Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Donnerstag, 29. November 2007

98. Nacht

Seit fast achtzehn Jahren lese ich die zitty. 1990 im März habe ich das erste Heft für damals 9 Ostmark gekauft und habe in den ersten Jahren jedes Heft von vorn bis hinten studiert. Man kann sagen, dass mir zitty geholfen hat, im Westen anzukommen. Die besten Comics von Woessner und Fickelscherer schnitt ich aus. Mit Didi und Stulle von Fil tue ich das heute noch. Ich habe alle Aufs und Abs der Zeitschrift erlebt, bis hin zu den schrecklichen Layout-Tragödien, die nun Mitte dieses Jahr ein Ende hatten. Ein tolles Heft.
Und nun ist es vorbei. Ich werde mein Abo kündigen. Warum? Ganz einfach. Der Abdruck des Programmteils (also des Teils, weshalb man sich überhaupt eine Programmzeitschrift kauft), wird kostenpflichtig. Die Preise sind zugegebenermaßen nicht allzu hoch. Aber doch so, dass es sich manche Kleinveranstalter überlegen werden, ob sie diese Art von Hinweis überhaupt benötigen werden. zitty und tip auf dem schlechten Wege. Jetzt könnte man sagen, dann kauf dir doch den Tip. Aber Tip und zitty stecken inzwischen unter einer Verlags- und Management-Decke. Was soll mir aber eine Programmzeitschrift, die nicht mehr über das Programm anständig Auskunft gibt? Nur um Didi und Stulle tut es mir leid, aber dann werde ich eben die Alben kaufen. Das tut dann dem Portemonnaie von Philipp Tägert auch gut.

***

Dau el-Makân und Dandân betrachten ihre Lage und checken es immer noch nicht:

"Fürwahr: Ungehorsam gegen diese Heiligen bringt noch schlimmeres Unheil als dies; die Not, in der wir uns befinden, ist die gerechte Strafe."

Stellt der Autor die beiden absichtlich so dumm dar? Oder ist es ein Spiel zwischen den Werten Frömmigkeit und Klugheit, die, wie wir ein paar Kapitel früher erfahren haben, als hohe Werte unter muslimischen Königen gelten?

Mit harter verbaler Knute geht der antireligiöse Pat Condell gegen Religionen vor. Sehr hart und wahrscheinlich für die meisten ganz und gar nicht lustig. Mich etwa nervt sein latenter Nationalismus, das "Wir vs. Sie"-Gerede. Dennoch beachtlich: Jegliche Religion ist für ihn dummer Aberglaube.

 

Die Christen setzen den in der Höhle verbliebenen Moslems ein Ultimatum, und fordern sie auf, das Land friedlich zu verlassen.
Für Scharkân steht das völlig außer Frage.

Der Unwille zu Friedlichkeit bleibt hier bemerkenswert positiv besetzt.

Es kommt wieder zur Schlacht.

An jenem Tag schied sich der Feige vom Mutigen;
rot leuchteten Schwert und Lanze, die blutigen.

Obwohl sie wissen, dass sie eigentlich keine Chance haben, verharren sie noch eine Nacht in der Höhle, um darauf zu warten, dass der Heilige Hilfe holt.

Mittwoch, 28. November 2007

97. Nacht

Es hilft ja nichts. Nach mehrmaligem Innehalten, muss ich doch hier mal wieder das Tempo des Lektüre-Blogs anziehen. Inzwischen haben sich Bücher auf meinem Tisch angesammelt, die ich, ich wage es mir kaum einzugestehen, viel lieber bloggen würde: Luhmanns "Die Gesellschaft der Gesellschaft" und "Die Politik der Gesellschaft", Rimbauds gesammelte Gedichte, Shakespeares Historien. Wenn ich im jetzigen Tempo mit den 1001 Nächten weitermache, bin ich beim Ende 48 Jahre alt und reichlich märchenmüde. Nun also mehrere Nächte pro Tag, mt dem Ziel, das Ganze am 31.12.2008 abzuschließen.

***

Dhât ed-Dawâhi in Verkleidung des Heiligen schlägt Scharkân und Dau el-Makân vor, dass sie sich unsichtbar macht und

in Allah entschwunden sein wird,

so dass sie sich zu den Truppen vor Konstantinopel aufmachen kann, um mit zwanzigtausend Reitern zurückzukehren. Sie könne sogar zwei von ihnen mitnehmen,

denn der Schatten eines Heiligen kann nur zwei Menschen bedecken.

So willigt Dau el-Makân ein, ihr gemeinsam mit Dandân zu folgen, während Scharkân bei den Soldaten bleiben soll. Tatsächlich spazieren sie unbehelligt durch das Lager der (von der alten Dhât ed-Dawâhi instruierten) Soldaten und kommen am Engpass vorbei:

"Bei Allah, dies ist ein Wunder des Heiligen; kein Zweifel, er gehört zu den besonderen Freunden Gottes."

Dau el-Makân scheint so deppert wie sein Vater, der ebenfalls von der Alten ins Unglück gestürzt wurde.
Oder macht sich der Autor gar über den Heiligenglauben der Moslems lustig?

Und schon ergreifen die Soldaten die beiden.

Der Wesir Dandân rief: "Seht ihr nicht jenen dritten Mann vor uns?" Doch die Heiden erwiderten: "Beim Messias und bei den Eremiten, beim Primas und beim Metropoliten: wir sehen niemanden als euch."

Dienstag, 27. November 2007

96. Nacht

Endlich Arbeit und Einkommen zu entkoppeln, würde wohl eine Menge Druck aus dem alltäglichen Miteinander nehmen. Zurzeit sieht's doch so aus: Alle wollen einen Job, aber kaum einer will arbeiten, weil die Jobs so schrecklich sind. Es wird ein gigantisches Heer von Beamten damit beschäftigt, Menschen in irgendwelche "Maßnahmen" oder Jobs zu zwingen, in denen sie unglücklich werden. Und das bei Androhung des Entzugs vom grundlegenden Einkommen. Sich nicht in Lohnarbeit zu begeben, sondern selbst zu bestimmen, was man tut, wird als irgendwie unanständig angesehen. Ehrenamt schön und gut, aber bitte nur die Zahnarztgattin.
Der Gedanke eines bedingungslosen Grundeinkommens, ist inzwischen bei allen großen Parteien angekommen. Vor allem die SPD hadert noch sehr damit, ist doch gerade bei denen der Gedanke, dass Arbeit und Einkommen zusammengehören, fest verwurzelt. Schlimm auch, dass sich die Verfechter der Idee eher gegenseitig beharken, statt miteinander zu kämpfen. Man mosert über die Begrifflichkeit: Bürgergeld oder Grundeinkommen. Über die Höhe: 400, 800 oder 1.600,- Euro. Vor allem aber unterstellt man dem politischen Gegner bösen Willen. Aus dem Kampf um die Sache wird eine Ideologieschlacht. Eine kleine Liste von Gruppen, Personen und Parteien, die für ein bedingungsloses Grundeinkommen kämpfen oder gekämpft haben:

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Das Heer bricht nun nach Konstantinopel auf, während Dau el-Makân, Scharkân, Dandân und Dhât ed-Dawâhi sich heimlich auf den Weg ins Kloster machen und dabei ein paar bewaffnete Reiter aber auch Maultiere und Kisten für die erwarteten Schätze mitnehmen.

Nun hatte die Hexe dem König von Konstantinopel auf den Schwingen eines Vogels eine Botschaft zugesandt, darin machte sie ihn bekannt mit allem, was geschehen war.

Dies dürfte eine Brieftaube gewesen sein, was aber zu der Zeit bei den Arabern bekannt war. So hielt sich der syrische König im 12. Jahrhundert bereits Brieftauben. Zu den europäischen Christen kam dieses Kommunikationsmittel anscheinend erst durch die zurückkehrenden Kreuzfahrer.

In dem Brief bittet sie den König, den Berg des Klosters heimlich zu umzingeln und weiht ihn ein in ihren Plan, der allerdings auch beinhaltet, den im Kloster lebenden Mönch Matruhina zu töten.
Tatsächlich finden sie den großen Schatz, töten den Mönch und warten drei Tage auf die von Dhât ed-Dawâhi versprochene Jungfrau, die aber, da sie die Anwesenheit der Muslime wittert, fernbleibt. Man beginnt den Abstieg vom Berg. und prompt fallen die christlichen Heere über sie an einem Engpass her.
Dandân rät, in einer Höhle Zuflucht zu suchen, doch Dhât ed-Dawâhi spornt sie zum Kampf an.

Wohl in der Annahme, dass diese Kampfeshelden an diesem Ort keine Chance haben.

Doch sie halten sich bis zum Einbruch der Nacht und verkriechen sich erst dann in die Höhle. Man vermisst den "Heiligen" (Dhât ed-Dawâhi). Und kurz darauf kommt sie mit dem abgeschlagenen Kopf eines der christlichen Feldherren an.

Dieser war freilich schon vorher tot. Aber sie kann nun behaupten, ihn mutig im Kampf getötet zu haben und etwaige Zweifel an ihrer Story zerstreuen.

Freitag, 23. November 2007

95. Nacht

Gestern festgestellt, dass das Geschirr-Spülmittel, ein knappes Jahr lang gehalten hat. Es war ein Notkauf bei der Ausbeuter-Drogerie Schlecker, alle anderen Läden in der Umgebung hatten schon geschlossen, nur in dieser Sklaven-Hölle mussten die Ausgestoßenen noch schuften. 79 Cent hat es dort gekostet. Nun frage ich mich, wieviele Geschirrspülmittel ich noch in meinem Leben kaufen werde. Da ich mir mein Geschirr mit der Liebsten teile, kann man ausrechnen, dass eine Flasche wohl zwei Jahre hält. Wenn ich nicht auf Geschirrspüler umsteigen sollte, dann sind das, eine großzügige Lebenserwartung von noch 40 Jahren angesetzt, 20 Flaschen zu 79 Cent. Das heißt, ich werde in meinem Leben noch 15,80 Euro für Geschirrspülmittel ausgeben. Ich finde den Gedanken beunruhigend, aber warum? Weil er mich auf meine Endlichkeit hinweist oder darauf, dass Geschirrspülmittel-Hersteller eigentlich keine Rücksicht auf den Preis zu nehmen bräuchten. Aber tatsächlich gibt es Leute, die einen großen Aufwand beim Preisvergleich von Geschirrspülmitteln betreiben.

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Die angeblichen syrischen Kaufleute berichten Scharkân und Dau el-Makân die Story vom einsiedelnden Mönch sowie von den noch auf dem Berg zu findenden Schätzen. Dhât ed-Dawâhi wird mit leuchtender Salbe auf der Stirn als der Einsiedler präsentiert.

Und Scharkân erhob sich vor ihr und küsste ihr die Hand.

Dabei wurde in der letzten Nacht noch ausführlich von ihrem üblen Geruch erzählt.

Genau wie den Vater Scharkâns und Dau el-Makâns macht sie nun auch diese beiden durch ausgiebiges Fasten glauben, es mit einem sehr frommen Menschen zu tun zu haben.
Sie erzählt den beiden nun eine umständliche Geschichte, wie sie (=der fromme Einsiedler) von christlichen Rittern über Jahrzehnte auf einer Burg gefangen gehalten wurde, wo auch eine schöne Jungfrau lebte, die nur in Verkleidung als Ritter fliehen konnte.

Auch in dieser Geschichte-in-der-Geschichte werden Motive aus der Rahmenhandlung aufgenommen, hier die Verkleidung einer Frau als Mann. Dhât ed-Dawâhi tut das immerhin unter der Gefahr, selbst entdeckt zu werden.

Sie bietet den beiden an, sie zu der Burg zu führen, damit der Schatz gehoben werden und das Mädchen gefangen genommen werden könne. Einzig der Wesir Dandân zweifelt an dem Bericht der Alten.

Ihre Worte wollten ihm nicht in den Sinn; dennoch fürchtete er sich, mit ihr zu reden, aus Scheu vor dem Könige.

Dau el-Makân steht nun vor dem Problem, dass er gerade einen Feldzug auf Konstantinopel führt, ihm aber Schätze und ein Girl locken. So schickt er den Heerführer Rustem voraus. Mit Scharkan, Dandân und hundert Rittern begibt er sich jedoch zu der Burg, begleitet von Dhât ed-Dawâhi.

Montag, 19. November 2007

94. Nacht

Viel mehr als die Lektüre von Tausendundeine Nacht hat mich in den letzten dreieinhalb Jahren "Die Gesellschaft der Gesellschaft" von Niklas Luhmann beschäftigt. Pro Tag ungefähr eine Seite. Lektüre-Ort war derselbe Lokus wie jener, auf dem ich von 2000 bis 2003 die Bibel gelesen habe. Zwischendurch immer wieder. Man kann gewiss behaupten, ein Lektüre-Blog von "Die Gesellschaft der Gesellschaft" wäre allemal wichtiger für die Welt als die mit banalem Schnickschnack versehenen Geschichten aus Tausendundein Nächten. Nur habe ich schon mit der Darstellung und Kontinuität der 1001 Nächte meine liebe Müh. Wieviel mehr wäre das bei einer derartig komplexen Materie?

Outing: Mein Außen-WC in der Libauer Str. 9. Die Jahre 1991-2006.

Niklas Luhmann: "Die Gesellschaft der Gesellschaft", Hochzeitsfoto Hille Linders/Wilfred Takken, Zeitungsfoto Mike Tyson, Faschingsfoto meiner Schwester ca. 1976, Ausriss aus Feministenkalender 1995 von Eva Hernández, Cartoon von ©TOM, Foto-Cartoon mit Walter Ulbricht und Paul Robeson von Freimut Wössner, Hundekackverbotsschild (Zeitungsausriss), Schlüsselbund, Klopapierrolle leer, Klopapierrolle angefangen, Gassi-Tüten-Verpackung zweisprachig italienisch/deutsch von meinen Nachbarn Sandra Brust und Markus Groß aus Österreich (??) mitgebracht

Foto von Annie Lennox, Cartoon von Kriki

Bild einer Plastik "Kackender Hund" Ausriss aus taz 1990. Von wem die Plastik ist, weiß ich nicht, der Text darunter war ein Pamphlet von Freya Klier.

Foto Hundekack-Verbotsschild in Antwerpen, ca. 1993, König Baudouin I., Foto amerikanische Austauschstudenten 1953 an der FU Berlin, Foto Kinder in New York 30er, Foto Jugendliche in New York 80er, Straßen-Basketball - Angreiferin und Verteidiger (Ort unbekannt)  Ausriss aus taz, Mode-Trash-Queen, Eichhörnchen und Marder - antapezierte Bilder meiner Vorgänger.

Zeitungsausriss taz: Tanzende in Marokko, Zeitungsfoto verlierender Boris Becker, Zeitungsfoto verlierende Steffi Graf, Arbeitsschuhe - Bild aus "ZEIT-Journal" ausgesucht von Eva Hernández, Foto-Triptychon Viktor Timschin, aufgenommen von Stefan Müller, "Say no to Sex" Agitationsbildchen aus ghanaischem Aufklärungsheft, Cartoon von ©TOM, Foto von mir in Amsterdam vor Hundekackverbots-Schild, "Frauen bitte hinsetzen" - Bitte an Stehpinklerinnen, Brief meiner Nachbarn Sandra Brust und Markus Groß, in dem sie sich dafür entschuldigen, nicht mit mir essen zu gehen und stattdessen zur Fete de la Musique gehen, notiert auf einem Rechnungszettel einer portugiesischen Bibliothek

Foto von Karl Valentin, Foto von Spermien, die um eine Eizelle schwimmen, Doppelcartoon von ©TOM und OL

 

Foto von Jochen Schmidt/Dan Richter/Ralf Petry 1990 im Probenraum Kastanienallee 87, Ausriss aus "Morning Star" von 1989 (Gedächtniszitat): "Actress Una Stubbs and friend visited London's Hyde Park yesterday to help launch SCOOP, the first national campaign against dog excrements that foul the public streets and places. The campaign is pointing out that up to 100 children go blind each year. Bild von Egon Schiele aus "Das Magazin", Bild von Hanns Eisler, Bild und Zitat von W.C.Fields: "I don't drink water because fishes fuck in it.", Sonnenuntergang Heidelberg (ausgewählt von Eva Hernández), Bild "The Rolling Stones", Spaßpostkarte ausgewählt von Steffi Winny, Foto Prince aus Kumasi, Postkarte König Baudouin I. mit Fabiola von mir an Jutta Borostowski, Foto Christine Mohnhaupt und Anke Jahn 1987, Postkarte Charles und Diana von Jutta Borostowski an mich, Postkarte Königin Elisabeth II. von Jutta Borostowski an mich, Postkarte Papst Johannes Paul II. von Jutta Borostowski an mich

 

Schloss und Riegel.

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Die Christen willigen in den Plan von Dhât ed-Dawâhi ein. Unterdessen erbittet sich Dau el-Makân von seinem Bruder Scharkân bedingungslose Treue bei seinem Rachefeldzug:

"Ich will will fünfzigtausend Griechen hinrichten und dann einziehen in Konstantinopel."

Scharkân gibt zu bedenken, dass Frau und Kind auf ihn warten. Darauf Dau el Makân:

Versprich mir, Bruder, dass du mir, wen Gott mir einen Sohn schenkt, deine Tochter für ihn zur Frau gibst." "Herzlich gern", erwiderte Scharkân.

Das Cousinenehe-Motiv, ist uns hier schon früher begegnet.

Man rückt im Eilmarsch auf Konstantinopel vor und macht Rast auf einer großen Ebene.

Blick auf die lachende Wiese; ist es nicht,
Als sei ein grüner Mantel auf sie gebreitet?
Siehst du mit dem leiblichen Auge, dann schaust du nur
Einen See, in dem das Wasser sich wiegend gleitet.
Siehst du mit deiner Seele in seine Baumkronen hinein,
So schwebt über deinem Haupte ein Glorienschein.

Auf dieser Wiese nun begegnen sie den Syrern - den angeblichen Kaufleuten.

Sonntag, 18. November 2007

93. Nacht

Seit nunmehr zehn Monaten lerne ich Klavier. Jeden Tag übe ich zehn Minuten, Immer wieder dasselbe Stück. Damit hätte man mich früher in den Wahnsinn treiben können. Heute ist es die schönste Meditationsübung für ich. Ehrgeizlos erarbeite ich mir linke und rechte Hand eines der schönsten Klavierwerke Mozarts - der C-Dur Sonate KV 545 (Sonata facile), der langsame Satz. Wenn man bedenkt, dass ich vorher gerade mal wusste, wo die Tasten liegen, finde ich das einigermaßen ordentlich. Hier meine Fortschritte vom 24. Oktober 2007.




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Gute Boxer loben ihren Gegner, nachdem sie gewonnen haben, um ihr eigenes Ansehen zu erhöhen. In Trivialliteratur wie dieser wird darauf keine Rücksicht genommen. In "Schneewittchen" ist die böse Stiefmutter immerhin auch schön. In "Frau Holle" ist die böse, faule Stiefschwester auch hässlich. Wir bekommen eine kleine Beschreibung von Dhât ed-Dawâhi serviert:


Nun war aber jene Verfluchte eine schlimme Zauberin, im Hexen und Täuschen eine Meisterin, sie war eine liederliche Lügnerin, eine ausschweifende Betrügerin; sie roch aus dem Munde wie Kot; ihre Augenlider waren rot; ihre Wange bleich wie der Tod; ihres Gesichtes Farbe war dumpf; ihr Blick war trübe und stumpf; ihr Leib war räudig, ihr Haar war gräulich, ihr Rücken buckelig; welk sah ihre Haut sich an, und ihr Nasenschleim rann. (...) Bei ihrem Sohn aber, dem König Hardûb von Kleinasien, blieb sie hauptsächlich um der jungfräulichen Sklavinnen willen, denn sie war der sapphischen Liebe 93 ergeben. (...) Die Prinzessin Abrîza mochte nicht mit ihr schlafen, weil ihre Armhöhlen abscheulich rochen und weil ihre Winde noch ärger stanken als Leichengeruch, und obendrein war ihre Haut rauher als Palmenfaser.


Man beachte das "weil" des letzten Satzes. Das heißt ja wohl, wenn die Alte nicht so abstoßend gewesen wäre, hätte Abrîza mit dem Beischlaf der Alten kein Problem gehabt.


König Afridûn gibt den "syrischen Kaufleuten" einen Schutzbrief mit. Dhat ed-Dawâhi weiht die Kaufleute in ihren Plan ein. Sie selbst verkleidet sich als muslimischer Mönch und legt sich in eine Kiste. Die Syrer sollen behaupten, diesen aus der Hand der Christen befreit zu haben.



93 Sapphische Liebe = lesbische Liebe. Benannt nach Sapphos, einer der großen griechischen Lyrikerinnen, die auf Lesbos(!) lebte.



Samstag, 17. November 2007

92. Nacht

Umfrage bei der Chaussee der Enthusiasten : Wer hält den Streik der Lokführer für gerechtfertigt?
5% meinen, es sei gut, dass sie streiken.
5% meinen, es sei nicht gut.
Die anderen haben keine Meinung. Udo Tiffert erklärt später, die Lokführer bekämen im derzeitigen System nicht einmal ihre langen Reisezeiten angerechnet, so dass ein Lokführer durchaus mal 12 Stunden unterwegs ist, aber nur 6 Stunden bezahlt bekommt.

Seltsame Streikformen:

  • Studentenstreik: Wer bestreikt wen? Die Studenten sich selbst? Lehrveranstaltungen fallen aus, umso schöner für die Professoren, die sich ihren prestigeträchtigeren Forschungs- und Publikationsaufgaben widmen können. Mit jedem Wintersemester probiert sich eine neue Generation an dieser Protestform aus. Dass das auch kulturell angenehme Folgen hat, zeigte sich im FU-Streik 1988/89, als das Mittwochsfazit gegründet wurde. Mein erstes Wintersemester 1990/91 an der Humboldt-Universität begann mit einem Streik, der eine doppelte Stoßrichtung hatte: Gegen Abwicklung der Professoren und Dozenten sowie gegen die finanzielle Beteiligung Deutschlands gegen am Krieg der USA gegen den Irak. Hat ein Studentenstreik eigentlich je etwas bewirkt?

  • Konsumstreik: Hat je jemand wirklich aufgrund dieses Streiks auf etwas verzichtet?

  • Sexstreik: Angeblich schon im alten Griechenland zur Anwendung gekommen (Lysistrata). Auch hier fragt sich, ob die Damen sich nicht selbst um eine Freude bringen.

  • Hungerstreik: Die Waffe des Schwächsten richtet sich ebenfalls gegen sich selbst. Ich erinnere mich an eine Szene aus "Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse", als die politischen Gefangenen eines Zuchthauses (Brandenburg?) in den Hungerstreik treten und der sadistische Wärter einen jungen Häftling zu verführen sucht, indem er in der riesigen Topf rührt. Dem jungen Kommunisten gehen die Augen über, aber das Klassenbewusstsein ist stärker. Er tritt den Topf um. Ärzten ist völkerrechtlich die Beteiligung an Zwangsernährung untersagt. Wer also ein brutales Regime führt, lässt am besten den Hungerstreik andauern und ignoriert die Konsequenzen.

  • Lesebühnenstreik: Könnten wir, wenn wir wegen der kümmerlichen Gagen mal einen Streik begönnen, die Zuschauer dazu bringen, mehr zu zahlen?

***

Mit dem Schlachtruf "Blutrache für Lukas" stürmen die Christen auf Scharkân ein, und ein unbekannter Ritter aus den Reihen der Muslime steht ihm zur Seite. Erst später gibt er sich als sein Bruder Dau el-Makân zu erkennen.

Auch dies könnte eine Übernahme des Motivs aus der Ilias sein.

In einer entsetzlichen Schlacht werden die Heere der Christen aufgerieben und ihre Schiffe gekapert. Konstantinopel, das zum Freudenfest geschmückt war, bricht in Trauer um die Gefallenen aus.

Doch Dhât ed-Dawâhi wäre nicht die Gerissene, als die wir sie kennen.

Hundert syrische Christen sollen mit ihr verkleidet als Muslime zum bagdadischen Heer ziehen.