Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 31. März 2014

438.-439. Nacht - Lernen popernen

Lernen popernen

Als wir unsere Tierpark-Runde beenden und uns von einer Tafel über die sieben hier gehaltenen Pelikan-Arten abwenden, frage ich mich spontan, wieviel ich davon behalten habe. Mit einigem Nachdenken kann ich mich an alle sieben erinnern. Heute, einen Tag später, sind es nur noch fünf. Wie bereit ist man überhaupt noch, sich en passant aktiv Wissen anzueignen, wenn es sowieso per Schlauphon abrufbar ist. Ich wette, dass es auch Wissenschaftlern (wenn es nicht gerade Zoologen sind) ähnlich gegangen wäre. Als Kind lief ich damals von Tafel zu Tafel, und merkte mir praktisch alle Tierarten und ihre Besonderheiten.
Im Alter zwischen 20 und 30 lernte ich fünf Fremdsprachen bzw. baute sie aus. Danach nur noch mal kurze zaghafte Versuche, mich an Französisch, Italienisch und Sizilianisch zu versuchen. Die anderen Sprachen bleiben aktiv oder verkümmern, abhängig davon, wie ich mit ihnen konfrontiert werde. Englisch lese und höre ich praktisch täglich. Russisch alle 1-2 Jahre. Bei Spanisch bilde ich mir immer ein, dass ich es jederzeit reaktivieren könnte. Mein Niederländisch ist eine einzige Schummelei, die darauf aufbaut, dass ich flämische Comics zu 90% verstehe. Persisch, das ich über drei Jahre lernte und mit dem ich mich ziemlich gut durch vier Wochen lang durch den Iran schlagen konnte, ist so verkümmert, dass ich mich lediglich an einzelne Vokabeln und einige grammatische Grundlagen erinnere.
Mein Studienfach Soziologie interessiert mich, wenn ich auf die leider inzwischen beinahe als abseitig geltenden Systemtheorie stoße.
Hirnforschung, Philosophie und Psychologie sind zu meinen Steckenpferden geworden. Jura ist es geblieben.
Das Thema Mathematik ist beinahe traurig: Ich war ziemlich gut in Mathematik. So gut, dass ich sie sogar studieren wollte. Wie weit würde ich heute noch mitkommen? Bis zur Differentialrechnung vielleicht?
Theatertheorie nimmt sozusagen aus beruflichen Gründen einen wichtigen Platz ein.
Welche Lernakte sind im Alter von über Vierzig noch bewusst? Wie selektiert man? Ist die Allgemeinbildung ein veraltetes Gut? Wieweit sollte ich Wissen aus der anorganischen Chemie parat haben?
Wichtiger noch: Selbst wenn man nebenbei lernt - über Wikipedia, TED-Vorträge, www.iflscience.com - wieviel behält man davon? Oder stumpft die Konsumtion von Wissen via Internet die Fähigkeit des aktiven Lernens ab?
Oder bin ich zu pessimistisch?

 

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436. Nacht

Die Sklavin Tawaddud verlangt von Abu el-Husn, sie dem Kalifen Harûn er-Raschîd für zehntausend Dinare anzubieten. Sie sei eigentlich noch mehr wert. Dieser tut das. Der Kalif fragt sie, auf welchen Wissenschaften sie bewandert sei.

Gibt es das in der europäischen Mythologie, in einem Volksmärchen, einer Heiligengeschichte, einer höfischen Erzählung? Dass der Wert einer Frau (genauer Magd) an ihrer Fähigkeit als Wissenschaftlerin gemessen wird?

Tawadduds Aufzählung ihrer Fähigkeiten umfasst eine komplette Buchseite, darunter:

"die Grammatik, die Dichtkunst, die Rechtswissenschaft, die Auslegung der Heiligen Schrift und der Sprachkunde (...), bewandert in der Tonkunst, der Pflichtenlehre, der Rechenkunst (...), der Erdmessung [es folgt eine Dreiviertel-Seite verschiedener Aspekte der Theologie], der  Geometrie, in der Philosophie, der Heilkunde, der Logik, der Synonymik und der Metonymik. (...) die Dichtkunst (...) Wenn ich singe und tanze, verführe ich die Herzen; doch bin ich geschmückt und mit Spezereien gesalbt, so bringe ich tödliche Liebesschmerzen."

Der Kalif ist einverstanden unter der Bedingung, dass berufene Männer sie prüfen. Als erstes lässt er den Statthalter von Basra, Ibrahim ibn Saijâr en-Nazzâm [Lesenswerter Artikel über ihn bei Wikipedia] rufen, der als beredter Dichter und Philosoph gilt und er möge weitere Wissenschaftler mitbringen.

Gibt es Wissenschaftler eher in Basra als in Bagdad?

Als erstes wird sie von einem Theologen geprüft, den ihre Antworten erstaunen.

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437. Nacht

Die Prüfung dauert an. Sie beantwortet nun u.a. folgende Fragen:

- Was ist der Verstand?
- Wo ist der Sitz des Verstandes?
- Was sind die unerlässlichen Pflichten und die ewig bestehenden Normen?
- Was sind die Erfordernisse des Glaubens?
- Diverse Fragen zur Ausführung des Gebets.

Kommentare:

  1. Bei Tawadduds Aufzählung ihrer Fähigkeiten fehlt Soziologie and Systemtheorie. Oder es ist bei der Dreiviertel-Seite verschiedener Aspekte der Theologie sub-summiert ? Es kann jedenfalls nicht daran liegen, dass der Gegenstand der Soziologie damals unerheblich war. Die sozialen Beziehungen haben das persönliche Leben damals sicherlich in einem viel höheren Masse bestimmt als heute. Aussteiger so wie heute waren unvorstellbar. Unangepasstheit an seine vorhergesehen Stellung in der Gesellschaft wurde mit Ausgrenzung (und damit gravierender wirtschaftlicher oder sozialer Benachteiligung) geahndet. Dagegen kann ja heute jeder tun und lassen, was er will, und das Problem scheint eher zu sein aus den tausenden Möglichkeiten auszuwählen.
    Die Sklavin Tawaddud konnte nicht einfach sagen "Ich mach jetzt mal 'ne Umschulung" und melde mich bei meiner Gleichstellungsbeauftragten. Eigentlich ist die Sozial-Politik ja heute eher angetreten, um die ehernen Sozial-Beziehungen aufzubrechen und durchlässig zu machen.

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  2. Ich kann dir leider nicht Recht geben. Systemtheorie wäre zu jener Zeit völlig sinnlos gewesen, da es im systemtheoretischen Sinne keine ausdifferenzierten Systeme gab. Das lässt sich übrigens tatsächlich auch zum Teil an der Vermantschung von Theologie, Rechtslehre, Moral und Kunst ablesen.
    Die Gesellschaft war zu Tawadduds (oder er-Raschîds) Zeiten eher stratifiziert differenziert.
    Nachhaltige Exklusion gibt es heute auch. Denke nur an Menschen, die in Favelas oder auf Müllhalden leben müssen.
    Eine interessante Frage wäre in der Tat, ob irgendeine Art von Soziologie sinnvoll gewesen wäre. Meinungsumfragen z.B. wären sinnlos gewesen, da die Meinung über irgendwelche sozialen Gegebenheiten oder Gesetze überhaupt keine Rolle gespielt hat. Man könnte allerdings die nächtlichen Wanderungen er-Raschîds als eine Form der Meinungs-Forschung bezeichnen.
    Vielleicht eine einfache Art von Bevölkerungssoziologie zur Berechnung von Bedarf, Steueraufkommen und medizinischen Bedürfnissen könnte ich mir noch vorstellen.

    Was ich nicht verstehe ist der Zusammenhang, den du zwischen Soziologie und Sozialpolitik herstellst.

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