Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 13. Februar 2013

393. Nacht - Das Bröckeln der Anti-Gentrifizierungsfront

Das Loch in der Anti-Gentrifizierungs-Front

Meine Nachbarschaft ist zugestopft mit Kaufhallen, Supermärkten und Discountern aller Art. Cafés und Restaurants eher weniger, aber Kaufhallen. Dafür hamse wieder Geld, die Treptower. In weniger als 5 Laufminuten erreiche ich:
- zwei Netto
- einen Kaisers
- ein real
- Rewe
- Aldi
- und (dafür braucht man dann schon sieben Minuten) die Biokette LPG
Schon irritierend, als vor wenigen Monaten direkt neben dem Netto auf dem ehemaligen Mauergrundstück die Bagger ankamen und schon bald ein Schild verhieß: „Hier entsteht ihr neuer Edeka!“ Die Graffitisierer sprachen mir aus dem Herzen, als sie dann an die neueröffnete Filiale sprühten: „Kita? Spielplatz? Park? Noch ein Supermarkt! Fuck the system!“
Wem wollten die denn die Kundschaft streitig machen? Mir war klar, ich würde den Edeka, auch wenn er nur bequeme 3 Minuten entfernt lag, boykottieren. Und ich war mir sicher, ich wäre nicht der Einzige. Die Graffiteure hatte ich auf meiner Seite. Am selben Tag hatten sie auch ein in der Karl-Kunger-Straße modernisiertes Haus markiert mit „Privat-Zoo für Reiche“. Ich muss zugeben, dass ich die Aufschrift im zweiten Moment schon nicht mehr verstand. Wenn dieses Haus ein Zoo für Reiche war, wer wurde denn darin gehalten? Die Reichen? Von wem? Von uns? Wer waren die Besucher des Zoos? Wir? Aber ins Haus kam man doch nicht rein. Die Anti-Gentrifizierungsfront hatte noch an der Durchdachtheit ihrer Slogans zu arbeiten.
Der Edeka hatte inzwischen zwei Monate geöffnet. Und ich widerstand der Versuchung nachzuschauen, wie es darinnen aussehen mochte. Ich wählte beim Einkaufen weiterhin zwischen dem billigen Ekel-Netto und den ökokorrekten LPGlern. Ich lege ja schon seit immer etwas mehr hin, um Biofutter zu bekommen, denke aber, dass das manchmal – etwa bei Schnipsgummis oder Bier auch ein wenig zweitrangig ist. Es gibt eben doch ein richtiges Leben im Falschen, hier irrte Adorno. Hunderprozentige Korrektheit gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Kompromiss finden. Und wenn ich Bananen vergessen habe, dann vermeide ich den Umweg zur LPG, und springe eben schnell zu Netto rein, wo man sensuell auf eine böse Probe gestellt wird. Es stinkt nach Verpackungen und Schweiß, der Laden beballert einen mit seiner stechenden Gelb-Orange-Kombi, die Mitarbeiter wurden offenbar aus der Dauerkundschaft gecastet, man bemüht sich um einen freundlichen Umgangston, kann aber die Gehetztheit und, wie mir scheinen will, eine Angst (wovor auch immer) nur schwer verbergen. Hinter der Kasse eine Abstellfläche von einem Achtelquadratmeter, auf die der Kassierer die Lebensmittel in einer Weise abstellt, als wolle er einem sagen: „Beeil dich gefälligst, du Flitzpiepe, und dann sieh zu, dass du hier wegkommst. Ich trete dann immer absichtlich auf meine innere Bremse, denn es gibt nur wenig Schlimmeres fürs innere Gleichgewicht als sich von anderen in Hektik treiben zu lassen. Und leise, während ich Tütchen für Tütchen, Fläschchen für Fläschchen in den Rucksack lege, summe ich leise in mich hinein: „Ich beeile mich nicht. Ich bin es nicht, der hier arbeiten muss.“
Nun begab es sich aber, dass ich dringend Granatapfelsaft benötigte. Fragt nicht warum! Die Zeit war knapp, der nächste Persian-Food-Shop weit und der zwischenmenschliche Druck enorm. Was sollten mir da ein Gelübde über einen Edeka-Boykott, das ich mir nur selber gegeben hatte, und das auch nicht mal bewusst, sondern eher als vage formulierte Idee? Ich versuchte den Gedanken „Ein Supermarkt ist doch wie der andere“ nicht zu denken. Edeka war der Letzte gewesen, der Überflüssigste. Wenn ich jetzt da reinspazierte, müsste es die absolute Ausnahme bleiben.
Bei der Gelegenheit könnte ich noch ein paar Pfandflaschen mitnehmen. Irgendwie hat sich in meinem Kopf der Glaube festgesetzt, dass man den Laden, in dem man die Pfandflaschen abgibt, schädigt. Vielleicht nicht finanziell, aber sie haben den ganzen Aufwand, den Kram hin und herzutransportieren, sich um die Abholung zu kümmern. Ich steckte sie in den Automaten im Vorraum: „Hier, friss! Nimm dies!“ sprach ich, während ich mich wunderte, dass es hier so gar nicht nach Flaschenannahme stank. Rechts neben dem Automaten ein Sammelbehälter für die Pfandbons, die als Spende für zwei soziale Kinderprojekte in unserer Nachbarschaft abgerechnet werden. „Ha! Ihr denkt wohl, auf diese Weise könnt ihr mich ködern!“ Links neben dem Automaten ein Waschbecken! Ich schaute mich um – ja, das war für die Kundschaft gedacht. Nein, auch damit kriegt ihr mich nicht, sagte ich mir, als ich durch die Automatiktür die Halle betrat. Die Halle mit ihren geräumigen Gängen, wo man sich nicht, wenn einem einer mit Einkaufswagen entgegenkommt, zurückweichen oder einen Crash riskieren muss. Die Halle, in der Angestellte ohne zu hetzen mit Augenmaß die Waren einsortierten. Die Halle, in der es eine Ruheecke für Rentner gab und zwei Spielecken für Kinder, und zwar ohne den phantasielosen Plastikdreck, mit dem sonst Kinderecken hingerotzt werden. Zwei Kassiererinnen, auf dem Weg zu ihren Boxen, scherzten leicht miteinander. Jeder hier lächelte. Aber es war nicht das Lächeln, das man etwa von Stewardessen kennt, bei denen man immer vermutet, dass sie am Abend die Klammern hinter den Ohren entfernen müssen, um ihr Gesicht wieder zu entspannen. Es war auch nicht dieses auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Diskantgeschnatze aus dem Subways am S Bahnhof Schönhauser Allee, wo einem alle Verkäufer – ob Mann oder Frau – die Ohren vollkeifen: „Soll’s getoastet sein?“ Nicht wie in den Pseudo-Edel-Restaurants in Brandenburg, wo die Kellner in kaum verkautem Berlinerisch andauernd fragen: „Solls noch was sein der Heer?“ Und auch nicht wie die wirklich freundlichen Angestellten der LPG Treptow, die dann doch oft übermüdet wirkten. Diese Leute, das war zu sehen, mochten ihren Beruf, sie mochten ihre Kollegen und sie mochten ihre Kunden. Man nahm es sich sogar heraus, einzelne Kunden zu necken, aber nicht in Bouletten-Olli-Manier, oder im Döner-Ömer-Style, sondern sanft und immer den Ton treffend.
Die Halle. Die Halle, in der ich auch den Granatapfelsaft fand.
Was sollte ich nun mit dieser Halle machen, die ich doch zu boykottieren gedacht hatte? War das nun wieder ein ganz perfider Trick des Kapitalismus, uns an der Nase in der Manege der Globalisierung herumzuführen? Nur weil ich zehn Minuten ohne zu drängeln oder angepöbelt zu werden in Ruhe einkaufen konnte, sollte ich meine Anti-Gentrifizierungs-Prinzipien über den Haufen werfen? Aber muss der Kampf gegen das Böse immer mit Bitterkeit geführt werden? Brecht schrieb: „Auch der Hass gegen das Böse entstellt die Züge.“
Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Ich kaufe immer noch selten dort ein. Mal ein laktosefreies Eis, mal ein spezielles Gewürz, Kleinigkeiten eben. Einmal in der Woche esse ich in dem Mini-Café, das sie dort eingerichtet haben und wo Gottseidank keine Musik dudelt, einen Spritzkuchen und mache mir Notizen. Ich weiß nicht, warum der Edeka so funktioniert, wie er funktioniert. Haben sich hier zwanzig alte Kumpel zusammengetan und gesagt: Wir schlagen denen ein Schnippchen und machen alles ganz anders? Vielleicht ist es ja ein Dekret des Konzerns, aber die Freundlichkeit sähe dann sicherlich anders aus. Gekaufte Freundlichkeit wie bei Kaisers. Sicher wäre ja ein Spielplatz an dieser Stelle besser gewesen. Vielleicht, ich wage es kaum zu denken, vielleicht aber ist es auch gut so wie es ist.
 
***
393. Nacht
Tatsächlich sucht der Schuldner die Barmekiden el-Fadl und den uns bereits als Wesir Haruns bekannten Dscha'far auf, die sich wiederum an den Kalifen wenden, der dem Said ibn Sâlim el-Bâhili Dreimillionen und dreihunderttausend Dirhems zukommen lässt.
Betrachte diese edle Art, die sich in den Edlen offenbart.
Natürlich. Der unedle Pöbel behält seine Millionen lieber für sich.
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Die Geschichte von der List einer Frau wider ihren Gatten
Ein Mann bringt seiner Frau einen Fisch vom Markt und trägt ihr auf, diesen zuzubereiten, während er sich zum Freitagsgebet begibt. Die Frau wird jedoch unterdessen zu einer Hochzeitsfeier eingeladen, legt den Fisch einstweilen in einen Krug und bleibt eine Woche lang fort, während ihr Mann nach ihr sucht. Als sie zurückkehrt, nimmt sie den Fisch aus dem Krug.
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in ihrer verstatteten Rede an.


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