Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 16. März 2011

321. Nacht.

Die Entlarvung des Christen erhöht Zumurruds Ansehen beim Volk:

"Dieser König ist ein Seher, der in der Welt nicht seinesgleichen hat." Darauf gab die Königin den Befehl, der Nazarener solle geschunden werden, seine Haut solle mit Häcksel ausgestopft und über dem Tor zu dem Platze aufgehängt werden; ferner solle man eine Grube draußen vor der Stadt graben und darin sein Fleisch und seine Knochen verbrennen, und dann solle man Schmutz und Unrat auf ihn werfen. "Wir hören und gehorchen!", sprachen ihre Mannen, und sie taten mit dem Christen alles, was sie ihnen befohlen hatte.

Auch diese Lektion aus dem Politikerhandbuch scheint sie gelernt zu haben: Irgendwann dem Volk zeigen, dass man in der Lage ist, hart durchzugreifen und das Exempel am besten an einem Außenseiter statuieren.

Als sie zum dritten Mal die Tafel richtet, erkennt sie in der Menge den Kurden Dschawân, der sich genau an den von allen gemiedenen Platz des Christen setzt und obendrein auch die Hand nach der Schüssel süßen Reis ausstreckt.

Der Haschischkerl, von dem wir auch schon erzählt haben, saß neben ihm; und als er sah, dass der Kurde die Schüssel an sich heranzog, lief er von seinem Platze fort, der Haschischrauch entwich aus seinem Kopfe, und er setzte sich weit weg, indem er rief: "Nach dieser Schüssel gelüstet mich nicht mehr!" Doch der Kurde Dschawân streckte die Hand nach der Schüssel aus in Gestalt einer Rabenklaue, schöpfte mit ihr und zog sie geballt zurück, so dass sie einem Kamelshufe glich.

Kommentare:

  1. Hallo Dan, Das klingt natürlich auf dem ersten Blick nach barbarischer Grausamkeit, und würde mich nicht überraschen wenn im Zuge der Islamisten-Hysterie jetzt auch jemand auf die Idee kommt, dieses Kapitel aus 1001 Nacht als Beispiel der Feindlichkeit des Islam gegenüber Andersgläubigen ins Felde zu führen.
    Doch wie so oft könnte man hier dem Irrtum eines ahistorischen Blickes bzw. dem völligen Wandel von Begriffsinhalten aufgesessen sein.
    Ein Christ aus Nazareth zur Zeit der Entstehung von 1001 Nacht meint höchstwahrscheinlich einen Kreuzritter. In Sichtweite von Nazareth befindet sich das Schlachtfeld (Hörner von Hitti), auf dem 1187 die Kreuzritter die entscheidende Niederlage durch die Araber erlitten. Vorausgegangen warem dem aber unbeschreibliche Grausamkeiten der Kreuzritter gegen die jüdische und moslemische Zivil-Bevölkerung Palestinas, was deren unfreundliche Behandlung in der Literatur mehr als verständlich macht. Der beschriebene Gewaltexcess in diesem Kapitel ist völlig unypisch, sollte es sich bei dem "Christen" um einen Einheimischen oder einen Händler handeln. Ich kann mir nur erklären, dass er einen Kreuzritter darstellen soll.

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  2. Du irrst in folgendem Punkt: Der Christ, von dem hier die Rede ist, ist kein Nazarener im Sinne der Herkunft. "Nazarener" bedeutet hier "Christ", nach dem Herkunfts-Ort Jesu. Es ist im Übrigen nicht das einzige Kapitel, in dem mit Christen, Juden, Afrikanern, Chinesen unsanft umgegangen wird.
    Allgemein hast du aber wiederum Recht: In konfliktuösen Regionen ist von den Christen eher negativ die Rede, aber mir scheint, in konfliktuösen Zeiten wurden einige Erzählungen entsprechend abgewandelt.

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