Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 28. Juni 2011

14. Juni - Narren auf dem Baseball-Feld

Bin mir nicht sicher, wie das Thema "Fool" letztendlich aufzufassen ist. Randy will im Laufe der Woche verschiedene Dimensionen des Themas herausarbeiten. Aber in den Diskussionen scheint Begriffsverwirrung zu herrschen: Sprechen wir über tatsächliche Narren des Hofs oder über ihre Idealisierung in den Stücken Shakespeares?
Bisher sprechen wir viel über eine Art kathartische Funktion des Narren. Mir kommt indessen eher die Beschreibung des Narren bei Stephen Nachmanovitch ins Gedächtnis: Das freie, ungebändigte, teilweise gefährliche Spiel. Teilweise scheinen wir dieses Grund-Element unbewusst im Gepäck zu führen, andererseits geht es mir fast ein wenig unter. Ob in der Narrheit - dem freien Spiel mit gegebenen Elementen - Weisheit steckt, hängt vom Narren und seinem Gegenüber (bei Shakespeare z.B. Lear, bei uns dem Publikum) ab.

Um Zeit für eine kleine Stadtführung mit Randy und den Besuch eines Baseballspiels der Mariners zu haben, verkürzen wir den Workshop auf 15 Uhr.

 

Ich gebe mir größte Mühe, die Regeln des Baseball zu verstehen, komme aber über ein paar Grundlagen nicht hinaus. Die an unserer Seite sitzende Amerikanerin ist nett, aber keine gute Erklärerin. Aber hier oben auf der Tribüne ist die Begeisterung für dieses langsame Spiel, bei dem alle 5 Minuten mal jemand 50 Meter rennt und ab und an mal jemand einen Ball fängt, ohnehin mäßig. Ob die gute Laune sich aus dem ungesunden Essen speist, bliebt unklar. Dennoch jubeln wir mit, wenn die hoffnungslos unterlegenen Mariners mal einen Punkt (heißt das Punkt?) bekommen.
Seit unserer Ankunft in New Orleans frieren wir an den klimatisierten Orten. In Seattle ist es kühl, ich halte es irgendwann nicht mal mehr mit Jacke aus, während Mario unbeeindruckt sich noch im T-Shirt amüsiert.

*

BLINK - Kapitel 6: Seven Seconds in the Bronx: The Delicate Art of Mind Reading

Gladwell geht aus vom Fall Amadou Diallo, einem jungen schwarzen Mann in der Bronx, der Ende der 90er aufgrund eines Missverständnisses von Polizisten erschossen wurde. Das Urteil war schnell klar: Die Polizei ist rassistisch vorbelastet. Aber der eigentliche Grund bestand darin, dass es im Umgang mit brenzligen Situationen keine Deeskalations-Strategien gab: Räumliche Distanzen müssen erweitert und Kommunikation ermöglicht werden. Die Darstellung von Polizisten in Filmen wie Dirty Harry, die cool den Schurken umlegen und sich dann eine Zigarette anstecken, ist durch die Realität nicht belegt. Der Puls steigt auf bis zu 165 Schläge pro Sekunde, eine Frequenz, die es unmöglich macht, klar zu denken. Der Adrenalin-Überschuss steigt.
Gladwell bezeichnet diesen Zustand als

temporary autism

Das ist eigentlich auch für die Autismus-Forschung interessant. Sollte man im Umgang mit Autisten einfach das Tempo rausnehmen?

Kapitel 7: Listening with your Ears. The Lessons of Blink.

Selbst Profi-Musiker wie Sergiu Celibidache ließen sich lange Zeit durch ihre Augen täuschen und hielten trotz geschulten Ohres Frauen für unfähig bestimmte Instrumente wie Posaune überhaupt spielen zu können. Erst durch einen zufälligen Blindtest kam eine Frau - Abbie Conant - in die Münchner Philharmonie.

Und was machen wir aus alledem? Man fühlt sich manchmal aufs Glatteis geführt. Wann ist Blink-Denken von Vorteil, wann vertrauen wir zu sehr unseren Instinkten? Am Ende geht vieles leider im anekdotenhaften Stil von Gladwell unter. Gründliches Lesen und Herauspicken der Rosinen notwendig. Das Thema ist es wert.

Montag, 27. Juni 2011

13. Juni - getting foolish

Beginn des Workshops zum Thema "The Fool". Starten ein kleines Gruppen-Warm-Up unter eigener Regie. Sofort gute Stimmung in der 28köpfigen Truppe: USA, Kanada, Mexiko, Niederlande, Slowenien, Österreich/Australien, Japan, Deutschland.

Randy Dixon leitet die ersten beiden Tage. Sein Grund-Impuls für diesen Workshop hatte er in einem Shakespeare-Workshop, als die Frage nach der Funktion des Narren aufkam:

Hat das Improtheater seine Relevanz verloren. Second City jedenfalls hat jeglichen politischen Impuls abgestreift. Das Committee gründete sich während des Protests gegen den Vietnamkrieg.

Mein Einwand: Relevanz muss nicht politisch sein.

Weiter Randy Dixon: Der Narr zu sein bedeutet nicht, närrisch zu sein.

Das ist natürlich erst mal eine steile These, die sich vielleicht zu sehr aus der Perspektive auf den Shakespeareschen Narren ergibt. Denn bei Shakespeare gibt es kaum komplette Idioten.

Der Inhalt kann durchaus raffiniert werden.
Rede von Robert Falls: Über den Narren

Del Close: Das Ziel ist, dass die Zuschauer vor Lachen sterben. Erst dann können sie wieder heilen.

Wir reden davon, jemand habe Witz oder Humor. But there are four humours and five wits.

Ronald McDonald ist kein Narr, denn ein Narr muss auch das Potential zum Beleidigen haben.

Wir testen Szenen:

1. Zwei Personen und ein Narr, der der Ratgeber des einen ist und für den anderen unsichtbar.

 

2. Zwei Personen, die einen normalen Dialog führen und dabei Narrenkappen tragen.

3. Eine normale Szene mit zwei Personen, die Narrenkappe liegt auf der Bühne.

4. Eine normale Szene mit zwei Personen. Wir als Zuschauer stellen uns vor, die Narrenkappe läge auf der Bühne.

5. Fünf Narren. (Eine furchtbare Szene.) und als Gegensatz:

6. Vier normale Personen und ein Narr. --> Der Narr braucht immer einen normalen Gegenpart. Fünf Narren sind einfach nur fünf Arschlöcher.

*

BLINK Sechstes Kapitel: Kenna's Dilemma

Dieses Kapitel ist benannt nach dem Musiker Kenna, der von Mitmusikern und Produzenten hochgelobt wurde. Ebenso von Zuschauern, die ihn im Live-Programm von U2 sahen. Aber im Radio und bei CD-Verkäufen fiel er durch. Der Grund: Es ist zu speziell.
Experten-Kennerschaft lässt sich nicht immer in unmittelbaren Allgemeingeschmack übertragen, vor allem, wenn die Dinge ungewohnt sind.
Weitere Beispiele:
- Der Pepsi-Test: In den 80er Jahren schnitt Pepsi beim unmittelbaren Vergleich gegen Coca Cola auf der Straße immer besser ab, was sich aber nur kurzfristig in Verkaufszahlen widerspiegelte. Der Grund: Ein paar Schlucke unterwegs trinken sich anders als zwei Dosen vor dem Fernseher.
- Margarine hatte vor dem 2. Weltkrieg einen überaus schlechten Ruf. Erst als sie entsprechend verpackt wurde und ihr ein bisschen buttriges Gelb hinzugemischt wurde, begann ihr Siegeszug.
- Herman Miller entwarf in den 90ern einen der modernsten Bürostühle seiner Zeit. Er war ergonomisch gestaltet und bequem zum Sitzen, aber er wirkte wie eine furchtbar instabile Drahtkonstruktion. Erst über den Umweg von Designer-Zeitschriften, dem Nebenbei-Auftauchen des Stuhls in Werbefilmchen (für andere Produkte).
Das Problem ist, dass das Ungewohnte für den Laien zunächst oft als hässlich erscheint.

Das ist natürlich auch in der Kunst ein immer wiederkehrendes Problem:

The problem is that buried among the things we hate is a class of products that are in that category only because they are weird. They make us nervous. They are sufficiently different that it takes us some time to understand that we actually like them.

Experten haben eine Sprache für ihren Geschmack entwickelt, am besten an Weinkennern erkennbar, der uns Laien fehlt.

Samstag, 25. Juni 2011

USA 12. Juni 2011 - Sittin on the dock of the bay

Starten unseren Aufenthalt in Seattle entspannt mit einem Tag am Ufer.
Später ins Theater, um den Schluss des Improvathons zu sehen. Die Schauspieler am Ende ihrer Kräfte. Tony Beeman dazu: "Nach 36 Stunden hat man jeden Willen, eine Szene zu beeinflussen, aufgegeben. Man wird zum perfekten Improspieler."

*

BLINK - Kapitel 4 - Paul Van Riper's Big Victory

Das Kapitel ist benannt nach einem Vietnam-Veteranen, der Ende der 90er Jahre gebeten wurde, bei einem Kriegsspiel des Pentagon mitzuhelfen. Ein "fiktiver" arabischer Diktator sollte mit den höchsten technischen Mitteln der USA ausgeschaltet werden, während Van Riper als Gegenspieler auf die Angriffe unkonventionell zu reagieren hatte. Van Riper gewann, indem er die Pläne, die Technik und die hochausgefeilten Strategien der Angreifer permanent unterlief. Das Ergebnis dieses Spiels hätte die USA eigentlich von einem Angriff auf den Irak abhalten müssen; aber widersinnigerweise investierten sie in noch mehr Technik, Kommunikationshierarchien und Worthülsen.

"I told our staff that we would use none of the terminology that Blue Team was using. I never wanted to hear that word "effects", except in a normal conversation. I didn't want to hear Operational Net Assessment."

Kurz reißt Gladwell die Struktur für Spontaneität im Improvisationstheater an: Dass Improtheater nicht bedeutet, irgendwas zu machen, sondern auf Akzeptieren und Verstärken beruht.

Eines der herausragenden Beispiele beschreibt Gladwell im Fall des Chicagoer Arztes Brendan Reilly, der zum Chef eines heruntergekommenen Krankenhauses wurde und sich mit folgendem Problem konfrontiert sah: Wegen der mangelnden Krankenversicherungen, kamen fast alle Patienten über die Notaufnahme. In der Nothierarchie standen Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt sehr weit oben. Gerade hier gibt es aber eine hohe Fehlerquote: Gesunde Patienten werden tagelang in Betten gehalten (aus Angst verklagt zu werden, falls doch was schiefläuft), Risikopatienten werden nach Hause geschickt. Er kam darauf, dass das Problem der Ärzte nicht in einem Zuwenig an Information bestand, sondern paradoxerweise in einem Zuviel. Er reduzierte (gegen den Willen der Ärzte) die Indikatoren auf Drei: 1) Akute Herzmuskel-Schmerzen, 2) Flüssigkeit in der Lunge, 3) systolischer Blutdruck unter 100. Die Diagnosen wurden auf beiden Seiten um ca. 70% besser. Der Grund: Indikatoren wie Alter oder Rauchen spielen zwar statistisch im Leben des Patienten eine Rolle, nicht aber (bzw. unwesentlich) bei der akuten Situation.

Es gibt also Umstände, in denen uns die Menge der Informationen überfordert oder gar in eine falsche Richtung lotst. Ein für mich auch nachvollziehbares Beispiel ist eine Marktforschungsstudie für Marmeladen, die Gladwell zitiert. Bei der Test-Einführung einer neuen Produkt-Serie in einem Supermarkt in Kalifornien wurden sechs Gläser ausgestellt. kauften 30 Prozent der Käufer, die kurz anhielten, entschlossen sich zum Kauf. Als die Auswahl auf 24 erhöht wurde, kauften nur drei Prozent. Der Grund: Käufe wie diese sind Schnellschuss-Entscheidungen.

Genau das passiert beim Buchverkauf beim Kantinenlesen: Je größer die Auswahl der Bücher, umso weniger wird absolut gekauft.

Freitag, 24. Juni 2011

11. Juni 2011 - Behinderte gehen weiter

Noch einmal ins Frühstücks-Café Lil' Dizzy, das anscheinend nach Dizzy Gillespie benannt wurde. Zucker, Salz und Fett - so finden es die Amis nett.

Die Abreise gestaltet sich ähnlich aufregend wie die Anreise: Greg, der Fahrer fehlt. Der Chef verliert die Ruhe nicht - er habe die Karre des Fahrers bereits draußen erspäht, und der sei ja erst fünf Minuten über der Zeit. Gut gelaunt taucht Greg auf. Die Bitte, das Hostel im Internet gut zu bewerten, wird er auf der Fahrt noch drei Mal wiederholen. Auf der Fahrt schildert er uns seine wirtschaftliche Lage. Neben dem Fahrer-Job müsse er noch auf dem Friedhof arbeiten und außerdem seiner Mutter im Haushalt helfen. Aber man wisse ja, wie das mit der Familie ist - die zahlten einem nichts. Um seine lockere Art, das Lenkrad zu bewegen nicht noch zu verschärfen, verkneifen wir uns Nachfragen zu seiner offenbar angespannten Familiensituation. Zu früh am Flughafen, was aber die Entspanntheit des reisenden Pärchens eher fördert.

Kindheitserinnerung beim Hören des Lieds "Rehab" von Amy Winehouse: 1980, im Ferienlager in Bad Saarow, wohnten in den Nachbar-Bungalows die "Rehabilitanten", von denen es hieß, sie kurierten irgendwelche Behinderungen aus. Die Art der Behinderungen versuchten wir im Laufe der 14 Tage meist vergeblich zu erspähen. Von einem erfuhr ich, er habe einen Hüftschaden, was man leider auch nicht ohne weiteres erkennen konnte, allerdings glaubte ich, dass sein geflochtener Gürtel, der sich in mein optisches Gedächtnis bis heute eingeprägt hat, etwas damit zu tun hatte. Wie die meisten Ferienlager, so war auch das in Bad Saarow sehr vom Tischtennis geprägt. Natürlich "chinesisch", sobald mehr als vier Mitspieler beteiligt waren. Für den Fall, dass man den Ball nicht erreichen konnte, weil einem jemand im Weg gestanden hatte, galt die Regel "Behinderte gehen weiter", die man sich allerdings nicht auszusprechen traute, wenn ein Rehabilitant mitspielte. Wir fragten uns sogar insgeheim, ob man sie nicht fairerweise immer weitergehen lassen müsste.

Ankunft in Seattle. Für Juni recht frisch. Die Umstellung von New Orleans enorm. Vom Flughafen mit Gepäck acht Minuten zur Bahn latschen. Schlimmer als in Schönefeld.
Green Tortoise Hostel. Schwierigkeiten bei der Raumzuteilung, Missverständnis bei der Buchung durch Unexpected Productions. Steffi kommt in ein Sechserzimmer, aus dem sie spät nachts von der Nachtwache und sechs Dänen verscheucht wird; man weist ihr eine andere Koje zu. Mir sagt Randy zu, sich zu kümmern. Ich nehm's leicht. Ein Festival ist eben schwierig zu organisieren.
Zum Market Theater. Dort läuft seit Freitag der "Improvathon" - ein 50stündiger Improtheater-Marathon zugunsten der Renovierung des Theaters. Am Ende dieses Marathons haben einige über 40 Stunden Impro in den Knochen - Tony Beeman etwa 42 Stunden, und in der Zeit maximal 2 Stunden Schlafunterbrechung. Wir begrüßen die ersten bekannten Gesichter. So wie im letzten Jahr gehen wir mit Masako erst mal Burger essen.
Impro-Format Playborhood (für 6 - 12 Spieler): Eine Nachbarschaft mit drei Häusern. Auf der Bühne räumlich getrennt. (Das Market Theater wie dafür geschaffen.) In jedem Haus dominiert ein Stil oder Genre. Wir werden in die Familien eingeführt, deren Charaktere später aufeinandertreffen. Recht gut umgesetzt. Erste Impro-Inspiration.
Die Lösung für mein Übernachtungs-Problem - ein Nobel-Hotel. Ich bin's zufrieden.

*

BLINK - Kapitel 3 The Warren Harding Error

Dieses Kapitel beschreibt die düsteren Seiten des "Thin Slicing" - mit dem prominenten Beispiel des von vornherein präsidial wirkenden Republikaners Warren Harding, der sich schließlich als einer der schlechtesten US-Präsidenten aller Zeiten entpuppte.
Auf http://www.implicit.harvard.edu findet man den Impliziten Assoziations-Test (IAT), der zeigt, wie klischeehaft unser Hirn arbeitet, wenn es schnell arbeiten muss. So assoziieren wir Familie eher mit Frauen und Karriere eher mit Männern; und noch beunruhigender: Weiße eher mit Gutem, Schwarze eher mit Bösem.

Der Test funktioniert wohl auch, wenn ihn Schwarze und Feministinnen durchspielen.

Den Schnell-Assoziations-Fehler begehen auch Verkäufer, die ihre Kundschaft zu schnell in kaufkräftig vs. uninteressiert einteilen.

 

Mittwoch, 22. Juni 2011

10. Juni - In den Swamps

10. Juni 2011
Swamps-Tour. Man holt uns vom Restaurant "Huck Finn's" ab, wo uns wie üblich freundlich fettes, süßes Frühstück serviert wird.
Fahrt durch die Außenbezirke von New Orleans, die es ordentlich erwischt hat. Ein Teil der gigantischen Brücke ist im Stausee gelandet. Und es scheint sich jeder damit abgefunden zu haben, dass die 20 Prozent, die die Stadt nach Katrina verlassen haben, nicht mehr zurückkommen werden.
Die Busse werden auf sechs verschiedene Bootsführer aufgeteilt. Captain Bishop, ein Redneck Mitte Dreißig, nimmt uns in Empfang und lotst uns zu seinem Boot, das im Gegensatz zu den anderen kein Dach hat, was die Farbe seiner Haut erklärt. Deadpan. Um jede seiner Ironien zu verstehen, bräuchte ich ein besseres Sprachgefühl. Er führt uns zu verschiedenen Stellen, an denen er Alligatoren vermutet, und die er, wenn er sie entdeckt, mit Namen ruft.

Ich frage ihn, woran man die männlichen von den weiblichen unterscheidet. Er darauf, die Weibchen seien besonders heimtückisch, sie locken einen an, und dann quetschen sie einen aus. Bleibe ratlos. Eine Minute später sagt er, man könne sie nicht voneinander unterscheiden, es sei denn, man würde mit der Hand in der Kloake nachtasten.
Ein Exemplar der Louisianazypresse. Der Baum, dessen Holz besonders widerstandsfähig gegen Wasser, Parasiten und Schimmel sei, ist inzwischen so gut wie ausgerottet.
Die Alligatoren ausgesprochen zutraulich. Reagieren auf Hot Dogs und Köder, von denen ich nicht weiß, ob sie nur wie Marshmellows aussehen.
Jäger sind hier häufig unterwegs. Ein mitfahrender Deutscher erzählt uns, er habe hier einen Fernsehkanal entdeckt, in dem nichts weiter laufe als Berichte über Alligatorenjäger, die offensichtlich aus Blutdurst jagen. Dazu Captain Bishop: Er sei selber Jäger und jage hier in den Swamps alle möglichen Tiere und auch schon mal Alligatoren. Diese Typen aber seien unfair. Die erste Legende stimmt schon mal nicht: Alligatoren sind nicht aggressiv. In all den Jahren, in denen er hier die Bootstouren mache, habe es erst einen Unfall gegeben - nämlich als jemand seinen Kopf in das Maul eines Alligators gesteckt habe. Die Jäger hier in diesem Gebiet nützten die ungewöhnliche Zutraulichkeit der Tiere aus. Sie beobachten die Routen der Touristen, gehen diesen dann später nach und erlegten die Alligatoren im Minutentakt.

Vorbei an Hütten im Indian Village, die weißgottwie hier errichtet wurden. Die Hälfte durch Katrina zerstört. Warum ausgerechnet die anderen das überstanden haben, ist unklar. Jemand fragt, wie die Kinder, die hier wohnen, zur Schule kommen. "School? Come on!", da ist es wieder, das Pokergesicht das Captain. Gehen die Kinder hier wirklich nicht zur Schule?

Rückfahrt in die Stadt und Abendessen in einem Cajun-Restaurant. Poboy = Gulasch im Baguette mit Süßkartoffel-Fritten.

Hatte uns schon vor einer Woche als Teilnehmer für die Impro-Show im Brown Theater eingetragen. Die Kassiererin lässt uns gratis rein. Eine Bühne mit Zuschauerraum als in einer Bar, aus der auch während der Show noch laute Musik dringt. Die Show schlimmste ComedySportz-Grütze. Kommt klaum über schlecht gespielte Partygames hinaus. Die Zuschauer sind für die Spieler uninteressant. Die Party scheint während der Show im Backstage abzulaufen. Nach einer knappen Stunde ist der Spuk vorbei.
Spazieren zurück durchs French Quarter. Der Fahrer des Hostels hatte uns ja noch ein paar Blues Bars außerhalb des Zentrums empfohlen, aber wir sind zu müde, und treiben durchs ungesunde Party-Halligalli der Touristenströme heim.

*

BLINK

2. Kapitel: The Locked Door

Das zweite Kapitel behandelt unsere Unfähigkeit, hinter die verschlossene Tür unserer unwillkürlichen Reaktionen zu schauen.
- Vic Braden, ein internationaler Tennis-Coach, konnte mit extrem hoher Sicherheit nach einem Aus schon beim Ansetzen des Aufschlags erkennen, ob es ein Doppel-Aus gäbe,war aber unfähig, die Indizien dafür zu benennen.
- George Soros bekam beim Lesen von Wirtschafts-Nachrichten in bestimmten Fällen körperliche Krämpfe, die ihm signalisierten, eine Aktie abzustoßen. Auch er tendierte übermäßig oft zur richtigen Einschätzung.

Die Soros-Anekdote ist wissenschaftlich gesehen natürlich nur ein lockeres Indiz, denn es ist nicht nur denkbar, sondern sogar äußerst wahrscheinlich, dass Soros einfach der Typ ist, der verdammt viel Glück hatte.

- Teilnehmer von Speed-Dating wurden nach ihren Vorlieben bei Partnern befragt und passten diese später an den realen, glücklich gefundenen Partner an.
- In einem Psychotest (der natürlich etwas anderes zu testen vorgab), wurden die Teilnehmer mit Begriffen bombardiert, die mit Aggressivität verbunden waren. Tatsächlich waren diese Teilnehmer später wesentlich aggressiver als diejenigen in der Gegentest-Gruppe, denen man neutrale Begriffe vorlegte.

"Priming is not, it should be said, like brainwashing. (...) Nor can I program you to rob a bank for me."

Derren Brown tat aber genau das. http://www.youtube.com/watch?v=D9c2l4oD5AY

Donnerstag, 16. Juni 2011

9. Juni 2011 - Eine Straßenbahn, die nicht Desiree heißt

9. Juni 2011
An der Wand unseres Frühstücks-Cafés Lil’ Dizzy ein Foto von George W. Bush, wie er hier isst. Ob das vor oder nach Katrina war? Kann gar nicht anders als ihm maliziöses Kalkül zu unterstellen: a) Vor Katrina hat er’s sich noch getraut. b) Nach Katrina kam er her, um den Unmut gegen die Behörden zu besänftigen.
Wir schlafen uns nach dem Frühstück endgültig unseren Jet Lag aus dem Leib.
Allein würde ich nicht ins Aquarium gehen, aber das ist, wie schon erwähnt, der Vorteil des Zu-Zweit-Reisens. In diesem Falle ist es allerdings eher etwas enttäuschend. Etwas konzeptlos, was selbst die tollsten Tiere dann eher deplatziert erscheinen lässt. Ist das nicht die Kunst der Zooistik - das Zoohafte verschwinden zu lassen? Während des Hurrikans sind die meisten Tiere wegen des Stromausfalls hier verendet. Geht man deshalb jetzt etwas sparsamer um? Kann mir aber nicht vorstellen, dass es dem riesigen Alligator vor zehn Jahren in dem kleinen Tümpel besser erging. Steffi, die sich sonst beim Auftreten eines kleinen Weberknechts in 3 Kilometer Entfernung bald nicht mehr einkriegt, ist fasziniert, wenn kopfgroße Geschöpfe, deren Beine nicht von ihren Tentakeln zu unterscheiden sind, hinter Glas durchs Wasser storkseln. Mir hat es ein heringartiger Fisch angetan, der wie von einem wahnsinnigen Lebensmittelchemie-Professor auf eine Länge von zweieinhalb Meter per Genmanipulation hochgepimpt wurde.

Eine Abteilung zur Lewis-Clarke-Expedition schließt eine Bildungslücke. Die frühere Größe von Louisiana, die Machtspielchen zwischen Jefferson, Napoleon, Spanien und England. Überhaupt, dass hinter Virginia im Grunde schon Schluss war, der Traum der Nordwestpassage, taucht in meine Geschichtsvorstellung zumindest nicht unmittelbar auf.
Noch einmal im Hostel pausieren. Das Hostel ist weniger dreckig als es die Wackligkeit der Installationen erscheinen lässt. Sie saugen und wischen täglich. Und dennoch hinterlässt es einen gewissen Widerwillen, wenn die Dusche halb aus der Wand heraushängt.
Diskutieren das Thema am Nachmittag weiter. Die tendenzielle Kaputtheit, das Provisorische der Leitungen, Straßen, Lüftungsrohre usw. lässt sich nicht nur mit Katrina erklären. Man sieht es schließlich auch in England, in New York, in Spanien, in San Francisco. Sollten es vielleicht doch die guten deutschen, Schweizer und skandinavischen Handwerker sein, die dafür sorgen, dass man das Gefühl hat, sich an eine Wand wirklich anlehnen zu können, eine Dusche benutzen zu können, ohne befürchten zu müssen, dass einen der Schlag trifft?
Katrinas Auswirkungen werden uns von Tag zu Tag stärker vor Augen geführt. Gerade das ärmlichere Viertel, in dem wir wohnen, ist voller verlassener Häuser, die mit Gras überwachsen oder deren Fenster und Türen vernagelt sind. Aus einigen scheint Hausmüll zu quellen. An anderen Stellen stehen nur noch Ruinen. Hier und da entdeckt man erst beim zweiten Hinsehen, dass da mal ein Haus gewesen sein muss.

Ausflug mit der Streetcar (nein, nicht "Desire" und auch nicht bis zur Endstation Sehnsucht) bis ins Gartenviertel. Üppige Villen, die anscheinend ebenfalls von den Überschwemmungen verschont geblieben sind oder rasch wieder aufgebaut wurden. Ursprung dieses Viertels sind die repräsentativen Villen der Plantagenbesitzer.

Die Straßenbahn braucht wesentlich länger als vermutet, so dass wir hungrig sind, als wir endlich angelangt sind, und wir finden weder einen Imbiss noch ein Restaurants. Also nach einem kurzen Spaziergang sofort wieder zurück. Der alten Straßenbahn nehme ich es nicht übel, dass sie vor sich hin quietscht - eine Nostalgiekutsche, die zu 50% Touristen befördert. Aber anscheinend haben viele Bahnen hier ein Effizienzproblem. Von den Autos ganz zu schweigen. Selbst die Öko-Toyotas müssen fett und repräsentativ aussehen. Stromlinienförmigkeit wird allenfalls angedeutet. Standard ist entweder 80er-Jahre-Volvo-Design oder Jeep-Anmutung. Und dann wegen der Spritpreise heulen.

*

Malcolm Gladwell: BLINK. The Power of Thinking without Thinking.

Für einen Improspieler natürlich genau das entscheidende Thema: Was geschieht in den Momenten, in denen wir instinktive Entscheidungen treffen? Ich würde es ins Deutsche übersetzen mit "Denken ohne Nachzudenken".

Intro

Die Geschichte der Kouros-Statue, die angeblich aus dem antiken Griechenland stammt, was von einem Wissenschaftler durch chemische Analyse bestätigt wird. Diverse Experten finden zunächst die typischen Merkmale jener Zeit und bestätigen die Echtheit. Bis schließlich die echten Spezialisten auf den Plan treten und innerhalb weniger Sekunden sagen, dass es sich um eine Fälschung handelt. Und der springende Punkt ist: Sie können es nicht wirklich begründen außer mit Vagheiten wie "Sie wirkt frisch." oder "Die Fingernägel wirken falsch." Und diese Aussagen erweisen sich bei näherer Prüfung als korrekt.

Könnte man bei dieser Art von Einführung noch vermuten, wir hätten es mit einem Muschebubu-Buch zu tun, so entfaltet er in den nächsten Seiten die ganze Komplexität des Moments

1 The Theory of Thin Slices: How a Little bit of Knowledge Goes a Long Way

Wir tendieren dazu, zu glauben, wir wüssten mehr, je mehr wir uns mit jemandem beschäftigen. Sollte man nicht glauben, jemanden besser zu kennen, wenn man mit ihm mehrere Stunden isst und redet als wenn man nur kurz einen Blick in sein Schlafzimmer wirft? Das Gegenteil ist der Fall. Gerade wenn es um die fünf Persönlichkeitsdimensionen Extrovertiertheit, Einverständnis, Bewusstheit, emotionale Stabilität und Offenheit für Neues geht, erzählt uns der Blick ins Schlafzimmer eines Menschen mehr als dieser Mensch uns darüber erzählen könnte.
Ein weiteres Beispiel: Ärzte werden in den USA recht häufig verklagt. Der springende Punkt ist, dass die Verklagten nicht häufiger Fehler machen als die Nicht-Verklagten. Sie widmen sich ihren Patienten aber weniger intensiv und sind unpersönlicher.

(wird fortgesetzt)

Mittwoch, 15. Juni 2011

8. Juni 2011 "Mississippi Delta is shining like a national guitar"

8. Juni 2011
"Mississippi Delta is shining like a national guitar"
Wie spät ist es, als wir aufstehen? Die Uhr zeigt 7 an, das heißt, in Berlin ist es jetzt 14 Uhr. Das kann man schon mal als guten Versuch abhaken, den Jetlag zu überwinden.
Was also ist die Liste der Städte, von deren Flughäfen ich abflog oder auf denen ich landete? (Um nicht das Abholen des Freunds aus Tempelhof und das Rumlungern auf dem ungenutzten Flughafen in Sunyani mitzuzählen.)
Berlin, Minsk, Leningrad, Istanbul, Esfahan, Teheran, Amsterdam, New York City, Sofia, Lagos, Accra, Budapest, Sarajevo, Rom, London, Valetta, Paris, Wien, Chicago, München, Phuket, Antalya, Palma de Mallorca, Prag, Odessa, Zürich, Catania, Jekaterinburg, Krasnojarsk, Shanghai, Peking, Detroit, Philadelphia, Charlottesville, Seattle, New Orleans.
Mein erster Flug am 12. November 1989 nach Leningrad, drei Tage nach Mauerfall – an meinem Geburtstag – eine gebuchte Jugendtouristreise. Zwischen 1990 und 1996 bin ich nur ein einziges Mal geflogen – als ich in Moskau krank wurde und mir die Ärzte nicht helfen konnten.
Wir spazieren 500 Meter zu einem kleinen Frühstücks-Restaurant, dass sehr familiär wirkt. Die Angestellten (bis auf einen kleinen älteren Mann alle schwarz) verbreiten eine ungezwungene gute Laune. Ich überwinde mich, unbekanntes Essen auszuprobieren: "French Toast with Strawberries and Bacon". Es schwimmt in Fett und wenn man Honig drüber laufen ließe würde es nicht süßer werden. Aber ich bin zufrieden. Refill-Coffee gibt’s immer dann, wenn der Kaffee bestenfalls mittelmäßig ist.

Spazieren durchs French Quarter. Derselbe Eindruck wie damals 1997: Am Morgen danach riecht es nach Schmutzwasser und Reinigungsmittel. Wie eine mittags erwachende Stadt. Hutkauf am Hafen. Unsicher, ob der Preis angemessen oder Abzocke ist (schließlich befinden wir uns im Touri-Zentrum). Lasse mich dann von dem Gebot der Zweckmäßigkeit leiten.
Das Gute am Zu-Zweit-Reisen: Man lässt sich zu Dingen überreden, die einem sonst spontan nicht in den Sinn kämen. Aber die Dampferfahrt hätte ich wohl auch mitgenommen. Natchez Steamboat ist der älteste Original-Dampfer. Wir überqueren eine 70 Meter tiefe Stelle des Mississippi.

 

Zum ersten Mal fahren wir an Katrina-ruinierten Gebäuden vorbei. Das French Quarter war wegen seiner höheren Lage weitgehend verschont geblieben.
Spazieren durchs Zentrum. Eine üppige Frau geht an uns vorbei und trägt etwas vor sich her, das Steffi und ich unabhängig voneinander und ohne die Vokabel je in diesem Zusammenhang gebraucht zu haben, im Geiste als "Balkon" bezeichnen. Kurz danach schlendere ich allein weiter und höre, wie ein Straßenkünstler sie für ihre Brüste lobt: "Nice breasts!" In Berlin wäre das die Garantie für eine Ohrfeige oder eine rüde Erwiderung. Hier erntet er ein geschmeicheltes "Oh! Thank you!"

Montag, 13. Juni 2011

7. Juni 2011

Wie oft noch werde ich fliegen? Ich versuche, im Geist meine Flüge zu rekapitulieren. Und zwar inklusive Zwischenstopps. Seltsam, dass sie immer mehr zu einem Brei verschwimmen, je näher sie an die Gegenwart rücken; so wie es im Leben wohl immer so ist, dass der erste Happen, den man kostet, am eindringlichsten schmeckt. Und irgendwann bleiben die Kataströphchen anekdotenhaft im Gedächtnis kleben.
Unser Flug geht diesmal relativ spät. Die morgendliche Frische am S-Bahnhof Beusselstraße beim Warten auf den TXL-Bus verpassen wir.
Ich habe immer noch nicht verstanden, wozu das Online-Check-In oder Self-Check-In vor Ort gut sein soll. Spart es wirklich so viel Zeit? Fürs Boarding nehmen wir dann doch die Hilfe der polnischen Flughafen-Dame in Anspruch. Ja, die Sitze am Notausgang, auf die ich wie immer wegen meiner langen Stelzen spekuliere, können noch gebucht werden. "Aber", sie blickt auf Steffi, "Sie müssten ja beide in der Lage sein, die Tür zu öffnen." Sitzen also ganz hinten. Stelle mich auf Beinschmerzen ein, und versuche, mich nicht vorzeitig zu ärgern.
1. Vorzeitiges Ärgern bringt nie etwas, denn das Schlimme ist ja noch nicht eingetreten und vielleicht kommt ja doch alles anders.
2. Ärgern im Moment des Schlimmen bringt auch nichts. Entweder man ändert die Situation, dann ist der Grund für den Ärger hinfällig. Oder man muss sich mit ihr arrangieren, dann würde Ärger die Lage eher verschlimmern.
3. Ärgern hinterher bringt auch nichts. Denn das Schlimme ist vorbei.
Leichter gesagt als getan. Vor allem Punkt 2. Das Leben - ein Training.
Wir sitzen in den vorletzten Reihen, und der Clou: Das Flugzeug ist nicht ausgebucht. Ich nehme drei Sitze für mich in Anspruch, ohne dabei jemanden zu belästigen, lege mich zwischendurch sogar mal lang.

Das wäre vorn nicht möglich gewesen.
Lesen in Gladwells "Blink" und schaue in den Bollywood-Klassiker "Mother India" weiter bis zu 2:00 Stunden. Fasziniert von dem Willen zu Stilisierung, der manchmal an den Heroismus osteuropäischer Filme aus den 50ern erinnern. Leider meine Kopfhörer liegengelassen, und bin nun auf die Stöpsel von Delta angewiesen, die mir andauernd rausrutschen und einen furchtbaren Klang haben.

Nonstop nach New York. Die Immigrations-Befragung wird von Jahr zu Jahr entspannter. Auf der Vorderseite der Häuschen wird man darauf hingewiesen, dass die Beamten zu Höflichkeit verpflichtet sind, und dass man das Recht hat, mit deren Vorgesetzten zu sprechen.
Vom JFK-Flughafen nach La Guardia. Wir erhaschen einen Blick auf die Stadt, und es tut fast weh, nun weiterzureisen, aber uns bleibt ja noch eine Woche Ende Juni.
Ein Patrick aus Deutschland mit uns im Shuttle. Er muss seine Pflichtzeit in den USA verbringen, da er vor zwei Jahren eine Greencard gewonnen hatte. Sein Job in Brandenburg: Erben von Immobilien ausfindig machen. Und wie die meisten Menschen ziert auch er sich zunächst, als wir ihn nach seinem Beruf fragen. Dabei ist doch solche Detektivtätigkeit äußerst spannend. Nach der Ankunft verlieren wir uns. Für ihn geht’s weiter nach Florida.
Zeit totschlagen in La Guardia. 19:45 Uhr geht es weiter nach New Orleans. Also 1:45 Uhr Berliner Zeit.
Irgendein Ökonom hat sicherlich schon mal ausgerechnet, welchen volkswirtschaftlichen Schaden der "Schuh-Bomber" seit 2002 angerichtet hat, einfach durch den Zeitaufwand, den es bedeutet, sich am Flughafen andauernd die Schuhe an und auszuziehen. Oder würden die Keynesianer sagen, dass durch die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze an den Flughäfen das BIP eher gestiegen ist. Obwohl der Paradigmenwechsel 2009 überfällig war (wobei - hat es ihn überhaupt gegeben?), nerven die Keynesianer manchmal mit ihrem Fokus auf die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze durch den Staat - Autobahnen bauen, Kästchen falten.
Hinter dem Verbot des Transports von Flüssigkeiten steckt meines Erachtens jedoch die Kiosk-Mafia der Flughäfen, bei der wir die teuren Getränke bestellen müssen. Warum kann ich bitteschön nicht meinen halbausgetrunkenen Orangensaft mitnehmen, wenn ich vorm Officer daraus einen Schluck trinke?
Im Flugzeug pendeln wir im flugzeugtypischen Wechsel zwischen Dösen und Wachen. Ankunft 22:12 Uhr Ortszeit.

In Berlin und in unseren Knochen ist es jetzt 5 Uhr morgens. Die selbst für New Orleans ungewöhnliche Hitze haut uns um, als wir den durchaus schönen, aber frostig klimatisierten Flughafen verlassen. Der Fahrer des Hostels lässt auf sich warten. Oder sehen wir ihn bloß nicht? Die E-Mail-Kommunikation mit dem Hostel war eine Katastrophe. Soll man einen der Fahrer ansprechen? Habe ich mich geirrt? Ich rufe im Hostel an. Wie war das noch mal mit den Vorwahlen? Und funktioniert das mit dem neuen Handy überhaupt. Verstehe nur jedes zweite Wort des Mannes am anderen Ende: Meine Müdigkeit, sein Südstaatenakzent, sein an BVG-Arbeiter erinnernder Unwille, sich auf einen Ausländer einzulassen, der Lärm um uns herum und die typische Quäkigkeit amerikanischer Telefonverbindungen treibt mich in einen Kurz-vorm-Ausflippen-Zustand. Die Gereiztheit zwischen uns gleichen wir durch Lächeln aus. Es dauert über eine Stunde, bis der Fahrer endlich da ist. Schlecht gelaunt öffnet er uns den Kofferraum. Unsere Frage, ob er denn der Hostelfahrer sei, hält er kaum für eine Antwort wert. Er brettert über den Highway, ohne ein Wort zu sagen. Hält dann nach zwanzig Minuten irgendwo und steigt aus. Sind wir schon da? Auch auf diese Frage reagiert er genervt. Wir betreten die Herberge, und in dem Moment, als wir die Schwelle überschreiten, scheint es, als hätten wir nun mit seinem netten Zwillingsbruder zu tun. Zuvorkommend und hilfsbereit. Er nimmt sich sogar noch die Zeit, uns die coolsten Musikkneipen - abseits der Tourifallen - auf dem Stadtplan zu zeigen. Er merkt nicht, dass wir dabei gleich umfallen vor Müdigkeit. Es ist 7:30 Uhr Berliner Zeit, als wir das Licht löschen.