Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 24. Juni 2009

26. April 2009

 

26. April 2009

Am letzten Abend in Washington noch drei Bücher gekauft: Steinbecks "Of Mice and Men", Philip Roth' "Portnoy's Complaint" und noch mal ein philosophisch-spirituelles Lebenshilfebuch: David Ricchio: "The Five Things We Cannot Change... and the Happiness We Find By Embracing Them". Nicht dass ich letzteres von vorn bis hinten lesen würde, dafür ist es auch etwas zu spröde geschrieben. Aber es eignet sich ganz gut als Zwischendurch-Lektüre. Hier also die fünf Dinge, die wir nicht ändern können:
(1) Alles ändert sich, und alles vergeht.
(2) Die Dinge laufen nicht immer nach Plan.
(3) Das Leben ist nicht immer fair.
(4) Schmerz ist ein Teil des Lebens.
(5) Menschen sind nicht immer loyal und fair.
zu 1) Schon allein die Tatsache, dass das Leben endet, bekommt man eigentlich nur schwer in den Kopf. Für ein Kind ist Tod doch etwas sehr abstraktes oder zumindest fernes. Aber sobald wir erwachsen werden, scheint unser Bewusstsein angesichts der Unabwendbarkeit des Sterbens durchzudrehen. Wir phantasieren ein Jenseits herbei, und wenn man sich anschaut, mit welchen Mitteln dieser völlig an den Haaren herbeigezogene Glaube über die Jahrtausende verteidigt wurde, kann man sich schon vorstellen, wie wichtig es den Christen und Moslems ist mit ihrem schönen After-Life-Paradies. Angenommen eine Gruppe intelligenter Aliens landete auf der Erde, ich wäre gespannt, wie ein Theologe denen erklären wollte, wie er darauf kommt, dass er nicht sterblich sei. Aber nicht nur die Religion ist eine der Ausflüchte, auf die wir zurückgreifen. Sucht oder auch Ablenkung überhaupt werden auch immer wieder gern genommen.
Ich entdecke hier eine interessante Mini-Meditation: Man suche einen Ort der Stille, setze sich und konzentriere sich auf den Atem, ohne ihn zu forcieren. Dann denke man an etwas, das ein gerade belastet und atme diese Belastung ein; das Ausatmen hingegen sei pure Liebe. (Ich visualisiere das als Goldstaub.) Tatsächlich probiere ich diese Meditation beim Gehen aus, es scheint zumindest ansatzweise zu wirken. Scheinbar seltsam, dass man das Negative einatmet, aber irgendwann hat man das Gefühl, dass einem nichts mehr anhaben kann.

In welches Zimmer sollen wir nun wechseln? Lange Diskussionen mit dem Rezeptionisten - inzwischen der Dritte, mit dem wir nun über unsere Buchung hier verhandeln.. Am Telefon der Chef, der meinte, er habe uns extra für alle Tage das bessere Zimmer reserviert. Bin misstrauisch, aber der Ton ehrlicher Verzweiflung in seiner Stimme überzeugt mich dann doch. Die Buchungsgebühren standen natürlich nur als Fußnote im Internet. Heißes Wasser käme, wenn man nur lange genug darauf warte. Länger als 15 Minuten? Oder meint er bis zur Renovierung des Gebäudes? Am Nachbarhaus sind sie ja schon beschäftigt. Und in unserem Nebenzimmer wird ab 10 Uhr gebohrt, wofür wir dem Bohrer dankbar sein müssten, denn er erleichtert uns die Wahl, ob wir noch ein wenig faul im Bett dösen wollen oder den Tag aktiv beginnen.
Das Gratis-Frühstück des Hostels wenig beeindruckend, also im benachbarten Café, das offenbar ein Drittel seines Publikums aus dem Hostel bezieht. An dessen Wänden Fotos der Präsidenten und ihrer Hunde. Das Angebot schmal und mäßig schmeckend. Eier und Schinken, man kriegt's runter. Zum Hostel Kitchen noch zu bemerken, dass es mit den Figuren von "Green Eggs and Ham" illustriert ist.

I would not, could not, in a box.
I could not, would not, with a fox.
I will not eat them with a mouse.
I will not eat them in a house.
I will not eat them here or there.
I will not eat them anywhere.
I do not eat green eggs and ham.
I do not like them, Sam-I-am.

Der Hintergrund dazu fehlt mir komplett. Der aggressive Ton deutet auf eine ugly version von Garfield. Immer, wenn ich diese heiße, nach altem Fett riechende Küche betrete, denke ich, dass ich das mal googlen müsste (Gibt es schon ein entsprechendes Verb für "Bei Wikipedia suchen"?), aber dann erscheint es mir doch zu unwichtig, wenn ich mich mit MasterCard einlogge (der PC dafür steht passenderweise in der Küche, und die Tastatur fühlt sich entsprechend an).
Die Hitze, das Sich-Sortieren, die Wünsche aufeinander abstimmen, ausgiebiges Frühstücken, wir kommen nicht recht vom Fleck.
Einkaufen müssen wir auch noch. Versuche jedes mal, Steffi davon zu überzeugen, die Gepäckmenge gering zu halten. Aber ohne Kekse, Buch, Reiseführer, Schal, Wasserflasche, Fotoapparat geht sie nicht los. Und wenn das so ist, kann ich ja noch ein zusätzliches Buch in ihren Rucksack stecken. Und Gerda.
Da ich meine Zahnbürste in Washington liegengelassen habe, kaufe ich nun hier eine in der Drogerie. Aber da wir nun mal langsam aufbrechen müssen, bestehe ich darauf, mir meine Zähne unterwegs zu putzen und jetzt nicht noch mal ins Hostel zurückzulatschen.
Die Gegend hier war lange Zeit deutsch geprägt. Man erschrickt immer ein bisschen.

Spazieren Richtung Süden am East River entlang. In New York muss ich immer erst kurz überlegen, wo East und wo West ist. Zwar weiß ich meistens, wo ich gerade bin, dass Straßensystem ist für einen Orientierungsidioten wie mich geradezu geschaffen, aber ob wir jetzt in der Upper East oder Upper West wohnen, kann ich erst sagen, wenn ich es mir vor Augen führe. Genauso geht es mir mit dem Hudson und dem East River. Queens auf der anderen Seite. So langsam fängt Steffi an, die Stadt zu genießen. Ein zehn Quadratmeter großer Park. Ich putze mir die Zähne. Das teure Mineralwasser!

Nun also in den Central Park. Habe Steffi schon so viel davon vorgeschwärmt, dass ich fast befürchte, sie könne enttäuscht sein. Aber wie kann man den Central Park nicht lieben. Eine Oase in der schnellsten Stadt der Welt. Beinahe wie in Tucholskys Gedicht "Das Ideal"

Ja, das möchtste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße
(...)

Kekse und Hot Dogs. Ruhe.

*

Die Ruhe wird nach und nach gestört durch immer näher kommende Humptata-Musike. Wir tippen auf Familienunterhaltung, wahrscheinlich wegen der kreischenden Kinder. Aber es ist, wie wir später erfahren, griechischer Unabhängigkeitstag, und den zelebrieren die Griechen, wie alle anderen in New York, mit einer Parade.
Und noch einmal treffen mit Rebecca, ihren Kindern und ihrem alten Dad, der mir vor sechs Jahren unermüdlich die UCB empfahl, bis ich schließlich nachgab und eines der großartigsten Improtheater erlebte. Der Zoo von Manhattan freilich mickrig. Da bietet selbst Eberswalde mehr. Immerhin Pinguine und zufällig ist auch gerade Fütterung. Gerda stiehlt den "echten" Tieren beinahe die Show.

 

Am Lennon-Gedenkstein. Yoko wohnt immer noch im Dakota Building, man könne sie manchmal hinter den Fenstern sehen, und am 8. Dezember steht immer eine Kerze im Fenster.


Suchbild: Finde die Yoko

*

Am Abend geben wir dem UCB noch eine zweite Chance. Wieder eine Enttäuschung. Vulgäre Sexphantasien ohne Witz. Man hat langsam den Kanal voll. Und die Toleranzschwelle verschiebt sich, bis man schon angewidert reagiert, wenn überhaupt Sex erwähnt wird. Man kann ihnen noch zugute halten, dass sie jung sind und in der Phase sind, die Keith Johnstone als "obszön und psychotisch" beschreibt, d.h. man muss da mal durch, um es hinter sich zu lassen. Das Tabu brechen, um sich der eigenen Freiheit zu vergewissern und letztlich auch zu erkennen, wo das Tabu überhaupt liegt. Aber es scheint fast Konzept zu sein. In dem Moment, wo eine Szene zwischen einem Liebespaar zärtlich zu werden droht, kann man schon darauf warten, dass die Schauspielerin aufspringt, sich obszön positioniert und "Fuck me!" schreit oder der männliche Spieler irgendwas von Schwanzlutschen oder Vergewaltigen erzählt. Vielleicht sollten die Amis das Wort Fuck endlich im Fernsehen zulassen, dann verlöre es seine Brisanz. Aber auch den Chefs des UCB scheint jeder Geschmack abhanden gekommen zu sein. Warum sonst würden sie mit einem Plakat werben, dass das berühmte Foto eines afghanischen Mädchens nutzt?


 "Schaut mal, wie frech und tabulos wir sind" oder was?

 

Samstag, 20. Juni 2009

25. April 2009

 

25. April 2009

Eigentlich wäre ich gern von Washington nach New York mit der Bahn gefahren, aber wie schon auf den letzten beiden USA-Reisen muss ich mir eingestehen, dass vor der letzten Woche der Finanzvorrat zusammengeschmolzen ist.

Viel langsamer ist der Bus auch nicht, und Rachel ist so nett, uns mit dem Auto bis zur Bushaltestelle zu chauffieren. Ähnlich wie Steffi geht sie keine zeitlichen Risiken ein. Wenn alles glatt geht, sind wir locker eine halbe Stunde vor Abfahrt da. Es geht dann überhaupt nichts glatt. Washington im Totalstau. Wenn jetzt auch unser Bus nicht von der Stelle kommt, haben wir natürlich Schwein gehabt. Rachel schlägt Haken und fährt gigantische Umwege. Ich kann meinen Blick nicht von der Uhr des Navigationssystems wenden. 15 minutes left. Kurze Zeit später sind es 16 Minuten. Wir sind einfach zu langsam. Rachel fühlt sich uns verpflichtet und nimmt eine rote Ampel. Ich beruhige meinen Atem. Das sind die Situationen, in denen man Unfälle baut, denke ich. Und noch zehn Minuten bis Buffalo. Wir kommen an, sind aber noch nicht die letzten. Der kleine Latino in seinem Büro schnauzt die Kundin vor mir an. Ich nehme es als soziale Herausforderung und lobe ihn für seine harte Arbeit. Sofort glätten sich seine Gesichtszüge und er ist nicht nur mir gegenüber nett, sondern auch gegenüber dem folgenden Kunden. Busse sind was für die Ärmeren. Schwarze, Touristen und Arbeiter mit Sorgenfalten.

Aus den Greatest Hits des Supreme Court:
Wer kennt das nicht: Eine verlassene Lagerhalle. Hinter einer Kiste verstecken sich eine verängstigte Frau und der bereits angeschossene Held. Der widerliche Ganove durchsucht die Halle. Da auf einmal Sirenen, Flutlicht und die Stimme des Inspector, der Ganove solle die Waffe fallenlassen und mit erhobenen Händen herauskommen, was dieser auch tut. Und während ihm die Handschellen angelegt werden, wird ein Sergeant aufgefordert: "Read him his rights." Was dieser auch tut: "You have the right to remain silent, anything you say can and will be used against you in a court of law. You have the right to an attorney present during questioning. If you cannot afford an attorney, one will be appointed for you. Do you understand these rights?"
Wenn eine solche Szene in einem Film auftaucht, dessen Handlung vor 1966 spielt, haben die Drehbuchautoren einen Fehler gemacht, denn erst seit 1966 hat ein Verdächtiger nicht nur diese Rechte, sondern sie müssen ihm erklärt werden, sobald er verhaftet wird und verhört werden soll. Nach dem Burschen, der sich damals bis zum Supreme Court hochgeklagt hat, weil er Entführung und Vergewaltigung gestand, heißen diese Rechte im Juristenjargon auch "Miranda-Rechte". Pech für Miranda: Man rollte den Fall noch einmal auf und er wurde abermals für schuldig befunden.
Und selbst das in allen Staaten verbindliche Recht auf einen Verteidiger wurde per Beschluss des Supreme Courts erst 1961 eingeführt.

Ähnlich wie vor sechs Jahren quält sich der Bus nach Manhattan rein. Stop and Go, wir sind nicht mal mehr 2 km von unserem Ziel entfernt. Dieses Zuckeln ist für eine untrainierte Seele schwerer zu ertragen, als wenn wir jetzt noch zwei Stunden in raschem Tempo auf dem Highway fahren würden. Extrem heiß, Fußgänger behindern den Busfahrer am Weiterfahren, der es ohnehin schwer hat, auf diesen schmalen Straßen auch nur rechts abzubiegen. In der 34th Street/Ecke 7th Avenue werden wir ausgespült. Schon die Straßennamen lösen Song-Assoziationen aus, die mein New York Bild sicherlich etwas verquer beeinflussten. Lexington an Lou Reeds Waiting for My Man: "Going to Lexington 125, feel sick and dirty more dead than alive", 42nd Street an Grandmaster Flash's New York, New York: "On 42nd Street, lookin for some action /Women standing on the corner selling satisfaction", und eben 7th Avenue an Simon and Garfunkel: "I get no offers/ Just a come-on from the whores on 7th avenue/I do declare, there were times when I was so lonesome/ I took some comfort there, hmmm..." New York schien voller Prostituierter zu sein, zumindest auf der 7th Avenue und der 42nd.
Steffi hat fast durchgeschlafen und ist benommen und bedrückt, als wir aussteigen. McDonalds mal wieder.
Unterkunft im "Tone on Lex" (gemeint ist natürlich die Lexington, s.o.). Upper East Side. Ein kleines Hostel. Wir dürften eigentlich zumindest eine Nacht auch bei Rebecca und Gogo bleiben, aber man will ja nicht zur Last fallen, schließlich haben sie Kleinkinder. Der Rezeptionist spricht französisch und versteht unser Anliegen nicht. Wir haben für heute gebucht und für die übernächste Nacht. Ob es noch ein Zimmer für die Nacht dazwischen gäbe, und außerdem wollen wir die Zimmer wenigstens mal besichtigen. Er zeigt mir beide, ich erachte sie für OK. Wir brauchen 20 Minuten, um ihm die zwei, drei Details unserer Planung zu verklickern. Er ist nervös, da er auch mit dem Computerprogramm nicht zurechtkommt, und seine Lösungsstrategien nicht funktionieren, was mich allerdings auch gewundert hätte: Strategie Nr.1: Dieselbe Prozedur von vorne starten. Strategie Nr. 2: Doller auf die Tasten hauen. Sein Chef kommt vorbei, regelt alles schnell und ohne zu fragen.
Steffi fast entnervt, weil es in der dritten Etage zum Duschen kein warmes Wasser gibt. Eine Frage des Drucks. Im Erdgeschoss verbrüht man sich offenbar.
Smsen mit Rebecca, die auf uns wartet. Als die Kinder kamen, sind sie umgezogen. Ein Haus weiter. Immer noch in der 8th Avenue. Der Hochhauskomplex wurde eigentlich als project gebaut, aber es wohnt eigentlich die ordentlich verdienende Mittelklasse drin, die sich sonst hier keine Wohnung leisten könnte. Die Wohnung ähnelt eigentlich der meiner Eltern in Lichtenberg, wo ich aufwuchs. Den Kindern wird's schon nichts schaden. Sie wissen ja noch nichts von diesen Mieten. Wie aber soll man das Wohnen in solch einer attraktiven Stadt wie New York organisieren, wenn man verhindern möchte, dass die mittelmäßig und unterdurchschnittlich Verdienenden wegziehen. Man braucht ja immer noch die Polizisten, Krankenschwestern usw. Zuteilung? Mietobergrenzen? Aber wer darf dann in die Innenstadt und wer nicht? Ich versuche, mir den schönen Abend mit meinem Gspusi, den beiden alten Freunden und ihren zwei Kindern nicht durch solch trübe Gedanken verderben zu lassen. Zum Abend gibt es Fisch. Ich sage Ja. Allmählich taste ich mich wieder ran. Da ich so viele Einschränkungen durch meine Laktose-Intoleranz erdulden muss, versuche ich, mir neue kulinarische Gebiete zu erschließen und wenigstens ab und zu Fisch zu testen. Gar nicht so übel.
Müde verlassen wir die kleine Familie gegen 23.30 Uhr und werfen noch einen Blick ins United Citizens Brigade Theater, das für mich vor sechs Jahren so inspirierend war. Tatsächlich startet gerade eine Gratisvorstellung. Warum nicht hineingehen. Wieder Sex-Trash, wir können es schon nicht mehr ertragen, geben der Sache eine halbe Stunde und verschwinden dann. Schade.

Freitag, 19. Juni 2009

24. April 2009

Ist die Presse die vierte Gewalt oder vielleicht doch das Militär, wie Eisenhower befürchtete, als er, der General, zum Ende seiner Amtszeit vor dem militärisch-industriellen Komplex warnte? Die Bedeutung des Militärs in den USA ist schwer zu übersehen. Michael Moore legt inBowling for Columbine den Verdacht nahe, dass es sowohl in der Politik als auch im Zivilleben in den USA mehr als anderswo eine aggressive Mentalität gebe, die es rational erscheinen lasse, erst zu schießen und dann zu fragen. Als ich vor einem Jahr ein kleines Anti-Sarah-Palin-Trash-Video bei Youtube postete, bekam ich innerhalb weniger Tage so viele Klicks wie selten auf ein Video, vor allem von Waffen-Fans. Einer meinte sogar, er würde sich freuen, wenn mal bei ihm eingebrochen würde, dann könnte er endlich eines dieser Einbrecher-Arschlöcher abknallen.


Aber wahrscheinlich macht man es sich zu leicht, wenn man die Gewaltfrage einfach unter "Mentalität" subsumiert. Wie geht ein Land damit um, dass es die militärische Kraft hat, seine Ressourcen tatsächlich zu verteidigen, dass es um militärischen Schutz gebeten wird, dass es durch das Militär zumindest theoretisch in der Lage ist politisch anderswo Einfluss auszuüben? Wo ist die Bremse eingebaut, dass man sagt: Wir könnten's, aber wir tun's nicht, auch wenn wir dafür einen hohen politischen Preis zahlen.
Der Vater unserer Gastgeberin ist Vietnam-Veteran in Massachusetts. Er leidet unter psychologischen Traumata, die zu jener Zeit nicht oder nur unzureichend behandelt werden konnten. Mit seiner Familie spricht er nicht über seine Erlebnisse. Er sieht es nun als seine Pflicht an, jungen Irak-Veteranen zu helfen, über ihre psychologischen Probleme hinwegzukommen. Wenn er eines Tages stirbt, wird er beerdigt werden auf dem Arlington Friedhof, der zufällig gleich zwei Bus-Stationen von hier entfernt ist.
U-Bahnhof Pentagon. Was man bei der Erwähnung des 11. September 2001 doch immer wieder vergisst, ist der Anschlag aufs Pentagon. Dabei war es erst der Einschlag des Flugzeugs ins Pentagon, der wirklich dem Letzten (also mir) klar machte, dass es ein politischer Anschlag war.

Der Friedhof von Arlington. Wer bleibt hier unberührt? Im üblichen Souvenirshop Bücher, Abzeichen, Orden, Fähnchen usw. Und im Hintergrund Videos mit der gänsehaut-machenden Streichern, die dann, wenn's richtig pathetisch werden soll mit Hörnern zugedröhnt werden.
Aber wie soll man hier nüchtern bleiben? Mein schöner Pazifismus kommt ins Wanken. Wie soll sich ein Land verteidigen, das auf keine Kulturnation-Legende zurückblicken kann, dessen Geschichte eine Geschichte der Einwanderung ist? Ein Land, das seine krasse individualistische Grundideologie immer wieder mit einem gehörigen Schuss Republikanismus und Verfassungspatriotismus konterkarieren muss, wenn es nicht zerfallen soll. Woher soll man Rekruten nehmen, wenn es keine Wehrpflicht gibt? Nur aus dem Heer der Notleidenden fischen, die aus lauter materieller Sorge zur Armee gehen? Oder den Schießwütigen das Schießen überlassen? Wieviel Respekt soll man jenen erweisen, die ihr Leben riskiert haben, und zwar nicht für eine historisch noble Sache, wie die Normandie-Invasion, sondern für zweifelhafte Unternehmen wie in Vietnam, Grenada, Irak? Verdienen sie nicht sogar noch mehr Respekt. Wieviel Loyalität muss eine Regierung von den Truppen erwarten können? My country - right or wrong. Und wo muss die Courage des Einzelnen einsetzen, sich dem Befehl zu verweigern? Wie gelingt es einem Land, Soldaten zu rekrutieren, deren Einwanderungsgeschichte nicht einmal eine halbe Generation zurückliegt?
Die durch Jahreszahlen angedeuteten Schicksale: Ein Oberst, 1879 geboren 1939 gefallen. Seine Frau, 1880 geboren, lebte danach noch 40 Jahre. Die Soldaten, die mit nicht einmal 20 Jahren starben, die Tage, die ein Schicksal bedeuten: Normandie-Landung. Oder auch ein Monat: April 1945. Tough luck.

Spaziergang über die Arlington Memorial Bridge bis hin zum Lincoln Memorial.
Der Potomac River ist die einzige Einflugschneise für Flugzeuge. Ziemlich gruslig bei der niedrigen Flughöhe und angesichts der in unmittelbaren Nähe befindlichen Regierungsgebäude. Steffi kann es kaum fassen. Tatsächlich erfahren wir am Abend, dass gerade heute ein Flugzeug vom Kurs abgekommen ist.
Lincoln Memorial. Eigentlich kann eine Besichtigung schöner nicht sein. Es ist Sommer, der Ort des Gedenkens wird von jungen Leuten okkupiert, interessierte Touristen, eine schöne Aussicht auf den Park, ein überteuerter Imbiss, ein Getränk, Ausruhen.

Ich blättere in The Supreme's Greatest Hits und lerne: Einige Themen ziehen sich immer wieder durch die Geschichte der amerikanischen Rechtsprechung. Jedes Mal muss neu justiert werden. Scheinbar kleine Fälle bringen gesellschaftliche Verhältnisse ins Wanken: Das Verhältnis Religion/Staat, Rassismus und Diskrimierung, Regierung und Wirtschaft, die Freiheit der freien Rede.

Die Jogger wirken hier, ebenso wie in Chicago, als seien sie auf der Flucht. Ich vermute, sie müssen ihre halbe Stunde Mittagspause effektiv nutzen und peitschen sich auf diese Art durch die Stadt. Die Männer hier ebenfalls gern mit freiem Oberkörper, auch wenn ihre irischen Vorfahren sie mit extrem heller Haut versorgt haben, die sie hierzulande eben zum Redneck werden lässt.
Das Lincoln Memorial wird vereinnahmt von jedem, der in Sachen Bürgerrechte unterwegs ist. Auch die Gay Rights werden im Museum erwähnt. Nur die Waffennarren scheinen einen Bogen um diese Stätte zu machen, vor der auch Martin Luther King seine berühmte Rede hielt. Lincoln und King - beide Opfer von Schusswaffen. Das schreckt dann vielleicht selbst diejenigen ab, die behaupten, ihre Waffen nur für die Jagd zu brauchen.

Nachdem ständig neue Denkmäler hochgezogen wurden und man vor lauter historischer Bedeutsamkeit in der Stadt kaum noch gehen kann, hat die Stadtverwaltung vor ein paar Jahren einen Denkmal-Stop verhängt.

Englisches Restaurant mit Rachels Freund und dessen Gang.
Händetrockner sind schon eine seltsame Erfindung. Zum ersten Mal hab ich wahrscheinlich um 1977 einen tschechischen im Betrieb meiner Mutter gesehen. Der brauchte ungefähr eine halbe Minute, bis die Hände einigermaßen trocken waren. Und selbst heute gibt es Trockner, die einem die Hände eher erhitzen statt sie wirklich zu trocknen. Hier gibt es ein schönes gezieltes Gebläse. Man steckt die Hände in einen breiten Spalt und innerhalb von fünf Sekunden sind sie trocken. Schneller als ein Handtuch. Die Technologie ist da, und trotzdem werden wir uns weiter mit den ollen Hand-Gar-Geräten rumschlagen müssen, einfach weil es den meisten Klo- und Restaurantbetreibern scheißegal ist.


Fototermin bei Scientology.

Wie kann man eine Lebensplanungs-Diskussion unter Freundinnen führen und gleichzeitig "Dr. House" gucken? Liegt es wirklich an der vielgerühmten Multitaskingfähigkeit der Damen oder ist ihnen letztlich sowohl das eine als auch das andere ziemlich egal?


 

Donnerstag, 18. Juni 2009

23. April 2009

Das Wetter macht einem den Abschied nicht gerade leichter.
Lange hatten wir ja überlegt, wie wir nach Charlottesville reisen und wie wir von dort wieder wegkommen. Mit Amtrak, dem amerikanischen Bahnunternehmen hätte es von und nach Washington je acht Stunden gedauert, und davon hätte man einen Teil mit dem Bus fahren müssen. Und wir befinden uns nicht etwa in einem öden Loch in der Wüste von Nevada oder in einem Entwicklungsland. Amerika ohne Autos ist praktisch nicht handhabbar. Ohne Führerschein bist du wie im Wilden Westen ohne Pferd. Aber unser Kutscher kennt den Weg. Und er kutschiert uns gratis.
Mumbo-mumbo.
Steve ist nicht nur Künstler und Buddhist, sondern auch ökologisch bewusst. Mehr als mancher Europäer. Er fährt einen Hybridwagen, für den man nicht einmal einen Zündschlüssel braucht, man muss nur auf den Knopf drücken. Und noch ein Monitor auf dem Armaturenbrett, das einem zeigt, wieviel Sprit der Motor gerade verbraucht und wann er den Elektromotor benutzt. Das Auto ist dermaßen leise, dass man sich nie ganz sicher ist, ob es fährt. Die vorbeibrausenden Bäume sind ja noch kein Beweis.

Was soll ich von Washington erwarten? 1997 bin ich auf dem Weg nach New Orleans dort durchgereist. Und auch diesmal habe ich mich eher breitschlagen lassen, da Steffis Freundin Rachel dort wohnt. Lese auf dem Beifahrersitz die Washington Post und mache Steve beim Umblättern nervös, da er die herankommenden Autos nicht mehr sehen kann. Zwei Mal.
Der von Rachel eingewiesene Concierge kommt mit den Schlüsseln durcheinander. Steffi und Steve werden durch ihn und die drückende Blase beinahe in den Wahnsinn getrieben. Beim dritten Versuch klappt's.
Nachdem Steve uns ins Zentrum chauffiert hat, ist der Abschied nach meinem Geschmack: herzlich und kurz.
Die Sonne scheint. Wir gönnen uns einen 4-Dollar-Hot-Dog. Alles auf einem Haufen und in Fußweg-Distanz: Historische Gebäude, Naturkundemuseen, Denkmäler, Regierungsgebäude, und mittendrin der große Park. Sicherlich würde Steffi lieber wieder ausgestopfte Tiere und Indianer-Artefakte anschauen, aber diesmal bin ich der Bestimmer, und mich interessieren dann die three branches of the American government doch mehr.


Suchbild: Finde den Künstler!

Das Kongressgebäude auf der Rückseite abgesperrt. Hinter den Fenstern sieht man ab und zu mal jemanden entlangeilen. Erstmals sehen wir außerhalb des Flughafens diese neuen, dem gesunden Menschenverstand spottenden Elektro-Zweiräder. Da kann man mir hundert Mal erzählen, die wären unten beschwert - ich finde, die müssen trotzdem umkippen.

 

Vorn etwas beeindruckender: Wichtig erscheinende Anzugträger steigen aus einer Fahrzeugkolonne aus. Das Gebäude wirkt faszinierend wie eine Indianerburg, aber dann doch irgendwie spröde, oder bilde ich mir das nur wegen der abweisenden Beamten ein?
Gegenüber das Gebäude des Supreme Court, der mich ähnlich fasziniert wie das deutsche Bundesverfassungsgericht - eine Institution, die sich mehr als die Exekutive und die Legislative auf die professionelle Verfassungstreue der Entscheider stützt. Und so seltsam die Rechtsprechung in den USA auch manchmal anmutet, so hat sie doch auch auf unser römisch/napoleonisch geprägtes Rechtssystem einen starken Einfluss genommen, wenn auch oft nur indirekt. Steffi erklärt mir wieder, wie die Säulen dieses tempelartigen Bauwerks heißen, was ich sofort wieder vergessen. Architektur ist wohl die Kunst, die mir doch am fremdesten bleibt.


Suchbild 2: Auch hier ist ein Künstler versteckt.

Sicherheits-Check am Eingang. Das Gericht ist das offenste der drei Gebäude. Vielleicht vermutet man, dass Schurken sich eher das Weiße Haus oder den Kongress für ihre Schurkereien aussuchen. Wir kommen gerade zur rechten Zeit. Man darf den Verhandlungssaal betreten und wir hören einen kleinen Vortrag. Ich lerne:
- Im Gegensatz zum deutschen Rechtssystem, wo Teile des Bundestags oder des Bundesrats Gesetze relativ häufig auf ihre Verfassungsmäßigkeit prüfen lassen oder auch unter bestimmten Umständen das Gericht direkt angerufen werden kann, gibt es solche Original Cases nur ein bis zwei Mal pro Jahr.
- Ca. 10.000 Fälle werden jedes Jahr eingereicht. Verhandelt werden ca. 80. Entschieden wird darüber aber anscheinend nicht auf juristischer Grundlage (Zulässigkeit der Klage), sondern nach Gutdünken.
- Jedem Richter sind zugeordnet: 1 secretary, 1 aide, 4 clerks.
- Für die mündliche Verhandlung ist genau 1 Stunde vorgesehen. Jede Seite bekommt 1/2 Stunde zugesprochen. Rederecht haben allein die Richter und die Anwälte der jeweiligen Seite, wenn sie denn gefragt werden.
- Ein theoretisches Impeachment gegen einen Obersten Richter hat es bisher noch nicht gegeben.
- Taft war der einzige Oberste Richter, der auch schon das Präsidentenamt innehatte. Er war es auch, der (erst 1928!) den Bau des Gebäudes veranlasst hatte.
- John Marshall war es, der dem Supreme Court die zentrale Bedeutung verschaffte, nämlich das Recht, verfassungswidrige Gesetze zu kippen.
Fotografieren darf man hier nur außerhalb des Verhandlungssaals. Warum bin ich nicht Schnellzeichner geworden!

Das Café ist geschlossen. Der Souvenirshop wartet auf unsere Dollars. Ich widerstehe der Versuchung, einen richterhammerförmigen Bleistift zu kaufen. Aber die Supremes' Greatest Hits - eine Sammlung von Fällen, die die Gesellschaft der USA veränderten, sind jetzt meine. Im Buchladen hätte ich mir das wohl nicht gekauft.
Man kann bei diesem Wetter nicht genug kriegen von der Stadt. Schöne Menschen, freundliche Touristen, Stadtangestellte - jeder mit einem Lächeln im Gesicht. Es ist Sommer. Wem kann man bei diesem Wetter böse sein.


Bilderrätsel Nr.3: Erkenne die Religionen!

Auf dem Weg zum Weißen Haus kommen wir vorbei am Haus der Presse. Erinnerung an Ostblock-Traditionen: Die Wandzeitung. Hier ist für die jeweils größte Zeitung aus jedem Bundesstaat ein Schaufenster reserviert. Der Ami liest wesentlich weniger Zeitungen, und die Zeitungsverlage sind noch mehr monopolisiert als sie es in Deutschland sowieso sind. Bis auf die wirklich großen kann sich kaum mehr eine Zeitung Überseekorrespondenten halten. Die Nachrichten werden zusammengesetzt aus dem, was die Agenturen melden.

Das Weiße Haus. Wir sind erst auf der falschen Seite, also dort, wo Michelle den Öko-Garten angelegt haben muss. Die Eichhörnchen werden durchgelassen. Sind wohl was besseres. Auf der Vorderseite erwartungsgemäß die Touristen in Massen. In einem Abstand von vielleicht 60 Metern ein Dauerdemonstrant, der das Ende aller Kriege fordert. Bärtig, tätowiert, kariertes Hemd. Vorsichtig nähere ich mich seinem Stand, ohne zu viel Interesse zu demonstrieren, will nicht in ein Gespräch gezogen werden. Ich begnüge mich damit, ihm zuzuhören, wie er jemand anderen belehrt: "Our guy" (gemeint ist Obama) ist schon in Ordnung, aber die anderen ruhen nicht. Sie wollen ihn so schnell wie möglich loswerden. Wir müssen zusammen kämpfen. Er sei nur der Nachfolger jenes berühmten Vietnamveteranen, der hier jahrelang gezeltet hat. Der ist im März gestorben, und nun nimmt er seinen Platz ein. Er erinnert mit Bildern an die Schrecken, derer sich die USA schuldig gemacht haben - Hiroshima, Nagasaki, Vietnam, Bagdad. Er spricht ruhiger und klarer als man es von jemandem mit dieser Gesichtstätowierungsdichte erwarten würde.
Die U-Bahn. Ungeputzt, monströs, erinnert an die Sauna im Tempodrom. Ich sollte Steffi nicht jedes Mal, wenn sie von einer U-Bahn beeindruckt ist, erzählen, dass die in Moskau größer und schöner ist und die Rolltreppen mit einem Karacho runterdonnern.


Bilderrätsel Nr. 4: Welches berühmte...?
(Vervollständigen Sie das Rätsel)


Erschöpft mit Rachel zurück. Eine Zweiraumwohnung, die sie sich mit ihrer Mitbewohnerin teilt, in Arlington. Nicht gerade das Zentrum. Sie bezahlen zusammen 1.800 Dollar. Wie wohnen hier die Eisverkäufer, die für 8 Dollar pro Stunde arbeiten?


Gerda schläft schon.

Dienstag, 9. Juni 2009

22. April 2009

Die Debatte über die Wirtschaftskrise mutet an wie ein Kasperletheater. Mit einem Mal sind alle wieder Keynesianer, die Konservativen in Deutschland schauen gern auf den guten alten Ludwig Ehrhardt zurück, die Linken haben's schon immer gewusst, und nur ein paar versprengte Häuflein Marktradikaler behauptet, das Problem seien überhaupt nur die noch immer zu häufigen staatlichen Regelungen.
Das Wirtschaftssystem der Gesellschaft hat einen ungeheuren Drang zu expandieren, immer mehr gesellschaftliche Zusammenhänge werden ökonomisiert, d.h. zu einer Sache von Zahlungen gemacht. Wir können das beispielsweise im Gesundheitssystem ablesen: Wer brav seine Beiträge an die Krankenkasse zahlt (oder auch das Arzthonorar) glaubt oft, schon allein dadurch einen Anspruch auf Gesundheit erworben zu haben. Der Rat des Arztes, sich mehr zu bewegen, wird nicht mehr ernstgenommen. Ich habe bezahlt, also will ich gefälligst Tabletten, und zwar die besten, also die teuersten. (Der Placebo-Effekt teurer Tabletten ist enorm.) Ähnliches ließe sich fürs Erziehungssystem zeigen, teilweise auch für die Wissenschaft. Das politische System immerhin ist soweit immunisiert, dass Zahlungen an Politiker zumindest dann als Skandal angesehen werden, wenn sie mit konkreten wirtschaftlichen Entscheidungen verbunden sind. Wo hier die Schmerzgrenze liegt, ist unterschiedlich. In den USA wurde das Thema der "special interest" erst im letzten Präsidentschaftwahlkampf wirklich deutlich, allerdings finanzieren Großkonzerne und Verbände weiterhin die Wahlkämpfe von Abgeordneten. Und wer gerade mal mit 52% der Stimmen Abgeordneter geworden ist, der überlegt sich schon genau, wie er bei einem Gesetz zur Verschärfung des Waffenrechts stimmt, wenn die NRA ihm möglicherweise die finanzielle Unterstützung entzieht.
Der Expansionsdrang aber schwächt kurioserweise die Fähigkeit des Systems, sich seiner Funktion, Knappheit zu regulieren. Der Markt gilt seit den alten Ägyptern doch wenigstens als einigermaßen verlässliches Mittel. Verlässlicher als korruptionsanfällige Zuteilungen und z.B. jene Fünfjahrespläne, die zugleich verschwenderisch, ineffizient, visionslos und mangelbelastet sind.
Doch die Art und Weise, wie die Märkte operieren, wie sie organisiert sind, macht sie anfällig für gravierende Erschütterungen. Zunächst einmal in kurz- und mittelfristiger Sicht: Was in den letzten Jahren an Finanzderivaten entstanden ist und was diese gesamtwirtschaftlich als auch betriebswirtschaftlich auslösen, lässt sich vom einzelnen Wirtschaftssubjekt überhaupt nur noch begrenzt kalkulieren. Die immer wieder aufsteigenden und absehbar platzenden Spekulationsblasen sind vielleicht sogar ein noch schöneres Beispiel dafür, wie das Marktprinzip unterlaufen wird, welches ja so funktionieren soll, dass jeder Marktbeteiligte nach seinem Eigennutz handelt, und am Ende alle besser dastehen. Die Spekulationshypes drehen dieses Prinzip um: Jeder handelt für den Moment rational, am Ende ist alles schlimmer. Aber nicht nur für den Einzelnen, auch nicht nur für die verschiedenen, am Prozess der Finanzierung überbewerteter Investitionsgüter Beteiligter, sondern auch Individuen, die mit all dem überhaupt nichts zu tun hatten, also sagen wir: die Tochter des Angestellten eines Zulieferer-Unternehmens von Opel. Keynes hatte schon recht mit seiner Betonung der psychologischen Prozesse beim wirtschaftlichen Handeln. So wie es optische Täuschungen gibt, täuschen wir uns auch bei mathematischen Zusammenhängen, also den Grundlagen für finanzielles und wirtschaftliches Handeln. Schönes Beispiel: Man lasse eine Gruppe von Leuten bei kurzer Bedenkzeit von ca. 5 Sekunden das Ergebnis von 2x3x4x5x6x7x8 schätzen (Na? Schnell ein Selbstexperiment gefällig? Schätzen, und Ergebnis im Kopf behalten), eine Gegengruppe das Ergebnis von 8x7x6x5x4x3x2. Die erste Gruppe wird sehr wahrscheinlich das Ergebnis wesentlich niedriger als die zweite Gruppe schätzen. Für das Ergebnis die grüne Fläche markieren.40320 Ein weiteres, eher ökonomisches Beispiel: Bei den Berliner Lesebühnen ist es üblich, dass die Autoren am Eingang ihre Bücher zum Verkauf anbieten. Interessant ist aber, dass die Zahl der verkauften Bücher abnimmt, je mehr verschiedene Exemplare angeboten werden - zuviel Wahlmöglichkeit hemmt den Käufer. Dennoch ist es für den einzelnen Autoren individuell gesehen rational, sein Buch auch noch hinzulegen, wenn da schon mehrere Bücher der anderen Autoren liegen. Wie bei der Überfischung von Gewässern muss der einzelne Fischer immer noch mehr zur Zerstörung der ökologischen Balance beitragen, wenn er nicht draufgehen will. Ähnlich wie bei optischen Täuschungen sind wir auch bei wirtschaftlichen Zusammenhängen oft nicht in der Lage zu lernen. D.h. wer eine wirtschaftliche Entscheidung trifft, wird sich wider besseres Wissen irrational verhalten, einfach weil es für ihn die rationalste Entscheidung ist.
Ich deutete es eben schon an - der Markt versagt nicht nur bei seiner mittelfristigen Aufgabe, Knappheit zu managen, sondern vor allem auch langfristig. Jeder weiß, dass das Klima bedroht ist von zu hohem CO2-Ausstoß, jeder weiß, dass die fossilen Brennstoffe zur Neige gehen. Doch dies drückt sich so gut wie gar nicht durch den Markt aus. Die kommenden Generationen sind als Marktteilnehmer nicht vorhanden, und selbst wenn - würden sie denn wirklich heute Energie sparen, um nächstes Jahr besser leben zu können? Welchen Zeitraum braucht der Markt in seiner jetzigen Organisiertheit, um auf Knappheiten reagieren zu können? Ich weiß es nicht, aber sicherlich weniger als 10 Jahre. Selbst der wirtschaftsliberalste Liberalo wird konzedieren, dass es keinen schrankenlosen Markt geben kann. Schon die rechtliche Bindung eines Kaufvertrags erfordert den Staat, der notfalls die Vertragspartner zur Erfüllung bzw. Haftung zwingt. Die Frage ist nur - was soll politisch reguliert werden undwie soll der Staat regulieren?
Man könnte sich darauf verständigen, dass es einer Regulierung dort bedarf, wo die Risiken des wirtschaftlichen Handelns derartige Ausmaße angenommen haben, dass sie die Gesellschaftssysteme, vor allem aber das Wirtschaftssystem als solches gefährden. Ob die Beschränkung der Managergehälter da so ein gutes Mittel ist, möchte ich bezweifeln. Das ist nur eine Placebo-Pille für die Sozialdemokraten, die das irgendwie ungerecht finden, dass jemand so dermaßen viel Geld kassiert. Wichtiger wäre es aber, von der anderen Seite zu beginnen, nämlich Vorstände und Manager wieder in größerem Maße für ihr wirtschaftliches Handeln haftbar zu machen. Aber auch dies reicht nicht aus, denn wir stünden höchstwahrscheinlich vor demselben Schlamassel, denn sie handelten ja oft (s.o.) rational, im Rahmen der Möglichkeiten. Die Spekulation mit hochriskanten Finanzprodukten muss eingeschränkt werden. Diese Risiken sind kaum überschaubar und lösen gleichwohl gigantische Erschütterungen aus.

Schön anschaulich für den amerikanischen Immobilienmarkt, dieser kleine Zeichentrickfilm.
 

Außerdem müssen die Knappheiten, über die das Wissenssystem der Gesellschaft (=Wissenschaft) früher bescheidweiß, auf den Monitoren des Wirtschaftssystems sichtbar werden. Das Allerdümmste hier sind Appelle der Politiker, die niemandem etwas nutzen außer den Politikern. Was soll also ein Auto-Hersteller mit dem Appell anfangen, ausstoßärmere Autos zu produzieren? Bestenfalls wird er sagen: Schön und gut, aber wir sind ja keine Wohlfahrtsorganisation, sondern wir wollen Autos verkaufen, und der Verbraucher ist eben nicht bereit, mehr Geld für CO2-arme Autos zu bezahlen. Der Politiker kann wiederum auf die bösen Automobilhersteller mit dem Finger zeigen, der einfach nicht auf die wohlmeinenden Appelle hören will (ähnlich wie der böse, böse Manager, der ja so gierig ist). Schön für den Politiker, dessen Gewissen sauber bleibt, den er hat ja schließlich appelliert.
Die einzige Sprache, die das Wirtschaftssystem versteht, sind Zahlungen bzw. rechtliche Vorschriften des wirtschaftlichen Handelns. Die Politik hat also zwei Möglichkeiten - entweder über steuerliche Anreize bzw. Belastungen der Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen oder über rechtliche Vorschriften die Wirtschaft um einige Handlungsoptionen zu berauben - die Produktion ökologisch schädlicher Produkte, die riskante Jonglage mit explosiven Finanzpäckchen. Bzw. umgekehrt das gewünschte Ergebnis zu stimulieren.
Jeder Bürgermeister muss sich in einem einigermaßen funktionierenden politischen System der Wahl stellen. Und doch steht außer Frage, dass die Handlungen des Vorstands der Deutschen Bank schon jetzt oft gravierender sind als die des Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes. Das Wirtschaftssystem wird durch die andauernde Auslagerung seiner Kosten und der Privatisierung der Gewinne af Dauer delegitimiert. Dazu später mehr.

Dan Ariely über unsere Selbsttäuschungen: Are we in control of our decisions?
 

***

Morgenimprovisation mit Stephen. Ich improvisiere am Gitarrenbass von Greg über das Riff von "Forest" von The Cure. Wahrscheinlich das erste Mal, dass ich mit Stephen musikalisch improvisiere.
Noch einmal spaziere ich durch die Wohnung. Hochzeitsfoto von Leslie und Stephen - schöne 70er Hippies.
Auf der Fahrt in die Stadt muss Stephen noch ein Päckchen bei der Post abgeben, die Poststation ist das einzige Gebäude in diesem Ortsteil. Wie im Western. Wir warten im Auto. Als Stephen wieder herauskommt und uns weiterchauffiert, wirkt er nachdenklich. Dann rückt er mit der Sprache raus: Die Post-Dame ist so scheißfreundlich zu ihm, das er es kaum ertragen kann. Er vermutet, das habe damit zu tun, dass er im letzten Jahr für Obama geworben hat, während sie eine stramme Republikanerin ist. Ich frage, ob es Steve lieber wäre, wenn sie unfreundlich zu ihm wäre. Er zuckt die Schultern. Ein wirkliches Dilemma für einen Buddhisten.
Schon am Vortag spiele ich in Stephens Auto mit einem unglaublichen Gerät - dem Kaossilator. Der Kaufreiz liegt nahe. Aber es ist ja doch so, wie Stephen es in seinem Buch schon beschrieben hat - wir glauben viel zu oft, dass uns zur künstlerischen Perfektion noch dieses Instrument oder jenes Gerät fehlte, aber es sind immer wir selber. Ich will mich nicht schon wieder mit einem Kaufakt beruhigen und mir dadurch einreden, ich wäre der kreativen Vervollkommnung dadurch näher. Besser wäre es da schon, Klavier zu üben. Heute im Auto Kurt Schwaen. Wer weiß - vielleicht das erste Mal, dass dessen Musik in Virginia erklingt.
Gegen Mittag in der Stadt, um die Uni zu besichtigen, die von Jefferson entworfen wurde. Jefferson, so verstehen wir allmählich, war ein Tausendsassa, der sich mit allem beschäftigte, was ihm unter die Finger kam, und alles wurde gut. Ähnlich wie bei uns Goethe. Und beide hatten eben auch ihre Spezialgebiete. Über Goethe den Politiker wollen wir heute gar nichts mehr wissen und seine wissenschaftlichen Beobachtungen dienen eher der Dekoration seiner Literatur als umgekehrt.
Jefferson also war einer von drei verschiedenen Präsidenten, die in Charlottesville, Virginia gelebt haben. Unter Wikipedia ist als einziger mir einigermaßen bekannte lebende Promi Stephen Malkmus genannt.
An der Tankstelle. Stephen steigt zum Tanken und Bezahlen aus. Vor uns ein höchstens Sechzehnjähriger, der den Tank eines Geländewagens auffüllt. Unglaublich. Ich filme ihn, und als er in unsere Richtung schaut, drehe ich die Kamera weg, so als wäre das weniger auffällig, ähnlich dem peinlich berührten Wegschauen.

 

Noch einmal Improvisieren mit Mecca & Brad. Sie wollen Playback Theater aufführen. Eine Gruppe von Militärs. Am Anfang wird das ethische Problem diskutiert. Was sollen wir schon dazu sagen? Entweder man hält es für einen Job und lässt sich kaufen oder es ist inakzeptabel. Aber wo liegt die Grenze?
Wir hatten Playback Theater vor ein paar Wochen schon in Berlin gesehen. Die Schwierigkeit liegt wohl darin, die Geschichten der Zuschauer ernstzuehmen und nicht im lustigen Einerlei abzurutschen, was hier besonders heikel ist, da die Zuschauer sich ja sehr öffnen, andererseits darf es nicht zu pathetisch daherkommen. Einen Riegel schieben hier in gewisser Weise die strikten Formen vor, die sowohl Kaspereien ausschließen als auch fettes Pathos. Dennoch fehlt mir etwas bei dem, was ich sehe. Eine Spannung, eine künstlerische, schauspielerische Kraft. Mir scheint, die drei lassen sich etwas zu sehr vereinnahmen von dem, was sie hören, interpretieren schon zu viel hinein, sind zu betroffen, Fokus fehlt. Im Grunde müsste man als Schauspieler das brechtisch angehen, in dem Sinne, das man fast emotionslos darstellt, oder selbst die Emotionen eher "zeigt", nur eben ohne den didaktischen Besserwiss-Gestus. Auf jeden Fall ist diese Form auch künstlerisch interessant - einmal wegen ihrer Abstraktionen, zum anderen wegen der sehr speziellen Einbindung des Publikums. Es erfordert eine schwierige Balance zwischen unbedingter Hingabe und Zurücknahme des Ego, also künstlerische Tugenden.
Leslie hat sich beim Karate ausgepowert. Nun ein Abschiedsessen zu viert in einem wunderschönen Restaurant. Nur die Musik nervt wieder mal. Ich wende nochmal meinen Trick an, bei der Kellnerin die Musik zu loben, mich danach zu erkundigen, und erst dann zu bitten, sie trotzdem leiser zu machen. Leslie und Stephen erklären mir, bei welcher Internetradiostation ich diese Art von Musik finden könne. Sie lachen, als ich ihnen erkläre, dass mir die Musik doch schnuppe ist, solange sie hier leise gespielt wird.
Man empfiehlt uns:
Film: The Impostors
Die Sci-Fi-Bücher "The gone-away war" von Nick Harkaway
                "Snowcrash" von Neil Stephenson.
Am Abend herzliche Verabschiedung von Leslie.
Alle sind wir müde. Aber ich gehe noch mal die Bücherreihen durch. Mindestens vier Meter Science Fiction Shortstories. Und unwillkürlich denke ich das, was ich sonst belächle, wenn ich das gefragt werde: "Hat sie die wirklich alle gelesen?"

 

Montag, 8. Juni 2009

21. April 2009

Montag, 21.4.09

Die ersten Vögel zwitschern um fünf Uhr morgens. Angenehme Morgendämmerung, aber ich habe noch zu wenig geschlafen. Im halben Dschumm weiß ich, dass mich trotz des wohligen Ausschlafens etwas bedrückt. Ich öffne die Augen, und es fällt mir wieder ein. Gerda im Rucksack in Philadelphia. Steffi ist ruhiger als ich, sie geht davon aus, dass man uns den Rucksack hinterherschickt. Aber was wenn nicht? Dieses Kuscheltier hat so ein Eigenleben entwickelt, dass wir es wie als eigenes Wesen empfinden. Es wäre undenkbar, einen ähnlichen oder selbst einen produktionsidentischen Steiff-Pinguin zu kaufen und für sich selbst zu behaupten, das sei Gerda. Zum ersten Mal verstehe ich das Leid von Kleinkindern, wenn sie am überfüllten Strand - die Mutter drängelt - den zerkauten Teddy beim Anziehen fallen lassen und erst nach einer Stunde schreiend den Verlust bemerken. Die Vorwürfe, es solle ihm eine Lehre sein, besser aufzupassen, helfen überhaupt nichts. Eine Stunde liege ich wach, bis ich wieder in einen oberflächlichen und unruhigen Schlaf sinke.

Ich bin natürlich der Erste beim Aufstehen. Auch Leslie ist schon wach. Brühe mir den Kaffee "türkisch", für Amerikaner eine Horrorvorstellung. "The crumbs!" Toast.
Was für ein Luxus, in diesem Haus leben zu dürfen. Stephen und Steffi stehen auch auf. Mumbo-Mumbo.

Ein Spaziergang durch den Wald und die Umgebung. Wir scherzen, dass wir, wenn wir Rentner sind, einen Antrag auf Greencard stellen und dann nach Virginia ziehen.
Wir nähern uns einem Nachbargrundstück. Die Hunde kommen angesprungen und bleiben zehn Meter vor uns wie verhext stehen. Stephen klärt uns auf: Hier verläuft ein elektronischer Zaun. Die Hunde haben ein Halsband, das irgendwie mit dessen Frequenz gekoppelt ist, und wenn sie sich dem unsichtbaren Zaun nähern, bekommen sie einen kleinen Stromschlag. Ein Gespräch mit einem Freund über Kunst und Politik unter freiem Himmel, die Frühlingssonne scheint am Morgen. Kann es einem besser gehen?

 

Wir kommen zurück, und kurze Zeit später klingelt es an der Haustür. Das Auto fährt sehen wir nur davonfahren. Es hat etwas abgeliefert. Ein roter Rucksack. Die Erleichterung bricht sich Bahn durch unsere Tränendrüsen.

 

Nun ist sie zurück. Und ganz die Dame, die sich jeder Situation anpasst, stellt sie sich in den Mittelpunkt buddhistischer Verehrung.

 

 

Mittag nach Charlottesville. Wir treffen zwei Improvisierer, mit denen Stephen am Vorabend eine Jam-Session verabredet hat. Man ist freundlich und doch checkt man einander vorher im Restaurant ab. Geht es überhaupt anders? Wir wollen miteinander improvisieren, also kann es mir helfen zu erfahren, welchen Hintergrund, welche Vorlieben, Stärken meine Mitspieler haben. Wir versuchen, kurz zu beschreiben, was wir so treiben. Aber schon die Erwähnung von Comedy und Keith Johnstone bringt einen Ausdruck auf ihre Gesichter, der so was sagt wie: "Ach so, alles klar, dieser Klamauk also." Wörtlich sagen sie nur, dass sie früher so etwas auch gemacht haben. Jetzt würden sie sich eher an Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" orientieren. Sie beschreiben, dass sie Improtheater zu Coaching- und therapeutischen Zwecken nutzen. Ich frage sie, ob sie Daniel Wiener kennen, sie sind erstaunt, dass der mir ein Begriff ist. Und ich merke, dass das ganze Gespräch über Namedropping zu funktionieren scheint. Stephen und Steffi halten sich eher zurück. Ich erwähne noch Deniz Döhlers "Improv for Autism"-Projekt. Sie scheinen sehr interessiert, und dass wir uns damit beschäftigen, scheint wieder auszubügeln, was wir uns durch unser Komiker-Image versaut haben.


So sehr ich Fasching hasse, im Backstage probieren ich auch mal eine Maske.

Ans Werk. Ein Ball, eine Loopstation, eine Flöte, Stephens Geige, der eigene Körper, die eigenen Stimmen. Der Tänzer, die Therapeutin, der Musiker, die beiden Schauspieler. Was herauskommt, ist vielleicht nicht unbedingt als "künstlerisch wertvoll" zu bezeichnen, aber es ist nach all den zielgerichteten Proben auch mal wieder gut, einfach zu galumphieren. Sollte man nicht auch in Berlin mal wieder etwas offenere Jam-Sessions betreiben?
Ausgepowert zurück. Die Söhne von der Schule abholen. "Mumbo-mumbo!" "Dad, please!"
Der Hund der unmittelbaren Nachbarn nähert sich uns friedlich. Ich übe mich in Hundefriedfertigkeit, eine meiner Aufgaben für 2009. Er folgt uns wie damals der coole kleine Hund in Mallorca.

 

Den Abend verbringen wir mit Leslie und Greg, der sich nach einer Weile mit Gerda anfreundet und sich vor Lachen über Gerdas Tanzvideo fast bepisst. Leslie sagt uns, dass er auch einen Pinguin hat, was ihm natürlich peinlich ist. Aber holt ihn dann doch hervor.

Leslie erklärt uns ihren Hang zu SciFi-Literatur: Ihre Arbeit ist mit Leid verbunden, da will sie in der Kunst keinen Realismus. Sie empfiehlt mir mehrere Bücher. Ich bin unsicher, ob es die richtigen sind. Wenn schon auf den ersten Seiten Roboter oder Außerirdische die Protagonisten sind, habe ich schon keine Lust mehr.
Es wird spät und Leslie switcht sachte von der ernsten Unterhalterin zum albernen Gespräch mit Gerda.

Freitag, 5. Juni 2009

20.4.2009

Montag, 20.4.09

0.30 Uhr nachts. Ich rufe in Schildow an (+7 Stunden), hoffentlich nicht zu früh. Glück gehabt. Mutter ist gerade mit dem morgendlichen Zähneputzen fertig. Ich bin der erste Anrufer, nach dem Klang der Stimme meines Vaters zu urteilen aber glücklicherweise nicht der erste Gratulant. Zum ersten Mal bin ich der erste Anrufer, und das erste Mal, dass ich sie deshalb aus dem Ausland anrufe. Ist dieser Freude ein Vorwurf beigemengt? Wie kompliziert Familienbeziehungen doch sind. Wie unfrisch man zu kommunizieren gezwungen ist oder anders gesagt - die Frische muss man sich erobern.
Müde aber einigermaßen konzentriert stehen wir auf.
Mit David an der U-Bahn-Station. Man darf hier eigentlich nicht halten, also sind wir zur Eile gezwungen. Der Abschied herzlich und kurz, so wie ich es mag. Ein Grauen sind mir Abschiede in der Tür, Händeschütteln, dann noch mal fünf Minuten Smalltalk, ein weiteres Umarmen, in einer Extremsituation habe ich gesehen, wie sich der Abschied 50 Minuten hinzog, gerechnet ab dem Schuheanziehen und der ersten Verabschiedung. Es ist noch morgendlich kühl, wir fahren entspannt zum Flughafen.
Dort ein wenig unruhig, das Einchecken mit dem elektronischen Ticket etwas komplizierter als gedacht. Für jedes Gepäckstück noch mal 20 Dollar nachzahlen. Stand bestimmt im Kleingedruckten. Nimm gelassen hin, was du nicht ändern kannst, denke ich. Am Sicherheits-Check wird diesmal Steffi durchleuchtet. Sie nimmt es persönlich. Es wird ein langer Flugtag, wir nutzen jede mögliche Minute aus, die wir nicht im Flugzeug verbringen müssen und steigen als letzte ins Flugzeug. Ein Fehler. Wegen der 20-Dollar-pro-Gepäckstück-Regel haben die meisten Reisenden ihre Koffer als Handgepäck deklariert, was man ihnen durchgehen lässt. Pech für Steffi, die ihren kleinen Rucksack nicht mehr ins Gepäckfach gestopft kriegt. Unter den Sitz auch nicht. Wir sitzen getrennt, Bevor ich ihr Hilfe anbiete, bittet Steffi die Stewardessen um Unterstützung, diese wirken eher gestresst, und da wir die letzten sind, haben wir sicherlich auch keinen Stein bei ihnen im Brett. Mit den Worten "Der kommt nach hinten" trägt sie ihn fort. Wir zucken kurz auf, schauen uns in die Augen und wissen, dass wir dasselbe denken: Gerda!
Ich würde es eher riskieren, dass mein Computer wegkommt, als dass Gerda irgendwo verlorengeht. Was soll schon passieren, beruhigen wir uns, obwohl wir nicht wissen, wo die genervte Trulla den Rucksack hingebracht hat.
Wir heben ab nach Philadelphia. Blättere in "Audacity of Hope" und kann mich nicht konzentrieren. Dann muss es der Walkman tun. Schostakowitsch, Händel, Mozart. Und ein bisschen Schlaf kann auch nicht schaden.
Landung. "Sollen wir das Handgepäck, das sie vorhin weggetragen haben, hier abholen oder wird das automatisch mit nach Charlottesville verladen?" Sie bestätigt letzteres mit der Selbstsicherheit einer Stewardesse, aber hinter ihren Augen glaube ich lesen zu können, dass sie sich nicht an den roten Rucksack erinnert.
Regen in Philadelphia. Diesmal beeilen wir uns bei Umstieg. Eine Propellermaschine. Erinnere mich nicht, je mit so etwas geflogen zu sein. Die ewigen Anschnall- und Sicherheitsansagen. Ist man immer noch genervt davon, wenn man wöchentlich oder gar täglich fliegt? Oder kann man dann schon einen Sport daraus machen, die Unterschiede herauszufinden. Wie weit gehen die Stewardessen bei der Demonstration der Atemmasken? Werden Notbeleuchtungen angesagt. Lächeln sie beim Demonstrieren? Schnallen sie sich die Schwimmwesten tatsächlich an und demonstrieren das Pusten? Entfällt das alles und wird nur als Video gezeigt, möglicherweise dort mit diesen seltsam schwerelos wirkenden computeranimierten Androiden?
Der Lärm ist unglaublich, und man kann es sich kaum vorstellen, dass die früher alle so geflogen sind. Die armen Stewardessen in diesen Maschinen. Sie glaubten, einen attraktiven Job ergattert zu haben und arbeiten in einer akustischen Atmosphäre die der eines Stahlwerks gleicht. Die Aufforderung, das Handy und andere electronic devices auszustellen wirkt bei diesem Flugzeug wie die Aufforderung eines Ochsenkarrenlenkers sich anzuschnallen.

 

Virginia. Der Flughafen ist hübsch übersichtlich. Der zweitkleinste nach Sunyani vielleicht.

Stephen Nachmanovitch wartet bereits auf uns. Es ist, als schließe sich der Kreis. Vor sechs Jahren habe ich sein Buch in Chicago entdeckt, mich in es verliebt, dann Jahre damit verbracht, einen Verlag zu finden, es übersetzt, dann kam er nach Berlin, um es zu promoten, und nun besuche ich ihn. Wie ein Jungenstreich fühlt es sich an.
Der rote Rucksack - weg. Ich versuche, die Ruhe zu bewahren, warte mit unseren Koffern an der Gepäckausgabe. Stephen und Steffi bequatschen eine Angestellte. Zum Glück tun sie es, ich würde mich wahrscheinlich zu Aggressionen hinreißen lassen. Stephen schüttelt wissend den Kopf: "Philadelphia is a nightmare." Jedes zweite Gepäckstück käme dort abhanden (Mir bleibt fast das Herz stehen.), werde aber nachgesandt, wir bräuchten uns nicht zu beunruhigen. Vor zwölf Jahren ging bei Greyhound mein großer Rucksack verloren, mit Taschengeld und Pass stand ich dann in New Orleans und musste klarkommen. Damals sagte ich mir, ich lasse mir meine Reise nicht von diesem Problem verderben. Diesen Ansatz versuche ich jetzt auch, aber es ist schwerer. Während wir in den Toyota einsteigen, fällt es mir schwer, mich auf Stephens Fragen zu konzentrieren. Meine Gedanken schweifen ab zu Gerda. Es lässt sich anderen kaum erklären. Sie ist für uns eine Persönlichkeit - völlig unberechenbar - Trösterin, Gefährtin, Lehrerin, eigensinnige Tante. Ich konzentriere mich dann doch. Steffis Gelassenheit färbt ab. Plaudern über Charlottesville, Steves Söhne, seine Frau, Jefferson, das Buch, die kommenden Tage. Wir holen Jack von der Schule ab. "Hi Dad!" "Was gab's in der Schule?" "Nichts." Stephen stimmt sein "Mumbomumbo" an. "Dad, please!" Dabei ist es die Funktion von Eltern, peinlich zu sein.
Ohrenstöpsel rein, und das Musikhören wird zum Mittel des Grenzenziehens - man muss nicht kommunizieren, man muss sich nicht rechtfertigen, man hört ja Musik. Der arme Jack hängt fest im Vorort von Charlottesville. Er kann keine zwei Kilometer von dort weg, denn dafür bräuchte er ein Auto. In einem Jahr, wenn er Sechzehn ist, macht er den Führerschein.
Das Haus ist unglaublich. Es liegt leise am Wald. Abgelegen, aber immerhin noch so, dass man die Nachbarn sieht. Die Zimmer sind wie von einem Feng Shui Meister angeordnet. Eine hohe Decke, man will tanzen. Die amerikanische Wohnküche geht in ein Esszimmer und dieses in ein Lesezimmer über. Außerdem haben beide Söhne einen eigenen Raum, die Eltern ein Schlafzimmer, Stephens Frau ein eigenes Schlaf- und Arbeitszimmer, außerdem einen Leseraum, es gibt einen Meditationsraum, Stephens Büro und Stephens Musikzimmer, einen Leseraum mehrere Badezimmer, einen Wintergarten, in dem das Kaninchen lebt, eine große Terrasse und bestimmt ein oder zwei Zimmer, die ich jetzt vergessen habe. Alles ist wunderbar angeordnet, angenehme Farben, Licht strömt herein, man fühlt sich in jedem Zimmer wohl. Teppiche, indische Buddhas stehen überall herum und signalisieren, welchen Weg die Söhne mal nicht nehmen werden.
Der Tag klingt angenehm mit der Familie aus. Wir sind groggy und wollen zeitig schlafen. Unser Schlafzimmer quillt über mit Science Fiction Literatur. Der werde ich mir wohl an einem anderen Abend als Schlaflektüre widmen. Mir fällt es immer leicht, einzuschlafen, in weniger als zwei Minuten, manchmal in nur zehn Sekunden, bin ich weggetreten. Heute nicht. Ich bange um Gerda.