Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 27. Januar 2010

271. Nacht b)

Kantinenlesen-Essen mit Uli Hannemann Ahne, Hans Duschke, Jakob Hein, Anselm Neft, Stefanie Winny, Falko Hennig, Robert Rescue, Frank Sorge, Bohni, Micha Ebeling, Volker Strübing, Volker Surmann, Ivo Smolak und Kirsten, Lea Streisand, Kirsten Fuchs, Daniela Böhle, Paul Bokowski. Heiko Werning, Thilo Bock, Michael-André Werner, Sarah Schmidt, Manfred Maurenbrecher. Im persischen Restaurant Sufissimo. Gutes Essen, nette Bedienung, ein wenig Slowfood-Tradition, durchaus empfehlenswert. Kein einziger Wein wurde verkauft. Im letzten Jahr noch mehr Freundinnen dabei. Die Kellnerinnen tun einem leid, weil bei uns reflexartig jeder zu seiner Bestellung noch einen lustigen Spruch glaubt machen zu müssen oder an der eigenen Entscheidungsunfähigkeit (es gibt nur 4 Gerichte) scheitert. Aber Mascha verliert den ganzen Abend über ihr Lächeln nicht. Mit einigen kommt man dann doch nicht ins Gespräch. Aber ich habe mir abgewöhnt, bei solchen Feiern mich verpflichtet zu fühlen.
Ein Lesebühnen-Gruppenfoto kommt nicht zustande. Ein bis auf zwei Autoren fast komplettes hätten wir auf Steins Beerdigung schießen können, selbst aus alten Zeiten waren noch Kollegen da. Die Chance gibt es wahrscheinlich (oder sollte man sagen "Hoffentlich"?) nicht so schnell wieder.

Ingeborg Junge-Reyer ist der Name jener Sozialdemokratin, deren Aufgabe es ist, für eine angemessene Stadtentwicklung in Berlin zu sorgen. Zum Thema Gentrifizierung fällt ihr allerdings nur ein, dass es doch gut sei, wenn in ein Haus, in dem sonst nur Arbeitslose wohnen, jemand einzieht, der einen Job hat. Anscheinend bezieht die Dame ihr Wissen über das Thema aus einer halbseitigen Zusammenfassung, die ihr ein Referent auf den Schreibtisch gelegt hat. Fazit: Man kann sowieso nichts machen.
Natürlich ist es begrüßenswert, wenn die Qualität der Häuser verbessert wird, wenn in einen armen Bezirk auch Wohlhabende ziehen, wenn es neben Eckkneipen auch Cafés gibt usw., aber ab einem bestimmten Punkt kippt es. Die Prognosen des guten alten Häußermann haben sich in dem Punkt bisher ziemlich bewahrheitet: Mietenexplosion in Mitte und Prenzlauer Berg. Massive Verdrängung der lange dort wohnenden Bevölkerung, teilweise sogar mit Gewalt. Aber von brennenden Dachstühlen, verstopften Schornsteinen, vermauerten Türen, abgestelltem Wasser lässt sich weniger knackig schreiben als von brennenden Autos.
Soviel zur Tagespolitik.

*

Es folgen: Zimmer aus Gold, Silber, Edelsteinen, köstliche Mahlzeiten, Sängerinnen, Tänzerinnen, Polster und

Kissen, die aus Stickperlen und altpersichen Geweben gearbeitet waren,

Gäste, Sklavinnen usw.

Sechs Monate flossen ihm so im Feenlande dahin, neben Perî Banû, der er in so zärtlicher Liebe zugetan war, dass er es auch nicht einen Augenblick ertragen konnte, sie nicht zu sehen. (...)
Doch nach einer Weile erwachte sein Gedächtnis aus dem Schlummer, und bisweilen ertappte er sich dabei, wie er sich danach sehnte, seinen Vater wiederzusehen.

Die großzügige Prinzessin gestattet ihm die Reise, obwohl sie vor Sorge vergeht. Unterdessen grämte sich natürlich Ahmeds Vater, und wie so oft kooperieren ein böser Wesir, der dem Herrscher einen Floh ins Ohr setzt, der Sohn könne etwas gegen ihn im Schilde führen und eine alte Zauberin, die sich zum Werkzeug des Bösen machen lässt. Sie findet zunächst heraus, dass Ahmed noch lebt. Cut! Unterdessen nimmt Perî Banû ihrem Gatten das Versprechen ab,

"dass du mit aller erdenklichen Eile hierher zurückkehren willst, und dass du mir nicht durch langes Fernsein schmerzliche Sehnsucht und banges Warten auf deine sichere Heimkehr verursachen wirst."

Natürlich darf er nichts vom Feenland erzählen. Sie gibt ihm noch zwanzig Ritter mit, und der grandiose Einzug in die Hauptstadt ist garantiert.

Dort ward er mit so lautem Jubel empfangen, wie man ihn noch nie zuvor im Lande vernommen hatte.

Als er sich seinem Vater nähert gibt er ihm ein redundantes Verlaufsprotokoll der Ereignisse, das wir uns hier sparen. Der Sultan bittet nun seinen Sohn, ihn einmal pro Monat zu besuchen. Als Ahmed nach vier Tagen zu Perî Banû zurückkehrt, gewährt sie ihm von nun an bedingungslose Reisefreiheit.
Als Ahmed zum zweiten Mal seinen Vater besucht, wird der Neid des Wesirs angestachelt:

"Niemand vermag zu sagen, woher der Prinz kommt und auf welche Art er sich solch ein prächtiges Gefolge verschafft hat."

Und wie es in dieser Art von Geschichten eben geht: Die Charaktere bleiben konstant. Psychologisierung oder gar Soziale Konditionierung entfällt. Er ist neidisch = er war neidisch = er wird immer neidisch sein.

Der König wird nervös und beauftragt die Zauberin, herauszufinden, wo Ahmed immer verschwindet, doch die Tür zum Feenpalast bleibt dem menschlichen Auge verborgen, also muss sie eine List anwenden und verkleidet sich als alte, kranke Bettlerin. Prinz Ahmed erbarmt sich ihrer und nimmt sie mit zur Pflege in den Palast.

Wieder einmal das Motiv der listigen Alten, die sich verkleidet einnistet. Fehlte nur noch, dass sie die Fromme mimt und alleingelassen werden will. Doch das bleibt uns diesmal erspart.

Perî Banû entdeckt den Schmu:

"Diese Frau ist nicht so krank, wie sie sich stellt, nein, sie übt Betrug an dir, und mir ahnt, dass irgendein Neider gegen dich und mich Arges im Schilde führt."

Mit einem Trunk aus der allheilenden Löwenquelle wird die Alte wieder auf die Beine gebracht und entlassen. Am Tor sieht sie sich um und findet den Eingang nicht mehr. Dem Sultan berichtet sie alles und stachelt ihn auf:

"Wer weiß, ob er nicht mithilfe von Perî Banû Zwietracht und Zwiespalt im Reiche hervorrufen wird? Hüte dich vor den Listen und der Tücke der Frauen."

Der letzte Satz entfaltet natürlich seine Ironie, wenn er von einer listigen und tückischen Frau ausgesprochen wird.

Den Rat seines Ministers, den Sohn hinrichten zu lassen, verwirft er, lieber will er ihn in den Kerker werfen lassen, aber die Zauberin rät ihm ab, da die Knappen von Prinz Ahmed schließlich Dämonen sind. Lieber möge er seinen Sohn "auf die Probe stellen" und ihn ein Zelt besorgen lassen, dass den ganzen Hofstaat aufnehmen könne. Daraufhin würde sie sich eine weitere Probe ausdenken, usw., bis er am Ende seiner Kräfte sei und endlich gedemütigt und beschämt sich nicht mehr in die Hauptstadt wagen.

Sonntag, 17. Januar 2010

271. Nacht a)

Diskussion bei der Chaussee, ob es sich lohnt, unsere Lotsen am Tor2 des RAW zu positionieren, solange wir im Skandal auftreten. Ist es peinlich und hirnverbrannt, wie die eine Fraktion meint, oder liebenswürdig und notwendig, wie die anderen sagen? Wie in der Mathematik kommt man der Sache näher, wenn man sich das Extrem der anderen Seite vorstellt: Man stünde umsonst am Tor oder es kämen wöchentlich Hunderte dort vorbei.
Indessen ignoriert uns de zitty im Programmteil, während sie uns in der vorigen Ausgabe noch mit einem Tagestipp bedachte.
Was die Immobilienspekulanten auf dem RAW nun vorhaben, ist unklar. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass 2007, beim Verkauf des Geländes nur der offizielle Preis gezahlt wurde (obwohl doch die Immobilien- und Baubranche doch sonst als so sauber gilt.)
Trenne mich nun von 10 Jahrgängen "Rolling Stone". Die New Noises CDs klingen für mich von Jahr zu Jahr gleicher. Meine besten Entdeckungen der Nullerjahre habe ich aber auch diesem Heft zu verdanken: Fiona Apple, Laura Veirs, The Strokes. Es sieht nicht so aus, als würde ich mehr als 1 Euro pro 12 Hefte bei Ebay dafür bekommen.
Kuriositäten bei Facebook: Ich soll Fan einer Künstleragentur werden, die sich nicht mit ihren Künstler rühmt, sondern damit, dass sie wirbt. Wieder eine Freundschafts-Anfrage eines ausländischen Künstlers, der mich mit Daniel Richter aus Hamburg verwechselt.
Grob fahrlässige Körperverletzung im Pflegeheim. Aber man zögert, Anzeige zu erstatten, aus Angst, der geliebten Verwandten könne dann noch übler mitgespielt werden. Alternativen: Keine; denn es ist eines der teuersten und am besten ausgestatteten Heime der Gegend, und die Schlamperei und der Zynismus des Pflegepersonals dem Vernehmen nach überall gleich.

*

Ahmed geht wieder eines Morgens den Pfeil suchen.

Wie er so überall suchte, sah er, nachdem er schon etwa drei Parasangen weit gegangen war, den Pfeil flach auf einem Felsen liegen.

Wieviel das sein mag, darüber wird noch gestritten. Wahrscheinlich zwischen 5 und 10 km.

Er entdeckt, dass der Pfeil nicht steckt, sondern abgeprallt war.

Darauf bahnte er sich einen Weg zwischen den spitzen Klippen und den großen Blöcken und kam alsbald zu einer Höhle im Boden, die in einen unterirdischen Gang auslief.

Bis er schließlich an einem unterirdischen Palast landet.

Und alsbald trat aus dessen Inneren eine liebliche Maid, schön und voll Liebreiz, eine Feengestalt in fürstlichen Gewändern und über und über mit den kostbarsten Juwelen geschmückt. Sie schritt langsam und majestätisch dahin und doch anmutig und bezaubernd, umgeben von ihren Dienerinnen wie der volle Mond von den Sternen.

Na, auf so etwas wartet man doch! Die ganze Zeit wird der Leser in die Irre geführt mit irgendwelchen Abenteuern, die die Brüder zu bestehen haben, einer Cousine, die geheiratet werden soll, und nun kommt diese Beauty-Queen. Aber es kommt noch besser:

"Herzlich willkommen, Prinz Ahmed! Ich bin erfreut, dich zu sehen. Wie ergeht es deiner Hoheit, und weshalb bist du so lange mir ferngeblieben?

Nicht nur, dass sie seinen Namen weiß, sie führt ihn auch in den Palast, sie gibt sich ihm auch als Fee zu erkennen:

Du hast wohl in der Heiligen Schrift gelesen, dass diese Welt nicht nur eine Wohnstätte von Menschen ist, sondern auch von einem Geschlechte, das man die Geisterwesen nennt, die an Gestalt den Sterblichen ganz ähnlich sind.

Vielleicht ist diese Stelle gemeint: "In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer." (1. Buch Mose 6, 4)
Oder sollte sie sich auf die im Koran Dschinni erwähnten Dschinni beziehen?

"Ich bin die einzige Tochter eines Geisterfürsten von vornehmster Abkunft, und mein Name ist Perî Banû."

Sie war es, die den nicht weit genug abgeschossenen Pfeil entführte und vor ihre eigene Schwelle legte.

Also sprach die schöne Maid Perî Banû, indem sie mit dem Blicke sehnender Liebe zu Prinz Ahmed aufschaute; dann aber senkte sie die Stirn in züchtiger Scham und wandte den Blick ab.

Sie möchte ihn ehelichen, und erläutert dies mit einem erstaunlich emanzipierten Standpunkt der Feenwelt:

"Ich habe dir bereits gesagt, dass ich hierüber mit vollkommenster Willensfreiheit entscheiden kann. Zudem ist es bei uns Sitte und uralter Brauch, dass wir Mädchen, wenn wir das mannbare Alter und die Jahre des Verstandes erreichen, nach dem Gebote des Herzens uns vermählen dürfen, eine jede mit dem Manne, der ihr am meisten gefällt und von dem sie glaubt, er werde ihr das Leben am glücklichsten machen. So leben denn Mann und Frau ihr ganzes Leben in Eintracht und Glück. Wenn aber eine Jungfrau von ihren Eltern nach deren Wahl, nicht nach ihrer eigenen, vermählt wird, und sie so an einen Gefährten gekettet wird, der nicht der rechte für sie ist, weil er eine hässliche Gestalt oder ein hässliches Wesen hat und ihre Zuneigung nicht zu gewinnen vermag, dann werden die beiden wohl ihr ganzes Leben lang miteinander streiten, und Not ohne Ende wird für sie aus einer solchen unglücklichen Verbindung entstehen. (...)
Wir tun offen unsere Neigung dem Manne kund, den wir lieben, und wir brauchen nicht zu warten und zu schmachten, bis wir umworben und gewonnen werden."

Was die Bemerkung vom in züchtiger Scham gesenkten Blick Lügen straft. Jedenfalls kann Ahmeds Cousine Nûr en-Nahâr von solcher Wahlfreiheit nur träumen, denn gefragt wurde sie ja nicht.

Doch auch die Eheschließung erfolgt unkonventionell:

"Du bist mein Gemahl, und ich bin dein Weib. Dies feierliche Versprechen, das wir beide einander geben, steht an Stelle einer Eheurkunde. Wir brauchen keinen Kadi; den bei uns sind alle andern Förmlichkeiten und Zeremonien überflüssig und nutzlos."

Es wäre schön zu wissen, ob wir es hier mit der utopischen Phantasie einer weiblichen Erzählerin zu tun haben oder vielleicht eines männlichen, der sich vielleicht eine Beziehung auf Augenhöhe erträumt.

Sonntag, 10. Januar 2010

271. Nacht

Die Geschichte von dem Prinzen Ahmed und der Fee Perî Banû

Eine Fußnote des Übersetzers Littmann merkt an, dass diese Geschichte in der Kalkuttaer Ausgabe nicht vorkommt.

Ein König von Indien hat drei Söhne - Husain, Alî und Ahmed, die sich alle für ihre Cousine Nûr en-Nahâr interessieren. Da der König keinen von ihnen bevorzugen will, stellt er ihnen die Aufgabe, in die Welt zu ziehen. Welcher ihm das Sonderbarste brächte, der dürfe die Prinzessin Nûr en-Nahâr ehelichen.
Weitschweifend wird von den Reisen der Brüder berichtet, die gemeinsam losziehen und sich nach einem Jahr in einer Karawanserei wieder treffen wollen. Husain bringt einen fliegenden Teppich mit, 'Alî ein Fernrohr, das alles erkennt und Ahmed einen Apfel, der alle Krankheiten heilt, wenn man an ihm riecht.

Dies ist hier die erste Geschichte mit fliegendem Teppich!

Als sie sich nach einem Jahr wiedertreffen, schauen sie durchs Fernrohr nach Nûr en-Nahâr.

Diese Schlingel.

Aber die Prinzessin ist krank, also reisen sie per Teppich zu ihr, Ahmed lässt sie an seinem Apfel riechen und sie gesundet auf der Stelle.
Da nun alle denselben Anteil an ihrer Errettung haben, steht der Sultan vor demselben Problem wie zuvor. Nun müssen sich die Söhne im Pfeilweitschießen messen.

Das hätten sie im Grunde auch vorher tun können, nur wäre dann die Prinzessin nicht am Leben. Was aber den Leser irritiert ist die narrative Folgenlosigkeit der auf mehreren Seiten ausgebreiteten Erzählung der Reisen der Söhne. Sie steht im Grunde für sich und ist ohne Plotrelevanz.

Alî schießt den Pfeil weiter als Husain. Den Pfeil von Ahmed findet man nicht mehr. Also wird Alî verheiratet.

Prinz Husain aber wollte bei dem Hochzeitsfeste nicht zugegen sein, da er enttäuscht und von Eifersucht erfüllt war; denn er war der Herrin Nûr en-Nahâr mit einer viel heißeren Liebe zugetan als seine beiden Brüder. Darum legte er seine fürstlichen Kleider ab und zog im Gewande eines Fakirs von dannen, um als Einsiedler zu leben.

Lebensverneinung als Problemlöser. Erst extremer Schmerz scheint die Liebe zu beweisen - das Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten.

Der jüngste Bruder Ahmed verweigert sich auch dem Hochzeitsfest und sucht stattdessen den Pfeil.

 

Freitag, 8. Januar 2010

270. Nacht d) - Gesund und glücklich alt werden

Dan Buettners Vortrag über Regionen, in denen die Lebenserwartung extrem hoch ist, beunruhigt mich. Zusammengefasst, sind die Voraussetzung diese:
- andauernde Freundschaften
- geerdete Spiritualität
- überwiegend vegetarische und vielseitige Ernährung,
- natürliche Bewegung, d.h. die alltäglichen Handlungen sind bewegungsreich
- täglicher Lebenszweck - ein täglicher Grund, warum man aufsteht
- tägliche Ruhepause
- gute Familienbeziehungen und -traditionen
- mäßig essen und wenig Alk
- sich in gute Gesellschaft begeben.

 

Nur wenig davon beherzige ich. Vom meisten hat man sich frei gemacht. Einige Dinge muss man sich schwer neu erarbeiten. Wer überhaupt Mangel empfindet, ist auf Lebensberatungsliteratur, Therapeuten, Trainer usw. angewiesen, wenn er nicht das Glück hatte, die gesunden Traditionen der eigenen Community ungefragt weiterzuleben.

*

Am nächsten Morgen zeigt Mardschâna ihrem Herrn Ali Baba die toten Räuber in den Ölschläuchen und berichtet ihm, was geschehen ist.

Und zwar so, dass wir Leser auf zwei Seiten auch noch mal dasselbe erfahren.

Ali Baba schenkt zum Lohn der Sklavin Mardschâna die Freiheit. Die 38 toten Räuber werden im Hof begraben.

Es müssen also ursprünglich 41 und nicht 40 gewesen sein, wenn man den Hauptmann und die beiden von ihm getöteten Gauner hinzurechnet.

Der Räuberhauptmann indessen klagt nicht lange, sondern verkleidet sich erneut als Kaufmann, eröffnet auf dem Basar einen Laden, in dem er teure Edelsteine zum Verkauf anbietet.

Die Großen kamen zu ihm in Mengen, und die Kleinen begannen sich, um ihn zu drängen; er empfing die Menschen mit großer Zuvorkommenheit und behandelte sie mit Höflichkeit. (...) Und dabei war dies alles doch gegen seine Natur; denn er war innerlich roh und hart, von grober und rauer Art; er pflegte auf Mord und Raub zu sinnen, Blut zu vergießen und Beute zu gewinnen. Aber die Not hat ihre Gesetze, und sie zwang ihn zu solchem Tun.

Sein Laden befindet sich nun direkt gegenüber vom Laden des Sohnes Ali Babas, dessen Vertrauen er gewinnt. Bald lädt Ali Babas Sohn ihn zum Gastmahl ein. Dieser willigt ein:

"Ich will mich deinem Wunsche fügen und einkehren um der Freundschaft willen. Aber es geschieht nur unter der Bedingung, dass du kein Salz an die Speisen kommen lässest; denn ich habe die größte Abneigung dagegen und kann es weder essen noch auch riechen."

Der Hintergrund scheint zu sein, dass er selbst als Räuber das Gastrecht nicht verletzen will, dem er sich unterwirft, sobald er mit dem Gastgeber Salz geteilt hat.

Als Mardschâna, die die Männer bekocht, dies hört, wird sie zornig, doch als sie den Kaufmann sieht, erkennt sie ihn und greift wieder zu einer List.

Mardschâna trug ein Hemd von durchbrochener, alexandrinischer Arbeit, dazu eine Jacke aus königlichem Brokat und andere prächtige Kleider, und sie war mit einem goldenen Gürtel, der mit allerlei Edelsteinen besetzt war, geschmückt. Ihr Leib war schmal, und darunter wölbten sich ihre Hüften. Auf ihrem Haupt lag ein Perlennetz und um ihren Hals eine Kette von Smaragden, Hyazinthen und Korallen. Und darunter wölbten sich ihre beiden Brüste wie zwei Granatäpfel. Sie war mit Schmuck und schönen Kleidern geziert; sie glich einer Blume des Frühlings, und dem Mond in seiner Vollendung Nacht.

Sie tanzt eine Art erotisierten Dolchtanz, an dessen Ende sie schließlich den Räuber ermurkst. Nach kurzem Schrecken erklärt Mardschâna alles und zum Lohn wird sie an Ali Babas Sohn verheiratet.



Schließlich ward die Braut vor ihm entschleiert, er blieb mit ihr allein und nahm ihr das Mädchentum.

Nach einiger Zeit (Ali ist skeptisch, da er die zwei Räuber, von deren Tod er nichts weiß, vermisst), führt er seinen Sohn an den Berg und lässt ihn sich an den Reichtümern der Höhle bedienen.

So führten sie ein herrliches und glückliches Leben, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt und der die Freundesbande zerreißt, der die Schlösser vernichtet und die Gräber errichtet.

Eine schöne, wesentlich gründlichere Analyse, inklusive Versionsvergleiche findet sich bei Winfried Seibert.

Ende der Geschichte und des Zweiten Bandes

Mittwoch, 6. Januar 2010

270. Nacht c)

Bücher, die mich im Jahr 2009 davon abhielten, mich weiter in die Tausendundein Nächte zu vertiefen:

Alexander Solschenizyn: "Der Archipel Gulag"
Andy Goldberg: "Improv Comedy"
Barack Obama: "The Audacity of Hope"
Bill Lynn: "Improvisation of Actors and Writers"
Charna Halpern: "Art by Committee"
David Richio: "The Five Things We Cannot Change... and the Happiness We Find By Embracing Them"
Derren Brown: "Tricks of the Mind"
Dick Francis: "Comeback"
Giacomo Leopardi: "Gesänge und Fragmente/Canti e Frammenti"
Harlan Coben: "Hold Tight"
Ian McEwan: "Ein Kind zur Zeit"
Jo Salas: "Improvising Real Life: Personal Story in Playback Theatre"
Jochen Schmidt: "Schmidt liest Proust"
John Wright: "Why is that so funny?"
Jonathan Fox/ Heinrich Dauber (Hg.): "Playbacktheater"
Joseph Campbell: "Der Heros in tausend Gestalten"
Konstantin Simonow: "Die Lebenden und die Toten"
Maarten 't Hart: "Mozart und ich"
Manfred Geier: "Worüber kluge Menschen lachen: Kleine Philosophie des Humors"
Manfred Maurenbrecher: "Ich bin nicht da"
Manuela Ritz: "Die Farbe meiner Haut"
Martin Cohen: "99 moralische Zwickmühlen"
Patrick Lindsay: "Now is the Time"
Philip Zimbardo & John Boyd: "The Time Paradox"
Roger-Pol Droit: "Fünf Minuten Ewigkeit. 101 philosophische Alltagsexperimente"
Theodor Storm: "Beim Vetter Christian"
Theodor Storm: "Bulemanns Haus"
Thomas Harris: "The silence of the lambs" (zum wiederholten Male)
Tiki Kustenmacher: "How to Simplify Your Life"
William Shakespeare: "Ein Sommernachtstraum"
(plus diverses Abgebrochenes)

Auffällig: Der Mangel an original deutschsprachiger Literatur. Viel Impro- und Theaterliteratur. Romane lediglich: McEwan, Harris, Simonow, Coben, Maurenbrecher.

*

Die störrische Gattin des inzwischen von den 40 Räubern gevierteilten Bruders Kâsim wird mangels Alternativen eine Ehe mit Ali Baba in Aussicht gestellt. Die Sklavin Mardschâna sorgt sich inzwischen um die Leiche. Sie bestellt beim Apotheker Arzneien und lässt durchblicken, der Patient sei sterbenskrank. Dann geht sie eines morgens zu einem Schuster, der stets als erster seinen Laden im Basar öffnet, drückt ihm zwei Goldstücke in die Hand, verbindet ihm die Augen, führt ihn zu ihrem Haus und lässt ihn Kâsims vier Teile zusammennähen; zwei weitere Goldstücke sind des Schusters Lohn. So muss sich niemand übermäßig wundern, als Ali Baba den Tod seines Bruders verkündet.
Nach der gesetzlichen Frist heiratet Ali Baba seine Schwägerin. Und nebenbei erfahren wir, dass Ali Baba einen zwölfjährigen Sohn hat.

Was nicht recht zum Zeitplan der Story zu passen scheint. Wann soll er ihn gezeugt haben? Wohl kaum in der Zeit seiner Armut, die als "kurze Zeit" beschrieben wurde. Die Ereignisse danach könnten höchstens ein paar Monate umfassen.

Ali Baba übergibt seinem Sohn den Laden,

und er versprach auch, ihn zu vermählen, wenn es mit seinem Tun gut und erfolgreich stehe und wenn er den Weg des Rechtes und der Tugend gehe.

Der Erzähler wendet sich nun den Räubern zu, die argwöhnisch werden, als sie das Verschwinden von Kâsims Leiche bemerken. Der Hauptmann fordert nun seine Leute auf, die Städte zu durchforsten:

"Fragt, ob ein Armer reich geworden ist oder ob ein Erschlagener begraben ist."

Außerdem bräuchte man einen listigen Mann, der diese Stadt nach dem Widersacher durchforschen solle - mit großem Lohn bei Erfolg und mit Todesstrafe bei Misserfolg. Tatsächlich meldet sich ein Freiwilliger, dem zur Tarnung Kaufmannsgewänder angezogen werden und der sofort in die Stadt geht.

Wie nun? Eben sollte die Stadt erst noch gefunden werden? Und nun weiß man schon, welche es ist.

Tatsächlich trifft der verkleidete Räuber auf den Schuster, der drauflosplaudert und ihm die Tür, in der er die Totenvernähung vorgenommen hat, nur zeigen kann, wenn er wieder mit verbundenen Augen dahingeführt wird.
Um sich die Tür zu merken, kennzeichnet der Räuber die Tür mit Kreide. Mardschâna, nicht doof, die dies am nächsten Morgen bemerkt, kennzeichnet die anderen Häuser ebenso.

Warum wischt sie nicht einfach das Zeichen am eigenen Haus ab? Das Motiv finden wir haargenau wieder in Andersens Märchen " Das Feuerzeug".

Die Räuber wollen loslegen, aber ihre Moral ist erschüttert, als sie sich vor lauter Kreidebemalten Häusern wiederfinden. Der mutige aber glücklose Räuber willigt in sein Schicksal ein:

"Es ist recht, ich verdiene die Todesstrafe, da mein Plan missglückt ist und meine Klugheit nicht ausreichte; ich habe meinen Auftrag nicht auszuführen vermocht; und so habe ich keine Lust mehr, am Leben zu bleiben."

Ein billiger Preis fürs Leben. Ein weiterer Räuber namens Ahmed el-Ghadbân wird losgeschickt, die Arbeit noch einmal zu erledigen.

Wieder bedient sich Galland eines Namens aus einer anderen Originalerzählung. Ahmed el-Ghadbân heißt der schwarze Sklave in "Die Geschichte des Königs Omar ibn en-Nu'mân und seiner Söhne und dessen, was ihnen widerfuhr an Merkwürdigkeiten und seltsamen Begebenheiten" und Gegenspieler der weisen Dienerin Mardschâna (!).

Dieser begeht natürlich denselben Fehler wie sein Vorgänger. Und mit denselben fatalen Folgen für ihn. Ein Räuberhauptmann, der sich in kürzester Zeit um 5% seiner Truppe entledigt, erinnert mich doch sehr an "Pawel Tropotkin" von Phil Tägert (Fil).

Schließlich begibt sich der Hauptmann in einer Wenn-man-nicht-alles-selber-macht-Haltung allein in die Stadt, lässt sich ebenfalls von dem Schuster führen

(welcher sich sicherlich inzwischen wundert, wie schnell man als Leichenpräparator Geld verdienen kann. Inzwischen sind es immerhin 16 Goldstücke.)

undmerkt sich die Tür.
Daraufhin kauft er 40 Schläuche, näht in 38 von ihnen seine Männer ein, füllt zwei von ihnen mit Öl, hängt diese Maultieren um und begibt sich in die Stadt, wo er als Fremder bei Ali Baba Einlass begehrt. Als Schlafenszeit ist, geht Mardschâna das Öl ihrer Lampe aus und sie will sich Nachschub besorgen, als sie den wahren Inhalt der Schläuche bemerkt. Die Räuber glauben, sie sei der Hauptmann und fragen - in ihrer engen Lage gequält - wann es denn nun endlich losgehe. Flüsternd beruhigt Mardschâna sie, holt sich Öl aus den letzten Schläuchen, erhitzt es in einem Kessel und verbrüht damit die 38 Banditen. Sehr zum Schrecken des Räuberhauptmanns, der ob des ekligen Geruchs am nächsten Morgen erkennt, was hier gespielt wurde und Reißaus nimmt,

Man fragt sich, ob auch dieses immerhin originelle Geschichten-Element geklaut ist, aber ich kann nicht erkennen wo.
Zuende ist die Geschichte aber hier noch nicht.