Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 16. Januar 2008

136. Nacht

An dieser Stelle vielleicht völlig unpassend: Aber kann mir mal jemand die Popularität des Radio-Journalisten Jörg Tadeusz erklären. In seiner angeblichen Wissenschaftssendung "Die Profis" auf Radio Eins stellt er sich absichtlich doof (zumindest kann ich das für ihn nur hoffen) und nimmt keinen seiner Gesprächspartner auch nur im Geringsten ernst. Den Anrufern beim Scanner-Spiel stellt er persönliche bis intime Fragen, was vielleicht noch in Ordnung wäre, wenn er sich dafür interessierte, aber es ist ihm eigentlich scheißegal. Den Vogel schoss er am vergangenen Sonnabend ab, als er anlässlich des Jahres der Mathematik einen Mathematikprofessor interviewte und diesen bat, "uns allen" doch nun ein für allemal die Prozentrechnung zu erklären, Stoff aus der siebten Klasse also. Der Professor ist sich dann auch nicht zu fein, das auch noch mal langsam und von vorn zu tun, und aus jedem "Aha" von Tadeusz hört man heraus, dass er nicht einmal zuhört, also gar nicht begreifen will. Koketterie mit mathematischer Dummheit ist zwar verbreitet, steht aber einem "Wissenschaftsjournalisten" nicht besonders zu Gesicht. Nicht dass bestimmte mathematische Sachverhalte nicht schwierig wären, aber wie ernst soll ich Tadeusz nehmen, der nicht einmal das Minimum an geistiger Wachheit besitzt, wissen zu wollen?

***

Es erschallen Schreie.

Die Leute schlossen ihre Läden.

Ähnlich wie bis vor wenigen Jahren in Kreuzberg am 1. Mai.

Der König rief dem Scharfrichter zu: "Halt ein!"

Die Truppen kommen herbei, und die Gesandten von Sulaimân Schâh treten auf den König Schehrimân zu, unter ihnen der Wesir.

den König Schehrimân seltsamerweise nicht wiedererkennt.

Der Wesir richtet Schehrimân aus, dass man auf der Suche nach dem Königssohn Tâdsch el-Mulûk sei. Schehrimân könne mit Dank und Ehre rechnen, wenn dieser denn lebe, ansonsten würde das

Reich zur Wüste werden.

Was uns die Weisheit und Güte Sulaimân Schâhs in neuem Lichte erscheinen lässt.

Der Wesir entdeckt Tâdsch el-Mulûk auf dem Blutleder, man löst ihm die Fesseln, Tâdsch el-Mulûk fällt vor Freude in Ohnmacht.
Man badet und pflegt Tâdsch el-Mulûk.
Schehrimân flitzt zu seiner Tochter Dunja, die gerade im Begriff ist, sich ins Schwert zu stürzen und bittet sie, ihm zuliebe davon Abstand zu nehmen, er stünde einer Vermählung nun nicht mehr im Wege. Sie darauf:

"Hab ich dir nicht gesagt, dass er der Sohn eines Sultans ist? Bei Allah, nun muss ich ihn gewähren lassen, wenn er dich an ein hölzernes Kreuz schlägt, das zwei Dirhems wert ist."

Selbst in dieser eingebauten Story können sie nicht von ihrer Kreuzigungsobsession lassen.

Man rüstet zum Aufbruch und Schehrimân lässt Sulaimân Schâh Geschenke bringen:

hundert Renner, hundert edle Dromedare, hundert Mamluken, hundert Odalisken, hundert Sklaven und hundert Sklavinnen.

Odalisken sind bisher in den Erzählungen noch nicht aufgetaucht. Deshalb hier ein Bild, wie man sich diese im Europa des 18. Jahrhunderts vorstellte:


So jedenfalls in der Phantasie von Francois Boucher

Tâdsch el-Mulûk verabschiedet sich nun von Azîz, den er mit Geschenken überhäuft.

Ob diese ihn für den Ärger entschädigen können, den Prinzen mit der Stickerin zusammen zu sehen, deren Werke letztlich dazu beitrugen, dass ihm Glied und Ei abhanden kamen?

Zuhause angekommen findet Azîz seine Mutter vor einem ihm gewidmeten Grabmal weinend.

Aus der Mode gekommene Praxis: Die Haare über ein Grabmal ausbreiten.

Tâdsch el-Mulûk nimmt seiner Gemahlin nun das Mädchentum.

Fragt sich, was sie in den anderen Monaten getan haben: Harmloses Petting?

Oder andere Formen der Innigkeit, die die "Mädchenschaft" nicht verletzen?

Man reist ab.

Montag, 14. Januar 2008

135. Nacht

Es gelingt der Alten, den Eunuchen einzuschüchtern, und so wird sie selbst zur Türhüterin, während sich Tâdsch el-Mulûk mit Dunja amüsiert

mit Armen umwunden und innigst verbunden.

Am Morgen wird er in ein anderes Zimmer geschickt, damit Dunja mit ihren Sklavinnen spielen kann.

Und in dieser Weise blieben sie einen Monat beieinander.

Azîz und der Wesir fürchten nun, dass man Tâdsch el-Mulûk gefangen genommen habe und kehren zu dessen Vater Sulaimân Schâh zurück, der gleich nichts besseres zu tun hat, als zum Heiligen Krieg zu rüsten.

mit einem Heere so groß, dass es den Horizont versperrte

Gewalt, um es mit Michael Stein zu sagen, ist nichts weiter als beschleunigter Dialog. Oder systemtheoretisch gesehen: Wer aus den Kommunikationssystemen ausgeschlossen ist, dem bleibt noch der Zugriff zum Körper. Nun kann man beim König wohl nicht von Exklusion sprechen, eher von fehlender Evolution der entsprechenden symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien oder aber auch einfach von Inkompetenz, diese anzuwenden.

In der Zwischenzeit überreicht der Vorsteher der Goldschmiedezunft dem König Schehrimân ein goldenes Kästchen, welches dieser der Prinzessin bringen lässt. Der Eunuch Kâfur findet dabei unser Paar in flagranti. Flugs wird er vor den König gebracht, der befiehlt, ihn zu enthaupten. Der Scharfrichter zögert noch...

Bemerkenswert in diesem Beruf.

Doch der König droht ihm, ihn selbst zu enthaupten, und so hebt der Scharfrichter den Arm,

bis das Haar unter der Achsel sichtbar ward.

Mittwoch, 9. Januar 2008

134. Nacht

Selbst die Absagen einer Prinzessin werden noch in Verse gekleidet, die das Flirtfeuer am Lodern halten:

O der du um die Schläge des Schicksals dich nicht kümmerst,
Dir ist der Weg, der zur Vereinigung führet versagt!
Ja, glaubst du den, Vermessner, du könntest die Suhâ gewinnen,
Und kannst den Mond nicht erreichen, der hell am Himmel ragt?
Wie kannst du nur auf mich hoffen und denken, dich mir zu nahen,
Auf dass die Freude den schlanken Leib zum empfangen dir blüht?
Lass ab von diesem Plan aus Furcht vor meinem Zorne
An einem finsteren Tage, der graue Scheitel zieht.

Zur Erklärung der Metapher: Suhâ ist der altarabische Name für einen mit bloßem Auge nur schwer erkennbarer Stern im Sternbild "Großer Bär", auch Alkor genannt.

Suha Reiterlein

Tâdsch el-Mulûk schreibt einen neuen Brief, und auch diesen überbringt die Alte:

"Ich habe doch mein Leben mit List und Trug verbracht, bis ich neunzig Jahre alt geworden bin; wie sollte ich da nicht zwei vereinen können, auch wenn es eine Sünde ist?"

Nach europäischem Sonnenjahr gerechnet ist sie allerdings "erst" 87 Jahre alt.

Sie wagt es nicht, den Brief Dunja persönlich zu überbringen, verbirgt ihn in ihrem Haar und bittet die Prinzessin, ihr die Haare zu lausen.

Die Prinzessin laust die Dienerin - ein bemerkenswertes Dienerverhältnis.

Wieder schreibt die Prinzessin eine Ablehnung, und wieder der Prinz einen Liebesbrief. Doch diesmal rastet die Prinzessin Dunja aus:

"An allem, was mir widerfährt, ist diese Unglücksalte schuld! (...) Packt diese verfluchte Alte, die Ränkeschmiedin, und schlagt mit euren Sandalen auf sie ein."

Man wirft sie vor die Tür, doch nachdem sich die Alte erholt hat, geht sie wieder zu Tâdsch el-Mulûk, der sich nach dem Grund für den Männerhass von Dunja erkundigt.

Es läge, so die Alte, an einem Traum, den Dunja als junges Mädchen gehabt habe. In dieser fabelartig angelegten Story, hilft eine weibliche Taube dem Täuberich, aus dem Netz des Vogelfängers zu entkommen. Als das Weibchen jedoch in dieselbe Situation kommt, lässt sie der Täuberich im Stich, was die Prinzessin zu dem Urtail kommen lässt:

"Ein jeder Mann ist wie dieser Täuber; an ihm ist nichts Gutes, und an allen Männern ist nichts Gutes für die Frauen!"

Billiger als Freud.

Man beginnt nun, an einem Plan zur Überlistung der Prinzessin zu spinnen. Den Laden verschenkt Tâdsch el-Mulûk an Azîz. Die beiden gehen mit dem Wesir zum Garten, in dem sich die Prinzessin alle zehn Tage aufhält und bestechen den Gärtner, ihnen den Garten zu zeigen. Der Wesir bestellt nun Anstreicher, Maler und Goldschmied und gibt ihnen den Auftrag, ein Triptychon zu erstellen, das den Traum der Prinzessin nachstellt, ergänzt um eine Szene, die darstellt, dass der Täuber nicht kommen konnte, da er von einem Raubvogel gefangen wurde.
Die Nacht des Wartens vertreibt Azîz dem Tâdsch el-Mulûk durch Gesänge:

Es meinte Avicenna bei Leitsätzen seiner Lehre,
Für Liebeskrankheit wäre die Arzenei der Sang,
Die Nähe einer Maid, die der Geliebten gleiche,
Dazu ein edler Garten, Naschwerk und Trank.
So nahm ich denn einmal eine andre als dich, zur Genesung,
Als Zeit und Möglichkeit mir ihren Beistand liehn:
Doch ich erkannte, die Liebe ist eine tödliche Krankheit,
Und nur Gefasel ist Avicennas Medizin.

Das würde die Gesamtgeschichte zeitlich eingrenzen, da Avicenna (ابو علی سینا‎) erst um 1000 zu wirken begann, und sein Ruhm erst ab 1025 begann.

Die Prinzessin hat sich inzwischen wieder in ihrem Zorn gegen die Alte beruhigt und lässt sie rufen, da sie nur mit dieser im Garten zu spazieren pflegt. Tâdsch el-Mulûk legt sich inzwischen sein königliches Gewand an, verbirgt sich im Garten und wartet auf ein mit der Altenverabredetes Zeichen. Trickreich überredet die Alte die Prinzessin, die Eunuchen fortzuschicken. Tâdsch el-Mulûk verfolgt das Mädchen mit seien Blicken.

Doch sooft er sie nur sah, wurde er durch den Anblick ihres strahlenden Liebreizes ohnmächtig.

Alte und Dunja kommen an dem Triptychon vorbei, Dunja ändert sofort ihre Meinung zu Männern. So konditioniert erträgt sie auch leicht den Anblick des Tâdsch el-Mulûk, der nun hervortritt und ebenso schnell wieder verschwindet. Die Sehnsucht ist geweckt. Sowohl Prinz als auch Prinzessin versprechen der Alten 1000 Dinare und ein Ehrenkleid, falls die Vereinigung gelingt. Sie hilft Tâdsch el-Mulûk am nächsten Tag, in den Palast zu gelangen, indem er sich als Frau verkleidet und den Gang der Frauen lernt. Doch als sie ihn in die Gemächer der Prinzessin leiten will, stellt sich ihnen der Obereunuch in den Weg.