dass ich mich am nächsten Tag mit den Enthusiasten treffe. Volker, hat einen besseren Vietnam-Imbiss vorgeschlagen, bei dem man bis auf einen Tisch eigentlich nur essen und schnell wieder gehen will - Feng-Shui-Logik von Imbiss-Restaurants. Gutes Essen, aber kaum einer richtig entspannt. Jochen mit halbem Ohr ständig telefonkonferierend, Volker leidet an Hexenschuss. Immerhin mal wieder nettes Beisammensein.


Bohni


Dan Richter


Robert Naumann


Stephan Zeisig


Jochen Schmidt

 


Volker Strübing

 

 

Den Rest des Tages verbringe ich damit, die berühmte Restaurant-Szene aus "The Godfather" zu untertiteln. Die Figuren Michael Corleone und Virgil Sollozzo sprechen sizilianisch, und bisher war man auf Vermutungen angewiesen.

 

 

***

Um seinen Bruder zu testen, erkundigt sich Scharkân bei ihm nach dem Heizer. Dau el-Makân antwortet, er würde ihn nach der Schlacht gegen die Christen für seine Taten belohnen.

Dafür dass er so viele Leiden ertragen hat, lassen sie den armen Heizer ganz schön lang auf seine Belohnung warten.

Man rüstet sich zum Kampf, und Dau el-Makân verabschiedet sich von seiner im fünften Monat schwangeren Frau.

So schnell kann's gehen. Anscheinend leidet hier ein wenig das Erzähl-Timing der Geschichte.

Der Wesir Dandân übernimmt das syrische Heer, Rustem die Dailamiten 88 , Bahrâm die Türken.

Von Rustem und Bahrâm ist vorher noch keine Rede gewesen.

Das Heer zieht los, und als man die Grenze zu Griechenland erricht, flieht das arme Volk nach Konstantinopel.

Wir können also von argen Plünderungen ausgehen.

Auf Anraten der alten Dhât ed-Dawâhi reist König Hardûb mit ihr zu König Afridûn nach Konstantinopel, um diesem seine Tochter Sophia zurückzubringen. Nun rüstet er selbst zum Kampf und erhält Unterstützung von seinen christlich-europäischen Kollegen:

Zu ihnen stießen die Franken aus allen Ländern: Franzosen, Deutsche, Ragusaner, Zaranesen 88b, Venezianer, Genuesen und all die Heerscharen der Bleichgesichter 88a.

Die erste Schlacht führt der Wesir Dandân mit den syrischen Truppen.

Nun erhoben die Christen ihr Feldgeschrei: "O Jesus, o Maria o Kreuz!" - das verdammet sei - und stürmten gegen den Wesir Dandân und seine syrischen Heere an.

Klingt als Schlachtruf ziemlich seltsam. In Kreuzzügen des 11. Jahrhunderts benutzten die Christen "Deus vult!"

 

88 Mit den Dailamiten sind wahrscheinlich die Perser gemeint. Genau gesagt ist Dailam eine Gebirgsregion im Iran. Ich vermute, es könnte auch sein, dass mit "Dailamiten" auch eine Art persische Elitetruppe bezeichnet wird.

88a  Bleichgesichter? Man fragt sich, ob hier der Übersetzer bei Karl May abgeguckt hat.

88b Evtl. sind hier die Sardinier gemeint. Auffällig, dass ja vor allem italienische Städte genannt werden, die mit den Arabern im 9. Jahrhundert (also zu der Zeit, da unsere Geschichte wahrscheinlich spielt) im Krieg lagen.

Dienstag, 16. Oktober 2007

87. Nacht

Eigentlich ist es erstaunlich, wieviele Presse-Erzeugnisse ich noch konsumiere, da ich doch die gleichen Informationen aus dem Internet beziehen könnte. Aber so bezahle ich einen gigantischen Apparat von Organisationen, Personen und Logistik, die dafr sorgen, dass Informationen, die mich tendenziell interessieren, thematisch gebündelt werden, dass ich mir bestimmte Meinungen anhöre (d.h. auf der anderen Seite: bestimmte Meinungen blende ich aus), und dass mir diese Informationen pünktlich auf Papier gedruckt serviert werden. Derzeit habe ich abonniert:

Die Zeitschrift meiner Krankenkasse und das ai-journal bekomme ich zugeschickt, ohne etwas dafür tun oder zahlen zu müssen. Aber der Papierverbrauch! Wer räumt das alles wieder auf? Wer pflanzt die Bäumchen neu? Wer lohnt es mir, dass ich mir seit März 1990 (also noch vor der Währungsunion) die zitty kaufe? Die Antwort, Ladies und Gentlemen lautet auf all diese Fragen: Niemand.

Dau el-Makân schüttet nun also den gesamten Tribut von Damaskus unter den Truppen aus.

"Niemals sahen wir einen König solche Gaben austeilen."

Natürlich will der neue Herrscher auf diese Weise Loyalität begründen, fragt sich nur, ob diese Art von Großzügigkeit ein probates Mittel ist, en Dankbarkeit ist von kurzer Dauer. "Wer klug ist, sieht lieber die Leute seiner bedürftig als ihm dankbar verbunden. [...] Wer seinen Durst gelöscht hat, kehrt der Quelle den Rücken, und die ausgequetschte Apfelsine fällt von der goldenen Schüssel in den Kot.", schreibt Baltasar Gracián im "Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit" (Kap. Abhängigkeit begründen). Mit anderen Worten, der König müsste vor allem darauf achten, dass seine Truppen dauerhaft einen angemessenen Sold erhalten.

Als sie vier Tage später in Bagdad eintreffen und er den Thron bestiegen hat, unternimmt Dau el-Makân gegenüber seinem Bruder einen klugen Schachzug: In einem Brief, den er dem Wesir Dandân mitgibt, bittet er ihn, mit seinen Truppen zu ihm dazuzustoßen, um gegen die griechischen Christen zu kämpfen, vor allem aber bietet er ihm die Krone an und deutet an, sich mit dem Posten des Vizekönigs von Damaskus zu begnügen.

Dau el-Makân reitet auf die Jagd,

(Unklar)

und bei seiner Rückkehr schenkt ihm ein Emir Sklaven und Sklavinnen.

Wurde der Emir damit beauftragt?

Mit einer der Sklavinnen schläft er in derselben Nacht

und sie empfing durch ihn zur selben Stunde.

Bald darauf trifft Scharkân in Bagdad ein, die Brüder begegnen sich in Freundschaft, und berichten einander von dem, was vorgefallen ist.

Nach dem bisher Berichteten wäre aber anzunehmen, dass Scharkân entweder etwas im Schilde führt oder dass sein Groll bei der nächstbesten Gelegenheit wieder aufflammt.

Dienstag, 9. Oktober 2007

86. Nacht

Tatsächlich übergibt der König der Alten seine Nebenfrau Sophia. Die Alte übergibt ihm nun einen versiegelten Becher, den er am dreißigsten Tag austrinken soll.

Aha, die Süßspeisen und das Wasser im Krug waren also völlig harmlos. Offenbar ging es der alten Dhât ed-Dawâhi damit nur darum, den König auszutesten und ihn unvorsichtig werden zu lassen. Er hätte ja auch jemand anderen die Süßspeise oder das Wasser vorkosten lassen können. Erst als sie ihn völlig auf ihrer Seite hat, gibt sie ihm das Gift im Becher.

Der Wesir Dandân berichtet weiter, dass er und die Bediensteten zunächst vermuteten, der König schliefe, dann hoben sie die Tür aus den Angeln, fanden die Leiche und im Deckel des Bechers die Nachricht der alten Dhât ed-Dawâhi, die es nicht bei der Begründung für diese arge Rache belässt, sondern obendrein Krieg ankündigt:

"... vernichtet sollt ihr werden bis auf den letzten Mann, keine Menschenseele bleibt von euch übrig dann, keiner, der ein Feuer anblasen kann, es sei denn er bete das Kreuz und den Gürtel 86 an."

So beendet der Wesir Dandân seinen Bericht. Dau el-Makân verleiht dem Wesir und den Emiren Ehrengewänder und belässt sie in ihren Ämtern. Den Tribut aus Damaskus schüttet er unter den Truppen aus.

Natürlich, um sich die Loyalität dieser Männer zu sichern. Stellt sich nur die Frage, wo er an dieser Stelle die Ehrengewänder aufgetrieben hat.

 

86 Offenbar bezieht sich diese Anspielung darauf, dass Christen in der Zeit seit Kalif Al-Muttawakil gezwungen wurden, Umhänge und Gürtel zu tragen. Aus den Schutzbefohlenen Dhimmi wurden somit sichtbar Ausgegrenzte. Die Vorstellung, Christen würden den Gürtel anbeten und dies von anderen verlangen, ist natürlich absurd, aber die Vorstellung, sie würden das tun, eine interessante Folge dieses Diskrimierungsgebots.

Montag, 8. Oktober 2007

85. Nacht

Tatsächlich fastet der König zehn Tage lang und trinkt danach aus dem Krug.

Man muss nicht das  Pro und Contra des Fastens  unter medizinischen Gesichtspunkten beurteilen. Interessant ist eigentlich eher der religiöse Aspekt : Warum taucht das Fasten in allen größeren Religionen in irgendeiner Form auf? (Am wenigsten vielleicht bei den reformierten Kirchen des Christentums.) Neuere psychologische Untersuchungen gehen davon aus, dass strenge Askese, Selbstkasteiung usw. das Zusammengehörigkeitsgefühl in Gruppen stärkt und kurioserweise auch ihre Attraktivität: Wenn man sich solchem Leid aussetzt, dann muss wohl was dran sein.
Und auch in dieser Geschichte lockt die Alte ja den König mit übertriebener Frömmigkeit in die Falle.

Während der zweiten zehn Tage des Monats aber kam die Alte zurück mit Süßigkeiten, die in grüne Blätter, ungleich anderen Baumblättern, gehüllt waren. (...) "Oh König, die unsichtbaren Geister grüßen dich; denn ich habe ihnen von dir erzählt, und sie freuen sich deiner und schicken durch mich diese süße Speise, die von den Süßigkeiten des Jenseits stammt."

Diese Dreistigkeit erinnert schon an die Streiche Eulenspiegels.

Um das Fass noch voll zu machen: Die Alte schlägt vor, die Jungfrauen am 27. Tag zu den Geistern mitzuführen, ebenso jemanden aus dem Palast, den er König mag. Der König überlässt ihr Sophia (die Mutter Dau el-Makâns und Nuzhat ez-Zamâns).

Dienstag, 2. Oktober 2007

84. Nacht

Der Wesir Dandân fährt fort, Dau el-Makân davon zu berichten, wie die Alte dem König Omar ibn en-Nu'mân durch Anekdoten ihre Weisheit unter Beweis stellt.

Der Imam esch-Schâfi'i 84 pflegte zu sagen: "Ich habe es gern, wenn die Menschen aus meiner Gelehrsamkeit Nutzen ziehen, wenn nur mir nichts davon zugeschrieben wird."

Als Imam, der von allen geachtet wird, kann er sich solche demonstrative Bescheidenheit freilich leisten, die ihm dann wieder zum Ruhm gereicht. Und dass der Ausspruch noch heute bekannt ist, macht ihn sozusagen selbst zum Paradoxon.

Eine Anekdote über Abu Hanifa 84a berichtet über dessen Verachtung gegenüber dem zweiten Abassidenkalifen Abu Dscha'far el-Mansur 84b, den er als Tyrannen bezeichnet.

esch-Schâfi'i sprach:

Willst du, o Seele, meinen Rat befolgen,
Und reich an Ehren sein in Ewigkeit,
Wirf von dir die Begierden und die Wünsche!
Wie mancher Wunsch schon brachte Todesleid.

Es folgen weitere Anekdoten. Nachdem die Alte ihr Rede endet, ist König Omar ibn en-Nu'mân so ergriffen, dass er der Alten und den hochbrüstigen Jungfrauen den Palast der verstorbenen Prinzessin Abrîza zuweist. Er erkundigt sich bei der Alten nach dem Preis der Jungfrauen.

"Ich verkaufe sie dir nur um den Preis, dass du einen vollen Monat lang fastest, und zwar so, dass du tagsüber fastest und die Nacht hindurch wachest um Allahs des Erhabenen willen."

Die Alte steigt durch dieses Ansinnen in den Augen de Königs:

"Allah segne uns durch diese fromme Frau."

Sie reicht ihm außerdem einen Krug, aus dem er nach zehn Tagen trinken soll.

 

84 Eine als "Biographie" betitelte Sammlung von Anekdoten über diesen Imam (132-204 n.H.) findet sich hier.

84a Gründer der hanafitischen Rechtsschule - der bedeutendsten im Islam.

84b Gründer Bagdads