Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Donnerstag, 16. Juni 2011

9. Juni 2011 - Eine Straßenbahn, die nicht Desiree heißt

9. Juni 2011
An der Wand unseres Frühstücks-Cafés Lil’ Dizzy ein Foto von George W. Bush, wie er hier isst. Ob das vor oder nach Katrina war? Kann gar nicht anders als ihm maliziöses Kalkül zu unterstellen: a) Vor Katrina hat er’s sich noch getraut. b) Nach Katrina kam er her, um den Unmut gegen die Behörden zu besänftigen.
Wir schlafen uns nach dem Frühstück endgültig unseren Jet Lag aus dem Leib.
Allein würde ich nicht ins Aquarium gehen, aber das ist, wie schon erwähnt, der Vorteil des Zu-Zweit-Reisens. In diesem Falle ist es allerdings eher etwas enttäuschend. Etwas konzeptlos, was selbst die tollsten Tiere dann eher deplatziert erscheinen lässt. Ist das nicht die Kunst der Zooistik - das Zoohafte verschwinden zu lassen? Während des Hurrikans sind die meisten Tiere wegen des Stromausfalls hier verendet. Geht man deshalb jetzt etwas sparsamer um? Kann mir aber nicht vorstellen, dass es dem riesigen Alligator vor zehn Jahren in dem kleinen Tümpel besser erging. Steffi, die sich sonst beim Auftreten eines kleinen Weberknechts in 3 Kilometer Entfernung bald nicht mehr einkriegt, ist fasziniert, wenn kopfgroße Geschöpfe, deren Beine nicht von ihren Tentakeln zu unterscheiden sind, hinter Glas durchs Wasser storkseln. Mir hat es ein heringartiger Fisch angetan, der wie von einem wahnsinnigen Lebensmittelchemie-Professor auf eine Länge von zweieinhalb Meter per Genmanipulation hochgepimpt wurde.

Eine Abteilung zur Lewis-Clarke-Expedition schließt eine Bildungslücke. Die frühere Größe von Louisiana, die Machtspielchen zwischen Jefferson, Napoleon, Spanien und England. Überhaupt, dass hinter Virginia im Grunde schon Schluss war, der Traum der Nordwestpassage, taucht in meine Geschichtsvorstellung zumindest nicht unmittelbar auf.
Noch einmal im Hostel pausieren. Das Hostel ist weniger dreckig als es die Wackligkeit der Installationen erscheinen lässt. Sie saugen und wischen täglich. Und dennoch hinterlässt es einen gewissen Widerwillen, wenn die Dusche halb aus der Wand heraushängt.
Diskutieren das Thema am Nachmittag weiter. Die tendenzielle Kaputtheit, das Provisorische der Leitungen, Straßen, Lüftungsrohre usw. lässt sich nicht nur mit Katrina erklären. Man sieht es schließlich auch in England, in New York, in Spanien, in San Francisco. Sollten es vielleicht doch die guten deutschen, Schweizer und skandinavischen Handwerker sein, die dafür sorgen, dass man das Gefühl hat, sich an eine Wand wirklich anlehnen zu können, eine Dusche benutzen zu können, ohne befürchten zu müssen, dass einen der Schlag trifft?
Katrinas Auswirkungen werden uns von Tag zu Tag stärker vor Augen geführt. Gerade das ärmlichere Viertel, in dem wir wohnen, ist voller verlassener Häuser, die mit Gras überwachsen oder deren Fenster und Türen vernagelt sind. Aus einigen scheint Hausmüll zu quellen. An anderen Stellen stehen nur noch Ruinen. Hier und da entdeckt man erst beim zweiten Hinsehen, dass da mal ein Haus gewesen sein muss.

Ausflug mit der Streetcar (nein, nicht "Desire" und auch nicht bis zur Endstation Sehnsucht) bis ins Gartenviertel. Üppige Villen, die anscheinend ebenfalls von den Überschwemmungen verschont geblieben sind oder rasch wieder aufgebaut wurden. Ursprung dieses Viertels sind die repräsentativen Villen der Plantagenbesitzer.

Die Straßenbahn braucht wesentlich länger als vermutet, so dass wir hungrig sind, als wir endlich angelangt sind, und wir finden weder einen Imbiss noch ein Restaurants. Also nach einem kurzen Spaziergang sofort wieder zurück. Der alten Straßenbahn nehme ich es nicht übel, dass sie vor sich hin quietscht - eine Nostalgiekutsche, die zu 50% Touristen befördert. Aber anscheinend haben viele Bahnen hier ein Effizienzproblem. Von den Autos ganz zu schweigen. Selbst die Öko-Toyotas müssen fett und repräsentativ aussehen. Stromlinienförmigkeit wird allenfalls angedeutet. Standard ist entweder 80er-Jahre-Volvo-Design oder Jeep-Anmutung. Und dann wegen der Spritpreise heulen.

*

Malcolm Gladwell: BLINK. The Power of Thinking without Thinking.

Für einen Improspieler natürlich genau das entscheidende Thema: Was geschieht in den Momenten, in denen wir instinktive Entscheidungen treffen? Ich würde es ins Deutsche übersetzen mit "Denken ohne Nachzudenken".

Intro

Die Geschichte der Kouros-Statue, die angeblich aus dem antiken Griechenland stammt, was von einem Wissenschaftler durch chemische Analyse bestätigt wird. Diverse Experten finden zunächst die typischen Merkmale jener Zeit und bestätigen die Echtheit. Bis schließlich die echten Spezialisten auf den Plan treten und innerhalb weniger Sekunden sagen, dass es sich um eine Fälschung handelt. Und der springende Punkt ist: Sie können es nicht wirklich begründen außer mit Vagheiten wie "Sie wirkt frisch." oder "Die Fingernägel wirken falsch." Und diese Aussagen erweisen sich bei näherer Prüfung als korrekt.

Könnte man bei dieser Art von Einführung noch vermuten, wir hätten es mit einem Muschebubu-Buch zu tun, so entfaltet er in den nächsten Seiten die ganze Komplexität des Moments

1 The Theory of Thin Slices: How a Little bit of Knowledge Goes a Long Way

Wir tendieren dazu, zu glauben, wir wüssten mehr, je mehr wir uns mit jemandem beschäftigen. Sollte man nicht glauben, jemanden besser zu kennen, wenn man mit ihm mehrere Stunden isst und redet als wenn man nur kurz einen Blick in sein Schlafzimmer wirft? Das Gegenteil ist der Fall. Gerade wenn es um die fünf Persönlichkeitsdimensionen Extrovertiertheit, Einverständnis, Bewusstheit, emotionale Stabilität und Offenheit für Neues geht, erzählt uns der Blick ins Schlafzimmer eines Menschen mehr als dieser Mensch uns darüber erzählen könnte.
Ein weiteres Beispiel: Ärzte werden in den USA recht häufig verklagt. Der springende Punkt ist, dass die Verklagten nicht häufiger Fehler machen als die Nicht-Verklagten. Sie widmen sich ihren Patienten aber weniger intensiv und sind unpersönlicher.

(wird fortgesetzt)

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