Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 24. September 2008

269. Nacht b) Jekaterinburg - Jonglage mit Omnibusschimmeln

Сибирь занимает большую территорию 4
Jekaterinburg - Jonglage mit Omnibusschimmeln

(12.4.07)
E-Mails und das Weltweitgewebe katapultieren einen gedanklich nach Hause. In wenigen Stunden ist man nun nach Asien geflogen, hat sich flink ein paar Urteile zurechtgebastelt, hat in einem Tschechenrestaurant gespeist, von weitem die Gedenkstätte für die Zarenfamilie in Augenschein genommen. Das Reisen wird banalisiert, die grundlegenden Fakten kann ich mir ganz ohne Reiseführer aus der deutschen Wikipedia zusammenklauben. Es liegt einzig in der Kraft des Einzelnen, sich die Aufregung zurückzuerobern. Goethe ritt aus purer Neugier nach Italien, und das zu einer Zeit, als man in Italien nichts davon wusste, was man außerhalb von Italien für ein Italienbild hatte, und somit auch keine entsprechenden standardisierten Klischee-Wünsche industriell zu befriedigen wusste. Das Staunen war echt. Heute hat jede Stadt, jeder Ort ihr Muss-man-gesehen-haben, und dort ist Staunen Pflicht. Da man aber zu einer derartigen spontanen Empfindung ja allein durch die Standardisierung des Ortes nicht in der Lage ist, muss der Besucher die Besonderheit durch das Hervorholen der Kamera signalisieren. Aber selbst das ist vergebliche Liebesmüh, denn um so gute Fotos wie die vom Postkartenstand oder in der Google-Bildersuche hinzukriegen, müsste man schon mehrere Jahre in eine Profi-Fotografen-Ausbildung investieren. Man kann sich zwar auch selber vor der Sehenswürdigkeit ablichten lassen, aber was ist das viel mehr als der Beweis, seine Pflicht des Sich-Ablichtens vor der Sehenswürdigkeit erfüllt zu haben? Da uns also die Unmittelbarkeit des Erstaunens versperrt bleibt, suchen wir panisch die Besonderheit im kleinen Detail: Man hält es schon für verrückt, dass Jekaterinburg eine Millionenstadt ohne McDonald’s ist, die Schreibtische im Hotel sind aus Massivholz, im Erdgeschoss der Rüstungsfabrik eine Spielhölle. Jochen Schmidt geht spazieren, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen. Ich gehe schlafen, um meinen Jetlag auszugleichen.

(13.4.07)
Das hier angebotene Frühstück deutet darauf hin, dass die Hoteliers mit westeuropäischen Standards in Berührung gekommen sind, sogar ein probiotisch anmutendes Müsli lockt auf dem Büffet. Die vier Fernseher, auf denen Dauernachrichten dröhnen, sind so angeordnet, dass man ihnen nicht ausweichen kann, und so muss ich es zulassen, dass mir die morgendliche Mahlzeit mit Bildern vom Anschlag auf das irakische Parlament gewürzt wird. Vielleicht ist man das als Frühstücksfernsehgucker gewöhnt, aber ich habe keinen Fernseher mehr und reagiere morgens auf solche Bilder wie ein Kleinkind, das man mit Thrash-Metal-Doppelalbum weckt.
In der Jekaterinburger Universität sollen wir vor den Deutsch-Studenten einen Vortrag über die Berliner Lesebühnen halten. Das können sie dann im Studienbuch unter "Landeskunde" verbuchen. Zunächst hatte ich Jochens Einstiegsreferat, das er mir per Mail zugeschickt hatte, für etwas speziell gehalten: Würde eine 19jährige russische Studentin verstehen, was es für einen wendegebeutelten Ostdeutschen im Jahre 1998 bedeutete, den Humor launiger Kurzgeschichten zu entdecken? Würden sie die Anspielungen verstehen, die Bedeutung von Steins Gebet gegen die Arbeit, dass wir uns an der Tatsache aufgegeilt hatten, dass Tube mit kaputten Schuhen auf die Bühne ging? Kurz vor Beginn des Seminars wärmen wir uns im Institutsbüro auf. Ich beäuge die Lehrbücher in den Regalen. "Zeitungsdeutsch verstehen" klingt gut. In diesem Buch von 1968 wird sogar mit Wörtern wie Omnibusschimmel jongliert. Wenn man hier sogar Vokabeln benutzt, die nicht einmal ich kenne, dann werden sie wohl auch Jochens Vortrag verstehen. Notfalls werde ich die Sache mit ein paar Fotos und Filmen von unseren Lesebühnen auflockern.
Endlich auf der richtigen Seite des Hörsaals stehen - auf der Seite der Wahrheit. Nicht einmal die Professorinnen dürfen uns hier kritisieren, denn wir sind die Experten, die Spezialisten. Jochen beginnt den Einstiegsvortrag mit der Binsenweisheit, überall in der Welt glaube man, die Deutschen hätten keinen Humor. Die Studentinnen schauen ihn angesichts dieser Neuigkeit an wie einen Senegalesen, der dasselbe von seinem Volk behauptet. Jochens Einsamkeit, Tubes kaputte Schuhe, die Studentinnen in der hintersten Reihe beginnen, Käsekästchen zu spielen, eine Bemerkung darüber, wie witzig es doch war, wie Ahne damals 1998 eine Serie über seine Möbelstücke vorlas - von der hinteren bis zur mittleren Reihe machen die Studentinnen nun ihre Hausaufgaben für die nächste Stunde oder schicken SMS. Die Freude, die Wahrheit gepachtet zu haben, verfliegt, wenn sich für die Wahrheit niemand interessiert, außer ein paar Professorinnen.
Ein Wort zu den Männern: Ihre Aufgabe in diesem Hörsaal besteht darin, den Beamer zu installieren, dann verschwinden sie. Der einzige männliche Student hier, wird wohl entweder der Hahn im Korb sein oder der schwulste Mann westlich von Wladiwostok. Fragen zu Jochens Vortrag gibt es keine. Ich versuche, mit einem kleinen Chaussee-der-Enthusiasten-Filmchen aufzulockern. Leider ist der Film auf der Riesenleinwand nur so groß wie eine Postkarte und man kann wegen des schlechten Tons nichts verstehen. Ich erkläre, was man da jetzt sehen könnte.
Ich spreche langsam.
In Hauptsätzen.
Damit alle Studentinnen verstehen.
Das sind Jochen und ich.
Bei einer Lesung.
Wir sprechen da gerade über Gewalt.
Über Gewalt von Frauen gegen Männer.
Die Studentinnen lachen.
Ich notiere auf einem Zettel: "Gewalt-Witze gegen Männer funktionieren."
Und? Gibt es jetzt Fragen?
Warum schreiben Sie? - Weil wir es in der Schule gelernt haben?
Kennen Sie russische Autoren? - Ja.
Haben Sie schon mal Probleme mit der Polizei gehabt? - Nur, wenn Stephan Zeisig die Diskothek zu laut aufgedreht hat.
Für das Referat würde ich uns eine Drei Plus geben, aber hinterher kommen ein paar achtzehnjährige Studentinnen an, die so aussehen, als hätten sie ihre Pubertät noch vor sich und begehren Autogramme. Wir zieren uns nicht.

***

Nachdem der Maure seinem angeblichen Neffen Alâ ed-Dîn die Sehenswürdigkeiten und sogar den Sultanspalast gezeigt hat, verspricht er ihm, ihn am Freitag nach dem Gottesdienst zur Stadt hinauszuführen - zu den Gärten und Lustplätzen.

In welcher chinesischen Stadt sollte den ein Sultan über ein muslimisches Volk geherrscht haben?
Was nicht besonders für Gallands Erzähltalent spricht: Die Handlungen werden angekündigt, ausgeführt und berichtet, so dass wir sie drei Mal lesen müssen.

Die beiden gehen also vor die Tore der Stadt, wo

die Wasser flossen aus Mäulern von Löwen, die von gelbem Messing waren.

Es dauert mehrere Stunden, und Alâ ed-Dîn verliert allmählich die Geduld,

bis sie zu der Stätte gelangten, die das Ziel des maurischen Zauberers war.

Alâ ed-Dîn holt auf Geheiß des Mauren Brennholz, und dieser entfacht ein Feuer, zaubert ein bisschen, und der Erdboden öffnet sich. Alâ ed-Dîn versucht zu fliehen, doch der Maure schlägt ihn nieder. Im Boden ist eine Platte eingelassen, in die ein Ring eingefasst ist, den nur unser Held Alâ ed-Dîn zu heben vermag. Dies tut er und steigt auch hinab, da ihm der scheinbare Oheim verspricht, er könne ihn reich machen. Alâ ed-Dîn möge in den hinteren Saal gehen und von dort die Lampe holen. Erst auf dem Rückweg dürfe er sich die Taschen mit Juwelen, Gold und Silber vollstopfen, die er in den dorthin führenden Gärten finden würde. Zur Sicherheit steckt er ihm einen Siegelring an den Finger, den man nur in der Not zu drehen bräuchte.
Alâ ed-Dîn tut wie ihm befohlen wurde. Als er mit der Lampe zurückkommt, ist die letzte Stufe der Treppe zu hoch, und Alâ ed-Dîn bittet seinen "Oheim", ihm zu helfen, doch dieser verlangt zuerst die Lampe. Da Alâ ed-Dîn aber die Lampe unter all den Juwelen hat, vermag er nicht an sie zu gelangen.
Vor Zorn wirft der Maure Weihrauch ins Feuer, und die Platte schließt sich über Alâ ed-Dîn.

Das Motiv ist eindeutig das vom "Blauen Licht" bei Grimms bzw. der Version von Andersen "Das Feuerzeug". Unklar bleibt, wer hier von wem abgekupfert hat. "Das Blaue Licht" erschien in der Grimmschen Sammlung 1814, es ist durchaus denkbar, dass "Aladin" oder Motive dieser Geschichte zu jener Zeit in popularisierter mündlicher Form durch Europa geisterten.

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