Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 31. März 2009

Wie wo weiter

Und nun? Zurück zu den "Tausendundein Nächten"? Zum angefangenen Aladin? Wenn es nach den anfänglichen Vorsätzen gegangen wäre, hätte ich die Lektüre schon vor über einem Jahr abgeschlossen. Aber im Gegensatz zu Jochen, der sich beharrlich auch durch die zähesten Stellen von Proust kämpfte, gebe ich immer wieder schnell auf. Klar, man weiß auch, dass man in einigen Erzählungen nur Gerede oder billige Storys erwischt, die sich dann auch noch in die Länge ziehen.
"Was man angefangen hat, soll man auch beenden." Diese großelternhafte Weisheit hockt einem natürlich im Nacken, und ich weiß, dass einige der schönsten Erzählungen erst noch kommen werden. Wozu sollte ich mich dann mit den schlechten abgequält haben?
Die Schmidt-liest-Proust-Lektüre hat natürlich viel mehr Spaß gemacht. Gerade beim Buch. Und die Parallelmontage mit den eigenen Aufzeichnungen und der Korrespondenz von vor zwei Jahren ebenfalls.
Ich hatte schon überlegt, die Tausendundein Erzählungen erst einmal völlig beiseite zu legen und mich stattdessen Luhmann oder Shakespeare zuzuwenden. Aber mit Luhmann könnte hier wohl niemand etwas anfangen, und was hätte ich schon zu Shakespeare zu sagen, was nicht jemand anders schon besser gesagt hätte?
Aber warum bräuchte man überhaupt externe Lektüre, um das Blog weiterzuführen? Haben die ersten Blogger nicht einfach nur ihre Beobachtungen beim Internetsurfen notiert. Bov tut das ja oft immer noch.
Man liest ja auch stimmungsabhängig. Nach all der Innenschau ist mir eigentlich wieder ein bisschen nach Handlung zumute. Patricia Highsmith habe ich nach zehn Seiten aus der Hand gelegt. Nun bei Konstantin Simonows "Die Lebenden und die Toten" gelandet. Ähnlich wie bei Jochen Schmidt ein Buch aus dem Regal meiner Eltern, und als Kind wunderte man sich, warum Erwachsene, die den Krieg erlebt haben, über diese schlimme Zeit auch noch lesen wollen. Die Lektüre dann schon enttäuschend, die Schwarzweißzeichnungen der Figuren grenz oft ans Lächerliche, auch in ihren Brechungen. Nach dem ersten Kapitel habe ich es schon beiseite gelegt. Und doch zieht er einen immer tiefer in den Kriegsverlauf. Man will wissen: Schafft Sinzow es denn nun nach Grodno oder ist da schon Krieg? Landet er bei der Zeitung oder an der Front? Sind sie jetzt von den Deutschen eingekesselt? Kommen sie aus dem Kessel raus? Kommt er jetzt in deutsche Kriegsgefangenschaft, womöglich gar ins KZ? Schafft er es bis nach Moskau? Halten ihn die eigenen Leute für einen Spion? Trifft er seine Frau wieder? Spielt Stalin noch eine Rolle? Bekommt er sein Parteibuch wieder? Die Erzählung wird natürlich immer grotesker. Um ihn herum sterben alle, und es ist klar, dass wir von seinem Tod erst am Ende der Trilogie lesen werden. Oder vielleicht ist die letzte Szene auf dem Soldaten-Friedhof. Und dennoch liest man immer weiter. Man will es wissen, weil man nicht dabei war.
Wieviele Seiten sollte man eigentlich einem Buch geben? Sicherlich hält man bei Empfehlungen länger durch. Dem "Namen der Rose" oder den "Satanischen Versen" gönnt man auch schon mal 50 Seiten, um dem Buch eine Chance zu geben. Aber ein Krimi sollte einen schon nach 5 Seiten hineinziehen. Stephen Kings "Shining" habe ich tatsächlich 200 Seiten weit gelesen und mich immer wieder gefragt: Wann wird es denn nun spannend. Bei "Der dunkle Turm" hat eine halbe Seite genügt, mich zu verschrecken. Aber, wie Jochen Schmidt richtig bemerkte, man muss auf spezielle Weise gestimmt sein, um sich überhaupt auf ein großes, wirklich gutes Werk einzulassen. "Hundert Jahre Einsamkeit" habe ich in der Mitte unterbrochen, und dann dauerte es ein halbes Jahr, bis ich mir die Zeit nahm, es wieder anzufangen.
Eine heikle Frage betrifft natürlich die Bücher von Kollegen: Welche liest man, welche nicht? Ich bin da sicherlich fleißiger als die meisten. Selbst die Kurzgeschichten habe ich oft noch einmal gelesen. Die CDs höre ich mir allerdings überhaupt nicht an. Ich würde nicht soweit wie Jochen gehen und behaupten, Hörbücher seien etwas für Idioten, aber das Meiste habe ich ja bereits auf der Bühne gehört. Und von hörbücherhörenden Autofahrern halte ich viel, ich bin bloß kein Autofahrer.

Sonntag, 8. März 2009

26.-27.1.07

Es mag so scheinen, als drücke ich mich vor dem letzten Kapitel, den letzten sieben Seiten. Nonsense. Meine Auf- und Ausräumwut nimmt beinahe überhand. Das CD-Regal schaut schon fast traurig leer. Inzwischen sammelt sich nach vier Wochen schon wieder Staub auf den leergeräumten Regalflächen. Trotzdem hält das Gefühl, sich zu befreien an. Ebay dient weiterhin als vorletztes Stadium für Dinge, die mir zum Wegschmeißen zu schade sind. Selbst wenn der Aufwand bei einigen Objekten immens ist, dafür dass man dann nur 1 Euro verdient. Neben Jazz- und Klassikplatten, Punk- und Pop-CDs sind derzeit im Angebot:

eine Wasserpfeife, die ich mir 1996 im Iran gekauft habe. Zwei Mal habe ich versucht, sie in Gang zu setzen. Amateurhaft. Und für einen Nichtraucher ist es letztlich doch nur Müll. Schlimm genug, dass so ein Gerät Jugendlichen das Gefühl vermittelt, rauchen tue nicht weh. Ich fühle mich wie Philip Morris persönlich, der sicherlich auch unter Gewissensbissen litt. Dabei rede ich mir ein, dass die Pfeife sicherlich von einem Schmerzpatienten ersteigert wird, der darauf Haschisch zur Linderung seiner Qualen inhalieren wird.
Schlittschuhe, die mir zu klein sind und die ich zwar gern aber letztlich doch falsch benutzte. Ob ich es in diesem Leben noch mal lerne?
Noch kleinere Schlittschuhe
Zwei Russenkoppel und eine Matroschka. Einen Monat lang fand ich, dass Russenkoppel schick seien. Aber einerseits besaß ich nicht die richtige Kleidung dafür, andererseits widerstrebte es mir, Armeekleidung zu tragen. (Andererseits hatte ich kein Problem damit, eine russische Gasmaskentasche als Tragetasche zu verwenden. Aber woher ich die hatte, weiß ich auch nicht mehr). Ich fand, dass Russenkoppel und Matroschka zusammengehören. Und das sehen anscheinen außer mir noch 11 weitere Leute so, die zwei Tage vor ihrem Ende diese Auktion beobachten.
Eine Zehner-Gruppenkarte für den Besuch einer Impro-Show bei Foxy Freestyle.
 Zugegebenermaßen hat das nicht viel mit dem Ausmisten meiner Wohnung zu tun, sondern eher damit, dass wir eine am 13. März in der Alten Kantine startende Impro-Show bewerben wollen.
Dass jemand den Volleyball, den ich schon zwei Mal eingestellt habe, noch kaufen wird, werde ich mir wohl abschminken müssen. Keinen einzigen Euro hat jemand darauf geboten, niemand beobachtet die Auktion. Vielleicht müsste ich ihn auch "Sexy DDR Volleyball" nennen. Das Ding hat damals 40 Mark gekostet, und ich habe fast nie damit gespielt.
Und schließlich das Armee-Telefon, dass mir mein Freund Willy, der damals seinen Wehrdienst bei der Auflösung des Standorts der US-Army in Berlin verbracht hat, schenkte. Mit diesem damals schön transportablen Gerät zapften wir regelmäßig eine Telefonleitung an, die in einem leerstehenden Gebäude aus der Wand guckte, z.B. wenn man etwa nach Russland telefonieren wollte. Damals kostete die Minute Telefonieren noch über vier Mark. Schon ein Ferngespräch nach Leipzig kostete 92 Pfennig. Wahrscheinlich tut es mir um das Telefon am meisten leid, weil so viele Erinnerungen daran hängen. Aber wie sehr hängen sie daran, wenn das Ding in einer Kiste im Keller rumliegt. Wie man sich erinnert, müsste man ja nun bei Proust gelernt haben. Sollte das die Konsequenz meiner Schmidt-liest-Proust-Lektüre sein? Dass ich lerne, mich effektiv zu erinnern. Produktives Erinnern durch Wegschmeißen. Aussterbende Geräusche: Das Ratschen der Telefonwählscheibe. Aussterbende Gefühle: Die Ungeduld beim gemächlichen Zurückklackern der Wählscheibe, wenn man dringend jemanden anrufen musste, dessen Nummer fieserweise aus vielen Achten, Neunen und Nullen bestand. Vielleicht erfinden die Sounddesigner in den Handyfirmen nach dem authentischen Klingeln auch einen Ratsch-Sound, wenn man die Nummern tippt, so wie es ja auch die Digitalkameras das Klacken der Blende schon integriert haben.

***

26.1.07

Rundmail von Falko, in der er die Premiere des großen Projekts Weltchronik bewirbt, für das Jochen und er nu schon so lange zittern. Aber auch hier kann er es sich nicht verkneifen, noch all seine anderen Termine ebenfalls zu bewerben und so das Einzelne zu verwässern.
Ben zieht von Liverpool in die Schweiz. Wer hätte 1997 gedacht, dass er ein so begehrter Professor würde.
Hatte ich früher immer einen kurzen Fußweg von der Chaussee-Show in der Tagung oder im RAW nach Hause in die Libauer Straße, so muss ich mir nun Gedanken machen, wie ich fahre. Der Weg ist zwar nicht weit, aber umständlich. Mit der S-Bahn von Warschauer nach Ostkreuz, dort umsteigen und zum Treptower Park weiterfahren, dann eine Station mit dem Bus. Dauert fast eine halbe Stunde, die man auch laufen könnte. Im Sommer natürlich mit dem Fahrrad, aber wenn's so wie jetzt schneit?
Nach mindestens zwei Jahren besuche ich mal wieder V., die ein Drama um ihr Kinder durchlebt. Eine "moderne" Richterin glaubt, Partei für den Borderline-Kranken Ehemann ergreifen zu müssen. Die Kinder lernen lügen. Dabei hatte es nach einem so glücklichen Start ausgesehen, als sie 1991 nach Deutschland kam. Alles schien ihr regelrecht zuzufliegen. Bis sie ihn kennenlernte, in einen Vorort zog und mit ihm Kinder machte, die er zu misstrauischen Wesen umzumodeln versucht. Traurig übernachte ich dort und erinnere mich kurz vorm Einschlafen, dass ich immer, wenn ich bei V. übernachtete, an den Ohren fror, die warmen Decken aber einem die notwendige Nachtwärme spendeten.

*

Auf einmal ein Wechsel in der Zeitform. J.S.: "Eisiger Wind blies mir ins Gesicht,..."
Leiden am Wetter. Plakatekleben mit Falko für die Weltchronik gerät zur "Clownsnummer".
Im Babylon eine fast zärtliche Episode mit Judith Hermann. Ein schöner Weg vom Jule-Lehmann-Neid bis zu diesem Punkt.
Eigentlich seltsame Formulierung fürs Schreiben: "Tippen", die wir inzwischen fast abwertend benutzen, so als tippe man nur irgendwelche Daten ein.
Die letzten Seiten bei Proust verlangen dem Leser offenbar noch einiges ab: "Als hätte er noch tausend Seiten Zeit, ergeht er sich in geschwätzigen Details." Das wäre schon ein Witz, wenn Jochen die Lektüre hier beenden würde, so wie ich längere Zeitungsberichte oder -kolumnen oft vor dem letzten Absatz abbreche, was ich aber erst vor Kurzem bemerkt habe. Ich blättere um, so als wolle ich dem Reporter das Wort abschneiden. Was würde man verlieren, wenn "Schmidt liest Proust" hier endete. Auf jeden Fall eine großartige Kurzgeschichte, mit der er die letzten Seiten einleitet. Aber zur eigentlichen Proust-Lektüre? Werden wir erfahren, wer der Mörder war? War Proust die ganze Zeit tot? Werden die Geister der Verstorbenen auftauchen? Wird Marcel in den Sonnenuntergang reiten?

*

J.S.: "Ich sagte es schon, der Reiz langer Serien, die unerschöpflichen Möglichkeiten, jeden mit jedem zu verbandeln." Herzog von Guermantes ist nun in Odette verliebt.
J.S.:" Vier Seiten braucht Marcel inzwischen, um stichpunktartig seine Beziehung zu den einzelnen Figuren des Buchs und wie er von der einen zur anderen gelangt ist, zu rekapitulieren. Das Schlimme ist, dass ich das alles in einem halben Jahr vergessen haben werde."
Unklar, warum ein Vertiko als unklares Inventar geführt wird. Sollte Jochen es wirklich nicht kennen?

***

 

Sa., 27.1.07

Probe der "BÖ". Es ist wie bei den auseinanderfallenden Beatles. Man spielt zusammen in dem Bewusstsein, dass man sich wohl bald trennen wird. T. abwesend, C. leitet an, obwohl sie eigentlich pausiert.
Kantinenlesen. Die Probe hat mich sehr angestrengt, ich bin müde und ruhig. Jochen herausragend. Seine Texte sind vielleicht die beste Werbung für die Weltchronik, die Falko und er an diesem Sonnabend zu promoten versuchen.

*

Verdichteter Monolog von Jochens Tochter. Ein Stück Poesie jenseits von "Lustiges aus Kindermund". Man kann nur hoffen, dass sie nicht, wenn sie ihre Pubertätskrise kriegt, das peinlich findet, ihn verklagt und das Buch einstampfen lässt.

*

In der sechzehnjährigen Tochter Gilbertes und Saint-Loups materialisieren sich die "verflossenen Jahre in einer jungen Person." (J.S.)
M.P.: "dass dieses Leben, dass man unaufhörlich fälscht, in einem Buch verwirklicht werden könnte."
J.S./M.P.: "Denn was wir unser Leben nennen, ist nur eine unaufhörliche Fälschung der wirklichen Version, die wir eigentlich in uns spüren, und der man nur in einem Buch Gerechtigkeit widerfahren lassen kann!" (Man beachte: Das bei Jochen Schmidt sonst so rare Ausrufezeichen.)
Am Ende der vielen tausend Seiten haben sich also zwei gefunden. Das Buch, das Schreiben als Aufheben der verlorenen Zeit, als Jungbrunnen, das Gelebte wird verewigt durch pedantisches Aufschreiben. Jede mühsame Suche nach dem passenden Adjektiv, das einen Geruch beschreiben soll, jedes Ringen nach einem Halbsatz, der den "kommunikativen Knackpunkten" und seelischen Leiden nachspürt ist vom Anspruch der Authentizität beseelt. Die aktuelle Hirnforschung bringt die von den Philosophen abgeschriebene Suche nach dem Ich wieder auf die Tagesordnung. Das Ich, so sagen die Psychologen, kann letztlich nur durch die Erinnerungen aufrechterhalten werden. Wie "wahr" diese sind, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Und spielt es für den Leser eine Rolle, ob sich Proust beispielsweise bei der örtlichen, zeitlichen und farblichen Zuordnung der Sommerlevkojen irrte?
Wir haben (zumindest aus Jochen Schmidts Lektüre) nie erfahren, ob Proust mit einem Notizbuch bewaffnet war. Oder sollte es tatsächlich der Lindenblütentee gewesen sein, der all die Erinnerungen wieder hervorzaubert.
Können wir Prousts Erinnerungen trauen? Und wenn nicht - welchen Unterschied macht das? Wäre das Lesevergnügen ein anderes, wenn der fiktionale Anteil größer wäre?
Ist Proust-Lektüre - angesichts der von kaum jemandem geleugneten endlos langen Langweilerpassagen - am Ende ein großangelegtes Exerzitium in Stil und geistiger Ausdauer?
J.S.: "Man könnte sagen, dass man nicht sterben sollte, ohne Proust gelesen zu haben. Aber in Wirklichkeit ist man dann noch gar nicht geboren." Bewirbt dieses hübsche Bonmot nun Schmidt oder Proust? Nachdem ich Schmidt gelesen habe, brauche ich den Proust nicht mehr. Man könnte das natürlich auch als Marketing-Kniff auslegen: Er bewirbt Proust und weiß doch, dass die meisten den nicht in die Hand nehmen. Aber so eine Gerissenheit darf man Jochen Schmidt nicht unterstellen. Dafür ist er dann doch als Künstler zu aufrichtig.
Ich habe "Schmidt liest Proust" zwei Mal gelesen. Damals als Blog, heute als Buch. Im Buch habe ich die Proust-Passagen auch mehr genossen. Aber man möge mich in einem halben Jahr noch mal fragen, wer Swann, Odette, Gilberte, Saint-Loup, Charlus sind.