Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Sonntag, 30. Dezember 2007

133. Nacht

Nach einer geraumen Zeit betritt eine Alte mit zwei Sklavinnen den Laden.

Alte Frauen haben bisher in den Erzählungen aus Tausendundein Nächten fast immer nur Unglück gebracht.

Da erblickte sie seine ebenmäßige Gestalt und seiner Schönheit liebliche Gewalt, und vor lauter Erstaunen über sein herrliches Aussehen nässte sie ihre Hose.

Fragt sich nur, um welche Flüssigkeit es sich hier handelt.

Dabei plauderte sie mit ihm und rieb sich zwischen den Schenkeln mit der flachen Hand.

Eine bei Frauen eher seltene Geste in der Öffentlichkeit, wahrscheinlich damals wie heute.

Als sie fort ist, spricht Tâdsch el-Mulûk zu sich selbst:

O Herr, du lässest die Wünsche gewinnen
durch die alten Kupplerinnen.

Und tatsächlich preist die Alte gegenüber der Prinzessin die Vorzüge des "Kaufmannes". Obwohl Dunja erzürnt ist, gewährt sie ihm doch einen Wunsch, da er

durch sein Kommen unser Land und unsere Hauptstadt geehrt

habe. Und so schreibt Tâdsch el-Mulûk ihr einen Vers-Brief:

Ich schreibe einen Brief für dich, o Ziel meiner Hoffnung
Mit all dem Trennungsschmerze, der sich mir geweiht.
Die erste Zeile erzählt vom Feuer in meinem Herzen,
Die zweite von meiner Liebe und sehnsuchtsvollem Leid.
Die dritte besagt: Mein Leben und meine Geduld ist geschwunden.
Die vierte: All die Qual der Leidenschaft bleibt bestehen.
Die fünfte: Wann wird mein Auge jemals dich erblicken?
Die sechste: Wann ist der Tag, da wir uns vereint sehen?

Ein Flirtberater würde man dem jungen Mann wohl raten, die Sache etwas diplomatischer anzugehen.

Und so ist die Prinzessin nicht nur wegen des Antrages, sondern auch wegen der Tatsache, dass sich da jemand aus dem Volk erdreistet, erbost:

"Bei Allah, wenn ich mich nicht vor dem Allmächtigen fürchtete, ich würde ihn totschlagen und an seinem Laden kreuzigen lassen."

Die Alte rät der Prinzessin nun, ihm ruhig mit dem Tode zu drohen. Gegenüber Tâdsch el-Mulûk hingegen behauptet sie, die Angelegenheit noch einfädeln zu können.

Diese Alten!

Samstag, 29. Dezember 2007

132. Nacht

Die beiden Jünglinge Azîz und Tâdsch el-Mulûk werden vom Wesir ins Badehaus geführt.

und im Badehaus schien es, als habe der Dichter ihnen die Worte geweiht:

Wohl seinem Badediener, wenn dessen Hand berühret
Den Leib, der wie aus Wasser und Licht geschaffen ward!
Ohn Unterlass übt er sein Handwerk fein behutsam,
Dann ist's, als gewönne er Moschus vom Leibe wie Kampfer so zart.

Gemeinsam mit dem Vorsteher begeben sie sich zurück zum Markt und gehen vor ihm her.

Nun sah er ihre Hüften sich bewegen, und da begann die Leidenschaft sich in ihm immer stärker zu regen; er schnaubte und schnaufte und konnte sich kaum noch beherrschen, er wollte sie mit den Augen verschlingen und begann, diese Verse zu singen:

Das Herz liest das Kapitel alleinigen Besitzes;
Den Abschnitt über die Teilung mit anderen schlägt es nicht auf.
Kein Wunder ist's, wenn es ob solcher Last erhebet;
Bewegen sich doch am Himmel die Sphären im Lauf.

und ferner sprach er:

Mein Aug erblickte die zwei, die auf die Erde traten -
Die beiden liebt ich auch, wenn sie ins Aug mir träten

Man stelle sich heute einen Marktvorsteher (Börsenvorstand) vor, der solche Lieder singend den Markt betritt.

Als sie solches von ihm hörten, beschworen sie ihn, mit ihnen wieder ins Bad zu gehen.

Dies nun scheint völlig unklar. Sind sie auf einmal selbst nicht abgeneigt, Dunja hin oder her? Oder sind sie für die erotische Komponente der Verse völlig taub?
Außerdem unklar: Azîz ist ja nun kastriert. Ist dies dem Vorsteher entgangen oder ist es gerade das, was ihn anmacht?

Tâdsch el-Mulûk besteht darauf, den Vorsteher selber waschen zu dürfen.

Früher hätte man gesagt: "Ist ja nur ein Märchen."

Man lobt die Vorzüge des Bades. Und nach diesem Tag spricht sich die Schönheit von Tâdsch el-Mulûk in der Stadt herum.

Freitag, 28. Dezember 2007

131. Nacht

Der König Schehrimân verliert ob der Weigerung der Prinzessin völlig die Nerven und will schon in den Krieg ziehen, kann aber von seinem Wesir gerade noch abgehalten werden.
Tâdsch el-Mulûk beschließt, sich in Verkleidung zu den Kampferinseln zu begeben, in der Hoffnung, sich so ihr nähern zu können. Azîz (der nun zum dritten Mal die Kampferinseln bereist) und der Wesir begleiten ihn.

Unklar, welche Inseln eigentlich mit den Kampferinseln gemeint sind. Da der Campherbaum seinen Ursprung vor allem in Japan und Taiwan hat, ist zu vermuten, dass eine dieser Inseln gemeint sein könnte.

Zwei Monate ziehen sie dahin, während unser Prinz an Liebeskummer leidet. Dann erreichen sie das Weiße Schloss.

Seltsam allerdings, dass nicht von einer Schifffahrt die Rede ist, sondern von Tälern, Wüsten und Steppen. "Insel" also nur im übertragenen Sinne? Oder liegt ein Übersetzungsfehler vor?

In der Stadt angekommen, ziehen die verkleideten Kaufleute in den Chân, um dann auf dem Markt als Tuchhändler aufzutreten.

Die Kaufleute sehen Tâdsch el-Mulûk und ließen

die Augen auf seiner Schönheit ruhen.

Weitere Anspielung auf ihre Homosexualität?

Der Vorsteher des Basars hilft ihnen bei den Formalitäten und verschafft ihnen Annehmlichkeiten.

Dieser Vorsteher nämlich ward hingerissen von bezaubernden Blicken, und er ließ sich von der Neigung zu Knaben mehr als von den Mädchen berücken; und so gab er sich der Knabenliebe hin. Jetzt sprach er bei sich: "Dies ist ein schönes Wild. Preis ihm, der sie aus verächtlichem Wasser geschaffen und gebildet hat."

Ein Laden wird für die beiden

mitten in der großen Kaufhalle

errichtet.

130. Nacht

Ähnlich wie sein Wesir ihm selbst damals empfiehlt der König nun seinem Sohn Tâdsch el-Mulûk, sich eine Sklavin zu wählen.

"Lieber Vater, ich will niemals eine andere als sie, die Künstlerin der Gazellen, die ich gesehen habe."

Auch dies der Traum des Künstlers, schon allein seiner Werke wegen sexuell verehrt zu werden.

Der Vater hat ein Einsehen:

"Vielleicht wird Allah dir zu deinem Wunsche verhelfen. Wenn aber ihr Vater nicht einwilligt, so werde ich sein Land erschüttern durch ein Heer, dessen Nachhut noch hier bei mir ist, während der Vortrab schon bei ihm steht."

Der Wesir reist wie damals in Begleitung von Azîz zu den Kampferinseln, um um die Hand der Tochter des Königs anzuhalten. Dieser ist durchaus freundlich und nicht abgeneigt, gibt aber zu bedenken,

seine Tochter liebe die Männer nicht

Zum ersten Mal wird hier weibliche Homosexualität nicht nur unterschwellig angedeutet, sondern alsLebensform benannt.

Ein Diener, den man zu Dunja schickt, wird von ihr mit Schlägen und den Worten fortgejagt:

"Wenn mein Vater mich zur Ehe zwingt, so werde ich den töten, mit dem ich vermählt werden soll."

Eine beachtliche Militanz für eine stickende Lesbe.

129. Nacht

Azîz berichtet, dass er einen alten Gärtner bestach, um die schöne Dunja sehen zu können, dass sie zwar schön sei, er ja aber nun aufgrund seiner verlorengegangenen Mannheit mit ihr nichts anfangen könne.
Tâdsch el-Mulûk bestimmt

für Azîz ein eigenes Haus und versorgte ihn mit allem, dessen er Speise und Trank und Kleidung bedurfte.

Grundeinkommen für eine einzige Geschichte, das würde sich so mancher Lesebühnenautor wünschen.

Tâdsch el-Mulûk hingegen ist völlig aus dem Häuschen und verliebt sich schon des Berichtes wegen in die Prinzessin Dunja.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

128. Nacht

Azîz erfährt nun, dass die Tochter des Königs der Kampferinseln diese Tücher stickt und dass sich die "Tochter der listigen Ränkeschmiedin" in den Besitz eines der Tücher gebracht hat, um Männer zu behexen.
So reist er zu den Kampferinseln, um sein Unglück zu vergessen und um die Prinzessin Dunja zu besichtigen.

127. Nacht

Entmannt und vom Weib verlassen, wankt Azîz zum Haus seiner Eltern, wo er erfährt, dass sein Vater gestorben ist. Da er nun wirkliche Reue zeigt, übergibt ihm seine Mutter das Päckchen der Base, worin sich wiederum das Tuch mit der Gazellenstickerei befindet.

126. Nacht

Die "Tochter der listigen Ränkeschmiedin" will unseren Helden Azîz natürlich nicht ohne Grund schlachten:

"Ich muss an dir eine Spur hinterlassen, zum Schmerze für jene schamlose  Metze, die dich von mir ferngehalten hat."

Die Sklavinnen fesseln ihn, holen eine Pfanne und braten Käse an.
Der Vers der Base kann die "Tochter der listigen Ränkeschmiedin" immerhin noch dazu bewegen, von der Ganzkörperschlachtung Abstand zu nehmen:

Sie band einen Strick um meine Hoden; die Enden des Stricks nahm sie in die Hand, reichte sie zwei Sklavinnen und befahl ihnen, daran zu ziehen. (...) Nun trat sie mit einem scharfen Rasiermesser an mich heran und schnitt mir das Glied ab, so dass ich nunmehr wie ein Weib war.

Azîz kriecht zurück zum Haus seiner Gattin, die als sie entdeckt, dass er entmannt wurde, ihn zur Tür hinauswirft.

125. Nacht

Die "Tochter der listigen Ränkeschmiedin" sitzt tatsächlich dort und wartet auf ihn. Verständlicherweise einigermaßen sauer, vor allem als sie von der Ehe und dem Kind hört.

"Du hast mich zwar für jenen Haufen Dreck verkauft, aber, bei Allah, ich werde der Metze schon um deinetwillen Herzeleid bereiten; du sollst weder ihr noch mir erhalten bleiben." Dann stieß sie einen lauten Schrei aus, und ehe ich mich versah, kamen zehn Sklavinnen und warfen mich zu Boden.

Sklavinnen wohl, die die gesamten letzten Monate aufs Gerufenwerden und Zubodenwerfen gewartet haben.

"Führwahr, ich werde dich schlachten wie einen Ziegenbock."

124. Nacht

Der Ehevertrag ist unterschrieben.

Darauf gab sie den Zeugen ihren Lohn, und die gingen dorthin, von wo sie gekommen waren.

Das ist doch mal eine schöne rätselhafte Lakonie bei der sonst so detailreichen und redundanten Erzählweise.

Die Maid führt Azîz zu ihrem Lager und entkleidet sich mit den Worten

"Im Erlaubten ist keine Sünde."

Wie deppert ist dieser Azîz eigentlich, dass man ihn mit solchen Tautologien behelligen muss? Und was hat er, dass sich die Weiber um diesen Trottel reißen?

"Geliebter, tu dein Bestes! Ach ich bin deine Sklavin. Wohlan, tu es ganz! Bei meinem Leben, lass es mich mit der Hand in mein Innerstes hineintun."

"Hineintun" ist ja auch mal ein schön banales Verb für diesen Vorgang.

Am nächsten Morgen will er das Haus verlassen und muss erst daran erinnert werden, dass er ja nun verheiratet ist und seine Hahnespflichten zu erfüllen hat. Außerdem ist die Tür versperrt und öffnet sich erst am nächsten Neujahrstag. Und so verrichtet Azîz ein Jahr lang sein Hahnesgeschäft und wird mit einem Kinde gesegnet.
Am nächsten Neujahrsabend erst darf er das Haus verlassen, nicht ohne das Versprechen zu geben, noch in derselben Nacht zurückzukehren.
Und wie zu vermuten war, zieht es ihn zum Garten, wo er es mit "der Tochter der listigen Ränkeschmiedin" so oft getrieben hatte.

123. Nacht

Die beiden überwältigen Azîz und führen ihn in einen großen Saal mit vier Estraden, in dem ein Reiter hätte Schlagball spielen können.

Unklarer Sport: Reiter-Schlagball

Man macht ihm ein seltsames Angebot. Er soll die junge Maid mit den hübschen Waden heiraten,

"... so wirst du sicher sein vor der Tochter der listigen Ränkeschmiedin."

So erfahren wir, dass es die Tochter einer listigen Ränkeschmiedin war, die schon einige Männer auf dem Gewissen hat, mit der sich Azîz herumgetrieben hat.
Man verspricht Azîz Geld, Gut und Wohlergehen, wenn er das Mädchen heiratet.

"Ich will nichts von dir als dass du mit mir tust, wie der Hahn tut."

Da ist sie aber bei dem in metaphorischen Dingen nicht gerade hellen Azîz an der falschen Adresse. Er kapiert nicht, und die Maid muss erklären:

"Das Geschäft des Hahnes ist, dass er isst und trinkt und tritt."

Vier Zeugen werden gerufen, die Braut legt noch rasch den Schleier um, der Ehevertrag wird aufgesetzt und darin behauptet,

dass sie die ganze Mitgift erhalten habe, die erste und die zweite

Zwei Mitgiften?

und dass ich einen Anspruch auf zehntausend Dirhems von ihrem Vermögen hätte.

122. Nacht

Die Alte bittet Azîz, ihr einen Brief vorzulesen, den sie bei sich trägt.

Es war ein Brief in der Ferne geschrieben, mit vielen Grüßen an die Lieben.

Als die Alte verschwindet,

hockte ich mich nieder, um Wasser zu lassen. Dann stand ich auf, brachte meine Kleider in Ordnung, ließ das Obergewand fallen und wandte mich zum Gehen. Doch siehe, da kam die Alter wieder auf mich zu.

Hockpinkler.

Sie bittet ihn, den Brief auch den Verwandten vorzulesen, da dieser ihr nicht glauben wollen. Azîz willigt ein. Beide gehen sie zu einem schönen Haus, die Alte ruft, und eine schöne Maid eilt herbei.

Sie hatte ihre Hosen bis zu den Knien aufgeschlagen, so dass ich ein paar Waden erblickte, das Geist und Auge in Verwirrung bringt.

Rasiert oder unrasiert? Ich warte immer noch auf eine Kulturgeschichte des Waden- und Achselrasierens. Es scheint inzwischen so selbstverständlich, dass es kaum noch jemandem einfallen mag, wie ungewöhnlich das noch vor ein paar Jahrzehnten gewesen ist.

Azîz neigt den Kopf unter den Torbogen, um den Brief aus der Nähe lesen zu können. Da

legte die Alte ihren Kopf auf meinen Rücken und stieß mich (...) hinein. (...) und hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Türe zu verschließen.

Mal eine überraschende Wendung nach all dem Hin und Her und Zeichengedeute.

121. Nacht

Die Dame sucht das Grab der Base auf.

Dann nahm sie einen Stichel aus Stahl und einen zierlichen Hammer hervor und grub mit dem Stichel auf den Stein, der zu Häuptern des Grabes stand, in feiner Schrift diese Verse ein:

Ich kam zu einem verfallenen Grabe in einem Garten
Von sieben Anemonen war drauf ein Blumenstrauß.
Da sprach ich: Wes Grab ist dies? Die Erde gab mir zur Antwort:
Vernimm in Ehrfurcht, dies ist eines Liebenden Totenhaus.
Dann rief ich: Möge der Herr dich schützen, du Opfer der Liebe!
Im Paradies droben halt' er eine Stätte bereit!
Unselige Geschöpfe sind doch die Leute der Liebe,
Dass ihre Gräber noch der Staub des Elends entweiht.
Vermöchte ich es, ich legte ein Blumenbeet um dich an
Und mit der Flut der Tränen tränkte ich es dann.

Azîz hingegen lässt es sich gut gehen:

Ich dachte nur an Essen und Trinken, an Küssen und Umarmen und daran, immer neue feine Kleider zu tragen, bis ich dick und fett wurde und frei von Sorge und Trauer, meine Base ganz vergaß.

Am Neujahrstag geht er ins Badehaus, trinkt Wein, macht sich auf den Weg zur Geliebten, verläuft sich aber wegen des Rausches und gerät so in die Vorstehersgasse, wo er auf eine Alte trifft, die ein gefaltetes Schreiben in der Hand hält.

Sonntag, 23. Dezember 2007

120. Nacht

Man begräbt die Base. Und die Mutter richtet noch ihre letzten Worte aus:

"Wohin er jeden Tag geht, soll er beim Abschied die folgenden Worte sprechen:

Treue ist trefflich - Verrat ist hässlich."

Auch gibt es noch etwas, dass sie ihm geben soll, aber sie hält es noch zurück. Wieder geht er zur Dame, beschläft sie und richtet die Worte aus. Und mit diesen Worten hat sie ihm wohl das Leben gerettet, denn die Dame hätte ihn nun getötet, aber nun versteht sie, wie jung und unerfahren er ist.

"Jetzt aber warne ich dich: Sprich mit keiner Frau, rede keine unseres Geschlechts an, weder jung noch alt! (...) Du bist noch jung und unerfahren und kennst die Falschheit und List der Frauen nicht."

Storys über die Bosheit der Frauen werden wir in dieser Sammlung wohl noch häufig lesen.

119. Nacht

Natürlich vergisst Azîz, der Dame den Vers aufzusagen. Aber diese gibt ihm eine Leinwand, die mit Gazellen bestickt ist, wie wir sie aus der 112. Nacht bereits kennen. Die Base schilt ihn für das Vergessen des Verses. In der nächsten Nacht aber spricht er:

O ihr Liebenden, bei Allah, saget an:
Wenn ihn die Liebe plagt, was tut der Mann?

Doch wie sie das hörte flossen ihre Augen vor Tränen über und sie sprach:

Er hütet seine Lieb, birgt sein Geheimnis treu
Und harrt geduldig aus in allem, was sei!

Daheim wird die traurige Base nun von der weinenden Mutter betreut. Die Base bittet nun, folgende Verse auszurichten:

Wie kann er die Liebe hüten, wenn sie ihm das Leben raubt,
Und wenn das Herz ihm täglich in tausend Stücke springt?
Wohl hat er die rechte Geduld gesucht, doch fand er nichts
Als nur ein Herz, das immer mit quälender Sehnsucht ringt!

Als er dies nach dem Liebesspiel der Dame ausgerichtet hat, weint sie und spricht:

Wenn die Kraft, um sein Geheimnis zu hüten, sich ihm nicht bot,
So weiß ich keinen Rat für ihn als nur den Tod!

Heim zur Base, Ausrichten der Verse, neue Verse anhören:

Ich habe gehört und gehorcht; dann bin ich gestorben. Nun bringe
Von mir einen Gruß zu ihr, die mir das Liebesglück stahl!
Jene, die glücklich sind, möge ihr Glück erfreuen -
Dem armen Liebenden blieb ein Kelch der bitteren Qual.

Hin zur Dame. Beischlaf ausführen. Verse ausrichten.

Aber als sie die hörte, schrie sie entsetzt: "Wehe, wehe! Bei Allah, die diese Verse gesprochen hat, ist jetzt tot!"

Azîz ist nun verwirrt.

Wer wäre das nicht bei all dem Hin und Her, Zeichen deuten, Verse überbringen, Sexualität entdecken, Sprache der Frauen nicht verstehen?

Er klärt die Dame über die Base auf. Als er heimkommt, ist die Base tot. Seine Mutter spricht:

"Gott verzeihe dir ihr Blut nie!"

Das sind Aussichten!

118. Nacht

Man hat beinahe das Gefühl, das geht jetzt die kommenden 882 Nächte so weiter:

Azîz isst doch in der Laube, schläft ein, erwacht am nächsten Morgen, bedeckt mit scharfem Dolchmesser und runden Eisenplättchen. Die daheim weinende Base erklärt, dass die Dame damit sagen will:

"Bei dem Herrn der Welten, wenn du noch einmal wiederkommst und einschläfst, so werde ich dich mit diesem Messer töten."

Auf Anraten der Base schläft Azîz nun aus und isst sich zuvor satt. Noch einmal schärft sie ihm ein, im Falle der Vereinigung mit der Dame, dieser den Vers zu sagen. Er geht in den Garten, wartet, und die Hähne krähen schon, als er wieder hungrig wird. Er isst, wird schläfrig, aber zum Glück erscheint in diesem Moment die Dame.

Sie zog mich an ihren Busen und küsste mich. Auch ich küsste sie, und sie sog an meiner Oberlippe, während ich an ihrer Unterlippe sog. Dan legte ich meine Hand um ihren Leib und streichelte sie. Und alsbald ruhten wir gemeinsam auf dem Boden; da band sie ihre Hose auf, die ihr bis zu den Knöcheln hinabglitt. Nun begannen wir zu tändeln und uns zu umschlingen, zu kosen und zu flüstern von zarten Dingen, zu beißen und Leib an Leib zu legen, und im Umlauf um das heilige Haus und seine Pfeiler uns zu bewegen, bis ihre Glieder erschlafften und sie dahinsank und der Welt entrückt ward.

117. Nacht

In der kommenden Nacht geht Azîz erneut in den Garten, wieder kann er der Versuchung nicht widerstehen und beginn zu essen, wird müde, schläft ei. Er erwacht am Morgen.

Da fand ich auf meinem Leibe einen Knochenwürfel, ein Schnellholz, den Stein einer unreifen Dattel und einen Johannisbrotkern.

Base weint daheim und rezitiert.

Anders wäre es auch schon komisch.

Sie deutet:

  • Knochenwürfel und Schnellholz = Du bist hier, aber dein Herz ist fern.

  • Dattel = Ein Liebender hätte nicht geschlafen

  • Johannisbrotkern = Des Liebenden Herz ward müde.

Die Message lautet:

Ertrag unsere Trennung mit einer Geduld von Hiobs Art.

Um ein weiteres Einschlafen/Bedecktwerden/Nachhausekommen/Weinende-und-rezitierende-Base-deutet-die-Zeichen zu verhindern, soll Azîz nun essen, bevor er in dn Garten geht. Dies tut er auch.

Unklarer Gegenstand: Schnellholz. Dass Würfel früher aus Knochen gemacht wurden, hatte ich bereits gehört. Aber es mutet seltsam an, und Würfelspiel bekommt dadurch so etwas Morbides. Man sieht schon die allegorienhaften Radierungen aus der Frührenaissance vor sich, in denen verschmitzte Bauern mit dem Tod würfeln, möglichst auf einer Militärtrommel. Ich habe kein konkretes Bild vor Augen, eher ein zusammengestückeltes. Aber das ergibt sich, wenn ich das Wort "Knochenwürfel" höre oder lese.

Im Übrigen ähnelt das Motiv des ständig im Garten vor einem Tisch einschlafenden Liebenden einem Motiv eines Märchens aus der Grimms-Sanmlung: Die Rabe. Ob es außerhalb dieses Märchens eine weibliche Form des Wortes "Rabe" gibt, ist mir unbekannt. Ich denke, heute zählt "Rabe" zu den wenigen deutschen Substantiven, die auf "e" enden und dennoch maskulin sind:

  • Käse

  • Bube

  • Knabe

  • Jude

  • Lude

  • Hase

  • Rabe

116. Nacht

Azîz bedient sich an den Speisen, wird schläfrig, schläft ein und findet sich am nächsten Morgen mit Kohle und Salz bedeckt.
Wieder ist es die zuhause weinende und Verse rezitierende Base, die die Zeichen deuten muss:

"Diese Frau benimmt sich sehr übermütig gegen dich."

Salz = Du gleichst einer faden Speise, die gesalzen werden muss, damit sie schmeckt.
Die Kohle =deutet sie so:

"Allah schwärze dein Angesicht, da du fälschlich auf Liebe Anspruch gemacht hast!"

"Du hast auf Liebe Anspruch gemacht!" Was ist das denn für ein Turko-Deutsch?

115. Nacht

Überraschenderweise lebt die Base noch. Und überraschenderweise wollte sie ihn gar nicht verhöhnen. Das Loch im Kopf tut ihr außerdem gut, denn sie

"war von Kopfschmerzen gequält, und ich hatte schon im Sinne, mich zur Ader zu lassen."

Das Fortbleiben der Schönen war, so die Base, nur ein Test. Er möge am nächsten Tag wieder zu ihrem Haus gehen. Am nächsten Tag zeigt sie sich am Fenster mit

  • einem Spiegel

  • einem Beutel

  • einem Blumentopfe voll grüner Pflanzen

  • einer Lampe

Abermals erklärt die Base die Bedeutung

  • Spiegel in den Beutel = Warte bis zum Sonnenuntergang

  • Blumentopf = Warte im Garten auf mich

  • Lampe = Setze dich dort nieder, wo du eine Lampe leuchten siehst

Die Base beschwört ihn, nach der Vereinigung mit der Schönen, dieser den folgenden Vers ins Ohr zu flüstern

O ihr Liebenden, bei Allah, sagt an:
Wen die Liebe plagt, was tut der Mann?

Azîz begibt sich in den Garten und findet dort einen reichlich gedeckten Tisch.

114. Nacht

Mein Bücherstapel in Sizilien:

  • Kauderwelsch Sizilianisch

  • 5 Blätter ausgedruckt die letzten Seiten von Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten Band I

  • Anne Bogart/Tina Landau: "The Viewpoints Book"

  • Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten Band II

  • Thomas Schröder: "Sizilien" (Reiseführer)

  • Radim Vlcek: "Workshop Improvisationstheater"

  • Patricia Ryan Madson: "Improv Wisdom"

  • Baltazar Gracián: "Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit" (in der Schopenhauer-Übersetzung)

  • Max Goldt: "Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens"

  • Richard Templar: "The Rules Of Life"

  • Arthur Rimbaud: "Sämtliche Dichtungen"

  • Großwörterbuch Italienisch

  • ADAC-Reiseführer: "Sizilien"

  • "Chaussee der Enthusiasten"

  • Langenscheidt  Der Italienisch-Kurs

  • 6 Seiten ausgedruckt: Eigene Notizen zu Sizilien und zur Reise

  • ca. 220 Seiten ausgedruckt und unsortiert Die Gedanken zu Improvisation und Improvisationstheater der letzten zweieinhalb Jahre

Was fehlt: Ein Roman. Heute, am 16. Dezember, habe ich Goldt ausgelesen, im Flugzeug die ersten Lektionen Italienisch begonnen und dann nicht mehr angefasst, Vlceks Buch so schnell wie möglich durchgepeitscht um die nötigsten Informationen herauszuziehen, von den Tausendundein Nächten täglich 10 Seiten gelesen, von "Improv Wisdom" ein paar Kapitel noch einmal genossen. Templar wohlweißlich nicht angefasst, in Rimbaud nur hineingeblättert - zu hart im Moment, das Wörterbuch kaum benutzt, für meine wenigen Einkäufe, Restaurantbesuche und Dorfspaziergänge wäre ein Miniwörterbuch bessergewesen, "Chaussee der Enthusiasten" verschweißt als mögliches Geschenk mitgenommen (bisher ist niemand in Sicht, der es sich verdienen könnte), die 220 Seiten auch noch nicht angefasst, sie riechen zu sehr nach Arbeit.

***

Azîz geht nach den zwei Tagen wieder zum Fenster der Dame und fällt bei ihrem Anblick in Ohnmacht. Als er wieder erwacht, gibt sie ihm folgende Zeichen:

  1. Zurückstreifen der Ärmel von ihren Vorderarmen 114

  2. Schlägt sich mit fingergespreizter Hand auf die Brust

  3. hebt ein rotes Tuch und hält den Spiegel heraus

  4. senkt dreimal das Tuch

Die daheim leidende Base erklärt sie ihm

  • Fünf Finger = Komm in fünf Tagen wieder

  • Spiegel und Tuch: Komm zum Färberladen

Azîz darauf:

"Bei Allah! Du hast recht mit dieser Deutung; denn ich habe in der Gasse einen jüdischen Färber gesehen."

Nach fünf Tagen setzt er sich vor die Tür des Färbers, aber niemand erscheint. Zuhause fragt ihn seine Base:

"Warum bist du nicht die Nacht bei deiner Geliebten geblieben und hast dein Verlangen an ihr nicht gestillt?"

Azîz nimmt dies als Beleidigung und tritt seine Base gegen die Brust, so dass sie stürzt und ein Pflock in ihre Stirn rammt.

Das erste Mal, dass ich den in Kindertagen häufig benutzten Terminus "Loch im Kopf" hörte, war, als ich meinem geliebten Kindergartenfreund Bastian Philipp im Affekt einen Stein an den Kopf warf. Bastian sprach dann nie wieder mit mir. So zerstörte ich meine erste Freundschaft.

114 Klingt wie "Vorderhufe". Muss es nicht "Unterarme" heißen?

113. Nacht

Als die Besitzerin des Gazellentuchs bemerkt, dass Azîz sie beobachtet,

steckte sie ihren Daumen in den Mund und legte Mittelfinger und Zeigefinger zusammen auf ihren Busen zwischen die Brüste; dann zog sie den Kopf zurück, schloss das Fenster und ging davon.

Verwirrt betrachtet er das moschusgetränkte Tuch und ein Brief mit drei Liebesgedichten fällt heraus. Er ist voller Sehnsucht, aber er

war in der Auslegung der Liebessprache noch unbefangen.

Wer hätte gedacht, dass derart eindeutige Gesten noch auszulegen sind?

Azîz geht nach Hause und findet dort, die verheulte Azîza, die berichtet, dass sein Vater zornig geworden sei wegen des vielen Geldes, dass er in das Fest gesteckt hätte. Azîz berichtet seiner Base und versetzten Braut die Geschichte und bittet sie um Hilfe. Sie rezitiert ein Gedicht und meint:

"Lieber Vetter, selbst wenn du mein Auge verlangtest, so würde ich es für dich unter den Lidern herausreißen. Ich kann nicht anders, ich muss dir zu deinem Ziele verhelfen."

Dabei kann es doch nur Notgeilheit und Gier auf das Fremde sein. Seltsame Cousinenliebe.

Sie hilft ihm die Zeichen zu deuten und auszulegen:

  • Daumen im Mund  - Wertschätzung und Wunsch nach baldiger Vereinigung

  • Tuch - Gruß der Liebenden

  • Brief - Ihre Seele hängt an ihm

  • Zwei Finger zwischen den Brüsten - Sie will ihn in zwei Tagen wiedersehen und sich mit ihm vereinigen.

Unklar: Wenn die Fremde das Spiel mit diesen Zeichen so gut beherrscht, dürfte es ja nicht das erste Mal gewesen sein. Außerdem: Woher weiß Azîza von diesen Zeichen?

112. Nacht

Tâdsch el-Mulûk zwingt den Jüngling, auch das Linnen auszubreiten. Es ist eine Leinwand, auf die zwei Gazellen gestickt sind - eine in Gold, die andere in Silber. Und am Hals der goldenen ist ein Band, an dem

drei Chrysolithenröhrchen hingen.

Wer behängt heutzutage noch seine Gazellen mit Chrysolithenröhrchen?

Gefragt, was es damit auf sich hat, berichtet der Jüngling seine Geschichte, nämlich

Die Geschichte von Azîz und Azîza

Azîz und seine Base Azîza wachsen nach dem Tode ihres (Azîzas) Vaters gemeinsam auf. Es ist abgemacht, dass die beiden eines Tages heiraten sollen. Die Vorbereitungen werden bereits getroffen.

Immer aber schliefen wir noch auf demselben Lager, denn wir wussten nichts von den Dingen.

Was gibt's da eigentlich viel zu wissen? Wenn man ein Hundepärchen gesehen hat, dann weiß man bescheid.

Die Hochzeitsfeier ist zur Stunde nach dem Freitagsgebet geplant. Auch Azîz bereitet sich vor und geht zur großen Moschee. Doch es ist heiß, und er setzt sich auf eine Bank, als plötzlich das Tuch mit den Gazellen heruntergesegelt kommt. Er schaut auf und gewahrt im Fensterrahmen deren Besitzerin.

111. Nacht

Tâdsch el-Mulûks Blick fällt auf einen Jüngling, der war

in ein schneeweißes Gewand gehüllt und von lieblicher Gestalt; aber seine Schönheit schien zu verwelken, denn seine Wangen waren bleich wegen der Trennung von seinen Lieben.

Er sträubt sich dagegen, Tâdsch el-Mulûk seine Waren zu zeigen und rezitiert ununterbrochen Klageverse:

Bei deiner Wimpern schwarzglänzender Lieblichkeit,
Bei deines Leibes sich wiegender Zierlichkeit,
Bei deiner Lippen berauschendem Honigtau,
Bei deines Sinnes unendlicher Gütigkeit,
Du meine Hoffnung, mir ist deine Erscheinung im Traum
Süßer als Schutz vor allem quälenden Leid.

Tâdsch el-Mulûk zwingt ihn nun, seine Waren zu zeigen. Er tut es, doch versucht er, ein Stück Linnen zu verbergen.

111. Stadt

Tâdsch el-Mulûks Blick fällt auf einen Jüngling, der war

in ein schneeweißes Gewand gehüllt und von lieblicher Gestalt; aber seine Schönheit schien zu verwelken, denn seine Wangen waren bleich wegen der Trennung von seinen Lieben.

Er sträubt sich dagegen, Tâdsch el-Mulûk seine Waren zu zeigen und rezitiert ununterbrochen Klageverse:

Bei deiner Wimpern schwarzglänzender Lieblichkeit,
Bei deines Leibes sich wiegender Zierlichkeit,
Bei deiner Lippen berauschendem Honigtau,
Bei deines Sinnes unendlicher Gütigkeit,
Du meine Hoffnung, mir ist deine Erscheinung im Traum
Süßer als Schutz vor allem quälenden Leid.

Tâdsch el-Mulûk zwingt ihn nun, seine Waren zu zeigen. Er tut es, doch versucht er, ein Stück Linnen zu verbergen.

110. Nacht

Tâdsch el-Mulûk wird ein schöner Jüngling.

Und als er das achtzehnte Lebensjahr erreichte, sprosste zarter Flaum auf seiner Wange, die verschönt war durch ein Mal von rosigem Schein und durch ein zweites wie ein Ambratüpfelchen klein.

Heute ein Grund, mal den Hautarzt aufzusuchen.

Es gibt ja unter Jünglingen die Wangen-, Oberlippen- und Kinn-Fläume. Auch ich gehörte zu den Wangenflaumern, während die meisten meiner Klassenfreunde sich ihren Schnurrbart scheitelten. Glatte Wange galt für mich damals als kindisch, aber fürs Wie-Keith-Richards-oder-Tom-Waits-Aussehen hätte ich noch ein paar mal schärfer rasieren müssen.

Tâdsch el-Mulûk liebt es nun, auf die Jagd zu gehen, obwohl sich sein Vater sorgt. Man treibt Gazellen vor sich her,

Nun ließ er die Hunde, Jagdleoparden und Falken los...

Jagdleoparden? Darf man sich so etwas auch in Berlin halten? Ich würde mit dem Gedanken spielen, ihn zur Verteidigung gegen Kampfhunde beim Joggen mitzunehmen.

Eine Karawane kommt der Jagdgesellschaft entgegen, die auf dem Weg in die Grüne Stadt ist, vollbeladen mit Geschenken für Tâdsch el-Mulûk, nicht wissend, dass dieser sich gerade hier aufhält.

Samstag, 22. Dezember 2007

109. Nacht

Der Wesir zieht mit der Braut zu Sulaimân Schâh, und sie wird in der Grünen Stadt mit allen Ehren empfangen:

Der König ließ durch einen Ausrufer in der ganzen Stadt verkünden,
keine verschleierte Maid,
keine vornehme Dam im Ehrenkleid,
keine Dame gebrochen von der Zeit
solle es unterlassen, der Braut entgegenzuziehen.

So wie man auch bei uns manchmal zum Spalierstehen verpflichtet wurde. Das letzte Mal, da ich bei so etwas freiwillig mitgemacht habe, war im Oktober 1979. Breshnew kam anlässlich des 30. Geburtstags der DDR nach Berlin, und man konnte vom Straßenrand aus sehen, wie klapprig und monoton er wirkte. Spät am Abend wurde live ein Fackelzug im Fernsehen gezeigt. Nach 1 Stunde änderte sich die Kamera, so dass man den (inzwischen zu Bett oder an die Schläuche transportierten) Breshnew nicht mehr sehen konnte. Eine große Panne bei der Ansprache der FDJler: Der Danksager vergaß seinen Text. Man munkelte, er habe dann einen Nervenzusammenbruch bekommen und sei dann in der Psychiatrie gelandet. Mit nicht einmal elf Jahren war ich von den Sprech-Chören "SED-KPdSU" peinlicher berührt als meine Eltern, die das Ganze fatalistisch zur Kenntnis nahmen.

Ruckzuck wird geheiratet. Sulaimân

nimmt ihr Mädchentum, und alle seine Sorge und Unruhe hatte ein Ende.

Es gab Zeiten, in denen ich mich grämte, wenn ich nicht regelmäßig Geschlechtsverkehr hatte. So ein König ist schon mit einem einzigen Mal zufriedenzustellen.

Man kann es sich denken: Wie auch in den anderen Erzählungen empfängt hier die Jungfrau bereits in der ersten Nacht. Der geborene Knabe wird Tâdsch el-Mulûk Charân genannt.

Unklare Praxis: Nach dem Zerschneiden der Nabelschnur die Augen salben.

Ab dem siebenten Lebensjahr wird er von den Gelehrten unterrichtet und

als er nun alles wusste, was der König verlangte, übergab man ihn einem geschickten Meister, der den Knaben die Reitkunst lehrte.

108. Nacht

Der Wesir schmeichelt sich bei König Zahr Schâh mit einem Schmeichelgedicht ein, und bittet ihn anschließend um die Hand der Tochter für Sulaimân Schâh. König Zahr Schâh demütigt sich vor dem Wesir und

küsste ehrfurchtsvoll den Boden.

Mit Freuden gibt er seine Tochter dem König zur Frau. Man trifft entsprechende Vorbereitungen und feiert gar zwei Monate Freudenfeste. Dann rüstet man zur Reise: Maultiere, Stoffe,

türkische Sklavinnen, griechische Dienerinnen

Man beachte die Abstufung. Unklar: Lassen sich Griechinnen nicht so leicht versklaven?

Ferner ließ der König eine Sänfte aus rotem Golde für sie machen, die mit Perlen und Juwelen besetzt war, und bestimmte zwanzig Maultiere für ihre Reise; jene Sänfte aber war wie eine der Kammern in einem Palaste, und wenn die Braut darin saß, dann sah sie aus wie eine liebliche Huri in einem Paradieshaus.

Unklar: Woher kennt man deren Aussehen?

107. Nacht

Der Wesir Dandân beginnt mit der

Erzählung von Tâdsch el-Mulûk und der Prinzessin Dunja:
Dem Liebenden und der Geliebten

Wir erfahren vom König Sulaimân Schâh in der Grünen Stadt in den Bergen von Ispahan 107, der es zu Ruhm und Ehre gebracht hat, aber bisher weder Weib noch Kind hat. Er fragt seinen weisen Wesir.

Erste Selbstreferenz der Geschichte in der Geschichte. Der Wesir Dandân wäre töricht, wenn er hier die Figur eines durchtriebenen Wesirs einführte.

Der Rat, sich einfach eine Sklavin zu kaufen, wird abgelehnt, da man nicht wisse, was das für Nachkommen würden.

"Eine solche Frau ist wohl einem trockenen Salzsee zu vergleichen, der da, obgleich gute Saat auf ihm gesät wird, doch nur wertloses Wachstum treibt, das nicht dauernd bleibt."

Unklar, ob er das wegen der sozialen oder der biologischen Herkunft glaubt.

Nun rät der Wesir, die Tochter des Königs Zahr Schâh zu freien:

"... So wird dir durch ihr schönes Antlitz Freude beschieden, und der Herr der Herrlichkeit ist mit dir zufrieden; denn es wird berichtet, dass der Prophet - Allah segne ihn und gebe ihm Heil! - sagte: Im Islam gibt es keine Möncherei."

Unklar: Wie ordnen sich hier die Derwische ein? Und wie soll im Islam die Polygamie gehandhabt werden, wenn der Männerüberschuss nicht durch "Möncherei" abgefangen werden kann? Krieg? Sklaverei?

Der Wesir wird mit einer Karawane voller Geschenke als Brautwerber losgeschickt und nach tagelanger vom König Zahr Schâh freundlich empfangen.

 

 

107 Gemeint ist natürlich Isfahan اصفهان

106. Nacht

(13.12.2007) Am Abend „Frühling, Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling“. Koreanischer Film über einen buddhistischen Mönch. Sehr ruhig. Schöne Bilder. Und es passt zu all dem, was ich in den letzten Tagen bei der Abschrift des Stein-Interviews, die ich kurz vorher beendet habe, noch mal gehört und rekapituliert habe. Viele schöne Kleinigkeiten. Die Türen in dem kleinen Haus, die scheinbar überhaupt keine Funktion haben, da es keine Wände gibt. Aber bald zeigt sich, dass sie Pforten zu verschiedenen Lebensbereichen sind: Schlafen, Beten, Essen, Ins Freie Gehen, Ins Weltliche. Denn selbst am See gibt es mitten im Wald eine doppelflüglige Pforte, die man durchschreiten muss, wenn man zum Haus auf dem See will. Der Meister beschriftet in einer kurzen Sequenz eine Tafel. Kaum hat er ein Zeichen beendet, verschwindet es. Man glaubt zunächst an Zaubertinte, aber dann zeigt sich: Er schreibt mit Wasser, dass vom Holz kurz aufgenommen wird, aber eben schnell wieder verdunstet. Auch schön, dass wir sehen, wie der Meister den Jungen, der ans andere Ufer gerudert ist, beobachtet. Aber wie kann er das tun, ohne selbst nass zu werden?, fragt man sich. Erst später zeigt sich, dass das Haus mobil sein muss, was er aber kaum nutzt, er rudert auch. Eine weiter schöne Stelle: Die Liebenden schlafen im freischwimmenden Boot. Um es heranzuholen, wirft der Meister einen Hahn ins Boot, dem er eine dünne Schnur ans Bein gebunden hat: Man kann nichts forcieren, zu viel Kraft zerstört alles, auch muss der Hahn als lebendes Wesen berücksichtigt werden. Einzig schwierig: Man kann als Zuschauer kaum anders, als die fünf Episoden in einen logischen, gar kausalen Zusammenhang zu stellen. So ergibt sich eine logische Wandlung vom impulsiven, tierquälenden Knaben zum impulsiven Liebenden zum impulsiven Mörder. Erst die überanstrengende körperlich-spirituelle Arbeit lässt ihn seelisch gesunden. Da aber der Kreis fest geschlossen wird – der Knabe, der zu ihm gebracht wird, ist sogar der gleiche Schauspieler – bleibt einem als Zuschauer im Grunde nur die Folgerung, dass in diesem Haus Mörder herangezogen werden. (Glücklicherweise hat man das in den Extras gezeigte Alternativ-Ende fallengelassen, in dem gezeigt wird, dass auch dieser Knabe Tiere quält.) Schlaumeierisch könnte man die alte Storytelling-Regel hinzufügen: „Don’t make too much sense.“ Loslassen können auch von einer erzählerischen Idee, sonst erscheint es gar zu festgezurrt, dem Rezipienten dick aufs Brot geschmiert.

***

Man versammelt sich am Grabe Scharkâns, sing Litaneien und spricht Verse. So auch Dau el-Makân

Sie trugen ihn fort - doch alle, die weinend ihm folgten, erschraken
Wie Mose, als der Sinai bebend stieg himmelwärts -,
Bis sie seine Gruft erreichten, da schien es, als wäre gegraben
Für ihn das rechte Grab in der Einheitsbekenner Herz.
Ich hatte nie geglaubt, vor deinem Begräbnis, ich würde
Mein Liebstes auf Händen von Männern dahingetragen sehn.
Nein, niemals habe ich gedacht, vor deiner Bestattung zur Erde,
Die leuchtenden Sterne könnten im Staube untergehn.
Ist der Bewohner des Grabes ein Pfand für eine Stätte,
Darinnen heller Glanz und Licht sein Antlitz verklärt?
Der Ruhm hat sein Wort gegeben, er wolle ins Leben ihn rufen;
Es ist, als sei der Begrabne ins Leben zurückgekehrt.

Dafür, dass sie sich erst seit wenigen Monaten kennen und er bis dahin seine Schwester für da Liebste gehalten hat, ein starkes Stück für Dau el-Makân.

Nachdem wir auch die Verse von Scharkân und einem seiner Freunde erfahren, bittet Dau el-Makân den Wesir, ihm am Abend eine Geschichte zu erzählen,

"vielleicht wird Allah dann den schweren Kummer aus meinem Herzen verjagen."

Wir ahnen schon, es folgt eine Geschichte in der Geschichte. Und damit endet, nach einem knappen Jahr Lektüre, der erste von sechs Bänden. Selbst verordne ich mir wieder einmal ein höheres Rezeptionstempo. Die Zweifel werden größer. Wirklich schöne Geschichten waren bisher nur wenige dabei. Der hier vorliegende Roman nur schwer genießbar in seiner Schwülstigkeit. Immerhin lässt sich auch hier lernen: Die Unbekümmertheit, mit der Helden und Handlungsstränge verworfen werden, widerspricht ja stark unserem Gefühl für Narrative, und doch bleiben wir bei der Sache.

105. Nacht.

(12.12.2007) Seltsamer Tag in Sizilien. Caucana und Punta Secca menschenleer, von ein paar Bauarbeitern, behinderten Alten, Hobbyanglern und Zufallsgästen im Caucana Inn abgesehen. Überall verschlossene Häuser. Hätte ich zwei Bodyguards, würde ich sie fragen, wo die ganzen Männer seien und zur Antwort bekommen: "Soni morti tutti di vendetta. Eh, li nomi di morti." Aber ich habe nicht einmal Bodyguards. Das Wetter so unbeständig, dass es selbst mich manchmal beängstigt, dabei liebe ich Sturm.
Am Abend eine Streife Carabinieri, die es verdächtig finden, dass sich jemand zu Fuß auf der Straße bewegt. In der Tat bin ich mit meiner Fußgängerei krasser Außenseiter wie in den USA - Straßen sind hier nur für Autos gemacht. Zum Glück habe ich den Pass dabei. Dass ich die Wörter turist, si und bene sagen kann, nehmen sie zum Anlass, mich vollzutexten.
Einseltsamer Dezemberurlaub. Aber was habe ich erwartet? Meine Solo-Urlaube in den letzten Jahren waren schon immer etwas seltsam. Buckow, Schildow, Odessa (wenn man Odessa Urlaub nennen kann) waren nie das, was ich dachte, aber auch immer auf ihre Weise schön.

***

Scharkân ist beerdigt.

Dann aber erwarteten sie, dass das Tor der Stadt geöffnet würde; doch es wurde nicht geöffnet, und niemand zeigte sich auf den Mauern, worüber sie sich sehr wunderten.

Was verstehe ich hier nicht? Erwarten die Muslime, dass die Griechen ihnen bereitwillig die Tore öffnen? Oder erwarten sie den Kampf?

Dau el-Makân schwört, Blutrache zu nehmen und Konstantinopel zu verwüsten.

Der junge Herr hat sich in den letzten Monaten zu einem regelrechten Sympathling gemausert.

Drei Tage lang warten sie vergebens vor en Mauern der Stadt.

Dhât ed-Dawâhi hat sich inzwischen in die Stadt begeben und schwört ebenfalls Blutrache für ihren Sohn.

Als ob sie die nicht schon genommen hätte.

Dann sprach sie zu König Afridûn: "Wisse, o König unserer Zeit, es ist mein Wunsch, für meinen Sohn die Trauerfeier anzusagen, den Gürtel zu zerschneiden und die Kreuze zu zerschlagen."

Unklar: Warum sollten sie die Symbole ihres Glaubens gerade zu Zeiten des Rituals ablegen?

Sie schreibt einen Brief an die Muslime, in dem sie ihre Untaten noch einmal schildert und so Salz in die Wunden reibt:

"... Wenn der Satan mir seinen Gehorsam weiht, so töte ich sicher auch euren Sultan und den Wesir Dandân."

Warum Satan? Gehen die Muslime davon aus, die Christen seien Satansanbeter? Oder ist dies der Sinn des "Kreuzzerschlagens" - dass man in der Not zur satanischen List greift?

Den Brief lässt sie am vierten Tag von einem Ritter durch einen Pfeil über die Mauer zu den Muslimen schießen. Auch Dau el-Makân lässt sich in seiner Bosheit nicht lumpen:

"Bei Allah, ich will nicht eher fortziehen, als bis ich ihr geschmolzenes Blei in die Scheide gegossen
und sie wie einen Vogel im Käfig eingeschlossen."

Er verspricht den Muslimen, die Schätze der Stadt unter ihnen aufzuteilen. Dandân tröstet den in einem fort weinenden Dau el-Makân mit den Dichterworten:

"Was nie geschehen soll, geschieht auch nie durch List;
Doch was geschehen soll, das wird geschehen.
Ja, was geschehen soll, geschieht zu seiner Zeit;
Allein, ein Tor kann es doch nie verstehen.

Ein Bote trifft ein mit der Nachricht, dass seine Gemahlin einen Sohn geboren hat, den seine Schwester (!) Kân-mâ-kân 105 genannt hat.

 

 

105 Was geschehen ist, ist geschehen.

 

***

104. Nacht

Wie nun Dhât ed-Dawâhi, die ja im Gewande des Asketen war, von dem Tode ihres Sohnes hörte, da wurde ihr Antlitz bleich, und aus ihren Augen flossen Tränen überreich; doch sie tat vor den Muslimen hocherfreut, als ob sie Tränen der Freude weine. Doch dann sprach sie bei sich selber: "Beim Messias, mein Leben ist nichtig, wenn ich ihm nicht durch seinen Bruder Scharkân das Herz verbrenne, wie er mir das Herz verbrannt hat durch König Hardûb."

Scharkân gesundet spontan und entlässt die Diener und Wachen nach diesem harten Tag von ihren Aufgaben, so dass sie sich alle schlafen legen.

Da sprang sie auf, als sei sie ein grindiges Bärenweib oder eine Viper mit fleckigem Leib.

Grindiges Bärenweib? Anspielung auf Wolfsmenschen?

Ruckzuck schneidet sie Scharkân und seinen Dienern die Köpfe vom Leib.

Wenn es etwas an diesem Roman zu bewundern gibt, dann doch dass er sich keineswegs schwer damit tut, die Protagonisten an unerwarteter Stelle abzuräumen. Man hätte ja schon gern noch gewusst, ob der Konflikt zwischen den beiden Brüdern an anderer Stelle noch einmal aufflammt. Scharkân im Grunde der impulsive Grobian, der zufällig auf der Seite der Guten steht. Immer wenn er auftauchte, trieb die Geschichte vorwärts - sein Verhältnis mit der griechischen Prinzessin, seine Eifersucht gegen die Stiefgeschwister, sein Ungestüm. Storytechnisch vielleicht nicht unbedingt clever. Die Technik, die Hauptcharaktere nach und nach abzumetzeln, könnte dazu führen, dass sich am Ende nur noch der Wesir Dandân und die alte Dhât ed-Dawâhi gegenüberstehen.

Auch zum Zelt von Dau el-Makân schleicht sie sich, das aber bewacht wird. Dandân hingegen spricht sie an:

"Willkommen, o frommer Asket!"

Er beschließt, ihr zu folgen, wird aber auch von ihr ausgetrickst, indem sie behauptet, einem Heiligen zu folgen, der erzürnen würde, wenn sie nicht allein käme.
Dandân geht nun zum Zelt Scharkâns und findet dort die blutige Bescherung.
Erst jetzt wird Dau el-Makân klar, was es mit dem Asketen auf sich hatte. Dandân bestätigt ihn:

"Wer anders brachte dieses Leid,
als jener Satan im Heiligenkleid?"

Dann bahrten sie Scharkân auf und begruben ihn im Gebirge dort und trauerten ob seiner weltberühmten Tugenden immerfort.

103. Nacht

Dau el-Makân und die anderen nehmen sich des verletzten Scharkân an.

Anzumerken vielleicht noch die Merkwürdigkeit, dass ein Klischee jedes Filmes, in dem es um einen Zweikampf zwischen Gutem und Bösem geht, es eigentlich immer der Gute ist, der den stärkeren Bösen mit List besiegt. Hier haben wir eine komplette Umkehrung. Dhât ed-Dawâhi wird als listig dargestellt. Dau el-Makân, Scharkân und ihr Vater als kräftig aber naiv. Eigentlich die Darstellung von Barbaren.

Man zieht wieder in den Kampf.

Hier verstoßen die Muslime offenbar gegen die ursprüngliche Abmachung, der Zweikampf würde die Schlacht entscheiden.

Am kommenden Tag zieht Dau el-Makân gegen König Hardûb in den Zweikampf und schlägt ihm den Kopf ab. Über fünfzigtausend Griechen werden getötet

und mehr noch nahmen sie gefangen. (...)

Dau el-Makân aber ging zu seinem Bruder; den fand er in höchster Freude wieder.

Bei ihm der "Heilige", der habe ihnen, so Scharkân,

den Sieg verschafft mit seinen gottgefälligen Gebeten; denn er hat den ganzen Tag im Gebete für die Muslime zugebracht.

Sie merken's immer noch nicht.

Mittwoch, 5. Dezember 2007

102. Nacht

Dhât ed-Dawâhi hatte, so erfahren wir, dem König Afridûn über ihre Listen benachrichtigt, so dass das christliche Heer die verbliebenen Moslems herfiel.

Und die Dreigötterverehrer schauten gierig auf das Volk des Glaubens drein.

Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Dreifaltigkeitslehre wird durchaus auch nicht von allen Christen anerkannt.

Nach der Schlacht beschließen die Christen, den Moslems ein Angebot zu machen, die Sache im Zweikampf zu entscheiden.

Dies kennen wir schon aus der 90. Nacht.

Die Christen sind sich ihrer Sache sicher und saufen die ganze Nach hindurch.
Afridûn selbst tritt zum Kampf gegen Scharkân auf.

Unklare Waffe: Speer aus Chalandsch 102

Scharkân saß auf einem edlen braunen Pferd, das war tausend Goldstücke wert.

Erinnert an den Gag von Helge Schneider über das wertvolle Klavier, das "über tausend Mark" gekostet habe.

...und so kämpften sie unverwandt, bald angreifend, bald zurückgewandt, spielend und in ernstem Ringen.

Das Wort Spielen mag in diesem Zusammenhang auffallen. Aber wer einen spielerischen Geist sein eigen nennt, wird auch angesichts des Todes spielen. (Stephen Nachmanovitch)

Afridûn bemerkt, dass Scharkân doch nicht so leicht zu besiegen ist, wie er dachte und packt ihn bei der Ehre:

"Ich sehe, dein Tun ist nicht preisenswert, dein Kampf ist nicht wie der eines Fürsten bewährt, sieh, wie dein Volk dich gleich einem Sklaven ehrt."

Der billigste Kindertrick, auf den aber ein so kindischer Brüllaffe wie Scharkân natürlich hereinfällt.

Tatsächlich dreht sich Scharkân zornig nach seinem Volk um und Afridûn nutzt den Moment, um seinen Wurfspieß zu schleudern. Im letzten Moment weicht Scharkân aus, aber an der Haut geritzt sinkt er zu Boden in Ohnmacht. Afridûn glaubt, der Sieger zu sein. Doch Dau el-Makân schickt Reiter zu Hilfe.

Klarer Bruch der getroffenen Vereinbarung. Aber Verträge mit Christen gelten hier wohl nichts.

Das scharfe jemenische Schwert tat gute Arbeit.

Schwerter aus dem Jemen?

 

 

102 Möglicherweise ist damit Khalanj (Birkenholz) gemeint.

Dienstag, 4. Dezember 2007

101. Nacht

Von blutigen Tyrannen und Despoten ist hier ständig die Rede. Ein Blick aufs heute zeigt, wie sich die Zeiten geändert haben. Der Vollblutdemokrat Putin erobert in den Gebieten, die am meisten unter seiner Knute zu leiden haben, die meisten Stimmen. 99% in Tschetschenien.

***

Dhât ed-Dawâhi reitet nun zu den verbleibenden Truppen, und schickt diese in den Kampf gegen die Christen, zur Unterstützung von Dau el-Makân, Scharkân und Rustâm. Der oberbefehlende Kammerherr schickt einen Recken namens Tarkâsch zusammen mit zehntausend weiterer Recken.

Sie weiß ja schon, dass der Kampf für die Christen dort verloren ist, also geht es ihr nur um eine Reduktion der Truppenstärke vor Konstantinopel.

Die Truppen unter Dau el-Makân und Scharkân glauben bei der Staubwolke zunächst an einen weiteren Angriff christlicher Heere, umarmen aber einander, als sie das Banner der Moslems mit der Aufschrift "Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Allahs" sehen.
Scharkân hat immer noch nicht das Vertrauen in den "Heiligen" verloren, denn als sie nach einem Eilmarsch eine weitere schwarze Wolke sehen und diese sich als der Reit-Staub der Dhât ed-Dawâhi herausstellt, küsst er hier Hände und Füße.
Sie bittet das Heer, den Muslimen im Kampf vor Konstantinopel beizustehen, denn

die Heiden legten den Muslimen eine Falle.

Abermals ist der Kampf ja schon im Gange und die Moslems würden ihre Truppen ohnehin unterstützen. Es geht ihr also nur darum, das Vertrauen zu ihr ("dem Heiligen") zu erhärten.

Einzig Dandân bleibt skeptisch:

"Bei Allah, mein Herz schreckt zurück vor diesem Asketen; denn immer nur sehe ich Unheil entstehen von solchen, die übermäßig beten." (...) Dann ließ Scharkân dem Asketen eine nubische Mauleselin bringen. (...) Doch jener weigerte sich zu reiten und spielte den Entsagungsreichen.

Sie kommen zum Schlachtfeld, und die Moslems unter dem Kommando des Kammerherrn sind im Rückzug begriffen.

Montag, 3. Dezember 2007

100. Nacht

Wie soll man Klavier üben? Das Wichtigste zu Beginn ist die richtige Haltung.




Ich hab's immer noch nicht ganz raus.

***

Zunächst scheint Scharkâns Plan aufzugehen. Auf den Ruf "Allâhu Akbar!" springen die Christen auf und erschlagen sich vor lauter Panik gegenseitig, doch dann tritt ein, was Dau el-Makân befürchtet: Sie entdecken die Moslems, und es kommt zur Schlacht.

Scharkân aber schwieg.

Eine Tugend immerhin: Zu schweigen, statt sich in einem fort zu rechtfertigen.

Doch in diesem Moment kommt die vierte Kavallerie der Trupp von Rustam herbei und verhilft ihnen zum Sieg. Auf die Frage, wie es dazu gekommen sei, wird weitschweifig erklärt, dass die Generäle Verdacht witterten, als sie die Mauern Konstantinopels scharf bewacht sahen, die Stadt schien gewarnt. Und als dann die Könige nicht eintrafen, machte man sich auf den Weg, um ihnen in etwaiger Not beizustehen, während ein Teil des Heeres vor Konstantinopel wartet.

99. Nacht

Bei meiner Zahnärztin werden extra zum Weihnachtsfest Gutscheine angeboten: Zahnbleichung, Zahnprophylaxe und Zahnkosmetik. Aber wer will so etwas zu Weihnachten bekommen? "Oh danke, Schatz! Jetzt weiß ich, dass du meine Mundhöhle für unzumutbar hältst und warum du es seit Jahren ablehnst, mich auf den Mund zu küssen."

***

Nur noch fünfundzwanzig Mann sind Scharkân geblieben, und die "Ungläubigen" wollen nun kurzen Prozess machen:

"Wenn wir sie nicht im Kampfe bezwingen, so wollen wir sie durch ein Feuer ausräuchern."

Tatsächlich ergeben sie sich und geraten so in gemeinsame Gefangenschaft mit Dau el-Makân und Dandân. Man will sie töten, aber der Befehlshaber rät ab:

"Ihr Tod steht nun in der Hand des Königs Afridûn, damit er seinen Rachedurst lösche."

Wäre auch ein wenig seltsam, wenn nun alle stürben. Wessen Geschichte sollte man dann weitererzählen? Bei einem Schreibspiel, das ich vor einem Jahr für Kinder anleitete, sollte jedes Kind immer einen Satz hinzufügen. Einem Achtjährigen machte es besonderes Vergnügen, egal wo die Geschichte gerade war, zu schreiben: "Und da waren alle tot."
Anders als meine Kollegen, die eine psychische Störung vermuteten, glaube ich dass er lediglich, den Tod als effektives narratives Werkzeug für sich entdeckt hatte.

Als die Nacht anbricht, beginnen, die Christen zu saufen,

bis sie alle auf dem Rücken lagen.

Über seine Gefangennahme

ergrimmte Scharkân, und er seufzte im Übermaß seines Zornes und reckte sich, bis seine Fesseln sprangen; und als er frei war von seinen Banden, trat er zu dem Hauptmann der Wache, zog ihm den Schlüssel zu den Fesseln aus der Tasche und befreite Dau el-Makân und den Wesir Dandân und die übrigen Gefangenen.

Anscheinend haben wir die Welt der Ilias-Motive verlassen und sind nun bei Karl May angelangt, leider ohne Anschleichszenen und Überrumpelungslisten. Die Christen sind hier schlicht zu doof und zu besoffen.

Man erbeutet Pferde, und Scharkân gelingt es, einen Haufen Waffen mitzuschleppen. Sein Vorschlag, die Wachen umzubringen, wird aber von Dau el-Makân abgelehnt. Ebenso der wahnwitzige Rat, sich auf die Bergspitzen zu stellen mit dem Schlachtruf "Allâhu Akbar!" Masse zu suggerieren und so das christliche Heer zu verschrecken und in die Flucht zu schlagen.
Auf diesem zweiten Vorschlag beharrt Scharkân allerdings und untermauert ihn mit dem seltsamen Argument:

"Es kann nur Gutes daraus entstehen."

Was für den Fortlauf der Geschichte sicherlich stimmen mag, für das Verhältnis der Brüder sicherlich nicht.