Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 5. Januar 2009

31.12.06-1.1.07

Nun ist es ja nicht so, dass ich keine Eifersucht kennte. Die Kommentare zu diesem Thema mögen hier stellenweise ein wenig unberührt geklungen haben. Meine Eifersüchte haben sich jedes Mal in anderer Form gezeigt. Schlimm war es natürlich, verlassen zu werden. Die Beziehung stirbt - mir wurde oft erst dann klar, was ich da eigentlich verloren habe, wie wenig ich das alles geschätzt habe: Die legendäre Veronkelung verheirateter Männer - man lässt sich selber gehen und sieht auch im anderen nur noch, was einen nervt. Am schlimmsten aber, weil völlig irrational und überhaupt nicht handhabbar, war die Trennung von L., zum einen weil ich mich von ihr trennen musste, da ich ihre Seitensprünge nicht mehr ertragen konnte, vor allem aber war der Schmerz durch und durch körperlich. Die Liebe ging durch die Nase. Angeblich ist der Geruchssinn der erste Sinn überhaupt. Schon die Spermien finden die Eizelle, weil sie sie riechen. Sie benutzte nicht einmal Deo. Wie Grenouille so suchte ich sie nachts auf, weil mein Geruchssinn mich gleich dem erwähnten Spermium zu ihr zog, und nach der Trennung suchte ich in meiner Wohnung nach übriggebliebenen Kleidungsstücken. Als würde sie ein spezifisches Pheromon aussenden, von welchem ein einziges Molekül genügte, um an meiner Nasenschleimhaut anzudocken, von wo irgendwelche Botenstoffe dafür sorgten, dass mein Kleinhirn Rabatz machte. Und genau diese Unfähigkeit zu denken, treibt einen dazu, das Kontraproduktive zu tun: Man klammert, statt zu verführen. Meine olfaktorische Reaktionen, könnte man sagen, haben sie erst zum Seitenspringen gezwungen.

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So, 31.12.06

Der Versuch, die Odessitischen Kontakte für zu nutzen, trullert ins Leere.

Vor der Silvesterfeier im RAW noch einmal kurz in die Wohnung, um melancholisch Abschied zu nehmen.
Ich hätte es wissen müssen: Als ich ankomme, sollte die Band schon mit Soundcheck fertig sein, und der Trommler ningelt immer noch über ein Klackern, das er über seine Monitorbox höre. Ich beschließe in diesem Moment, mich nicht mehr auf Bands einzulassen. Ich habe noch nie eine Band erlebt, die in der von ihr selbst festgelegten Zeit den Soundcheck geschafft hätte. Je professioneller sie tun, um so unprofessioneller sind sie.
Zuschauer bei der Lesung überschaubar, bei der Impro-Show auch. Ich frage mich, wann ich die Schulden, die ich mir hier gerade einfange, abarbeiten soll. Plötzlich, kurz vor Mitternacht rennt uns das Publikum die Bude ein. Ich stelle mich selbst an die Kasse. Um 2 Uhr ist meine Stimme weg. Irgendwann nach Mitternacht kommt Jochen auch noch an, er ist wütend, da sie ihm nicht einmal eine SMS geschickt habe. Das hätte mich nach seinen letzten Berichten aber auch eher gewundert. Volker hingegen gut gelaunt, man weiß nicht warum, und dann legt er auch noch auf.
Ich arbeite bis 6 Uhr, falle ins Bett und brauche mir die Frage, ob es das wert ist, eigentlich nicht zu stellen.

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Nicht Albertine sei Marcels Gefangene, sondern Jochen selber, der sich ja selbst zu Silvester und in der Zeit furchtbarster Seelenpein verpflichtet fühlt, seinen Auftrag zu erfüllen. Knaller explodieren, Schmidt liest Proust. Als läge man im Schützengraben, die Granaten schlagen ein, in der Feldpost ist ein Brief der Frau, sie würde ihn verlassen, und der Gefreite Schmidt tröstet sich nicht mit der Zigarette, sondern mit Literatur.
Spekulationen über weitere Lektüreprojekte: Don Quichotte, Das Kapital, Descartes, Beckett, Rabelais, Italienische Reise, Roth, Handke.

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M.P.: ""Andererseits ist es kein Zufall, daß intellektuelle und sensible Menschen sich immer fühllosen und geistig unterlegenen Frauen unterwerfen und trotz allem auch sehr an ihnen hängen, und daß der Beweis dafür, daß sie nicht geliebt werden, sie keineswegs davon abhält, alles dafür herzugeben, um eine solche Frau bei sich zu behalten."
Oder, wie der Volksmund sagt: "Dumm fickt gut."

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Mo, 1.1.07

Beschließe, meinen PC zu verschenken. Tube bekommt den Zuschlag.
Unklarheit, wie lange wir noch im wöchentlichen Rhythmus im Zebrano spielen.
Jahresbilanzen. Rückblicke. Vorschauen.
Beginne den 1001-Nacht-Blog [den ich ja durch den Schmidt-Proust-Blog unterbrochen habe]. Online eingeben kann ich ihn nur im Internetcafé. Haben noch keinen Anschluss.
Entwerfe Spielregeln für den Blog, z.B. Persisch-Übersetzungen für Passagen [die sich aber im Laufe der folgenden Monate als undurchführbar erweisen].
Rechne die Silvesterfeier ab. Für jeden kann man noch etwas zur versprochenen Garantiegage draufzahlen. Und warum hat mich das jetzt dem Herzinfarkt um 5 Jahre nähergebracht?

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J.S.: "Nachmittags schläft das Mädchen, das sich freut, wenn es mich sieht, nebenan auf dem Sofa, ich soll mich später auch dazulegen, hat sie gesagt. Als ich dann komme, wacht sie kurz auf und scheint nach dem Schalter der Lampe zu suchen, aber sie will mir nur ein Gummibärchen reichen, das sie vor dem Einschlafen für mich auf dem Nachttisch zurückgelegt hatte. Ich liege neben dieser kleinen Wärmflasche für die Seele, die mir vor drei Jahren geschenkt worden ist, und versuche mit aller Kraft, mich vom Trost ihrer Existenz durchströmen zu lassen und im Rhythmus mit ihren leise schnaufenden Atemzügen den Kummer dieser Wochen auszuatmen. Vielleicht kann ich ihr das irgendwann zurückgeben."
Für Sätze wie diese lese ich "Schmidt liest Proust".

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Marcel in Venedig. Mit Mutter. M.P.: "Die Zärtlichkeit, die sie mir im Übermaß bewies, war wie jene unerlaubten Speisen, die man Kranken nicht mehr vorenthält, wenn man weiß, daß sie doch nicht wieder gesund werden können."
Und wie mag das die Mutter sehen?

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