Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 21. November 2008

8.11.- 11.11.2006

Mi, 8.11.06

Ebay. Mit vollbepacktem Rucksack zur Post. Je 28 Euro für Frankierung und für neue Briefmarken.
Mir fehlt die Meditation des Laufens.
Langweilige Impro-Show. Warum soll ich so etwas spielen? "Ja, Sie kommen hier durch, aber nur unter einer Bedingung...", improtypisches Gelaber. Warum soll ich mich auf der Bühne von X immer wieder schlagen lassen? Wie soll auf der Bühne etwas entstehen, wenn schon von Anfang an negativ gespielt wird?
Mir fehlen Energien, stattdessen lulle ich mich mit Youtube ein, in der irrigen Annahme, die kleinen Freuden würden mich inspirieren. Aber im besten Falle kichere ich ein bisschen.

J.S: Laut Buch keine Proust-Lektüre. Die Synchronizität von Blog und Buch ist dadurch wieder hergestellt.

*

Do, 9.11.06

Wieder einmal länger als geplant sitze ich daran, einen kleinen Song auf dem QY zu basteln. Nachdem ich die Zeilen der letzten Woche komprimiert und in lockere Reimform gebracht habe, wirken sie auf dem Papier gar nicht mehr witzig, schon gar nicht, wenn ich sie in halbwegs lesbares Deutsch übertrage. Kann nur auf den Effekt des Dialekts, des Gestus und der Emotionalität hoffen. Dieser stellt sich dann auch tatsächlich ein. Wie so oft in letzter Zeit vergesse ich aber (so auch gestern) meine Stimme sanft zu behandeln, indem ich sie abstütze.

Mit meiner Mozart-Anekdote der Woche bin ich zufrieden: "Einmal unternahm Mozart eine Rundfahrt auf der Donau, ein Fluss, der bekanntlich mitten durch das schöne Wien hindurch flitscht. Der Kapitän ließ das Schiff zunächst gemütlich treiben, doch plötzlich gewahrte er eine Wolkenzusammenballung am Horizont, worüber er dermaßen in Sorge geriet, dass sich seine Augenbrauen zu einer zeltförmigen Figur auf seiner Stirne zusammenzogen. Er ließ die Segel reffen, aber zu spät – das Schiff ging unter, und alle waren tot. Außer einer - John Maynard. Mozart, der berühmte Politbarde. Sein Opus "An der schönen blauen Donau" schmiss er nach diesem betrüblichen Vorfall einfach weg, so dass der Strauß es später einfach noch mal komponieren musste.

Schon 19.15 Uhr im RAW, wo ich ein kleines Video aufnehme - eine Geburtstagsüberraschung für Jochen gegen Ende der Show.

J.S.: "Meine Mutter hat gefragt, ob ich denn ein Grammophon hätte, sie meinte einen Plattenspieler. Ich hatte nämlich erzählt, daß ich mit ihrer Enkelin unsere alte "Der Wolf und die sieben Geißlein"-Platte gehört habe. Wir haben damals immer den Schluß hören wollen, wo die Geißlein singen: "Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot, määääh!" Was in der Erinnerung eine längerer Spottgesang ist, war  in Wirklichkeit ein rasch ausgeblendetes leises Meckern."
Dies war auch meine erste Platte, kaum eine hat so viele Knackser. Aber wie kam eigentlich der West-Schauspieler Offenbach dazu, diese Platte zu besprechen? Benno Gellenbeck ebenfalls aus dem Westen, Henri Gruel, der für die Geräusche zuständig war, ist ein französischer Regisseur. Rätselhaft.

Professor Cottard demütigt seine Gattin in der Öffentlichkeit: 'Sieh dich nur im Spiegel an, du bist so rot, als littest du an einem Ausbruch von Akne, du siehst aus wie eine alte Bäuerin.'

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Fr, 10.11.06

Kurs bei Nina in Kastanienallee 77. Wie verspannt ich doch zurzeit bin.
X braucht vor dem Auftritt so oder so ein Ventil für ihre Aufregungen. Ich erinnere mich, wie ich vor vier Jahren versuchte, sie zu trösten, als sie aus der Band geflogen war. Nach der gelungenen Show kündigt sie eine längere Auszeit an. [Nachtrag 2008: Es wird ihr dauerhafter Ausstieg.]
Silvesterplanung mit RAW, Vorlesern, Band, Improtheater. Jeder mit seinen kleinen Eitelkeiten, Problemchen, Bedürfnissen, während die ganze Sache doch auch ein finanzielles Risiko ist, wenn die Agentur hart bleibt. Andere gönnen sich für die Organisation einer solchen Veranstaltung einen ordentlichen Extrahappen vom Kuchen. Ich bin aber den Egalitäts-Stil der Lesebühnen gewöhnt.
Warum sind es meistens die unwichtigsten Mails, die mit einer Prioritätsstufe versehen werden? Vielleicht weil man als Absender schon ahnt, dass sie untergehen würde, weshalb man sie markiert?
Anfrage von Jochen, den Trash-Song über Löbau erst eine Woche später in der Kantine zu singen, da dann seine Cousinen kämen. Aber die sind doch gar nicht aus Löbau.

Jochen auf einer traurigen Rentnerveranstaltung in der Urania, wo seine Angebetete tanzt [was der Blogleser nicht erfahren hatte, der 2008er Jochen im Buch aber nachschiebt]. Chris Howland, schlüpfrige Gags. Der Saal ist aus dem Häuschen. J.S.: "Was werde ich hier in 50 Jahren mit meinen Altersgenossen singen?" Das klingt, als gäbe es Hoffnung. Aber ich sehe schwarz. Sie werden Wolfgang Petry bis zum Abwinken spielen und das Frechste ist dann "Finger im Po, Mexiko". Aber wieviele von uns werden bevor sie selbst dort landen, noch auf diesen Bühnen tingeln.

Mittendrin, nach über 400 Seiten des dritten Bandes, meldet sich das Erzähler-Ich zu Wort: "ich selber bürge dafür, ich, das seltsame Wesen, das, während es darauf wartet, daß der Tod es erlöst, bei geschlossenen Fensterläden, abgeschieden von der Welt, unbeweglich wie eine Eule lebt und wie jene einigermaßen klar nur im Dunkel sieht." Glaubt er, nur weil 20. Jahrhundert ist, darf er sich einen solchen Bruch erlauben?

*

Sa, 11.11.06

Die Schauspielerei hat manchmal was Zerstörerisches. Unser neuster Running Gag - wir spielen ein nörgelndes Ehepaar. Dumm nur, dass es einen auf Dauer wirklich zermürbt. [Vielleicht ist es ja dasselbe wie bei den Cottards?]
Von der Frau, die Jochen "unsere Praktikantin" nennt, wissen wir nicht einmal den Namen, wir wissen nicht, ob sie für uns arbeiten will. Jochen spricht mit ihr regelmäßig nach der Show mindestens eine Stunde, hält sich aber für nicht zuständig.
Vier alte Schulfreunde beim Kantinenlesen zu Besuch, das mit Jochen, Tube, Ahne und Andrés wunderbar funktioniert. Sie haben überraschenderweise noch miteinander zu tun. Nehme sie mit in den Schusterjungen, wo sie von der Art des Wirts geschockt sind. Ich weiß ja schon, dass ihm wenig Besucher lieber sind als viele. Er ist schnell überfordert, der Ärmste.

J.S: "Ich habe 12 Jahre Lebenszeit damit verschwendet, mich zu drücken. Immer mußte man im Unterricht heimlich die Hausaufgaben für die nächste Stunde machen. Ich war meine gesamte Schulzeit genau eine Stunde hinterher." Das Beunruhigende für unsereinen ist ja, dass man, obwohl man als freischaffender Künstler alle Zeit der Welt hätte, dieses Gefühl, hinterherzuhasten, nicht los wird, es sei denn, man betreibt Meditation oder meditativen Ausgleichsport wie Joggen oder Yoga.
"Im Nieselregen nach Hause geradelt. Immer eine Art Kontrollgang, welche meiner Erinnerungsorte noch existieren und welche der geistlosen Bautätigkeit zum Opfer gefallen sind." Der letzte Satz ebenfalls ins Buch dazugeschummelt. Ich vermute, dass sich die 2008er Schwermut ihr Ventil vor allem im Ärger über die "Bautätigkeit" sucht. Aber wer weiß, vielleicht hinkt er ja hier nicht nur eine Stunde, sondern 20 Jahre hinterher und wird dann das betrauern, was man jetzt aufbaut. (Hier habe ich mich schon oft mit ihm gestritten: Als hätte es diese Geistlosigkeit in den 70ern nicht gegeben, wo man glaubte, den Prenzlauer Berg verfallen lassen zu können und stattdessen Plattenbauten in Buch, Lichtenberg und Marzahn hochzog, deren Landschaften auch für jemanden "Erinnerungsorte" waren. Aber als Komiker kann man ja nicht anders als alles persönlich zu nehmen.

J.S./M.P.: >>Die Verdurins zwingen ihre Gäste nach Likören und Zigaretten zu Ausflügen, "ungeachtet der durch Hitze und Verdauungstätigkeit erzeugten Schläfrigkeit". An allen Aussichtspunkten steht eine Bank, bis hin zur letzten Bank "von der aus man die ganze Rundsicht über das Meer beherrschte", und wo der meiste Müll herumliegt und man aufpassen muß, daß man nicht in die Haufen und Klopapierreste der anderen Touristen tritt.<<
Das landschaftliche Idyll, das einem immer wieder als Ideal vorgegaukelt wird - der einsame See, der große weite Strand - gibt es das überhaupt noch? Kanada? Nicht einmal auf dem Mount Everest ist es einsam - man klettert an den Müllhaufen und Leichen früherer Kletterer vorbei, die einen daran erinnern, dass diese Strapazen zwar potentiell tödlich sind, aber man auch nur ein Massentourist ist. Das hätte man auf Mallorca ungefährlicher haben können.

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