Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 3. November 2008

10.10.-11.10.06

Eine hartes Wochenende liegt hinter mir: Donnerstagabend Chaussee der Enthusiasten, Freitagabend mit Bohni und Stephan beim Kantinenlesen Görlitz, Samstag 87. Geburtstag meiner Oma Ruth Dressler. Am Abend Kantinenlesen, am Sonntag Improtheater-Unterricht. Wie soll man da zum Bloggen kommen! Wieviel Disziplin kann man sich zumuten?Es ist übrigens seltsam, wenn man durch die teils mittelalterlich geprägte Stadt Görlitz latscht, und dann dort anhand der merkwürdigen Kulissen erfährt, dass Tarantino hier einen Kriegsfilm zu drehen beabsichtigt. Und ich hab schon den ersten Filmfehler entdeckt: Im Deutschland der 40er Jahre gab es mit Sicherheit nicht ein derart großes Angebot an Obst und Gemüse, und Rosenkohl wurde definitiv nicht in Kunststoffnetzen mit Plaste-Etikett angeboten. Mann, jetzt muss Quentin den ganzen Film neu drehen!
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Dienstag, 10.10.06

Nach etwas ruhigerer, aber nicht besonders komfortabler Nacht erwache ich gegen 8 Uhr. Notiere Ideen für den Workshop. Frühstück. Unten wird schon geraucht.Juan wartet mit dem Auto.Zu viele Teilnehmer. Ich versuche, den Workshop so anständig wie möglich zu leiten. Aber auf diese Weise werden wir nichts zustande bringen. Die meisten können sich nicht einmal ausprobieren.Von Mittag bis Nachmittag spiele ich mit verschiedenen Menschen hier Gespräch. Im X-Haus lässt mich G. durch die Sekretärin ins Büro rufen, statt selbst zu kommen. Auf sehr nette Art fängt er an, mir all die Sachen, die ich nun vom X-Haus schon weiß, noch einmal zu erzählen. Ich übe mich in Geduld und lächle. Über mich fragt er gar nichts. Ein Vortrag über die Geschichte der Deutschen in Odessa mit Begin bei den Ostgoten. Man hört, dass er diesen Vortrag schon tausendmal gehalten hat. Die ganze Prahlerei über die Entwicklung des X-Haus. Das ist es wohl, was Matze meinte, als er sagte, hier würden ständig Ansprachen gehalten.Am Abend fragt mich K., ob die Unterkunft OK sei. Ich denke, ein zweites Mal lasse ich die Gelegenheit nicht erstreichen und erwähne die Mängel in höflichen Worten. Das war ganz offenbar der falsche Zeitpunkt. K zuckt mit den Schultern und meint, das sei nun mal Odessa und hält mich von nun an wohl für einen anspruchsvollen Westler.Spaziere durch die Rischeljewskaja . Unglaubliche Hektik, die das Warten auf so vieles kontrastiert.

Der Laptopverkäufer ist ein Bewertungsdrängler: "warum bekomme ich keine bewertung von ihnen erbitte um Antwort oder eine Bewertung. "Meine Anregung zur rauchfreien Kantine ist Anlass zu politisch-ideologischer Diskussion. Es werden Opportunismus, Atomkrieg und Vergewaltigung als "Argumente" in die Runde geworfen, dabei wollte ich nur die Befindlichkeiten abklopfen.

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Jochen beklagt sich, dass niemand von der Chaussee der Enthusiasten seinen Rat angenommen habe, sich die Ausstellung von Sophie Calle anzusehen ("Mein Wort gilt nichts." Man hört den kleinen Jungen weinen: "Keiner spielt mit mir!") Dabei hatte ich mir den Termin schon lange notiert, bevor er sie erwähnt hatte. Warum er aber glaubt, sein Wort als Opinion Leader gälte begründungslos, bleibt schleierhaft.Nach der Ausstellung: "Kurzzeitig hatte man draußen wieder diesen 'Objekt-Blick', zum Beispiel an einem U-Bahn-Kiosk, aus dem ein dicker Lüftungsschlauch hing. Ein Künstler hätte es für Kunst halten können."

Im Salon der Oriane, die ihren eigenen Edikten widerspricht und so "unaufhörlich die Ordnung der Werte bei den Personen ihres Kreises umstürzt."

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Mittwoch, 11.10.06

Was soll ich nur tun? Ich muss die Gruppe reduzieren, ohne negativ zu wirken. Vielleicht sollte ich tatsächlich hoffen, dass sich das Problem von allein löst. Ich kann ja keine Maßnahmen treffen, ohne rigide zu wirken. Außerdem nervt die Haltung derjenigen Studenten, die das Ganze eigentlich nicht richtig wollen. "Halbfreiwillig", wie mir Natalia gestern beim Abendessen gestand – sie haben die Wahl zwischen Musikunterricht bei Nadeshda und Impro bei mir.Auf der Fahrt zum Institut verkündet N. gegenüber T. kühl, dass ich ausziehen will wegen des unbequemen Bettes. Typisches russisches Nörgeln hinterher. Anstatt die Sache klaglos und schnell hinter sich zu bringen, fängt T. auch noch an, mich zu belabern. Will sie wirklich, dass ich ihr den ganzen Scheiß aufzähle, der in ihrem Haus kaputt, verwahrlost und mistig ist?Entgegen aller Ankündigungen ist die Gruppe mindestens genauso voll wie am Vortag. Ich tue mein Bestes.Ausführliche Antwort von Matze, sein zentraler Satz "Zunächst denke ich, immer erst fragen: Was geht? Anstatt zu fragen, was in dem Rahmen nicht geht", baut mich auf. N. nimmt mich mit auf den Gottesdienst der evangelisch-lutherischen Gemeinde, wo ihr Chor heute singt. Überall geistliche Würdenträger. Bin etwas irritiert. Schließlich stellt sich heraus, dass es die Weihe des neuen Bischofs ist. Eine lange Prozedur mit viel Brimborium. Die Russen singen die deutschen Lieder mit, ebenso Gebete und Glaubensbekenntnis, das ich mir auch mal merken wollte. Sollte mir keiner erzählen, dass das für Außenstehende nicht sektenhaft und fundamentalistisch wirkt.Bischof Günsche, allgemein beliebt, macht, obwohl er in Bayern war einen herb-norddeutschen Ausdruck. Man weiß sofort, dass die Frau mit der roten Brille und dem Kurzhaarschnitt zu ihm gehört. Wahrscheinlich liegt es an dem strengen, skeptischen Gesichtsausdruck. Predigt mit Action: Als er davon spricht, verbinden zu wollen, wo andere teilen, nimmt er die Hand des Übersetzers und die des Gesandten der griechisch-orthodoxen Kirche: Lacher und Applaus. Dabei wirkt es so einstudiert. Hinterher lange Grußansprachen, während derer ich nur noch auf Natalia warte, die im Gemeindehaus eingesperrt war, dann aber anscheinend einen Hinterausgang genommen hat.Nehme ein paar Happen zu mir und spaziere dann Richtung Hafen.DIE TREPPE enttäuscht, man hatte sich das immer viel imposanter vorgestellt, aber der dahinterliegende Industriehafen zerstört den Eindruck. Mir fallen auch wieder ein: Das in "12 Stühle" erwähnte Erdbeben. Und bei einem Denkmal für Puschkin, dass der ja hier lebte. Entkoppeltes Wissen.

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Jochen "dienstlich" im Deutschen Theater, oder auch "DT", wie es von Kennern genannt wird und wurde. Ich war kein Kenner. DT- und BE-Wissen und -Klatsch, das nahm ich damals allerdings wahr, wurde von DDR-Intellektuellen gern zur Markierung der Trennlinie genutzt, hier die Insider, da die Doofen. Die Unterschiede noch feiner als Bourdieu sie beschrieb.

In Orianes Wortwahl "...der ganze provinzielle Ursprung eines Teils der Familie Guermantes, der, länger bodenständig, auch kühner, ungezähmter und herausfordernder geblieben war..." Ein Adel, der "lieber mit seinen Bauern als mit Bürgern auf gleichem Fuße verkehrt."Ähnlich gab es solche Typen auch beim oben erwähnten Intellektuellen-Adel der DDR. Die rauchten dann Karo.

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Streit im Haus:

video

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