Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Donnerstag, 23. Oktober 2008

16.9.-20.9.06

Warum streiche ich Texte in Büchern nur mit radierbaren Stiften an? Es schockt mich jedes Mal, wenn jemand ein schönes Buch mit Kugelschreiber oder Textmarker anstreicht. Andererseits habe ich noch nie eine Anstreichung ausradiert.

Sa, 16.9.06

Traum: Ich will nach Westberlin, kenne einen Übergang, an dem keine Grenzer stehen, aber es dauert alles sehr lange. Dann wieder fällt mir ein, dass man ja am Bahnhof Friedrichstraße seit einiger Zeit ganz locker über die Grenze kommt – mit der Bahn!
6 Uhr morgens. Ich kann seit einer Stunde nicht mehr schlafen. Schlafstörungen habe ich sowieso nur morgens. Ziehe mich an, esse eine Banane und jogge los. Die Stadt macht einen ganz anderen Eindruck. Der schöne Morgenduft verdrängt den Staub, es hat geregnet in der Nacht, Müllautos, ein paar übriggebliebene Pärchen, die Arm in Arm spazieren gehen oder auf der Strandtreppe knutschen, eine Lehrerin hält ein Schwätzchen mit dem Straßenkehrer, Morgenbars mit Frühaufstehern und deutschen Absacker-Trinkern, Lieferwagen, laufe hinter Son Moll weiter und kann die Kurve nicht so knapp nehmen, wie ich wollte, aber so laufe ich dann nur eine Runde, recht angenehm aber auch unerwartet anstrengend. Um ein abschließendes Bad zu nehmen ist es zu kühl. Abstecher zu einem früh öffnenden spanischen Bäcker, der angeblich Biowaren verkauft, was ich bezweifle.
Der Mensch ist dem Menschen der Vorfahre des besten Freundes des Menschen. (Kommentar Oktober 08: Was habe ich damit gemeint?)
Max Goldt, weist die Behauptung zurück, er schreibe Alltagstexte. Prinzessin Diana und Tagespolitik – das sei Alltag. Er hingegen versuche, das Nichtalltägliche, Außergewöhnliche, Persönliche aufzufangen.

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Jochen zitiert das Hubschrauberbeispiel, das ich gestern nannte im Zusammenhang mit lärmenden Bauarbeitern: "Zen-Buddhisten können angeblich das Geräusch rotierender Hubschrauberpropeller aus ihrem Bewusstsein ausblenden, aber warum sollte man zwanzig Jahre meditieren, wenn man mit einem gezielten Schuss dasselbe erreichen könnte?
Sichfügen als eine Methode, dem Glücklichsein näher zu kommen. So wie sich Jochen im November 1989 dem Einberufungsbefehl fügte. Auch ich überlegte gestern, warum ich mir nicht eines meiner Wehwehchen zunutze gemacht hatte, um ausgemustert zu werden. Aber eine Mischung aus Opportunismus, Pflichtgehorsam und Faulheit führte dazu, dass auch ich mich fügte.
Jochen listet Schlafsorten auf, darunter "die gute Kindesmüdigkeit". Die man ja auch immer noch erlebt, wenn man einen ganzen Tag lang physisch aktiv war. Wie sehr zählt man den Schlaf zum eigenen Leben? Das Traumerleben wird fortgewischt. Gibt es Arbeitgeber, die einen einstellen, weil man sich mit einem Lebenslauf mit besonders kreativen Träumen beworben hat?

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So, 17.9.06

10 km Joggen. Ruhiges Schwimmen in großen, aber nicht stürmischen Wellen, sie heben und senken einen angenehm beim Schwimmen.
Ins seit über einer Woche anvisierte China-Restaurant. Es sieht nicht vielversprechend aus. Billige Preise, wenig Publikum, abblätternde Farbe. Der Trittbelag auf der Treppe mit Gafferband befestigt. Alles wirkt wie billiger Ramsch, der hier schon seit zwanzig Jahren vergammelt. Skeptisch setzen wir uns. Das Essen hält dann die bösen Versprechen des Ambientes: Schleimig-durchwachsenes Rindfleisch. Ich esse drei Happen, halte mich dann an den Paprika und den Reis, der uns extra berechnet wird.

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Jochen schwänzt Proust.

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Mo, 18.9.06

Traum: Fahre in einem luxuriösen Zug und sehe "Spiel mir das Lied vom Tod" auf einer Leinwand. Mitten im Film werden heruntergekommene Gebäude aus Berlin gezeigt, die zum Teil noch Ruinen sind.
Kurztrip nach Arta.

 

Pseudo-Dokumentation über die mallorquinischen Langschwanzaffen im berühmten Affenzwinger von Arta.

Wieder in Cala de Rajada. Aufnahmen für den Kurzfilm "Business in Mallorca"

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Der schöne Satz aus einem Brief "Immerfort fallen die Äpfel von oben nach unten mit diesem dummen Geräusch" erweist sich als Produkt von mangelnder Leseaufmerksamkeit und blühender Phantasie. Sie schrieb "mit einem dumpfen Geräusch". Jochen dazu: "Poesie ist immer nur ein Missverständnis." Vielleicht aber entsteht sie auch nur dann, wenn man nicht zu viel will und nicht zu viel meint. Gerade nach Impro-Shows erlebt man es immer wieder, dass einen die Zuschauer für die Bedeutung bestimmter Szenen loben, wie clever man das gespielt habe usw. Man nickt höflich und fragt sich, wovon sie eigentlich reden.

Marcel im Garnisonsstädtchen. Habe ich etwas überlesen? Bruchstückhaft die Story serviert zu bekommen hat natürlich auch seinen Reiz. Es wäre vielleicht interessant, nach der "Schmidt-liest-Proust"-Lektüre meine Vorstellung davon mit dem Roman zu vergleichen. Es ist schon schwer, die Verwandtschaftsverhältnisse und die Natur der sonstigen Beziehungen zwischen den Figuren aus Jochens Notizen herauszufiltern. Denn es geht ihm ja um anderes.
Garnisonsstädtchen = homoerotischer Military-Chic?

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Di, 19.9.06

Jochen beantwortet meine Bitte um Tips für Odessa: "alles wichtige stand im blog."

Schade, dass uns die Idee für den Kurzfilm erst so kurz vor der Abreise gekommen ist. Wir verbringen nun fast den ganzen Tag mit Filmen. Leider nicht genügend Zeit, um die Ideen zu diskutieren. Mangel an Zeit ist die Quelle für Streit. Immerhin macht uns das Drehen so viel Spaß, dass wir die Konflikte verlachen.

 

 

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J.S.: "Erst wenn Teile meines Gefühlslebens einschlafen, sehe ich, wie fremde Gefühle auf mich und wie ich auf andere wirke." ???

Marcel lernt, wie Kriegskunst debattiert wird. Madame de Gourmantes kann er fast vergessen.

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Mi, 20.9.06

Wecker piepst um 5 Uhr. Dusche, räume Frühstück ein letztes Mal auf die Terrasse. Wie immer beim übermüdeten Aufstehen eine ganze Reihe überflüssiger Bewegungen und Gänge.
Gutes, ruhiges gemeinsames Frühstück in der morgendlichen Dunkelheit.
Dann wird es doch einen Tick später. Gisi kommt noch einmal raus, um uns zu sagen, wir seien zu spät dran und uns im selben Atemzug noch zu fragen, ob wir noch eine Tasse Tee haben wollen.
Fürs Filmen ist es eigentlich zu dunkel. Eine kurze Aufnahme versuche ich trotzdem.
Rückfahrt nach Palma. Schöner Nebel in den Senken und auf den Feldern. Für Steffi ist es anstrengend, im Dunkeln zu fahren. Es dämmert, und als wir am Flughafen San Juan ankommen, ist die Sonne bereits aufgegangen. In dem Moment, als wir aus dem Auto aussteigen, wird sie hektisch und lässt sich nur widerwillig filmen.

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Jochen wieder krank. Er erinnert sich empört an einen Arzt, der ihm vor einem Jahr "Globus hystericus" diagnostizierte. Das Leiden der Hypochonder. Sie wollen eine anständige Krankheit, d.h. eine Krankschreibung mit ordentlicher Diagnose, die nicht allzu sehr von der Selbstdiagnose abweichen darf, und anständige Tabletten, die verschreibungspflichtig sind und die Nebenwirkungen haben, an denen man leiden wird. Im Umkehrschluss sind psychosomatische Krankheiten weniger wert. Ein ärztlicher Hinweis wie "mehr Trinken" oder "mehr Bewegung" scheint unangemessen, denn was geht den Arzt das an - er soll mir Zeug zum Einnehmen verschreiben und sich aus meinem Privatleben raushalten.

Marcel telefoniert zum ersten Mal mit seiner Großmutter. Wann habe ich das erste Mal mit meiner telefoniert? Ich erinnere mich nicht. Aber Telefone waren anscheinend in der DDR so rar wie im Frankreich zu Zeiten Prousts.

 

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