Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 20. Februar 2009

21.1.07

Nicht nur schweren Herzens, sondern auch schlechten Gewissens setze ich das Entrümpeln fort. Ungefähr 120 Kassetten, die das letzte Ausräumen überstanden haben, finden nun ihre vorletzte Ruhe im Müllcontainer hinter unserem Haus, darunter solche, für die ich damals Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt habe. Die UB40-Kassette, die mich Jakob Hein, der einen Doppelkassettenrekorder besaß, überspielen ließ. Die vielen "Aquarium"-Kassetten, die ich von lieben Moskauer Freunden geschenkt bekam und die ich nun handlich als mp3 besitze. Die Dutzenden Rolling-Stones-Raritäten-Kassetten. Und so weiter. Es bleiben übrig absolute Ausnahmen: Der wahrscheinlich zu Recht vielfach wegen seiner Fascho-Nähe in den 90ern und seinem häufigen Rumgebrülle gescholtene Jegor Letow, von dem ich sieben Stücke auf Kassette habe, die großartig sind Wsegda budu protiv, Russkoje pole eksperimentow, My ujdjom is zooparka, und natürlich das legendäre "Wsjo idjot po planu", eine sarkastische Hymne auf die Perestroika, die ja schließlich auch planmäßig abgewickelt wurde. (1991 sang ich dieses Lied auf der Krim und gewann ein Schwein. Danke, Jegor)

Lales Persisch-Lektionen. Und völlig unerwartet: Verzerrte Aufnahmen der Quatsch-Interviews, die Ralf Petry und ich 1986 in einem Haus der Harnackstraße machten: "Was halten Sie davon, dass die Friedrichstraße jetzt überdacht werden soll." Wenige Jahre später wurde das populär - Quatschinterviews führen und Teile der Friedrichstraße überdachen.

Unangenehmes von der Ebay-Front. Ein "Käufer" beantragt bei Paypal Käuferschutz, kaum dass der Kauf über die Bühne gegangen ist. Nach kurzer Recherche bei Google stellt sich heraus, dass er bereits wegen Misshandlung verurteilt wurde und mit der Super-Geschäftsidee auf den Plan getreten ist, bei Ebay Händler zu verklagen, die urheberrechtlich geschützte Fotos in der Produktbeschreibung einstellen, er bräuchte nur noch einen Anwalt. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht der Einzige bin, mit dem er diesen Trick versucht.

Aber das neue Foxy-Freestyle-Projekt kommt ins Rollen. Am Freitag eine wunderschöne Horror-Show gespielt. Die Alte Kantine hat grünes Licht gegeben. Und am 13. März starten wir freitags an diesem schönen Ort mit einer wöchentlichen Impro-Show.

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So, 21.1.09

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Jochen über die Annehmlichkeiten, die es mit sich bringt, wenn man sagt, man sei ein Autor. Im Gegensatz zu früher, als man stolz (in Wahrheit aber in Angst, sich festlegen zu müssen) behauptete, man mache nichts. "Es ging doch darum, was man 'war'." Es könnte natürlich sein, dass wir auch aus diesen Berufsbezeichnungen und Titeln versuchen, unseren Status festzunageln. "Ich bin Schriftsteller", damit erübrigen sich einige andere Fragen. an macht sich unangreifbar, wenn man vielleicht noch von der Frage absieht, ob "man" denn davon leben könne. Interessanter ist es aber allemal, was einer "macht", denn daraus zeigt sich doch viel eher, was er "ist" als durch die Selbst- und Fremdzuschreibungen. Nichtsdestotrotz funktionieren die Bezeichnungen als Türöffner, "weil man sozusagen seine Qualifikation schon nachgewiesen hat."
Selbst Helge Schneider spricht, je älter er wird, immer häufiger von seinem "Beruf", so als befürchte er, mit den Comedy-Ganoven in eine Schublade gesteckt zu werden. Bei den Lesebühnen, selbst den erfolgreichen, wird man ja auch, vor allem deswegen immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob man davon leben könne, weil wir uns unprätentiös geben. Schlimmer noch beim Improtheater, wo man bei manchen Zuschauern ein Erkennen im Gesicht aufblitzen sieht, wenn man sagt, man habe eine Gesangsausbildung ("Das hört man.") und die Enttäuschung, wenn man sagt, dass man keine Schauspielschule besucht habe ("Wie kann denn das sein, dass ich mich da so getäuscht habe.")
Zum Wohnungsstil: "Ich wüsste nicht, was mir lieber wäre, Reduktion oder Unübersichtlichkeit." Gute Frage zur richtigen Zeit, da ich gerade am Reduzieren bin. Unübersichtlichkeit wäre mir wahrscheinlich auch lieber. Am liebsten eine indisch angehauchte Kuschelstyle-Wohnung, mit lauter Polstern, kleinen Glöckchen, Tüchern an den Wänden usw. Nur leider fiele es mir äußerst schwer, so etwas überhaupt umzusetzen, außerdem kann ich schon kaum meine ohnehin sehr reduktionistisch angelegte Wohnung einigermaßen ordentlich zu halten. Die Vermüllung bei anderen ist nur schwer zu ertragen, schlimmer noch die eigene.

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Weiter auf der Matinée. Gruselige Beschreibungen des Alters, und man fragt sich, ob das am Ende Marcels Selbstporträt inzwischen ist. Aber wie immer wissen wir ja nicht, ob es Marcel ist, der uns hier etwas verschweigt, oder Jochen.

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