Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 28. Juni 2011

14. Juni - Narren auf dem Baseball-Feld

Bin mir nicht sicher, wie das Thema "Fool" letztendlich aufzufassen ist. Randy will im Laufe der Woche verschiedene Dimensionen des Themas herausarbeiten. Aber in den Diskussionen scheint Begriffsverwirrung zu herrschen: Sprechen wir über tatsächliche Narren des Hofs oder über ihre Idealisierung in den Stücken Shakespeares?
Bisher sprechen wir viel über eine Art kathartische Funktion des Narren. Mir kommt indessen eher die Beschreibung des Narren bei Stephen Nachmanovitch ins Gedächtnis: Das freie, ungebändigte, teilweise gefährliche Spiel. Teilweise scheinen wir dieses Grund-Element unbewusst im Gepäck zu führen, andererseits geht es mir fast ein wenig unter. Ob in der Narrheit - dem freien Spiel mit gegebenen Elementen - Weisheit steckt, hängt vom Narren und seinem Gegenüber (bei Shakespeare z.B. Lear, bei uns dem Publikum) ab.

Um Zeit für eine kleine Stadtführung mit Randy und den Besuch eines Baseballspiels der Mariners zu haben, verkürzen wir den Workshop auf 15 Uhr.

 

Ich gebe mir größte Mühe, die Regeln des Baseball zu verstehen, komme aber über ein paar Grundlagen nicht hinaus. Die an unserer Seite sitzende Amerikanerin ist nett, aber keine gute Erklärerin. Aber hier oben auf der Tribüne ist die Begeisterung für dieses langsame Spiel, bei dem alle 5 Minuten mal jemand 50 Meter rennt und ab und an mal jemand einen Ball fängt, ohnehin mäßig. Ob die gute Laune sich aus dem ungesunden Essen speist, bliebt unklar. Dennoch jubeln wir mit, wenn die hoffnungslos unterlegenen Mariners mal einen Punkt (heißt das Punkt?) bekommen.
Seit unserer Ankunft in New Orleans frieren wir an den klimatisierten Orten. In Seattle ist es kühl, ich halte es irgendwann nicht mal mehr mit Jacke aus, während Mario unbeeindruckt sich noch im T-Shirt amüsiert.

*

BLINK - Kapitel 6: Seven Seconds in the Bronx: The Delicate Art of Mind Reading

Gladwell geht aus vom Fall Amadou Diallo, einem jungen schwarzen Mann in der Bronx, der Ende der 90er aufgrund eines Missverständnisses von Polizisten erschossen wurde. Das Urteil war schnell klar: Die Polizei ist rassistisch vorbelastet. Aber der eigentliche Grund bestand darin, dass es im Umgang mit brenzligen Situationen keine Deeskalations-Strategien gab: Räumliche Distanzen müssen erweitert und Kommunikation ermöglicht werden. Die Darstellung von Polizisten in Filmen wie Dirty Harry, die cool den Schurken umlegen und sich dann eine Zigarette anstecken, ist durch die Realität nicht belegt. Der Puls steigt auf bis zu 165 Schläge pro Sekunde, eine Frequenz, die es unmöglich macht, klar zu denken. Der Adrenalin-Überschuss steigt.
Gladwell bezeichnet diesen Zustand als

temporary autism

Das ist eigentlich auch für die Autismus-Forschung interessant. Sollte man im Umgang mit Autisten einfach das Tempo rausnehmen?

Kapitel 7: Listening with your Ears. The Lessons of Blink.

Selbst Profi-Musiker wie Sergiu Celibidache ließen sich lange Zeit durch ihre Augen täuschen und hielten trotz geschulten Ohres Frauen für unfähig bestimmte Instrumente wie Posaune überhaupt spielen zu können. Erst durch einen zufälligen Blindtest kam eine Frau - Abbie Conant - in die Münchner Philharmonie.

Und was machen wir aus alledem? Man fühlt sich manchmal aufs Glatteis geführt. Wann ist Blink-Denken von Vorteil, wann vertrauen wir zu sehr unseren Instinkten? Am Ende geht vieles leider im anekdotenhaften Stil von Gladwell unter. Gründliches Lesen und Herauspicken der Rosinen notwendig. Das Thema ist es wert.

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