Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Samstag, 22. Dezember 2007

105. Nacht.

(12.12.2007) Seltsamer Tag in Sizilien. Caucana und Punta Secca menschenleer, von ein paar Bauarbeitern, behinderten Alten, Hobbyanglern und Zufallsgästen im Caucana Inn abgesehen. Überall verschlossene Häuser. Hätte ich zwei Bodyguards, würde ich sie fragen, wo die ganzen Männer seien und zur Antwort bekommen: "Soni morti tutti di vendetta. Eh, li nomi di morti." Aber ich habe nicht einmal Bodyguards. Das Wetter so unbeständig, dass es selbst mich manchmal beängstigt, dabei liebe ich Sturm.
Am Abend eine Streife Carabinieri, die es verdächtig finden, dass sich jemand zu Fuß auf der Straße bewegt. In der Tat bin ich mit meiner Fußgängerei krasser Außenseiter wie in den USA - Straßen sind hier nur für Autos gemacht. Zum Glück habe ich den Pass dabei. Dass ich die Wörter turist, si und bene sagen kann, nehmen sie zum Anlass, mich vollzutexten.
Einseltsamer Dezemberurlaub. Aber was habe ich erwartet? Meine Solo-Urlaube in den letzten Jahren waren schon immer etwas seltsam. Buckow, Schildow, Odessa (wenn man Odessa Urlaub nennen kann) waren nie das, was ich dachte, aber auch immer auf ihre Weise schön.

***

Scharkân ist beerdigt.

Dann aber erwarteten sie, dass das Tor der Stadt geöffnet würde; doch es wurde nicht geöffnet, und niemand zeigte sich auf den Mauern, worüber sie sich sehr wunderten.

Was verstehe ich hier nicht? Erwarten die Muslime, dass die Griechen ihnen bereitwillig die Tore öffnen? Oder erwarten sie den Kampf?

Dau el-Makân schwört, Blutrache zu nehmen und Konstantinopel zu verwüsten.

Der junge Herr hat sich in den letzten Monaten zu einem regelrechten Sympathling gemausert.

Drei Tage lang warten sie vergebens vor en Mauern der Stadt.

Dhât ed-Dawâhi hat sich inzwischen in die Stadt begeben und schwört ebenfalls Blutrache für ihren Sohn.

Als ob sie die nicht schon genommen hätte.

Dann sprach sie zu König Afridûn: "Wisse, o König unserer Zeit, es ist mein Wunsch, für meinen Sohn die Trauerfeier anzusagen, den Gürtel zu zerschneiden und die Kreuze zu zerschlagen."

Unklar: Warum sollten sie die Symbole ihres Glaubens gerade zu Zeiten des Rituals ablegen?

Sie schreibt einen Brief an die Muslime, in dem sie ihre Untaten noch einmal schildert und so Salz in die Wunden reibt:

"... Wenn der Satan mir seinen Gehorsam weiht, so töte ich sicher auch euren Sultan und den Wesir Dandân."

Warum Satan? Gehen die Muslime davon aus, die Christen seien Satansanbeter? Oder ist dies der Sinn des "Kreuzzerschlagens" - dass man in der Not zur satanischen List greift?

Den Brief lässt sie am vierten Tag von einem Ritter durch einen Pfeil über die Mauer zu den Muslimen schießen. Auch Dau el-Makân lässt sich in seiner Bosheit nicht lumpen:

"Bei Allah, ich will nicht eher fortziehen, als bis ich ihr geschmolzenes Blei in die Scheide gegossen
und sie wie einen Vogel im Käfig eingeschlossen."

Er verspricht den Muslimen, die Schätze der Stadt unter ihnen aufzuteilen. Dandân tröstet den in einem fort weinenden Dau el-Makân mit den Dichterworten:

"Was nie geschehen soll, geschieht auch nie durch List;
Doch was geschehen soll, das wird geschehen.
Ja, was geschehen soll, geschieht zu seiner Zeit;
Allein, ein Tor kann es doch nie verstehen.

Ein Bote trifft ein mit der Nachricht, dass seine Gemahlin einen Sohn geboren hat, den seine Schwester (!) Kân-mâ-kân 105 genannt hat.

 

 

105 Was geschehen ist, ist geschehen.

 

***

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