Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Sonntag, 17. Februar 2013

395. Nacht - kuriose und unkuriose Zeitschriften

"Zeitschriften, die wir euch vorstellen"

In den Jahren 2000 und 2001 stellte ich bei derChaussee der Enthusiasten in unregelmäßigen Abständen "Zeitschriften, die ihr nicht kennt" vor. Bei einem meiner mäßig inspirierten Aufräumanfälle fielen mir nun wieder die damals gekauften Hefte in die Hand. Das sagt man wohl so, aber eigentlich hatte ich diesen Zeitschriftenstapel immer wieder in der Hand, von Regal A nach Regal B schiebend und mir einredend, das wäre für irgendein "Archiv" wichtig. Schnickschnack. Ich machte noch schnell ein paar Fotos, und jetzt kommen sie in die Tonne. Die meisten dieser Zeitschriften sind natürlich ausgemachter Schrott. Einige versprachen zumindest Lektüre in Wissensgebieten, an denen ich sonst schnöde vorbeisause. Fast alle pflegen einen typischen Jargon - eine Mischung aus Anbiederei und Fachmännischkeit.

- Der Artikel aus der Zeitschrift REPTILIA kam damals ziemlich gut beim Publikum an. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Heiko Werning, der außerdem noch Redakteur dieser Zeitschrift ist, wurde kurze Zeit später in der Lesebühnenszene aktiv und ist heute Mitglied bei derReformbühne und denBrauseboys.
- Gegen wen kämpft man eigentlich? Diese Frage wollte ich mir durch den Kauf der "National-Zeitung" beantworten. Und man kommt Gewissensbisse schon beim Kauf: Einmal will man nicht für einen Nazi gehalten werden, zum anderen unterstützt man ja mit dem Kauf die NPD. Sehr erstaunlich, dass auf der letzten Seite Bücher von Noam Chomsky beworben wurden, ein jüdischer Linker. Um die bescheuerte Frage der Titelseite "Wie mächtig sind die Juden?" weiterzuspinnen: Haben die linken Juden jetzt schon die National-Zeitung in ihrer Hand? Wenn man genauer hinschaut: Es sind Bücher, die die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September 2011 kritisieren, und da kann der Nationalist schon mal den Alibi-Juden als Kronzeugen gebrauchen. Ob Chomsky davon weiß?
- Die Zeitschrift BRIDGE ist keine Kartenspielzeitschrift, sondern für Makler gedacht. Und so erfuhr ich, was mein einer Berliner Namens-Doppelgänger in Berlin so treibt.
- Sehr schön auch DER RAUBFISCH. Es fiel mir damals schwer, unter den Dutzenden Angelzeitschriften eine auszusuchen.
- Nicht auf den Fotos zu finden: GEHIRN UND GEIST, die einzige Zeitschrift, die es geschafft hat, gleich nach der Lektüre abonniert zu werden.
- Die kurioseste Zeitschrift fand ich aber "Die Lesertuning Scene". Eine Zeitschrift, die praktisch von ihren Lesern gemacht wurde: Leser stellen ihre getuneten Karren vor, und zwar stets inklusive am "Ameisenfresser" lehnenden aufreizenden Mädchen. Vom Technik-Schnickschnack verstand ich kein Wort, aber mich beeindruckte doch die extreme Unprofessionalität der Fotomodelle und ihrer Fotografen.

Bei Interesse auf die Bildchen klicken, dann kommt die größere Version des Fotos.

***

Der Alte antwortete, er sei auf dem Wege von Basra nach Bagdad, um ein Heilmittel für seine Augen zu finden. Der Kalif befielt Dscha'far, mit dem Alten Scherz zu treiben. Dscha'far rät nach kurzem Zögern dem Alten,

"drei Unzen Windhauch, drei Unzen Sonnenstrahlen, drei Unzen Mondschein und drei Unzen Lampenlicht"

zu nehmen und diese in einem bodenlosen Mörser zu zerstoßen. Der Alte legt sich auf seinen Esel, lässt einen Wind ab und erklärt diesen zum Lohn für Dscha'fars Rat und verspricht ihm außerdem bei Wirkung des mittels ihm eine Sklavin zu schenken, die ihm ein schnelles Ende bereiten soll.

Da lachte Harûn er-Raschîd, bis er auf den Rücken fiel, und befahl, jenem Manne dreitausend Dirhems zu geben.

Mit Geld sich das Recht zum Spotte erkaufen, ob das seinem Gott gefallen haben mag?

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Die Geschichte vom Kalifen Omar ibn el-Chattâb und dem jungen Beduinen

Der KalifOmar ibn el Chattâb sitzt auf dem Richterstuhl, als zwei Jünglinge einen dritten Jüngling am Gewand gepackt vor ihn schleifen.

Freitag, 15. Februar 2013

394. Nacht - Meine Besserwissereien

Ich war ein Besser-Ossi
oder Onkel Hain kommt

Ob meine Besserwisserei angeboren oder anerzogen ist, weiß ich nicht. Nature or Nurture – die alte Frage. Da ich meine Eltern schon als kleines Kind damit nervte, sie in kleinen Dingen des alltäglichen Lebens zu korrigieren, muss es wohl in den Genen liegen oder vielleicht an einer Mutation der Muttermilch. Die moralphilosophische Fachwelt streitet ja darüber, ob Besserwisserei der Todsünde des Hochmut zuzurechnen sei. Dagegen spräche, dass es einem ja nur um die Sache geht: Den Fortschritt, die Wahrheit. Man möchte seine Menschen nicht in der Düsternis der Dummheit zurücklassen. So gesehen ist jedes Lehrbuch, überhaupt jedes wissenschaftliche Werk eine besserwisserische Anmaßung. Andererseits bohrt der Besserwissende in der Wunde des Schlechterwissenden. Er nervt den Nichtwissenwollenden, vor allem aber verbessert der Besserwissen in Situationen, die kein Belehren verlangen. Dies zu erkennen ist aber für den Besserwisser fast unmöglich, da es für ihn nichts Dringenderes gibt als die Richtigstellung eines Irrtums, und sei es die Korrektur eines Kommafehlers. Es kostete mich große Mühe zu lernen, mir wenigstens in zwischenmenschlichen Schlüsselsituationen auf die Zunge zu beißen. Vielleicht erkannte ich es mit Anfang 20, als mir meine Freundin beim schönsten Vorspiel zuflüsterte: "Du brauchst heute kein Kondom überziehen."
"Überzuziehen!"
"Was?"
"Es heißt, 'Du brauchst heute kein Kondom überzuziehen.' Wer brauchen ohne zu gebraucht, ist nicht zu gebrauchen."
Ja, ja. Für diese Freundin war ich auch bald nicht mehr zu gebrauchen.
Aber zu lernen, die Angemessenheit der Belehr-Situation zu berücksichtigen, war für mich ein langer dornenreicher Weg – die Dornen dieses Wegs waren meine Besserwis-sereien und die Verletzungen zogen nicht nur die von mir Belehrten sich zu, sondern letztlich immer ich.
Meine ersten Opfer waren meine Kindergarten-Freunde, die ich mit frisch zusammengelesenem unnützem Wissen beballerte: "Welcher Frühblüher bekommt die Blüten vor den Blättern?" Nicht nur kannte die richtige Antwort "Der echte Seidelbast" natürlich niemand, die meisten wussten nicht einmal, was Frühblüher sind, und eine erstaunlich große Minderheit kannte nicht einmal den Unterschied zwischen Blüten und Blättern. Gut waren natürlich auch Fragen, die ich zwar nicht verstand, aber deren Antwort ich wusste: "Was ist die Muttersubstanz von Radium?"
So lernte ich mit fünf Jahren, dass es nicht viel bringt, sich schlauer zu fühlen, wenn die Konsequenz kommunikative Ausgrenzung lautet. Meine nächsten Opfer waren die Lehrer, und das zwölf Jahre lang. Ich wusste nicht alles besser, aber vieles. Talentierte Lehrer nutzten meine Fragen, um den Unterricht zu dynamisieren, während die weniger talentierten jedes Mal verunsichert waren, ob ihr am besten mitarbeitende Schüler, wenn er sich meldete, eine gute Antwort oder eine provokante Frage parat hielt.
Auch in schriftlichen Arbeiten testete ich regelmäßig die Lehrergrenzen aus. Diktat gegen Ende der ersten Klasse: "Onkel Hein kommt" lautete die Überschrift. Ich war in jener Zeit fasziniert von Zwielauten und Umlauten jeglicher Art. Onkel Hein kommt? Soso, das würde mir Frau H. bei der Korrektur nachweisen müssen, dass sie "Hein" so ausgesprochen hatte, dass man ihn nicht mit "ai" schreiben könnte. Andererseits wäre "Heyn" auch nicht schlecht, vielleicht sogar noch provokanter? Ich beließ es bei Hain. Frau H. lobte mich später sogar – ein Bärendienst an der Bildung meines Charakters, in dem es sich der Dünkel bereits gemütlich gemacht hatte. Dieselbe Frau H. ging ebenso ruhig darüber hinweg, dass ich in Mathearbeiten die Variablen nicht x oder y nannte, so wie es andere Kinder taten, sondern diese ausnahmslos mit den Umlauten ä, ö und ü, sowie gelegentlich auch mit ß bezeichnete.
Weniger starknervig war Frau H.s Nachfolgerin, Frau B., die in der sechsten Klasse, es ging im Geographie-Unterricht gerade um Industrie-Gebiete in Polen, mehrere Korrekturvorschläge zur Unterstreich-Form von Überschriften und Zwischenüberschriften ertragen musste. Ihre Stimme tremolierte bereits, als sie meinen unerbetenen Vortrag zum Thema "Zahlen als Unterpunkte. Warum man nicht 2.), sondern entweder 2. oder 2) schreibt" unterbrach, um zum öden Industriethema und der Werft- und Hafenstadt Gdansk zurückzukehren. Ich blätterte in meinem Buch, während B. an der Tafel säuselte und das auf ihrer A5-Karteikarte vorgemalte Tafelbild abmalte. Die Klasse schläferte träumerisch so vor sich hin. Eine kleine Zwischenfrage zum Aufmuntern: "Für den Export welcher Rohstoffe braucht denn Polen den Hafen?" Niemand meldete sich, ich schaute zum Tafelbild. Dort stand Gdanst! Mit T! Für alle sichtbar. Sollte ich wieder mal schlauer sein als die Lehrerin? Dies zu demonstrieren, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich meldete mich. Frau B. musterte mich scharf: Würde ich wieder provozieren? Ich fühlte mich unschuldig und im Recht, und so muss mein Blick völlig unschuldig gewirkt haben, als ich, nachdem Frau B. mir zunickte: "Ja, Dan?" die Antwort gab: "Gdansk wird aber mit K geschrieben." Nie wieder habe ich B. dermaßen ausflippen sehen: "Das ist ein K. Ein K!!" Sie übermalte das T zum K und echauffierte sich über die gesamte Klasse. Warum habe man ihr, der jungen Absolventin in dieser Schule die trägste Klasse von allen gegeben, in der der Einzige, der überhaupt Energie genug habe, um den Arm zu heben, sich mit der Korrektur unwichtiger Nebensächlichkeiten beschäftige. Auf den Hinweis, dass Orthographie keine unwichtige Nebensächlichkeit sei, holte sie mich als Strafe zur mündlichen Leistungskontrolle an die Tafel. Mit dem aktuellen Stoff – "Industrie in den RGW-Staaten" – konnte sie mich nicht drankriegen, und so stocherte sie in vergangenen Themen herum: Faltengebirge, Glaziale Serie, Oberrheingraben. Die Pausenklingel dröhnte. B. suchte weiter nach Schwachstellen. Fünf Minuten später gab sie auf: "Pause!", und gab mir verdrossen die Eins. Es fühlte sich gut an, Recht behalten zu haben, aber mir war klar: Man hatte mich auf dem Kieker. Die ganze Schulzeit über. An der Uni war ich schon vorsichtiger. Aber trotzdem hielt meine Besserwisserei an: Meine Beziehungen litten darunter. Und sicherlich auch meine Gesundheit. Denn noch kannte ich nicht die Regel, dass die Gastronomie zu den Bereichen zählt, in denen Kritik sich leicht als Bumerang erweist. Den Kellnern ist es wohl einigermaßen egal, ob sie einen Teller ein oder dreimal durchs Lokal tragen müssen. Köche aber reagieren wie beleidigte Pianisten, wenn man ihre Kunst infrage stellt. Bemerkungen wie "Die Bechamelsoße am Spargel ist viel zu dick." oder "Rosmarin passt aber nicht an Geflügel" bringen Köche auf die Palme. Und erst spät erfuhr ich, dass sich diese Küchen-Lamas rächen, indem sie einem die Soße des neuservierten Essens ordentlich mit Eigen-Aule einspeicheln. Auch ein Cartoon des Derbzeichners Werner Brösel bindet meine Zunge wenn’s ans Kritisieren von Restaurant-Gerichten geht: Wir sehen einen Schiffskoch, der freudig sein entblößtes Glied über eine Pfanne hält und darunter den Zweizeiler: "Der Koch in der Kombüse/verfeinert das Gemüse."
Ich habe gelernt, und habe gelernt zu schweigen, wenn ich falsch bedruckte Speisekarten oder orthographisch verhunzte Ladenschilder sehe. Ich zügle mein Maul, wenn Freunde ihr Geld für schützende Kristalle, "belebtes Wasser" und ähnlich geldschneiderischen Schrott ausgeben. Ich achte auf den passenden Ort und die passende Zeit, um auf die Lügen der Homöopathie aufmerksam zu machen. 381 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland für Globuli aufgrund einer Hokuspokus-These, für deren Beweis jedem der Physik-Nobelpreis zuerkannt würde, deren Belege allesamt subjektiver Natur sind und deren Effekt genauso durch Wasserschlucken reproduzierbar wären. (Ich kann mich schon wieder nicht halten…)
Aber es gibt eine schöne Spielwiese für Leute wie mich: Immer wieder bestaunen Feuilletonisten die Arbeit und den Antrieb der Wikipedianer. Wie kann eine selbstorganisierte Enzyklopädie funktionieren? Wo nehmen die Macher die Zeit und den Ehrgeiz her? Hier ist die Lösung: Besserwisserei. Ich kann keinen Wikipedia-Artikel lesen, ohne Kommafehler zu korrigieren. Bei Behauptungen, die mir unwahrscheinlich erscheinen, schlage ich mir Stunden um die Ohren, um sie zu veri- oder falsifizieren, selbst wenn mich das Thema an sich nur peripher interessiert. So wurde im deutschen Artikel zum Italo-Amerikanischen Schlagersänger Al Martino behauptet, er sei in den 60ern nach England geflohen, weil er von einem Mafioso namens Luca Brasi verfolgt worden sei. Luca Brasi ist aber der Name eines Knochenbrechers im 70er-Jahre Film "Der Pate", bei dem Al Martino eine Nebenrolle hatte. Hier schien mir etwas durcheinandergebracht worden zu sein. Mehrere Tage verbrachte ich mit der Recherche, bis ich auf ein Zitat in der Augsburger Allgemeinen stieß, das einen amerikanischen Zeitschriften-Artikel falsch übersetzt hatte, der wiederum sehr frei mit der Vita Al Martinos spielte. Ich strich in der Wikipedia einen Halbsatz und mich durchfuhr ein mentaler Orgasmus. Vor einem halben Jahr bin ich wegen meines Fleißes in der deutschen Wikipedia zum Sichter befördert worden. Wiki-Sichter! Seidelbast! Gdansk! Rosmarin! Bechamel! Brauchen nur mit zu! Globuli. Und Onkel Hain! Onkel Hain kommt!

***

Der Mann berichtet den zusammengerufenen Leuten, was geschehen war, woraufhin die Frau den lebenden Fisch präsentiert, der ihn Lügen straft.

Dann erklärten sie ihn für irrsinnig und sperrten ihn ein und lachten ihn obendrein aus. Er aber begann in Tränen auszubrechen und hub an, diese beiden Verse zu sprechen:

Die Alte hat im Schlechten schon hohen Rang erklommen.
Und Zeugen der Gemeinheit stehen in ihrem Gesicht.
Wenn unrein, kuppelt sie; wenn rein, bricht sie die Ehe;
Sie lebt, indem sie kuppelt und auch die Ehe bricht.

***

Die Geschichte von der Weiberlist

In Bagdad geht eine "Tochter der Fröhlichkeit" am Laden eines schönen Jünglings vorbei, über dessen Tür die Worte stehen:

"Es gibt keine List als die List der Männer; denn sie übertrifft die List der Frauen."

Dies reizt sie, ihm das Gegenteil zu beweisen. Am nächsten Tag kommt sie in seinen Laden, vorgeblich, um Stoff zu kaufen. Dann spricht sie zu ihm:

"Sieh doch mal, wie schön ich von Wuchs und Gestalt bin! Kannst du einen Fehl entdecken?" (...) "Nein, meine Herrin."

Daraufhin entblößt sie ihren Busen und ihre Arme.

"Was veranlasst dich, meine Herrin, mir diese schönen Glieder und diese liebliche Gestalt zu zeigen? (...)

Die weiße Wange wird vom Haar umrahmt
Und ist verborgen in der schwarzen Pracht.
Die Wange gleicht dem hellen Tageslicht,
Das Haar ist gleichsam wie die finstre Nacht."

Daraufhin erzählt sie ihm, ihr Vater, der Großkadi verhöhne sie und sage ihr ständig, sie sei hässlicher als die Sklavinnen und bräuchte deshalb keine feinen Kleider. Sie nimmt Abschied von ihm, und

in seinem Herzen regte sich eine tausendfache Sehnsucht.

Er begibt sich zum Kadi und hält um die Hand dessen Tochter an.

"Herzlich willkommen", erwiderte der Kadi, "aber meine Tochter taugt nicht für deinesgleichen, mein Freund."

Doch der Jüngling beharrt darauf, und so wird noch vor Ort der Brautpreis ausgehandelt und die Eheurkunde aufgesetzt. Drei tage später findet die Hochzeit statt.

Als er aber den Schleier von ihrem Antlitz hob und das Kopftuch zurückschlug, da entdeckte er eine ekelhafte, hässliche Gestalt und ein mit allen Fehlern behaftetes Wesen. Und nun bereute er, als ihm die Reue nichts mehr nutzte. (...) Und er ruhte bei seiner Gattin wider Willen.

Ob der Vollzug nachgeprüft wurde? Oder sich der Kadi auf die Aussage seiner Tochter verließ?

Er wird nun von seinen Freunden verspottet. Und als er wieder in seinem Laden sitzt, kommt die junge Frau wieder und bietet ihm an, ihm zu helfen, sofern er die Inschrift über der Tür verändere. Dies tut er:

Es gibt keine List als die List der Frauen; denn ihre List ist die größte.

Sie rät ihm, Trommler und Tänzer zu bezahlen, damit sie ihn am nächsten Tag vorm Gerichtshof des Kadis bejubelten und ihm sagten: 'Zum Segen, Vetter! Unsere Seele freut sich über das, was du getan hast.' Dann möge er ihnen Dirhems zuwerfen.

"Ja, der Rat ist gut", antwortete er.

Weiß er schon, worauf das hinausläuft? Ich hier noch nicht.

Er tut, wie ihm geheißen, und der Kadi wird erbleicht, da die Trommler behaupten, sie seien durch die Heirat als Vettern nun Verwandte des Kadis geworden.

"Weißt du nicht, hoher Herr, dass ich auch zu dieser Zunft gehöre?"

"Allah verhüte, dass dies Ding sich vollende! Wie sollte es erlaubt sein, dass die Tochter des Kadis der Gläubigen bei einem Mann e verbleibe, der zu den Tänzern gehört und niedriger Herkunft ist? Bei Allah, wenn du dich nicht im Augenblicke von ihr scheidest, so lasse ich dich peitschen und auf immer bis zu deinem Tode ins Gefängnis werfen. (...) Du bist ja unreiner als ein Hund oder ein Schwein." (...)
"Sei besonnen, o Gebieter! Denn Allah ist besonnen! Ich könnte mich von meiner Frau nicht scheiden, wenn du mir auch das Königreich Irak schenktest!"

Der Kadi behält seine Drohung bei, und der Jüngling spricht die Scheidung aus. Er kehrt zurück in den Laden und heiratet die listige Jungfrau.

 

***

Die Geschichte von der frommen Israelitin und den beiden bösen Alten

Eine fromme Israelitin wird von zwei Alten bei der Waschung hinterm Gebethaus beobachtet und erpresst, sie möge ihnen zu Willen sein. Sie widersteht, und so veleumden die beiden Alten sie, sie hätte Ehebruch betrieben. Drei Tage steht sie am Pranger, dann soll sie gesteinigt werden. Aber der zwölfjährige Daniel, der spätere Prophet, verhört die beiden Alten getrennt, und sie machen widersprüchliche Angaben zum Tatort.

Da sendete Allah der Erhabene plötzlich einen rächenden Blitz vom Himmel und verbrannte die beiden Alten.

Warum tut er das erst, als deren Schuld durch Daniel bereits bewiesen ist?

Dies war das erste Wunder des Propheten Daniel - auf ihm ruhe Heil.

Diese Geschichte aus alttestamentarischer Zeit wirkt sonderbar deplatziert an dieser Stelle.

***

 

Die Geschichte von Dscha'far dem Barmekiden und dem alten Beduinen

Harûn er-Raschîd geht mit Dscha'far, Abu Nuwâs und dem Tischgenossen Abu Jakûb aus. Da entdecken sie in der Steppe einen Alten.

Mittwoch, 13. Februar 2013

393. Nacht - Das Bröckeln der Anti-Gentrifizierungsfront

Das Loch in der Anti-Gentrifizierungs-Front

Meine Nachbarschaft ist zugestopft mit Kaufhallen, Supermärkten und Discountern aller Art. Cafés und Restaurants eher weniger, aber Kaufhallen. Dafür hamse wieder Geld, die Treptower. In weniger als 5 Laufminuten erreiche ich:
- zwei Netto
- einen Kaisers
- ein real
- Rewe
- Aldi
- und (dafür braucht man dann schon sieben Minuten) die Biokette LPG
Schon irritierend, als vor wenigen Monaten direkt neben dem Netto auf dem ehemaligen Mauergrundstück die Bagger ankamen und schon bald ein Schild verhieß: „Hier entsteht ihr neuer Edeka!“ Die Graffitisierer sprachen mir aus dem Herzen, als sie dann an die neueröffnete Filiale sprühten: „Kita? Spielplatz? Park? Noch ein Supermarkt! Fuck the system!“
Wem wollten die denn die Kundschaft streitig machen? Mir war klar, ich würde den Edeka, auch wenn er nur bequeme 3 Minuten entfernt lag, boykottieren. Und ich war mir sicher, ich wäre nicht der Einzige. Die Graffiteure hatte ich auf meiner Seite. Am selben Tag hatten sie auch ein in der Karl-Kunger-Straße modernisiertes Haus markiert mit „Privat-Zoo für Reiche“. Ich muss zugeben, dass ich die Aufschrift im zweiten Moment schon nicht mehr verstand. Wenn dieses Haus ein Zoo für Reiche war, wer wurde denn darin gehalten? Die Reichen? Von wem? Von uns? Wer waren die Besucher des Zoos? Wir? Aber ins Haus kam man doch nicht rein. Die Anti-Gentrifizierungsfront hatte noch an der Durchdachtheit ihrer Slogans zu arbeiten.
Der Edeka hatte inzwischen zwei Monate geöffnet. Und ich widerstand der Versuchung nachzuschauen, wie es darinnen aussehen mochte. Ich wählte beim Einkaufen weiterhin zwischen dem billigen Ekel-Netto und den ökokorrekten LPGlern. Ich lege ja schon seit immer etwas mehr hin, um Biofutter zu bekommen, denke aber, dass das manchmal – etwa bei Schnipsgummis oder Bier auch ein wenig zweitrangig ist. Es gibt eben doch ein richtiges Leben im Falschen, hier irrte Adorno. Hunderprozentige Korrektheit gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Kompromiss finden. Und wenn ich Bananen vergessen habe, dann vermeide ich den Umweg zur LPG, und springe eben schnell zu Netto rein, wo man sensuell auf eine böse Probe gestellt wird. Es stinkt nach Verpackungen und Schweiß, der Laden beballert einen mit seiner stechenden Gelb-Orange-Kombi, die Mitarbeiter wurden offenbar aus der Dauerkundschaft gecastet, man bemüht sich um einen freundlichen Umgangston, kann aber die Gehetztheit und, wie mir scheinen will, eine Angst (wovor auch immer) nur schwer verbergen. Hinter der Kasse eine Abstellfläche von einem Achtelquadratmeter, auf die der Kassierer die Lebensmittel in einer Weise abstellt, als wolle er einem sagen: „Beeil dich gefälligst, du Flitzpiepe, und dann sieh zu, dass du hier wegkommst. Ich trete dann immer absichtlich auf meine innere Bremse, denn es gibt nur wenig Schlimmeres fürs innere Gleichgewicht als sich von anderen in Hektik treiben zu lassen. Und leise, während ich Tütchen für Tütchen, Fläschchen für Fläschchen in den Rucksack lege, summe ich leise in mich hinein: „Ich beeile mich nicht. Ich bin es nicht, der hier arbeiten muss.“
Nun begab es sich aber, dass ich dringend Granatapfelsaft benötigte. Fragt nicht warum! Die Zeit war knapp, der nächste Persian-Food-Shop weit und der zwischenmenschliche Druck enorm. Was sollten mir da ein Gelübde über einen Edeka-Boykott, das ich mir nur selber gegeben hatte, und das auch nicht mal bewusst, sondern eher als vage formulierte Idee? Ich versuchte den Gedanken „Ein Supermarkt ist doch wie der andere“ nicht zu denken. Edeka war der Letzte gewesen, der Überflüssigste. Wenn ich jetzt da reinspazierte, müsste es die absolute Ausnahme bleiben.
Bei der Gelegenheit könnte ich noch ein paar Pfandflaschen mitnehmen. Irgendwie hat sich in meinem Kopf der Glaube festgesetzt, dass man den Laden, in dem man die Pfandflaschen abgibt, schädigt. Vielleicht nicht finanziell, aber sie haben den ganzen Aufwand, den Kram hin und herzutransportieren, sich um die Abholung zu kümmern. Ich steckte sie in den Automaten im Vorraum: „Hier, friss! Nimm dies!“ sprach ich, während ich mich wunderte, dass es hier so gar nicht nach Flaschenannahme stank. Rechts neben dem Automaten ein Sammelbehälter für die Pfandbons, die als Spende für zwei soziale Kinderprojekte in unserer Nachbarschaft abgerechnet werden. „Ha! Ihr denkt wohl, auf diese Weise könnt ihr mich ködern!“ Links neben dem Automaten ein Waschbecken! Ich schaute mich um – ja, das war für die Kundschaft gedacht. Nein, auch damit kriegt ihr mich nicht, sagte ich mir, als ich durch die Automatiktür die Halle betrat. Die Halle mit ihren geräumigen Gängen, wo man sich nicht, wenn einem einer mit Einkaufswagen entgegenkommt, zurückweichen oder einen Crash riskieren muss. Die Halle, in der Angestellte ohne zu hetzen mit Augenmaß die Waren einsortierten. Die Halle, in der es eine Ruheecke für Rentner gab und zwei Spielecken für Kinder, und zwar ohne den phantasielosen Plastikdreck, mit dem sonst Kinderecken hingerotzt werden. Zwei Kassiererinnen, auf dem Weg zu ihren Boxen, scherzten leicht miteinander. Jeder hier lächelte. Aber es war nicht das Lächeln, das man etwa von Stewardessen kennt, bei denen man immer vermutet, dass sie am Abend die Klammern hinter den Ohren entfernen müssen, um ihr Gesicht wieder zu entspannen. Es war auch nicht dieses auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Diskantgeschnatze aus dem Subways am S Bahnhof Schönhauser Allee, wo einem alle Verkäufer – ob Mann oder Frau – die Ohren vollkeifen: „Soll’s getoastet sein?“ Nicht wie in den Pseudo-Edel-Restaurants in Brandenburg, wo die Kellner in kaum verkautem Berlinerisch andauernd fragen: „Solls noch was sein der Heer?“ Und auch nicht wie die wirklich freundlichen Angestellten der LPG Treptow, die dann doch oft übermüdet wirkten. Diese Leute, das war zu sehen, mochten ihren Beruf, sie mochten ihre Kollegen und sie mochten ihre Kunden. Man nahm es sich sogar heraus, einzelne Kunden zu necken, aber nicht in Bouletten-Olli-Manier, oder im Döner-Ömer-Style, sondern sanft und immer den Ton treffend.
Die Halle. Die Halle, in der ich auch den Granatapfelsaft fand.
Was sollte ich nun mit dieser Halle machen, die ich doch zu boykottieren gedacht hatte? War das nun wieder ein ganz perfider Trick des Kapitalismus, uns an der Nase in der Manege der Globalisierung herumzuführen? Nur weil ich zehn Minuten ohne zu drängeln oder angepöbelt zu werden in Ruhe einkaufen konnte, sollte ich meine Anti-Gentrifizierungs-Prinzipien über den Haufen werfen? Aber muss der Kampf gegen das Böse immer mit Bitterkeit geführt werden? Brecht schrieb: „Auch der Hass gegen das Böse entstellt die Züge.“
Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Ich kaufe immer noch selten dort ein. Mal ein laktosefreies Eis, mal ein spezielles Gewürz, Kleinigkeiten eben. Einmal in der Woche esse ich in dem Mini-Café, das sie dort eingerichtet haben und wo Gottseidank keine Musik dudelt, einen Spritzkuchen und mache mir Notizen. Ich weiß nicht, warum der Edeka so funktioniert, wie er funktioniert. Haben sich hier zwanzig alte Kumpel zusammengetan und gesagt: Wir schlagen denen ein Schnippchen und machen alles ganz anders? Vielleicht ist es ja ein Dekret des Konzerns, aber die Freundlichkeit sähe dann sicherlich anders aus. Gekaufte Freundlichkeit wie bei Kaisers. Sicher wäre ja ein Spielplatz an dieser Stelle besser gewesen. Vielleicht, ich wage es kaum zu denken, vielleicht aber ist es auch gut so wie es ist.
 
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393. Nacht
Tatsächlich sucht der Schuldner die Barmekiden el-Fadl und den uns bereits als Wesir Haruns bekannten Dscha'far auf, die sich wiederum an den Kalifen wenden, der dem Said ibn Sâlim el-Bâhili Dreimillionen und dreihunderttausend Dirhems zukommen lässt.
Betrachte diese edle Art, die sich in den Edlen offenbart.
Natürlich. Der unedle Pöbel behält seine Millionen lieber für sich.
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Die Geschichte von der List einer Frau wider ihren Gatten
Ein Mann bringt seiner Frau einen Fisch vom Markt und trägt ihr auf, diesen zuzubereiten, während er sich zum Freitagsgebet begibt. Die Frau wird jedoch unterdessen zu einer Hochzeitsfeier eingeladen, legt den Fisch einstweilen in einen Krug und bleibt eine Woche lang fort, während ihr Mann nach ihr sucht. Als sie zurückkehrt, nimmt sie den Fisch aus dem Krug.
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in ihrer verstatteten Rede an.


Dienstag, 12. Februar 2013

392. Nacht

Ich kann die Faszination der Katholiken für ihre Religion schon verstehen: So viel undurchschaubarer Hokuspokus, unerklärlicher Sinn und Rituale, die ihren Sinn erst dadurch erhalten, dass man auch auf Nachfrage keine nachvollziehbare Antwort bekommt. Man fühlt sich wieder ein wenig wie ein Fünfjähriger, der ein seltsames Märchen in altertümlicher Sprache erzählt bekommt: "Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, ..."
Und nun ist der Papst abgetreten. Fast ein säkularer Akt. Wir erinnern uns noch an den röchelnden Johannes Paul II., der sich in seinem Todesjahr zu Ostern noch mal ans Fenster gewagt hat, um den Segen zu sprechen zu probieren. Man hörte nur ein Grunzen, und die Welt der Katholiken fand ihn so würdevoll und charismatisch.
Diese Würde konnten sie ihm freilich nur im Nachhinein verleihen. Es gab den sportlichen Karol, den Karol, der im Laufschritt eilen musste, sonst hätte er seine eigene Wahl verpasst, den ersten Papst, der um die Welt düste.
Aber einen röchelnden Benedikt, das wollte Ratzinger weder den Mit-Katholiken noch sich selber antun. Bei ihm hätte man bestenfalls Mitleid empfunden.
Und was wird nun, da der Alte zurückgetreten ist, aus dem Fischerring? Zerbrechen darf man ihn erst nach dem Tod des Papstes, aber darf Ratze ihn behalten? Muss man noch "Papst" zu ihm sagen, so wie man zu Ex-US-Präsidenten auch immer noch "Mr. President" sagen sollte, wenn man einen knietiefes Fettnapf zu vermeiden sucht.
Achso, der Fischerring:

So sah das Teil von Leo XIII. aus.
 
Und so Leo XIII. selber, der erste Papst, von dem es Film- und Audio-Aufnahmen gab.
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392. Nacht
Jahja nimmt die Kunde vom mit dem Gelde fortgelaufenen Bettler leicht:
"Bei Allah, hätte er auch sein ganzes Leben bei mir verweilt, bis ihn der Tod ereilt, ich hätte ihm nie meine Spende entzogen, noch ihn um die Wohltat meiner Gastfreundschaft betrogen." Keine Zahl kann die Vorzüge des Barmekiden umfassen, und ihre Eigenschaften waren so herrlich, dass sie sich nicht beschreiben lassen. (...)
Die Güte fragt ich: Bist du frei? Sie sagte Nein,
Ich muss dem Sohne Châlids, Jahja, Sklavin sin.
Drauf ich: Bist du gekauft? Sie sagte: Das sei fern!
Als seiner Väter Erbe diene ich ihm gern.

Die Geschichte von Mohammed el-Amîn und Dscha'far ibn Mûsa
Dscha'far ibn Mûsa el-Hâdi besitzt eine schöne Lautenspielerin, auf die Mohammed el-Amîn, der Sohn Zubaidas, ein Auge geworfen hatte. Er bittet Dscha'afr, sie ihm zu verkaufen. Dieser erwidert:
"Du weißt, es geziemt sich nicht für Männer meines Ranges Sklavinnen zu verkaufen und um Nebenfrauen zu feilschen. Wäre sie nicht in meinem Hause aufgewachsen, so würde ich sie dir als Geschenk übersenden."
Eines Tages speisen und zechen die beiden zusammen, und die el-Badr el-Kabîr spielt für die beiden. Da macht Mohammed den Dscha'far betrunken und nimmt die Schöne mit sich.
Aber er streckte nicht die Hand nach ihr aus.
Als ob das jetzt noch glaubwürdig wäre.
Als Dscha'far den Besuch erwidert, lässt Mohammed die Sklavin für die beiden spielen. Dscha'far unterdrückt seinen Zorn. Daraufhin belohnt Mohammed el-Amîn seinen Freund, indem er dessen Boot voller Silber, Gold, Rubinen und Juwelen füllen lässt.
Solcherart sind die edlen Taten der Vornehmen - Allah habe sie selig.

Die Geschichte von den Söhnen Jahjas ibn Châlid und Sa'id ibn el-Bâhili
Diese Geschichte wird von Sa'id ibn ek Bâhili selber erzählt.
Als Sa'id einmal in Not gerät, wendet er sich an den Weisen Abdallâh ibn Mâlik el-Chuzâ'i, der ihm rät, sich an die Barmekiden zu wenden.
Von diesem Weisen war bereits in der 306. Nacht die Rede.