Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Dienstag, 30. Dezember 2014

475., 476., 474. Nacht

475. Nacht

Da die belagerten Christen nun den tapferen Muslim gefangen halten, beraten sie, wie sie mit ihm umgehen sollen, da er zu schön sei, um getötet zu werden. Am liebsten würden sie ihn zum Christentum bekehren, aber wie? Einer der Ritter schlägt vor, ihn mithilfe seiner Tochter zu verleiten, denn

"Die Araber haben eine heftige Leidenschaft für die Frauen, und da ich eine Tochter von vollkommener Lieblichkeit bseitze, so wird er, wenn er sie sieht, durch sie verführt werden."

Tatsächlich ist der gefangene Muslim hingerissen, aber als er sah,

was ihm drohte, nahm er seine Zuflucht zu Allah dem Erhabenen, wandte seinen Blick ab, widmete sich der Andacht zu seinem Herrn und begann den Koran herzusagen.

Und so wendet sich der Trick des christlichen Ritters gegen ihn. Sie bittet:

"Erkläre mir den Islam!"

Er lehrt sie alles Grundlegende, woraufhin sie ihn ehelichen will, was wegen fehlender Morgengabe und zweier Zeugen nicht möglich ist. Daraufhin ersinnt sie einen Fluchtplan. Sie lässt ihrem Vater ausrichten, der Muslim sei zur Konvertierung und zur Ehe bereit, will aber aus Gründen des Anstands dies nicht dort tun, wo sein Bruder starb, also müsse das in einem anderen Ort geschehen.

Dies ist mal ein selten gelungenes Mittel des Storytelling - die Wiedereinführung. Wozu sonst war der gefallene Bruder zu Beginn der Geschichte erforderlich?

Der Vater willigt ein, und in dem Dorf nutzen die beiden die Gelegenheit zur Flucht.

*

476. Nacht

Als die beiden Flüchtigen am Morgen ihre religiöse Waschung vornehmen, hören sie Pferdegetrappel und Waffenrasseln.

Da rief er: "Das sind die Nazarener, die uns verfolgen!"

Sie redet ihm Mut zu, und so finden sie Zuflucht im Gebet und die Heerschar erweist sich als von Allah gesandte Engel, die den beiden Trost spenden.
Der Kalif und Feldherr Omar ibn el Chattâb betet an diesem Morgen nur kurz und verlautbart dann:

"Lasst uns hinausgehen, dem jungen Ehepaare entgegen!" Da verwunderten die Gefährten sich und konnten seine Worte nicht verstehen.

Kurz darauf trifft das Paar in Medina ein.

Omar ibn el-Chattâb werden also hiermit prophetische Fähigkeiten zugeschrieben, die seine Heiligkeit unterstreichen.
(Übrigens war es dieser Kalif, der den "Steinigungsvers" in den Koran einfügte, um die weiterhin bestehende Praxis der Steinigung religiös zu rechtfertigen.)

Die beiden feiern Hochzeit und:

Dann ging der junge Held zu seiner Gemahlin ein, und Allah der Erhabene schenkte ihm Kinder von ihr.

*

477. Nacht

Und nun lebten sie immerdar herrlich und in Freuden, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt, und der die Freundesband zerreißt.
Ferner wird erzählt

*

Die Geschichte von der Christlichen Prinzessin und dem Muslim

Sîdi Ibrahim el-Chauwâs

[unklar, wer das sein soll]

berichtet, einmal dem Bedürfnis, ins Land der Ungläubigen zu reisen, nicht widerstanden haben zu können. Am Tor einer ihrer Hauptstädte empfangen ihn schwarze Sklaven mit ehernen Keulen, die ihn fragen, ob er Arzt sei, was er bejaht.
Sie erwidern, des Königs Tochter sei krank. Aber wenn einer sich als Arzt ausgebe und sie nicht heilen könne, müsse er sterben.

Was er gewinnt, falls er sie heilt, wird nicht verraten.

Er geht zum König und lässt ihn zu ihr ein. Dabei spricht sie die Verse.

  • "Öffnet die Tür; denn der Arzt ist gekommen!
    Schaut auf das seltne Geheimnis in mir!
    Oft ist der Nahe doch weit in der Ferne;
    Oft ist der Ferne doch nahe bei dir.
    Wahrlich, ich lebte bei euch nur als Fremdling;
    Jetzo will Gott seinen Trost mir verleihn.
    Uns hat die Glaubensgemeinschaft verbunden;
    Freund mit dem Freunde; sind wir im Verein.
    Als er mich in seine Nähe gerufen.
    Hielten die Tadler und Späher uns fern.
    Lasst euer Schelten, hört auf, mich zu tadeln!
    Weh euch, ich antworte doch nicht, ihr Herrn.
    Mich kümmert nicht das Flüchtige, das Unzulängliche;
    Mein Ziel ist nur das Bleibende, das Unvergängliche."

  • Es wäre interessant, dieses Gedicht mit dem Original zu vergleichen. Zu Beginn werden die Daktylen noch einigermaßen durchgehalten. Am Ende holpert er sich so durch. Absicht oder Zufall?

    Es stellt sich heraus, dass der Christin vor vier Jahren die klare Wahrheit [Allah] offenbar wurde.

    Wie das geschehen ist, bleibt unklar.

    Als ein greiser Diener nach der Unterredung von Arzt und Christin hinzutritt, sagt diese:

    "Er hat die Krankheit erkannt und das Heilmittel gefunden."

     

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