Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Freitag, 8. November 2013

401. Nacht - Wissen und Leben I

Klar war die Meisterung des dialektischen Materialismus eine vordringliche Aufgabe. Aber noch vordringlicher war für Achim Hustmann, den Heimleiter der FDJ-Gruppe auf dem Volksgut Hagelberg, herauszufinden, wer ihm den Zettel mit der Aufschrift "Achims Pseudo-Retro-Schnurrbart müffelt nach Ei!" auf den Rücken geklebt hatte. Er war dermaßen in Rage, dass er nicht sah, wie Almut sich vorbeugte und die Zähne zusammenbiss, um ihr Lachen zu unterdrücken: "Ich weiß es, hihi, ich weiß es."
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Klar hätte sich Jessica Schnick über ein iPod noch mehr gefreut. Und selbst für einen klassischen Walkman war das Gerät doch etwas klobig geraten. Und ja, der Sound war ein wenig gewöhnungsbedürftig. Und ja, "Die größten Hits von Roberto Blanco auf singender Säge" waren jetzt auch nicht das Album, das man ewig rauf und runter hören würde. Aber sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen, damit Rüdiger wenigstens heute, an ihrem Geburtstag mal das Maschendrahtgitter von ihrem Fenster im Frauengefängnis Lichtenberg öffnen würde.
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Nach zwei Wochen stellte Jessica Schnick fest: Wenn man nebenbei die Beta-Version von "Unreal Tournament" ballerte, waren "Die größten Hits von Roberto Blanco auf singender Säge" eigentlich genau der passende Soundtrack.


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Dass die Ossis nicht nur faul und gefräßig, sondern vor allem auch in technischen Fragen sich wie die letzten Hinterwäldler benahmen, war in der Regel nur jenen Westdeutschen bekannt, die ab und zu ihre Verwandten in der DDR besuchten.
Oft genügte es, den "DDR-Bürgern" mit einfachen Aufzieh-Armbanduhren vor der Nase herumzuwedeln, um das berüchtigte ungläubige Ossi-Staunen auszulösen. Vor diesem Hintergrund muss das in der DDR grassierende FKK-Unwesen als Technikflucht verstanden werden.
 
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401. Nacht
Da lachte der Kalif über die beiden und wies einem jeden tausend Dinare an. Und nun gingen beide, erfreut über das Geschenk des Kalifen, ihrer Wege.
Ferner wird erzählt
Die Geschichte vom frommen Prinzen
Harûn er Raschîd hat einen überaus frommen Sohn, der der Welt entsagt und als Asket lebt. Seine Ratgeber weisen ihn darauf hin, dass der Sohn ihn in seinem härenen Aufzug und mit seinem asketischen Lebenswandel zum Gespött machen könnte. Harûn wendet sich an seinen Sohn mit der entsprechenden Bitte. Dieser
blickte nach einem Vogel, der auf einer der Zinnen des Palastes saß und rief ihm zu: "Du Vogel, bei Dem, der dich erschaffen hat, lass dich auf meiner Hand nieder."
Der Vogel tut dies. Aber auf der Hand des Kalifen lässt er sich nicht nieder.
Da sagte der Jüngling zu seinem Vater: "Du bist es, der mich durch seine Liebe zur Welt unter den Heiligen entehrt..."
Und so verlässt er seinen Vater und zieht nach Basra, um dort als Erdarbeiter für einen Dirhem und einen Dânik pro Tag zu arbeiten.
(1 Dânik = 1/6 Dirhem)
Ein Basraer berichtet später, dass der Jüngling seine Mauer nur unter der Bedingung reparieren wollte, dass er dafür nur diese Bezahlung bekäme und pünktlich zum Gebetsruf Waschung und Gebet durchführen dürfe.
"Er löste sich den Gürtel und vollzog die religiöse Waschung so schön, wie ich es noch nie gesehen hatte."
Wie mag das ausgesehen haben?
Der Basraer beobachtet ihn schließlich bei der Arbeit.
"Er nahm eine Handvoll Mörtel und legte sie auf die Mauer; und siehe da, die Steine reihten sich von selbst übereinander. Ich sagte mir: 'So sind die Heiligen Allahs.'"
Am letzten Tag erscheint der Jüngling nicht zur Arbeit, und der Basraer vernimmt, dass er krank sei. Als er ihn findet, sagt der Jüngling, er würde sterben. Der Basraer möge am nächsten Morgen, wenn er tot sei, die Taschen durchsuchen und das, was er darin fände, dem Kalifen bringen.
Dann sprach er das Glaubensbekenntnis, sandte in beredtesten Worten Dank zu seinem Herren empor und trug diese Verse vor:
"Bring du das Pfand des Mannes, dessen Stündlein naht,
Zu er-Raschîd; der Lohn liegt in der guten Tat.
Und sprich: Ein Wandersmann, der lange inniglich,
So fern, sich sehnte dich zu sehn, begrüßet dich.
Kein Hass und kein Verdruss, fürwahr hielt ihn dir fern:
Der Kuss auf deine Rechte nahte in dem Herrn.
Doch trennte ihn von dir die Seele voll Verlangen.
An Freuden deiner Welt, o Vater, nicht zu hangen."
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

1 Kommentar:

  1. das 3. foto von oben dokumentiert meiner meinung nach, dass die Ossis trotzdem Comecon Embargo Liste ihrer Zeit oft weit voraus waren. In Ermangelung von netzfähigen Personalcomputern sieht man dort nämlich Jessica Schnick beim Schreiben ihres Blogs pustekuchen.blogspot.ddr auf einer Erika-Schreibmaschine. Die jeweils aktuellen Posts verbreiteten sich dann mittels Kettenbrief und Samistad.
    radius

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