Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Montag, 18. September 2017

Konstantin Simonow - Man wird nicht als Soldat geboren

Der zweite Teil der Trilogie umreißt die letzten Wochen des Kampfes um Stalingrad. Drei Hauptfiguren: General Serpilin, der inzwischen zum Bataillonskommandeur aufgestiegene Sinzow und die ehemalige Partisanin und Ärztin Tanja. Wie in „Die Lebenden und die Toten“ kreist Simonow auch hier um das Dilemma der Kämpfenden: Einerseits wollen sie die Heimat von den mörderischen Deutschen befreien, andererseits lauert eine ähnlich tödliche Gefahr im Rücken – die Gnadenlosigkeit des stalinistischen Systems, das zu bezeichnen für den Autor selbst heikel ist.
Und so ist der eigentliche Held des Romans für mich der Autor selbst, den man praktisch beim Schreiben beobachten kann, wie er sich dem schwierigen Thema des Stalinismus nähert. Sicherlich, der Roman wurde in der Tauwetterzeit veröffentlicht, aber auch wenn der Großteil der politischen Gefangenen entlassen wurde, so gab es die Lager ja immer noch. In „Die Lebenden und die Toten“ muss sich Sinzow dafür rechtfertigen, ohne Parteibuch aus dem Kessel gekommen zu sein, man hält ihn für einen Spion. Nun legt Simonow noch eine Kohle drauf:
- Das Gulagsystem wird angesprochen: Kolyma. Zwanzig Jahre Haft für Fleischdiebstahl. Serpilin, der wegen einer Denunziation verhaftet wurde.
- Stalins Mitschuld am Krieg durch den Kuschelkurs mit Hitler.
- Stalins Paranoia
- Das Denunziantentum, die Große Säuberung.
- Der brutale Befehl 227. (Strafbataillone, Sperrfeuer, „Kein Schritt zurück“-Befehl)
Simonow sichert sich auf der anderen Seite durch absolute Sowjet-Loyalität ab. Seine Helden sind durchweg tapfer und todesmutig. Wer nicht an der Front dienen will, sondern seine Arbeit als Adjutant in Moskau liebt, ist ein Lump. Und wer an der Front ist, aber vor lauter Angst eine etwas sicherere Stelle sucht, ist es ebenso. Selbst ein Arzt, der beim Betreten eines mit Leichen und Halbtoten gefüllten Gefangenenlagers einen Schock bekommt und sich nicht erheben kann, wird als Schwächling abgekanzelt. Der Finnland-Krieg wird nicht infrage gestellt, die Funktion der Polit-Stellvertreter auch nicht. Die Teilnahme an den Kämpfen im Bürgerkrieg ist eine Auszeichnung (dass man auf bolschewistischer Seite gekämpft hat, versteht sich von selbst).
Der Roman nimmt zirkulär immer wieder einige Topoi auf, z.B.
- Gewissen.
Gewissen ist einerseits Loyalität zur Sowjetunion. Andererseits heißt es auch, im richtigen Moment zur Menschlichkeit zu stehen und vor Höherstehenden nicht zu kuschen.
- Schlaf.
Niemand bekommt genug Schlaf im Krieg. Und oft sind sie, wenn sie endlich dürfen, zu aufgewühlt, um zu schlafen. Vor allem für die Romanhelden ist geradezu Verachtung für den Schlaf typisch, den sie erst gegen Ende des Romans (und der Schlacht) bekommen.
Stalin wird regelrecht eingekreist: Serpilins Freund inhaftierter bzw. ermordeter Freund hat „etwas gesagt, was Stalin nicht passte“. Vorgesetzte von Serpilin kommen aus langen nächtlichen Besprechungen mit Stalin. Je weiter wir im Roman voranschreiten, umso häufiger sind Gespräche über Stalin, seinen Charakter, seine Kungelei mit Hitler, aber auch die Unfähigkeit der Personen, auszusprechen, was sie eigentlich wissen: Man kann Stalin eigentlich nur noch ertragen, weil sonst die Gefahr bestünde, dass Russland in die Hände Hitlers fällt. Und dann wird Serpilin wegen seines mutigen Bittbriefes zum Gespräch mit Stalin geladen. Dieses Kapitel ist wohl das mutigste des Buchs. Wir erleben mit Serpilin den russischen Führer mit all seiner Intelligenz, seines Charismas und seiner Menschenverachtung. Aber Simonow geht sogar noch einen Schritt weiter. Noch im selben Kapitel wechseln wir auf Stalins Perspektive, und jetzt muss jeder Leser wissen: Alles, was bisher nur Andeutung oder Vermutung über Stalin war, ist wahr. Was Serpilin herausschreien will: „Genosse Stalin, klären Sie das alles auf, geben Sie den Befehl dazu! Alles, von Anfang an!“, zeigt letztlich auf einen einzigen Mann: Stalin selbst. Zitat Stalin, als Serpilin erwähnt, dass er 1941 im Lager war: „Da hast du dir die passende Zeit zum Sitzen ausgesucht.“
Weiteres:
- Die Schieber sind Gesindel, aber Simonow weiß, das Wodka als Tauschware in Ordnung ist.
- Ein Leutnantsleben währt an der Front durchschnittlich neuen Tage.
- Getreiderequirierungen rechtfertigt er.
- Makarenko wird im Lager gerechtfertigt
- Das Elend im Gefangenenlager habe er noch nicht gesehen, obwohl er im Lager war?
- Halbdreckige Wodkagläser werden in Moskau mit Papier ausgewischt.
Trotz der Figurenliste am Anfang der deutschen Ausgabe des Buchs kann ich viele nicht auseinanderhalten. Iljin und Pikin und Ptizyn, Kolokolnikow und Kusmitsch, Sacharow und Sawaschilin. Das ist natürlich ein altbekanntes Problem, wenn Westeuropäer sich russischen Romanen nähern, aber Simonow macht es einem auch nicht leicht: Die positiven Figuren (und das sind die genannten alle) sprechen im Prinzip alle gleich. Tapfer, sachlich, kaum einer sagt mehr als nötig. Man macht keine unnötigen Worte. Umgekehrt sind die Schurken karikaturesker als bei Karl May angelegt. Ein komischer Typ stottert. Feige Typen sind überdies boshaft und boshafte Typen sind obendrein feige.
Für einen Kriegsroman gibt es erstaunlich wenig Kriegshandlungen. Wir sehen praktisch andauernd die unmenschlichen Konsequenzen. Und das ist Simonows Stärke.

Kommentare:

  1. Um ein vollständiges Bild der Machtverhältnisse im Kreml vor und während des Krieges, speziell auch der aussenpolitischen Konstellationen und der Beziehungen zwischen Stalin und dem Aussenministerium zu bekommen sollte man nicht versäumen, die grossartige Autobiografie von Iwan Maisky zu lesen http://www.chbeck.de/Gorodetsky-Maiski-Tagebuecher/productview.aspx?product=16028143

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  2. Simonow ist sicherlich kompetent was die Terror-Herrschaft unter Stalin nach Innen angeht. Obwohl dazu Solzhenitsyn sicherlich grössere Werke geleistet hat und vor allem mit grösserer Allgemeingültigkeit, weil es ja bei ihm im wesentlichen um ideologisches oder politisches "Abweichlertum" geht, was auch vor und nach dem Krieg immer zum Inkraftsetzen der Terror-Maschinerie führte. Bei Simonow geht es wohl vor allem darum, dass es auch innerhalb des Militärs eine ausgeprägtes ideologisches Überwachungssystem gab. Nur muss ich hier leider feststellen: Das ist halt immanent bei jeder Armee, oder kannst Du mir eine sagen, in der es so etwas wie demokratische Mitbestimmung, Pluralismus, Toleranz gibt ? Gerade im Kriegsfall ? Alle Armeen behalten sich ja das Recht vor, im Notfall hart gegen "Feigheit vor dem Feind", "Befehlsverweigerung" etc durchzugreifen. Schau Dir doch mal die US Armee an, was da Stanley Kubrick in "Full Metal Jacket" beschreibt.
    Ich befürchte, dass Simonow hier Dinge vermischt, die man besser separat darstellen sollte. Stalins Schreckensregime gerade an den Zuständen beim Militär belegen zu wollen halte ich für unpassend.
    Der Satz: "Stalins Mitschuld am Krieg durch den Kuschelkurs mit Hitler" entbehrt jedes historischen Masses. Da sollte man zuerst einmal die Rolle Chamberlains (Apeacement mit dem 3.Reich), Churchill (interessierte sich nur für die britischen Hoheitsgebiete im Nahen Osten, aber 0 für den europäischen Kriegsschauplatz), USA (wollten sich sowieso raushalten aus den europäischen Konflikten und pflegten statt dessen noch bis Ultimo beste Wirtschaftsbeziehungen) und Frankreichs (hatten ideolische Vorbehalte gegen ein Bündniss mit der Sowjetunion, mit dem Sozialismus). Am Ende hat der Westen der Sowjetunion bis zum Schluss klar gemacht, dass sie kein Bündniss wollten. Dann war es für mich völlig nachvollziehbar, dass Stalin 1939 als letzte Rettung für sein Land ein Bündniss mit Hitler sah. Du könntest ihm durchaus vorwerfen, dass er blauäugig auf Hitlers Vertragstreue gesetzt hat, und auch noch wenige Wochen vor Juni 1941 alle Hinweise auf einen bevorstehenden Angriff in den Wind schlug. Das ist alles richtig. Aber er hatte KEINE MITSCHULD am Krieg. Das zu behaupten ist purer Revisionismus (wie bei Hans Grimm oder Anneliese Ribbentrop).

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  3. Hallo!
    Erst mal willkommen zurück und vielen Dank für die beiden Kommentare. Zu deinen Punkten:
    1) Solschenizyn ist radikaler und deutlicher. Das ist klar. Ich finde ja Simonows Sicht gerade wegen seiner blinden Flecken auch interessant. Er stellt auch nicht die Rolle der Kommissare in Frage, sondern unterscheidet zwischen den Anständigen und den Schuften (Bastrjukow). Ob es in jeder Armee so zugehen muss, möchte ich bezweifeln. Es genügte ja ein halblaut geäußerter Zweifel an Stalin, um im Schtrafbat zu landen. Dazu kommt, dass Stalin die Soldaten und Partisanen regelrecht verheizt hat. Die Politik des "Ni schagu nasad" ist genauso irre wie Hitlers Befehle, irgendwelche Städte, wie auch Stalingrad, zu halten. Später wurde ja den Kommandeuren mehr Flexibilität zugestanden.
    2) Die Frage der Mitschuld Stalins werfe nicht ich auf, sondern Simonow selbst, was ich erschütternd empfand. Seine Helden (vor allem Serpilin) sind in großem Zweifel. Es bleibt bei diesen Reflexionen unklar, ob sie Stalin eine Mitschuld am Ausbruch des Kriegs geben oder ob sie der Meinung sind, der Krieg hätte nicht so verlaufen müssen. Hitler, so Simonow (oder seine Figuren), fühlte sich zu Recht sicher, als er Russland überfiel. Stalin hat es ihm zu einfach gemacht, und damit ist einerseits (wie du schon schriebst) das zu große Vertrauen Stalins in Hitler gemeint, aber noch viel mehr die Ermordung Tausender Offiziere in den 30er Jahren.
    Was die Appeasementpolitik betrifft, gebe ich dir übrigens ebenfalls Recht.

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