Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 3. Dezember 2008

29.11.06

Mi, 29.11.06

Aber wie soll ich den Brief mit der Bitte zur konstruktiven Zusammenarbeit abschicken, wenn ich von Jochen erfahre, das X sich gerade von seiner Freundin getrennt hat und darunter leidet?
Noch eine kommunikative Schwierigkeit: Am Abend, bitte ich Y. vor der Aufführung so nebenbei wie möglich, mich nicht mehr auf der Bühne zu pieken oder zu schlagen. Ich weiß, dass das ein blöder Moment ist. Aber es wäre wohl immer ein blöder Moment. Er nimmt es sehr persönlich, zieht sich zurück und beginnt zu grübeln, denn es bedeute ja wohl etwas, wenn er mich schlüge. Mein Einwand, dass ich das gar nicht persönlich nehme, sondern lediglich das Pieken und Gehaue satthabe, dringt nicht mehr durch. Nach der Show geht er rasch. Diskussion mit F. und K. in der Bar über die Anerkennung der Eltern, die man immer sucht, die man aber so richtig auch nicht ernstnehmen kann.

Proust behaupte, "dass die Liebe, die man empfindet, gar nichts mit demjenigen zu tun hat, der sie auslöst. Ich weiß nicht, ob das stimmt, vielleicht ist Liebe in dem Fall das falsche Wort. Ich wüsste nur gerne, wie man das Drama beim nächsten Mal vermeidet."
Das richtige Wort ist Eifersucht oder Eifersuchtswahn. Sie sucht sich ihr Ziel von selbst.
J.S.: "Man sollte bei Frauen, in die man sich verlieben möchte, immer darauf achten, dass sie keinen gut googlebaren Namen haben." Das genaue Gegenteil dessen, was Jochen im Blog geschrieben hatte:
"Man sollte bei Frauen, in die man sich verlieben möchte, immer darauf achten, dass sie einen gut googlebaren Namen haben."
Der Gag funktioniert trotzdem.

M.P.: "Als Albertine sich entfernt hatte, spürte ich, wie ermüdend für mich ihre unaufhörliche Gegenwart, ihr unersättliches Verlangen nach Bewegung und Leben war, das meinen Schlaf in Frage stellte, mich wegen der ständig geöffneten Türen in dauernder Erkältungsgefahr leben ließ..."
Ich denke hingegen, dass mangelnde Bewegung zu Eifersucht beiträgt. Wüsste Marcel, dass der beste Weg, der Eifersucht zu entkommen, darin besteht, Gemeinsames zu tun, litte er weniger unter Müdigkeit, unter Langeweile und unter Misstrauen. Siehe auch folgendes Zitat:
"Ich glaube dennoch, daß jene Erklärungen des Chauffeurs, die mir Albertine, in dem sie sie unschuldiger darstellten, gleichzeitig langweiliger erscheinen ließen..." Mit anderen Worten, Proust sucht die Eifersucht. Er ist im wahrsten Sinne süchtig nach Eifersucht.
Jochen jedoch hofft mit Marcel auf die "anästhesierende Wirkung der Gewohnheit." Betäubung statt Handeln.
Und nun glaubt Marcel auch noch, ein Zusammentreffen mit Léa aus Balbec und deren zwei lesbischen Freundinnen verhindern zu müssen. Da Proust schwul war und Albertine Albert, was sind dann Lea und ihre Freundinnen? Für den Hetero-Mann ist ja ein lesbischer Seitensprung der Frau nur halb so schlimm.

Do, 30.11.06

Nach nur 5 Stunden Schlaf wecken mich die Straßenarbeiter. Ich presse mir die Decke auf die Ohren und schaffe es tatsächlich noch mal einzuschlafen.
Diskussion: Ist es ein Nörgler oder eine Nörglerin, der/die über uns im Neon schreibt? Tyler Durden nur eine Figur aus Fight Club, zwar ein Mann, aber auch das kann Tarnung sein. Diese Art von Verschwörungstheorie ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was sonst in den Lesebühnen rumgeistert. Da ist immer nur von "der Presse" die Rede, so als ob sich die Journalisten wöchentlich versammeln würden und gemeinsam beschließen, wen sie diesmal über den grünen Klee loben oder in den Schmutz treten werden. Dabei schreiben viele selber für taz, junge welt, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Welt, FAZ, und sie müssten wissen, wie frei man da ist, jemanden zu verdammen oder zu loben.
Und außerdem ist es ein lobender Artikel, der nur erwähnt, dass man fürs Rumknistern zurechtgewiesen würde.
Entedecke "rockit", von Herbie Hancock auf youtube und schicke es Jochen, der es wohl auch liebte. Ich war damals immer völlig aus dem Häuschen, wenn es bei Formel 1, immer darauf erpicht, möglichst kein Detail zu verpassen. Schließlich gab es im Fernseher keine Pausetaste.

 

Dann entdeckte ich, dass es in der Jazz-Abteilung der Stadtbibliothek Lichtenberg eine Amiga-Platte von Herbie-Hancock gab. Wie konnte das sein? Wie kann Amiga eine Platte von diesem Typen herausgeben?, fragte ich mich Und wie kann es sein, dass der früher Jazz gemacht hat? Heute gehören Cantaloupe Island und Speak Like A Child zu meinen Lieblingsplatten des Jazz.
Die DERBY CYCLE WERKE GmbH zeigt sich kulant. Mir wurde vor 2 Wochen meine Luftpumpe vom Rad gestohlen, jetzt schenken sie mir eine optisch passende.
Einer weiß Geschichten aus den 80ern zu erzählen, so von Hüsch, der wegen seines guten Humors und seines mangelnden Kämpfertums vom Publikum gedisst worden sei. Von heute aus sei das eine "verkehrte Welt".

Vor Jochens Haus wird ein Film gedreht. "Sie kommen zu mir, um hier zu filmen, also kann mein Leben ja nicht ganz umsonst sein." Die Paranoia-Comedy-Technik, die ja ganz gut hier zum Thema passt. Alles, was in der Welt geschieht, geschieht wegen mir, der Komiker nimmt die Perspektive des Mittelpunkts der Welt ein (John Vorhaus, Joseph Heller).
Latein-Zitat: "Feras, non culpes, quod mutari non potest".
OK, Ich versuche es noch einmal, ohne nachzugoogeln mit Analogie und Raten
Feras - ??
non - nicht
culpes - beschuldigst
quod - welcher
mutari - verändertest
non - nicht
potest - ermächtigtest (??)
Jetzt heißt der Satz: "Feras, beschuldige nicht, wen du nicht verändern konntest."
Und jetzt mit Googeln: "Ertrage, was sich nicht ändern lässt, und schimpfe nicht darüber."

Erst die Eifersucht lässt Marcels Gefühle wieder aufglimmen (wie wir schon wissen), und das Gefühl der Eifersucht ist schon fast Beweis für den Betrug.
Als Marcel es gelingt, Albertine aus der Matineé zu locken, verliert er folgerichtig auch sofort wieder das Interesse an ihr.

Fr, 1.12.06

Freitägliches Ritual: Meine Finanzen überprüfen - Konto, Bargeld, Forderungen, Verbindlichkeiten. Weitere Statistiken, wie Besucherzahlen, Verkäufe. Immer mit hübschen Grafiken garniert. Ich weiß, wie sinnlos das alles ist, aber mit einem Job als Statistiker hätte man mich in der DDR auch noch in den langweiligsten Betrieb stecken können. Steffi hingegen fährt zum Kuchenbacken in ihre WG. Und das ist etwas, womit man mich jagen kann. Glücklicherweise gibt es dann doch immer Kuchenbäckerinnen und Statistiker.
Impro-Auftritt für die Weihnachtsfeier bei einer Bausparkasse. Sie sind begeistert und wollen "Sex" und "Saufen". Man nimmt alle seine Aikido-Fähigkeiten zusammen, um die karnevalistische Stimmung der lautesten Männer zu drehen, so dass am Ende alle etwas davon haben. Pacing und Leading – es führt kein Weg dran vorbei. Das Schmerzensgeld angemessen. Und der Schmerz hält sich in Grenzen, da ja am Ende die meisten Szenen wirklich OK sind.
X scheint von der Trennung völlig mitgenommen zu sein. Wie kann ich ihm da zürnen? Schreibe Trostmail.
Man bucht einen Coach, dann kann nur die Hälfte. So sind die Prioritäten.
Für Lesebühnen-Autoren ein freier Abend: Soll man zu Borat oder zu Bond, wird diskutiert.
Ich bastle am Silvesterplakat

Jochen trifft sie. "Ich bin danach die drittschnellste Zehn-Kilometer-Zeit meines Lebens gelaufen. Das brachte mich nach dem Zieleinlauf für ungefähr dreißig Sekunden auf andere Gedanken."

Selbständig lebensfähige Sentenz Jochen Schmidt: "Das Problem des modernen Menschen, die Vielfalt der Optionen. Und jede für sich ist unwiderstehlich!"
M.P.: "Wie man es am Vorabend seines vorzeitigen Todes macht, stellte ich bei mir die Liste der Vergnügungen auf, die mir dadurch vorenthalten wurden, daß Albertine einen Schlußpunkt hinter meine Freiheit setzte."

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