Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Mittwoch, 8. Januar 2014

402. und 403. Nacht - Wissen und Leben II


5) Seit einer halben Stunde stand er nun schon so da. Jemand musste vergessen haben, die Akkus des vollautomatischen Rugby-Schiedsrichter-Roboters aufzuladen.

 


6) "Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln.." Einen Tag vor seinem 65. Geburtstag wurde Alwin Henning klar, dass er sein gesamtes Erwachsenen-Leben doch recht eintönig verbracht hatte. Es musste doch noch mehr geben, als dieses ewige Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln. Aber was?

 


7) Erika Niemann und Holger Pfirsich waren kurz davor auszuflippen: Was hatten die sich in der Design-Abteilung von Robotron dabei wieder gedacht, das Akkufach des Rugby-Schiedsrichter-Roboters so fitzelig unter der Achselhöhle einzubauen. Und dass, wo doch heute der Verein Hacke Hagelberg seinen Titel gegen Hucke Hagenow verteidigen sollte.
 

 


8) Das war schon erstaunlich mit einer einzigen Wischbewegung auf seinem iPad, das in der neuen Winter-Edition von Apple auf einem praktischen Ziehwägelchen geliefert wurde, konnte Professor Sergej Sergejewitsch Sergejew den bei der diesjährigen Tundra-Schmelze gefundenen Mammut-Penis ganz bequem im vom archäologischen Institut bereitgestellten Penisköcher verstauen. Einfach rein. Und wieder raus. Und rein. Und wieder raus.

 


9) Beim Finale der Rugby-Meisterschaften der fünften Liga Nordost zwischen Hacke Hagelberg und Hucke Hagenow warteten die beiden Mannschaften seit einer geschlagenen Stunde auf den Anpfiff. Sollte es mal wieder ein Problem mit dem Rugby-Schiedsrichter-Roboters geben?
 

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402. Nacht

Der Erzähler berichtet, dass Abu Amir den Jüngling betend antrifft und als er ihn am nächsten Tag wieder besucht, ist er tot. Bei ihm findet er den Rubin,

der Tausende von Dinaren wert wahr. Ich sagte mir: "Bei Allah, dieser Jüngling übte die Weltentsagung in vollkommener Weise!"

Den Rubin lässt er Harûn er-Raschîd zukommen, der ihm bestätigt, der Vater des Jünglings zu sein. Nachdem sich Harûn das Grab des Jünglings zeigen lässt, bittet er Amu Amir, sein Freund zu sein. Doch dieser lehnt ab.

Das ist allerdings höchst sonderbar oder gar einmalig: Nicht, dass die Freundschaft des großen Herrschers ausgeschlagen wird, sondern Harûn er-Raschîd, der ja allenfalls mit ein paar Flausen wie Jähzorn ausgestattet ist als nicht freundschaftsfähig darzustellen, zumal er ja andauernd gerühmt wird und anzunehmen ist, dass einige Geschichten, ihm zu gefallen verfasst wurden. Abu begründet:

Ich bin der Fremdling, der bei keinem einkehrt;
Ich bin der Fremdling in der eigenen Stadt;
Ich bin der Fremdling ohne Sohn und Sippe,
Der keinen Freund zu seiner Zuflucht hat.
In den Moscheen kehr ich ein und wohn ich;
Für sie schlägt stets mein Herze ungeteilt.
Preist Gott für seine Huld, den Herrn der Welten,
Solange noch der Geist im Leibe weilt!

Ferner wird erzählt

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Die Geschichte von dem Schulmeister, der sich auf Hörensagen verliebte

Wieder eine Geschichte aus zweiter (bzw. wenn man Schehrezâd mit einrechnet) aus dritter Hand: Ein Mann berichtet, einen gelehrten Schulmeister kennengelernt zu haben, was allen Vorurteilen zuwider läuft, nach denen Lehrer von Kindern eher ungebildet seien.

Ich erprobte seine Kenntnisse in den Lesarten des Koran, in der Grammatik, in der Dichtkunst und in der Sprachkunde, und siehe da, er war in allem, was von ihm verlangt wurde, bewandert.

Er besucht den Schulmeister mehrmals, und eines Tages findet er ihn krank und trauernd niederliegen, da seine Geliebte gestorben sei.
Es stellt sich heraus, dass es sich nur um einen Character in einem Scherzlied handelte, in die er sich verliebt hatte, als er die erste Strophe gehört hatte, und die er betrauert, als er Tage später die zweite Strophe vernommen hat.

 

403. Nacht

So überzeugte ich mich, dass er wirklich doch ein dummer Kerl war, verließ ihn und ging davon.

Eine kleine harmlose Anekdote, die möglicherweise durch das Scherzlied einen unübersetzbaren Reiz hat, aber sie verliert ihn auch gleich wieder, da der Lehrer, wenn er gerade in den Schrift- und Dicht-Künsten so bewandert ist, doch zumindest von fiktiven Figuren wissen müsste.

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Die Geschichte vom törichten Schulmeister

Eine Variante des Obigen mit gleicher Ausgangssituation.
Hier lädt der Schulmeister den Erzähler zu sich nach Hause ein. Und als alle schlafen gegangen sind, hört man durchdringende Schreie aus dem Harem. Der Schulmeister liegt in seinem Blut:

"Als ich dich verlassen hatte, setzte ich mich nieder, um über die Werke Allahs des Erhabenen nachzusinnen. Und ich sagte mir: In allem, was Allah für den Menschen geschaffen hat, liegt ein Nutzen verborgen. Er, dem Preis gebührt, hat die Hände zum Greifen geschaffen, die Füße zum Gehen, die Augen zum Sehen, die Ohren zum Hören, die Rute zum Zeugen und so weiter, nur diese beiden Hoden da haben gar keinen Nutzen. Da nahm ich das Rasiermesser, das ich bei mir hatte und schnitt sie beide hat."

Dieselbe Moral folgt.

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Die Geschichte von dem Schulmeister, der weder lesen noch schreiben konnte

Ein Analphabet eröffnet eine Schule und arbeitet, indem er die Kinder in zwei Gruppen teilt. Den einen sagt er "Lies!" Den anderen: "Schreib!" So bringen sie es sich gegenseitig bei.

Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel.

Eines Tages bittet ihn eine Frau, ihm einen Brief vorzulesen. Das kann er schlecht ablehnen, also spielt er tiefste Ergriffenheit mit starker Emotionalität vor.

"Lieber Herr, wenn er tot ist, so sagt es mir!" Er aber schüttelte den Kopf und schwieg. Da fragte die Frau: "Soll ich mein Gewand zerreißen?" - "Zerreiß es!", erwiderte er. Weiter fragte sie: "Soll ich mir das Gesicht zerschlagen?" - "Zerschlag es!", gab er zur Antwort.

Und so glaubt sie, der Mann sei verstorben. Doch ihre Nachbarn lesen ihr später vor, im Brief stünde, der Mann schicke ihr einen Kohlendämpfer und eine Decke.

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