Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 31. Mai 2010

289. Nacht

Über eine Woche krank. Eine gute Gelegenheit, einen neuen Hausarzt auszutesten. Die beiden anderen, die sich gleich nebenan eine Praxis teilten, wirkten mir etwas inkompetent, und das Wartezimmer roch nach DDR und Angina.
Beim Neuen ist das Wartezimmer leer. Nach 30 Sekunden werde ich hineingebeten. Noch bevor ich sagen kann, was ich auf dem Herzen habe, ja, noch bevor ich überhaupt sitze, fragt er mich, ob ich überhaupt gegen Tetanus geimpft bin, holt aus zu einem Vortrag und starrt dabei fast durchweg auf seinen Computer. Kur abhören, krankschreiben, nach Hause schicken.
Und ich begehre auf. Das erste Mal beim Arzt. Warum wollen die nicht kommunizieren? Ist es ihnen egal, dass sie den Eindruck vermitteln, es ginge ihnen gar nicht um den Patienten. Ich werde meine Hausarztsuche auf Kreuzberg erweitern.

*

Harûn er-Raschîd antwortet dem falschen Kalifen, er habe geflüstert, weil er die Musik zum Wein vermisse. Man lässt eine Sklavin und eine indische Laute holen. 24 Weisen stimmt die Musikerin an und singt dann, bei der Wiederholung der ersten Melodie:

Der Liebe Zunge spricht zu meinem Innern;
Sie bringt von mir die Kunde, dass ich dich so lieb hab.
Mein Zeuge ist die Glut in dem gequälten Herzen,
Mein wundes Aug, das mir der Strom der Tränen gab.
Ich wusste nichts von Liebe, eh ich dich lieb gewann;
Doch Gottes Ratschluss tritt an alle Welt heran.

Als der falsche Kalif dies Lied aus dem Munde der Sängerin vernahm, schrie er laut auf und zerriss das Gewand, das er trug bis zum Saume hinab; da wurde der Vorhang über ihn herabgelassen, und man brachte ihm ein neues Kleid.

Hatten die ständig einen Vorhang dabei, weil der Chef sich andauernd die Klamotten zerstört? Oder war diente der Vorhang auch für die Chef-Abschirmung zu anderen Angelegenheiten, die eher im Verborgenen stattfinden?

Eine zweite Musikerin singt ein Lied, und das Schauspiel wiederholt sich.
Und noch mal.
Und noch mal.

 

Mittwoch, 19. Mai 2010

288. Nacht

Ich hatte immer den Eindruck, dass sich Luhmann, sobald er auf das Wirtschaftssystem zu sprechen kam, doch zu sehr von seinen persönlichen politischen Präferenzen leiten ließ: Mit der Diagnose, die Politik könne das Wirtschaftssystem nicht steuern, schüttete er das Kind mit dem Bade aus. Die Politik hat letztlich, so Luhmann, so gut wie gar keinen Einfluss auf das Wirtschaftssystem. Der Kern dieser soziologischen Beobachtung: Das politische System kann die Wirtschaft nicht anweisen, besser zu wirtschaften. Die überbordende Bürokratisierung und Verplanung der Wirtschaft im real existierenden Sozialismus ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Allesplanung die Wirtschaft letztlich lähmte.
Und doch werden im politischen System verbindliche Entscheidungen getroffen, wie gewirtschaftet wird. Das beginnt natürlich mit der Vertragsfreiheit und deren Kehrseite - der Haftung. Das Wirtschaftssystem ist außerdem nicht in der Lage, sein eigenes Kommunikationsmedium - nämlich das Geld - bereitzustellen. Das muss die Politik tun, und zwar mit gehörigem Augenmaß, sprich genauer Beobachtung der wirtschaftlichen Kommunikation, also der Zahlungen in Industrie, Geldmärkten, Arbeitsmarkt usw.
Aber kann das Funktionssystem Wirtschaft derzeit überhaupt angemessen seine Funktion erfüllen? Und kann es das in Zukunft? Wirtschaften beginnt, wenn der Weizen nicht heute aufgefressen wird, sondern man anfängt zu kalkulieren: Der Weizen wird heute schon an den verkauft, der ihn nächstes Jahr braucht. Die Funktion des Systems besteht darin, trotz allgegenwärtiger Knappheit Versorgung sicherzustellen. Dafür eignet sich Geld, wie wir es heute kennen, eigentlich ziemlich gut, denn es hat seinen Eigenwert verloren, d.h. es nutzt nichts, es zu horten, wie man es mit den Golddukaten noch tat. Nicht Haben/Nichthaben ist die Leitcodierung, sondern Zahlen/Nichtzahlen.
Und was die kurz- und mittelfristige Versorgung betrifft, macht der Kapitalismus seine Sache zumindest dort einigermaßen gut, wo auch die politischen und rechtlichen Systeme einigermaßen stabil sind. Was aber die langfristigen Knappheiten betrifft, so muss man sagen, erscheinen sie schlicht nicht auf den Monitoren des Wirtschaftssystems oder nur undeutlich als Rauschen. Die Zukunft ist insgesamt zu unsicher, als dass sich lohnen würde, über Investitionen zu spekulieren, die sich vielleicht in fünfzig Jahren auszahlen. Oder anders gesagt: Warum sollte ich nicht in ein Kohlekraftwerk investieren, wenn es in den kommenden Jahren Rendite abwirft? Warum sollte ich in energiesparende Autos investieren, wenn das a) die Konkurrenten nicht tun und b) sich Dreckschleudern schneller verkaufen lassen?
Es gilt als umstritten, wie lange die Erdölvorräte noch reichen - 30, 50 oder 150 Jahre. Aber es ist klar, dass sie in einem absehbaren Zeitraum äußerst knapp werden. Das spiegelt sich aber ebensowenig in den heutigen Preisen wieder wie die Begrenztheit berechenbaren Klimas. Für diese Art von Knappheiten ist das Wirtschaftssystem nicht ausgerüstet. Und hier stimme ich wieder mit Luhmann überein: Da nützen auch keine wohlmeinenden Appelle. In 100 Jahren etwas zu verdienen, lohnt sich einfach nicht. Die Aufgabe der Politik bestünde nun darin, die Sensoren für diese Knappheiten neu zu justieren. Oder anders gesprochen: Die Systeme Wissenschaft, Politik, Recht und Wirtschaft brauchen neue Kopplungen. Das politische System muss die wissenschaftliche Erkenntnis, dass wir einigen enormen globalen Gefährdungen gegenüberstehen, für die Wirtschaft übersetzen. Harte Steuerpolitik, wo dem Ökologischen System die Puste ausgeht. Wirtschaftliche Anreize, wo es sich bisher noch nicht lohnt (denn die Pioniere scheitern fast immer).

*

Tatsächlich rudert das Boot mit Harûn er-Raschîd, Dscha'far und el-Masrûr an der Seite des Boots mit dem falschen Kalifen. Man geht auf der anderen Seite des Ufers an Land und die drei versuchen, sich unter den Mamluken hindurchzuschmuggeln, werden aber von den Leuchtenträgern gefasst und vor den falschen Kalifen geführt, vor dem sie sich damit rechtfertigen, sie seien Fremde.

"Euch soll kein Leid widerfahren, da ihr fremdes Volk seid. Wäret ihr von Bagdad, so würde ich euch die Köpfe abschlagen lassen!" Dann wandte er sich an seinen Wesir mit den Worten: "Nimm sie da mit dir; sie sind heute nacht unsere Gäste!"

Seltsam, dass er die drei nicht erkennt, hat er sich doch seinen falschen Wesir und seinen falschen Schwertträger nach den Äußerlichkeiten der Originale ausgesucht.

Man kommt an ein Schloss,

einem Bau auf festem Fundament, wie ihn kein Sultan sein eigen nennt.

Nicht einmal der Kalif?

Die drei werden zum Gelage eingeladen.

Nachdem die Schüsseln abgetragen und die Hände gewaschen waren, wurde das Weingerät gebracht.

Weinkaraffen oder -kannen?

Aber Harûn er-Raschîd weigert sich zu trinken, mit der Begründung, lange nicht getrunken zu haben. Man bietet ihm stattdessen Apfelwein an.

So blieben sie beieinander in Fröhlichkeit und widmeten sich den Bechern der Seligkeit, bis der Wein ihnen zu Kopfe stieg und ihrer Sinne Herr ward.

 

Dienstag, 18. Mai 2010

287. Nacht

Zumindest kann man dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten nicht vorwerfen, er sei so eitel, sich in den für ambitionierte Politiker doch so wichtigen Geschichtsbüchern einen Namen machen zu wollen. Röttgens Erwägungen - ob aus wahltaktischen Motiven oder aus ethischen Überlegungen heraus -, für eine deutliche Laufzeitverlängerung der AKW den Bundesrat einzubeziehen, hält Mappus für Eskapaden.

*

Deutsche Großstädte, in denen ich noch nicht war (nach Größe geordnet): Deutsche Großstädte, in denen ich schon war (nach Größe geordnet):

Düsseldorf
Essen
Bremen
Duisburg
Bochum
Wuppertal
Bielefeld (?)
Augsburg
Gelsenkirchen
Mönchengladbach
Braunschweig
Kiel
Krefeld
Oberhausen
Lübeck
Kassel
Hagen
Hamm
Saarbrücken
Mülheim
Ludwigshafen
Herne
Solingen
Leverkusen
Oldenburg
Neuss
Paderborn
Ingolstadt
Recklinghausen (??)
Pforzheim
Offenbach
Bottrop
Bremerhaven
Fürth
Remscheid
Reutlingen
Moers
Koblenz
Bergisch Gladbach
Trier
Salzgitter
Hildesheim (??)

Berlin
Hamburg
München
Köln
Frankfurt am Main
Stuttgart
Dortmund
Hannover
Leipzig
Dresden
Nürnberg
Bonn
Mannheim
Karlsruhe
Wiesbaden
Münster
Aachen
Chemnitz
Halle an der Saale
Magdeburg
Erfurt
Rostock
Mainz
Osnabrück
Potsdam
Heidelberg
Darmstadt
Regensburg
Würzburg
Heilbronn
Ulm
Göttingen
Wolfsburg
Erlangen
Siegen
Jena
Cottbus
Gera

"Was?? Du warst noch nicht in Lübeck?"

Ich klicke mich durch Wikipedia, das unter den Großstädten auch die ehemaligen auflistet, so auch Prag, dass nach der Okkupation de facto zum Deutschen Reich gehörte.
Die Reihenfolge der Annexionen - Sudetenland und dann Böhmen/Mähren - war mir immer unklar geblieben. Auch heute noch ist mir nicht ganz klar, warum diese bewaffnete Annexion noch nicht zum Zweiten Weltkrieg gerechnet wird. Werde hier nicht schlau.
-> Münchner Abkommen
-> Hitlers Diktate an Martin Bormann: Bormann hatte als Heß' Nachfolger in der Funktion des Sekretärs durch seine Nähe zu Hitler teilweise größeren Einfluss und größere Macht als Himmler und Göring. Er versuchte, aus Berlin zu fliehen und nahm sich, einer Zeugenaussage des Reichsjugendführers Axmann zufolge, am 2. Mai das Leben.
-> Blutorden Orden für die Teilnahme am Münchner Hitlerputsch 1923.

*

Der Kalif bittet den alten Fährmann, auch in der folgenden Nacht bereitzustehen.

"Unsere Wohnung ist im Quartier el-Chandak."

Unklar, wo das sein soll.

Der Kalif begibt sich mit seinen beiden Begleitern zurück zum Schloss, man kleidet sich um,

und ein jeder setzte sich auf seinen Platz. Dann traten die Emire und Wesire, die Kammerherren und die Statthalter ein, und die Regierungshalle füllte sich mit Volk.

Am Abend aber gehen sie wieder an den Tigris, um den falschen Kalifen zu beobachten.

Anscheinend ohne zwischendurch zu schlafen? Manche Herrscher wollen ja offenbar dieses Bild verbreiten: Dass sie niemals schlafen. So ja auch Stalin, der wohl tatsächlich nachts arbeitete. Als Image wirkt ein solches Bild tief: Wir sind die Kinder, die vom wachenden Vater beschirmt werden. Diesem Impuls spürte der Kommunismus-Kitsch-Dichter Erich Weinert in seinem Gedicht nach:

Im Kreml ist noch Licht

Wenn du die Augen schließt, und jedes Glied
und jede Faser deines Leibes ruht -
dein Herz bleibt wach; dein Herz wird niemals müd;
und auch im tiefsten Schlafe rauscht dein Blut.

Ich schau’ aus meinem Fenster in der Nacht;
zum nahen Kreml wend ich mein Gesicht.
Die Stadt hat alle Augen zugemacht.
Und nur im Kreml drüben ist noch Licht.

Und wieder schau’ ich weit nach Mitternacht
zum Kreml hin. Es schläft die ganze Welt.
Und Licht um Licht wird drüben ausgemacht.
Ein einz’ges Fenster nur ist noch erhellt.

Spät leg’ ich meine Feder aus der Hand,
als schon die Dämmrung aus den Wolken bricht.
Ich schau’ zum Kreml. Ruhig schläft das Land.
Sein Herz blieb wach. Im Kreml ist noch Licht.

Und natürlich ähnelt das Bild auch dem des Allwissenden Gottes und erzeugt ein Gefühl von Paranoia, das sich schließlich auch erfüllte: Der NKWD hämmerte um drei Uhr nachts an die Tür.

Aber selbst im letzten US-Präsidentschafts-Wahlkampf spielte Schlaflosigkeit eine Rolle: Eines von Obamas Lieblingsworten war "tireless" - unermüdlich. Er forderte seine Unterstützer auf, weniger zu schlafen. Und schließlich versuchte Hillary Clinton, ihn als Penner darzustellen, während sie um drei Uhr nachts, wenn das Telefon klingelt, die Dinge im Griff hat.

 

Allerdings stehen die Dinge um Harûn er-Raschîd ein wenig anders. Schließlich werden seine nächtlichen Eskapaden explizit durch Schlaflosigkeit initiiert.

Wieder in Begleitung von zweihundert Mamluken schwebt der falsche Kalif im Boot vorbei. Und er-Raschîd bietet dem Bootsführer 10 Dinare, wenn dieser im Schatten mitfährt.

Montag, 17. Mai 2010

286. Nacht

Der Bootsmann warnt den verkleideten Kalifen und seine Begleiter:

"Wer kann denn noch eine Lustfahrt machen, wo der Kalif Harûn er-Raschîd jede Nacht in einer kleinen Schaluppe den Tigris hinunterfährt und ein Ausrufer bei ihm ist, der verkündet: "(...) Einem jeden, der jetzt ein Schiff besteigt und auf dem Tigris fährt, dem schlage ich den Kopf ab, oder ich hänge ihn am Maste seines Fahrzeugs auf!"

Sie legen dem Alten einen Dinar drauf, um unter einem Tuch versteckt, das Boot des falschen Kalifen zu beobachten, welches auch gleich vorbeikommt.
Zweihundert Mamluken bewachen das Boot, das Feuer wird von sumatranischer Aloe gefüttert, der Jüngling auf dem Thron ist

schön wie der Mond (...), gekleidet in ein schwarzes Gewand, das mit gelbem Golde bestickt war. Vor ihm stand ein Mann, der sah aus, als ob er der Wesir Dscha'far wäre und hinter ihm ein Eunuch, der sah aus, als ob er Masrûr wäre.

Auch die Zechgenossen des Jünglings wirken wie Ebenbilder. Der Kalif vermutet hinter diesem Schauspiel zunächst einen seiner Söhne. el-Mamûn oder el-Amîn, verwirft jedoch ob der Ähnlichkeit der Zechngenossen und der Begleiter diesen Gedanken. Der Kalif dazu:

"Über das alles bin ich ganz verwirrt."

Samstag, 15. Mai 2010

285. Nacht

Von seiner Kammer aus beobachtet der Abortreiniger, dass sich der Gatte der jungen Herrin mit dieser versöhnt und so

ruhte er die Nacht bei ihr über.

Es ist, wie zu erwarten war, der Gatte, der am nächsten Tag verschwindet. Die Schöne gesteht dem Abortreiniger, dass sie sich mit ihrem Mann gestritten hatte: Die beiden saßen im Garten, der Gatte steht auf, um sich kurz zu entfernen, bleibt aber verschwunden.

"Schließlich wurde ich es müde, auf ihn zu warten, und da ich mir sagte, dass er wohl im Aborte sei, so begab ich mich zu dem stillen Örtchen, fand ihn aber nicht dort. Darauf ging ich in die Küche, und als ich dort eine Sklavin sah, fragte ich sie nach ihm. Die zeigte ihn mir, wie er bei den Küchenmägden lag. Nun schwor ich einen feierlichen Eid, ich wolle mit dem schmutzigsten, ekelhaftesten Manne Ehebruch treiben. Und an dem Tage, an dem der Eunuch dich festnahm, war ich schon vier Tage lang in der Stadt umhergezogen auf der Suche nach einem solchen Kerl; doch ich fand niemanden, der schmutziger und ekelhafter gewesen wäre als du. (...) Wenn mein Gatte sich noch einmal der Magd naht und bei ihr liegt, so will ich dir wiederum gewähren, was du bei mir genossen hast."

Diese Spannung zwischen höchstem Genuss und Aufstieg einerseits und extremster Demütigung andererseits haben wir wohl so bisher in diesen Erzählungen noch nicht gefunden.

Dem Abortreiniger fließen die Tränen, und anzüglich antwortet er in Versen:

Gewähre mir zehn Küsse auf deine Linke Hand,
Der noch mehr Ehre als der rechten Hand gebührt!
Denn deine Linke hat ja noch vor kurzer Zeit,
Als du dich säubertest, an dein Gesäß gerührt.

Einen spontan dichtenden Klomann würde ich auch gern mal erleben.

Als der Emir des Pilgerzuges die Geschichte jenes Mannes vernommen hatte, ließ er ihn frei und sprach zu den Umherstehenden: "Um Allahs willen, betet für ihn; denn er ist entschuldbar!"

Ferner wird erzählt

*

Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und dem falschen Kalifen

Wieder einmal geht der Kalif Harûn er-Raschîd des Nachts in Begleitung seines Wesirs Dscha'far und seines Schwertträgers Masrûr - alle drei verkleidet als Kaufleute - durch die Stadt Bagdad.
Als sie an das Ufer des Tigris kommen, bieten sie einem Alten einen Dinar für eine Lustfahrt.

Montag, 3. Mai 2010

284. Nacht

Sonnenschein. Ich sitze im Park mit meinem Laptop und designe unsere Workshopflyer. Neben mich setzt sich eine alte Frau, die einen Rollstuhl mit ihrem Mann schiebt. Ich habe ihn immer für einen Türken gehalten, aber sie spricht ihn auf Russisch an. Ich frage sie, ob sie aus Russland seien. Nein, aus Tadschikistan, lautet die Antwort auf Deutsch. Ich werde hellhörig. Ihr Akzent ist nicht typisch für Russen. Vielleicht deutschsprachige Minderheit, vielleicht sogar jiddischer Einschlag? Frage, wie sie denn nach Tadschikistan gekommen sei. Sie deutet auf ihren Mann, der habe im Afghanistankrieg gekämpft. Er stammelt auf Russisch, wie von einem Schlaganfall gelähmt. Berichtet von grauenhaften Kämpfen, seine emotionale Mimik wirkt wie ein Zitat einer fernen Erinnerung an ein Gefühl. Wie bei jemandem, der eine Geschichte immer und immer wieder auf dieselbe Art erzählt hat. Oder liegt es an der Lähmung, die ihn beschränkt. Seine Frau dolmetscht simultan. Ihre Aussprache wird durch das kaputte Gebiss verstümmelt, aber ihr Timing ist so perfekt, als habe sie das früher professionell gemacht. Wo sie denn herkomme, frage ich. Ukraine. Und, hake ich noch mal nach, warum Tadschikistan? Sie berichtet, dass sie in der Nähe von Dnepopetrowsk geboren sei, dann als kleines Mädchen im Krieg nach Polen geschickt, dann wieder von den Deutschen in die Ukraine, dann nach Deutschland...
"Und gutt. Bekamen wir zu essen. Wurden wir gefittert. Dann auf einmal nach Hause. Mutter gesagt: Ich kann nikt merr. Gutt. Alle zurick in Ukraine Kriwoi Rog. Dann auf einmal die Deutschen saggen: Alle nach Deitschland. Und ikh warr nur kleine Mädchen. Barfuß. Berlin. In Krieg. Bekamen wir zu essen. Wurden wir gefittert. Dann auf einmal nach Hause. Mutter gesagt: Ich kann nikt merr. Gutt. Alle zurick in Ukraine."
Nach drei Mal hin und her Ukraine/Deutschland, scheint klar zu sein: Sie hat sich in ihrer Geschichte verlaufen. Ich versuche zu helfen, ohne die Story anzuzweifeln: "Da ging es wohl viel hin und her, oder?"
"Ja, viel hin und her. Und dann sagen die Deitschen. Zurick Ukraine. Gutt. Wir in Garten gesessen. Mutter hat geweint. Dann nach Deitschland."
Sie kommt aus der Schleife nicht heraus. Ich versuche noch einmal: "Und dann mussten Sie nach Tadschikistan?" Aber sie bleibt in ihrem Ukraine/Deutschland-Pendel gefangen.

***

Nicht nur wäscht und füttert man den armen Abortreiniger, er darf sich neben die Schönheit setzen und mir ihr Wein trinken und mit ihr im Bett ruhen.

Dort legte sie sich nieder, und ich ruhte bei ihr bis zum Morgen; und so oft ich sie an meine Brust drückte, sog ich den Duft des Moschus und der anderen Wohlgerüche ein, und ich glaubte nicht anders, als dass ich im Paradiese wäre, oder dass ich schliefe und träumte.

Sie entlässt ihn am nächsten Morgen mit 50 Goldstücken. Für zwei Heller kauft er sich Brot und Zukost.

Die Übersetzung "Heller" scheint mir ziemlich ungeschickt. Denn der Heller - abgeleitet von Hall (dem heutigen Schwäbisch Hall) - war als Münze nur im süddeutschen Raum verbreitet: Deutschland, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn (Filler).

Den Rest vergräbt er. Eine Sklavin holt ihn am Abend, und das Spiel wiederholt sich nun acht Tage lang, bis ihr Gatte nach Hause kommt, und der Abortreiniger sich versteckt.

Ich erblickte einen jungen Man zu Ross, gleich dem Monde, der in der Nacht seiner Fülle aufgeht; eine Schar von Mamluken und Kriegern zu Fuß begleitete ihn.

Der junge Herr tritt auf die Dame zu, küsst den Boden vor ihr und ihre Hände, entschuldigt sich bei ihr, doch sie würdigt ihn keines Blickes.