Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Sonntag, 26. September 2010

309. Nacht

7 Uhr. Ich werde vorm Weckerklingeln wach. Stehe besorgt auf und prüfe den Himmel auf dem Balkon: Kein Wetterumschwung. Regen und keine Ende in Sicht. Soll ich's vielleicht doch wagen? Keine Frage - irgendwie würde ich durchkommen. Aber dann, auf den letzten 10 Kilometern das Geacker, ohne noch genügend innere Wärme zu haben. Und dann liege ich womöglich eine Woche flach. Ich entscheide mich dagegen. Beim Frühstück kommen wir Zweifel. In meinem Kopf sehe ich die Läufer bei ihren Vorbereitungen. Im Tiergarten riecht es jetzt nach Franzbranntwein und Pisse, aus den Lautsprechern die peinliche Bumsmusik, freundliche Jugendliche auf den Kleidungscontainern, die das alles auf sich nehmen und eigentlich kaum etwas vom Geschehen mitbekommen. Die ohnehin stets matschigen Wiesen werden jetzt versumpft sein. Die Läufer kleben sich ab, machen sich warm, betreiben ihre persönlichen Rituale, ziehen sich die Mülltüten über, um warm zu bleiben. Ob ich vielleicht doch noch losgehe. Ich könnte es noch schaffen. Schließlich habe ich fast 100 Euro für die Anmeldung bezahlt. Ein dummer Gedanke. Als ob der Betrag etwas daran ändert, wenn ich nachher im Bett meine Grippe auskuriere.
Setze mich zum Trost ans Klavier. Meine neue Aufgabe: Mozarts Es-Dur-Sonate 1. Satz, KV 282. Perlende Dreiklänge in die linke Hand bekommen.

*

Desweiteren lehrt der sterbende Vater den Wert des Reichtums, die Notwendigkeit der Barmherzigkeit, die Ehrfurcht vor Älteren, sich vor Weingenuss in Acht zu nehmen.

Dan schwanden ihm die Sinne, und er schwieg eine Weile; als er wieder zu sich gekommen war, bat er Gott um Verzeihung für seine Sünden, sprach das Glaubensbekenntnis und ging ein in die Barmherzigkeit.

Einen Atheisten müssen doch derartige Parallelen zwischen Christentum und Islam erstaunen.

Dem Verstorbenen schreiben sie aufs Grab:

Aus Staub geschaffen tratest du ins leben
Und hast der Sprache edle Kunst erlernt;
Du kehrtest heim zum Staube jetzt als Toter,
Als hättest du dich nie vom Staub entfernt.

Kurze Zeit darauf verstirbt auch die Mutter. Alî Schâr versucht, Handel zu treiben, jedoch ohne Glück. Da

schlichen sich die Bastarde mit List bei ihm ein und gesellten sich zu ihm, bis er mit ihnen schlechte Dinge trieb und abseits vom rechten Wege blieb; und er schlürfte dein Wein aus Bechern ein, und zu den Mägdelein ging er früh und spät zum Stelldichein.

Hast du dein ganzes Leben lang
Für dich gesammelt und gerafft -
Wie hast du dann Genuss an dem,
Was du gesammelt und geschafft?

Bald hat er sein ganzes Geld verprasst, und seine Bastard-Freunde, an die er sich nun wendet, verleugnen ihn.

Dann ging er zum Basar der Kaufleute.

Mittwoch, 22. September 2010

308. Nacht

Null Uhr, es ist ziemlich frisch. Radle durch Mitte. Seit langem mal wieder durch die Oranienburger Straße. Kaum noch etwas wiederzuerkennen. Die letzten 10 Jahre haben so viel verändert wie die 10 Jahre zuvor. In den Räumen der Assel ein Luxus-Schuh-Geschäft. Selbst wenn es 50 Jahre besteht, wird es nie ein Tausendstel an Menschen glücklich machen, wie die Assel früher in einem Monat.

Vor der Synagoge stehen nie Nutten, auch nicht auf der gegenüberliegenden Seite. An wen muss man sich da als Synagogen-Verantwortlicher wenden?
Auf der Brücke Bodestraße die russische Akkordeonistin, der ich schon vor 15 Jahren dort immer auf dem Weg zur Uni begegnet bin. Gebe ihr 50 Cent und spreche sie zum ersten Mal an, nur kurzer Wortwechsel; erfahre, dass sie aus Moskau stammt und in der Nähe wohnt. Aber eigentlich wollen wir beide nicht reden. Fahre weiter. Die historische Mitte fast ausgestorben, und ich bin erschüttert wie schon früher, wenn man sich der Einmaligkeit dieses einsamen Moments bewusst wird. Ich stehe am Berliner Dom, der angemessen beleuchtet ist und bin jetzt der Einzige, der das sieht. Was für ein Luxus!

*

Am Tisch des Kalifen el-Mamûn gibt es eine Sitzordnung. Und mit jeder weisen Antwort, die der Fremde dem Kalifen gibt, rückt er eine Stufe höher, d.h. näher an den Kalifen.

Dann rüstete man zum Trinkgelage; die heiteren Tischgenossen kamen zuhauf, und der Wein begann seinen kreisenden Lauf.

Der Weise aber verweigert sich und erwidert auf die verwunderte Nachfrage des Kalifen:

"Wenn dein Knecht Wein tränke, so würde der Verstand weichen und die Torheit ihn erreichen."

El-Mamûn belohnt ihn für diese Weisheit mit hunderttausend Dirhems, einem Ross und prächtigen Gewändern.

Ob er zu saufen aufhört, wird hingegen nicht berichtet.

*

Die Geschichte von Alî Schâr und Zumurrud

In Chorasân lebte ein Kaufmann, der, als er merkt, dass er stirbt, seinen Sohn zu sich ruft, und ihn zu Misstrauen ermahnt:

"Werde mit keinem Menschen vertrauter, als es sich gebührt."

In deiner Zeit lebt keiner, des Freundschaft man erstrebet,
Kein Freund, der Treue wahrt, wenn das Geschick betrügt.
Drum leb für dich allein, verlasse dich auf niemand!
Mein Wort ist guter Rat für dich, und das genügt.

Soziologisch gesehen, sind Vertrauen und Misstrauen zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille heißt Reduktion von Komplexität: Angesichts der Unfähigkeit, genügend Informationen zu haben, entschließt man sich, zur Erwartung, dass Alter im Sinne von Ego handelt. Oder (im Falle von Misstrauen), dass er das nicht tut. Sowohl Vertrauen als auch Misstrauen befähigen zu auf Intuition beruhenden Entscheidungen.
Psychologisch hingegen sind weniger misstrauische Menschen meist im Vorteil. So konnten in einer Studie die misstrauischen Probanden weniger gut Lügner am Gesicht erkennen.

Doch auch folgendes gibt der Vater mit auf den Weg:

Es bietet nicht zu jeder Zeit und Stunde
Sich uns Gelegenheit zu guter Tat.
Wenn sie dir möglich ist, so tu sie eilends,
Eh sich die Möglichkeit entzogen hat.