Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 6. Januar 2010

270. Nacht c)

Bücher, die mich im Jahr 2009 davon abhielten, mich weiter in die Tausendundein Nächte zu vertiefen:

Alexander Solschenizyn: "Der Archipel Gulag"
Andy Goldberg: "Improv Comedy"
Barack Obama: "The Audacity of Hope"
Bill Lynn: "Improvisation of Actors and Writers"
Charna Halpern: "Art by Committee"
David Richio: "The Five Things We Cannot Change... and the Happiness We Find By Embracing Them"
Derren Brown: "Tricks of the Mind"
Dick Francis: "Comeback"
Giacomo Leopardi: "Gesänge und Fragmente/Canti e Frammenti"
Harlan Coben: "Hold Tight"
Ian McEwan: "Ein Kind zur Zeit"
Jo Salas: "Improvising Real Life: Personal Story in Playback Theatre"
Jochen Schmidt: "Schmidt liest Proust"
John Wright: "Why is that so funny?"
Jonathan Fox/ Heinrich Dauber (Hg.): "Playbacktheater"
Joseph Campbell: "Der Heros in tausend Gestalten"
Konstantin Simonow: "Die Lebenden und die Toten"
Maarten 't Hart: "Mozart und ich"
Manfred Geier: "Worüber kluge Menschen lachen: Kleine Philosophie des Humors"
Manfred Maurenbrecher: "Ich bin nicht da"
Manuela Ritz: "Die Farbe meiner Haut"
Martin Cohen: "99 moralische Zwickmühlen"
Patrick Lindsay: "Now is the Time"
Philip Zimbardo & John Boyd: "The Time Paradox"
Roger-Pol Droit: "Fünf Minuten Ewigkeit. 101 philosophische Alltagsexperimente"
Theodor Storm: "Beim Vetter Christian"
Theodor Storm: "Bulemanns Haus"
Thomas Harris: "The silence of the lambs" (zum wiederholten Male)
Tiki Kustenmacher: "How to Simplify Your Life"
William Shakespeare: "Ein Sommernachtstraum"
(plus diverses Abgebrochenes)

Auffällig: Der Mangel an original deutschsprachiger Literatur. Viel Impro- und Theaterliteratur. Romane lediglich: McEwan, Harris, Simonow, Coben, Maurenbrecher.

*

Die störrische Gattin des inzwischen von den 40 Räubern gevierteilten Bruders Kâsim wird mangels Alternativen eine Ehe mit Ali Baba in Aussicht gestellt. Die Sklavin Mardschâna sorgt sich inzwischen um die Leiche. Sie bestellt beim Apotheker Arzneien und lässt durchblicken, der Patient sei sterbenskrank. Dann geht sie eines morgens zu einem Schuster, der stets als erster seinen Laden im Basar öffnet, drückt ihm zwei Goldstücke in die Hand, verbindet ihm die Augen, führt ihn zu ihrem Haus und lässt ihn Kâsims vier Teile zusammennähen; zwei weitere Goldstücke sind des Schusters Lohn. So muss sich niemand übermäßig wundern, als Ali Baba den Tod seines Bruders verkündet.
Nach der gesetzlichen Frist heiratet Ali Baba seine Schwägerin. Und nebenbei erfahren wir, dass Ali Baba einen zwölfjährigen Sohn hat.

Was nicht recht zum Zeitplan der Story zu passen scheint. Wann soll er ihn gezeugt haben? Wohl kaum in der Zeit seiner Armut, die als "kurze Zeit" beschrieben wurde. Die Ereignisse danach könnten höchstens ein paar Monate umfassen.

Ali Baba übergibt seinem Sohn den Laden,

und er versprach auch, ihn zu vermählen, wenn es mit seinem Tun gut und erfolgreich stehe und wenn er den Weg des Rechtes und der Tugend gehe.

Der Erzähler wendet sich nun den Räubern zu, die argwöhnisch werden, als sie das Verschwinden von Kâsims Leiche bemerken. Der Hauptmann fordert nun seine Leute auf, die Städte zu durchforsten:

"Fragt, ob ein Armer reich geworden ist oder ob ein Erschlagener begraben ist."

Außerdem bräuchte man einen listigen Mann, der diese Stadt nach dem Widersacher durchforschen solle - mit großem Lohn bei Erfolg und mit Todesstrafe bei Misserfolg. Tatsächlich meldet sich ein Freiwilliger, dem zur Tarnung Kaufmannsgewänder angezogen werden und der sofort in die Stadt geht.

Wie nun? Eben sollte die Stadt erst noch gefunden werden? Und nun weiß man schon, welche es ist.

Tatsächlich trifft der verkleidete Räuber auf den Schuster, der drauflosplaudert und ihm die Tür, in der er die Totenvernähung vorgenommen hat, nur zeigen kann, wenn er wieder mit verbundenen Augen dahingeführt wird.
Um sich die Tür zu merken, kennzeichnet der Räuber die Tür mit Kreide. Mardschâna, nicht doof, die dies am nächsten Morgen bemerkt, kennzeichnet die anderen Häuser ebenso.

Warum wischt sie nicht einfach das Zeichen am eigenen Haus ab? Das Motiv finden wir haargenau wieder in Andersens Märchen " Das Feuerzeug".

Die Räuber wollen loslegen, aber ihre Moral ist erschüttert, als sie sich vor lauter Kreidebemalten Häusern wiederfinden. Der mutige aber glücklose Räuber willigt in sein Schicksal ein:

"Es ist recht, ich verdiene die Todesstrafe, da mein Plan missglückt ist und meine Klugheit nicht ausreichte; ich habe meinen Auftrag nicht auszuführen vermocht; und so habe ich keine Lust mehr, am Leben zu bleiben."

Ein billiger Preis fürs Leben. Ein weiterer Räuber namens Ahmed el-Ghadbân wird losgeschickt, die Arbeit noch einmal zu erledigen.

Wieder bedient sich Galland eines Namens aus einer anderen Originalerzählung. Ahmed el-Ghadbân heißt der schwarze Sklave in "Die Geschichte des Königs Omar ibn en-Nu'mân und seiner Söhne und dessen, was ihnen widerfuhr an Merkwürdigkeiten und seltsamen Begebenheiten" und Gegenspieler der weisen Dienerin Mardschâna (!).

Dieser begeht natürlich denselben Fehler wie sein Vorgänger. Und mit denselben fatalen Folgen für ihn. Ein Räuberhauptmann, der sich in kürzester Zeit um 5% seiner Truppe entledigt, erinnert mich doch sehr an "Pawel Tropotkin" von Phil Tägert (Fil).

Schließlich begibt sich der Hauptmann in einer Wenn-man-nicht-alles-selber-macht-Haltung allein in die Stadt, lässt sich ebenfalls von dem Schuster führen

(welcher sich sicherlich inzwischen wundert, wie schnell man als Leichenpräparator Geld verdienen kann. Inzwischen sind es immerhin 16 Goldstücke.)

undmerkt sich die Tür.
Daraufhin kauft er 40 Schläuche, näht in 38 von ihnen seine Männer ein, füllt zwei von ihnen mit Öl, hängt diese Maultieren um und begibt sich in die Stadt, wo er als Fremder bei Ali Baba Einlass begehrt. Als Schlafenszeit ist, geht Mardschâna das Öl ihrer Lampe aus und sie will sich Nachschub besorgen, als sie den wahren Inhalt der Schläuche bemerkt. Die Räuber glauben, sie sei der Hauptmann und fragen - in ihrer engen Lage gequält - wann es denn nun endlich losgehe. Flüsternd beruhigt Mardschâna sie, holt sich Öl aus den letzten Schläuchen, erhitzt es in einem Kessel und verbrüht damit die 38 Banditen. Sehr zum Schrecken des Räuberhauptmanns, der ob des ekligen Geruchs am nächsten Morgen erkennt, was hier gespielt wurde und Reißaus nimmt,

Man fragt sich, ob auch dieses immerhin originelle Geschichten-Element geklaut ist, aber ich kann nicht erkennen wo.
Zuende ist die Geschichte aber hier noch nicht.

 

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