Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 3. Mai 2010

284. Nacht

Sonnenschein. Ich sitze im Park mit meinem Laptop und designe unsere Workshopflyer. Neben mich setzt sich eine alte Frau, die einen Rollstuhl mit ihrem Mann schiebt. Ich habe ihn immer für einen Türken gehalten, aber sie spricht ihn auf Russisch an. Ich frage sie, ob sie aus Russland seien. Nein, aus Tadschikistan, lautet die Antwort auf Deutsch. Ich werde hellhörig. Ihr Akzent ist nicht typisch für Russen. Vielleicht deutschsprachige Minderheit, vielleicht sogar jiddischer Einschlag? Frage, wie sie denn nach Tadschikistan gekommen sei. Sie deutet auf ihren Mann, der habe im Afghanistankrieg gekämpft. Er stammelt auf Russisch, wie von einem Schlaganfall gelähmt. Berichtet von grauenhaften Kämpfen, seine emotionale Mimik wirkt wie ein Zitat einer fernen Erinnerung an ein Gefühl. Wie bei jemandem, der eine Geschichte immer und immer wieder auf dieselbe Art erzählt hat. Oder liegt es an der Lähmung, die ihn beschränkt. Seine Frau dolmetscht simultan. Ihre Aussprache wird durch das kaputte Gebiss verstümmelt, aber ihr Timing ist so perfekt, als habe sie das früher professionell gemacht. Wo sie denn herkomme, frage ich. Ukraine. Und, hake ich noch mal nach, warum Tadschikistan? Sie berichtet, dass sie in der Nähe von Dnepopetrowsk geboren sei, dann als kleines Mädchen im Krieg nach Polen geschickt, dann wieder von den Deutschen in die Ukraine, dann nach Deutschland...
"Und gutt. Bekamen wir zu essen. Wurden wir gefittert. Dann auf einmal nach Hause. Mutter gesagt: Ich kann nikt merr. Gutt. Alle zurick in Ukraine Kriwoi Rog. Dann auf einmal die Deutschen saggen: Alle nach Deitschland. Und ikh warr nur kleine Mädchen. Barfuß. Berlin. In Krieg. Bekamen wir zu essen. Wurden wir gefittert. Dann auf einmal nach Hause. Mutter gesagt: Ich kann nikt merr. Gutt. Alle zurick in Ukraine."
Nach drei Mal hin und her Ukraine/Deutschland, scheint klar zu sein: Sie hat sich in ihrer Geschichte verlaufen. Ich versuche zu helfen, ohne die Story anzuzweifeln: "Da ging es wohl viel hin und her, oder?"
"Ja, viel hin und her. Und dann sagen die Deitschen. Zurick Ukraine. Gutt. Wir in Garten gesessen. Mutter hat geweint. Dann nach Deitschland."
Sie kommt aus der Schleife nicht heraus. Ich versuche noch einmal: "Und dann mussten Sie nach Tadschikistan?" Aber sie bleibt in ihrem Ukraine/Deutschland-Pendel gefangen.

***

Nicht nur wäscht und füttert man den armen Abortreiniger, er darf sich neben die Schönheit setzen und mir ihr Wein trinken und mit ihr im Bett ruhen.

Dort legte sie sich nieder, und ich ruhte bei ihr bis zum Morgen; und so oft ich sie an meine Brust drückte, sog ich den Duft des Moschus und der anderen Wohlgerüche ein, und ich glaubte nicht anders, als dass ich im Paradiese wäre, oder dass ich schliefe und träumte.

Sie entlässt ihn am nächsten Morgen mit 50 Goldstücken. Für zwei Heller kauft er sich Brot und Zukost.

Die Übersetzung "Heller" scheint mir ziemlich ungeschickt. Denn der Heller - abgeleitet von Hall (dem heutigen Schwäbisch Hall) - war als Münze nur im süddeutschen Raum verbreitet: Deutschland, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn (Filler).

Den Rest vergräbt er. Eine Sklavin holt ihn am Abend, und das Spiel wiederholt sich nun acht Tage lang, bis ihr Gatte nach Hause kommt, und der Abortreiniger sich versteckt.

Ich erblickte einen jungen Man zu Ross, gleich dem Monde, der in der Nacht seiner Fülle aufgeht; eine Schar von Mamluken und Kriegern zu Fuß begleitete ihn.

Der junge Herr tritt auf die Dame zu, küsst den Boden vor ihr und ihre Hände, entschuldigt sich bei ihr, doch sie würdigt ihn keines Blickes.

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