Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Sonntag, 28. Dezember 2008

28.12.-30.12.06

Um zu erfahren, wieviele Besucher seinen Blog besuchen, hat Jochen Anfang 2007 einen Besucherzähler des asozialen Service-Anbieters Motigo auf seine Seite gesetzt, der manchmal sogar die Blogseite einfach zugunsten des Werbesponsors schließt. Es müsste einen Zähler geben, der herausfindet, wieviele Besucher Jochen auf diese Weise verschreckt hat.

Do, 28.12.06

Gegen Mittag kommen die Kühlschranklieferanten, und ich frage mich, was ich in diesem Kühlschrank aufbewahren soll. [Nachtrag 2008: Ich frage mich heute, wie ich damals geglaubt habe, mit einem kleineren Kühlschrank auskommen zu können.]
Mein Zimmer steht immer noch voller unaufgeräumter Kisten und Regale. Und in diesem Chaos gelingt es mir trotzdem, für den Abend zwei Geschichten zu schreiben.
Ein sehr schöner Abend, und man merkt Jochen und Volker ihre langen Mail-Diskussionen der letzten Tage nicht an, so erfrischend sind ihre improvisierten Dialoge.
Erstmals nicht zu Fuß von der Chaussee nach Hause. Hatte gehofft, von der Warschauer Brücke bis zur Kiefholzstraße genüge eine Kurzstrecke mit dem Taxi. Irrtum. [Nachtrag 2008: Später fällt mir ein, dass mich im Jahr 2000 einmal Micha Ebeling mit seinem Taxi in der Wühlischstraße aufgegabelt hat, als ich noch jede Woche eine schwere IKEA-Tasche, in der all unser Equipment verstaut war, in und herbugsierte.]

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J.S.: "Sich fremde Eifersucht auch nur vorzustellen, reizt schon die eigene. Will man denn ein Wesen, das man so an sich gebunden hat, daß es nicht mehr wegläuft, selbst wenn es könnte? Infantile Verfügungsgewalt über die Mutter?"

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J.S.: "Nachdem er den Mut aufgebracht hat, seinen eigenen Artikel im Figaro zu lesen, möchte er gleich mehrere Exemplare davon kaufen lassen, um den Artikel in jedem davon noch einmal zu lesen. Er stellt sich die Leserinnen vor, in deren Schlafzimmer er gern eingedrungen wäre, und die zwar seine Gedanken aus der Zeitung nicht verstehen können (wovon er natürlich ausgeht), aber denen sie zumindest seinen Namen zugetragen hat."
Klingt fast nach der "Ballade vom Eisernen Mike" in Boxsport.
Eine verlorene Praxis sei es "Einen Akt der Nächstenliebe vollziehen und eine Prostituierte von der Straße auflesen und sie aus dem Elend der Gosse ziehen." Unklar. Damit reden sich doch seit Jahrhunderten die Freier heraus.

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Fr, 29.12.06

Gehe zum Bäcker und bekomme Angst, wie ich in dieser öden Gegend hier in den nächsten Jahren leben soll. Fast so schlimm wie früher im Nibelungenkiez in Lichtenberg. Immerhin fehlen die Friedrichshainer Hunde.
Noch ein paar Kleinigkeiten aus der Libauer abholen. Dort hab ich noch DSL. Beantworte in der kalten Wohnung E-Mails und surfe bei Youtube. Ein interessantes Interview mit Helge Schneider im ZDF. Eine unerträgliche Moderatorin Anfang Zwanzig stellt ihm bescheuerte Fragen in aufgekratztem Ton, die sogar ihre erste Frage, ob er sich auf seinen Auftritt bei Wetten Dass freut, ablesen muss. Es ist bewundernswert, wie er die Ruhe bewahrt und immer dann am ernsthaftesten ist, wenn sie von ihm einen Scherz erwarten.
Als ich wieder in Treptow bin, setze ich mich in die warme Badewanne. Das scheint hier mein Allround-Trost zu werden.
C. verkündet, weniger Impro spielen zu wollen. [Nachtrag 2008: Sie zieht sich in den folgenden zwei Jahren fast vollständig von der Bühne zurück und widmet sich den Sternen.]
Es ist völlig irre, dass ich mir zu dem Umzugsstress auch noch die Organisation der Silvesterparty aufgehalst habe, wie ich erst jetzt so richtig merke: Ich schaffe es nicht, noch einen Kassierer zu organisieren, und angemessene Reklame geht mir durch die Lappen.
In der Hoffnung, für "Free Play" doch noch einen Verlag zu finden, arbeite ich weiter an der Übersetzung und trage mich ins Übersetzer-Forum u-litfor@tw-h.de ein. [Nachtrag 2008: Eine großartige Mailingliste mit hilfsbereiten und freundlichen Menschen, die überdies informativ, unterhaltsam, vor allem aber nützlich ist, wie ich später feststellen durfte, als ich tatsächlich Free Play übersetzte.]

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Jochen über die Zufälligkeit der Begegnungen mit einer Frau, die er aus Erzählungen seit seiner Kindheit schon lange kennt. "Warum wartet man auf solche zufälligen Begegnungen, statt sie zu forcieren und bewußt Menschen aufzusuchen, die zu Orten gehören, die einem wichtig waren? Herausfinden, wer in der Samariterstraße in unserem Haus gewohnt hat, als ich klein war, vielleicht lebt man in diesen Familien ja auch noch als Geist weiter?"
Vor einigen Tagen feierte eine bekannte Familie den 100. Geburtstag der vor ein paar Jahren gestorbenen Oma. Die andere, im Verwandtschaftsverhältnis durchaus gleichrangige Oma geistert in den Erzählungen der Familie nur als "Die Tote". Das junge Paar kam 1945 flüchtend nach Berlin, an der Zonengrenze täuschte sie mit ausgestopftem Bauch eine Schwangerschaft vor, man ließ sie passieren. Die Tante hatte ein Häuschen (was man heute eher als Bungalow bezeichnen würde) in Tempelhof. Als das Paar bei eiskaltem Wetter eintraf, öffnete niemand die Tür. Sie betraten das Häuschen, und da lag die Tante tot. Man übernachtete trotzdem dort. Was hätte man tun sollen? Am nächsten Morgen stellten die beiden fest, dass die Nachbarn sehr wohl vom Tod der Frau erfahren hatten, denn verschiedene Gegenstände waren gestohlen. Die Verstorbene heißt nun nur noch "Die Tote". Und dies ist wohl die einzige Geschichte, die ihre Enkel noch über sie zu erzählen wissen. Das wird sie nicht gehofft haben.
"Im letzten Jahr ist meine Wahloma gestorben." Frau T. hatte ich auch gekannt, eine äußerst angenehme Frau, die ich für die Offenheit ihres Hauses bewunderte. Zwei Mal hatte ich sie mit Jochen besucht, und erst jetzt und hier erfuhr ich von ihrem Tod.

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Marcel scheint Albertines Tod erzählend bearbeiten zu wollen. Die Geschichte wird zur Geschichte, zum Text. Aber auch beim mündlichen Erzählen zieht man schon die definierenden Linien. Je öfter, desto kräftiger. Das Erzählte wird zur Wahrheit, die sich jeder Relativierung entzieht. Ist das Erzählen dann deshalb therapeutisch weniger wertvoll?

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30.12.06

Die mit einem äußerst kuriosen Blick auf die modernen Welt ausgestattete N. will mir einen 93 MB-Film per E-Mail schicken. In einigen Jahren werde ich darüber lachen, dass mir das heute völlig absurd erscheint, mit meiner provisorischen Modemverbindung und dem limitierten web.de-Speicher.
Der Tag klingt aus mit einem ruhigen, angenehmen Kantinenlesen: Falko Hennig, Volker Strübing, Andrés Atala, Steffi Winny und icke.

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Kein Eintrag bei Jochen.

Freitag, 26. Dezember 2008

26.-27.12.06

Di, 26.12.06

Der 76jährige H. tut sich schwer damit, überhaupt noch ab und zu aus dem Haus zu gehen, alles ist anstrengend und er wägt ab, ob die Mühe lohnt. Aber jedes Jahr im Juni macht er sich auf den Weg zu seinem alten Stamm-Restaurant und reserviert einen großen Tisch für die Familienfeier. Man traut sich nicht, ihm zu sagen, dass er das auch telefonisch erledigen könnte.
Ich verschiebe Schränke, sortiere Bücher, schaffe Platz, so dass ich wenigstens ein bisschen tippen kann.

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Jochens weihnachtliche Gedanken zum Alleinsein: "alle Vorteile [bei den Eltern ausgezogen zu sein] haben sich verflüchtigt, es bleibt nur die hohe Miete und die abendliche Einsamkeit. Der Wechsel zwischen Gesellschaft und Alleinsein fällt schwer..."
Sich beim Zusammenleben das Alleinsein wiederzuerkämpfen, ohne asozial zu wirken, kann aber auch ein Kampf sein.
Erinnerungen an die traurige Geschichte von Bertrand Cantat und Marie Trintignant, die einem Roman zu entstammen scheint: Das Düsterste des Menschen schlägt ein, wo man Hoffnung, Schönheit, Liebe erwartete. Wer wird das erklären können? Wer kann da getröstet werden? Das Dunkle, das sich nicht externalisieren lässt, das sich nicht abstreiten lässt. Wer kann hier noch Demut vor dem Schicksal haben?

M.P.: "Von einem gewissen Alter an sind unsere Erinnerungen derart durcheinandergewirrt, daß die Sache, die man im Sinne hat, oder das Buch, das man liest, ganz dahinter verschwindet. Überallhin hat man etwas von sich ausgestreut, alles ist ergiebig, alles birgt Gefahren in sich, und ebenso kostbare Entdeckungen wie in Pascals Pensées kann man in einer Seifenreklame machen."
J.S. dazu mit einem Satz, der sich nicht im Blog findet: "Es gibt also keinen würdigeren Gegenstand für einen Künstler, es kommt allein auf seinen inneren Reichtum an."
Und dieser Reichtum ist nicht eine Frage der Menge, sondern der Fähigkeit zu verknüpfen.

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Mi, 27.12.06

Völlig übermüdet weckt mich meine biologische Uhr schon wieder um 7 Uhr morgens. Eine Stunde später sagt mir die mechanische, dass es Zeit sei, aufzustehen. Wie immer, wenn ich so früh raus muss (was eigentlich nur noch der Fall ist, wenn ich verreise), bin ich fast unfähig, meine Bewegungen zu koordinieren. Jeder Gang zwei Mal. Heute alles noch schlimmer wegen der ungewohnten Umgebung.
Lese im Bus das amnesty-Journal und werde nach einer Weile von zwei Leuten angepflaumt, ich solle anders sitzen. Nicht, dass ich nicht trotz meiner überaus langen Beine dazu bereit wäre, aber die Unfähigkeit der Mitreisenden, so etwas freundlich zu formulieren, ist frappant. Diesen Bus, so weiß ich jetzt schon, werde ich noch oft benutzen müssen. Meine Beine werden im Übrigen nicht kürzer, aber die Hoffnung, dass sich öffentliche Verkehrmittel, insbesondere Flugzeuge da etwas anderes einfallen lassen werden, ist beschränkt. Sitze in Flugzeugen werden für 90% der Menschen gebaut: 5% der Frauen sind kleiner als 1,58m und 5% der Männer sind größer als 1,89m. Ich bin aber nicht nur größer als 1,89, sondern ich habe eben auch noch lange Beine. Ich bin eigentlich ein Sitz-Zwerg. Von meinen 1,90 Metern Körpergröße sind anderthalb Meter Bein. Der einzige Mensch auf der Welt, dem das ähnlich ging wie mir, war John Wayne, für dessen Malaise die legendäre Band Haysi Fantayzee extra ein Lied schrieb, das mir seit vielen Jahren als Trost dient.

Nach fünf Minuten ist der Ärger vorbei. Acht Umzugshelfer bei Steffi, von denen aber nur drei Leute Dinge schleppen können, die schwerer sind als ein Kissen. Auch eine Version umzuziehen. Bei mir stand der praktische Uli auf der Laderampe der Robbe und ärgerte sich über die unpraktisch hochgereichten Möbelstücke. Hier ist es die ungeschickte T., die alles nach Mädchenästhetik-Prinzipien zu verteilen scheint.
Am Ende ist die Wohnung vollständig zugestellt. Ich weihe die Badewanne ein.
Am Abend auch noch Impro-Auftritt. Aus einem Harold zum Thema "Weltrettung" machen wir Weltuntergangs-Szenen. Wer will es uns nach diesem physisch und nervlich erschöpfenden Tag verübeln?

Im wöchentlichen Newsletter empfehlenswerter und kurioser Veranstaltungen wird für die Silvester-Show der Reformbühne Ebony Browne angekündigt, die schwerkrank nach Oregon abgereist ist. [Nachtrag 2008: Einen Monat später ist Ebony Browne verstorben.]

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Nun wurde Jochen also vom Goethe-Institut nach Sofia eingeladen, wohin er 1999 das erste Mal reiste, als ich die auslotete, ob man eine Lesebühne im Friedrichshain gründen könnte.
Und nun? "Wollte ich Steffka oder ihr Land? Was macht man, wenn man das Land weiterliebt, aber mit der Frau nicht auskommt? Ich hatte auch immer Angst, in Wirklichkeit dieser Piroschka-Romantik anzuhängen."
Piroschka? War das nicht Ungarn? Oder spielt er auf den Inhalt an - der ältere Schriftsteller denkt an die Jugendromanze?

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J.S./M.P.: "Was eine neue Frau ihm alles bieten müßte! Nämlich genau dasselbe wie Albertine: einen trauten Schwesterkuß am Abend, ein zu starkes Parfüm, sie müßte im Spiel ihre Wimpern mit seinen vermischen, ihm Musik von Vinteuil vorspielen und mit ihm über Elstir und die Memoiren Saint-Simons reden. Denn die Erinnerung ist ohnmächtig, 'etwas anderes, sogar Besseres zu verlangen als das, was wir besessen haben...'"
Natürlich geht es wieder ums Besitzen. Dabei hat er sie ja nie "besessen". Und Erlösung fände er ohnehin erst, wenn er sich in eine Frau verliebte, die Albertine überhaupt nicht gliche, abgesehen davon, dass wir uns ja immer noch fragen müssen, ob er zu Liebe überhaupt fähig ist.

Sonntag, 21. Dezember 2008

24.-25.12.06

Ich halte, das muss ich hier mal feststellen, Adobe für schlimmer als Microsoft. Nicht nur der Speicherplatz und Nerven fressende Acrobat Reader, auch die anderen Programme sind teuer und/oder zeitraubend und umständlich. Zusatzfunktionen muss man bezahlen - mit Geld, Zeit, Nerven.
Hier will ich mal den kleinen, schnellen, besseren pdf-Reader Foxit loben.

So, 24.12.06

Alle Jahre wieder die Frage - Welche Lesebühne kriegt Weihnachten/Silvester ab? Diesmal hat es die Reformbühne erwischt, die die Singles mit Texten trösten muss. Wie man das beim Frühschoppen, der sich ja immer als Alternative zum sonntäglichen Gottesdienst verstanden hat, handhabt, weiß ich nicht. Vielleicht gehen da ja auch Familien hin - und hinterher gibt's Bescherung?
K. scheint vom Schlagabtausch über Y. so mitgenommen zu sein, dass er aus der Mailingliste der Lesebühnen aussteigt.
Ob ich mich denn freue, endlich mit meiner Freundin zusammenzuziehen, werde ich von allen (auch ihr natürlich) gefragt. "Wehe wenn nicht!", höre ich heraus. Und so kann ich nicht anders als einsilbig antworten.
Wieder wache ich viel zu früh auf. Dabei fahren nur wenige Autos, und die Verkehrsgeräusche könnte man auch als das Rauschen des ein paar hundert Meter entfernt liegenden Meeres interpretieren. Ich stoße mir weiterhin den Kopf an den zu niedrigen Türen. Ob ich die Vermieter zu einem mietergerechten Umbau zwingen kann? Im Internetcafé finde ich ein Mietrechtforum. Man kommt sich bemitleidet vor, zu Heiligabend im Internetcafé zu sitzen. Ich verschwinde schnell, bevor der Betreiber glaubt, ich sei so einsam wie der Typ an dem anderen PC, der sich mit Ballerspielchen tröstet.
Will sehen, ob ich ohne PC auskomme und in den nächsten Wochen nur noch am Laptop arbeiten. Verfrachte alle Dateien (seitdem haben die meisten meiner alten PC-Ordner hier das Erstellungsdatum 24.12.06). Außerdem:
- Im Zimmer etwas Struktur geschaffen
- 5 Regale aufgestellt
- drei davon ca. zur Hälfte eingeräumt
- Kommode aufgestellt
- Waschmaschine angeschlossen
Was für ein Jahresabschluss. Kein ruhiger Rückblick wie sonst, wenn ich mir 1 Woche Zeit nehme. Aber wenigstens ein Tag. Man bemitleidet mich, dass ich am Heiligabend hier allein rumwurschtle. Unnötig. Meine kleinen Momente der Einsamkeit (nicht nur des Alleinseins) - ich brauche sie doch immer wieder.

*

Annett Gröschner übernimmt den Eintrag an Jochens Stelle.
Vor sechs Jahren war Jochen noch überrascht, als ich sie zum Kantinenlesen eingeladen hatte, und beneidete mich um diesen Kontakt...

Annett besaß lange Zeit eine Uhr der Zeitschrift "RUND", und ich glaube zunächst an eine Verwechslung mit der DDR-Jugend-Musik-Sendung, die trotz ihrer West-Importe alle paar Monate, wie Status Quo oder Rosetta Stone öde und peinlich war.
Wir erfahren, dass sie sich während des Schreibens auf der Insel Magdeburger Werder befindet. (Wie kam das Buch auf die Insel? Hat Jochen deswegen am Vortag Stress gehabt, weil er extra bis dorthin musste?) Als Kind habe ich es mir immer sehr romantisch vorgestellt, auf einer Insel zu wohnen. Und eigentlich immer noch. Jeden Morgen löst man das Ruderboot vom Steg und macht sich auf dem Weg zum anderen Ufer, denn nur dort gibt es Bäcker, Schule, Kino, Kneipe. Die Insel ist ein Paradies für sich. Der Postbote kommt mit dem Tretboot. Größere Wasserfahrzeuge legen nur an, wenn jemand stirbt oder umzieht. IKEA liefert nicht auf Inseln. Man muss sich die Möbel aus dem zimmern, was auf der Insel wächst, d.h. man darf nur so viel Holz verbrauchen, wie auch wieder nachgewachsen ist. Da darf man sich freilich nicht vertischlern. Das erste Stück muss passen und gut aussehen. Werbeklingler gibt es keine. Autos sowieso nicht. Man ist für seine Insel verantwortlich wie der kleine Prinz für seinen übersichtlichen Planeten.
Übers Schlussmachen per Handy bei Jugendlichen: "Mich wundert, dass es neben JA und NEIN und ICH KOMME ERST UM... nicht schon die vorformulierte Antwort LASS UNS FREUNDE BLEIBEN in diesen Handys gibt." In dem Alter will man doch nicht unbedingt Freunde bleiben, oder? Das kommt doch erst in den 20ern. Und später legt sich auch das wieder. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich war ja bei einem Date 1999 noch so höflich, mich noch ein zweites Mal zu treffen, um ihr den Korb zu geben, was sie natürlich doppelt verärgerte, das hätte ich doch auch telefonisch erledigen können, jetzt habe sie extra einen Nachmittag frei genommen.
Annett Gröschner feiert mit der Familie Weihnachten. Bescherung traditionell: "Wir müssen uns dem Alter nach aufstellen und dürfen im Gänsemarsch ins Weihnachtszimmer." Unklare Praxis: Die Schwester "macht die Weihnachtsmusik an (Jauchzet, frohlocket...)" und "singt". Singt sie zur von ihr selbst angemachten Weihnachtsmusik?

M.P.: "... ich beneidete ein armes Mädchen, dem das Fehlen aller Verbindungen und sogar eines Telegraphenbüros lange Monate des Träumens nach einem Kummer schenkt, den es nicht mit künstlichen Mitteln zu betäuben vermag." Das erinnert schon sehr an den Character Kloß von Volker Strübing, der unglücklich ist, wenn er nicht unglücklich sein darf, der am Boden zerstört ist, wenn das Glück irgendwo droht. Was wäre das Äquivalent zu einem Telegraphenbüro? Ein T-Com-Laden? Da könnte man sich heute eine ordentliche Portion Kummer besorgen. Oder doch ein Internet-Café, das durch seine Verbindungen in alle Welt jegliches Träumen zerstört?
Annett über die Grundhaltung Marcels: "Er hegt eine Verachtung für Frauen, die sich von ihm trennen, um dan doch wieder zurückzukehren, und himmelt jene an, die ihn für immer verlassen." Sein Fokus: I'm not OK, you're not OK, wie es Psychologen heute sagen würden.
Bemerkenswerte Beobachtung (A.G.): "Albertine hat eben für sich in Anspruch genommen, genauso zu leben wie die Männer. Zur Strafe musste sie, da ist der Roman noch ganz neunzehntes Jahrhundert, wie Effi Briest und Anna Karenina sterben, zu allem Überfluss auch noch bei einem Reitunfall, diese böse Amazone, bevor sie, wie in der letzten Depesche angekündigt, zum Helden zurückkehren konnte, reuig versteht sich."

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Mo, 25.12.06

Happy Family Fotos per Mail von W., der anscheinend von seiner Frau verlassen wurde. Alle lächeln, aber es wirkt traurig, wie vertrieben. Selbst der Weihnachtsbaum sieht aus wie gefunden.
Beim Geschenke verpacken fühle ich mich immer noch wie im Werkunterricht. Die Resultate wirken nur im Ausnahmefall nicht grotesk. Finde Utas Geschenk nicht. Treffe mich mit ihr am Bahnhof Schöneweide, von wo wir früher immer nach Löbau (und von dort weiter nach Ebersbach) gefahren sind. Der Geruch, die Säulenverzierungen - meine Madeleines.
Begrüße Nils mit "Flatt-flatt", meinem kleinen Schlüssel zu seinem Herzen.
Ausgerechnet ich, der ich mich immer so schwer tue, Geschenke zu finden, habe vergessen, dass man sich dieses Jahr nichts schenken wollte.
Als wir nach dem Spaziergang durch Schildow zurückkommen schaut die Familie Winnetou II, während Nils schläft. Wusste nicht mehr, dass da so viel Geballer dabei war. Oma schaltet anscheinend ihr Hörgerät aus. Der junge Terence Hill, sehr unschuldig. Nach all den Jahren erkennt man viel eher das Geschauspielere der Komparsen und Nebendarsteller zu sehen. Herausragend aber Kinski: "Die Sonne brannte mir aufs linke Ohr und ich zählte bis 820." "Diese roten Teufel!"
Zuhause wieder allein. Gehe noch ins Kino, sondern lese den Schimmelreiter.

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J.S.: "Zur Sedierung morgens ein bisschen Latein."
Was Jochens Latein, ist mir das Klavier. Ich übe nun seit gut anderthalb Jahren jeden Tag zehn bis zwanzig Minuten, ohne mich mit Anfängerstücken aufzuhalten, Mozartsonaten. Bis zum März 2008 war es der langsame Satz der Sonata Facile, den ich dann doch, ohne dass ich vorher etwas von Fingersätzen oder linker Hand gewusst hätte, recht passabel spielen konnte. Nun habe ich seitdem den Allegro-Satz der B-Dur-Sonate KV 333 vor mir und muss sagen, dass ich mich da wohl verhoben habe. Der langsame Satz der F-Dur-Sonate KV 280 (eigentlich f-moll) wäre natürlich auch sehr schön, aber den Tag mit diesem traurigen Stück zu beginnen, würde mich binnen Kurzem in einen Marcel verwandeln.
Familie Schmidt in der Kirche, die ewig verzögerte Gemeinde. Für einen Musiker muss es der Horror sein, in einer evangelischen Gemeinde Orgel spielen zu müssen, es sei denn, man hat die Chance, in Chicago in einer schwarzen evangelikalen Community zu grooven.
Jochen gibt die Überlegung, gute Kunstwerke entstünden unter Leidensdruck, Anlass, über die Entstehung der tschechische Kinderfilme zu spekulieren.
Kunstwerke, die ich nie verstanden habe: Tschechische Kinderfilme. Diese Märchenadaptionen, die Huckleberry-Finn-Adaption, die offenen Enden von Kinderfilmen, der unlustige Pan Tau, ich konnte nur mit den Schultern zucken. Vielleicht müsste ich das mal einer Revision unterziehen. Bemerkenswerte Ausnahme: "Sechs Bären und ein Clown". Ein Zirkusdirektor wird überredet, den Bärendompteur Cibulka mitsamt den Bären rauszuschmeißen und stattdessen Schweine in den Zirkus zu nehmen. Cibulka und die Bären werden von fünf Freunden in die Schule gelotst, wo sie sich verstecken und ein schönes Chaos anrichten.

Jede Handlung erinnert Marcel an die Tote.
Marcels Kundschafter Aimé erfährt von einer Wäscherin, dass Albertine sie "gebissen" habe, woraufhin dieser "ihre Fähigkeiten" (J.S.) überprüft. (Hamse nu oder hamse nich?)
Eine selbständig lebensfähige Sentenz sei: "Man kann von einem Leiden nicht genesen, wenn man es nicht in ganzer Stärke durchlebt." Diesen Satz schrieb ich nach dem Tod von R. 1992 fast wörtlich in mein Tagebuch, aber ist er wahr? Was heißt schon "genesen"? Gemessen an Marcel/Kloß wäre es ja das Letzte, was er wollte.

Montag, 15. Dezember 2008

9.-23.12.06

Es wird Weihnachten. Man denkt an Geschenke oder ans Schenken. Interessant, dass es bei Liebes-Paaren meist um den Mann geht, wenn sie nicht schon jahrelang verheiratet sind. Er schenkt ihr Dinge, die sie über seine Welt kennen sollte. Sie schenkt ihm Dinge, die zu seiner Welt passen. Männer sind anscheinend nur ungenügend in der Lage, sich in die Welt der anderen hineinzuversetzen oder es kostet sie größere Mühe.

Sa, 9.12.06

P. fragt an, ob ich mit ihm ein Werbevideo improvisieren will. Unerwartet.
Eine Pressemitteilung von Papenfuß & Freunden wird diskutiert.

Lesebühnen haben Probleme:
1. Lesebühnen sind so überflüssig wie ein Kropf.
2. Sie publizieren regelmäßig banales Zeug.
3. Alle Versuche, das Lesebühnenkonzept in seiner ursprünglichen Funktion als Praxis der Revolte gegen den Literaturbetrieb aufrechtzuerhalten, sind heute reaktionäre Utopien.
4. Lesebühnen kultivieren das Bild des schreibenden Dilettanten, etwa mit einer inhaltsleeren Geschichte über den Versuch, eine inhaltsleere Geschichte zu schreiben.
5. Lesebühnen sind erfolgreicher als Lesungen, weil Lesebühnenautoren beim Schreiben ans Publikum denken.

Daher haben sich verschiedene Künstler aus dem Umfeld Art Pub Wallywoods, Baiz, Bornholmer Hütte, Luxus, Pieper und Teuber, Seifen und Kosmetik, Torpedokäfer, WC und ZK entschieden, darauf aufmerksam zu machen und zwei Lösungen anzubieten:
1. Am Montag, den 11. Dezember und am 8. Januar (und fortan an jedem 1. Montag des Monats) wird im Art Pub Wallywoods die Käsebühne "Achim Wendels Rumpelofen" stattfinden. Es lesen Velimir Kaminer, Jochen Schmitz, Stone und Urahne; Gast am 11.12.: Tone Avenstroup.
2. Ab sofort erscheint jeden Monat ein Buch zum Thema. Das erste heißt "Schönhauser Allee" von Velimir Kaminer, das aus Rechtsgründen unter dem Namen Alexander Krohn veröffentlicht wurde. Die Bücher gibt es im Kaffee Burger, im Baiz und im Art Pub Wallywoods.

Da steckt so viel Dummheit drin, dass es einem schon wieder leid tun kann. Bei schätzungsweise 20.000 Texten, die von Lesebühnenautoren verfasst wurden, nur das Banale, das es natürlich auch immer wieder gibt, zu sehen, ist schon böswillig. Und was heißt banal. Ist ein Text automatisch "nicht banal", wenn er "politische" Themen aufgreift? Oder soll man banal als Gegensatz zu monumental verstehen? Dann greift dir Kritik auch fehl, denn Kurzgeschichten haben ihre eigene Logik, so wie auch eine Kleinst-Plastik nie monumental ist, sondern eben meist heiter. "Revolte gegen den Literaturbetrieb", damit hatten die wenigsten je was im Sinn. Die meisten wollten einfach nur Geschichten vorlesen. Den schreibenden Dilettanten kultivieren die wenigsten. "Beim Schreiben ans Publikum denken" ist auch nur eine Leerformel. Man könnte es nämlich auch umdrehen: Schreiben ist, wenn ich nicht lediglich Fingerübungen betreibe oder Tagebücher verfasse, immer auch Kommunikation. Ich schreibe ein Kinderbuch eben anders als einen Krimi. Dumm ist also, wer nicht daran denkt, für welche Situation er schreibt. Was aber setzen die Leute dagegen? Kalauer. Traurig. Es sind nicht die Lesebühnen, die Probleme haben. Sondern Papenfuß & Freunde haben ein Problem mit den Lesebühnen.

Familien-Geburtstagsfeier. Es funktioniert immer dann, wenn alle einigermaßen entspannt sind, keine zu hohen Erwartungen haben, aber dennoch freundlich und aufmerksam sind. Bei Nils hab ich endlich einen Stein im Brett - mit Fratzenschneiden.
Kantinenlesen kommt an diesem Abend nicht so recht ins Rollen.

Kein Eintrag bei Jochen.

So, 10.12.06

Wieder mehrer Stunden Planung des Kantinenlesen: Wer kann/will mit wem? Wann hat wer Zeit? Welche Kombinationen sind zu häufig? Mindestens zwei Autoren sollten gute Laune garantieren. Maximal zwei ausgesprochene Experimente im Viermonatsrhythmus. Denjenigen hinterhertelefonieren, die sich nicht gemeldet haben und/oder die nicht den Lesebühnen-Mailverteiler lesen. Und dann gibt es doch immer Beschwerden, wie: "Ich hab doch vorletztes Mal schon mit XY gelesen." Oder "Ich will nicht zwei Mal im März, ist doch klar!"
Vom Workshop, den ich in einem Anfall von Besessenheit einerseits und Großzügigkeit andererseits erst 21.40 Uhr beende, fahre ich rasch mit dem Fahrrad nach Hause, steige dann ins Taxi, um noch etwas von Ninas Aufführung mitzubekommen. Chancen gering, da es schon 20.30 Uhr beginnen sollte. Komme zum letzten Akt - "Edelweiß", was ich auch schon in der Chaussee gesehen habe. Dann gehe ich, nachdem ich etliche ihrer Beglückwünscher abgewartet habe, auf sie zu und bedanke mich für alles bei ihr, da sie mir doch den größten künstlerischen Input dieses Jahres gegeben hat.
Partyangewohnheiten auf der After-Show-Party. Unmögliches Verhalten, sich mit dem Rücken direkt vor jemanden zu stellen. Oder: "Mal kurz" wegzugehen und dann nicht wiederzukommen. Da ich aber auch kein großes Gesprächsbedürfnis habe, ist mir das auch ganz recht. Jemand aus dem Contact-Workshop, bei der ich mir wirklich Mühe gebe, zu fragen, kommt schon bei den Antworten ins Schleudern und stellt sich und ihr Leben als dermaßen öd und fad dar, dass jeder Normaldenkende von Langeweile ergriffen sein müsste. Dabei ist das, was sie tut, durchaus interessant, nur eben für sie nicht. Warum sollte man sich dann als Fremder dafür interessieren?

Wieder schöne Koinzidenz: Jochen ebenfalls auf einer Party und beobachtet dieselbe Angewohnheit bei einer früheren Flamme:
"Es kann auch passieren, daß sie mitten im Gespräch die Gläser füllen geht und verschwunden bleibt. Später findet man sie draußen im Garten mit einem Bekannten, und sie zeigt mit dem Finger auf das Glas, das sie für einen irgendwo abgestellt hat."
Jochen "erörtert endlos einer Verflossenen [s]einen traurigen Zustand (...), worauf es heißt, ich würde wie immer nur von mir reden." Erst in der vergangenen Woche habe ich verstanden, was einen eigentlich als Zuhörer bei Monologen stört. Es ist gar nicht so sehr das Monologisieren, sondern das Gefühl, dabei nicht wahrgenommen zu werden, nicht einmal als Adressat der Mitteilung. Gibt es Pausen, Rückkopplungsformeln und -gesten, kann man auch längeren "Erörterungen" recht mühelos und interessiert folgen.
Romantische Erinnerungen an die Rykestraße. Auch ich habe hier das erste Mal mit zehn eine Altbau-Wohnung gesehen, in der wirklich alles faszinierend war: Eine geschmackvoll eingezogene Zwischenetage im Wohnzimmer auf der das Ehebett stand, man gelangte auf einer flachen Treppe dahin. Ein kleines Jugendzimmer eines Vierzehnjährigen, der nicht nur West-Comics besaß, sondern sogar rare Sonderausgaben der Digedags-Amerika-Serie, die ich verschlang. Eine aus Gründerzeitstücken zusammengebaute Klo-Spülung, ein Emaille-Schild mit dem Hinweis, dass der Durchmesser des Klo-Rohrs nur 5 Zentimeter betrage. Ich brachte das Ganze zum Überlaufen und die vierzehnjährige Tochter der Familie hasste mich dafür, dass sie es war, die die Brühe wegmachen musste. Ich telefonierte stundenlang mit allen Ansagen aus dem Telefonbuch (bei uns hatten nur die Genossen Telefone). Und sie hatten eine Höhensonne aus dem Westen. In manchen Situationen hätte ich meine Familie eingetauscht für diese Exoten. Aber der Unterschied war dann doch nicht so krass wie in "Das Leben der Anderen".
Aber auch die Nostalgie geht mir zu weit. Die Häuser verfielen damals, Taubenzecken in den Dachgeschossen und manchen Häusern. Es gab den Fleischer, die Synagoge und das war's an sozialem Leben auf der Rykestraße. 1989/90 arbeitete ich dann dort in der Filiale eines Außenhandelsbetriebes. Meine Chefin meinte, ich solle eine andere Jacke tragen. Wenn das die Handelspartner sähen. Hätte sich je ein Handelspartner in die Abrechnungs- und Buchhaltungsstelle des Betriebs in der Rykestraße verirrt, so hätte in die Straße wohl mehr geschockt als meine Jacke. Im Frühjahr 1990 kamen dann Busse voller Touristen, die immer wieder dasselbe Motiv aufs Kor nahmen. Srezki- Ecke Hufelandsstraße - die verkommene und die zu Tode renovierte Straße.

Ohne Gedächtnis keine Identität. Erinnerungen an Luft, Duft und Licht. J.S.: "Professor Brichot" gedenkt auf diese Art des alten Salons der Verdurins, vor ihrem Umzug in die neue Wohnung."
Den Tod von Elstir und Madame de Villeparis erwähnt Proust/Marcel beiläufig.
Verlorene Praxis sei: "Ein Fis spielen, bei dem Enesco, Capet und Thibaut vor Neid erblassen." Es ist nie das Fis, es ist das Fis an der richtigen Stelle, und es ist das Wissen, dass es in einer bestimmten Sequenz auf das Fis ankommt. Nicht nur Ausdruck, sondern auch Timing.

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Mo, 11.12.06

Spätes Aufstehen bei Steffi in der WG. Das letzte Mal, dass ich hier übernachte? Am Abend sehe ich: Es ist T.s Geburtstag. Was ich nie vergessen werde, da bei ihm meine Monats- und Tageszahl (12/11) vertauscht sind.
18 CDs vom Rolling Stone für 4,50 verkauft. Jemand freut sich jetzt. Blur von Blur für 1 Euro. Das war meine erste selbstgekaufte CD. Geschenkt bekam ich die erste 1992: Apparatschik. Ich hatte mich bis 1999 gegen den Kauf eines CD-Players gesperrt. Und jetzt sehe ich es nicht ein, mir meine Wohnung mit CDs vollzustellen, wenn die CD-Haltbarkeitsgarantie, mit der sie einem in den 80ern dieses Medium schmackhaft machen wollten, ein Hohn ist, Ich glaube, sie haben damals CDs mit Marmelade beschmiert. Bei 128kB pro Sekunde der mp3s hören nur noch trainierte Experten in bestimmten Frequenzen den Unterschied. Bei 164 niemand mehr.
Jochen schlägt schon jetzt Gestaltung des neuen Hefts vor. [Nachtrag 2008: Es wird noch über 1 Jahr dauern, bis es dann fertig ist.]
Meine Fratzenschneide-Aktion hat wohl dauerhafte Wirkung: Uta sagt, mein Neffe erkundigt sich nach mir und verlangt von seiner Mutter "komisches Gesicht" zu spielen.

Jochen über die Frage, ob man Proust-Leser so identifizieren könne, "wie Charlus 'Invertierte' ausmachen kann"? Nach einem knappen halben Jahr kennt Jochen erst drei Komplettleser persönlich. Was verbindet solche Menschen? Es ist ja mehr nur als dass sie etwas gemeinsam kennen würden. So bin ich seit über zwanzig Jahren auf der Suche nach Menschen, die so wie ich den polnischen surrealistisch angehauchten Film "Ich habe mein Tantchen geschlachtet" gesehen haben, der mal zwei Tage im Babylon lief. Man findet weder diesen Film, und auch Spezialisten für osteuropäische Kinematographie zucken nur mit den Schultern oder schauen mich an, als wolle ich sie veräppeln, was ich ihnen bei einem solchen Filmtitel ja auch nicht übelnehmen könnte. Die Lektüre der Recherche geschafft zu haben, ist da noch etwas anderes, der Wille zum Durchhalten, die unbestreitbare Leistung, sich durch solch einen Wälzer durchgearbeitet zu haben, die Zweifel, ob es sich denn nun wirklich lohnen würde, sich auch noch durch die zehnte Salonparty durchzurackern, ob es denn ein Lektüregewinn wäre, die Gebäckbeschreibungen zu überspringen usw. Trügen Proustleser zum Zeichen ihrer Leistung so wie Bungee-Springer "I-did-it"-T-Shirts, könnten sie sich, so wie Langstreckenläufer im Park, bei Begegnungen nickend oder mit einem erhobenen Finger grüßen. Vielleicht wären T-Shirts ein zu banales Kleidungsstück. Ein Federhut schiene angemessener.

Die Lektüre des vierten Bandes lässt die anderen verblassen. J.S.: "Der Charlus des ersten Bands ist inzwischen ein anderer für mich, wir sind gemeinsam alt geworden." Wäre also Jochen auch für Charlus ein anderer? Charlus deutet eine Jugendaffäre mit Swann an. Durch nebenbei eingestreute Informationen müssen ganze Episoden, ja vielleicht das ganze Buch neu interpretiert werden. J.S.: "Immer mehr Gründe sammelt man, das Buch noch einmal von vorn zu lesen."
Man intrigiert gegen Charlus, um Morel zu veranlassen, sich von Charlus zu trennen. Weshalb noch mal?

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Di, 12.12.06

Müde stehe ich auf. Mit den Gehwegarbeiten, die man hier alle 1-2 Jahre für nötig hält, sind sie diesmal wohl fertig, wenn ich ausgezogen bin. [Nachtrag 2008: In meiner neuen Straße haben sie noch kein einziges Mal den Gehweg aufgerissen.]
Fahre mal ausnahmsweise ohne Rucksack und Taschen los. Genieße die Freiheit, nicht schleppen zu müssen. Wie wäre es, ohne all den Besitz zu leben? Ohne die Bücher, die Platten, die ganzen Unterlagen und Erinnerungsstücke, die man wahrscheinlich sowieso kaum noch mal benutzt?
Kistenschleppen. 6 Kisten in den Polo, Kleinkram. Als wir es in der neuen Wohnung ausgeladen haben, beginnt M., uns gutgelaunt zuzutexten. Ich weiß nicht, was ich da noch tun soll. Ist es meine Unfähigkeit, mich auf sie einzustellen, was S. ja so gut vermag? Oder ist es ihre Unfähigkeit, mal zuzuhören und der Situation eine Chance zu geben?
Als wir Nils abholen, bekommt er wieder einen Schreikrampf aus Angst vor mir. Das Fratzenschneiden vom Sonntag hatte doch kein dauerhaftes Vertrauen geschaffen. Er ist ein Kind, denke ich, warum solle ich es ihm da übelnehmen. Und der zweite Gedanke, der mich seit Wochen verfolgt: Wir sind ja alle nur Kinder mit unseren Ängsten, Nöten, Frustrationen. Wenn wir ekelhaft zueinander sind, sind wir in dem Punkt eben noch nicht erwachsen geworden. Und soll man diesen Kindern böse sein? Aber dieser Gedanke wird schon Minuten später auf die Probe gestellt, als mich R. zutextet, so wie vorher M.
Ein labiles Bücherregal geht an einen Platten-Freak für 1 Euro weg.
Sch. hatte schon nach 1/2 Jahr Impro-Kursen keine Probleme damit, sich als "Schauspieler" zu bezeichnen, was sich prompt auszahlte. Warum auch? Das war es, was er tat. Vielleicht hab ich mir da manchmal mit meiner Bescheidenheit zu oft ein Bein gestellt? Es dauerte Jahre, bis ich mich als "Autor" bzw. "Schauspieler" bezeichnete. Vielleicht auch, weil ich diese Etikettierungen mindestens so albern fand wie den österreichischen Titel-Fetischismus ("Frau Magister").

Es ist alles eine Frage der Perspektive, wie man die Welt wahrnimmt. Selbst der Polnischreiseführer lädt ein, die Kennenlern- und Flirtlektionen als tragisches Dramolett zu lesen. So wie für den Frisch- und Glücklichverliebten die Welt bunter und lebenswerter erscheint, so sind dem Traurigen dieselben Zeichen Symbole des Verhängnisses. Es ist schwer, aber es funktioniert auch in die umgekehrte Richtung: Die Zeichen der Welt als Symbole des Glücks lesen und so die Depression bekämpfen. Ist zumindest gesünder als Tabletten. Natürlich auch anstrengender, und Jochen würde wahrscheinlich sagen, seine Depressionen gehörten schließlich zu ihm, warum solle er sich um sie betrügen. So wie die Katarrhe zu ihm gehören.

Charlus erwischt der Verrat auf falschem Fuß und er ist nicht mehr in der Lage zu reagieren. J.S.: "Rührend, wie die Königin von Neapel noch einmal erscheint, um ihren vergessenen Fächer zu holen, die Szene überblickend, sofort alles durchschaut, die Verdurins durch Nichtachtung straft und ihrem armen, alten Vetter den Arm reicht."
Unklares Inventar: Die Königin von Neapel. Hab ich was verpasst? Klingt ein bisschen wie die Schneekönigin, die auf einmal herbeigerauscht kommt.
Marcel kehrt heim und weiß doch, dass er zuhause bei Albertine mit Denken aufhört. Die hellen Streifen der Fensterläden wie "das leuchtende Gitterwerk, das sich hinter mir schließen würde und dessen unverbiegbaren goldenen Stäbe ich für eine ewige Knechtschaft selbst geschmiedet hatte."

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Mi, 13.12.06

Wache sechs Uhr schon auf. Der Umzug lastet wie ein großes Gewicht auf mir - ich kann kaum etwas tun, ohne diese Last mitzuspüren. Die gute Laune der anderen raubt mir fast die Nerven.
Und die Deckenlampe für 6,50 Euro. Ein Großteil meines Hausrats hab ich damals aus dem Nachlass der verstorbenen Mutter einer Kollegin meiner Mutter geschenkt bekommen: Couch, Teller, Kanne und eben die Deckenlampe. Wie lange hab ich diese jedem Geschmack höhnenden Gegenstände besessen?
Neues Angebot: Die Bö solle nur noch einmal pro Monat spielen. Als ob das das Problem lösen würde.
Zuhause in die Sauna. Der Betreiber liegt selber drin. Versucht ein Gespräch, das ich schon antizipiert hatte. Ich antworte einsilbig, so dass er nach vier Fragen merkt, dass ich nicht zu den Sauna-Quatscher gehöre.
Zwei Freunde (Schwule?) kommen dazu. Man muss sich konzentrieren, um zu entspannen. Positiv denken.
Fahre dann doch noch mal ins Zebrano und sehe die letzten 20 Minuten der Show. Steffi hervorragend.

Beim Kerzenauspusten zum Geburtstag hat sich Jochen offenbar das Falsche gewünscht: "Gestern haben wir unser letztes Gespräch geführt, das sich immer noch anfühlte wie ein Gespräch zwischen Liebenden, nur dass sie danach vermutlich erleichtert war. Und heute kam mit der Post mein neuer Vertrag."

Koinzidenz: Am selben Tag macht Marcel Schluss mit Albertine. Man könnte schlussfolgern, dass vielleicht Proust-Leser zum Schlussmachen einladen.
Die bekannten Proustiaden. J.S.: "Er lügt, um sie zu halten, und weil er lügt, geht er davon aus, dass auch sie lügt. Aber lügt sie wirklich, oder ist er nur unfähig, ihr zu vertrauen?" Da liegt der Hase im Pfeffer. Wer Vertrauen bricht, kann einerseits kein Vertrauen erwarten. Andererseits ist er selber auch nicht mehr in der Lage zu vertrauen. Vertrauen aber ist die Grundlage dauerhaft erfolgreicher Kommunikationssysteme, wie wir zurzeit (Ende 2008) am Wirtschaftssystem schön beobachten können: Teilsysteme kollabieren, und reißen vor allem deshalb andere Bereiche mit sich, weil das Vertrauen schwindet. Ähnliches lässt sich von Zeit zu Zeit auch bei anderen Kommunikationssysteme beobachten: Politik und Recht (Korruption) und eben auch die intime Kommunikation der Liebe. Hingegen verfügt z.B. das Kommunikationssystem Wissenschaft offenbar über genügend Immunkräfte, die regelmäßige Vertrauensverluste verhindern.

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Do, 14.12.06

Langsam geht es besser. Ich beginne mit dem Packen.
Eine angebliche Komikerin und Improvisiererin, die aber jedem konstruktiven Angebot auszuweichen scheint, bis sie schließlich lediglich das Kantinenlesen als Probebühne für die Generalprobe für ihre Prüfung benutzen will. Oder sollte ich etwas missverstehen?
Habe jetzt ein Google-Account.
Uli fährt für mich bei meinem Umzug.
Tube hilft mir beim Einrichten meines Blogs. Was der mir schon in Computer- und Softwarefragen geholfen hat, übersteigt meine Fähigkeiten zu Dankbarkeit.
Und dann gibt es noch jene Agentur, die sich vor fünf Jahren mal um meine Sachen kümmern wollte. Stattdessen bekomme ich jetzt deren Newsletter mit Ankündigungen von Shows diverser Komiker, die ja in ihren Augen profitabler sein müssen als ich.
Den Abend beschließt ein wieder außergewöhnlich schöner Chaussee-Abend.

Die Geschichte von "Lutze", dem Krebsforscher in London, scheint so haarsträubend, wenn ich sie nicht selbst fast so erlebt hätte. Aber meine Akropolis war Ghana, mein Athen polnische Kleinstadt Wroclawek, mein Irish Pub war Torun. Und die Tamilin war bei mir eine Irin, von der mir ein scheußlicher Schnappschuss geblieben ist.

Die Drohung, sich zu trennen, nimmt dann Marcel doch zurück. Man hätte es ahnen können - zu sehr scheint er dieses Spiel, in dem er immer der Leidende bleibt zu brauchen.
J.S. "Er sieht sich aber in guter Gesellschaft mit Nationen, die sich mit Krieg bedrohen, um Zugeständnisse zu erzwingen, während keine der beiden Seiten weiß, ob die andere wirklich ernsthaft zum Krieg bereit gewesen wäre, wenn man nicht eingelenkt hätte."
Die Liebe überhaupt unter solchen Gesichtspunkten zu sehen, geschweige denn sie wie im Gefangenen-Dilemma-Spiel praktizieren zu wollen, die Habsucht dominieren zu lassen, widerspricht dem Lieben völlig. Marcel hat die Liebe schon jetzt wieder verloren.

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Fr, 15.12.06

Wollen wir bei unserem Umzug auf Ökostrom umsteigen? Wann wenn nicht jetzt? Wenn man sich erst mal eingerichtet hat, wird jede Änderung anstrengend.
Von der Schreibmaschine von 1941, die ich von Tante Hedwig geerbt hatte, trenne ich mich nun auch. Sollte ich sie etwa aufheben, bloß weil ich auf ihr im Grundstudium noch meine Seminararbeiten geschrieben habe?
Meine Frage, ob wir nun doch bei der Chaussee auf komplette Rauchfreiheit umsteigen, löst eine Diskussion aus, die nach zwei Jahren im Grunde immer noch nicht beendet ist, obwohl man inzwischen sogar juristisch keinen Spielraum mehr hätte.

Jochen beginnt seinen Eintrag mit sechzehn Zeilen Zusammenfassung der Kunstgeschichte, die schon in dieser Kürze ein knackiger Lesebühnentext wären. Aber Jochen wäre nicht Jochen, wenn er der Sache nicht noch einen Dreh geben würde, eineinhalb Seiten Werbung für Sophie Calle, deren Countup to Happiness man Jochen in seiner Lage wünschen möchte.

Erstaunliches bei der Lektüre:
- Marcel hat schon mit "Der Arbeit" (d.h. wohl: dem vorliegenden Werk) begonnen.
- Die verstorbenen Cottard und Elstir leben wieder
- Der Gedanke einer Fußnote taucht eine Seite später im Fließtext wieder auf.
Ich würde mich fragen, ob Proust zeitgenössische Autoren parodiert oder ob sein Verlag bei jemandem in der Kreide stand, der seinem schwachsinnigen und offenbar analphabetischen Sohn unbedingt den Job als Lektor zuschustern wollte.
Da Albertine nicht mehr "zur Flucht gerüstet" scheint, verliert sie für Marcel an Attraktivität. Erinnert an das Lied von Stereo Total "Wie soll isch misch nach dir sähnen, wenn du stets bei mir biest."
Marcel erklärt Albertine, das Wesen der Kunst bestehe darin, "dass die große Schriftsteller immer nur ein einziges Werk geschaffen oder vielmehr ein und dieselbe Schönheit, die sie der Welt bringen, gebrochen durch verschiedene Medien, uns vor Augen geführt haben." (M.P.) Deshalb die vorangestellten Reflexionen? Oder doch Koinzidenz?

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Sa, 16.12.06

Stehe mit Kopfschmerzen auf. Kann nicht weg, da ich auf die Lampenkäuferin warten muss. Ich sehe mich in meiner Wohnung um. Womit ich mir in den letzten achtzehn Jahren meine Wohnungen verhunzt habe, ist eigentlich auch schrecklich. Punker-Attitüde gepaart mit Omahaftigkeit. Hauptsache billig. Andere haben auch bei aller Billigkeit darauf geachtet, dass die Dinge nach etwas aussehen. Wie habe ich all die beneidet, die mit dreißig Mark auf den Flohmarkt gingen und zielsicher das herausfanden, was in ihre Wohnung passt. Bei mir leidet alles, was mit optischem Vorstellungsvermögen zu tun hat. Aber auch hier helfen keine Ausreden mehr - ich muss es in die Hand nehmen, trainieren.
Schöner Freestyle Rap Workshop mit Ben von den Ohrbooten. Wenn er kein Popstar geworden wäre, hätte er das Zeug zu einem großartigen Lehrer, der es allein schon durch seine positive Art versteht, andere mitzureißen.
Ein Bö-Brainstorming kommt nicht zustande, die Hälfte der Besetzung fehlt. Man versucht, ein paar Pfähle einzurammen. Z bekommt gleich bei kleineren Themen einen Rappel, wenn sie das eigene Universum übersteigen, und man fragt sich, ob Zickigkeit auf der Schauspielschule als Pflichtfach gelehrt wird. Es führt, und das sehe ich wieder und wieder, zu gar nichts, wenn Fragen als Prinzip diskutiert werden statt konkret.
Am Abend ein eher ruhiges Kantinenlesen. Aber Robert Naumann strahlt über allen.

Kein Eintrag bei Jochen.

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So, 17.12.06

Breche das Schreiben ab, weil ich im Hinterkopf schon einen Brief formuliere, der, wie ich glaube, nicht länger warten kann. Maile ihn noch Steffi mit der Bitte, zu prüfen, ob er angemessen ist. Wir diskutieren dies, aber auch Umzugskleckerkram. Später kann ich nicht mehr die Schreib-Energie aufbringen.
Bücher, Akten, Platten und CDs des Wohnzimmers sind nun fast vollständig eingepackt, in ca. 30 Kisten. Ich spüre einen kleinen Schmerz im unteren Rückenbereich. Dabei trage ich die Kisten fast immer vorbildlich aus den Beinen heraus.
Noch kein Weihnachtsgeschenk. Weder für Nils noch für Steffi, die ja immer ordentlich vorlegt mit Selbsterschaffenem, während ich froh bin, wenn ich ein passendes Buch finde.
Auch das Albino-Känguru, das ich damals als letzten Liebesbeweis geschenkt bekam, muss weg. Es ist völlig verrottet und riecht schon nach Chemie.
Moderiere die Workshop-Show. Krawatte ist bereits in irgendeiner Kiste. In der Anzugsjacke, wie ich zu spät sehe, ein Loch.

J.S.: "Lieber verwandelt man [Achtung, Jochen benutzt "man" in seinen Texten synonym zu "ich"] sich in ein Mahnmal seiner Leiden und widmet sein Leben wie der letzte Überlebende eines Völkermords dem Gedenken an die missachteten Gefühle." Die Überwindung des Leidens scheint ihm ein Verrat an seinen derzeitigen Gefühlen. Wir können beobachten: Haben, Horten, Festhalten, Konservieren statt Handeln, Geben, Loslassen, Entwickeln.

Marcel und Jochen scheinen immer mehr zu verschmelzen. Oder ist es die Interpretation, die wir geliefert bekommen? Marcel bewundert Albertine, die mit Golfschlägern an der Bibliothek lehnt. Sie trägt Schuhe, "die er ihr herstellen lassen hat. Was sie natürlich auch nicht endgültig zu seinem Besitz macht, aber es ist nur konsequent für den Liebenden, über die Kleidung des Geliebten bestimmen zu wollen." (J.S.)
Es ist nicht mehr als die Liebe der Katze zur Maus. Sie liebt nicht die Maus, sondern das Haschen. Das halbtote Tier wird dann auch immer wieder angestoßen, damit es sich zu fliehen versucht, um dann um so sicherer wieder in ihren Klauen zu landen.
Man könnte es auch radikal anders herum betrachten: Marcel hasst in Wirklichkeit Albertine, "ein gezähmtes Wild, ein Rosenstock, dem ich Stab und Stütze, das Spalier gleichsam, lieferte." Würde er sie sonst belügen? Würde er ihr sonst derart misstrauen? Wie pervers, einen geliebten Menschen einsperren zu wollen.

He who binds himself to joy
Doth the winged life destroy:
But he who kisses the joy at it flies
Lives in Eternity’s sunrise
(William Blake)

Den Menschen besitzen zu wollen, ist nicht ein Ausdruck von Liebe, sondern von Gier und Angst. Angst, der Kitzel könne versiegen. Es ist der alte Irrtum, Liebe sei ein emporschießendes Gefühl, das an die Anwesenheit des Menschen gekoppelt ist. Was für ein Quatsch das ist, müsste Marcel ja schon erkennen, als ihn Albertine durch ihre Dauerpräsenz nur noch anekelt. Von nix kommt nix. Liebe erstickt, wenn wir auf das Gefühl warten. Sie muss wie ein Feuer genährt werden, durch liebendes Handeln.

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Mo, 18.12.06

B. gratuliert schon zu Weihnachten. Wie immer bin ich in Sorge, auf welcher Seite des Therapeutentisches er gerade sitzt, aber wenn er Mails schriebt, kann es ja noch nicht so schlimm sein. (Oder nicht mehr.)
Der Vertrag mit der Band ist nun fertig, und ich versuche, nicht daran zu denken, was geschieht, wenn aus irgendeinem bescheuerten Grunde niemand zu Silvester den Weg ins RAW findet.
Abendessen in N.s indisch-nepalesischem Restaurant. Sehr schön, wo ich doch indische Küche nicht so vertrage und bei der obligatorischen Salat-Imitation schmunzeln muss. Gedanken zu einem Austausch und Kooperation zwischen Stegreifbühne und Bö.

Jochen auf dem Konzert bei Morrissey: "Eine Stimme zu besitzen, die man gegen keine andere austauschen könnte, was ist das Pendant dazu beim Schreiben?" Dasselbe?
"Wenigstens kann man Lieder immer wieder singen, während mir noch kein Text gelungen ist, den ich nicht nach einem Dutzend Vorträgen satt gehabt hätte." Ja. Wenn "Satisfaction" ein Gedicht wäre, säße Jagger inzwischen wahrscheinlich in der Nervenheilanstalt.

Marcel versucht, Albertine mit dem Eintreffen seiner Mutter, neuer Kleider und der Besichtigung venezianischer Glaswaren zu überreden, die Abreise zu verschieben. Wohin eigentlich?
"Solange sie da war, hatte ich das Gefühl, ich könne der Zukunft gebieten." Nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart - auch die Zukunft will Marcel fesseln, einsperren, statt sich dem Neuen, dem Leben, dem Überraschenden hinzugeben. Die Suche nach der verlorenen Zeit? Hier geht sie verloren. Im Einsperren, Konservieren. Im Festhalten. Anstatt die Zeit zu leben.
Albertine öffnet nachts das Fenster, was tut Marcel? Legt er sich eine Decke über? Zieht er sich eine Schlafmütze auf? Bittet er sie, das Fenster zu schließen, "da ich mich vor Luftzug fürchtete"? Nein, er  wandert "die ganze Nacht im Korridor auf und ab in der Hoffnung, ich werde durch das Geräusch meiner Schritte die Aufmerksamkeit Albertines auf mich lenken und erreichen, dass sie mich mitleidig zu sich rief." (M.P.) Oder man muss Proust wirklich als Komiker verstehen, wie Jochen meint? Dann wäre diese Passage die erste, die mich das glauben lässt. Sie erinnert schon an Woody Allen.
Jochen Schmidt verweigert dermaßen konsequent die Rechtschreibreform, dass er sich nicht nur, wie auf jeder Seite zu sehen ist, der ß/ss-Reform sondern sogar deutlichen und unumstrittenen Fortschritten entzieht. Statt fetttriefend schreibt er fettriefend. Wer aber waren die, die "Fett" riefen? Oder war da doch der Lektor schuld?
Er wacht auf, und der von draußen hereinströmende Benzingeruch eines Automobils lässt ihn von Venedig träumen. Er schellt nach dem Hausmädchen, das ihm berichtet, dass Albertine fort ist. Für immer.

Ende des fünften Bandes

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6. Band: Die Entflohene

Di, 19.12.06

Anscheinend halten es einige Kultur- und Politprofis für völlig normal, jeden, mit dem sie einmal Mailkontakt hatten, in den persönlichen Reklameverteiler aufzunehmen. Bei meinen Viagra-Lieferanten und Penis-Verlängerern habe ich ja noch Verständnis.
Jochen macht uns auf Veränderungen im Wikipedia-Artikel zu den Lesebühnen aufmerksam. Seit ausgerechnet S. den ersten Artikel verfasst hat ("politische Texte, die im Stehen gelesen werden"), kann eigentlich jeder nur noch rumdoktern. Meiner war fast fertig, aber wer bin ich, dass ich die Arbeit anderer in die Tonne trete? Wahrscheinlich ist das das Problem vieler Wikipedia-Artikel. Wenn einer erst mal einen größeren Text mit Struktur angelegt hat, kann man den Murks kaum noch verändern.
Erfahre nun vom hausinternen Silvester-Konkurrenzprogramm des RAW. Und so auch von Musikrichtungen, deren Namen ich noch nie gehört habe, deren Konstruktion aber immerhin eine Klangwelt im Kopf entfaltet: tech-house, breakcore, dubstep. "Mehr als 30 DJs/Live Acts auf fünf Floors". Unser Floor bleibt unerwähnt, weil wir einen eigenen, für RAW-Verhältnisse unverschämt hohen Eintritt von 8 Euro verlangen. Zu Silvester!
Für 2,50 Euro ist die Schreibmaschine weggegangen! Berufe, die ich zum Glück nicht ergriffen habe. Heute: Internet-Händler.

Jochen legt uns seine Arbeitspläne für die Vorweihnachtszeit offen, deren demütigendstes Element in der Pflicht besteht, das Ende einer hirnverbrannten Weihnachtskrimifortsetzungsgeschichte zu schreiben. Neben Kinderverpflichtungen, Chaussee-, taz-, Tagesspiegel-, Proust-Texten, Lateinaufgaben, Geschenkbesorgungen, findet sich auch: "beim Umzug vom Kollegen helfen". Ein Glück, dachte ich bei der original Blog-Lektüre, dass ich da noch in den Terminplan reinpasse, und dann im zweiten Moment der Schreck: was, wenn mit "Kollege" jemand anders gemeint ist und er mich vergessen hat.
Meditationsvorschlag für die Feiertage: "sich mit einem Bier vor den Computer setzen, die Festplatte defragmentieren und beobachten, wie sich die kleinen Kästchen langsam sortieren."

Kann man die Proust-Bände auch, so wie etwa die Luhmann-Werke oder Winnetou I-III auch in beliebiger Reihenfolge ohne Informationsverlust lesen? Hat das schon jemand getan? Gibt es eine "innere Entwicklung" des Helden oder ist er wie Old Shatterhand von vornherein mit seinen Fähigkeiten ausgestattet und das Moralgehäuse ist fix und fertig, nur dass man sich Scharlih nicht als eifersüchtig Verzweifelnden vorstellen könnte.
Jetzt, da Albertine ihn verlassen hat, plant Marcel die Hochzeit. Er lebt jetzt anscheinend in einer Märchenwelt. Vielleicht sollte ich zur Abwechslung doch wieder in die Geschichten von 1001 Nacht wechseln. Aber das dauert noch 36 Jochensche Lektüretage.

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Mi, 20.12.06

Jochen sucht bei den Lesebühnenkollegen dringend die Sopranos. Er würde "gutes Geld zahlen". Statt einer Antwort kommen die zu erwartenden Scherze, ob er mit "gutem Geld" D-Mark meine. Oder gar Ostmark.
Neue Typologie: Frauen, die die E-Mail-Adressen ihrer Männer benutzen und zu welchen Gelegenheiten sie diese Praxis beenden. Aus der Anfangszeit des E-Mailens stammt auch noch die Marotte, von vornherein eine Mail-Adresse für sie und ihn anzulegen. Die wenigen, die ich noch mit dieser Gewohnheit kenne, haben alle noch eine Snafu-Adresse. Die Adressen heißen dann ungefähr sybilmicha@snafu.de.
Weihnachtsgrüße von B. und C., die uns zu sich nach Liverpool einladen. [Nachtrag 2008: Wir folgen der Einladung 4 Monate später.]

J.S.: "Melancholie ist ja kein Defekt sondern die Konsequenz jeder geistigen Auseinandersetzung mit unserer Existenz." Ich würde dasselbe für Heiterkeit behaupten. Sich diese zu bewahren, statt im Heer der Melancholiker zu versinken bedarf einer geistigen Auseinandersetzung nicht nur mit unserer eigenen Existenz.

"Endlose Überlegungen eines frisch Verlassenen." Dies jetzt lesen zu müssen, nur wegen eines im Juli geleisteten Eides, muss schon hart sein. J.S.: "Die Sache ist gelaufen, will man ihm sagen, hak es ab." Doch auch Monate später trägt Jochen die Narben dieses Verlassenwerdens wie ein Indianer seine Kriegsnarben.
Marcel sendet Saint-Loup zu Albertines Tante, um die Hochzeit anzukündigen. Saint-Loup erschrickt beim Anblick von Albertines Foto. (Eine frühere Affäre?)
Über die Liebesökonomie von attraktiven/unattraktiven Partnern: Welche versteckten Qualitäten haben die unattraktiven? Sind die Partner der Attraktiven so oberflächlich, dass sie sich mit der schönen Oberfläche zufrieden geben? Mit Luhmann könnte man auch sagen, dass die Knappheit des Gutes Attraktivität in der Liebe nicht ökonomisch geregelt werden kann. Im Kommunikationssystem Liebe nimmt Ego Alter immer als ganze Person wahr, und nicht nur in einer spezifischen Rolle, wie es etwa im Wirtschaftssystem (Käufer/Verkäufer) oder im Rechtssystem (Kläger/Beklagter/Richter) der Fall ist.  

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Do, 21.12.06

Während man überlegt, ob man Y., wegen seines erratischen Finanzgebarens verklagen, bemitleiden oder ihm die Adresse einer Drogenberatungsstelle zukommen lassen soll, lädt er einen schon zu seiner nächsten Show ein. Merke: Das Wichtigste bei einer Pointe ist das Timing.
Nach der "Chaussee" noch schmell ein Hinweis-Schild basteln, damit die Robbe morgen vorm Haus Platz findet. Letzte Gänge durch die Wohnung, die mir mit kurzen Unterbrechungen über 15 Jahre ein Zuhause bot.

Selbständig lebensfähiger Text: "Das Land der ungebremsten Leidenschaften"

Albertine bemerkt die Anstrengungen Marcels, die Angelegenheit durch Saint-Loup und die Tante zu regeln und weist das zurück. Marcel antwortet "ausufernd", das kontraproduktive seines Handelns (anscheinend erstmals) erkennend. Dann wieder Zögern: Was wenn sie drauf eingeht? Das Bild elenden Zusammenlebens steigt wieder auf. Brief abschicken, doch nicht, oder dann doch. Ihr folgender Brief weist ihn noch mehr von ihr von sich, aber sein Jagdinstinkt ist dadurch natürlich wieder geweckt, diesmal versucht er es über die Eifersuchtsmasche. J.S.: "Er kündigt ihr an, mit Andrée leben zu wollen."
Eins ist klar: Albertine muss tatsächlich ein wenig einfältig sein und völlig unfähig zu Intrigen oder Tricks. Denn wenn sie Marcel wirklich loswerden wollte, müsste sie ihm doch nur einen öden, langweiligen, dümmlichen Brief schreiben, in dem sie ankündigt, sich auf die Hochzeit zu freuen, sie würde nun von immer bei ihm bleiben und ihn keinen Moment aus den Augen lassen usw. Das würde schon die entsprechende Gegenreaktion bewirken.

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Fr, 22.12.06

Umzug. Aus Humoristensicht ist alles dazu gesagt. Ich habe meine drei Texte zu dem Thema geschrieben, habe außerdem ca. 20 darüber gehört. Und habe versucht, aus den Fehlern der anderen zu lernen. Habe vorher im Prinzip alles Einpackbare eingepackt, alles Abschraubbare abgeschraubt. Die drei Ausnahmen werden mir dann prompt vorgeworfen. Es sind genügend Helfer da, so dass weder die Faulen noch die Fleißigen zu viel arbeiten müssen. Der Gehbehinderte schmiert Stullen. Die Robben&Wientjes-Karre genügt für eine Tour. Aber ausgerechnet mein Freund und Fahrer Uli ist heute etwas hektisch drauf, trotz jahrelanger Taxi-Erfahrungen. Und so detscht er den Wagen gegen einen PKW in der Karl-Kunger-Straße. Wenn es irgendein Auto wäre! Nein, es ist das Auto meiner Nachbarn, die das Malheur auch noch direkt mitanschauen können. Sie kennen mich noch nicht, aber ich bin schon jetzt bei ihnen unten durch.




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Die Diskussion über die Zahlungsmoral des Autoren-Einladers entwickelt sich zu einem Drama eigener Klasse. Der Ohrfeigen-E-Briefwechsel zwischen K. und M. ist schon Lesebühnen-Literatur.

Aus den geographischen Hinweisen kann man schließen, dass Jochen Geschenke bei Dussmann kauft, obwohl er eher von dem berichtet, was ihm selber wichtig wäre: Die Fernsehserien aus der Kindheit. Er spielt mit dem Gedanken, "bei den Sopranos einzusteigen, das wären noch mal neunzig Stunden Realitätsflucht, jetzt wo ich mit 'Curb' durch bin. [Nachtrag 2008: Er wird sich dafür entscheiden und an die Sopranos noch 'The Wire' dranhängen.]
Tip- oder Satzfehler oder gewollte Dopplung: "Was einen zur Zeit quält sind alle Formen von Formen in der Öffentlichkeit." Oder doch Formen von Erotik? Ich bin damals im Dezember 1996 auf dem Höhepunkt meines Liebeskummers mit einem russischen Rockerkumpel nach Prag geflohen, hatte aber vergessen, dass es natürlich auch in Prag Schaufensterpuppen gibt, die einen an sie erinnern.

Marcel schiebt einen Gedanken fort, den ich auch hatte, als ich litt: Hätte sie einen Unfall, würde ich jetzt weniger leiden.
Und schwupps! geschieht genau das. Albertine ist tot. Jochen meint, es sei eine "Wendung, die etwas nach Drehbuchseminar klingt." Man könnte es aber auch umgekehrt sehen: Die Exhibitionierung seines Wahns, der zeitweisen Dümmlichkeit Albertines, stehen nun erst in einem anderen Licht. Vor einer Verfilmung müsste dann immer stehen: "Nach einer wahren Geschichte".
Marcel versucht, sämtliche Erinnerungen hervorzurufen, und beschwört alle fünf Sinne, "wie bei Old Shatterhand, als er den sterbenden Winnetou in den Armen hält und an glücklichere Tage denkt." Hier spielt Jochen allerdings auf den Film an, diese Szene steht gar nicht im Buch.

***

Sa, 23.12.06

Schlafen in Treptow. Hab ja erst mal nur die Matratze, die in Nils' früherer Schlafkammer liegt. Die Wohnung steht nun vollgerümpelt, mehr oder weniger so, dass ich mich darin noch praktisch bewegen könnte. Wenn nicht die Türen wären. Ins Schlafzimmer und ins Bad gelange ich nicht, ohne den Kopf einzuziehen. Die Tür meines Zimmers ist 1,94 Meter hoch. Vier Zentimeter Spielraum für Sohlen und den Schwung beim Laufen. Das soll's jetzt sein? In meiner eigenen Wohnung in en kommenden Jahren gebückt laufen? In der Nach wache ich auf vom Autolärm. Und dabei schlafe ich hier mit geschlossenem Fenster auf der ruhigen Seite.
Weihnachtspost aus Beirut. L.s Kinder sollen Joseph und Maria beim Krippenspiel sein. Die Botschaft: Frieden. Es muss ein schönes Land sein, das da regelmäßig von Gewalt heimgesucht wird. Hatte man Libanon nicht sogar einmal die Schweiz des Nahen Osten genannt? Und ich habe es nie geschafft, sie dort zu besuchen.

Ist Kunst Sublimierung? Das Bild, das uns Freud vom Künstler hinterlassen hat, ist zu stark, als das Jochen nicht drauf anspringen würde. Kunst als Realitätsersatz, als Ersatz für einen geliebten Menschen. "oder reitet man sich nur immer tiefer rein, wenn man in der Vorstellung lebt, Leiden würden einen zu einem tieferen Menschen und damit auch zu einem besseren Autor machen?"
Ja.

Weitere Beschwörung der Erinnerungen und des Seelenleidens.
Jochen bricht diesmal bereits nach 14 statt der sonst üblichen 20 Seiten die Lektüre ab. Er "habe auch das Gefühl, dass ich mich vergifte. Sie heute anzurufen und wiederzusehen war natürlich ein Fehler gewesen."

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Samstag, 6. Dezember 2008

6.-8.1206

Gewalt abwehren. Meine zehn Tricks:

So. Jetzt bin ich auf Datumsgleichstand 6.12./6.12.

Wollte nur mal kurz die Stelle aus "Winnetou I" nachschlagen, in der Shatterhand Intschu-tschuna besiegt. Und schwupps, hatte ich schon wieder das halbe Buch durchgelesen. Vielleicht wäre der komplette May ja der am einfachsten zu handhabende Lektüre-Blog, denn schließlich liest er sich doppelt so schnell wie andere Bücher. Die beeindruckende Reihe der grünen Bände haben auf mich immer eine große Wirkung gehabt. (Gelesen habe ich die drei Winnetou-Bücher, vier Bücher aus der Orient-Reihe und "Der Mahdi".) Aber solch eine Dauerlektüre wäre ziemlich schnell langweiliger als die ausführlichen Harûn er-Raschîd Anekdoten. Anschleichen, die immerselben langwierige Dialoge mit Freund und Feind, Landschaftsbeschreibungen, andauerndes Gelobtwerden von Freund und Feind. (Hatte ich nicht sogar mal einen Text darüber geschrieben?)

Mi, 6.12.06

Was wären Lektüre-Alternativen zu 1001 Nächten?
1. Wilhelm Meister (ca.1000 S.): vermutlich sehr dröge.
2. Luhmanns "Gesellschafts-Werke" (ca. 5.000 S.) - vielleicht zu unliterarisch. Es wäre schwieriger, daran anzuknüpfen.
3. Shakespeares Dramen (ca. 2.500 S.) Bei Shakespeare könnte man als Lektüre-Einheiten die Szenen oder Aufzüge nehmen.
Vorteile: Angenehme und delikate Lektüre, literarische Gattung. Nachvollziehbare Einheiten. Nachteile: Er ist vergleichsweise bekannt und tausende Male durchanalysiert.
[Nachtrag 2008: Heute würde ich wohl vielleicht Luhmann vorziehen. Andererseits habe ich "Gesellschaft der Gesellschaft" schon als Klolektüre schon gelesen und brauchte dafür 2 Jahre. Wirklich anknüpfen kann ich an 1001 Nacht auch nur selten. Außerdem von den Gesellschaftsbüchern gelesen. 1996: "Das Recht der Gesellschaft". 1999: "Die Politik der Gesellschaft" (zur Hälfte)].
Pa hilft mir, meine Möbel zum Müllplatz zu fahren. Verschiedenes Timing, verschiedene intuitive Auffassungen darüber, ob der Vater den Sohn kommandieren sollte.
Ein anstrengender Tag, und ich muss mir nicht die Show der Kollegen anschauen.

Weil die Erinnerung an die WM schon wieder verblasst ist, schreibt Jochen: "Unsere Gegenwart hallt einfach nicht nach, es ist alles zu banal." Oder werden wir nicht einfach nur alt? Und das Erlebte verliert den Reiz des Neuen, weil es immer weniger Neues gibt. Selbst wenn man ein neues Land bereist, hat man die Erfahrung des Neues-Land-Bereisen schon gemacht. Und die globalen Ereignisse? Sollte denn das zumindest denkbare Auflösen der Arktis weniger Widerhall finden als die letzte Eiszeit? Sollten die Terroranschläge und Kriege der letzten Jahre banaler sein als der Kalte Krieg? Die explosionsartige Verbreitung des Internet banaler als die Verbreitung der Telegrafie? Sollten Jochen Schmidt, dem genauen Analytiker des Details, die Antenne für das Große fehlen? Eigentlich nicht denkbar.
Im schönen Sommer, während der WM, kämpfte er mit dem schlechten Gewissen, ihn nicht richtig genießen zu können. Auch mir geht es so. Als Kind konnte man die Begeisterung der Erwachsenen z.B. für den Frühling gar nicht recht verstehen. Jede Jahreszeit brachte ihre Freuden, und der Hammer war eben der Sommer. Jetzt hingegen löst schon der Mai das schlechte Gewissen aus, das man angesichts einer kaum zu bewältigenden Aufgabe (nämlich den Sommer richtig zu genießen) empfindet. In manchen Jahren (so auch 2006) löse ich das Problem, indem ich den Sommer durch September- oder Oktober-Urlaube in warmen Ländern verlängere. Aber auch das ist natürlich nur eine Scheinlösung. Schließlich kommt es darauf an, den Moment als solchen zu empfinden.

Madame Verdurin bekommt anscheinend Schnarch-Schluchz-Anfälle, wenn sie die Kompositionen von Vinteuil hört. Das erinnert ein wenig an die lauten Schnarch-Lacher - die begeistertsten Zuhörer bei den Lesebühnen, die aber jedem anderen die Lust nehmen, laut zu lachen. Marcel ist auch so einer, der "nur mal gucken" wollte, ohne die Darbietung zu respektieren. Die Autorität Charlus' hindert ihn daran, sich gehen zu lassen. Heute wäre Marcel  wahrscheinlich einer von denen, die bei der Chaussee in der ersten Reihe auf dem Sofa lümmeln und sich ausführlich mit den lesbischen Bekannten seiner Freundin streitet.
Endlich mal etwas aus der Sammlung "Unklares Inventar", was ich kenne: Prinz Albert von Belgien (gemeint ist natürlich Albert I.)

*

Do, 7.12.06

Die Sprintspikes hat ein Nazar für eine Olga erstattet.
Wie schreibt man "Fietschern"? Faeturen? Featurn?
Nach 1 Tag kommt der Antwortbrief. Versöhnlich. Und so hart es auch kracht, man kommt doch immer wieder ins Reine miteinander.
Außergewöhnlich guter Chaussee-Abend. Und ich weiß, dass ich zwar mit seinem Text nicht gemeint bin, aber man könnte es so lesen.

Das Thema des vorigen Tages - die Banalisierung der Gegenwart - wird noch mal aufgegriffen: "Ich glaube, ich habe noch nie so lange an einem Text gefeilt. Jetzt steht er in diesem Heft, das kaum jemand kennt, und wird die Welt auch nicht verändern. Das traurige ist, daß so eine Veröffentlichung überhaupt keine Gefühle mehr auslöst, während ich mich noch bei meiner ersten Publikation in der Zeitschrift "Boxsport" ("Die Ballade vom Eisernen Mike, der seinem Gegner Heiligfeld ein Ohr abbiß") vor Aufregung erst zu Hause getraut hatte, das Blatt aufzuschlagen. Die Realität des Literaturbetriebs hat den Büchern ihre Aura genommen. Ich muss wieder lernen, von meinen eigenen Büchern zu träumen."

Schönes Bild der Hörer von E-Musik: "Ich blickte auf die Padrona, deren leidenschaftliche Unbewegtheit dagegen zu protestieren schien, daß die Damen des Faubourg die jeder Ahnung baren Köpfe wiegend den Takt angaben."

8.12.06

Y. veranstaltet seit Jahren Kleinkunstshows, in denen er Geld für berühmte gemeinnützige Vereine sammelt, die nie etwas davon sehen. Nun soll er auch Kollegen prellen, denen er Bares versprechen soll und die ihn nicht erwischen, da er nicht gemeldet sei. Warum gehen sie nicht zu seinen Shows? Ein ganz anderer Y. als ich ihn kenne.
Die Band lässt wegen der Jahresendfeier hart verhandeln und ahnt nicht, dass ich für diese gesamte Party allein hafte, aber nachher auch nicht mehr als jeder Leser ausgezahlt bekomme.
Immer noch leicht erkältet, und ich muss den Impro-Tanz-Kurs ausfallen lassen.
Den ganzen Tag über mit der Organisation der Silvesterparty beschäftigt. Dass auch ja alle Beteiligten zufrieden sind.
Am Abend versuche ich, mich mit einem Film zu belohnen. Glaube, "Der Untergang" könne nicht so schlimm sein, wie alle sagen. Welch ein Irrtum! Bloß die Kritiker haben immer an der Hauptsache vorbeigekrittelt. Natürlich kann man einen Film über die letzten Tage im Bunker machen. Natürlich kann Bruno Ganz Hitler spielen. Aber der Film stimmt in seiner Umsetzung nicht. Er ist völlig unentschieden. Es stimmt das Timing nicht, es gibt keine Perspektive, keinen wirklichen Ansatz. Und schließlich hat Hitler, wie man weiß, im Privaten, nicht so gedröhnt, sondern weiches Wienerisch gesprochen. Mit Hitler-Bildern im Kopf schlafengehen. Es gäbe Schöneres.

Varianten der After-Show-Depression bei Jochen:

  • Wenn es gut gewesen war, hatte man Angst, es nie wieder so hinzukriegen

  • wenn nur 20 Zuschauer gekommen, und die Texte verpufft waren, fühlte man sich machtlos

  • man wußte nicht, ob einem wieder zwei Texte für die nächste Woche einfallen würden

  • Heute bin ich traurig, wenn die Show vorbei ist, und die Zuschauer gehen

Das Glück des Sprechbehinderten, dass es Mikrofone gibt: "Für mich mit meiner behinderten Stimme ist es eine große Erleichterung, durch ein Mikrophon sprechen zu können, ich würde mir das auch im Alltag wünschen, wo ich immer wieder überhört werde." Irgendjemand, dem Jochen mehr glaubt als mir, müsste ihm noch mal sagen, dass er eine kräftige Stimme hat, die er nur nicht einzusetzen versteht. Wie ein muskulöser Zwei-Meter-Kerl, der stöhnt, wenn er einen Blumentopf umstellen soll.

Die Soiree sei ein Erfolg gewesen. Ich dachte, wir wären auf einer Matinee.

Freitag, 5. Dezember 2008

2.-5.12.06

Sa, 2.12.06

Schöne Probe zu viert mit Robert Munzinger. Das Gefühl des "Alles-ist-möglich" wird wieder geweckt.
Seit langem mal wieder auf eine Rezension gehört und lese jetzt "Rehe am Meer" von Ralf Rothmann. Beeindruckend. Obwohl aus dem Ruhrgebiet, wagt er sich an Ostberliner Themen und trifft es ziemlich genau. Außerdem Sinn für überraschende Bilder und die Poesie der Lücke.
Kantinenlesen. Einer der wenigen unangenehmen Abende seit langem. Schon im ersten Teil kann sich ... nicht zurückhalten und beleidigt nun nicht mehr nur die Kollegen, sondern auch das Publikum. Ich versuche, das Ganze runterzuspielen, funktioniert aber auch nicht. Er steigt, wie er später schreibt, aus.
In der Kneipe mit X. Ich will gar nicht über unsere sich nun seit 2 Wochen hinziehende Auseinandersetzung sprechen. Aber er fängt von selber mit einem langen verärgerten Monolog an, den das ganze Kneipenpublikum mitgenießen darf.

kein Eintrag bei Jochen

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So. 3.12.06

Beginne den Tag, wie der gestrige endete: Mit Kopfschmerzen.
Stelle Chaussee-CDs mit den Aufnahmen der letzten Monate zusammen.
Auch das Moskitonetz, das ich 1997 in New York im "Little peaceful military store" gekauft hatte und das mir wenig später in Ghana so geholfen hat, habe ich nun bei Ebay verkauft. Hätte ich dieses Teil mein Leben lang als Erinnerung an die drei Monate mit mir herumschleppen sollen - von Keller zu Keller? Auch die Spikes, mit denen ich 1987 meinen persönlichen Rekord von 12,1 Sekunden gelaufen bin.
Abends im Sofa-Varieté. Äußerst wohlwollendes Publikum, das sogar noch den abgestandendsten Gags Respekt zollt. Dennoch wissen die Zuschauer schon zu differenzieren. Allerdings wird das Varieté immer mehr zu einem Treffen der Berliner Akrobatik-Schüler, eingesprengselt die üblich verdächtigen Friedrichshainer Open Stage Hopper B. und L.

(Wir befinden uns wieder in zeitlicher Übereinstimung zwischen Blog und Buch)
Jochen veröffentlicht netterweise die Kontaktanzeige eines eine Russin suchenden Franzosen, die er an der Pinnwand des Sprachenzentrums gefunden hatte. Aber was macht Jochen sonntags im Sprachenzentrum? Oder sollte er die Anzeige etwa geklaut haben? Oder fotografiert?
"So einfach kann es sein, zwei Menschen glücklich zu machen!", schreibt er. Dabei müssten ja, zumindest im Schmidtschen Universum, die Probleme jetzt erst richtig losgehen.

Swann ist tot.
Marcel ist eifersüchtig.
Bergotte gibt mehr Geld "für kleine Mädchen" aus als Multimillionäre es täten, um sich von den Freuden und Enttäuschungen, die sie bescheren, inspirieren zu lassen. Eine Kalkulation, die so Jochen, aufgehen sollte.

*

Mo, 4.12.06

Halsschmerzen sind schlimmer geworden, und im Laufe des Tages entwickelt sich eine ordentliche Erkältung. Tonsiotren hilft nichts.
Jochens spannende Idee, die Chaussee realitymäßig zu dokumentieren, ist die beste Idee seit langem, kommt aber zum falschen Zeitpunkt.
Am Abend sitze ich im indischen Restaurant, um mir Spielregeln für die 1001-Nacht-Lektüre auszudenken und stelle fest, dass ich, wenn ich mich an das Tempo „Eine Nacht pro Tag“ halte, 41 Jahre alt sein werde, wenn ich damit fertig bin. Ist es das wert? [Nachtrag 2008: Dass ich das schaffen würde, wäre heute eine äußerst optimistische Annahme.]
Ich muss einen Weg finden, mit den Anlässen umzugehen, die meine Tagesstruktur zerreißen - Reisen, Feiern und sogar der Donnerstag.

Nachdem er sich zehn Folgen von Curb Your Enthusiasm auf einen Rutsch angeschaut hat, offenbart Jochen, dass es genau das sei, wovon er immer geträumt habe: "sein Leben in eine Sitcom [verwandeln] und wird reich mit seinen Ticks und seiner sozialen Ungeschicklichkeit reich werden. Er will die Idee für die Chaussee umsetzen (s.o.).

M.P./J.S.: "Aber andererseits hatte ich auch wie am Nachmittag das Gefühl, daß ich eine Frau bei mir zu Hause vorfinden und bei der Heimkehr nicht die beschwichtigende Kräftigung durch Einsamkeit würde erfahren können." Ein echter Proust-Satz, aber würde ich ihn vorlesen, würden die Zuschauer lachen."
Eine Fußnote Prousts breitet sich über vier Seiten aus und deutet an, was normalerweise ausgespart würde. Mit anderen Worten, das Buch wäre normalerweise fünfmal so dick, könnte man meinen. Aber wer weiß, wessen Stil Proust hier zitiert. Auch Flann O'Brien gibt sich in "Der dritte Polizist" immer ausufernderen Fußnoten hin, bis es völlig absurde Ausmaße annimmt und die in den Fußnoten aus Anmerkungen langsam entwickelte Story droht fast, die Haupthandlung aufzufressen.

Di, 5.12.06

Stampit, der Selbstfrankierservice der Post, der einem von Ebay nahegelegt wird, ist furchtbar. Elendes Hin- und Hergewurschtel mit der Ausdrucksrichtung. Verliere 8 Euro. Das kann man ja auch reklamieren. Aber dieser ganze Aufwand ist doch höher, als wenn man beim nächsten Mal wieder Briefmarken kauft.
Exemplarisch für Wie man es lieber nicht mit uns versuchen sollte, eine Anfrage an die Chaussee von einem Herrn aus Potsdam, der uns mit seinem Kompagnon "in Berlin mal was um die Ohren hauen möchte". Ihr Programm bestehe "aus eigenen Texten und "trashigen" Ergänzungen, also Weihnachtsrezepte und Schrott in der Art." Ich biete trotzdem das Offene Mikro an.

Übungen im Positivdenken, als der Fuß umknickt. Was hätte alles schlimmer kommen können. Die Aufzählung des Grauens endet mit dem superlativen Horror: "Ich könnte im Ruhrgebiet geboren sein, hinter einer Autobahnschallschutzmauer, als fünfter Sohn des Betreibers einer Bowling-Bahn."

Marcels Eifersucht nimmt nun wirklich die Züge einer Krankheit an. Er verbietet Albertine zu einem Treffen mit den Verdurins, reist selbst dort an, und stellt fest, dass auch die "fatalen Mädchen" anwesend sind.
Er zweifelt an Albertines Tugend, was ihn in den Eifersuchtswahn treibt. Aber wäre sie tugendsam, wäre sie für ihn langweilig.
So wie auch mich das Thema langsam ermüdet.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

29.11.06

Mi, 29.11.06

Aber wie soll ich den Brief mit der Bitte zur konstruktiven Zusammenarbeit abschicken, wenn ich von Jochen erfahre, das X sich gerade von seiner Freundin getrennt hat und darunter leidet?
Noch eine kommunikative Schwierigkeit: Am Abend, bitte ich Y. vor der Aufführung so nebenbei wie möglich, mich nicht mehr auf der Bühne zu pieken oder zu schlagen. Ich weiß, dass das ein blöder Moment ist. Aber es wäre wohl immer ein blöder Moment. Er nimmt es sehr persönlich, zieht sich zurück und beginnt zu grübeln, denn es bedeute ja wohl etwas, wenn er mich schlüge. Mein Einwand, dass ich das gar nicht persönlich nehme, sondern lediglich das Pieken und Gehaue satthabe, dringt nicht mehr durch. Nach der Show geht er rasch. Diskussion mit F. und K. in der Bar über die Anerkennung der Eltern, die man immer sucht, die man aber so richtig auch nicht ernstnehmen kann.

Proust behaupte, "dass die Liebe, die man empfindet, gar nichts mit demjenigen zu tun hat, der sie auslöst. Ich weiß nicht, ob das stimmt, vielleicht ist Liebe in dem Fall das falsche Wort. Ich wüsste nur gerne, wie man das Drama beim nächsten Mal vermeidet."
Das richtige Wort ist Eifersucht oder Eifersuchtswahn. Sie sucht sich ihr Ziel von selbst.
J.S.: "Man sollte bei Frauen, in die man sich verlieben möchte, immer darauf achten, dass sie keinen gut googlebaren Namen haben." Das genaue Gegenteil dessen, was Jochen im Blog geschrieben hatte:
"Man sollte bei Frauen, in die man sich verlieben möchte, immer darauf achten, dass sie einen gut googlebaren Namen haben."
Der Gag funktioniert trotzdem.

M.P.: "Als Albertine sich entfernt hatte, spürte ich, wie ermüdend für mich ihre unaufhörliche Gegenwart, ihr unersättliches Verlangen nach Bewegung und Leben war, das meinen Schlaf in Frage stellte, mich wegen der ständig geöffneten Türen in dauernder Erkältungsgefahr leben ließ..."
Ich denke hingegen, dass mangelnde Bewegung zu Eifersucht beiträgt. Wüsste Marcel, dass der beste Weg, der Eifersucht zu entkommen, darin besteht, Gemeinsames zu tun, litte er weniger unter Müdigkeit, unter Langeweile und unter Misstrauen. Siehe auch folgendes Zitat:
"Ich glaube dennoch, daß jene Erklärungen des Chauffeurs, die mir Albertine, in dem sie sie unschuldiger darstellten, gleichzeitig langweiliger erscheinen ließen..." Mit anderen Worten, Proust sucht die Eifersucht. Er ist im wahrsten Sinne süchtig nach Eifersucht.
Jochen jedoch hofft mit Marcel auf die "anästhesierende Wirkung der Gewohnheit." Betäubung statt Handeln.
Und nun glaubt Marcel auch noch, ein Zusammentreffen mit Léa aus Balbec und deren zwei lesbischen Freundinnen verhindern zu müssen. Da Proust schwul war und Albertine Albert, was sind dann Lea und ihre Freundinnen? Für den Hetero-Mann ist ja ein lesbischer Seitensprung der Frau nur halb so schlimm.

Do, 30.11.06

Nach nur 5 Stunden Schlaf wecken mich die Straßenarbeiter. Ich presse mir die Decke auf die Ohren und schaffe es tatsächlich noch mal einzuschlafen.
Diskussion: Ist es ein Nörgler oder eine Nörglerin, der/die über uns im Neon schreibt? Tyler Durden nur eine Figur aus Fight Club, zwar ein Mann, aber auch das kann Tarnung sein. Diese Art von Verschwörungstheorie ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was sonst in den Lesebühnen rumgeistert. Da ist immer nur von "der Presse" die Rede, so als ob sich die Journalisten wöchentlich versammeln würden und gemeinsam beschließen, wen sie diesmal über den grünen Klee loben oder in den Schmutz treten werden. Dabei schreiben viele selber für taz, junge welt, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Welt, FAZ, und sie müssten wissen, wie frei man da ist, jemanden zu verdammen oder zu loben.
Und außerdem ist es ein lobender Artikel, der nur erwähnt, dass man fürs Rumknistern zurechtgewiesen würde.
Entedecke "rockit", von Herbie Hancock auf youtube und schicke es Jochen, der es wohl auch liebte. Ich war damals immer völlig aus dem Häuschen, wenn es bei Formel 1, immer darauf erpicht, möglichst kein Detail zu verpassen. Schließlich gab es im Fernseher keine Pausetaste.

 

Dann entdeckte ich, dass es in der Jazz-Abteilung der Stadtbibliothek Lichtenberg eine Amiga-Platte von Herbie-Hancock gab. Wie konnte das sein? Wie kann Amiga eine Platte von diesem Typen herausgeben?, fragte ich mich Und wie kann es sein, dass der früher Jazz gemacht hat? Heute gehören Cantaloupe Island und Speak Like A Child zu meinen Lieblingsplatten des Jazz.
Die DERBY CYCLE WERKE GmbH zeigt sich kulant. Mir wurde vor 2 Wochen meine Luftpumpe vom Rad gestohlen, jetzt schenken sie mir eine optisch passende.
Einer weiß Geschichten aus den 80ern zu erzählen, so von Hüsch, der wegen seines guten Humors und seines mangelnden Kämpfertums vom Publikum gedisst worden sei. Von heute aus sei das eine "verkehrte Welt".

Vor Jochens Haus wird ein Film gedreht. "Sie kommen zu mir, um hier zu filmen, also kann mein Leben ja nicht ganz umsonst sein." Die Paranoia-Comedy-Technik, die ja ganz gut hier zum Thema passt. Alles, was in der Welt geschieht, geschieht wegen mir, der Komiker nimmt die Perspektive des Mittelpunkts der Welt ein (John Vorhaus, Joseph Heller).
Latein-Zitat: "Feras, non culpes, quod mutari non potest".
OK, Ich versuche es noch einmal, ohne nachzugoogeln mit Analogie und Raten
Feras - ??
non - nicht
culpes - beschuldigst
quod - welcher
mutari - verändertest
non - nicht
potest - ermächtigtest (??)
Jetzt heißt der Satz: "Feras, beschuldige nicht, wen du nicht verändern konntest."
Und jetzt mit Googeln: "Ertrage, was sich nicht ändern lässt, und schimpfe nicht darüber."

Erst die Eifersucht lässt Marcels Gefühle wieder aufglimmen (wie wir schon wissen), und das Gefühl der Eifersucht ist schon fast Beweis für den Betrug.
Als Marcel es gelingt, Albertine aus der Matineé zu locken, verliert er folgerichtig auch sofort wieder das Interesse an ihr.

Fr, 1.12.06

Freitägliches Ritual: Meine Finanzen überprüfen - Konto, Bargeld, Forderungen, Verbindlichkeiten. Weitere Statistiken, wie Besucherzahlen, Verkäufe. Immer mit hübschen Grafiken garniert. Ich weiß, wie sinnlos das alles ist, aber mit einem Job als Statistiker hätte man mich in der DDR auch noch in den langweiligsten Betrieb stecken können. Steffi hingegen fährt zum Kuchenbacken in ihre WG. Und das ist etwas, womit man mich jagen kann. Glücklicherweise gibt es dann doch immer Kuchenbäckerinnen und Statistiker.
Impro-Auftritt für die Weihnachtsfeier bei einer Bausparkasse. Sie sind begeistert und wollen "Sex" und "Saufen". Man nimmt alle seine Aikido-Fähigkeiten zusammen, um die karnevalistische Stimmung der lautesten Männer zu drehen, so dass am Ende alle etwas davon haben. Pacing und Leading – es führt kein Weg dran vorbei. Das Schmerzensgeld angemessen. Und der Schmerz hält sich in Grenzen, da ja am Ende die meisten Szenen wirklich OK sind.
X scheint von der Trennung völlig mitgenommen zu sein. Wie kann ich ihm da zürnen? Schreibe Trostmail.
Man bucht einen Coach, dann kann nur die Hälfte. So sind die Prioritäten.
Für Lesebühnen-Autoren ein freier Abend: Soll man zu Borat oder zu Bond, wird diskutiert.
Ich bastle am Silvesterplakat

Jochen trifft sie. "Ich bin danach die drittschnellste Zehn-Kilometer-Zeit meines Lebens gelaufen. Das brachte mich nach dem Zieleinlauf für ungefähr dreißig Sekunden auf andere Gedanken."

Selbständig lebensfähige Sentenz Jochen Schmidt: "Das Problem des modernen Menschen, die Vielfalt der Optionen. Und jede für sich ist unwiderstehlich!"
M.P.: "Wie man es am Vorabend seines vorzeitigen Todes macht, stellte ich bei mir die Liste der Vergnügungen auf, die mir dadurch vorenthalten wurden, daß Albertine einen Schlußpunkt hinter meine Freiheit setzte."

Dienstag, 2. Dezember 2008

27.-28.11.06

Website-Analye November
Wochentag, an dem am häufigsten auf meine Seite zugegriffen wird: Sonntag
Stunden, in denen am häufigsten auf meine Seite zugegriffen wird: Zwischen 16-17 Uhr und zwischen 3-4 Uhr (!)
Nichtdeutschsprachiges Ausland mit den meisten Zugriffen: Griechenland
Suchbegriffe (ohne Artikel und Präpositionen): Richter, Dan, Berlin, Geschichten, Improtheater, Schmidt, Daniel(!), Mozart, Improvisation, Berliner
Am häufigsten aufgesuchte Seiten:
http://www.danrichter.de/
http://www.danrichter.de/cgi-bin/guestbook.php.cgi
http://www.danrichter.de/leckerbissen/labels/Schmidt-Proust.html
http://www.danrichter.de/leckerbissen.htm
http://www.danrichter.de/improblog/gedanken.html
http://www.danrichter.de/geschichten/straff.htm
http://www.danrichter.de/impro.htm
http://www.danrichter.de/geschichten.htm
http://www.danrichter.de/bilder.htm
http://www.danrichter.de/auftritte.htm
http://www.danrichter.de/unaktuell/listen/filme.htm

So, 26.11.06

Spielerei auf einer Website zum Verändern des eigenen Gesichts.

Ich als Afrikaner und Ost-Asiate

Ich als Teenager und Greis
 

Kein Eintrag zu Proust bei Jochen

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Mo, 27.11.06

Mini-Show zu zweit vor Schülern der Leibniz-Schule, um Schüler in den Kurs von Steffi zu lotsen. Es funktioniert, wie es eben in einer Schule funktionieren kann. Man geht an die stimmliche und autoritäre Grenze. "Pssst" funktioniert bei Jugendlichen nicht.
Muss bei "Leibniz" immer umdenken, weil ich ihn mit Lessing in die Literatur-Ecke stelle (so wie einige andauernd Händel und Haydn verwechseln). Dann erinnere ich mich wieder Philosophie und Mathematik.
Schlage nach: Er hat parallel mit Newton die Infinitesimalrechnung erfunden. V.a. stammen die Zeichen des Integrals und die Schreibweise des Differentials von ihm. Kreiszahlberechnung: 1 - 1/3 + 1/5 - 1/7... = Pi/4 (Ich dachte nicht, dass sich Pi überhaupt durch eine derartige Gleichung darstellen ließe.) Leibniz entwickelte das Dualsystem. Eine Rechenmaschine, die multiplizieren, dividieren und Wurzel ziehen kann. Theodizee.
Arbeite wieder ein paar Stunden an der Website.
Am Nachmittag in die Sauna. Wieder die Plaudertaschen, die die diversen Sportsereignisse auswerten, vor allem Axel Schulz, aber auch Tischtennis, Handball, Fußball. Diesmal stört es mich weniger, aber ich muss einen geeigneteren Tag oder eine andere Zeit finden. Ich dachte immer, es sei ungeschriebenes Gesetz in der Sauna, leise zu sein, vor allem wenn Fremde anwesend sind. Aber weshalb sollten sich die Grobiane nach mir richten? Sie sind schließlich in der Mehrheit!
Probe zu viert. Die Grundlagen des Probens in einer demokratischen Gruppe müssen noch mal besprochen werden.

J.S.: "Gestern war ich aber aus seelischen Gründen nach einem halben Jahr wieder einmal in der Sauna und habe dort Proust gelesen, was eine ideale Sauna-Lektüre ist, die es einem erspart, ständig in der Auto-Bild blättern zu müssen, um sich von den "Stellen" abzulenken, wie bei Houellebecqs "Plattform". Das künstliche Vogelgezwitscher im Saunaraum, die nun schon im dritten Jahr laufende "O, Champs-Elysées..."-CD im Ruhebereich."
Amüsant, die Sauna-Koinzidenz. Aber CDs im Ruhebereich sind ja wohl das Schlimmste. Das hat nicht mal die Sauna in der Libauer drauf.

Aufgeschobene Arbeit bei Marcel. Das kann nur die Recherche sein. Aber selbst nach dem überstandenen Duell gönnt man sich eine Pause.
M.P./J.S.: "Daher hat man auch in der Liebe nicht wie im gewöhnlichen Leben nur die Zukunft zu fürchten, sondern sogar die Vergangenheit, die oft erst nach der Zukunft Gestalt annimmt, und wir denken dabei nicht nur an eine Vergangenheit, von der wir erst nachträglich etwas erfahren, sondern an diejenige, die wir schon lange in uns getragen haben, in der wir aber mit einem Male erst zu lesen lernen." Ja, die gemeinsame Vergangenheit plötzlich zu verstehen, ist eine quälende Angelegenheit. Erst recht, wenn man die Tendenz hat, alles immer gegen sich auszulegen. Dann braucht man nicht einmal nur zu beobachten, daß sie jemand anderem Blicke zuwirft, es reicht schon, zu beobachten, daß sie es nicht tut. Denn daraus schließt man, wie angestrengt sie sich zu verbergen bemüht, was in ihr vorgeht."
Das nun geht schon bald über Eifersucht hinaus, in den Eifersuchtswahn, eine Form der Paranoia, bei der jede Äußerung, jedes Abstreiten, letztlich alles als Beleg für die vermeintliche Untreue genommen wird, und die psychodynamisch gedeutet werden kann als projizierter Wunsch, selber untreu zu sein.

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Mo, 27.11.06 (der zweite Eintrag!)

Jochen in der Apotheke: "Wie schlimm es denn sei, fragte sie und vermied das böse Wort Depression. "Das ist es gar nicht", sagte ich lächelnd, wie ein Alkoholiker, der noch nicht zu seiner Krankheit steht. Aber wofür dann das Johanniskraut? "Ja, ich weiß auch nicht, eigentlich kam der Tip von meiner Mutter." "Die kleinere Dosierung reicht eigentlich bei normalen Herbstdepressionen." "Die hab ich ja gar nicht, das soll gegen Liebeskummer sein."
Laut einer nicht mehr ganz so neuen Studie verdanken Mittel gegen Depression ihre Wirkung dem Placebo-Effekt, weshalb sie auch dringend empfohlen werden.

M.P.: "Eine Frau aber, die uns während einer gewissen Zeit gesagt hat, wir seien alles für sie, ohne daß sie dabei auch alles für uns gewesen wäre, eine Frau, die wir mit Vergnügen sehen, küssen, auf unseren Knien halten, versetzt uns in größtes Erstaunen, wenn wir auch nur an einem plötzlichen Widerstand spüren, daß wir nicht ganz und gar über sie verfügen." Wieder Haben, Haben, Haben. Es kann doch nicht sein, dass man Fromm gegen Proust ins Feld führen muss!
Jochen über die Vorteile kompetenter Telefonfräuleins, "das darüber entscheidet, was es kostet und ob man es [das Gespräch] fortsetzen darf." Allerdings will er sowohl Rabatte für banale Gespräche als auch Subventionen für Gespräche, die von allgemeinem Interesse sind. Fragt sich nur: Wer soll zahlen?

Di, 28.11.06

Arbeite immer lustloser bei amnesty international. Dass es wichtig ist, vergisst man manchmal, wenn wir uns in verwaltungsmäßigem und organisatorischem Hin und Her verlieren.

Ursache der Krise sei der Serotonin-Spiegel. Ob man eine Tablette gegen diese Zustände nehmen würde. "Vielleicht gleich auch gegen alle anderen unangenehmen Gefühle, wie Neid, Angst, Ungeduld, Gier? Als Mensch, der vollständig davon befreit wäre, müßte man auf die anderen wie ein Roboter  wirken."
Oder gerade nicht! Wenn wir uns diejenigen anschauen, die diese Zustände am wenigsten im Griff haben - bockige Vierjährige und durchdrehende Pubertierende - so weiß man schon, dass sie ein Problem damit haben, ihre Impulse zu kontrollieren. Es ginge ja nicht darum, die Impulse zu verdrängen oder zu verleugnen, sondern nicht zum Opfer dieser Impulse zu werden. Welche Gefühlszustände kann ich erreichen, wenn ich beispielsweise meinen Gier-Impuls beobachte und mit ihm spiele, ihn umwandle, statt ihm wie ein Kleinkind blind nachzugeben? Es müssen ja auch nicht Tabletten sein - da gibt es ganz andere Möglichkeiten. Aber als Europäer fühlt man sich vom Mediziner erst ernstgenommen, wenn man was zum Schlucken bekommt. Zugegeben - die Eifersucht ist eine schwere Krankheit, aber gerade sie ist nur zu überwinden, wenn wir ihr nicht nachgeben, wenn wir die klaren Momente der Einsicht nutzen, um uns zu verdeutlichen: Sie ist das Gegenteil von Liebe.