Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 24. Oktober 2008

21.-22.9.06

21.9.2006

Es dauert immer mehrere Tage, bis ich wieder eine Grundordnung in der Wohnung habe. Zeitungen und Post stapeln sich, Mails und AB-Nachrichten müssen beantwortet werden. Wäsche waschen. Noch ein bisschen zu verwirrt, um die morgendlichen alltäglichen Handlungen einfach abzuspulen. Bewege mich in dem zuhause üblichen Tempo, aber der Kopf kommt nicht mit. Außerdem liegt noch viel herum. Muss mich ein wenig bremsen.
Frühstück auf dem Balkon. Eigentlich betreibe ich dabei immer wieder Multitasking - essen, Zeitung lesen, Radio hören. Radio wahrscheinlich das Schlimmste. Lektüre sollte ich auch verschieben.
Am Nachmittag zur Wohnungsgenossenschaft, um mich nun auch offiziell als Nachmieter von Utas Wohnung zu bewerben. Kleide mich seriös. Jackett, Rasur, Hemd. Die schicken Schuhe leider kaputt, so wird es ein Joschka-Fischer-Junior-Look. Werde in der Empfangshalle von der Empfangsdame abgekanzelt, die zwischen mir und ihrer Vorgesetzten hin und her eisbärt, um die Kommunikation am Laufen zu halten. Auch wenn die Marktverhältnisse nun mal so sind, dass die Vermieter am längeren Hebel sitzen, könnten sie sich doch dennoch um Freundlichkeit bemühen. Sie wollen mich schon wieder wegschicken, um irgendwelche Fragen beim nächsten Mal zu klären, aber ich beharre darauf, alles sofort zu klären. Einkommensfrage. Ich versuche, ihr zu erklären, das Künstler nicht notwendigerweise arm sind, aber sie ist sehr verschlossen. Ich versuche die Kommunikation so anzulegen, als ob sie mir immer zustimmen würde, und wir ein kleines gemeinsames Problemchen zusammen lösen. Aber im Grunde wird dort Bürokratie gespielt wie in einem Entwicklungsland. Sie wollen eine Ausweiskopie von Uta, die dort schon seit acht Jahren wohnt.
Post von der Rentenbehörde. Meine Rente betrüge, wenn sich mein Einkommen weiter so wie in den letzten fünf Jahren gestaltet, 220 Euro. Davon könnte nicht mal Sarrazin leben.
Chaussee mit Kathrin Passig. Ihr erster Text schlägt gleich ein wie eine Bombe, vor allem bei uns. Darüber, wie man einen Text schreibt, weil man mit Jochen Schmidt ins Bett will. wie sie dann darüber schreibt, dass die beiden überhaupt nicht zusammenpassen, zeigt, wie genau sie ihn beobachtet hat, und das kann sie ohne Faszination nicht getan haben. Kurz zuvor hat er noch von ihrem Esprit geschwärmt.

 

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J.S.: "Der männliche Körper ist wie ein Turm, nimmt man ein Steinchen heraus, fällt alles in sich zusammen." Unklar, ob das im Widerspruch steht zu dem wenige Wochen zuvor geäußerten Satz: "Der männliche Körper lässt sich zum Glück durch Sport beliebig verschönern."
Jochen läuft also wegen eine Katarrhs den Marathon nicht mit und wird, so schreibt er, da die "Serie nun gerissen" ist, das nie wieder tun.
J.S.: "Wie ein Militärstratege die Landschaft intuitiv als Aufmarschgebiet mustert, ein Geologe ihr Informationen zur Erdgeschichte entnimmt und ein Tourist den kürzesten Weg sie nach Aussichtspunkten absucht, sieht der Läufer überall nur Laufstrecken."

 

Marcel hat schon lange beschlossen, Schriftsteller zu sein, ohne auch nur eine Seite geschrieben zu haben, Verwandte und Freunde werden darauf vorbereitet, und Alkohol als Vermeidungsdroge hemmungslos konsumiert. Ein derartiger Schriftstellertypus wird es dann, wenn er überhaupt je zu schreiben beginnt, auch nicht unter der Seitenzahl 1.500 machen, die Recherche ist von ihm also eher zu erwarten, als, sagen wir "The Catcher in the Rye".

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22.9.06

Musikalische Improshow im Bühnenrausch. Sie setzen um, was wir vor drei Jahren monatelang geprobt haben und was dann wegen zu hoher künstlerischer Ansprüche geplatzt ist.

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Wie geht man mit früheren emotionalen Verletzungen um? Dem Inneren Kind mit Engelsenergien begegnen, wie es der Flyer im Bioladen verspricht? Ihm aus dem Weg gehen? Oder Schreiben?

Auf der Bühne stehende werden angebetet, muss Marcel feststellen, egal ob sie Pickel haben oder sonstige Ekelhaftigkeiten. Dasselbe, so Jochen, könne man auch von Polizistinnen, Krankenschwestern, Lehrerinnen und Kellnerinnen behaupten, und zwar, weil sie beruflich bedingt Distanz wahren.

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